Betrachtung über Epheser (Synopsis)

Kapitel 2

Betrachtung über Epheser (Synopsis)

Im zweiten Kapitel wird mehr das Wirken der Kraft Gottes auf Erden vorgestellt, das zum Zweck hat, die Seelen zu dem Genuss ihrer himmlischen Vorrechte zu bringen und also die Versammlung hienieden zu bilden – weniger die Entfaltung dieser Vorrechte selbst und folglich die der Ratschlüsse Gottes. Von diesen Ratschlüssen ist hier nicht die Rede, sondern es handelt sich um die Gnade und Macht, die zu ihrer Erfüllung wirksam sind, indem die Seelen zu dem Ergebnis geführt werden, das diese Kraft jenen Ratschlüssen entsprechend hervorbringen will. Am Anfang unseres Briefes wird Christus nicht betrachtet als Gott, der aus dem Himmel herabgekommen und sündigen Menschen dargestellt worden ist, sondern als tot, d. h. als herabgestiegen bis zu dem Platze, wo wir infolge der Sünde waren, aber dann als vom Tode auferweckt durch göttliche Macht. Er ist für die Sünde gestorben; Gott hat Ihn aus den Toten auferweckt und zu Seiner Rechten gesetzt. Wir waren tot in unseren Vergehungen und Sünden: Gott hat uns mit dem Christus lebendig gemacht. Weil nun aber von der Erde und von der Wirkung der Macht und der Gnade auf der Erde die Rede ist, so spricht der Geist selbstverständlich von dem Zustand derer, in denen diese Gnade wirkt, also eigentlich von dem Zustand aller. Zugleich gab es in den irdischen Formen des Gottesdienstes, in den auf der Erde bestehenden religiösen Systemen, solche, die nahe, und solche, die fern waren. Wir haben nun gesehen, dass es sich in der vollkommenen Segnung, von der der Apostel spricht, um die Natur Gottes selbst handelt, und dass Gott im Blick auf diese Natur und in der Absicht, sie zu verherrlichen, Seine Ratschlüsse gefasst hat. Daher konnten äußere Formen, obwohl einige derselben zeitweilig durch Gottes eigene Autorität auf Erden eingeführt worden waren, keinen Wert haben. Sie hatten als Schatten der zukünftigen Dinge dazu gedient, die Wege Gottes darzustellen, und hatten mit der Entfaltung der Autorität Gottes auf der Erde unter den Menschen in Verbindung gestanden, indem sie eine gewisse Kenntnis von Gott aufrecht hielten. Sie waren deshalb an ihrem Platze wichtig genug; allein diese Bilder waren völlig außerstande, Seelen mit Gott in Verbindung zu bringen, so dass sie die ewige Offenbarung Seiner Natur hätten genießen können, mit Herzen, die durch die Gnade dazu befähigt waren, indem sie an dieser Natur teilhatten und sie widerspiegelten. In dieser Beziehung hatten die Bilder nicht den mindesten Wert; sie waren nicht die Offenbarung dieser ewigen Grundsätze. Aber die beiden Menschenklassen, Juden und Heiden, waren vorhanden, und der Apostel spricht von beiden. Die Gnade nimmt aus beiden Klassen Personen heraus, um einen Leib, einen neuen Menschen durch eine neue Schöpfung in Christo zu bilden.

In den beiden ersten Versen dieses Kapitels spricht der Apostel von Gläubigen, die aus den Nationen herzu gebracht waren, die Gott nicht kannten: Heiden, wie sie gewöhnlich genannt werden. Im dritten Verse spricht er von den Juden: „auch wir alle“, sagt er. Er geht hier nicht in die schrecklichen Einzelheiten ein, die wir in Röm 3 finden 1, weil es sein Zweck nicht ist, den einzelnen von der Sünde zu überführen, um ihm dann das Mittel zur Rechtfertigung zu zeigen, sondern die Ratschlüsse Gottes in Gnade vorzustellen. Er spricht deshalb hier von der Entfernung von Gott, in welcher der Mensch unter der Gewalt der Finsternis gefunden wird. Im Blick auf die Nationen redet er von dem Gesamtzustand der Welt. Der ganze Lauf der Welt, das ganze System entsprach dem Fürsten der Gewalt der Luft. Die Welt selbst stand unter der Herrschaft dessen, der da wirkt in den Herzen der Söhne des Ungehorsams, die sich im Eigenwillen der Regierung Gottes entzogen, wiewohl sie sich Seinem Gericht nicht entziehen konnten.

Die Juden besaßen äußere Vorrechte; sie standen nicht unmittelbar unter der Herrschaft des Fürsten dieser Welt, wie es der Fall war bei den Nationen. Sie waren nicht in Abgötterei und in die ganze Verderbnis jenes Systems versunken, in dem der Mensch sich ergötzte in den Ausschweifungen, in die ihn zu stürzen, seiner vermeintlichen Weisheit zum Spott, die Dämonen ihr Wohlgefallen hatten. Aber obwohl das so war, obwohl die Juden nicht, wie die Heiden, unter der Herrschaft der Dämonen standen, wurden sie doch in ihrer Natur von denselben Begierden getrieben, durch welche die bösen Geister auf die armen Heiden Einfluss ausübten. Die Juden führten, was die Begierden des Fleisches betrifft, dasselbe Leben wie die Nationen. Sie waren Kinder des Zorns wie auch die übrigen; denn das ist der Zustand der Menschen: sie sind von Natur Kinder des Zornes. Ihren äußeren Vorrechten nach waren die Israeliten das Volk Gottes; von Natur waren sie Menschen wie die übrigen. Beachten wir hier die Worte „von Natur“. Der Geist spricht hier nicht von einem von Seiten Gottes aus gesprochenen Urteil, noch von verübten Sünden, noch davon, dass Israel in seinen Beziehungen zu Gott gefehlt hatte, indem es in Abgötterei und Empörung gefallen war, noch endlich davon, dass es den Messias verworfen und sich somit aller Rettungsmittel beraubt hatte. Alles das war völlig von Israel geschehen, aber der Geist spricht nicht davon, auch nicht von einem bestimmten Urteil von Seiten Gottes über die Offenbarung der Sünde. Die Juden waren, wie alle Menschen, in ihrer Natur Kinder des Zornes. Dieser Zorn war die natürliche Folge des Zustandes, in dem sie sich befanden 2.

Der Mensch, wie er war, ob Jude oder Heide, und der Zorn gingen naturgemäß miteinander, wie es auch zwischen dem Guten und der Gerechtigkeit ein natürliches Band gibt. Nun, Gott ist in Seiner Natur über diesem allen erhaben, obwohl Er in richtender Weise von allem Kenntnis nimmt, was Seinem Willen und Seiner Herrlichkeit entgegen ist. Für die, welche den Zorn verdienen, kann Er reich sein an Barmherzigkeit; denn so ist Er in Sich Selbst. Deshalb stellt der Apostel Ihn hier dar, wie Er nach Seiner eigenen Natur mit den Gegenständen Seiner Gnade handelt. Wir waren tot, sagt der Apostel, tot in unseren Vergehungen und Sünden. Gott kam in Seiner Liebe, um uns durch Seine Macht zu erretten „Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, wegen seiner vielen Liebe, womit er uns geliebt hat“. Nichts Gutes regte sich in uns, wir waren geistlich tot; die Regung kam von Ihm, gepriesen sei Sein Name! Er hat uns lebendig gemacht. Aber nicht allein das; Er hat uns mit dem Christus lebendig gemacht. Der Apostel hatte nicht gerade gesagt, dass Christus lebendig gemacht worden sei, obwohl das gesagt werden kann, wenn von der Kraft des Geistes in Ihm die Rede ist. Er ist jedoch aus den Toten auferweckt worden, und wenn es sich um uns handelt, so wird uns gesagt, dass die ganze Kraft, durch welche Christus aus dem Tode hervorkam, auch angewandt worden ist, um uns lebendig zu machen; und nicht allein das, wir sind sogar, indem wir lebendig gemacht worden sind, mit Ihm vereinigt. Er kommt aus dem Tode hervor, und wir kommen mit Ihm hervor. Gott hat uns dieses Leben mitgeteilt. Es ist das Werk Seiner lauteren Gnade, einer Gnade, die uns errettet hat, die uns tot in Sünden fand und uns aus dem Tode herausbrachte, wie Christus aus dem Tode hervorgegangen ist, und zwar durch dieselbe Kraft; und Gott ließ uns daraus hervorgehen mit Ihm, durch die Kraft des Lebens in Auferstehung – mit Christo 3, um uns als eine neue Schöpfung in Sein Licht und in Seine Gunst zu bringen, so wie Christus Selbst Sich dort befindet. Juden und Heiden werden zusammen in derselben neuen Stellung in Christo gefunden. Die Auferstehung hat allen diesen Unterscheidungen ein Ende gemacht; sie finden keinen Raum in einem auferstandenen Christus. Gott hat beide, die einen wie die anderen, mit Christo lebendig gemacht.

Da nun Christus dies getan hat, so werden Juden und Heiden, ohne die Unterschiede, die der Tod zunichte gemacht hat, miteinander in dem auferweckten und zum Himmel aufgefahrenen Christus gefunden; und sie befinden sich zusammen in Ihm in einer neuen Stellung, die beiden gemeinsam ist, und die durch die Stellung Christi Selbst bezeichnet wird 4. Arme Sünder aus den Heiden und aus den ungehorsamen und widerspenstigen Juden sind in die Stellung gebracht, in der Christus Selbst Sich befindet, und zwar durch die Kraft, die Ihn aus den Toten auferweckt und zur Rechten Gottes gesetzt hat 5, damit Er in den kommenden Zeitaltern den überschwänglichen Reichtum der Gnade erwiese, die solches bewirkt hat. Eine Maria von Magdala, ein gekreuzigter Räuber und wir alle, die wir glauben, werden als Genossen des Sohnes Gottes in der Herrlichkeit Zeugnis ablegen von dieser wunderbaren Gnade. Durch Gnade sind wir errettet. Wir sind jetzt noch nicht in der Herrlichkeit; wir genießen alles durch Glauben. Will nun jemand sagen, dass doch wenigstens der Glaube von dem Menschen sei? Nein 6; unser Heil ist auch in dieser Beziehung nicht aus uns selbst. Alles ist die Gabe Gottes. „Nicht aus Werken, auf dass niemand sich rühme; denn wir sind sein Werk.“

In welch kraftvoller Weise stellt der Geist so Gott Selbst in den Vordergrund als die Quelle und den Bewirker des Ganzen, und zwar als den Einzigen! Es ist eine Schöpfung, aber als Sein Werk hat sie ein Ergebnis, das mit Seinem eigenen Charakter im Einklang steht. Nun, wir sind es, in denen dieses Werk vor sich geht. Gott nimmt arme Sünder auf, um Seine Herrlichkeit in ihnen zu entfalten. Und wenn es das Wirken Gottes ist, so muss es sicherlich gute Werke zur Folge haben; und deswegen lesen wir: „geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken“. Beachten wir hier auch, dass, wenn Gott uns zu guten Werken geschaffen hat, diese in ihrer Natur durch Ihn gekennzeichnet sein müssen, der in uns gewirkt hat, indem Er uns nach Seinen eigenen Gedanken schuf. Was uns hier dargestellt wird, ist nicht der Mensch, der sich bestrebt, in die Nähe Gottes zu kommen oder Ihn durch Werke zu befriedigen, die Ihm wohlgefällig sind nach dem Gesetz, dem Maßstab dessen, was der Mensch sein sollte; sondern es ist Gott, der uns aufnimmt in unseren Sünden, wenn nicht eine einzige sittliche Regung in unseren Herzen vorhanden ist („da ist nicht, der verständig sei; da ist nicht, der Gott suche“), und der uns völlig neu schafft zu Werken, die mit dieser neuen Schöpfung in Übereinstimmung stehen. Es ist eine ganz neue Stellung, in die wir, gemäß dieser neuen Schöpfung Gottes, gebracht sind – ein neuer Charakter, mit dem wir nach der Vorherbestimmung Gottes bekleidet sind. Auch die Werke sind zuvor bereitet, entsprechend dem Charakter, den wir durch diese neue Schöpfung angenommen haben. Alles ist vollkommen den Gedanken Gottes Selbst entsprechend; da ist keine Verpflichtung gemäß der alten Schöpfung 7. Alles ist die Frucht der Gedanken Gottes in der neuen Schöpfung. Das Gesetz verschwindet in Bezug auf uns, sogar bezüglich der Werke desselben, zugleich mit der Natur, zu der es gehörte. Wenn ein Mensch dem Gesetz gehorchte, so war er so, wie er dem ersten Adam entsprechend sein sollte; der Mensch in Christo aber muss wandeln gemäß dem himmlischen Leben des zweiten Adam, Seiner würdig, als des Hauptes einer neuen Schöpfung, da er mit Christo auferweckt und die Frucht der neuen Schöpfung ist – er muss Dessen würdig wandeln, der ihn eben hierzu bereitet hat (2. Kor 5,5).

Die Heidenchristen, die dieses unaussprechliche Vorrecht genossen, sollten sich daher (obwohl der Apostel das Judentum nicht als eine wahre Beschneidung anerkennt) stets daran erinnern, von woher sie gekommen waren; sie waren ohne Gott und ohne Hoffnung in der Welt gewesen, Fremdlinge betreffs der Verheißungen. Aber wie fern sie auch gewesen sein mochten, jetzt, in Christo, waren sie durch Sein Blut nahe gebracht worden. Er hatte die Zwischenwand abgebrochen, da Er das Gesetz der Gebote hinweg getan hatte, wodurch der Jude, der sich durch diese Satzungen von anderen unterschied, von den Heiden abgesondert war. Diese Satzungen hatten ihren Wirkungsbereich im Fleische. Aber weil Christus (der in Seinem Leben mit diesem allem in Verbindung stand) gestorben ist, hat Er die Feindschaft vernichtet, um Sich Selbst aus den zweien, Juden und Heiden, einen neuen Menschen zu schaffen. Die Heiden sind durch das Blut Christi nahe gebracht, die trennende Zwischenwand ist abgebrochen, um die beiden in einem Leibe mit Gott zu versöhnen; denn Er hat durch das Kreuz nicht nur Frieden gemacht, sondern auch durch die Gnade (die beiden gemeinsam war, und auf die der eine nicht mehr Anspruch machen konnte als der andere, weil sie der Sünde entgegenkam) die Feindschaft vernichtet, die bis dahin zwischen dem bevorzugten Juden und dem götzendienerischen, Gott fernen Heiden bestand.

Nachdem Christus Frieden gemacht hatte, verkündigte Er ihn zu diesem Zweck beiden, ob sie fern oder nahe waren. Denn durch Christum haben wir alle, ob Juden oder Heiden, den Zugang durch einen Geist zu dem Vater. Es ist nicht der Jehova der Juden, dessen Name nicht über die Heiden angerufen wurde; es ist der Vater der Christen, der durch Jesum Christum Erlösten, die angenommen sind, um einen Teil der Familie Gottes zu bilden. So ist man, obwohl aus den Nationen, nicht mehr ein Fremdling und ohne Bürgerrecht, sondern ein Mitbürger den Heiligen und ein Hausgenosse Gottes. So groß ist die Gnade.

Nachdem wir so Christo einverleibt sind, ist hinsichtlich dieser Welt dies unsere Stellung: Alle, Juden oder Heiden, die so in einem Leibe vereinigt sind, bilden die Versammlung auf der Erde. Die Apostel und Propheten (des Neuen Testaments) bilden die Grundlage des Baues, indem Christus Selbst Eckstein ist. In Ihm wächst der ganze Bau zu einem heiligen Tempel, worin auch die Heiden einen Platz haben und mit den anderen die Behausung Gottes auf der Erde bilden, in der Gott durch Seinen Geist gegenwärtig ist. Zunächst betrachtet der Apostel also das fortschreitende Werk, das auf der Grundlage der Apostel und Propheten aufgebaut wurde, die ganze Versammlung nach den Gedanken Gottes; dann redet er von der Vereinigung, die zwischen den Ephesern und anderen Heidenchristen und den Juden bestand, als solchen, die in jenem Augenblick die Behausung Gottes auf der Erde bildeten. Gott wohnt in ihr durch den Heiligen Geist.

Es ist äußerst wichtig in unseren Tagen, den Unterschied zu verstehen zwischen diesem fortschreitenden Bau, der erst dann vollendet sein wird, wenn alle Gläubigen, die den Leib Christi bilden sollen, herzu gebracht sind, und dem gegenwärtigen Tempel Gottes auf der Erde. In jenem ist Christus der Baumeister. Er führt den Bau ohne Fehl aus, und die Pforten des Hades können ihn nicht überwältigen. Dieser Bau ist noch nicht vollendet und wird auch vor seiner Vollendung nicht als ein Ganzes betrachtet. Daher finden wir in den Briefen, wenn sie hiervon reden, nie einen Baumeister. Wir lesen in 1. Pet 2,4+5: „Zu welchem kommend, als zu einem lebendigen Steine, werdet auch ihr selbst, als lebendige Steine, aufgebaut.“

Dasselbe finden wir hier im Epheserbrief: der Bau wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. Aber neben diesem noch nicht vollendeten Bau wird der gegenwärtig geoffenbarte, bekennende Körper als ein Ganzes auf der Erde betrachtet, und der Mensch ist der Bauende. „Gottes Bau seid ihr“ (1. Kor 3). „Ich habe als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ... ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.“ Hierbei ist der Mensch verantwortlich, und das Werk ist dem Gericht unterworfen. Dadurch, dass man diesem Bau die Vorrechte des Leibes Christi und dessen, was Christus baut, zugeschrieben hat, ist das Papsttum und alles, was damit verwandt ist, entstanden. Das verdorbene Ding, über welches das Gericht kommen muss, ist fälschlicherweise mit der Sicherheit der Arbeit Christi bekleidet worden. Hier in Epheser 2 wird nicht nur das fortschreitende und sicher angelegte Werk, sondern auch der gegenwärtige Bau zusammen als eine in ihrer Segnung vollendete Tatsache betrachtet, ohne Bezugnahme auf die Verantwortlichkeit des Menschen beim Bauen.

Fassen wir das Gesagte noch einmal kurz zusammen.

Das erste Kapitel unseres Briefes macht uns mit den Vorsätzen und Ratschlüssen Gottes bekannt; es beginnt mit den Beziehungen der Söhne zum Vater und stellt da, wo von der Wirksamkeit Gottes gesprochen wird, die Versammlung vor als den Leib Christi, der mit Ihm, dem Haupte über alles, vereinigt ist. Das zweite Kapitel spricht von dem Werke, das die Versammlung beruft und ihr hienieden durch die Gnade ihr Dasein gibt, und stellt uns diese Versammlung dar, einmal als wachsend zu einem heiligen Tempel und dann als die gegenwärtige Behausung Gottes hienieden im Geiste. Es redet zwar auch von dem Leibe (V. 16), allein die Einführung des Hauses ist ein neues Element und bedarf noch einiger Auseinandersetzungen. Obwohl das Werk, das vollbracht wird in der Erschaffung der Glieder, die den Leib bilden sollen, gänzlich von Gott ist, wird es doch auf der Erde vollbracht. Die Ratschlüsse Gottes haben zunächst die einzelnen im Auge, um sie in Seine Nähe zu bringen, so wie Er sie haben wollte; dann, nachdem Er Christum erhöht hat über jeden Namen in diesem und in dem zukünftigen Zeitalter, macht Er Ihn zum Haupt des Leibes, der aus einzelnen, mit Ihm im Himmel vereinigten Gliedern gebildet ist. Sie werden vollkommen sein, ihrem Haupte entsprechend. Aber das Werk auf der Erde sammelt die Wiedergeborenen auf der Erde. Das, was nun hienieden der Gegenwart Christi im Himmel entspricht, ist die Gegenwart des Heiligen Geistes auf der Erde. Der einzelne Gläubige ist sicher der Tempel Gottes, aber in diesem Kapitel ist die Rede von der Gesamtheit der Christen, d. i. von dem ganzen Leibe, der auf der Erde gebildet wird: sie werden zur Behausung, zum Wohnplatz Gottes auf der Erde. Eine wunderbare und erhabene Wahrheit! Ein unaussprechliches Vorrecht und eine Quelle unendlicher Segnungen, aber auch eine ebenso große Verantwortlichkeit!

Man wird bemerken, dass, wenn wir von dem Leibe Christi reden, wir an die Frucht des ewigen Vorsatzes und des Wirkens Gottes denken; und obwohl der Geist der Versammlung Gottes auf Erden diesen Namen beilegen mag, als bestehe sie aus nur wirklichen Gliedern Christi, ist dennoch der Leib Christi, wenn man ihn betrachtet als durch die lebendig machende Kraft Gottes Seinem ewigen Vorsatz entsprechend gebildet, aus Personen zusammengesetzt, die dem himmlischen Haupte als wahre Glieder ein verleibt sind. Das Haus Gottes, wie es jetzt auf der Erde errichtet ist, ist das Ergebnis eines Werkes Gottes, das hienieden Menschen anvertraut ist, nicht aber der eigentliche Gegenstand Seiner Ratschlüsse (obwohl die Stadt in der Offenbarung diesem Gesichtspunkt in einiger Hinsicht entspricht). Und als Werk Gottes betrachtet, ist es klar, dass dieses Haus aus denen besteht, die in Wahrheit von Gott berufen sind; so hat Gott dasselbe errichtet, und so wird es hier betrachtet (vgl. Apg 2,47). Aber wir müssen die praktischen Ergebnisse dieses Werkes, das in den Händen der Menschen liegt und unter ihrer Verantwortlichkeit ausgeführt wird (1. Kor 3), nicht mit dem Gegenstand der Ratschlüsse Gottes vermengen. Niemand kann ein wahres Glied Christi sein, noch ein wahrer Stein in dem Hause, ohne dass er wirklich mit dem Haupte vereinigt ist; aber das Haus kann, trotzdem falsche Steine in sein Gefüge gekommen sein mögen, den Wohnplatz Gottes bilden. Unmöglich aber kann jemand, der nicht aus Gott geboren ist, ein Glied des Leibes Christi sein.

Fußnoten

  • 1 lasst uns hier besonders beachten, dass in dem Epheserbrief der Geist nicht das Leben des alten Menschen in der Sünde beschreibt. Gott und Sein Werk sind alles. Der Mensch wird als tot in seinen Sünden betrachtet; das, was hervorgebracht wird, ist daher ganz und gar von Gott, eine von Ihm bewirkte neue Schöpfung. Ein Mensch, der in der Sünde lebt, muss sterben, muss sich selbst verurteilen, muss Buße tun, muss durch die Gnade gereinigt werden; d. h. er wird betrachtet und behandelt als ein lebender Mensch. Hier dagegen ist der Mensch tot, ohne irgendwelche Regung geistlichen Lebens: Gott tut alles. Er macht lebendig und erweckt auf. Es ist, wie gesagt, eine neue Schöpfung.
  • 2 Der Glaube geht, wenn er durch das Wort unterrichtet ist, immer bis zu diesem Punkte zurück. Das Gericht bezieht sich auf Taten, die in dem Leibe ausgeübt worden sind. Wir waren aber tot in Sünden; da war keine Lebensregung des Herzens zu Gott hin. Wir, die Glaubenden, kommen nicht ins Gericht, sondern wir sind aus dem Tode in das Leben übergegangen (Joh 5).
  • 3 Es handelt sich hier um eine ganz neue Schöpfung, und der neue Stand, in den wir versetzt sind, wird einfach an und für sich betrachtet. In unserem alten Stande waren wir tot Gott gegenüber. Der Mensch wird hier nicht als in Sünden lebend und verantwortlich gesehen, sondern als völlig tot in ihnen und neu erschaffen. Daher hören wir in diesem Teil des Briefes nichts von Vergebung und Rechtfertigung. Der Mensch wird eben nicht als ein lebender, verantwortlicher Mensch betrachtet. Im Kolosserbrief sind wir mit Christo auferweckt, doch es wird uns auch gesagt, dass „Er uns alle Vergehungen vergeben habe“. Christus hat sie getragen, indem Er in den Tod hinabstieg. Hier, im Epheserbrief, haben wir auch den alten Menschen nicht, noch wird uns berichtet, wie der Tod über ihn gekommen ist, wenn auch sowohl der alte Mensch wie sein Wandel als Tatsachen anerkannt werden, obgleich nicht in Verbindung mit der Auferstehung. Dies finden wir im Kolosserbrief; und wenn dort gesagt wird, dass wir „tot in den Vergehungen“ waren, so wird hinzugefügt: „und in der Vorhaut des Fleisches“, denn dieses ist tot Gott gegenüber. Der Römerbrief betrachtet den verantwortlichen Menschen in der Welt; daher finden wir dort in ausführlicher Weise Rechtfertigung und dass wir der Sünde gestorben sind, nicht aber Auferweckung mit Christo. Der Mensch ist dort ein lebender Mensch, obwohl gerechtfertigt, und lebendig gemacht in Christo.
  • 4 Es handelt sich hier nicht nur um Mitteilung des Lebens (das wird uns im Römerbrief vorgestellt), sondern um einen ganz neuen Platz, einen neuen Standpunkt, den wir eingenommen haben, da das Leben den Charakter der Auferstehung aus einem Zustand des Todes in Sünden hat. Auch werden wir hier nicht betrachtet als lebendig gemacht durch Christum, sondern als lebendig gemacht mit Ihm. Er ist der auferweckte und verherrlichte Mensch.
  • 5 Im Kolosserbrief werden die Heiligen nur betrachtet als auferstanden mit Christo, mit einer Hoffnung, die ihnen aufbewahrt wird in den Himmeln, und sie werden aufgefordert, ihr Herz auf das zu richten, was droben ist, wo Christus und ihr Leben mit Ihm verborgen sind. Zudem ist ihre Auferweckung mit Christo nur eine für diese Welt auf sie angewandte, in der Taufe dargestellte Sache, die in Verbindung steht mit dem Glauben an die Kraft, die Christum auferweckt hat. Von einer Vereinigung von Juden und Heiden in Ihm als Dem, der auferweckt und in die himmlischen Örter versetzt ist, ist gar keine Rede. Im Kolosserbrief stehen tatsächlich nur die Heiden vor dem Blick des Apostels.
  • 6 Ich weiß wohl, was die Kritiker hier hinsichtlich des Geschlechts des Wortes „Glaube“ zu sagen haben; aber dasselbe gilt auch in Bezug auf das Wort „Gnade“. Es würde jedoch sinnlos sein, zu sagen: „Durch die Gnade seid ihr errettet und das nicht aus euch“; denn wenn es heißt: „durch Gnade“. so wird niemand daran denken, dass es aus uns sei; wohl aber kann ein solcher Gedanke aufkommen, wenn es heißt: „durch Glauben“, weil der Glaube etwas in uns ist; und deshalb fügt der Geist Gottes hinzu: „und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es“. Das heißt: Das Glauben ist Gottes Gabe, es ist nicht aus uns. Dies wird auch durch das Nachfolgende bestätigt: „nicht aus Werken“. Der Zweck des Apostels ist, zu zeigen, dass alles aus Gnade und von Gott ist, Gottes Werk, eine neue Schöpfung. Insoweit gehen Gnade und Glauben und alles zusammen.
  • 7 Nicht als ob Gott die Beziehungen, die Er ursprünglich geschaffen hat, nicht anerkennte; Er tut das durchaus, wenn wir in diesen Beziehungen stehen. Doch der Maßstab der neuen Schöpfung ist eine andere Sache.
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