Einführender Vortrag zum Epheserbrief

Kapitel 5

Einführender Vortrag zum Epheserbrief

Es folgt indessen noch mehr. Die Vergebung des Unrechts anderer ist nicht genug für einen Christen. Zweifellos bedeutet auch diese Selbstaufgabe und ist daher eine Frucht der göttlichen Gnade. Im Epheserbrief kann Gott jedoch nichts anderes fordern, als dass wir seine Wege nachahmen, wie sie in Christus aufgeleuchtet sind. Er selbst ist der Maßstab für den Wandel des neuen Menschen; und dessen Enthüllung ist Christus. Nichts Geringeres könnte genügen. Was hat Gott getan? Er hat dir in Christus vergeben; und du bist berufen, dasselbe zu tun. Aber war das alles? Gab es nicht eine positive Liebe, die alles Vergeben überstieg? Und was ist die Offenbarung der Liebe? Nicht das Gesetz, sondern Christus! „Seid nun Nachahmer Gottes, als geliebte Kinder, und wandelt in Liebe, gleichwie auch der Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch“ (V. 1–2).

Erscheint dir diese Hingabe zu groß, ja, unmöglich? Keineswegs! Nehmen wir eine Bibelstelle im 2. Korintherbrief (8, 5), welche vor kurzer Zeit vor uns stand! 1 „Und nicht wie wir hofften, sondern sie gaben sich selbst zuerst dem Herrn und uns durch Gottes Willen.“  Wie gesegnet sind das Wesen und die Quelle des christlichen Dienstes! Denke dir: Sie gaben sich selbst zuerst dem Herrn und danach uns nach dem Willen Gottes! Genau dies ist die Antwort auf die Gnade Gottes in Christus. Auch kann es keinen vollen christlichen Dienst geben, außer wenn er diesem Muster entspricht und in dieser Kraft geschieht. In Christus war natürlich alles absolut vollkommen. Er gab sich selbst für uns. Das war indessen nicht genug. Er hätte sich selbst aus Mitleid mit uns noch so sehr hingeben können, dieses wäre jedoch nicht vollkommen gewesen, wenn nicht gälte, dass Er „sich selbst für uns hingegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch.“  Und so muss folglich alles, was für Gott annehmbar ist, sich in dieser Form zeigen. „Hurerei aber und alle Unreinigkeit oder Habsucht werde nicht einmal unter euch genannt, gleichwie es Heiligen geziemt; auch Schändlichkeit und albernes Geschwätz [auch leichtfertiges Reden entehrt einen Christen, da es Christus widerspricht] oder Witzelei, welche sich nicht geziemen, sondern vielmehr Danksagung. Denn dieses wisset und erkennet ihr, daß kein Hurer oder Unreiner oder Habsüchtiger, (welcher ein Götzendiener ist) ein Erbteil hat in dem Reiche Christi und Gottes“ (V. 3–5).

Es gibt nämlich noch andere Wesenszüge. Gott ist nicht nur Liebe, sondern auch Licht. Da dieser Brief uns offenbart, wie vollständig Gott uns mit Christus entsprechend seiner eigenen Natur verbindet, so wird uns zuerst das Vorrecht der Liebe enthüllt, so wie Er uns in Christus liebt. Aber jetzt zeigt der Brief, dass wir „Licht in dem Herrn“  gemacht worden sind. Es wird hingegen nicht gesagt, dass wir Liebe sind. Das wäre zu stark, ja, sogar falsch. Die Liebe ist Gottes Natur; und sie ist ein göttliches Privileg, das ausschließlich Ihm zusteht. Seine Handlungsweisen benötigen keinen Beweggrund oder einen Anlass, der nicht in Ihm selbst liegt. Das kann für uns unmöglich gelten. Wir benötigen sowohl einen Beweggrund als auch einen Gegenstand. Folglich kann von uns nicht gesagt werden, dass wir Liebe sind; denn nicht wir, sondern ausschließlich Gott handelt aus sich selbst heraus, genauso wie für sich selbst. Unmöglich könnte ein Geschöpf solche Eigenschaften haben oder so handeln. Darum wird von einem Geschöpf niemals gesagt, dass es Liebe sei. In der neuen Natur gibt es hingegen Liebe göttlicher Art. Von dieser Natur wird gesagt, dass sie Licht sei, denn Letzteres ist unerlässlich für die neue Natur. Unmöglich kann die neue Natur Sünde billigen. Schon ihr Wesen bedeutet Abweisung und Entlarvung dessen, was Gott widerspricht. Sie reagiert empfindlich auf Sünde, deckt diese auf und verabscheut sie ganz und gar. Daher wird gesagt, dass wir „Licht in dem Herrn“  sind; und wir müssen die Dinge des Todes von uns abschütteln, welche das Licht dämpfen und behindern. Dann gibt Christus uns mehr Licht; denn das Wort sagt: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und der Christus wird dir leuchten!“ (V. 14). So wie wir früher im Zusammenhang mit dem Wandel, der Hass und Ärger und Ähnliches ausschloss, vor einem Betrüben des Geistes Gottes gewarnt wurden, so wird auch hier die Kraft des Heiligen Geistes vorgestellt. Wir lesen jetzt indessen nicht einfach: „Betrübet nicht den Heiligen Geist!“  Der Apostel geht weiter und sagt: „Werdet mit dem Geiste erfüllt!“ (V. 18). „Berauschet euch nicht mit Wein, in welchem Ausschweifung ist, sondern werdet mit dem Geiste erfüllt, redend zueinander in Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern, singend und spielend dem Herrn in eurem Herzen.“

Und ist das alles? Nein! Wir sahen die volle Entfaltung der Liebe Gottes und die Antwort darauf in den Heiligen hienieden in ihrer Natur und ihren Wegen, welche die neue Natur offenbaren. Wir haben aber außerdem noch irdische Beziehungen. Daher finden wir nun, wie Gott sich selbst in allen unseren Verhältnissen offenbart. Paulus zeigt uns, dass diese dazu da sind, uns die Gelegenheit zu geben, Gott durch die guten Werke, welche von Ihm zuvor bereitet sind (vgl. Eph 2,10), zu verherrlichen. So stellt er die bedeutendsten von diesen irdischen Beziehungen, nämlich zuerst Frauen und ihre Ehemänner, danach Kinder und ihre Eltern und zuletzt Knechte und Herren, vor uns.

Durchgehend haben wir hier also – und zwar vor allem in der ersten Beziehung – ein Verweben der Pflicht mit der Entfaltung der Gnade Gottes. „Gleichwie auch der Christus die Versammlung geliebt ... hat“ (V. 25). Das ist weder unumschränkte Liebe, noch ruhige Liebe, die sich selbst genügt. Die unumschränkte Liebe bestand darin, dass Gott uns in Christus vergab. Es gibt eine Liebe, die sich selbst genügt, indem wir lieben sollen entsprechend jener Liebe, mit der wir selbst geliebt werden und wie sie sich in der grenzenlose Liebe Christi zeigt. Jetzt handelt es sich um die genauso wesentliche Liebe, die zu einer Beziehung gehört; und erneut erscheint Christus vor uns, der das Muster und die Vollkommenheit der Gnade in jeder Hinsicht ist. „Ihr Männer, liebet eure Weiber, gleichwie auch der Christus die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, auf daß er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort, auf daß er die Versammlung sich selbst verherrlicht darstellte.“ Blicke in diese Offenbarung seiner Liebe hinein! Wie steht alles mit Christus in Verbindung! Er gab sich selbst für uns. Weshalb? „Auf daß er die Versammlung sich selbst [nicht einfach dem Vater, sondern sich selbst] verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern daß sie heilig und tadellos sei“ (V. 27). Doch mehr als das! „Denn niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er nährt und pflegt es, gleichwie auch der Christus die Versammlung“ (V. 29). Überall wird Christus Jesus mit jedem Teil der Wahrheit zusammengesehen. Er ist der Anfang; Er ist das Ende; Ihn findet man auch in der Zwischenzeit. Er gab sich selbst am Anfang; und Er stellt die Versammlung sich selbst am Ende dar. Inzwischen sorgt Er in zarter Weise für die Kirche. „Wer sein Weib liebt, liebt sich selbst ... Denn wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleische und von seinen Gebeinen.“ „Dieses Geheimnis ist groß“, fügt Paulus zum Schluss hinzu, „ich aber sage es in Bezug auf Christum und auf die Versammlung“ (V. 32).

Fußnoten

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