Vorträge zum Matthäusevangelium

Kapitel 25

„Alsdann wird das Reich der Himmel gleich geworden sein zehn Jungfrauen.“ (V. 1). Wir werfen hier einen allgemeinen Blick auf jene, die den Namen Christi tragen. Der Ausdruck „Reich der Himmel“ spricht von einer bestimmten Haushaltung zu einem besonderen Zeitpunkt. „Alsdann wird das Reich der Himmel gleich geworden sein zehn Jungfrauen, welche ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam entgegen.“ „Ihre Lampen“ sprechen vom Licht des Bekenntnisses. Sie waren Zeugen des Herrn und berufen, dem Bräutigam zu begegnen. Das sollte von Anfang an die geistliche Einstellung eines Christen sein, nämlich dem Bräutigam entgegen zu gehen. Das Christentum besagt nicht, daß ihre Bekenner da bleiben sollen, wo sie sind, um Christus zu erwarten, sondern daß sie alles hinter sich lassen und ausgehen, dem Bräutigam entgegen. Einige der ersten Gläubigen waren Juden und einige spätere Heiden. Sie verließen jedoch um Christi willen ihre früheren Verbindungen, ihre Stellung in der Welt und alles, was sie bis dahin wertgeschätzt hatten. Sie besaßen einen neuen Gegenstand für ihr Herz, der alles ausfüllte und ihnen völlig genügte. Sie wußten, daß der einzige Gesegnete in den Augen Gottes ihr Heiland war, warteten auf Ihn, Der sich im Himmel befindet, und gingen Ihm entgegen, weil Er verheißen hatte, wiederzukommen. Das ist die wahre Erwartung eines Christen. Er sollte nicht irgendwelche Daten berechnen, sondern mit einer sicheren Hoffnung auf das Kommen des Herrn warten – wir wissen nicht wie bald. Je stärker eine solche Hoffnung in unseren Herzen wirkt, desto vollständiger werden wir von den Plänen und Unternehmungen dieser Welt abgesondert sein.

„Fünf aber von ihnen waren klug und fünf töricht.“ (V. 2). Das Reich der Himmel wird zu einem Gegenstand des Bekenntnisses. Ähnlich dem Beispiel von den Knechten, wo wir von einem bösen und einem treuen Knecht lasen, finden wir hier fünf kluge und fünf törichte Jungfrauen. Als die Törichten ihre Lampen nahmen, vergaßen sie das Öl. Sie hatten zwar die Lampe des Bekenntnisses, aber kein Öl. Einige Ausleger sehen in ihnen Christen, die nicht nach dem Kommen des Herrn Ausschau halten. Ich halte diesen Gedanken für falsch; denn die Törichten bewiesen ihre Torheit, indem sie Lampen ohne Öl mitnahmen. Worauf weist das hin? Öl ist ein Bild des Geistes Gottes. So lesen wir in 1. Johannes 2, 20 von der Salbung des Heiligen Geistes. Möchte jemand behaupten, daß es wirkliche Christen gibt, die diese „Salbung“ nicht haben? Die klugen Jungfrauen symbolisieren die Gläubigen, die törichten bloße Bekenner. Letztere bekannten den Namen des Herrn; doch nichts in ihnen machte sie für die Gegenwart Christi passend. Nur in der Kraft des Heiligen Geistes können wir uns an Christus erfreuen. Die menschliche Natur kann zwar Christus bewundern – allerdings nur aus einiger Entfernung und ohne ein erwecktes oder gereinigtes Gewissen. Zwischen dem Herzen des Menschen und Christus gibt es keine lebendige Verbindung; darum kreuzigte der Mensch Ihn. Indem diese törichten Jungfrauen kein Öl in ihren Lampen hatten, zeigten sie, daß sie nichts besaßen, um Christus willkommen zu heißen. Allein der Heilige Geist befähigt einen Menschen, das Bekenntnis Seines Namens festzuhalten und Sein Werk zu tun. Öl erhält Lampen brennend; aber diese törichten Jungfrauen hatten keins.

„Die Klugen aber nahmen Öl in ihren Gefäßen mit ihren Lampen. Als aber der Bräutigam verzog, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.“ (V. 4–5). Tatsächlich verloren alle die Hoffnung des Kommens Christi aus den Augen; darin bestand kein Unterschied. Es gab wahre und falsche Christen; doch in dieser Hinsicht schliefen alle. Während die ursprüngliche Berufung der Christen darin bestand, vereinigt durch den Heiligen Geist auf die Rückkehr Christi zu warten, folgte bald ein allgemeiner Schlaf in Bezug auf die Erwartung Christi. Der Herr fügt jedoch hinzu: „Um Mitternacht aber entstand ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam! Gehet aus, ihm entgegen!“ (V. 6). Dieses Geschrei bewirkte offensichtlich der Heilige Geist. Die Macht und Gnade Gottes weckte diesen Ruf durch Mittel, die Er dafür geeignet hielt. Es wird uns nicht gesagt, wie dies geschah. Die Worte offenbaren eine allgemeine Bewegung unter den christlichen Bekennern, nämlich die Wiederbelebung der Wahrheit von dem Kommen des Herrn. „Da standen alle jene Jungfrauen auf und schmückten ihre Lampen.“ (V. 7). Das Geschrei wirkte sogar bei solchen, in denen der Heilige Geist nicht wohnte.

Jetzt zeigte sich allerdings der große Unterschied. „Die Törichten aber sprachen zu den Klugen: Gebet uns von eurem Öl, denn unsere Lampen erlöschen.“ (V. 8). Sie hatten ihre Dochte angezündet; aber da war kein Öl. Das Licht der natürlichen Kraft zündet sofort und brennt schnell; darin wirkt jedoch nicht der Heilige Geist – sie hatten niemals Öl besessen. „Die Klugen aber antworteten und sagten: Nicht also, damit es nicht etwa für uns und euch nicht ausreiche; gehet lieber hin zu den Verkäufern und kaufet für euch selbst.“ (V. 9). Ich brauche wohl kaum darauf hinzuweisen, unter welchen Bedingungen Gott verkauft und der Mensch kaufen kann. Die Gabe des Heiligen Geistes erhält man „ohne Geld und ohne Kaufpreis.“ (Jesaja 55, 1). Hier geht es um das große Thema, daß in dieser Hinsicht jede Seele persönlich es mit Gott zu tun haben muß. Der Gläubige hört auf Gott und beugt sich Ihm in dieser Welt; der Ungläubige wird in der zukünftigen Welt vor Gott zittern. Die Gnade drängt die Seelen, hereinzukommen und mit Gott in dieser Welt Beziehungen aufzunehmen. Wenn ich mich jedoch hienieden weigere, wegen meiner Sünden vor Gott zu treten, dann bin ich für immer verloren. Jetzt ist der Tag des Heils. Es ist eine Verführung des Teufels, die Bekehrung auf eine gelegenere Zeit zu verschieben. Wenn ich wegen meiner Sünden und weil ich glaube, daß Jesus der Heiland ist, zu Gott gehe, finde ich Jesus, den Sohn Gottes. Gleichzeitig empfange ich auch den Heiligen Geist, durch den ich befähigt werde, mich des Heilands zu erfreuen. Die Klugen besaßen dieses Öl und konnten das Kommen des Herrn in Frieden erwarten. Die Törichten kannten Seine Gnade nicht. Und zu wem gehen sie? Jedenfalls nicht zu Dem, der ohne Geld und Kaufpreis verkauft! „Als sie aber hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam, und die bereit waren, gingen mit ihm ein zur Hochzeit; und die Tür ward verschlossen.“ (V. 10).

Später sehen wir in dem traurigen Bild, wie die törichten Jungfrauen kommen und sagen: „Herr, Herr, tue uns auf! Er aber antwortete und sprach: Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht. So wachet nun, denn ihr wisset weder den Tag noch die Stunde.“ (V. 11–13). (. . .)1

Danach folgt ein weiteres Gleichnis. „Denn gleichwie ein Mensch, der außer Landes reiste, seine eigenen Knechte rief und ihnen seine Habe übergab: und einem gab er fünf Talente, einem anderen zwei, einem anderen eins, einem jeden nach seiner eigenen Fähigkeit; und alsbald reiste er außer Landes.“ (V. 14–15). Hier wird unser Herr vorgestellt, wie Er diese Welt verläßt und in ein fernes Land reist. Diese Schilderung ist sehr bemerkenswert. Im Matthäusevangelium wird Sein Heim auf dieser Erde gesehen, weil Er der Messias ist, Der zu den Seinigen kam, auch wenn diese Ihn nicht aufnahmen. Als der verworfene Messias verließ Er Seine Heimat und ging – Er, der leidende und doch verherrlichte Sohn des Menschen – in ein fernes Land, welches eindeutig vom Himmel spricht. Während Er sich dort aufhält, hat Er Seinen Knechten auf der Erde etliche Seiner Güter anvertraut; mit diesen sollen sie arbeiten. „Der die fünf Talente empfangen hatte, ging aber hin und handelte mit denselben und gewann andere fünf Talente.“ (V. 16).

Das ist eine weitere Art des Dienstes. Hier geht es nicht um die Arbeit im Haushalt und die Versorgung des Gesindes mit Speise zur rechten Zeit, sondern um Handel. Der Knecht soll hinaus zu anderen Menschen gehen. Auch dies ist ein Kennzeichen des Christentums. Im Judentum schickte der Herr Seine Knechte nicht hierhin und dorthin, um Seelen zu gewinnen. Erst als der Herr Jesus diese Welt verließ und in den Himmel ging, sandte Er sie auf diese Weise aus. Er überließ ihnen Seine Habe, um damit zu handeln. Das ist die Tätigkeit der Gnade, die hinausgeht, um Sünder zu suchen und das Zeugnis der Wahrheit Gottes unter den Erlösten zu verbreiten. Zu diesem Werk hat unser Herr uns entsprechend unseren jeweiligen Fähigkeiten berufen. Der Charakter der Gabe, die uns zur Verfügung steht, ist nach der Weisheit des Gebers dem Gefäß und unserer Aufgabe angepaßt. Gott wirkt in Seiner Souveränität; aber alles ist weise geordnet. Wie könnte es anders sein, wenn wir sehen, daß es der Herr ist, Der beruft?

Auch hierin hat die Christenheit völlig versagt. Falls heutzutage jemand hinginge, um zu predigen oder zu lehren ohne menschliche Genehmigung, würden viele das als Anmaßung, ja, sogar als Vermessenheit, betrachten. Dabei ist es eine eindeutige Sünde gegen Christus, wenn ich mir die Autorität zum Predigen von den Groß- oder Freikirchen geben lasse. Jede Ernennung durch Menschen für eine solche Aufgabe geschieht ohne irgendeine Befugnis dazu und widerspricht den Gedanken Christi. Folglich befinden sich jene, deren Aussendung man als irregulär ansieht, in Wirklichkeit auf dem demütigen Pfad des Gehorsams. Sie werden ihre Rechtfertigung an jenem großen Tag empfangen. Die Berufung findet ausschließlich zwischen Christus und Seinen Knechten statt. Er gibt dem einen eine Gabe als Prophet, einem anderen als Evangelist, wieder einem anderen als Hirte oder Lehrer. (Epheser 4, 11). Die Knechte müssen zwei Voraussetzungen erfüllen; und beide sind wichtig. Der Herr gibt ihnen Gaben – doch nach ihren Fähigkeiten. Der Herr beruft niemand in Seinen Dienst, der nicht das Geschick für seine Aufgabe hat. Der Knecht muß neben der Kraft des Heiligen Geistes gewisse natürliche oder erworbene Befähigungen haben. Der Herr gab ihnen Talente – dem einen fünf, dem anderen zwei und einem weiteren eins. Darin sehen wir die Wirksamkeit des Heiligen Geistes – die Kraft, welche der Herr aus der Höhe darreicht und welche Seine Wahl eines jeden Menschen „nach seiner eigenen Fähigkeit“ kontrolliert und beherrscht.

Aus dieser Bibelstelle geht klar hervor, daß ein Knecht gewisse Eigenschaften haben muß unabhängig von der Gabe, die der Herr in ihn hineinlegt. Seine natürlichen Fähigkeiten sind das Gefäß, das die Gabe enthält und in dem die Gabe ausgeübt werden muß. Falls der Herr einen Mann zum Prediger beruft, dann müssen wir in ihm eine natürliche Fähigkeit zu dieser Tätigkeit voraussetzen. Allerdings kann die Gabe wachsen. Zunächst einmal besitzt dieser Mann eine gewisse Befähigung vor und nach seiner Bekehrung. Zweitens gibt ihm der Herr eine Gabe, die er vorher nicht besessen hat; und drittens verkümmert die Gabe oder erlischt sogar, wenn sie nicht angefacht wird. Ein Knecht kann untreu werden und seine Kraft verlieren. Wenn er hingegen auf den Herrn wartet, wird die Kraft in ihm vergrößert. Viele Gläubige denken, daß die einzige Qualifikation eines Knechtes Gottes der Besitz des Heiligen Geistes sei. Dieser ist natürlich notwendig und äußerst gesegnet; aber er ist nicht alles. Die göttliche Wahrheit sagt, daß Christus Gaben gibt, allerdings entsprechend den Fähigkeiten der betreffenden Person. Die Zusammengehörigkeit dieser beiden Voraussetzungen – nämlich die Fähigkeit des Knechtes und die souverän mitgeteilte Gabe, um mit ihr zu handeln – muß unbedingt im Auge behalten werden.

Laßt uns jedoch weitergehen! „Nach langer Zeit aber kommt der Herr jener Knechte und hält Rechung mit ihnen. Und es trat herzu, der die fünf Talente empfangen hatte, und brachte andere fünf Talente und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir übergeben, siehe, andere fünf Talente habe ich zu denselben gewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Wohl, du guter und treuer Knecht!“ (V. 19–21). In Kapitel 24 war es der „treue und kluge Knecht“; hier ist es der „gute und treue Knecht“. Beide werden treu genannt. Wenn es sich um das Gesinde handelt, wird Klugheit benötigt. Zur Ausübung einer Gabe außerhalb des Hauses muß ein Knecht gut sein. Was ist damit gemeint? Was ist die Quelle aller Gnade in einem Knecht des Herrn? Die Wertschätzung der Gutheit2 Gottes. Dies zeigt sich in der Gegenüberstellung zum faulen Knecht. Auch ein unbekehrter Mensch kann vom Herrn eine Gabe empfangen haben.

Der träge Knecht hatte sicherlich niemals Leben aus Gott empfangen. Den Beweis dafür erkennen wir darin, daß Er nicht an die Güte des Herrn glaubte. Er vertraute nicht auf die Gnade, die in Christus Jesus ist. Ich muß ein göttliches Wissen von meinen Sünden haben. Mein Verabscheuen der Sünde kann nicht tief genug sein. Doch deshalb sollte ich keineswegs die Gnade Gottes begrenzen oder anzweifeln. „Wo aber die Sünde überströmend geworden, ist die Gnade noch überschwenglicher geworden.“ (Römer 5, 20). Und was am Anfang des christlichen Weges galt, bleibt über seinen ganzen Verlauf bestehen. Ich mag ein Faulpelz werden, enttäuscht sein oder durch die Umstände gehemmt – welches Versagen auch immer auf meiner Seite oder welches Unrecht auf seiten anderer vorliegen mag – alles dies ist kein hinreichender Grund, das Vertrauen auf Christus aufzugeben. Es gibt keine Versuchung, durch welche Er nicht einen größeren Segen mitteilen könnte, als ohne diese. Wenn die Dinge gut stehen, dann können wir leicht auf Ihn vertrauen. Falls sie jedoch jämmerlich sind – sollten wir dann sagen: „Es gibt keine Hoffnung!“? Niemals! Der Herr sagt uns: „Überwinde das Böse mit dem Guten.“ (Römer 12, 21). Handelt nicht auch unser Herr nach diesem Grundsatz? Besteht Er nicht darauf, daß es in Ihm genug Gnade gibt, um jedem Fall zu begegnen, sei er noch so schlecht? Das Geheimnis der Kraft liegt im Festhalten der Seele an Seiner Gnade.

Der böse Knecht offenbarte eine genau entgegengesetzte Geisteshaltung und verriet dadurch, wer er war. Er sagte zum Heiland: „Herr, ich kannte dich, daß du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich und ging hin und verbarg dein Talent in der Erde; siehe, da hast du das Deinige. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Böser und fauler Knecht! du wußtest, daß ich ernte, wo ich nicht gesät, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe?“ (V. 24–26). Christus begegnete ihm auf seinem eigenen Boden; denn gegen den Widerspenstigen zeigt Er sich widerspenstig. (2. Samuel 22, 27). Wenn der Knecht Ihn als hart beurteilt, sagt der Herr zu ihm: „Gut; dann hättest du schon aufgrund dieser Einschätzung meiner Person anders handeln müssen, als du gehandelt hast. Warum hast du nicht den besten Gebrauch von dem gemacht, was ich dir gegeben habe? „So solltest du nun mein Geld den Wechslern gegeben haben, und wenn ich kam, hätte ich das Meine mit Zinsen erhalten.““ Sogar im Licht seiner Selbstrechtfertigung hatte der Knecht völlig versagt; und so ist es immer.

Ein Mensch, der von der Gerechtigkeit Gottes spricht, kann nicht einen Augenblick lang vor ihr bestehen. Andererseits wird derjenige, der sich demütig auf die Gnade Gottes verläßt, auf einem Weg der Besonnenheit, Gerechtigkeit und Frömmigkeit in dieser bösen Welt gefunden. Ein Leugner der Güte Gottes ist immer ein böser Mensch. Der Herr möge geben, daß wir uns nicht selbst entschuldigen, sondern statt dessen empfinden und bekennen, daß Er voll Gnade und Wahrheit ist! Er kann nichts zulassen, was Seiner Natur widerspricht. In Ihm gibt es jedoch genug Gnade, um jeder Seele zu begegnen, die wegen ihrer Sünden zu Ihm kommt und sie voller Verlangen vor Gott ausbreitet, um davon befreit zu werden. Dieser Grundsatz gilt auch für unseren Dienst. Ob wir zwei oder fünf Talente empfangen haben – wenn wir sie für den Herrn benutzen, wird Er den Segen auf unsere Seelen zurückströmen und uns an dem kommenden Tag jene gesegneten Worte hören lassen: „Wohl, du guter und treuer Knecht! über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; gehe ein in die Freude deines Herrn.“ (V. 21. 23).

Wir kommen jetzt zu einem Gegenstand, der, wie ich befürchte, mit viel Voreingenommenheit – wahrscheinlich mit mehr als jeder andere Abschnitt im Wort Gottes – betrachtet wird. Der Inhalt dieser Verse wurde verdreht, und zwar, wie ich mit großem Kummer sagen muß, sogar von solchen, die den Heiland lieben, an den Wert Seines Blutes glauben und die allgemeine Glückseligkeit jener anerkennen, die dem Herrn angehören, und das gewisse Verderben der übrigen, die Ihn verachten. Über die grundlegenden Wahrheiten bei der Auslegung unseres Gegenstands, d. h. das Sitzen des Herrn auf Seinem Thron der Herrlichkeit, sind sich im Großen und Ganzen alle Christen einig. Wenden wir uns jedoch der Erklärung zu, welche Menschengruppen vor dem Herrn in dieser Szene versammelt werden und was das besondere Teil der Gesegneten sein wird, betreten wir nicht nur einen Bereich voller Ungewißheit, sondern auch unterschiedlicher Meinungen.

Die Wurzel der ganzen Schwierigkeit kann auf eine Ursache zurückgeführt werden, nämlich auf Angst. Diese steigt im Menschen, sogar in vielen Christen, auf, sobald sie in der Bibel Versen begegnen, die sich mit ihrem Los zu beschäftigen scheinen. Hinsichtlich ihrer Annahme bei Gott nicht vollkommen sicher, neigen sie gewöhnlich dazu, die Schrift zu verdrehen. Dadurch wollen sie einerseits dem ausweichen, was sie ängstigt, und andererseits Trost für ihre beunruhigten Seelen gewinnen. Der größte Teil der Kinder Gottes steht mehr oder weniger im Geist unter dem Gesetz; und jeder, der in einem derartigen Zustand sich selbst gegenüber ehrlich ist, muß unglücklich sein. Vergleichsweise wenige kennen die Fülle der Befreiung in Christus. Nur wenige wissen, daß sie dem Gesetz gestorben und mit einem anderen verheiratet sind, nämlich mit Dem, Der aus den Toten auferstanden ist. (Vergl. Römer 7, 1–6!). Vielleicht hören sie bestimmte Worte der Bibel und sagen sie sich oft vor. Dabei fühlen sie, daß diese etwas Gutes enthalten müssen. Doch die Reichtümer des Segens aus dem Bewußtsein, daß wir dem Gesetz gestorben und mit einem auferstandenen Heiland verbunden sind, erfassen sie nicht. Dies ist der Grund, warum viele das Wort Gottes nicht verstehen können. Sie erfreuen sich nicht in Frieden ihrer Stellung in Christus und sehnen sich nach dem, was sie trösten und ihnen Sicherheit geben könnte. Darum bemächtigen sie sich jeder Verheißung, ohne zu beachten, welche Personen Gott gerade vor Augen hat, und verweilen zu ausschließlich bei dem, was man die „Bundesgnade Gottes“ nennen könnte, ohne gewissenhaft Seine Ermahnungen und Warnungen zu beherzigen. Sie wünschen aus den Worten des Trostes in der Schrift einen festen Grund der Sicherheit für ihre Seelen zu finden.

Wenn also der Herr, wie hier, von gewissen Nationen als „Schafe“ spricht, denken sie, daß wir Christen gemeint seien, weil wir z. B. in Johannes 10 so genannt werden. Sie hören, daß jene „Gesegnete meines Vaters“ sind, und schließen daraus, daß es sich an dieser Stelle nur um unsere Hoffnung handeln könne. Außerdem wird von „Brüdern“ des Königs gesprochen. Wer könnten diese anders sein als wir Christen? Denn zweifellos sind wir alle Brüder; und Er schämt sich nicht, uns Brüder zu nennen. (Hebräer 2, 11). Bei dieser oberflächlichen Betrachtungsweise der Schrift wird diese völlig mißverstanden; und gerade der Trost, nach dem jene Gläubigen trachten, entzieht sich ihnen vollständig. Wo immer wir die Schärfe des Wortes Gottes ablenken und ohne Unterscheidungsvermögen das, was von Personen gesagt wird, einer völlig anderen Situation anpassen, entsteht ein großer Verlust. Die unumschränkte Gnade Gottes richtete es so ein, daß wir Christen das allerbeste Teil empfangen, das Er jemals zu vergeben hat. Wir dürfen daher die Ratschlüsse Gottes nicht vermischen, noch zu den Reichtümern Seiner Gnade etwas hinzufügen. Indem wir die Liebe kennen, die Gott in Christus zu uns hat, kennen wir das Beste, welches wir auf der Erde oder im Himmel finden können. Sobald wir diese Wahrheit ergreifen und sehen, wie großzügig wir gesegnet sind, verschwindet unser Streben, jedes gute Wort Gottes auf uns zu beziehen. Wir erkennen den unvergleichlich größeren Gegenstand vor Gott, nämlich Christus, und freuen uns, falls andere Gläubige in Einzelheiten gesegnet werden, die nicht unser Teil sind. Dies ist von großer praktischer Bedeutung. Wir sind dann so zufriedengestellt durch die Liebe Gottes gegen uns und durch das Teil, welches Er uns in Christus gegeben hat, daß wir in dem frohlocken, was Er nach Seinem Wohlgefallen anderen gibt. Sind wir nicht überzeugt, daß unser Vater uns nichts vorenthält, außer was unsere Segnung stört? Wenn wir dann dieses Gleichnis oder seine prophetische Darstellung lesen, sind wir in keinster Weise verwirrt, vergleichen es mit anderen Schriftstellen, erfahren, welche Personen der Herr im Auge hat, und untersuchen, was ihr Teil sein wird.

„Wenn aber der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen; und vor ihm werden versammelt werden alle Nationen, und er wird sie voneinander scheiden, gleichwie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.“ (V. 31–32). Hier sind genug Beweise, von welcher Zeit und welchen Umständen unser Herr spricht. Er nimmt Seinen eigenen Thron als Sohn des Menschen ein. Er versammelt vor sich alle Nationen. Wann wird dieses geschehen? Auf jeden Fall kann niemand an dieser Stelle die Meinung vertreten wollen, daß von der Vergangenheit gesprochen wird. Sogar in unserer Zeit sitzt der Herr Jesus nicht auf Seinem eigenen Thron. Als Er auf der Erde war, besaß Er überhaupt keinen. Nach Seiner Himmelfahrt setzte Er sich auf den Thron Seines Vaters, wie es in Offenbarung 3, 21 steht: „Wer überwindet, dem werde ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden und mich mit meinem Vater gesetzt habe auf seinen Thron.“ Nach der Vorhersage unserer Stelle muß der Herr zu ihrer Erfüllung den Thron Seines Vaters verlassen und Seinen eigenen eingenommen haben. Demnach spricht sie von der Zukunft. Jede Bibelstelle, die den gegenwärtigen Platz unseres Herrn beschreibt, weist nach, daß Er auf dem Thron Seines Vaters sitzt. Ebenso klar sagt die Schrift aber auch, daß Er auf Seinem eigenen Thron sitzen wird; und das sehen wir hier.

Alle Dinge im Himmel und auf der Erde werden unter die Herrschaft des Herrn Jesus gestellt werden. Er wird das Haupt aller Herrlichkeit sein, der himmlischen und der irdischen. Wovon spricht unser Bibelabschnitt? Werden irgendwelche Einzelheiten zur Umgebung des Throns erwähnt, welche die Beantwortung dieser Frage erlauben? „Vor ihm werden versammelt werden alle Nationen.“ Gibt es im Himmel Nationen? Eindeutig nicht! Wer könnte sich eine solche Ungeheuerlichkeit vorstellen? Wenn die Grenze überschritten wird, welche die sichtbaren von den unsichtbaren Dingen trennt, wird eine solch irdische Sichtweise nicht mehr die Anbetung dämpfen oder verwirren. Nach der Auferstehung aus den Toten wird niemand mehr als Engländer oder Franzose bekannt sein; nationale Unterschiede sind dann zu Ende. Ihr zukünftiges Los wird dadurch entschieden, ob sie Jesus in ihrem gegenwärtigen Leben angenommen oder abgelehnt haben. Dieser zukünftige Thron des Sohnes des Menschen steht folglich mit einem bestimmten Zeitpunkt auf der Erde in Verbindung. Je mehr jedes Wort erwogen wird, desto offensichtlicher wird diese Tatsache für jede unvoreingenommene Seele.

Falls wir unsere Verse mit einer der Auferstehungsszenen vergleichen, erkennen wir die Unterschiede. In Offenbarung 20, 11 lesen wir: „Ich sah einen großen weißen Thron und den, der darauf saß, vor dessen Angesicht die Erde entfloh und der Himmel, und keine Stätte wurde für sie gefunden.“ Über diesen Thron gibt es keine Fragen. Er kann nichts mit der Erde zu tun haben, wenn der Text selbst sagt, daß Himmel und Erde entflohen. Wir erkennen also sofort den eindeutigen Unterschied zwischen dem Matthäusevangelium und der Offenbarung. In letzterer erfahren wir, daß Himmel und Erde entfliehen. Im Evangelium wird uns klar gezeigt, daß der Herr Seinen Thron der Herrschaft auf der Erde und über die Menschen, die auf ihr leben, einnimmt. Er richtet hier nicht, nachdem Er das Königreich Gott übergeben hat, die Toten. Vor Ihm sind „alle Nationen“ versammelt. Dieser Ausdruck wird niemals auf die Toten oder Auferstandenen angewandt, sondern allein auf Menschen, die noch auf der Erde ihren Weg gehen. Tatsächlich bezieht er sich nur auf einen Teil der lebenden Menschheit, nämlich auf die Heiden im Unterschied zu den Juden. Diese sahen wir schon im 24. Kapitel. Jetzt erblicken wir die Nichtjuden. In den Versen dazwischen werden die Christen betrachtet.

So stellen wir eine vollkommene Ordnung in der Zusammenstellung dieser Prophetie auf dem Ölberg fest. Zuerst treten die Juden vor unsere Blicke, weil die Jünger damals Juden waren. Danach beschreiben die Gleichnisse vom Hausverwalter, den Jungfrauen und den Talenten die christliche Stellung, welche kurze Zeit später eingeführt wurde, nachdem Jerusalem den Heiligen Geist abgelehnt hatte. Ein letzter Abschnitt schließt alles ab. Weder Juden noch Christen, sondern „alle Nationen“ oder Heiden werden geschildert. Ihnen wird ebenfalls das Zeugnis vom Königreich gesandt. Der Heilige Geist wird unter ihnen wirken. Natürlich ist auch Satan nicht untätig. Er will nicht, daß sie aus der Finsternis in das wunderbare Licht Gottes gebracht werden.

In Offenbarung 20, 11 finden wir einen anderen Thron, der nicht mit der Erde in Verbindung steht, weil sie schon vorher entflohen ist. Im Matthäusevangelium sehen wir Nationen, welche an dieser Stelle der Offenbarung schon ausgelöscht sind. Vorher war Satan ausgegangen, die Nationen an den vier Ecken der Erde zu verführen. Daraufhin kam Feuer aus dem Himmel von Gott und verschlang sie. Wenn es auch kurz vor der Zeit des großen weißen Throns noch Nationen gegeben hat, so sind diese durch ein göttliches Gericht vollständig vernichtet worden. Nach ihrem Verschwinden von der Erde wird der letzte Thron gesehen. Vor dem Angesicht Dessen, Der darauf sitzt, entfliehen Himmel und Erde. Damit hört das Bestehen der Zeit auf. Die gegenwärtigen Lebensumstände haben ihr Ende gefunden; und alle gottlosen Menschen auf der Erde sind durch das Gericht Gottes getötet worden. Jetzt folgt der große weiße Thron. „Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Thron stehen.“ (Offenbarung 20, 12). Daran erkennen wir sofort das Wesen dieses Throns. Kein lebender Mensch in seinem natürlichen Lebenszustand befindet sich dort. Jeder, der davor steht, ist vorher gestorben. Ich spreche jetzt natürlich nicht von solchen, die lange zuvor verwandelt oder auferweckt worden sind zur Gleichheit mit Christus. Jeder, der vor diesen Thron gerufen wird, ist schon einige Zeit tot. Die Nationen wurden durch das Gericht Gottes vernichtet; ihre Menschen sind wie alle anderen vor ihnen einfach nur noch Tote. Diese alle werden aus ihren Gräbern gerufen und zum Gericht vor dem großen weißen Thron versammelt.

In Matthäus 25 wird kein einziger Toter erwähnt, in Offenbarung 20 kein Lebender. Im Matthäusevangelium werden die Personen vor dem Thron „alle Nationen“ genannt, in Offenbarung „die Toten, die Großen und die Kleinen.“ Wer sie früher auch gewesen waren – sie alle, die Kleinen und die Großen, stehen in derselben Weise vor dem Thron. „Und Bücher wurden aufgetan; und ein anderes Buch ward aufgetan, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken.“ Wenn wir uns den Abschnitt in Matthäus 25 genau ansehen, gründet sich das Gericht nicht auf Werke im allgemeinen. Ein besonderer Test wird den Versammelten vorgelegt, nämlich ob sie die Brüder des Königs freundlich oder feindselig behandelt haben. „Und das Meer gab die Toten, die in ihm waren, und der Tod und der Hades gaben die Toten, die in ihnen waren, und sie wurden gerichtet ein jeder nach seinen Werken.“ (Offenbarung 20, 13). Davon lesen wir in Matthäus 25 kein Wort. Tatsächlich enthält der Ausdruck „Nationen“ ohne Frage den Hinweis, daß nicht von Toten oder Auferstandenen die Rede ist. Dieses Ereignis wird gewöhnlich das „Gericht der Lebenden“ genannt. Mit ihnen verfährt der Herr entsprechend jenem besonderen Grundsatz, der darauf beruht, wie sie sich den Boten gegenüber verhalten haben, die das Evangelium des Reiches verkündigten.

Das Dargelegte mag als Beweis dienen, daß es ein großer Irrtum ist, alle Gerichte im Wort Gottes als ein und dasselbe anzusehen. Wir müssen hier wie überall die Unterschiede berücksichtigen. Wo finden wir wirklich eine absolute Gleichheit in den Wegen Gottes? Wer sagt, daß im Himmel alles gleich sein wird? Auf der Erde ist es ganz gewiß nicht so. Gott erweist sich entsprechend Seiner Einsicht in die Umstände der Menschen und Seiner Liebe zu ihnen durchaus fähig, allen Schwierigkeiten zu begegnen. In Seiner Handlungsweise mit allem, was vor Ihn kommt, offenbart Er stets Seine Vollkommenheit.

Nachdem wir den Unterschied zu Offenbarung 20 herausgestellt haben, wollen wir jetzt zur abschließenden Szene in Matthäus 25 zurückkehren. Der Titel „Sohn des Menschen“ bereitet uns sofort auf ein Gericht in Verbindung mit der Erde und Personen, die dort leben, vor. Zweifellos kommt der Sohn des Menschen in den Wolken des Himmels; aber Er kommt, um die Welt und die Menschen in ihr zu richten. Auf dieses gerichtliche Kommen wird sogar im Zusammenhang mit den Kirchen oder Versammlungen in Offenbarung 1 hingewiesen. Wer auch immer der Gegenstand des Gerichts sein mag – auf jeden Fall richtet der Herr hier Menschen, die auf der Erde leben, und nicht die Toten.

„Und vor ihm werden versammelt werden alle Nationen, und er wird sie voneinander scheiden, gleichwie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.“ (V. 32). Das ist eine sorgfältige und göttliche Trennung und kein einfacher Akt der Strafe, der über Volksmassen hereinbricht und alles in einem gemeinsamen Untergang vernichtet. Er scheidet sie voneinander. Am großen weißen Thron stehen die Toten alle zusammen. Sie brauchen nicht getrennt zu werden. Doch hier finden wir eine gemischte Gesellschaft. Eine solche Mischung wird niemals im Himmel oder in der Hölle gefunden, sondern ausschließlich auf der Erde. So liefert jeder Ausdruck den Beweis, daß unser Herr von dem Gericht der Lebendigen auf der Erde spricht. Er scheidet sie, „gleichwie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.“ Daraus folgt, daß mit „Schafen“ bzw. „Böcken“ die Gerechten und die Gottlosen unter den Nationen gemeint sind, die auf der Erde leben, wenn unser Herr kommt, um in Seinem Charakter als Sohn des Menschen zu richten. Das ist nicht das, was wir in Kapitel 24 gesehen haben, wo Er plötzlich wie ein Blitz aufleuchtet. Hier erkennen wir ein ruhiges, würdevolles, aber doch sehr ernstes Gericht mit ewigen Folgen entsprechend der Unterscheidung, welche der Herr zwischen den Einzelpersonen vollzieht. Wenn das Gericht der Toten vor dem großen weißen Thron stattfindet, sind Himmel und Erde entflohen. Folglich muß der Herr schon vorher gekommen sein, weil Er nach diesem großen Ereignis nicht mehr auf die Erde, so wie sie jetzt ist, kommen kann (und wie Er nach unser aller Bekenntnis kommen wird.). Diese ewige Trennung wird demnach schon vor dem neuen Himmel und der neuen Erde vollzogen sein.

Wir finden hier unseren Herrn, wie Er die Gottesfürchtigen von den Gottlosen aus diesen lebenden Nationen absondert. Er verfügt über sie in einer Weise, die Er selbst mit den Worten darstellt: „Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommet her, Gesegnete meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an.“ (V. 34). Wie glückselig jene auch sind – der Herr beschreibt sie nicht als Kinder ihres Vaters. Ich leugne damit nicht, daß sie Kinder Gottes sind; aber Er nennt sie: „Gesegnete meines Vaters.“ Zweifellos sind die an sie gerichteten Worte sehr kostbar. Reichen sie jedoch bis zur Höhe der Segnung, welche die Gnade Gottes uns in Christus geschenkt hat? Wir lesen nichts von einer Auserwählung in Ihm vor Grundlegung der Welt – nichts von geistlichen Segnungen in himmlischen Örtern in Christus Jesus. Es sind Berufene, um das Reich zu ererben, das für sie bereitet ist von Grundlegung der Welt an. Als Gott die Grundlagen der Erde feststellte, blickte Er voraus auf diese gesegnete Zeit. Daß Satan Macht über den Menschen gewann, ist zwar eine schreckliche Unterbrechung, jedoch nichts, dessen Folgen der Herr nicht überwinden und ausfegen könnte. Das wird Er auch tun. Er wird diese Welt zu einem Schauplatz unvergleichlich größeren Segens machen als sie jetzt ein Schauplatz des Elends ist durch die Mißwirtschaft Satans. Das Königreich dieser Welt wird Er Seinem Sohn geben. Der Herr Jesus soll allerdings eine noch größere Herrlichkeit besitzen – ja, das ganze Universum soll Ihm zu Füßen gelegt werden. Und Sein Blut hat uns als Braut erkauft. Schon aus Seiner eigenen Herrlichkeit heraus hatte Er ein Recht auf alles. Er gab jedoch Sein Leben hin, um einen gerechten Anspruch zu erwerben, das Reich demjenigen zu geben, dem Sein Vater es geben will.

Laßt uns außerdem beachten, daß wir hier nicht ein Wort von der Braut finden! Nichts setzt eine solche Stellung für diese Gesegneten aus den Nationen voraus. Er redet als der „König“. Davon wird niemals im Zusammenhang mit der Kirche (Versammlung) gesprochen. Auch in Offenbarung 15, 3 sollte nicht wie in der englischen Bibel stehen: „König der Heiligen“, sondern: „König der Nationen“. Es handelt sich um ein Zitat aus Jeremia 10, 7. Wir dürfen uns natürlich an diesem Titel erfreuen; er verkündet allerdings nicht Sein Verhältnis zu uns. Wir sind durch die Gnade berufen, Glieder Seines Leibes zu sein – von Seinem Fleisch und Seinem Gebein. In Matthäus 25 scheidet der Herr also an Seinem Tag und in Seiner Eigenschaft als König die gerechten Nationen von den ungerechten. „Kommet her, Gesegnete meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an.“ Wenn Epheser 1 von unserer Auserwählung vor Grundlegung der Welt spricht, dann bedeutet das eine Gnadenwahl, unabhängig von der Schöpfung in der diese gesegneten Heiden ihr Teil finden. Unser Platz ist vielmehr bei dem Schöpfer selbst. Gott hat uns in Christus „vor Grundlegung der Welt“ auserwählt (Epheser 1, 4). Diese Welt mag vergehen; unsere Segnung ist indessen der Herr selbst. Wir sind mit Dem eins gemacht, Der die Welt ins Dasein rief.

Der Räuber am Kreuz bat den Herrn: „Gedenke meiner, wenn du in deinem Reich kommst!“ (Lukas 23, 42). Unser Herr antwortete darauf: „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Bei Christus – sofort bei Christus – bei Christus im Paradies zu sein, ist viel besser als das Königreich, welches wir zusätzlich ererben werden. Christus übertrifft himmelweit alle Herrlichkeit, die in und vor der Welt entfaltet wird. Diese Herrlichkeit gibt unser Herr dem Glauben. Dabei erhält das Vertrauen auf Seine Liebe immer mehr, als es von Ihm erbitten könnte.

Für diese Gottesfürchtigen aus den Heiden besteht die Segnung hingegen in dem Erbteil im Königreich, das von Grundlegung der Welt für sie bereitet ist. Der Herr offenbart ihnen die Begründung dafür. Sie hatten gezeigt, daß sie wirklich ewiges Leben besitzen. „Mich hungerte, und ihr gabt mir zu essen; mich dürstete, und ihr tränktet mich; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich auf; nackt, und ihr bekleidetet mich; ich war krank, und ihr besuchtet mich; ich war im Gefängnis, und ihr kamt zu mir.“ (V. 35–36). Beachten wir ihre Antwort! „Alsdann werden die Gerechten ihm antworten und sagen: Herr, wann sahen wir dich hungrig, und speisten dich? Oder durstig, und tränkten dich?“ (V. 37). Wie könnte ein Christ, der seine Gliedschaft am Leib Christi versteht, so etwas zum Herrn sagen? Und vor allem – könnte er im Himmel so zum Herrn sprechen, wo wir uns erkennen werden, wie wir erkannt worden sind? Unmöglich! Die Szene redet ja auch überhaupt nicht von Heiligen im Himmel! Wenn wir auferstanden sind, wird die Zeit einer verwunderten Unwissenheit, ich brauche es kaum zu sagen, völlig vorbei sein.

Bei Seinem Kommen werden aber noch gottesfürchtige Heiden auf der Erde leben. „Wann aber sahen wir dich als Fremdling, und nahmen dich auf? Oder nackt, und bekleideten dich? Wann aber sahen wir dich krank oder im Gefängnis, und kamen zu dir?“ (V. 38–39). Sie sind weit davon entfernt, volle Erkenntnis zu haben, und befinden sich noch in ihren natürlichen Leibern. Selbst nach Seinem Kommen in Herrlichkeit muß der Herr sie belehren. Wenn Er als König auf Seinem Thron sitzt, werden wir als Auferstandene von den Toten ganz gewiß unsere Kronen vor Ihm niederwerfen. Wir werden aber an jenem Tag kaum weitere Erkenntnis benötigen. Unleugbar müssen diese Gerechten unterwiesen werden. Auch in dieser Hinsicht besteht demnach ein auffallender Unterschied zwischen der himmlischen Kirche (Versammlung) und diesen zukünftigen „Schafen“ aus den Nationen.

So gesegnet diese Szene auch sein mag, sie ist rein irdisch. Der Herr richtet als Sohn des Menschen alle Nationen und segnet die Gerechten unter ihnen. Diese waren bis zu jenem Augenblick völlig unwissend darüber, daß ihre Handlungen der Liebe und Freundlichkeit gegen die Boten Christi in Wirklichkeit Ihm erwiesen wurden. Die letzte Lektion, die sie empfingen, entspricht – natürlich, wie ich denke, nicht in Vollkommenheit – der ersten, die ein himmlischer Heiliger lernt. Als Paulus auf der Straße nach Damaskus niedergeworfen wurde, erschreckte welche Wahrheit seine Seele? „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ (Apostelgeschichte 9, 5). Er war gerade erst erweckt worden und erfuhr dennoch sofort, was diesen Heiden bruchstückhaft mitgeteilt wird, während sie vor dem Thron des Sohnes des Menschen stehen. Paulus hörte vom Herrn, daß die Verfolgung der lebenden Heiligen auf der Erde einer Verfolgung Christi im Himmel gleichkam. Sie und Christus sind eins. Offensichtlich stellen diese heidnischen „Schafe“ Menschen in einem Zustand dar, in dem sie noch Belehrung von Christus benötigen und empfangen.


Das ist jedoch nicht alles. „Der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch, insofern ihr es einem der geringsten dieser meiner Brüder getan habt, habt ihr es mir getan.“ (V. 40). Wer sind „diese meine Brüder“? Wir sahen die Schafe und die Böcke – die gerechten Heiden und die ungerechten; aber wer sind die Brüder des Königs? Es sind Männer, die der Herr aussenden wird, bevor Er in der Herrlichkeit des Reiches kommt, und welche die Botschaft davon verkünden. Die Schafe erweisen ihnen Liebe, Besorgnis und Mitgefühl in ihren Leiden. Folglich werden diese Brüder des Königs vor Seinem Erscheinen Trübsalen ausgesetzt sein. Daraus dürfen wir die offensichtliche Schlußfolgerung ziehen, daß die Handlungsweise des Herrn mit den Nationen auf der Beantwortung jener Frage gegründet ist: „Wie habt ihr meine Boten behandelt?“

Die Boten des Königs werden unmittelbar vor Seinem Erscheinen in Herrlichkeit in die ganze Welt hinausgehen und überall das Evangelium des Reiches verkündigen. Wenn der König Seinen Thron einnimmt, werden solche unter den Nationen, welche dieses Evangelium angenommen haben als „Schafe“ anerkannt. Die Verwerfer kommen als „Böcke“ um. Jene, welche die Botschaft ehren, behandeln auch die Boten gut, sorgen für sie und machen sich mit ihnen eins – „Genossen derer ..., die also einhergingen.“ (Hebräer 10, 33). Der Herr erinnert daran und rechnet das, was Seinen Boten getan wurde, als Ihm selbst getan an. Keine Bücher werden geöffnet; alles dreht sich um diesen einfachen Punkt. Sie wurden von der Botschaft gefesselt, die sie aufforderte, den kommenden wahren König aufzunehmen. Der Heilige Geist wirkte an ihren Seelen, sodaß sie die Boten mit Liebe und Hochachtung behandelten. Der Herr stellt klar: „Wenn ihr Meine Boten geehrt habt, dann beweist das euren Glauben an Mich.“ Dieses Verhalten wird genauso wirklich vom Heiligen Geist bewirkt sein wie unser Eingang in das weit vollständigere Zeugnis Seiner Liebe heutzutage. Sie sind erstaunt, vor Seinem Thron zu erfahren, daß sie stellvertretend in Seinen Brüdern etwas für Ihn getan haben. Damit zeigen sie, daß sie sich nicht in der christlichen Stellung befinden, obwohl sie wirkliche Gläubige sind.

Wer sind aber diese Brüder? Entsprechend den allgemeinen Grundsätzen der Schrift und der besonderen Belehrung dieser prophetischen Predigt bezweifle ich wenig, daß die Brüder des Königs in diesem Fall gottesfürchtige Israeliten sind. Sie werden vom Herrn nach der Aufnahme der Kirche (Versammlung) in den Himmel als Herolde des kommenden Königs und Seines Königreiches ausgesandt. Wir wissen, daß die Kirche vor der letzten großen Trübsal entrückt werden wird. „Weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, welche auf der Erde wohnen.“ (Offenbarung 3, 10). Hier sehen wir jedoch Gläubige auf der Erde, die nicht vor der Stunde der Versuchung bewahrt werden, sondern in ihr auf der Erde leben und dieses Evangelium des Reiches verkündigen. Entsprechend der Art und Weise, wie man sie aufnimmt, werden die Nationen verflucht oder gesegnet. Vor oder nach der Sintflut wurde kein Evangelium des Reiches verkündigt; und wir leben in der Zeit der Predigt des Evangeliums von der Gnade Gottes. Mit diesem wird das Evangelium des Reiches oft verwechselt.

Hier sehen wir den König auf Seinem irdischen Thron. Die Stellung der Kirche ist himmlisch. Ich habe darum keinen Zweifel, daß des Königs Brüder eine Menschengruppe unabhängig von der Kirche darstellt, die aber wie die Kirche von Christus als Seine Brüder anerkannt wird. Es gibt einige Segnungen für jüdische Heilige, die weder du noch ich jemals besitzen werden. Dafür gibt es andere als unser Teil, deren Genuß jenen verwehrt ist. Wir müssen genau beachten, was Gott sagt. Alles, was Er offenbart, sollte für uns absolute Autorität haben.

Wir haben jedoch noch auf einen anderen und sehr ernsten Hintergrund dieser Szene zu blicken. „Dann wird er auch zu denen zur Linken sagen: Gehet von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln.“ (V. 41). Beachten wir: Er sagt nicht: „Verfluchte meines Vaters“ entsprechend den Worten „Gesegnete meines Vaters“! Gott haßt es, Menschen hinauszustoßen. So hören wir jetzt, da der schreckliche Augenblick für das Aussprechen des Fluchs über diese bösen Heiden herangekommen ist, die Worte: „Gehet von mir, Verfluchte!“ Ich glaube, dieses Urteil ist voll tiefsten Kummer für Gott. Das legt die ganze Verantwortung für das Verderben auf jene, deren Sünde Seine Liebe, Heiligkeit und Herrlichkeit in der Person Seines Sohnes verwirft. „Gehet von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln.“ Im vorigen Fall wird gesagt, daß das Königreich für die Gesegneten „bereitet“ ist. Das ist beim Fluch anders.

Die Hölle ist nicht für den armen, schuldigen Menschen bereitet worden. Er hat sie zwar verdient; sie ist jedoch für den Teufel und seine Engel. Wenn Seelen das Zeugnis verwerfen, erklärt der Herr sie für verflucht. Das ist Sein Amt. Er ist der König, der Richter. Doch ob es sich um den großen weißen Thron oder diesen irdischen Thron handelt, die Strafe ist „das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln.“ Für diese gefallenen Engel gibt es keine Hoffnung auf Befreiung – auf Erlösung. Sie wandten sich absichtlich und ohne einen Versucher von Gott ab. Der Mensch wurde indessen von einem Feind versucht. Gott hat Mitleid mit dem schuldigen Menschen, der von einem mächtigeren und noch schuldigeren Empörer als er selbst fortgerissen wurde. Wie ernst, wenn wir daran denken daß die Hölle für andere bereitet ist und daß Menschen sie mit diesen rebellischen Geistern teilen müssen! Es entspricht nicht dem Herzen Gottes, für den elenden Menschen eine Hölle zu bereiten. Sie ist für den Teufel und seine Engel. Aber es gibt Menschen, die den Teufel Gott vorziehen. Zu solchen sagt Er: „Gehet von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln.“ Diese Menschen waren derselben Prüfung ausgesetzt wie die Gottesfürchtigen vorher. Zum Guten oder Bösen – es geht um die Frage, wie der König und Seine Boten (oder vielmehr in letzteren Seine Person) behandelt wurden.

Auch für uns gilt dieser Grundsatz. Doch in einer Hinsicht geht er noch tiefer. Alles dreht sich um die Fragen: „Was denkst du von Christus? Glaubst du an den Sohn Gottes?“ „Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht“ (1. Johannes 5, 12). Der Sünder ist gezwungen, dem Sohn Gottes ins Angesicht zu sehen. Es wird zu einer dringenden, alles beherrschenden, ewigen Frage, die von der Seele beantwortet werden muß: Ziehe ich Christus der Welt – Christus dem Ich – vor? Der Herr gebe, daß wir weise sind und erkennen, wie wir in Christus nicht nur die Weisheit, sondern auch die Kraft Gottes finden können! Denn dieselbe gesegnete Person, Die uns das Leben gab, gibt uns auch Kraft für jede praktische Schwierigkeit. „Dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube.“ (1. Johannes 5, 4).

Fußnoten

  • 1 Anm. d. Übers.: W. Kelly geht hier auf ein Problem in der damals verbreiteten englischen Übersetzung, der „King-James-Bible“ („Authorized Version“), vergleichbar unserer „Luther-Bibel“, ein, das ich hier als Fußnote gebe. Der Grund dafür, daß ich diesen Text hier einfüge, obwohl wir doch mit unserer „Elberfelder Bibel“ eine nach heutigem Kenntnisstand des griechischen Urtextes genaue Übersetzung haben, liegt darin, daß man erfahrungsgemäß durch eigene oder fremde Fehler und Irrtümer sehr viel lernt. Diese Fehler machen gewisse Wahrheiten um so deutlicher, weil sie zum Nachdenken darüber zwingen, was Wahrheit und was Irrtum ist, und auch darüber, warum das eine Wahrheit und das andere Irrtum ist. Ich gebe hier also die im Haupttext weggelassenen Ausführungen Kellys: „Die Worte „in welcher der Sohn des Menschen kommt“ als Fortsetzung des letzten Verses haben kein Recht in unserer Bibel zu stehen. Das ist nicht meine Spezialmeinung, sondern das Urteil jedes Fachmanns, der die Originalzeugnisse des Wortes Gottes untersucht hat. Wenn der Herr im Gericht kommt, wird von Ihm als Sohn des Menschen gesprochen. In unserer Stelle wird Er als der Bräutigam vorgestellt. Falls hier wirklich „Sohn des Menschen“ stehen müßte, dann wäre das schwer zu erklären. Wie eindeutig zeigt sich, daß man nichts zur Bibel hinzufügen kann, ohne sie zu verderben. Unser Herr erscheint hier unter dem Gesichtspunkt der Gnade für die Seinen. Und das ist ein Grund dafür, warum wir hier nichts von dem Gericht lesen, welches die törichten Jungfrauen treffen wird. Die Beschreibung davon, wie die göttliche Rache ausgeübt wird, paßt nicht zu Seinem Titel als Bräutigam. Ohne Zweifel wird die Tür verschlossen; und unser Herr sagt auch zu den törichten Jungfrauen, als sie Ihn bitten aufzumachen: „Ich kenne euch nicht.“ Doch Er benutzt diese Angelegenheit gleich zum geistlichen Gewinn für Seine Jünger: „So wachet nun, denn ihr wisset weder den Tag noch die Stunde.“
  • 2 Anm. d. Übers.: Das von Kelly benutzte englische Wort „goodness“ hat im Deutschen eine doppelte Bedeutung. Zum einen kann man es mit „Güte“ übersetzen im Sinn von Gnade, Barmherzigkeit, Mitgefühl, usw., zum anderen mit „Gutheit“ oder „Gutsein“, Wörter, die es in unserer Sprache eigentlich nicht gibt und das wesensmäßig Gute bezeichnen. Dem Zusammenhang nach ist hier die zweite Übersetzung gefordert, im nächsten Absatz die uns geläufigere erste.
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