Betrachtung über Matthäus (Synopsis)

Kapitel 24+25

Betrachtung über Matthäus (Synopsis)

Wir haben schon gesehen, dass die Verwerfung des Zeugnisses von dem in Gnade errichteten Reiche die Ursache des Gerichts ist, das über Jerusalem und seine Bewohner kommt. Nun belehrt uns das 24. Kapitel zunächst über die Lage dieses Zeugnisses inmitten des Volkes, über den Zustand der Heiden und die Beziehung, in der sie zu dem durch die Jünger abgelegten Zeugnisse standen; ferner über den Zustand Jerusalems infolge seiner Verwerfung des Messias und seiner Verachtung des Zeugnisses, sowie endlich über den allgemeinen Umsturz am Ende dieser Tage: ein Zustand der Dinge, der beendigt werden wird durch die Erscheinung des Sohnes des Menschen und durch das Versammeln der Auserwählten Israels von den vier Winden her. Diese bemerkenswerte Stelle verdient unsere ganze Aufmerksamkeit; sie ist eine Prophezeiung und zugleich eine an die Jünger gerichtete Unterweisung, um sie auf dem Pfad zu leiten, den sie inmitten der kommenden Ereignisse verfolgen sollten.

Jesus verlässt den Tempel, und zwar für immer – eine feierliche Handlung, die, wie man wohl sagen darf, das soeben von Ihm ausgesprochene Urteil vollzog. Das Haus war jetzt wüst gelassen. Die Herzen der Jünger aber blieben wegen ihrer alten Vorurteile noch an diesen Tempel gefesselt. Sie lenken die Aufmerksamkeit des Herrn auf die prachtvollen Gebäude desselben, und Jesus kündigt ihnen die gänzliche Zerstörung derselben an. Allein mit Ihm auf dem Ölberg sitzend, fragen sie Ihn, wann sich diese Dinge ereignen würden, und welches das Zeichen seiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters sei (V. 3). Sie fassen die Zerstörung des Tempels, die Ankunft Christi und die Vollendung des Zeitalters als ein Ganzes zusammen. Die Vollendung des Zeitalters ist hier, wie beachtet werden muss, das Ende des Zeitabschnitts, während dessen Israel unter dem alten Bund dem Gesetz unterworfen war und der enden sollte, um dem Messias und dem Neuen Bund Platz zu machen. Man beachte auch, dass es sich um die Regierung Gottes über die Erde und um die Gerichte handelt, welche bei der Ankunft Christi, die das jetzige Zeitalter beenden wird, vollzogen werden sollen. Die Jünger vermengten das, was der Herr über die Zerstörung des Tempels gesagt hatte, mit der Ankunft Jesu im Gericht 1. Der Herr behandelt den Gegenstand von seinem eigenen Gesichtspunkt aus, d. h. sowohl im Blick auf das Zeugnis, das die Jünger während seiner Abwesenheit bezüglich der Juden abzulegen hatten, als auch im Blick auf die Vollendung des Zeitalters. Er fügt über die Zerstörung Jerusalems, die Er bereits angekündigt hatte, nichts hinzu. Die Zeit seines Kommens wurde absichtlich verborgen gehalten. Überdies beendete die Zerstörung Jerusalems durch Titus tatsächlich die Stellung, auf welche die Unterweisungen des Herrn sich bezogen. Unter den Juden gab es nachher kein erkennbares Zeugnis mehr. Wird später jene Stellung wieder eingenommen, so wird die Anwendbarkeit dieser Stelle auch wieder beginnen. Von der Zerstörung Jerusalems bis zu jenem Zeitpunkt aber handelt es sich nur um die Kirche.

Die Unterweisung des Herrn besteht aus drei Teilen. Wir finden:

  1. den allgemeinen Zustand der Jünger und der Welt während der Zeit des Zeugnisses (bis zum Ende des 14. Verses);
  2. den Zeitabschnitt, der durch die Tatsache, dass der Gräuel der Verwüstung an heiligem Ort steht, gekennzeichnet wird (V. 15);
  3. die Ankunft des Herrn und das Versammeln der Auserwählten in Israel (V. 29).

Die Zeit des Zeugnisses der Jünger wird gekennzeichnet durch falsche Christi und falsche Propheten unter den Juden sowie durch die Verfolgung derer, die Zeugnis ablegen, indem man sie den Nationen überliefert. Doch im Blick auf jene Tage werden noch bestimmtere Einzelheiten gegeben. Falsche Christi würden in Israel auftreten, Kriege, Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben da sein; aber die Jünger sollten sich dadurch nicht beunruhigen lassen, denn diese Dinge waren nicht das Ende, sondern nur der Anfang der Wehen (V. 5–8). Außer diesen mehr äußeren Dingen kündigt der Herr noch andere Begebenheiten an, welche die Jünger in größere Versuchung bringen und sie noch völliger auf die Probe stellen würden: Dinge, die mehr von innen heraus kommen. Man würde sie in Drangsal überliefern und töten; und von allen Nationen würden sie gehasst werden. Infolgedessen würden viele unter denen, die sich als Jünger bekannten, geärgert werden. Einer würde den anderen überliefern. Falsche Propheten würden aufstehen und viele verführen, und wegen des Überhandnehmens der Gesetzlosigkeit würde die Liebe vieler erkalten (V. 9–12). Wahrlich, eine traurige Zeit, die jedoch zur Ausübung eines bewährten Glaubens Gelegenheit bieten würde! Wer bis ans Ende ausharrte, würde errettet werden (V. 13). Dies bezieht sich in besonderer Weise auf den Bereich des Zeugnisses. Das, was der Herr sagt, ist zwar nicht durchaus auf das Zeugnis in Kanaan beschränkt, aber da Kanaan der Ausgangspunkt des Zeugnisses ist, steht alles mit diesem Land als dem Mittelpunkt der Wege Gottes in Verbindung.

Hernach sollte (V. 14) das Evangelium des Reiches auf dem ganzen Erdboden allen Nationen zu einem Zeugnis gepredigt werden, und dann würde das Ende, die Vollendung dieses Zeitalters, kommen. Obwohl nun nach Aufrichtung des Reiches der Himmel die Quelle der Autorität ist, bilden Kanaan und Jerusalem nichtsdestoweniger den irdischen Mittelpunkt, so dass der Begriff des Reiches, wiewohl die ganze Erde umfassend, unsere Gedanken zum Lande Israel hinlenkt. Der Herr sagt hier: „Dieses Evangelium des Reiches“ 2; es ist also nicht die Ankündigung der Vereinigung der Versammlung mit Christus noch das Erlösungswerk in seiner Fülle, wie es nach der Himmelfahrt durch die Apostel gepredigt und gelehrt wurde, sondern es ist das Reich, dessen Aufrichtung auf Erden Johannes der Täufer und der Herr selbst angekündigt hatten. Diese Predigt von der Autorität des gen Himmel gefahrenen Christus über alle Dinge wird in der ganzen Welt erschallen, um ihren Gehorsam auf die Probe zu stellen und denen, die Ohren haben zu hören, den Gegenstand des Glaubens darzubieten.

Das ist also die allgemeine Geschichte dessen, was sich bis zur Vollendung des Zeitalters zutragen wird, ohne auf den Gegenstand der Predigt, durch welche die Kirche oder Versammlung gegründet wurde, näher einzugehen. Die bevorstehende Zerstörung Jerusalems und die Weigerung der Juden, das Evangelium anzunehmen, veranlassten Gott, durch den Dienst des Paulus ein besonderes Zeugnis aufzurichten, ohne dadurch die Wahrheit von dem kommenden Reich aufzuheben. Das Folgende beweist, dass eine solche Fortsetzung des Zeugnisses vom Reich am Ende stattfinden und das Zeugnis dann zu allen Nationen gelangen wird, bevor das Gericht kommt, welches das Zeitalter beschließen wird.

Indes steht ein Augenblick bevor, wo in einem bestimmten Umkreis (nämlich in Jerusalem und seiner nächsten Umgebung) eine besondere Leidenszeit in Verbindung mit dem Zeugnis in Israel anbrechen wird. Indem der Herr von dem verwüstenden Gräuel spricht, verweist Er uns auf den Propheten Daniel, damit wir verstehen sollen, wovon Er redet. Daniel nun versetzt uns (in Dan 12, wo von diesen Trübsalen gesprochen wird) ganz in die letzten Tage, in die Zeit, wo Michael für das Volk Daniels, d. h. für die Juden, die sich unter der Herrschaft der Heiden befinden, aufstehen wird – in die Tage, in denen eine Drangsal sein wird, wie sie nie gewesen ist und auch nie mehr sein wird, und in denen die Befreiung des Überrestes stattfinden soll. In Dan 11,40 wird diese Zeit „die Zeit des Endes“ genannt; und die Vernichtung des Königs des Nordens wird prophetisch mitgeteilt. Der Prophet kündigt an (Dan 12,11+12), dass 1335 Tage vor der vollen Segnung (glückselig der, der daran teilhaben wird!) das beständige Opfer abgeschafft und der verwüstende Gräuel aufgerichtet werden würde; dass ferner von diesem Augenblick an 1290 Tage verfließen würden, d. h. ein Monat mehr als jene 1260 Tage, von denen in der Offenbarung die Rede ist, und während derer das Weib, das vor dem Drachen flieht, in der Wüste ernährt wird; und so auch ein Monat mehr als die „eine Zeit, zwei Zeiten und eine halbe Zeit“, wovon in Dan 7,25 die Rede ist. Am Ende kommt, wie man hier sieht, das Gericht, und das Reich wird den Heiligen gegeben (Dan 7,26+27).

Es ist also deutlich bewiesen, dass die Stelle in Mt 24,15 sich auf die letzten Tage und auf die Stellung der Juden in jener Zeit bezieht. Die seitherigen Zeitereignisse bestätigen diesen Gedanken; denn weder 1260 Tage noch 1260 Jahre nach der Zeit des Titus, noch auch 30 Tage oder Jahre später hat irgendeine Begebenheit stattgefunden, die als Erfüllung der 1260 und 1290 Tage Daniels betrachtet werden könnte. Es sind schon viele Jahre mehr verflossen, und weder ist Israel befreit worden. – noch hat Daniel (vgl. Dan 12,13) am Ende jener Tage sein Teil gefunden. Ebenso klar ist es, dass es sich in dieser Stelle um Jerusalem und dessen nächste Umgebung handelt; denn die, welche in Judäa sind, werden aufgefordert, auf das Gebirge zu fliehen (Kap. 24,16). Auch werden die Jünger, die zu jener Zeit in Judäa sein werden, angeleitet zu beten, dass ihre Flucht nicht an einem Sabbat geschehen möge (V. 20) – ein neues Zeugnis dafür, dass es sich in dieser Prophezeiung um Juden handelt; zugleich aber auch ein Zeugnis von der Sorge, die der Herr um die Seinen trägt, indem Er inmitten von Begebenheiten, die ihresgleichen auf Erden nicht haben, daran denkt, ob wohl zur Zeit ihrer Flucht Winterwetter sein würde.

Auch andere Umstände beweisen, wenn überhaupt noch Beweise nötig sind, dass hier von dem jüdischen Überrest und nicht von der Versammlung die Rede ist. Wir wissen, dass alle Gläubigen dem Herrn in die Luft entgegengerückt werden sollen, und dass sie nachher mit Ihm wiederkommen werden (1. Thes 4,17. 14). Aber hier ist von falschen Christi die Rede, die auf der Erde auftreten werden, und man wird sagen: „Siehe, er ist in der Wüste; siehe, in den Gemächern!“ (V. 24–26). Die Heiligen aber, die zum Herrn aufgenommen und mit Ihm zurückkehren werden, haben nichts mit falschen Christi auf der Erde zu tun, da sie, bevor Christus auf die Erde kommt, in den Himmel eingehen, um dort bei Ihm zu sein; wohingegen es leicht verständlich ist, dass die Juden, die eine irdische Befreiung erwarten, diesen Versuchungen ausgesetzt sein werden und ihnen erliegen würden, wenn Gott selbst sie nicht bewahrte.

Dieser Teil der Weissagung bezieht sich also auf die letzten Tage, auf die letzten 3½ Jahre vor dem Gericht, das bei der Erscheinung des Sohnes des Menschen plötzlich hereinbrechen wird. Der Herr wird plötzlich, wie ein Blitzstrahl, wie ein Adler, der auf seine Beute stürzt, dahin kommen, wo sich der Gegenstand seines Gerichts befindet (V. 27+28). Unmittelbar nach der Drangsal dieser letzten 3 1/2 Jahre wird das ganze kirchliche Regierungssystem erschüttert und von Grund aus zerstört werden (V. 29). Dann wird das Zeichen des Sohnes des Menschen im Himmel erscheinen, und man wird den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit (V. 30). Dieser Vers enthält die Antwort auf den zweiten Teil der Frage der Jünger in Vers 3: „Und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?“ Der Herr gibt seinen Jüngern die zu ihrer Leitung notwendigen Warnungen. Die Welt aber wird keine Zeichen sehen, so klar dieselben auch für diejenigen sein mögen, die sie verstehen; erst im Augenblick der Erscheinung des Herrn wird das Zeichen sichtbar werden. Der Glanz der Herrlichkeit Dessen, den die Welt verachtet hat, wird ihr zeigen, wer der Kommende ist; und Er wird ganz unerwartet für sie kommen. Welch ein entsetzlicher Augenblick, wenn statt eines Messias, der ihrem weltlichen Stolz entsprechen würde, der Christus, den sie verachtet haben, in den Himmeln erscheint!

Sodann wird der also gekommene und offenbarte Sohn des Menschen Boten aussenden, um alle Auserwählten Israels von den vier Enden der Erde her zu versammeln (V. 31). Damit schließt die Geschichte der Juden und selbst Israels, die der Herr als Antwort auf die Frage der Jünger mitgeteilt hat. Zugleich werden die Wege Gottes hinsichtlich des Zeugnisses inmitten des Volkes, das dieses Zeugnis verworfen hat, entwickelt, und die Zeit seiner großen Drangsal und das Gericht wird angekündigt, das mitten in diesen Vorgängen, wenn Jesus kommt, hereinbrechen wird. Der Umsturz der großen und kleinen Mächte wird dann vollständig sein.

Der Herr schildert also die Geschichte des Zeugnisses in Israel und diejenige des Volkes selbst, von dem Augenblick seines Wegganges an bis zu seiner Wiederkunft; jedoch übergeht Er die ganze Zeit, während welcher weder Volk, noch Tempel, noch Jerusalem da sein sollten; und das ist es, was die Zerstörung Jerusalems so bedeutungsvoll macht. Von diesem Ereignis ist hier unmittelbar keine Rede; der Herr beschreibt es nicht. Aber es hat die Ordnung der Dinge beendet, auf die seine Unterweisungen sich beziehen; und diese Unterweisungen werden erst dann wieder ihre Anwendung finden, wenn Jerusalem und die Juden von neuem auf dem Schauplatz erscheinen. Der Herr kündigt von vornherein die Zerstörung Jerusalems an. Die Jünger meinten, dass seine Ankunft zu derselben Zeit stattfinden würde; und Jesus beantwortet ihre Fragen in einer Weise, dass seine Unterweisungen ihnen bis zu der Zerstörung Jerusalems von Nutzen sein konnten. Sobald aber von „dem Gräuel der Verwüstung“ die Rede ist, finden wir uns in die letzten Tage versetzt.

Die Jünger sollten die ihnen vom Herrn gegebenen Zeichen verstehen. Die Zerstörung Jerusalems unterbrach, wie schon bemerkt, durch die Tatsache selbst die Anwendung der Mitteilungen Jesu. Das jüdische Volk wurde beiseite gesetzt; allein Vers 34 hat einen viel weiteren und mehr auf Israel passenden Sinn. Ungläubige Juden werden, bis alles erfüllt ist, als solche vorhanden sein. Man vergleiche 5. Mo 32,5+20, wo insbesondere dieses Gericht über Israel in Frage steht. Gott verbirgt sein Antlitz vor ihnen, bis Er sieht, was ihr Ende sein wird; denn sie sind ein verkehrtes und verdrehtes Geschlecht, Kinder, in denen keine Treue ist. Diese Worte sind eingetroffen. Bis auf den heutigen Tag sind die Juden eine bestimmt unterschiedene Menschenrasse. Dieses Geschlecht besteht heute noch in demselben Zustand – ein Denkmal von der Unfehlbarkeit der Wege Gottes und der Worte Jesu.

Schließlich wird die Regierung, die Gott bezüglich dieses Volkes ausübt, bis ans Ende geschildert. Der Herr kommt und wird die zerstreuten Auserwählten Israels versammeln (V. 31).

Der Faden der prophetischen Geschichte wird in Kap. 25,31 wieder aufgenommen, als Fortsetzung von Kap. 24,30. Und wie in Kap. 24,31 das Sammeln Israels, nach der Erscheinung des Sohnes des Menschen, berichtet wird, so finden wir in Kap. 25,31 Sein gerichtliches Verfahren mit den Heiden. Er wird im Blick auf den „Abfall“, der gleich einem Aas vor Ihm ist, ohne Zweifel wie ein Blitz erscheinen; wenn Er aber in feierlicher Weise kommt, um seinen irdischen Platz in Herrlichkeit einzunehmen, wird das nicht wie ein Blitz vorübergehen. Er wird auf dem Throne seiner Herrlichkeit sitzen; und alle Nationen werden vor Ihm, der den Thron des Gerichts eingenommen hat, versammelt stehen, um gerichtet zu werden, je nachdem sie die Boten behandelt haben, die ihnen das Reich predigten. Diese Boten sind „die Brüder“ (Kap. 25,40); die, welche die Boten aufgenommen haben, sind „die Schafe“; und die, die ihre Botschaft verworfen haben, sind „die Böcke“. In diesem ganzen Vorgang erblicken wir also das Gericht der Nationen auf der Erde, das sich gründet auf ihr Verhalten den Boten des Reichs gegenüber. Es ist „das Gericht der Lebendigen“, wenigstens soweit es die Nationen betrifft – ein Gericht, ebenso endgültig wie das „der Toten“. Es handelt sich hier nicht um ein kriegerisches Gericht Christi, wie in Off 19, sondern vielmehr um eine Sitzung seines höchsten Gerichtshofes in seinem Regierungsrecht über die Erde, wie in Off 20, 4. Ich rede von dem Grundsatz, oder vielmehr von dem Charakter des Gerichts. Die bereits erwähnten „Brüder“ sind ohne Zweifel Juden, die sich hinsichtlich ihres Zeugnisses in einer ähnlichen Stellung befinden werden wie die Jünger. Die Heiden, die ihre Botschaft angenommen haben, werden betrachtet, als hätten sie Christum selbst in dieser Weise behandelt. Sein Vater hat ihnen die Freude des Reichs bereitet, und während sie noch auf Erden sind. werden sie in dasselbe eingeführt; denn Christus war in der Kraft des ewigen Lebens herabgekommen 3.

Ich habe für den Augenblick alles übersprungen, was zwischen Kap. 24,31 und Kap. 25,31 liegt, weil das Ende des letztgenannten Kapitels alle die Mitteilungen betreffs der Regierung und des Gerichts über die Erde vervollständigt. Zwischen den eben genannten Versen finden wir die Geschichte einer anderen Klasse von Personen in ihren großen sittlichen Zügen. Diese Klasse besteht aus den Jüngern Christi (außerhalb des Zeugnisses in Israel), denen Er, während seiner Abwesenheit, Seinen Dienst sowie eine Stellung in Verbindung mit Sich selbst anvertraut hat. Beide, Stellung und Dienst, stehen mit Christo selbst und nicht mit Israel In Verbindung, wo irgend dieser Dienst auch erfüllt werden mag.

Einige Verse jedoch beziehen sich ausschließlicher auf den Zustand der Dinge in Israel; sie bilden eine Warnung für die inmitten des Volkes befindlichen Jünger und beschreiben das eintreffende Gericht, das in den letzten Tagen unter den Juden stattfinden wird. Ich erwähne sie hier, weil dieser ganze Teil der Rede des Herrn (von Kap. 24,31 bis Kap. 25,31) eine Ermahnung ist, eine Ansprache des Herrn an die Jünger betreffs ihrer Pflichten während seiner Abwesenheit. Ich meine die Verse 32–44 im 24. Kapitel. Wir finden da die beständige Erwartung, die durch die Unkenntnis über den Augenblick der Erscheinung des Sohnes des Menschen worin die Jünger absichtlich gelassen wurden, diesen geboten war (Das Gericht ist das irdische Gericht).

Von Vers 45 ab richtet sich der Herr unmittelbarer und zugleich in allgemeinerer Weise an sie hinsichtlich ihres Verhaltens während seiner Abwesenheit, jedoch nicht in Verbindung mit Israel, sondern mit den Seinigen mit seinem Hausgesind. Er hatte ihnen die Aufgabe übertragen, diesem Gesinde zur rechten Zeit die angemessene Speise zu geben. Hier handelt es sich um die Verantwortlichkeit des Dienstes in der Versammlung.

Es ist bemerkenswert, dass in dem ersten Gleichnis der Zustand der Versammlung im Ganzen betrachtet wird, während das Gleichnis von den zehn Jungfrauen und das von den Talenten mehr die persönliche Verantwortlichkeit hervorhebt. Daher wird der böse Knecht hinausgeworfen und empfängt sein Teil mit den Heuchlern. Der Zustand der verantwortlichen Versammlung hängt davon ab, ob sie auf Christum wartet, oder ob sie in ihrem Herzen spricht: Mein Herr verzieht zu kommen. Bei seiner Wiederkunft wird der Herr sein Urteil über ihre Treue während seiner Abwesenheit aussprechen. An jenem Tag wird die Treue anerkannt werden. Andererseits wird das praktische Vergessen seiner Wiederkunft Zügellosigkeit und Willkür herbeiführen.

Es handelt sich hier nicht um eine Verstandessache. Der böse Knecht „sagt in seinem Herzen: Mein Herr verzieht zu kommen“; sein Wille ist dabei tätig. Das Ergebnis dieser Gedanken seines Herzens ist die Kundgebung seiner fleischlichen Neigungen. Es ist nicht länger ein Dienst, der dem Hausgesind mit Hingabe erwiesen wird, indem das Herz auf den Beifall des Herrn bei seiner Rückkehr gerichtet ist, sondern ein weltliches Verhalten und die Anmaßung einer willkürlichen Machtvollkommenheit, wozu der anvertraute Dienst Gelegenheit darbietet. Der Knecht isst und trinkt mit den Trunkenen; er verbindet sich mit der Welt, nimmt teil an ihren Wegen, und schlägt nach Willkür seine Mitknechte (V. 49). Das ist die Folge, wenn während der Abwesenheit des Herrn seine Rückkehr wohlüberlegt beiseite geschoben und behauptet wird, die Versammlung habe einen Platz und ein Recht auf dieser Erde; an die Stelle eines treuen Dienstes tritt dann Weltlichkeit und Tyrannei. Ist das nicht ein überaus treues Bild von dem, was geschehen ist?

Wohin ist es mit denen gekommen, die eine solche dienstliche Stellung im Haus Gottes innehatten? Und was werden die Folgen sein? Der treue Knecht, der sich aus Liebe und Hingabe für seinen Herrn dem Wohle seines Haushaltes gewidmet hat, wird bei der Rückkehr seines Herrn über dessen ganze Habe gesetzt werden. Die, welche die Bedienung des Hauses treu ausgeübt haben, werden, wenn der Herr dereinst den Platz der Macht einnimmt und als König handelt, von Ihm über alle Dinge gesetzt werden. „Alles“ ist den Händen Jesu vom Vater übergeben worden, und wer in Demut, während seiner Abwesenheit, in seinem Dienst treu war, wird über alles, was Ihm übergeben ist, d. h. über alle Dinge, gesetzt werden: denn alles Bestehende ist nichts anderes als die „Habe“ Jesu. Anderseits wird der, der sich während der Abwesenheit Christi als Herr aufgeworfen hat und der Gesinnung des Fleisches und der Welt, mit der er sich verbunden hat, gefolgt ist, nicht nur wie die Welt behandelt werden, sondern sein Herr wird ganz unerwartet kommen und ihm sein Teil mit den Heuchlern setzen. Welch eine ernste Lehre für alle, die sich die Stellung eines Dieners in der Kirche anmaßen! – Man beachte hier, dass nicht gesagt wird, dass der Knecht selbst betrunken ist, sondern dass er mit den Trunkenen isst und trinkt; er verbindet sich mit der Welt und folgt ihren Gewohnheiten.

Das ist übrigens die allgemeine äußere Erscheinung des Reiches an jenem Tag, wie verkehrt das Herz des bösen Knechtes auch sein mag. Der Bräutigam wollte in der Tat verziehen, und die Folgen des Verzugs, die man von dem Herzen des Menschen erwarten kann, werden nicht ermangeln, sich zu verwirklichen. Hierdurch aber wird der Unterschied zwischen denen, die wirklich die Gnade Christi besaßen, und denen, die sie nicht besaßen, offenbar 4 (Kap. 25,1–13).

Die Bekenner während der Abwesenheit des Herrn werden hier als Jungfrauen dargestellt, die dem Bräutigam entgegengehen, um Ihm auf dem Weg zum Hause zu leuchten. In dieser Stelle ist Er nicht der Bräutigam der Kirche. Niemand geht diesem zu seiner Hochzeit mit der Versammlung im Himmel entgegen. Auch mit der Braut beschäftigt sich das Gleichnis nicht; wäre von einer Braut die Rede, so würde es Jerusalem auf der Erde sein. Es handelt sich in diesen Kapiteln nicht um die Versammlung als solche.

Wir haben hier die persönliche 5 Verantwortlichkeit während der Abwesenheit Christi. Das, was die Gläubigen in diesem Zeitabschnitt kennzeichnet, ist ihr Ausgehen aus der Welt, aus dem Judentum, ja, aus allem, auch aus der mit der Welt verbundenen Religion, um dem kommenden Herrn entgegenzugehen. der jüdische Überrest dagegen erwartet Jesum an dem Ort, wo er sich befindet. Ist diese Erwartung des Bräutigams eine wirkliche, so wird der Gedanke an das bei seiner Ankunft Notwendige (das Licht, das Öl) den kennzeichnen, der durch sie geleitet wird; wenn nicht, wird das Herz sich damit begnügen, mittlerweile in der Gesellschaft von Bekennern zu sein und, gleich ihnen, eine Lampe zu tragen. Doch die Jungfrauen nehmen alle eine Stellung ein; sie gehen aus, sie verlassen das Haus, um dem Bräutigam entgegenzugehen. Er verzieht, und alle schlafen ein. Und das ist in der Tat geschehen. Die ganze bekennende Kirche, ja, selbst die Gläubigen, die den Geist besitzen, haben den Gedanken an die Wiederkunft des Herrn verloren; auch sind sie alle irgendwo wieder eingegangen, um ruhig schlafen zu können – in einen Ruheplatz für das Fleisch.

Um Mitternacht aber, ganz unerwartet, entsteht ein Geschrei: „Siehe, der Bräutigam! Geht aus, Ihm entgegen!“ Ach! die Jungfrauen bedürfen desselben Zurufs wie im Anfang; sie müssen aufs Neue ausgehen, um dem Bräutigam zu begegnen. Sie stehen auf und schmücken ihre Lampen. Zwischen dem mitternächtlichen Geschrei und der Ankunft des Bräutigams verfließt Zeit genug, um den Zustand der einzelnen auf die Probe zu stellen. Da sind einige, die kein Öl in ihren Gefäßen haben; und ihre Lampen 6 erlöschen. Die Klugen haben Öl, aber es ist ihnen unmöglich, den anderen davon mitzuteilen; sie gehen allein mit dem Bräutigam ein, um an der Hochzeit teilzunehmen (V. 7–10). Der Bräutigam weigert sich, die Törichten anzuerkennen: was haben sie auch dort zu tun? Der Dienst der Jungfrauen bestand darin, mit ihren Lampen zu leuchten. Sie hatten das aber nicht getan: was für ein Anrecht hatten sie also auf das Fest? Das, was ihnen dort einen Platz verschafft hätte, hatten sie unterlassen. Die Jungfrauen, die dem Fest beiwohnen, hatten den Bräutigam begleitet; sie hatten das aber nicht getan, und so werden sie auch nicht zugelassen. Aber auch die Klugen hatten die Ankunft Christi vergessen und waren eingeschlafen; doch besaßen sie wenigstens das, was für diese Ankunft notwendig war. Die Gnade des Bräutigams ruft das Geschrei hervor, das seine Ankunft ankündigt. Dieses Geschrei weckt sie auf, und sie haben Öl in ihren Gefäßen. Der Aufschub, der das Erlöschen der Lampen der Törichten verursacht, gibt den Klugen Zeit, sich vorzubereiten und auf ihrem Platz zu sein; und so vergesslich sie auch gewesen sein mochten, so gehen sie doch mit dem Bräutigam zum Hochzeitsfest ein 7.

Wir gehen jetzt von Seelenzuständen zum Dienst über.

Damit verhält es sich wie mit einem Menschen, der sich von seinem Haus entfernt – denn der Herr wohnte in Israel – der seinen Knechten seine Habe anvertraut und weggeht (Kap. 25,14). Wir finden hier die Grundsätze, welche treue Knechte kennzeichnen, oder aber das Gegenteil. Es handelt sich nicht um die persönliche Erwartung des einzelnen, oder um den Besitz des Öles, das notwendig ist, um in dem herrlichen Gefolge des Herrn einen Platz zu haben; auch nicht um die allgemeine und öffentliche Stellung derer, die sich im Dienst des Herrn befinden – eine Stellung, die als solche und als ein Ganzes gekennzeichnet und deshalb durch einen einzigen Knecht dargestellt wird (Kap. 24,45–51). Es handelt sieh vielmehr um die persönliche Treue im Dienst, wie vorher in der Erwartung des Bräutigams. Der Herr wird bei seiner Wiederkunft mit einem jeden abrechnen. Welches ist nun die Stellung der Knechte? welches der Grundsatz, der Treue hervorruft?

Beachten wir vor allem, dass hier nicht von Gaben der Vorsehung oder von irdischen Besitztümern die Rede ist. Das ist nicht „die Habe“, die Jesus den Seinigen bei seinem Weggang anvertraut hat. Nein, es sind Gaben, die Sie befähigen, in seinem Dienst während seiner Abwesenheit zu arbeiten. Der Herr war unumschränkt und weise. Er gab jedem verschieden und einem jeden nach seiner Fähigkeit. Jeder war geeignet für den Dienst, in welchen er gestellt wurde, und die zur Erfüllung desselben nötigen Gaben wurden ihm verliehen. Es handelte sich allein um Treue in der Ausübung des Dienstes. Was nun die treuen Knechte von den untreuen unterscheidet, ist das Vertrauen zu ihrem Herrn. Sie vertrauten hinlänglich auf seinen wohlbekannten Charakter, auf seine Güte und Liebe, um zu arbeiten, ohne eine andere Bevollmächtigung zu haben als diejenige, die sie aus der Kenntnis seines persönlichen Charakters und aus dem durch dieses Vertrauen und diese Erkenntnis hervorgerufenen Verständnis schöpften. Welch einen anderen Zweck hätte es haben können, ihnen Geldsummen zu übergeben, als um damit Handel zu treiben? Hatte es ihrem Herrn an Weisheit gemangelt, als Er ihnen diese Gaben anvertraute? Die Hingabe, die aus der Kenntnis ihres Herrn entsprang, rechnete auf die Liebe Dessen, den sie kannten. Sie arbeiteten, und sie wurden belohnt. Das ist der wahre Charakter und die Quelle des Dienstes in der Kirche; und das war es, was dem dritten Knecht mangelte. Er kannte seinen Herrn nicht; er vertraute Ihm nicht; er verstand nicht einmal das zu tun, was mit seinen eigenen Gedanken übereinstimmend gewesen wäre (V. 27). Er wartete auf irgendeine Bevollmächtigung, die ihm eine Sicherheit gegenüber dem Charakter gegeben hätte, den sein Herz fälschlich seinem Herrn beilegte. .Jene aber, die den Charakter ihres Herrn kannten, gingen ein in seine Freude.

Zwischen diesem Gleichnis und dem in Lk 19,12–27 besteht der Unterschied, dass in Lukas jeder Knecht nur ein Pfund erhält. Es handelt sich dort nur um die Verantwortlichkeit; und folglich wird der, welcher zehn Pfund gewinnt, über zehn Städte gesetzt. Hier hingegen handelt es sich um die Unumschränktheit und die Weisheit Gottes, und der Arbeiter wird durch die Kenntnis geleitet, die er von seinem Herrn hat; es werden die Ratschlüsse Gottes in Gnade erfüllt. Der, welcher am meisten hat, empfängt noch mehr. Zugleich ist die Belohnung allgemeiner; der, welcher zwei, und der, welcher fünf Talente gewonnen hat, gehen gleicherweise ein in die Freude des Herrn, dem sie gedient haben (V. 21 u. 23). Sie haben Ihn nach seinem wahren Charakter gekannt, und sie gehen ein in seine volle Freude. Möchte der Herr uns allen dies gewähren!

In dem zweiten Gleichnis, dem von den zehn Jungfrauen, ist jedoch noch mehr als das enthalten; es bezieht sich unmittelbarer und ausschließlicher auf den himmlischen Charakter der Christen. Es ist hier nicht die Rede von der eigentlichen Versammlung als einem Leib, sondern von dem Ausgehen der Gläubigen, um dem zur Hochzeit wiederkehrenden Bräutigam entgegenzugehen. Zur Zeit der Wiederkunft des Herrn zur Vollziehung des Gerichts wird das Reich der Himmel den Charakter von Personen annehmen, die von der Welt und mehr noch von dem Judentum, ja, von allem ausgegangen sind, was hinsichtlich der Religion mit dem Fleisch in Verbindung steht – von jeder eingerichteten, weltlichen Form – um nur mit dem kommenden Herrn zu tun zu haben und Ihm entgegenzugehen. Das war der Charakter der Treuen von Anfang an als solcher, die teil hatten am Reich der Himmel, insofern sie die Stellung verstanden, in welche sie durch die Verwerfung des Herrn versetzt waren. Die Jungfrauen waren freilich wieder irgendwo eingegangen, und das verfälschte ihren Charakter; aber das Geschrei um Mitternacht brachte sie an ihren wahren Platz zurück. Sie gehen deshalb mit dem Bräutigam ein; und es handelt sich weder um Gericht noch um Belohnung, sondern einfach darum, bei Ihm zu sein. In dem ersten Gleichnis hingegen sowie in demjenigen in Lukas handelt es sich um die Rückkehr des Herrn auf die Erde und um die persönliche Belohnung – um die Folgen des Verhaltens in dem Reich während der Abwesenheit des Königs 8. In dem Gleichnis von den Jungfrauen ist nicht der Dienst und dessen Folgen der Gegenstand. Jene, welche kein Öl haben, gehen überhaupt nicht zur Hochzeit ein; das genügt. Die anderen haben eine gemeinsame Segnung; sie gehen mit dem Bräutigam zur Hochzeit ein. Es handelt sich hier weder um eine besondere Belohnung noch um eine Verschiedenheit zwischen dem Betragen der einzelnen. Das Kommen des Bräutigams bildete die Erwartung ihres Herzens, obwohl die Gnade sie zu dieser Erwartung wieder hatte zurückbringen müssen. Was aber auch das Feld ihres Dienstes gewesen sein mochte, der Lohn war sicher. Dieses Gleichnis bezieht und beschränkt sich auf den himmlischen Teil des Reiches als solchen; es ist ein Gleichnis vom Reich der Himmel.

Man beachte jedoch, dass der Verzug des Herrn im dritten Gleichnis ebenfalls erwähnt wird: „Nach langer Zeit aber ...“ (Kap. 25,19). Die Treue und die Ausdauer der Knechte werden in dieser Weise auf die Probe gestellt. Möge der Herr uns geben, dass wir jetzt, am Ende der Zeiten, treu und ergeben erfunden werden, damit Er auch zu uns sagen könne: „Guter und getreuer Knecht!“ Es ist bemerkenswert, dass in diesen Gleichnissen die, welche im Dienst stehen oder zuerst ausgehen, dieselben sind, wie jene die am Ende gefunden werden. Der Herr wollte den Gedanken, dass Er verzieht zu kommen, nicht weiter ausdehnen als: „Wir, die Lebenden, die übrig bleiben“ 9.

Weinen und Zähneknirschen sind das Teil dessen, der seinen Herrn nicht gekannt und Ihn geschmäht hat durch die Gedanken, die er über seinen Charakter hegte.

Wie wir bereits gesehen haben, wird der Faden der prophetischen Geschichte, der in Kap. 24,31 abgebrochen wurde, in Kap. 25,31 wieder aufgenommen. In Kapitel 24 sehen wir den Sohn des Menschen gleich einem Blitz erscheinen und danach den Überrest Israels von den vier Enden der Erde versammeln. Das ist jedoch nicht alles. Wenn der Sohn des Menschen auf eine ebenso plötzliche wie unerwartete Weise erscheint, richtet Er zugleich seinen Thron des Gerichts und der Herrlichkeit auf Erden auf. Er vernichtet seine Feinde, die Er in Auflehnung wider sich findet und setzt sich auch auf seinen Thron, um alle Nationen zu richten. Das ist das Gericht der Lebendigen auf der Erde (Kap. 25,31 u. f.).

Vier verschiedene Parteien stehen hier versammelt: Der Herr, des Menschen Sohn, die Brüder, die Schafe und die Böcke.

Die „Brüder“ hier sind, wie ich glaube und bereits bemerkt habe, Juden, Seine Jünger als Juden, die der Herr zu seinen Boten bestellt hat, damit sie während seiner Abwesenheit das Reich verkündigen. Das Evangelium des Reiches sollte allen Nationen zu einem Zeugnis gepredigt werden, und dann sollte das Ende des Zeitalters kommen. Zu der Zeit, von welcher hier die Rede ist, ist dies bereits geschehen; das Ergebnis aber soll erst vor dem Thron des Sohnes des Menschen offenbar werden.

Er nennt daher diese Boten seine Brüder. Er hatte ihnen gesagt, dass sie misshandelt werden würden, und das war geschehen; doch gab es etliche, die ihr Zeugnis angenommen hatten. Nun, die Liebe des Herrn zu seinen treuen Knechten ist so groß, und ihr Wert in seinen Augen so hoch, dass Er jene, zu denen das Zeugnis gesandt war, danach richten wird, ob sie diese Boten gut oder schlecht aufgenommen haben, und gerade so, als ob sie Ihm selbst alles getan hätten. Welch eine Ermutigung für seine Zeugen in dieser drangsalsvollen Zeit, während welcher ihr Glaube im Dienst auf die Probe gestellt werden soll! Zugleich war dies nur ein Akt der Gerechtigkeit denen gegenüber, die gerichtet wurden; denn sie hatten das Zeugnis verworfen, wer auch der Träger desselben gewesen sein mochte. Dann zeigt uns der Herr die Ergebnisse des Betragens der einen wie der anderen. Der König (denn das ist der Charakter, den Christus auf der Erde angenommen hat) fällt das Urteil; und Er beruft die Schafe (d. h. diejenigen, welche die Boten aufgenommen und ihnen in ihren Mühsalen und Verfolgungen Mitleid bewiesen hatten) zur Ererbung des Reiches, das von Gründung der Welt an für sie bereitet war. Denn das war in der Tat Gottes Vorsatz im Blick auf diese Erde gewesen. Gott hatte stets das Reich im Auge; und sie, die Schafe, waren die Gesegneten seines (des Königs) Vaters. Sie waren nicht Kinder, die ihr Verhältnis zu „ihrem“ Vater verstanden, sondern sie empfingen Segen von dem Vater des Königs dieser Welt. Außerdem sollten sie in das ewige Leben eingehen; denn das war durch die Gnade die Kraft des Wortes, das sie in ihren Herzen aufgenommen hatten. Als Besitzer des ewigen Lebens sollten sie in einer Welt gesegnet sein, die gleich ihnen gesegnet war (V. 34). Jene aber, die das Zeugnis und die Zeugen verachtet hatten, hatten damit den König, der sie sandte, verachtet; sie sollten eingehen in die ewige Pein (V. 45+46).

So ist denn die ganze Wirkung der Ankunft Jesu in Bezug auf das Reich und dessen Boten während der Abwesenheit des Herrn entwickelt, und zwar zunächst hinsichtlich der Juden bis Kap. 24,31; dann hinsichtlich seiner Knechte während seiner Abwesenheit bis Kap. 25,30 (mit Einschluss des Reiches der Himmel in seinem gegenwärtigen Zustand und der verheißenen himmlischen Belohnungen) und endlich (von Kap. 25,31 bis ans Ende) hinsichtlich der Nationen, die bei seiner Wiederkunft auf der Erde gesegnet sein werden.

Fußnoten

  • 1 In der Tat ist diese Stellung Israels sowie das damit verbundene Zeugnis durch die Zerstörung Jerusalems unterbrochen worden. Deswegen tritt diese Zerstörung in Verbindung mit der obigen Prophezeiung vor unseren Geist, ist aber keineswegs die Erfüllung derselben. Der Herr ist noch nicht gekommen und ebenso wenig die große Trübsal; aber der Zustand der Dinge, auf welchen der Herr bis zum Ende des 14. Verses anspielt, erlitt eine gewaltsame und gerichtliche Unterbrechung durch die Zerstörung Jerusalems, so dass von diesem Gesichtspunkt aus die beiden Begebenheiten miteinander in Verbindung stehen.
  • 2 Das Evangelium des Reiches war im 10. Kapitel auf Israel beschränkt worden, und so wird es hier obwohl dies nicht Gegenstand der Belehrung ist, bis zum 14. Verse betrachtet; aber es wird keine bestimmte Unterscheidung gemacht. Die Sendung in Mt 28, 19 ist an die Heiden gerichtet; aber da finden wir auch nichts von dem Reich, sondern eher das Gegenteil, obwohl Christus noch nicht gen Himmel gefahren, Ihm aber alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben war.
  • 3 Es ist ganz und gar unmöglich, das Gleichnis des Herrn hier auf das anzuwenden, was man gewöhnlich das allgemeine Gericht nennt - ein Ausdruck, der nicht einmal schriftgemäß ist. Zunächst ist zu bemerken, dass hier nicht nur zwei, sondern drei Klassen unterschieden werden: Böcke, Schafe und Brüder. Sodann ist es nur das Gericht der Heiden. Ferner ist der Grund, weshalb oder aus welchem dieses Gericht stattfindet, durchaus nicht anwendbar auf die große Masse der Menschen, selbst nicht der Heiden. Dieser Grund liegt in der Art und Weise, wie die „Brüder“ behandelt worden sind. Nun ist aber zu der größten Mehrzahl der Heiden viele Jahrhunderte lang kein einziger Bote gesandt worden. Gott hat die Zeit der Unwissenheit übersehen und im Anfang des Römerbriefes wird uns ein anderer Gerichtsgrund betreffs der Heiden angegeben. Von den bekennenden Christen und Juden ist schon im 24. Kapitel und in der ersten Hälfte des 25. Kapitels die Rede. Die Personen, um die es sich in diesem Gericht handelt, sind eben diejenigen, welche der Herr auf der Erde findet, wenn Er kommt, und die Er nach ihrer Behandlung der an sie gesandten Boten richten wird.
  • 4 Wie feierlich ist das hier gegebene Zeugnis betreffs der Folgen, wenn die Versammlung die gegenwärtige Erwartung der Rückkehr des Herrn aus den Augen verliert! Was die bekennende Kirche dahin gebracht hat, in hierarchische Bedrückung und Weltlichkeit zu verfallen, so dass sie am Ende als Heuchlerin abgeschnitten werden wird, ist die Sprache in ihrem Herzen: „Mein Herr verzieht zu kommen.“ Sie hat die gegenwärtige Erwartung des Herrn aufgegeben. Das ist die Quelle ihres Verfalls geworden. Die wahre christliche Stellung war verloren, sobald die Kirche anfing, die Ankunft des Herrn beiseite zu setzen; aber obwohl sie in diesem Zustand ist, wird sie doch behandelt werden wie der verantwortliche Knecht.
  • 5 Der Knecht in Kap. 24 stellt die gemeinsame Verantwortlichkeit dar.
  • 6 Das Wort bedeutet eigentlich „Fackeln“. Um die Flamme derselben zu nähren, hatten sie Öl in Gefäßen bei sich, oder hätten es wenigstens haben sollen.
  • 7 Beachten wir hier auch, dass das Erwachen die Folge des Geschreis ist; letzteres weckt alle auf. Es ist stark genug, um alle Bekenner zu der erforderlichen Tätigkeit anzuspornen; aber die Wirkung ist, dass sie auf die Probe gestellt und voneinander geschieden werden. Es war nicht die Zeit für solche, die schon Bekenner waren, Öl oder Vorkehrungen der Gnade zu empfangen. Um Bekehrung handelt es sich in unserem Gleichnis gar nicht. Von dem Kaufen des Öls ist, wie ich nicht bezweifle, nur deshalb die Rede, um zu zeigen, dass es nicht die rechte Zeit dafür war.
  • 8 In dem dritten Gleichnis in Matthäus (dem von den Talenten) finden wir allerdings die Verwaltung über viele Dinge, das Reich, aber es ist vollständiger durch den Ausdruck: „Gehe ein in die Freude deines Herrn“; und die Segnung wird allen, die im Dienst treu waren, gleichmäßig zuteil, gleichwohl ob dieser Dienst groß oder klein war.
  • 9 So ist es auch mit der Versammlung in Off 2 - 3. Der Herr redet zu damals bestehenden Versammlungen, obwohl ich nicht daran zweifle, dass die sieben Sendschreiben eine vollständige Geschichte der Kirche enthalten.
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