Betrachtung über Matthäus (Synopsis)

Kapitel 12

Betrachtung über Matthäus (Synopsis)

Im vorigen Kapitel wird die Verwerfung Israels, als Folge der Verachtung des Herrn, sowie das Aufhören aller seiner Beziehungen zu dem Volk als Nation sehr klar gezeigt, um von Seiten Gottes ein durchaus neuartiges System, d. h. das Reich unter einer ganz besonderen Form, ans Licht zu stellen. In dieser Hinsicht bildet das Kapitel den großen Wendepunkt in der ganzen Geschichte. Christus ist ein göttlicher Zeuge für Sich selbst, und Johannes der Täufer hat Ihn so anzunehmen wie jeder andere. Der Herr stand nicht länger da als der Messias, für den Zeugnis abgelegt werden musste, sondern als der Sohn Gottes; jedoch gibt Er dem Johannes ein vollständiges Zeugnis. Die Nation hatte Gott verworfen, der sich ebenso durch Warnungen wie durch Gnade offenbart hatte; nur war noch ein Überrest vorhanden. Die Weisheit wurde gerechtfertigt von ihren Kindern. Dann finden wir, wie Christus sich Seiner Verwerfung, so böse sie auch sein mochte, unterwirft, entsprechend dem Willen des Vaters; aber das führt Ihn zum Bewusstsein seiner persönlichen Herrlichkeit, dem wahren Grund jener Verwerfung. Alles war Ihm übergeben vom Vater. Niemand konnte Ihn erkennen, und niemand erkannte den Vater, wenn Er Ihn nicht offenbarte. Die ganze Welt, durch seine Vollkommenheit auf die Probe gestellt, wurde als im Bösen liegend erfunden, wenn auch noch ein kleiner Überrest da war. Die Menschen im Allgemeinen waren fern von Gott. Er blickte vom Himmel herab, wie wir lesen, um zu sehen, ob nicht ein Verständiger da sei; aber alle waren abgewichen, es war kein Gerechter da, auch nicht einer. Jesus stand somit, als Er auf dem See wandelte, allein in einer gerichteten Welt, gerichtet durch seine Verwerfung, aber jetzt in der unumschränkten Gnade des Vaters, indem Er als Sohn Ihn offenbarte und zu der Offenbarung dieser Gnade (in seiner Person) einlud. Das ist jetzt das neue Verhältnis. Er hatte die Menschen auf die Probe gestellt, aber gerade das, was Er war, verhinderte sie, Ihn anzunehmen. Jetzt mussten die Mühseligen zu Ihm, der so allein stand, kommen, und Er gab ihnen Ruhe. Sie mussten von Ihm lernen, der Sich selbst so völlig unterworfen hatte, und sie würden dann Ruhe finden im Blick auf die Welt und alles, was hienieden war. So ist es auch mit uns: wenn wir uns völlig beugen, gelangen wir auf himmlischem und höherem Boden in den bewussten Besitz unserer Vorrechte, als von der Welt nicht anerkannt.

Der erste Umstand, der die Frage bezüglich seiner Person und seines Rechtes, die alte Haushaltung abzuschließen, zur Sprache brachte, war der, dass seine Jünger Kornähren abpflückten und in ihren Händen zerrieben, um ihren Hunger zu stillen. Die Pharisäer tadeln sie deshalb, weil es an einem Sabbattag geschah. Der Herr aber zeigt ihnen, dass der durch die Bosheit Sauls verworfene König David von dem Gebrauch gemacht hatte, was nur den Priestern gegeben war. Der Sohn Davids durfte wohl in einem ähnlichen Fall ein ähnliches Vorrecht genießen. Überdies wirkte Gott in Gnade. Entheiligten nicht auch die Priester den Sabbat durch ihren Dienst im Tempel? Und Einer, der größer war als der Tempel, war da (V. 5+6). Wenn sie überdies die Gedanken Gottes wirklich verstanden hätten, wenn sie von dem Geist durchdrungen gewesen wären, der vor Ihm wohlgefällig ward nach seinem Wort: „Ich will Barmherzigkeit und nicht Opfer!“, so würden sie die Schuldlosen nicht verurteilt haben. Zudem war der Sohn des Menschen auch Herr selbst des Sabbats. Er legt sich hier nicht länger den Titel des Messias bei, sondern den des Sohnes des Menschen – ein Name, der von einer neuen Ordnung der Dinge und von einer ausgedehnteren Macht Zeugnis gab. Die Worte des Herrn sind von großer Bedeutung; denn der Sabbat war das Zeichen des Bundes zwischen dem HERRN und der jüdischen Nation (Hes 20,12–20), und der Sohn des Menschen erklärte seine Macht über denselben. Wenn der Sabbat angetastet wurde, war es um den Bund geschehen.

Dieselbe Frage entsteht in der Synagoge, und der Herr fährt fort, in Gnade zu handeln und Gutes zu tun, indem Er ihnen zeigt, dass sie das gleiche für eines ihrer Schafe tun würden. Das erregt nur ihren Hass, so groß auch der Beweis der wohltätigen Macht Jesu gewesen sein mochte. Sie waren Kinder des Mörders. Jesus zieht sich von ihnen zurück, und eine große Menge folgt Ihm. Er heilt sie, indem Er sie auffordert, Ihn nicht kund zu machen. In diesem allem waren seine Werke indes nur die Erfüllung einer Prophezeiung, die die Stellung des Herrn in dieser Zeit klar bezeichnete (V. 17 u. f.). Die Stunde sollte kommen, wo Jesus das Gericht zum Siege hinausführen würde. Inzwischen aber verlässt Er nicht die Stellung einer vollkommenen Demut, in der sich die Gnade und die Wahrheit denen empfehlen konnten, die sie schätzten und ihrer bedurften. Allein in der Ausübung dieser Gnade und in seinem Zeugnis von der Wahrheit wollte Jesus nichts tun, was diesen Charakter der Erniedrigung entstellt oder wodurch Er die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich gelenkt und also seinem wahren Werk ein Hindernis in den Weg gelegt hätte, oder was gar den Verdacht hätte erwecken können, dass Er seine eigene Ehre suche. Nichtsdestoweniger war der Geist des Herrn auf Ihm, als seinem Geliebten, an dem seine Seele Wohlgefallen gefunden hatte. Er sollte den Nationen das Gericht ankündigen, und diese würden auf seinen Namen hoffen. Die Anwendbarkeit dieser Weissagung auf Jesum ist in diesem Augenblick sehr augenscheinlich. Wir sehen, wie vorsichtig Er gegen die Juden war, indem Er sich der Befriedigung ihrer fleischlichen Wünsche betreffs seiner Person enthielt, und zufrieden war, im Hintergrund zu stehen, wenn nur sein Vater verherrlicht wurde. Er selbst verherrlichte Ihn vollkommen auf Erden, indem Er Gutes tat. Bald sollte Er den Nationen angekündigt werden, sei es in der Ausübung des Gerichts Gottes, oder indem Er sich ihnen als Den darstellte, auf den sie hoffen sollten (V. 17–21). Diese Stelle (Jes 42,1–4) wird hier augenscheinlich durch den Heiligen Geist angeführt, um ein genaues Bild von der Stellung des Herrn zu geben, ehe die neuen Szenen dargestellt werden, die seine Verwerfung für uns bereitet.

Hernach treibt der Herr einen Dämon aus von einem Menschen, der blind und stumm war (V. 22 u. f.) – ein trauriger Zustand, der ein getreues Abbild des Zustandes Israels Gott gegenüber war. Die Menge, voll Verwunderung über diese Heilung, ruft aus: „Dieser ist doch nicht der Sohn Davids?“ Aber als die Religiösen unter ihnen, die auf den Herrn eifersüchtigen und dem Zeugniss Gottes feindseligen Pharisäer, das hörten, behaupten sie, Jesus habe dieses Wunder durch die Macht Beelzebubs gewirkt. Sie besiegeln dadurch ihren Zustand und stellen sich unter das endgültige Gericht Gottes. Jesus zeigt das Widersinnige ihrer Anschuldigung, indem Er sagt, dass Satan doch nicht sein eigenes Reich zerstören werde, und dass überdies ihre eigenen Kinder, die auch die Dämonen auszutreiben vorgaben, ihre Ungerechtigkeit richten würden. Die Pharisäer gaben zu, dass die Dämonen wirklich ausgetrieben wurden; nun, wenn Jesus das nicht durch die Macht Beelzebubs tat, so war es der Finger Gottes, und dann war das Reich Gottes in ihrer Mitte. Der, der in das Haus des Starken eingedrungen war, um seinen Hausrat zu rauben, hatte denselben zuvor binden müssen (V 29).

Die Gegenwart Jesu stellte alles auf die Probe; alles, was von Gott war, vereinigte sich in Ihm. Emmanuel selbst war da. Wer nicht mit Ihm war, der war wider Ihn, und wer nicht mit Ihm sammelte, der zerstreute (V. 30). Von Ihm allein hing jetzt alles ab. Betreffs seiner Person ertrug Er den Unglauben. Die Gnade konnte denselben beseitigen. Er konnte jede Sünde vergeben, aber wider den Heiligen Geist reden und Ihn lästern, d. h. die Tätigkeit einer von Gott kommenden Macht anerkennen und dennoch dieselbe Satan zuschreiben, das konnte nimmer vergeben werden. Die Pharisäer gaben zu, dass der Dämon ausgetrieben war (V. 24); und nur aus Bosheit, mit sehenden Augen und aus wohlbedachtem Hass gegen Gott schrieben sie diese Macht Satan zu. Welche Vergebung hätte es für eine solche Lästerung geben können? Keine, weder in dem Zeitalter des Gesetzes 1, noch in dem des Messias. Das Schicksal derer, die also den Heiligen Geist lästerten, war entschieden, und der Herr gibt ihnen dies zu verstehen. Die Frucht bewies die Natur des Baumes: sie war durch und durch schlecht. Die, an die der Herr sich wendet, waren eine Otternbrut. Johannes hatte ihnen dasselbe gesagt; ihre eigenen Worte verdammten sie (V.31–37).

Daraufhin verlangen die Schriftgelehrten und Pharisäer ein Zeichen (V. 38 u. f.). Das war nichts als Bosheit, denn sie hatten Zeichen genug gesehen; sie wollten nur den Unglauben der übrigen aufreizen. Dieses Verlangen gab dem Herrn Gelegenheit, das Gericht über dieses böse Geschlecht auszusprechen, dem kein anderes Zeichen als das des Jonas gegeben werden sollte. Wie Jonas drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des Fisches geblieben war, so sollte der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der Erde bleiben: und ach! Christus war bereits verworfen. Die Niniviten würden am Tag des Gerichts dieses Geschlecht durch ihr Verhalten verdammen; denn sie hatten auf die Predigt Jonas' hin Buße getan, und ein Größerer als Jonas war hier. Die Königin des Südens würde gleicherweise Zeugnis ablegen gegen die Bosheit dieses widerspenstigen Geschlechts. Ihr Herz, angezogen durch das Gerücht von der Weisheit Salomos, hatte sie von den Enden der Erde zu ihm geführt; und ein Größerer als Salomo war hier. Jene armen, unwissenden Heiden verstanden besser die Weisheit Gottes in seinem Wort, sei es durch den Propheten oder den König, als sein geliebtes Volk, obwohl der große König und Prophet selbst in dessen Mitte war.

Sein Gericht über dieses Geschlecht lautete daher also: Der böse Geist (der Geist des Götzendienstes), der von dem Volk ausgegangen war und fern von Israel keine Ruhe fand – von Israel, ach! seinem wahren Haus, während es das Haus Gottes hätte sein sollen – dieser böse Geist würde mit sieben anderen Geistern, böser als er selbst, zurückkehren; sie würden das Haus leer, gekehrt und geschmückt finden und hineingehend daselbst wohnen. Und so würde der letzte Zustand ärger sein als der erste (V. 45). Welch ein ernstes Gericht über das Volk! Israel, in dessen Mitte der HERR gewandelt hatte, sollte die Behausung eines unreinen Geistes, ja, einer Überfülle von unreinen Geistern werden; nicht nur von sieben Geistern, als der vollkommenen Zahl, sondern mit diesen sieben Geistern, die das ganze Volk zu sinnloser Torheit gegen Gott und seine Verehrer aufreizen und es so in sein eigenes Verderben stürzen würden, sollte auch jener andere unreine Geist kommen und es zu der traurigen Abgötterei zurückführen, der es seit der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft entronnen war. Damit war Israels Urteil gesprochen.

Jesus zerreißt schließlich öffentlich die natürlichen Bande, die zwischen Ihm und dem Volk dem Fleisch nach bestanden (V. 46–50), indem Er nur diejenigen als die Seinigen anerkennt, die durch das Wort Gottes gezeugt waren und dies dadurch offenbarten, dass sie den Willen seines Vaters taten, der in den Himmeln war. Als seine Verwandten wollte Er nur solche anerkennen, die nach dem Muster der Bergpredigt gebildet waren. Von diesem Augenblick an zeugen seine Taten und seine Worte von dem neuen Werk, das Er in Wirklichkeit auf der Erde vollbrachte. Er verlässt das Haus und setzt sich an das Ufer des Sees. Er nimmt eine neue Stellung außerhalb Israels ein, um der Menge zu verkünden, was sein eigentliches Werk war. „Siehe, der Sämann ging aus, zu säen!“

Fußnoten

  • 1 Beachten wir diesen Ausdruck. Wir sehen, in welcher Weise der Heilige Geist von der damals für die Juden gegenwärtigen Zeit, die bald enden sollte, zu der Zeit übergeht, wann der Messias sein Reich aufrichten wird, zu dem „zukünftigen Zeitalter“. Wir haben eine Stellung außer diesem allem, währenddem die öffentliche Aufrichtung des Reiches aufgeschoben ist. Selbst die Apostel predigten oder kündigten das Reich nur an; sie richteten es nicht auf. Ihre Wunder waren „die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters“ (vgl. 1.Pet 1,11-13). Das ist von großer Wichtigkeit, wie wir bald sehen werden. Ebenso verhält es sich mit dem neuen Bund; Paulus war dessen Diener, und doch richtete er ihn mit Juda und Israel nicht auf.
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht