Betrachtung über Matthäus (Synopsis)

Kapitel 2

Betrachtung über Matthäus (Synopsis)

Jesus, auf solche Weise durch den Engel gekennzeichnet und also geboren, und die Weissagungen erfüllend, welche die Gegenwart Emmanuels ankündigten, wird von den Heiden förmlich als König der Juden anerkannt; sie wurden durch den Willen Gottes, der auf die Herzen ihrer Weisen wirkte, geleitet 1. Das will sagen, wir finden hier den Herrn, Emmanuel, den Sohn Davids, den HERRN, den Erretter, den Sohn Gottes, der als König der Juden geboren ist, von den Häuptern der Heiden anerkannt. Das ist im Evangelium Matthäus das Zeugnis Gottes und der Charakter, in dem Jesus dargestellt wird. Weiterhin sehen wir in Gegenwart des also geoffenbarten Jesus die Obersten der Juden in Verbindung mit einem fremden König; sie kennen zwar in systematischer Weise die Offenbarungen Gottes in seinem Wort, sind aber völlig gleichgültig gegen Den, der der Gegenstand dieser Offenbarungen war, und jener König, der erbitterte Feind des Herrn, des wahren Königs und Messias, trachtet danach, Ihn zu töten. Die Vorsehung Gottes wacht über das Kindlein, das dem Volk Israel geboren war, indem sie Mittel anwendet, die die Verantwortlichkeit des Volkes in ihrer ganzen Ausdehnung bestehen lassen, zugleich aber alle Absichten Gottes in Bezug auf diesen einzig wahren Überrest Israels, diese allein wahre Hoffnungsquelle des Volkes, erfüllen. Denn ohne Ihn hätte alles stürzen und die Folgen des Verbundenseins mit dem Volk tragen müssen.

Nach Ägypten hinab gezogen, um der grausamen Absicht des Herodes, Ihm das Leben zu nehmen, zu entrinnen, wird Jesus der wahre Weinstock 2. Er beginnt, d. h. in sittlichem Sinn, in seiner Person sowohl die Geschichte Israels, als auch, in weiterem Sinn, die Geschichte des Menschen, und dies als der zweite Adam, Gott gegenüber. Nur musste hierfür sein Tod eintreten – für alle, ohne Zweifel, zum Segen. Aber Er war Sohn Gottes und Messias, Sohn Davids; um jedoch seinen Platz als Sohn des Menschen einzunehmen, musste Er sterben (siehe Joh 12). So bezieht sich nicht allein die Prophezeiung in Hosea 11,1: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“, auf diesen wahren Anfang Israels (als der Geliebte Gottes) und nach den göttlichen Ratschlüssen (da das Volk in seiner Verantwortlichkeit gänzlich gefehlt hatte, so dass es ohne diese Gnade hätte verworfen werden müssen); sondern wir sehen auch in Jesaja den Knecht Israel dem Knecht Christus Platz machen, der einen treuen Überrest sammelt, welcher der Kern des neuen, Gott entsprechenden Volkes Israel wird (die Kinder, die Gott Ihm gegeben hat, während Er sein Antlitz vor dem Haus Jakobs verbirgt). Das 49. Kapitel des Propheten Jesaja stellt uns diesen Übergang von Israel auf Christus in treffender Weise vor Augen. Zudem ist dies die Grundlage der ganzen Geschichte Israels als eines Volkes, das unter dem Gesetz gefehlt hat und nun in Gnade wiederhergestellt wird. Christus ist in sittlichem Sinn der neue Weinstock, dem es entsprießt (vgl. Jes 49,3+5). 3

Herodes stirbt. Gott macht dies dem Joseph in einem Traume bekannt und befiehlt ihm, mit dem Kindlein und seiner Mutter in das Land Israel zurückzukehren. Es ist bemerkenswert, dass das Land hier unter dem Namen erwähnt wird, der an die von Gott verliehenen Vorrechte erinnert; es ist nicht Judäa noch Galiläa, sondern das „Land Israel“. Aber darf sich der Sohn Davids bei seinem Eintritt dem Throne seiner Väter nahen? Nein, Er muss unter den Verachteten seines Volkes den Platz eines Fremdlings einnehmen. Joseph, durch Gott im Traum unterwiesen, bringt Jesum nach Galiläa, dessen Bewohner der Gegenstand tiefster Verachtung seitens der Juden waren, weil sie nicht in gewohnheitsmäßiger Verbindung standen mit Jerusalem und mit Judäa, dem Land Davids und der von Gott anerkannten Könige, und mit dem Tempel, und weil sogar der Dialekt der beiden gemeinsamen Sprache ihre tatsächliche Trennung von denen verriet, die einst durch die Güte Gottes aus Babylon nach Judäa zurückgeführt worden waren. Und in dem verachteten Galiläa lässt Joseph sich gar noch in einer Stadt nieder, deren bloßer Name hinreichte, um den Ruf des darin Wohnenden zu beflecken und ihn in Schmach zu bringen.

Das war die äußere Lage des Sohnes Gottes, als Er in diese Welt kam, und das die Beziehung des Sohnes Davids zu seinem Volk, als Er in Gnade und nach den Ratschlüssen Gottes in ihre Mitte trat. Einerseits war Er Emmanuel, der HERR, ihr Erretter, und andererseits der Sohn Davids; aber als Er seinen Platz inmitten seines Volkes einnahm, verband Er sich mit den Ärmsten und Verachtetsten der Herde und verbarg sich in Galiläa vor der Gesetzlosigkeit eines falschen Königs, der mit Hilfe der Heiden des vierten Weltreiches über Judäa regierte, und mit dem die Priester und Leiter des Volkes in Verbindung standen. Letztere, untreu gegen Gott und unzufrieden mit den Menschen, verabscheuten stolz ein Joch, das ihre Sünden auf sie gebracht hatten und das sie nicht abzuschütteln wagten, während sie andererseits ihre Sünden zu wenig erkannten, um sich jenem Joch als einer gerechten Strafe Gottes zu unterwerfen.

So zeigt uns denn Matthäus, oder vielmehr der Heilige Geist, Christus, den Messias, in Verbindung mit Israel. – Wir beginnen jetzt mit seiner eigentlichen Geschichte.

Fußnoten

  • 1 Der Stern leitete nicht die Weisen aus ihrem Land nach Judäa. Es gefiel Gott, dieses Zeugnis dem Herodes und den Führern des Volkes vorzuführen. Geleitet durch das Wort (dessen Bedeutung die Hohenpriester und Schriftgelehrten selbst erklärten und demgemäß Herodes sie nach Bethlehem sandte) sahen sie den Stern wieder, den sie in ihrem eigenen Land gesehen hatten, und er führte sie zu dem Haus hin, wo das Kindlein war. Ihr Besuch fand einige Zeit nach der Geburt Jesu statt. Sie hatten ohne Zweifel den Stern zum ersten Mal zur Zeit seiner Geburt gesehen. Auch Herodes richtet sich in seinen Berechnungen nach dem Augenblick der Erscheinung des Sterns, die er genau von den Weisen erforscht hatte. Diese hatten einige Zeit unterwegs sein müssen.
  • 2 Ich möchte hier auch darauf aufmerksam machen, dass die Weissagungen des Alten Testamentes auf dreierlei Weise angeführt werden und daher nicht verwechselt werden dürfen. Das Wort sagt: „damit erfüllt würde“; „damit erfüllt wurde“; „da ward erfüllt“. Im ersten Fall handelt es sich um den Zweck der Weissagung selbst (z. B. Mt 1,22+23); im zweiten um eine Erfüllung, welche in dem Bereich der Weissagung liegt, ohne dass dies jedoch der einzige und vollständige Gedanke des Geistes wäre (z. B. Mt 2,23). Im dritten Fall endlich handelt es sich einfach um ein Ereignis, das dem Geist oder Sinne nach der angeführten Stelle entspricht, ohne aber deren bestimmter Gegenstand zu sein (z. B. Mt 2,17).
  • 3 In Vers 5 wird dieser Titel „Knecht“ von Christus angenommen. In derselben Weise tritt auch in Joh. 15 Christus an die Stelle Israels. Israel war, einst aus Ägypten gebracht, der Weinstock, der wurde; Christus ist der wahre Weinstock.
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