Betrachtung über Matthäus (Synopsis)

Kapitel 3

Betrachtung über Matthäus (Synopsis)

Der Weissagung Jesajas (Jes 40) gemäß kommt Johannes der Täufer, um den Weg des Herrn vor Ihm zu bereiten, indem er verkündigt, dass das Reich der Himmel nahe gekommen sei, und das Volk zur Buße ruft. Der Dienst des Johannes für Israel wird in diesem Evangelium durch drei Dinge gekennzeichnet:

  1. Der Herr, Jehova selbst, stand im Begriff zu kommen. Der Heilige Geist lässt bei Anführung der Stelle (Jes 40,3) die letzten Worte „für unseren Gott“ fehlen, weil Jesus als Mensch in Niedrigkeit kommt, wiewohl Er zugleich als der HERR anerkannt wird, aber Israel nicht das Recht zuerkannt werden konnte, zu sagen: „unser Gott“.
  2. Das Reich der Himmel 1 war nahe – jene neue Ordnung, die den Platz der früheren einnehmen sollte, welche genau genommen zu Sinai gehörte, wo der HERR auf der Erde geredet hatte. In dieser neuen Ordnung sollten „die Himmel herrschen“; sie sollten die Quelle der Autorität Gottes in seinem Christus sein und diese letztere kennzeichnen.
  3. Das Volk, anstatt in seinem gegenwärtigen Zustand gesegnet zu werden, wird im Blick auf das Kommen dieses Reiches zur Buße gerufen. Daher nimmt Johannes seinen Platz in der Wüste. Er trennt sich von den Juden, mit denen er sich nicht vereinigen konnte, weil er im Weg der Gerechtigkeit kam (Mt 21,32). Die Wüste bietet ihm seine Nahrung (sogar seine Prophetenkleider geben Zeugnis von der Stellung, die er auf Seiten Gottes eingenommen hatte), und er war erfüllt mit dem Heiligen Geist.

Johannes war also ein Prophet, denn er kam von Gott und wandte sich an das Volk Gottes, um es zur Buße zu rufen, und er verkündigte ihm die Segnung Gottes gemäß den Verheißungen des HERRN, seines Gottes. Jedoch war Johannes mehr als ein Prophet, denn er verkündigte als eine unmittelbar bevorstehende Sache die Einführung einer neuen, lang erwarteten Haushaltung und die Ankunft des Herrn in Person. Wiewohl er aber zu Israel kam, erkannte er doch das Volk nicht an, denn es sollte gerichtet werden; die Tenne des Herrn sollte gereinigt, und die Bäume, die keine gute Frucht trugen, sollten abgehauen werden. Nur einen Überrest wollte der Herr in die neue Stellung in dem durch ihn angekündigten Reiche versetzen. In welcher Art und Weise dieses Reich errichtet werden sollte, wurde indes noch nicht offenbart. Johannes verkündigte das Gericht des Volkes.

Welch eine Tatsache von unermesslicher Größe war die Gegenwart des HERRN in der Mitte seines Volkes, in der Person Dessen, der, obwohl Er ohne Zweifel die Erfüllung aller Verheißungen sein sollte, und obwohl Er verworfen wurde, notwendigerweise der Richter alles Bösen war, das sich unter seinem Volk vorfand! Je mehr man den vorliegenden Stellen ihre richtige Anwendung gibt, d. h. je mehr man sie auf Israel anwendet, desto besser begreift man ihre wirkliche Kraft 2.

Zweifellos ist die Buße eine zu allen Zeiten geltende Notwendigkeit für jede Seele, die Gott naht; aber welch ein Licht wird auf diese Wahrheit geworfen, wenn wir die Dazwischenkunft des Herrn selbst sehen, der sein Volk zu dieser Buße ruft und, auf dessen Weigerung hin, das ganze System der Beziehungen Israels zu Ihm beiseite setzt und eine neue Haushaltung gründet, ein Reich, das nur denen angehört, die Ihm gehorchen, und der schließlich sein Gericht gegen sein Volk und gegen die so lange von Ihm geliebte Stadt hervorbrechen lässt! „Wenn auch du erkannt hättest, und selbst an diesem deinem Tag, was zu deinem Frieden dient! – Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen“ (Lk 19,42).

Diese Wahrheit macht der Darstellung einer anderen Raum, und zwar einer Wahrheit von der höchsten Wichtigkeit, die hier mehr in Verbindung mit den unumschränkten Rechten Gottes als in ihren Folgen angekündigt wird, die aber bereits alle jene Folgen in sich barg. Das Volk, besonders die Gottlosen und Verachteten kamen von allen Seiten herbei, um getauft zu werden, indem sie ihre Sünden bekannten. Jene aber, die inmitten dieses Volkes in ihren eigenen Augen den ersten Platz einnahmen, waren die Gegenstände des Gerichts in den Augen des Propheten, der das Volk Gott gemäß liebte. Der Zorn stand bevor, und wer hatte jene Verächter angewiesen, ihm zu entfliehen? Sie hätten sich gleich den anderen demütigen, ihren wahren Platz einnehmen und ihre Herzensänderung zeigen sollen. Sich mit den Vorrechten ihrer Nation oder ihrer Väter zu brüsten, war wertlos vor Gott. Er verlangte, was seine eigene Natur, Seine Wahrheit, verlangen musste. Überdies war Er unumschränkt. Er vermochte dem Abraham sogar aus den Steinen Kinder zu erwecken, und Er hat das in seiner unumschränkten Gnade, durch Christus, im Blick auf die Heiden getan. Auf Wirklichkeit kam es jetzt an; die Axt war bereits an die Wurzel der Bäume gelegt, und alle, die nicht gute Früchte brachten, sollten abgehauen werden (V. 7–10).

Das ist der große, sittliche Grundsatz, den das Gericht jetzt ans Licht stellen sollte. Der Schlag war noch nicht getan, aber die Axt lag schon an der Wurzel der Bäume. Johannes war gekommen, um die, die sein Zeugnis annahmen, in eine neue Stellung einzuführen, oder doch wenigstens in einen neuen Zustand, in dem sie hierfür vorbereitet wurden. Auf ihre Buße hin sollten sie von den anderen durch die Taufe unterschieden werden. Doch der nach Johannes Kommende, Dessen Sandalen zu tragen er nicht würdig war, wollte seine Tenne durch und durch reinigen; Er wollte diejenigen, die wahrhaftig und innerlich sein waren, aus seinem Volk Israel (Seiner Tenne) ausscheiden und das Gericht an allen Übrigen vollstrecken. Vorher öffnet Johannes seinerseits die Tür zur Buße; nachher sollte das Gericht kommen.

Das Gericht war nicht das einzige Werk, das Jesus vollbringen sollte. Zwei Dinge werden Ihm in dem Zeugniss Johannes', des Täufers, zugeschrieben. Er tauft mit Feuer, das ist das in Vers 12 angekündigte Gericht, das alles Böse verzehrt. Er tauft aber auch mit Heiligem Geist, mit jenem Geist, der dem lebendig gemachten, erlösten und in dem Blut Christi gereinigten Menschen gegeben wird, und der, in göttlicher Kraft in ihm wirkend, ihn von dem Einfluss alles dessen trennt, was auf das Fleisch einwirkt, und ihn in Verbindung und in Gemeinschaft mit allem bringt, was von Gott offenbart ist: mit der Herrlichkeit, in die Gott seine Geschöpfe in dem ihnen mitgeteilten Leben einführt, indem Er in uns die Kraft alles dessen zerstört, was dem Genuss dieser Vorrechte entgegensteht.

Beachten wir hier, dass das aufrichtige, durch die Gnade gewirkte Bekenntnis der Sünden die einzige gute Frucht ist, die Johannes als den Weg des Entrinnens anerkennt; nur diejenigen, die dieses Bekenntnis ablegen, entgehen der Axt. Es gab in Wirklichkeit keine guten Bäume, ausgenommen jene, die bekannten, dass sie schlecht waren. Welch ein feierlicher Augenblick war dies für das von Gott geliebte Volk! Welch ein Ereignis war die Gegenwart des HERRN inmitten der Nation, mit der Er in Verbindung stand!

Auch dürfen wir nicht unbeachtet lassen, dass Johannes der Täufer den Messias hier nicht als den in Gnade gekommenen Heiland vorstellt, sondern als das Haupt des Reiches, als der HERR, der, wenn das Volk nicht Buße tat, das Gericht vollziehen wollte. Wir werden später die Stellung sehen, die Jesus in Gnade einnahm.

In Vers 13 kommt Jesus selbst, der bisher als Messias und sogar als der HERR vorgestellt worden ist, zu Johannes, um mit der Taufe der Buße getauft zu werden. Zu dieser Taufe zu erscheinen war, wie schon gesagt, die einzige gute Frucht, die ein Jude in seinem damaligen Zustand hervorbringen konnte; diese Tat erwies sich als die Frucht eines Werkes Gottes, als die Frucht der kräftigen Wirkung des Heiligen Geistes. Der Bußfertige bekennt, dass er bisher fern von Gott gewandelt hat; es ist eine neue Regung, die Frucht des Wortes und Werkes Gottes in ihm, das Zeichen eines neuen Lebens, des Lebens des Geistes in seiner Seele. Eben weil Johannes der Täufer gesandt war, gab es in einem Juden keine andere Frucht, keinen anderen gültigen Beweis des Lebens aus Gott als dies. Damit soll nicht gesagt sein, dass niemand da gewesen wäre, in dem der Geist schon zum Leben gewirkt hätte; allein in diesem Zustand des Volkes und entsprechend dem Ruf Gottes durch seinen Diener, war das Bekenntnis der Beweis dieses Lebens, der Umkehr des Herzens zu Gott. Diese Bußfertigen bildeten den wahren Überrest des Volkes, den Gott als solchen anerkannte, und der auf diese Weise von der Masse, die für das Gericht heranreifte, getrennt wurde. Sie waren die wahren Heiligen, „die Herrlichen der Erde“, obwohl die Selbsterniedrigung der Buße ihr einzig wahrer Platz sein konnte. Damit mussten sie beginnen. Wenn Gott Barmherzigkeit und Gerechtigkeit einführt, so benutzen sie dankbar die Barmherzigkeit, indem sie bekennen, dass diese ihre einzige Zuflucht ist, und sie beugen ihr Herz unter die Gerechtigkeit, als die gerechte Folge des Zustandes des Volkes Gottes, indem sie dieselbe auf sich selbst anwenden.

Jesus tritt nun in die Mitte derer, die dies tun (V. 13). Obwohl Er wahrhaftig der Herr, HERR, der gerechte Richter seines Volkes war, der im Begriff stand, seine Tenne zu reinigen, nimmt Er nichtsdestoweniger seinen Platz ein unter dem treuen Überrest, der sich vor diesem Gericht beugt. Er nimmt den Platz des Geringsten seines Volkes vor Gott ein. Er nennt, wie wir in Psalm 16,2+3 lesen, den HERRN „seinen Herrn“, und sagt zu Ihm: „Meine Güte reicht nicht hinauf zu dir“; und zu den Heiligen, die auf der Erde sind, zu den Herrlichen, sagt Er: „An ihnen ist alle meine Lust.“ Vollkommenes Zeugnis der Gnade: der Heiland macht sich gemäß dieser Gnade eins mit den ersten Regungen des Geistes in den Herzen seines Volkes und erniedrigt Sich selbst, nicht allein in der Herablassung seiner Gnade gegen sie, sondern indem Er, als einer von ihnen, in ihrer wahren Stellung vor Gott seinen Platz einnimmt; und Er tut das nicht nur, um ihre Herzen durch solche Güte zu trösten, sondern auch um an allen ihren Mühen und Schwierigkeiten herzlichen Anteil zu nehmen und um das Vorbild, die Quelle und der vollkommene Ausdruck jeder Gesinnung zu sein, die ihrer Stellung angemessen war. Mit dem gottlosen, unbußfertigen Israel konnte Er sich nicht vereinigen, wohl aber mit der ersten Lebenswirkung des Wortes und Geistes Gottes in den Armen der Herde, und Er tat dies in Gnade. Er tut es auch jetzt. Bei dem ersten richtigen, wirklich von Gott gewirkten Schritt wird Christus gefunden.

Aber das war noch nicht alles. Er kommt, um die, welche Ihn annahmen, mit Gott in Verbindung zu bringen entsprechend der Gunst, die auf einer Vollkommenheit gleich der Seinigen und auf einer Liebe ruhte, die dadurch, dass sie die Sache seines Volkes auf sich nahm, das Herz Gottes befriedigte und es Ihm sogar möglich machte, Sich selbst mit Güte zu sättigen, da Er Gott in allem, was Er ist, vollkommen verherrlicht hat. Damit dies aber geschehe, musste der Heiland. wie wir wissen, sein Leben hingeben; denn der Zustand des Juden wie der eines jeden Menschen erheischte dieses Opfer, ehe der eine oder der andere mit dem Gott der Wahrheit in Verbindung treten konnte. Aber selbst dafür hat die Liebe des Heilandes nicht gemangelt. Hier jedoch führt Jesus die Seinigen zu dem Genuss der in seiner Person ausgedrückten Segnung, die auf jenes Opfer fest gegründet werden sollte – einer Segnung, die sie nur erreichen konnten auf dem Weg der Buße; und diesen betraten sie in der Taufe des Johannes. Jesus empfing diese Taufe mit ihnen, damit sie miteinander in den Besitz all des Guten eintreten möchten, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben.

Im Gefühl der Würde und Vortrefflichkeit der Person Dessen, der zu ihm kam, widersetzte sich Johannes der Absicht des Herrn (V.14). Auf diese Weise lässt der Heilige Geist den wahren Charakter der Handlung des Herrn ans Licht treten. Was Ihn betraf, so war es die Gerechtigkeit und nicht die Sünde, die Ihn zur Taufe des Johannes führte, eine Gerechtigkeit, die Er in Liebe erfüllte. Er sowohl wie Johannes erfüllten das, was dem Ihm von Gott angewiesenen Platze angemessen war. Und mit welch einer Herablassung verbindet Er sich zugleich mit Johannes, wenn Er sagt: „Also gebührt es uns!“ (V. 15). Er ist der demütige und gehorsame Diener. So verhielt Er sich stets auf der Erde. Was überdies die Stellung Jesu betrifft, so führte die Gnade Ihn dahin, wohin die Sünde uns geführt hatte, die wir durch die Tür eingingen, welche der Herr für seine Schafe aufgetan hat. Indem wir die Sünde bekennen, wie sie ist, indem wir in dem Bekenntnis unserer Sünde (in sittlichem Sinn das Gegenteil von Sünde) vor Gott treten, finden wir uns mit Jesus zusammen 3. Es ist in der Tat die Frucht seines Geistes in uns. Dies war bei den armen Sündern der Fall, die zu Johannes kamen. In solcher Weise hat Jesus seinen Platz in Gerechtigkeit und im Gehorsam unter den Menschen und insbesondere unter den bußfertigen Juden eingenommen. In dieser Stellung eines gerechten und gehorsamen Menschen, der auf Erden in vollkommener Demut das Werk vollbrachte, für das Er Sich selbst in Gnade (nach Ps 40) opferte und in vollkommener Selbstverleugnung hingab, um den ganzen Willen Gottes zu erfüllen – in dieser Stellung hat Gott, sein Vater, Ihn völlig anerkannt und versiegelt, indem Er auf Erden bezeugte, dass Er sein vielgeliebter Sohn sei.

Als nun Jesus getauft war (der treffendste Ausdruck der Stellung, die Er mit seinem Volk eingenommen hatte), wurden Ihm die Himmel aufgetan, und Er sah den Heiligen Geist wie eine Taube auf Ihn herniederfahren. „Und siehe, eine Stimme kommt aus den Himmeln, welche spricht: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“ (V 16+17).

Die hier mitgeteilten Umstände erfordern indes unsere ganze Aufmerksamkeit. Ehe der geliebte Sohn hienieden war, wurden die Himmel niemals über der Erde oder über einem Menschen auf ihr geöffnet 4. Gott hatte ohne Zweifel alle seine Geschöpfe in seiner Langmut und auf dem Weg der Vorsehung gesegnet; Er hatte auch sein Volk gesegnet nach den Regeln seiner irdischen Regierung. Außerdem gab es Auserwählte, die Er in seiner Treue bewahrt hatte: aber bis dahin waren die Himmel nicht geöffnet worden. In Verbindung mit seiner Regierung auf der Erde war ein Zeugnis von Gott gesandt worden; aber es gab keinen Gegenstand auf derselben, auf dem das Auge Gottes mit Wohlgefallen hätte ruhen können, bis Jesus da war, gehorsam und ohne Sünde, der vielgeliebte Sohn Gottes. Aber – und das ist so köstlich für uns! – sobald Er in Gnaden diesen Platz der Erniedrigung mit Israel (d. h. mit dem treuen Überrest) öffentlich einnimmt und sich also vor Gott hinstellt und seinen Willen erfüllt, öffnen sich die Himmel über einem Gegenstand, der ihrer Aufmerksamkeit würdig war. Allerdings war Jesus stets, selbst ehe die Welt war, ihrer Anbetung würdig; kaum aber hat Er jetzt diesen Platz in den Wegen Gottes als Mensch eingenommen, da öffnen sich die Himmel über Ihm, dem Gegenstand der ganzen Liebe und Zuneigung Gottes auf der Erde; der Heilige Geist kommt sichtbarlich auf Ihn hernieder. Und Er, ein Mensch auf der Erde, ein Mensch, der mit den Sanftmütigen des Volkes, die Reue trugen, seinen Platz einnimmt, wird anerkannt als der Sohn Gottes. Er wird nicht nur von Gott gesalbt, sondern Er ist sich auch als Mensch des Herniederkommens des Heiligen Geistes auf sich bewusst, dieses Siegels des Vaters, das auf Ihn gesetzt wurde. Es handelt sich hier augenscheinlich nicht um seine göttliche Natur in dem Charakter des ewigen Sohnes des Vaters. Das Siegel würde selbst nicht in Übereinstimmung mit diesem Charakter sein; und was seine Person betrifft und sein Bewusstsein von dem, was Er war, das zeigte sich, als Er zwölf Jahre alt war (Lk 2,49). Aber während Er dieses ist, ist Er auch ein Mensch, der Sohn Gottes auf der Erde, und wird als ein Mensch versiegelt. Als ein Mensch hat Er das Bewusstsein der unmittelbaren Gegenwart des Heiligen Geistes bei Ihm. Diese Gegenwart steht in Verbindung mit dem Charakter der Niedriggesinntheit, der Sanftmut und des Gehorsams, in welchem der Herr hienieden erschien. „Wie eine Taube“ stieg der Heilige Geist auf Ihn hernieder, gleichwie Er sich in Gestalt feuriger Zungen auf die Häupter der Jünger setzte für ihr Zeugnis, das in Macht in dieser Welt abgelegt werden sollte, gemäß der Gnade, die sich an alle und jeden in seiner eigenen Sprache richtete.

So bereitet Jesus in seiner eigenen Stellung als Mensch den Platz, in den Er uns durch die Erlösung einführt (Joh 20,17). Doch die Herrlichkeit seiner Person wird immer sorgfältig gewahrt. Es wird dem Herrn nicht ein Gegenstand vorgestellt, wie z. B. dem Saulus und, in einem noch ähnlicheren Falle, dem Stephanus, der, voll Heiligen Geistes, auch die Himmel geöffnet sieht und in sie hinaufblickt und Jesum, den Sohn des Menschen, sieht und in sein Bild verwandelt wird. Jesus ist gekommen; Er selbst ist der Gegenstand, über dem die Himmel sich auftun. Er hat keinen Gegenstand, der Ihn verwandelt hätte, wie Stephanus oder wie wir selbst in dem Geist; die Himmel blicken auf Ihn, den vollkommenen Gegenstand der Wonne, herab. Es ist das schon bestehende Verhältnis zu seinem Vater, das besiegelt wird 5. Der Heilige Geist schafft auch nicht seinen Charakter, außer insofern Christus, was seine menschliche Natur betrifft, durch die Kraft des Heiligen Geistes im Schoß der Jungfrau Maria empfangen worden ist. Er hatte sich schon in der Vollkommenheit dieses Charakters mit den Armen verbunden, ehe Er versiegelt war; und dann handelt Er nach der Energie und Kraft dessen, was Er in seinem menschlichen Leben hienieden ohne Maß empfing (vgl. Apg 10,38; Mt 12,28; Joh 3,34).

Wir finden im Wort Gottes vier merkwürdige Gelegenheiten, bei denen die Himmel sich öffnen. Christus ist der Gegenstand jeder dieser Offenbarungen, und jede hat ihren besonderen Charakter. Hier in Mt 3,16+17 steigt der Heilige Geist auf Ihn hernieder, und Er wird als Sohn Gottes anerkannt (vgl. Joh 1,33+34).

Am Ende des 1. Kapitels des Evangeliums Johannes (Joh 1) erklärt Jesus selbst, dass Er der Sohn des Menschen sei: und die Engel Gottes sind es, die auf- und niedersteigen auf Ihn. Er ist als Sohn des Menschen der Gegenstand ihres Dienstes 6.

Am Ende des 7. Kapitels der Apostelgeschichte (Apg 7,56) enthüllt sich eine ganz neue Szene. Die Juden verwerfen das letzte Zeugnis, das Gott ihnen sendet. Stephanus, der dieses Zeugnis vor ihnen ablegt, ist mit dem Heiligen Geist erfüllt, und die Himmel werden ihm aufgetan. Das irdische System wurde durch die Verwerfung des Zeugnisses des Heiligen Geistes von der Herrlichkeit des aufgefahrenen Christus endgültig abgeschlossen. Doch ist dies nicht nur ein Zeugnis. Der Christ ist erfüllt mit dem Geist; die Himmel sind ihm aufgetan, die Herrlichkeit Gottes wird ihm offenbart, und der Sohn des Menschen erscheint ihm als stehend zur Rechten Gottes. Doch das ist etwas anderes, als wenn die Himmel sich über Jesus, dem Gegenstand der Wonne Gottes auf der Erde, öffnen; der Himmel ist vielmehr dem Christen selbst geöffnet, indem sein Gegenstand dort ist, während er auf der Erde verworfen ist. Er sieht dort durch den Heiligen Geist die himmlische Herrlichkeit Gottes und Jesum, den Sohn des Menschen, den besonderen Gegenstand seines Zeugnisses, in der Herrlichkeit Gottes. Der Unterschied ist ebenso bemerkenswert wie anziehend für uns und zeigt auf die schlagendste Weise die wahre Stellung des Christen auf Erden und die Veränderung, welche die Verwerfung Jesu durch sein irdisches Volk hervorgebracht hat. Nur die Kirche, die Vereinigung der Gläubigen zu einem Leib mit dem Herrn im Himmel, war noch nicht offenbart.

Schließlich öffnen sich die Himmel in Offenbarung 19, und der Herr selbst, der König der Könige, der Herr der Herren, kommt hervor.

So finden wir denn in diesen verschiedenen Vorgängen:

  • Jesum, den Sohn Gottes auf Erden, den Gegenstand der Wonne des Himmels, versiegelt mit dem Heiligen Geist;
  • Jesum, den Sohn des Menschen, den Gegenstand des Dienstes des Himmels, indem die Engel Gottes seine Diener sind;
  • Jesum in der Höhe zur Rechten Gottes, und den Gläubigen, vom Geist erfüllt und um Seinetwillen auf der Erde leidend, indem er die Herrlichkeit in der Höhe und den Sohn des Menschen in der Herrlichkeit erblickt; und endlich:
  • Jesum, den König der Könige und den Herrn der Herren, der hervorkommt, zu richten und Krieg zu führen mit den hochmütigen Menschen, die seine Oberhoheit bestreiten und die Erde unterdrücken.

Kehren wir jedoch zum Ende unseres Kapitels zurück. Jesus, der gehorsame Mensch auf Erden, der als der gute Hirte durch die Tür eingeht, wird vom Vatr selbst anerkannt als sein geliebter Sohn, an dem Er sein ganzes Wohlgefallen hat. Der Himmel öffnet sich Ihm; Er sieht den Heiligen Geist herniederkommen, um Ihn zu versiegeln – die unfehlbare Kraft und Stütze der Vollkommenheit seines menschlichen Lebens; und zugleich hat Er des Vaters eigenes Zeugnis über das zwischen Ihnen bestehende Verhältnis. Kein Gegenstand wird Jesus dargeboten, auf dem sein Glaube ruhen sollte, wie dies bei uns der Fall ist; Sein eigenes Verhältnis mit dem Himmel und mit seinem Vater ist es, welches besiegelt wird. Seine Seele erfreut sich dessen durch das Herniederkommen des Heiligen Geistes und die Stimme seines Vaters.

Diese Stelle erfordert jedoch noch einige weitere Bemerkungen. Der hochgelobte Herr oder vielmehr das, was Ihm begegnete, zeigt uns die Stellung, in die Er die Gläubigen, ob Juden oder Heiden, versetzt; selbstredend werden wir nur durch die Erlösung in dieselbe gebracht. „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott“, so lauten seine wunderbaren Worte nach seiner Auferstehung. Der Himmel ist uns geöffnet; wir sind versiegelt mit dem Heiligen Geist; der Vater erkennt uns als Söhne an. Nur wird die göttliche Würde der Person Christi stets sorgfältig gewahrt, hier in Niedrigkeit, wie auf dem Berg der Verklärung in Herrlichkeit. Mose und Elia sind in derselben Herrlichkeit, aber sie verschwinden, wenn der Eifer des Petrus sie auf einen Boden mit dem Herrn stellen will. Je näher wir einer göttlichen Person sind, desto mehr werden wir anbeten und erkennen, was sie ist.

Doch es gibt hier noch eine andere sehr beachtenswerte Tatsache. Zum ersten Male wird hier, wo Christus diesen Platz unter den Menschen in Niedrigkeit einnimmt, die Dreieinheit völlig offenbart. Ohne Zweifel werden der Sohn und der Geist auch im Alten Testament erwähnt; aber dort ist die Einheit der Gottheit der Hauptgegenstand der Offenbarung. Hier wird der Sohn in dem Menschen anerkannt, der Heilige Geist kommt auf Ihn hernieder, und der Vater erkennt Ihn als seinen Sohn an. Welch eine wunderbare Verbindung mit dem Menschen! Welch ein Platz für den Menschen! Durch die Verbindung Christi mit dem Vater ist die Gottheit in ihrer Fülle offenbart; die Tatsache, dass Er ein Mensch ist, bringt ihre Entfaltung hervor. Er war wirklich ein Mensch, jedoch der Mensch, in dem die Ratschlüsse Gottes betreffs des Menschen ihre Erfüllung finden sollten.

Indem Er daher den Platz verwirklicht und enthüllt hat, in den der Mensch in seiner eigenen Person versetzt ist, sowie unser Verhältnis zu Gott in den Ratschlüssen der Gnade betreffs unser, tritt Er, da wir mit dem Feind im Kampf liegen, ebenfalls in diese Seite unserer Stellung ein. Wir haben unsere Beziehungen zu Gott und zu unserem Vater, und wir haben auch mit Satan zu tun. Christus überwindet für uns und zeigt uns, wie man überwindet. Beachten wir auch, dass das Verhältnis zu Gott zuerst völlig klargestellt und ans Licht gebracht wird, und dass dann erst, in dieser Stellung, der Kampf mit Satan beginnt. So ist es auch bei uns. Die erste Frage war jedoch: Wird der zweite Adam da aufrecht bleiben, wo der erste gefallen ist?, und zwar mit dem Unterschied, dass der zweite Adam sich, anstatt in den Segnungen Gottes, in der Wüste dieser Welt und der Macht Satans befand; denn dahin waren wir gekommen.

Noch ein anderer Punkt ist zu beachten, um den Platz, den der Herr einnimmt, vollständig ans Licht zu stellen. Das Gesetz und die Propheten waren bis auf Johannes; dann wird die neue Sache, das Reich der Himmel, angekündigt. Aber das Gericht macht ein Ende mit dem Volk Gottes; die Axt ist an die Wurzel der Bäume gelegt, die Worfschaufel ist in der Hand Dessen, der da kommt, der Weizen wird in die Scheune Gottes gesammelt und die Spreu verbrannt. Das heißt: die Geschichte des Volkes Gottes kommt zu einem Abschluss im Gericht. Wir treten auf den Schauplatz auf dem Boden des Verlorenseins, indem wir das Gericht gleichsam vorausnehmen; aber die Geschichte des Menschen in seiner Verantwortlichkeit war beendet. Daher wird gesagt: „Jetzt aber ist Er einmal in der Vollendung der Zeitalter offenbart worden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer.“ Das ist äußerlich und buchstäblich dem Volk Israel geschehen, aber in sittlichem Sinn ist es auch für uns wahr. nur werden wir für den Himmel gesammelt (wie damals der Überrest) und werden im Himmel sein. Aber nach der Verwerfung Christi ist die Geschichte der Verantwortlichkeit vorüber, und wir werden eingeführt in Gnade, als schon Verlorene. Weil nun dies als nahe bevorstehend angekündigt wurde, kommt Christus und bereitet diese neue Stellung für den Menschen auf der Erde, indem Er sich mit dem Überrest, der durch die Buße dem Gericht entgeht, einsmacht; indes konnten wir in dieser neuen Stellung erst sein, nachdem die Erlösung vollbracht war. Auch offenbarte der Herr den Namen des Vaters denen, die Er Ihm aus der Welt gegeben hatte.

Fußnoten

  • 1 Diesen Ausdruck finden wir nur bei Matthäus, der sich vornehmlich mit den verschiedenen göttlichen Haushaltungen oder Verwaltungen sowie mit den Handlungen Gottes hinsichtlich der Juden beschäftigt „Das Reich Gottes“ ist gleichsam der Gattungsname. „Das Reich der Himmel“ ist das Reich Gottes, aber in dem besonderen Sinn als diesen Charakter himmlischer Regierung annehmend; wir werden es später wieder finden als gesondert in das Reich unseres Vaters und das Reich des Sohnes des Menschen.
  • 2 Wir müssen uns dabei vergegenwärtigen, dass, abgesehen von den besonderen Verheißungen und der Berufung Israels als Gottes irdisches Volk, dieses Volk gerade den Menschen in seiner Verantwortlichkeit gegen Gott unter der sorgfältigsten Behandlung, die Gott ihm angedeihen lassen konnte, darstellte. Bis zur Sintflut gab es ein Zeugnis, aber keine Verwaltungswege oder Einrichtungen Gottes. Nachher, in der neuen Welt, finden wir die Regierung des Menschen, Berufung und Verheißung in Abraham, das Gesetz, den Messias, Gott in Gnade gekommen - kurz alles, was Gott tun konnte, geschah in vollkommener Geduld, aber umsonst: da war nichts Gutes im Fleisch. Und nun wurde Israel als im Fleisch befindlich beiseite gesetzt, das Fleisch wurde verurteilt, der Feigenbaum als unfruchtbar verflucht, und der Mensch Gottes, der zweite Adam, Er, in welchem auf Grund der Erlösung Segen war, in die Welt eingeführt. In den drei ersten Evangelien wird Christus, wie wir bereits sahen, dem Menschen zur Annahme vorgestellt; in Johannes erscheinen der Mensch und Israel von Anfang an als beiseite gesetzt, und die unumschränkten Wege Gottes in Gnade und Auferstehung werden eingeführt.
  • 3 Geradeso verhält es sich mit dem Bewusstsein unseres Nichts. Jesus machte sich selbst zu nichts; und wenn wir das Bewusstsein unseres Nichts haben, so finden wir uns bei Ihm und sind zugleich mit seiner Fülle erfüllt. Selbst wenn wir zu Fall kommen, erfahren wir nicht eher, dass Jesus uns wieder aufrichtet, bis wir dahin gebracht sind, uns selbst zu erkennen, wie wir wirklich sind.
  • 4 In Hesekiel 1,1 wird zwar gesagt, dass die Himmel sich auftaten; allein dies geschah nur in einem Gesicht, wie auch der Prophet selbst erklärt. In diesem Fall war es die Offenbarung Gottes im Gericht.
  • 5 Das ist auch von uns wahr, wenn wir durch die Gnade in diesem Verhältnis stehen.
  • 6 Die Erklärung, dass Christus die Leiter sei, auf welcher die Engel auf- und niederstiegen. ist ganz falsch. Er ist vielmehr, wie Jakob es einst war, der Gegenstand ihres Dienstes und ihrer Bedienung.
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