Vorträge zum Matthäusevangelium

Kapitel 3

Wir werden jetzt aus der Zeit, als unser Herrn in das Heilige Land zurückkehrte, in die Tage Johannes des Täufers versetzt, welcher die große Heilswahrheit von der Notwendigkeit der Buße nachdrücklich verkündigte. Doch wird hier der Dienst des Johannes gänzlich unter dem Gesichtspunkt der Beziehungen des Herrn zu Israel geschildert. Es ist interessant, die verschiedenen Darstellungsweisen zu vergleichen, in denen die Evangelien die Person des Johannes vorstellen. Das verdeutlicht die Methode, in welcher der Heilige Geist Sein göttliches Recht gebrauchte, die Lebensgeschichte unseres Herrn entsprechend dem genauen Thema, das Er im Auge hatte, zu gestalten und anzuordnen. Ein flüchtiger Leser wird kaum wahrnehmen, daß der Johannes der Täufer des letzten Evangeliums derselbe ist wie im ersten. Die Art, wie er betrachtet wird, und die von ihm berichteten Reden erhalten ihren Charakter dem jeweiligen Buch entsprechend, das der Heilige Geist uns gibt. Das spricht nicht von Unvollkommenheit, sondern ist ein Teil jener bewunderungswürdigen Methode, mit der Gott Seine Absichten ausführt und wie sie dem Ort, den ein jeder Teil der Heiligen Schrift einnehmen soll, angemessen ist. Es gibt Abschnitte in der Bibel, auf die der Unglaube vor allem seinen Finger legt und die er als Beweise für die Unvollkommenheit derselben anführt. Dabei handelt es sich um Unterschiede in der Aussage, die der Mensch nicht zur Übereinstimmung bringen kann. Doch indem wir diese Verse als Teil des Planes Gottes ansehen, um Seinen geliebten Sohn zu ehren, erkennen wir, daß gerade sie von tiefer Bedeutung und voller Ermunterung sind. Alles nimmt seinen besonderen Platz in diesem großen Plan zur Verherrlichung Christi ein. Darin liegt der wahre Schlüssel zu allen Schriftstellen; und wenn dieser Schlüssel von großem Wert beim Lesen der Bibel vom 1. Buch Mose bis zur Offenbarung ist, dann wird das vielleicht nirgendwo so deutlich sichtbar wie in den Evangelien.

Da wir vier verschiedene Berichte von unserem Herrn vorfinden, die jeweils die Ereignisse in unterschiedlicher Weise darstellen, denken die Menschen sofort, daß jedes folgende Evangelium seine Vorläufer ergänzen oder berichtigen müsse. Aber diese Gedanken beweisen nur, daß die Wahrheit nie erkannt, bzw. wieder vergessen wurde. Wird ausreichend bedacht, daß  Gott der Autor der Evangelien ist? Nach Zugeständnis dieser einfachen Wahrheit ist es offensichtlich eine Lästerung vorauszusetzen, daß Er Fehler macht. Schaue dir die unscheinbarste Kreatur an, die Gott erschaffen hat, das kleinste Insekt, das ein Mikroskop am Ende des Grashalms sichtbar machen kann - paßt nicht jedes von ihnen in die Nische, für die Gott es erschaffen hat? Ich leugne nicht, daß die Sünde alle Arten von Unordnung sowohl in die natürliche als auch in die sittliche Welt gebracht hat. Ich gebe zu, daß die Schwachheit des Menschen sogar im Wort Gottes zutage treten kann, und zwar zum einen, indem er das heilige Pfand nicht vor aller Entstellung bewahrt hat, und zum anderen, indem er es mit den schwachen Mittel seiner eigenen Fähigkeiten auslegt. So wird auf die eine oder andere Weise das reine, geoffenbarte Licht Gottes verdunkelt. Doch das beeinträchtigt keinesfalls seine ursprüngliche Vollkommenheit.


Ich habe diese wenigen Bemerkungen gemacht, weil vielleicht nicht alle Leser in gleicher Weise damit vertraut sind, daß die verschiedenen Evangelien unterschiedliche Absichten verfolgen. Darum habe ich keine Bedenken, die Aufmerksamkeit auf die große Hilfe zu lenken, welche dieser Gesichtspunkt zum Verständnis der Heiligen Schrift und insbesondere ihrer scheinbaren Widersprüche liefert.

In dem Kapitel vor uns wird Johannes der Täufer als derjenige vorgestellt, der die Prophezeiung Jesajas erfüllt. „In jenen Tagen aber kommt Johannes der Täufer und predigt in der Wüste von Judäa und spricht: Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen. Denn dieser ist der, von welchem durch den Propheten Jesaias geredet ist, welcher spricht: „Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, machet gerade seine Steige.““ (V. 1-3). Im Lukasevangelium finden wir, wie die Prophezeiung weiter ausgeführt wird. Dort wird mehr zitiert als hier. „Jedes Tal wird ausgefüllt und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden, und das Krumme wird zum geraden Wege und die höckerichten zu ebenen Wegen werden; und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.“ (Lukas 3,5-6). Lukas' Gesichtsfeld ist weiter. „Jedes Tal wird ausgefüllt ... alles Fleisch wird ... sehen.“  Ich frage: Warum zitiert er mehr? Diese Ausführlichkeit ist um so bemerkenswerter, weil Lukas im Unterschied zu Matthäus üblicherweise nicht viele Stellen aus dem Alten Testament anführt. Warum geht Lukas an dieser besonderen Stelle von seiner Gewohnheit ab? Der Grund ist klar. Seine Aufgabe war es, die heilbringende Gnade Gottes zu zeigen, die für  alle Menschen erschienen ist. (Titus 2,11). Der Heilige Geist leitete ihn deshalb an, auf diese Worte den Blick zu richten, welche den allumfassenden Bereich der Güte Gottes an die Menschen entfalten.

Im folgenden finden wir einen Ausdruck, auf den wir jetzt einen Augenblick unsere Aufmerksamkeit richten müssen, nämlich die Bezeichnung „Reich der Himmel“. Uns allen ist dieser Begriff bekannt, weil er in der Bibel häufig angeführt wird. Dennoch sind möglicherweise viele nicht in gleicher Weise vertraut mit seiner Bedeutung. Tatsächlich wird er von den meisten Christen nur ungenau verstanden. Viele denken dabei an die Kirche (Versammlung), und zwar die einen an die sogenannte sichtbare und andere an die unsichtbare Kirche. Manche vermuten, daß dieses Reich mit dem Evangelium oder letztlich mit dem Himmel gleichzusetzen sei. Der Ausdruck stammt aus dem Alten Testament, darum finden wir ihn nur im Matthäusevangelium. Wie wir schon gesehen haben, schreibt unser Evangelist im Blick auf Israel. Deshalb macht er sich eine Bezeichnung zu eigen, die im Alten Testament vorkommt und aus der Prophezeiung Daniels (Kap. 4,26) entnommen ist, der von den Tagen spricht, in denen die Himmel herrschen werden. Vorher lesen wir (Kap. 2), daß der Gott des Himmels ein Reich aufrichten will, das nie zerstört wird. Das ist das Reich der Himmel. Weiterhin lesen wir in Daniel 7 von dem Kommen des Sohnes des Menschen und von einem allgemeinen Königreich, das Ihm gegeben wird. Kapitel 2 stellt uns nur das Reich und nicht die Person vor, deren Händen das Reich überlassen wird. Demnach kann das Reich schon da sein, ohne daß der Mensch, dem es anvertraut wird, bekannt ist. Kapitel 7 vervollständigt das Bild und zeigt, daß die Himmel nicht aus einiger Entfernung regieren werden und daß das Reich nicht erst nach Ausführung des Gerichts über die Erde eingeführt wird. Außerdem sollte einem glanzvollen Menschen die Herrschaft der Himmel anvertraut sein. Der Sohn des Menschen wird nicht einfach alles vernichten, was Gott widersteht, sondern auch ein allumfassendes Königreich einführen, welches nicht zerstört werden wird.

Der Täufer kam mit der Predigt dieses Reiches. Müssen wir annehmen, daß er wußte, welche besondere Form es zuerst annehmen sollte? Er predigte einfach, daß das Reich der Himmel bevorstand und daß er selbst der öffentliche und unmittelbare Vorläufer des Hirten Israels war. Dabei dachte er wie ein gottesfürchtiger Jude und bekundete als besonderes Zeugnis, daß der Messias schon da war. Derjenige, der das Gericht über das Böse ausüben, in der Macht Gottes das Gute einführen sowie die an die Väter verheißene Herrlichkeit verwirklichen würde, sollte bald geoffenbart werden. Christus war dazu bestimmt, auf der Erde alles dieses auszuführen. Das waren, wie ich nicht bezweifle, die allgemeinen Gedanken. Später erkennen wir, daß Johannes nicht im Geringsten auf die Ablehnung Jesu durch die Juden vorbereitet war. Diese Verwerfung führte auch zu den beiden Erscheinungsweisen, die das Reich der Himmel annahm. Während die alte oder jüdische Prägung eines in Macht und Herrlichkeit errichteten Königreichs als sichtbare Oberhoheit über die Erde zurückgestellt wurde, führte die Verwerfung Jesu auf der Erde und Seine Auffahrt zur Rechten Gottes zur Einführung des Reiches der Himmel in einer geheimnisvollen Form. Diese dauert in Wirklichkeit heute noch an. So hat das Reich also zwei Seiten. Als Christus in den Himmel aufstieg und dort Seinen Platz als Verworfener, aber auch Verherrlichter einnahm, begann das Reich der Himmel in seiner heutigen Gestalt.

Im Alten Testament finden wir diesen Anblick des Reiches nicht. Die Geheimnisse des Reiches der Himmel gehören zum Neuen Testament und wurden erst aufgedeckt, als der Messias ganz eindeutig von Israel verworfen war. So sehen wir in Matthäus 11, wie Johannes zwei seiner Jünger aussandte, um zu fragen, ob Jesus wirklich der Messias sei oder ob sie auf einen anderen warten sollten. Es ist unwichtig, wer unsicher wurde - Johannes oder seine Jünger oder sowohl er als auch seine Jünger. Das Ergebnis ist entscheidend. Die Frage an den Herrn klang ungläubig. Johannes mochte durchaus verwundert gewesen sein, daß Jesus nicht die Juden befreite und die Herrlichkeit einführte, auf welche die Patriarchen gewartet und welche die Propheten vorhergesagt hatten. Seltsamerweise saß statt dessen der Bote des Messias im Gefängnis und dieser selbst und Seine Jünger wurden verachtet. Unser Herr wies sofort auf jene Werke der Macht und Gnade hin, welche die Gegenwart Gottes verrieten, der in einer neuen Weise handelte und offensichtlich Seine Macht in Gnade einführte. Das war ein völlig neuer Gedanke, der die Denkweisen oder Hoffnungen des gottesfürchtigsten Juden übertraf. Von diesen Dingen sollten die Boten dem Johannes berichten. Aber Jesus geht noch weiter und sagt: „Und glückselig ist, wer irgend sich nicht an mir ärgern wird!“ (Matthäus 11,6). Diese Worte enthalten offensichtlich einen Tadel an Johannes und deuten an, daß er mehr oder weniger ins Schwanken geraten war.

Es ist jedoch schön zu sehen, wie unser Herr sofort nach dem Weggang der Boten den Täufer vor der Volksmenge verteidigte. Aber nachdem Er Johannes als den Gesegnetsten unter den von Frauen Geborenen bezeichnet hatte, sprach Er plötzlich von der sehr überraschenden Wahrheit, daß trotz der Größe des Johannes der Kleinste im Reich der Himmel größer ist als er. Diese Worte beziehen sich nicht auf das Reich, welches in Macht und Herrlichkeit kommt. An jenem Tag müssen alle Heiligen Alten und Neuen Testaments auferstanden oder verwandelt sein, um daran teilzuhaben. Außerdem wird von solchen, die jetzt berufen werden, gesagt, daß sie „mit Abraham und Isaak und Jakob zu Tische liegen werden in dem Reiche der Himmel.“ (Matthäus 8,11). Was meinte unser Herr also? Bezog Er sich da nicht auf eine Form des Reiches, von der Johannes nie gesprochen hatte? Was war das für ein Reich? Der Herr ging noch weiter und sagte: „Von den Tagen Johannes' des Täufers an bis jetzt wird dem Reiche der Himmel Gewalt angetan, und Gewalttuende reißen es an sich.“ (Matthäus 11,12). Wie außerordentlich muß diese Erklärung in den Ohren der Zuhörer geklungen haben! Der Herr stellte das Reich der Himmel in einer öffentlich dargestellten Form jenem Reich gegenüber, das allein dem Glauben geöffnet wird und dessen Segen um so größer ist, da es nur durch Glauben und nicht durch Schauen erkannt werden kann. So sagte der Herr später zu Thomas: „Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt? Glückselig sind, die nicht gesehen und geglaubt haben!“ (Johannes 20,29).

Diesen Grundsatz finden wir in allen Handlungen Gottes. Abraham war im Land Kanaan gesegneter, ohne das Land zu besitzen, als wenn es tatsächlich sein Eigentum gewesen wäre. In den Wegen Gottes nahm er einen besseren Platz ein, gerade weil ihm kein Fußbreit des Landes wirklich gehörte. So war es auch bei David. Sittlich gesehen war seine Regierung viel herrlicher als diejenige Salomos. Davids Erbe hatte die Stellung der Macht inne; er selbst besaß das Unsichtbare und befand sich näher bei Gott. Wir sehen nirgendwo, daß Salomo richtig verstand, was die Bundeslade lehrte. Dagegen wurde das Herz Davids beständig von ihr angezogen. Salomo stand vor dem großen Altar, den die ganze Welt sehen konnte. Die Bundeslade ruhte jedoch im Allerheiligsten, wo Gott wohnte. Sie war der Thron Seiner Majestät inmitten Israels. Das Herz Davids beschäftigte sich immer wieder mit ihr. Auf der Erde ist die Segnung des Glaubens stets wertvoller als die Segnung des Schauens, wie groß letztere auch sein mag.

In den Handlungsweisen Gottes gab es für eine Seele niemals eine so gesegnete Zeit wie die heutige. Das Geborenwerden im Tausendjährigen Reich kann damit überhaupt nicht verglichen werden. Natürlich wird dann alles Christus unterworfen sein; und manches Herz mag jetzt sagen: „Wäre ich doch in jener Zeit geboren!“ Dennoch werden auch die irdischen Gläubigen in diesem Reich nicht wissen, was es heißt, hinter den Vorhang [des Allerheiligsten; Übs.] zu treten oder die Gemeinschaft der Leiden des Christus zu erfahren. Genauso wenig werden sie im vollen Sinn die Freude des Heiligen Geistes kennen und das Vorrecht, um Christi willen von der Welt hinausgeworfen und verachtet zu sein. So sind also in Hinsicht auf die Leiden und den Genuß dessen, was Christus für uns durchschritten hat und was Seine Herrlichkeit im Himmel ausmacht, unsere gegenwärtigen Vorrechte weit größer. Jene, die jetzt leiden, genießen zuletzt die größten himmlischen Segnungen. Das Besondere der gegenwärtigen Zeit besteht jedoch darin, daß wir schon auf der Erde uns bewußt im Himmel aufhalten dürfen. Wir sind nicht von der Welt, wie auch Christus nicht von der Welt ist. Unser Leben gehört ihr nicht an. Unsere Segnungen haben eine andere Quelle. All unser Teil liegt außerhalb dieser Welt. Solche Wahrheiten werden uns mitgeteilt, während wir noch in der Welt sind, um uns über dieselbe zu erheben. Johannes handelt anders; er geht in die Wüste. Das war ein zeitgemäßer und schöner Ausdruck dessen, was Gott von der Stadt der Heiligkeit, Jerusalem, hielt, wo die Priester ihren Gottesdienst ausübten. Johannes zog sich von all diesem zurück. Sein Herz befand sich außerhalb. Schon die Handlung an sich drückte aus, daß die Wüste besser war als die Stadt, auch wenn sie Gottes Tempel enthielt. Aber was für ein ernstes Zeugnis von dem Verderben - nicht nur der Welt, sondern auch des bevorzugten Volkes, welches das große Verbindungsglied zwischen Gott und der Menschheit im Allgemeinen darstellen sollte!

In dieser Szene erkennen wir noch eine weitere Wahrheit. Wir erfahren nicht nur, daß der Mensch gesegnet und die Erde unter die Glückseligkeit der persönlichen Regierung Christi gestellt werden soll. Es öffnen sich auch die Himmel über dem Herrn Jesus. Niemals hatten sie sich vorher über irgendeinem Menschen auf der Erde geöffnet, außer als ein Zeichen des Gerichts Gottes. (Hesekiel 1). Doch hier ist zum ersten Mal das Auge des Himmels, des Vaters, der im Himmel ist, auf den Geliebten gerichtet. Später nahm dieser Seinen Platz im Himmel ein als der Mensch, der für Sünden gelitten hat und in die geoffenbarte Gerechtigkeit Gottes geführt wurde.

Damals begann das Reich der Himmel. Seitdem Jesus in den Himmel gegangen ist, herrscht dasselbe in seiner neutestamentlichen Ausprägung bis zu Seiner Wiederkehr. In diesem Reich übersteigt das Vorrecht der schwächsten Seele, die jetzt zur Erkenntnis Christi gebracht worden ist, alles weit, was jemals in Herz und Bewußtsein eines Menschen (oder sogar eines Heiligen vor dem Tod und der Auferstehung des Herrn) kommen konnte. Wir mögen an den gesegneten Wandel eines Henoch oder den strahlenden Glauben eines Abraham denken! Dennoch bleibt bestehen: „Unter den von Weibern Geborenen ist kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer; der Kleinste aber im Reiche der Himmel ist größer als er.“ (Matthäus 11,11). Wir können uns dieser Aussage nicht entziehen. Menschen mögen einwenden: „Ist ein kleines Kind, das jetzt an Jesus glaubt, heiliger und gerechter als der gesegnetste Heilige der alten Zeiten?“ Meine Antwort darauf lautet, daß es in dieser Stelle um etwas ganz anderes geht. Natürlich sollte es heiliger und gerechter sein. Doch das wird hier nicht gesagt. Der Herr stellt einfach fest: „Der Kleinste aber im Reiche der Himmel ist größer als er.“

Kurz gesagt: Es geht hier nicht darum, was die Menschen sind, sondern um die Verherrlichung Christi durch Gott. Gott möchte Ihn ehren; und deshalb gibt Er solche Vorrechte dem Geringsten, der an Ihn glaubt. Seit des Herrn Tod und Auferstehung hat der Anbeter, einmal gereinigt, kein Gewissen mehr von Sünden. (Hebräer 10). Denke einmal, was das für einen Heiligen des Alten Testaments bedeutet hätte! Kannte damals irgend jemand eine solche Stellung? Es konnte nicht sein. Die Gläubigen mochten danach ausschauen; aber sie konnten nicht sagen, daß es diese Stellung schon wirklich gab. Bevor Christus gekommen war und das Werk vollbracht hatte, welches die Sünden völlig auslöschte, hätte eine solche Auffassung der Heiligkeit Gottes widersprochen und wäre eindeutig Anmaßung seitens eines Menschen gewesen. Jetzt ist es Anmaßung, wenn wir  nicht mit Vertrauen das annehmen, was Christus bewirkt hat. Sündenvergebung war damals in dieser Weise unbekannt, weil es nicht anders sein konnte. Aber wenn wir heute die Stellung einnehmen, in die wir durch das Werk Christi versetzt sind, haben wir nicht nur die Vergebung der Sünden, sondern sind auch zur Gerechtigkeit Gottes in Christus gemacht worden. (2. Korinther 5,21). Wir besitzen ein neues Leben - das Auferstehungsleben Christi. Zudem empfangen wir den Geist der Sohnschaft, d. h. die Kraft, alle Segnungen zu kennen und zu genießen. Wir stehen auf diese Weise im bewußten Verhältnis von Söhnen vor Gott und sind durch Christus berechtigt zu sagen, daß Sein Vater unser Vater und Sein Gott unser Gott ist. Außerdem dürfen wir wissen, daß wir eins sind mit Christus und daß es nicht die geringste Segnung oder Herrlichkeit gibt, die Gott auf Seinen geliebten Sohn übertragen hat, welche der Sohn nicht mit uns teilt. Dabei ist allerdings zu sagen, daß es sich nur um die übertragene Herrlichkeit handelt; denn es gibt natürlich auch noch Seine wesensmäßige göttliche Herrlichkeit, an der niemand teilnehmen kann. Gott hat Christus niemals zu Gott gemacht. Die Göttlichkeit gehört Ihm rechtmäßig seit aller Ewigkeit. Auf Ihn wurde nie die Gottheit übertragen. Doch Christus wurde Mensch; und auch als Mensch ist Er der Sohn Gottes. (Lukas 1). Er ist nicht nur der eingeborene Sohn und das Wort Gottes. Er ist auch der Sohn Gottes als in diese Welt geboren; und als solcher wurde Er aus den Toten auferweckt. Durch die Auferstehung aus den Toten wurde Er als Sohn Gottes in Kraft erwiesen, damit Er uns in dieselbe Stellung vor Gott führen konnte, welche Er sich erworben hatte. Indem Er unseren Platz einnahm und das schonungslose Gericht Gottes trug, hat Er uns vollständig von demselben befreit. Jetzt führt Er uns in die Stellung, die nicht nur Ihm selbst rechtmäßig zusteht, sondern die Er auch in gerechter Weise für uns erworben hat.

Doch Johannes der Täufer konnte sich Segnungen eines solchen Umfangs nicht vorstellen. Es war für ihn unvorstellbar, Gott zu nahen und Jesus sagen zu hören: „Mein Gott und euer Gott, mein Vater und euer Vater.“ (Johannes 20,17). Das lag daran, daß er nur die Beziehungen kannte, die damals schon geoffenbart waren. Er hütete sich, über das hinaus zu gehen, was das Wort Gottes sagte, bevor Christus mehr verkündete. Die Juden sahen das Reich als den Zustand an, in dem Israel als Nation von Gott gesegnet wird. Und selbst diejenigen, die vielleicht mehr Verständnis hatten, erwarteten, daß alle Macht des Reiches eingeführt würde unabhängig von irgendeinem Beitrag ihrerseits. „Aber ... dem Reiche der Himmel (wird) Gewalt angetan, und Gewalttuende reißen es an sich.“ (Matthäus 11,12). Der Herr zeigt, daß jetzt der Glaube handeln muß. Das Reich der Himmel, wie es hier vorgestellt wird, verlangt das Zerreißen natürlicher Bande und das Aufgeben bisheriger Beziehungen. Johannes hatte schon den Gewissen seiner Zuhörer vorgestellt, daß es nicht einfach um Rituale und angeborene Vorrechte geht, wenn durch einen persönlichen Messias auf der Erde Macht und Herrlichkeit in die Welt kommen sollte. Nur sittliche Echtheit kann Gott zufriedenstellen.

Erlaubt mir, darauf hinzuweisen, wie ernst es tatsächlich ist, wenn wir die Vorrechte der Gnade für etwas in Anspruch nehmen, das der Natur Gottes widerspricht. Dabei rede ich natürlich nicht von dem Verlorenen, der durch die Gnade gefunden wird und dem Gott ein neues, unverdorbenes Leben mitteilt. Andererseits bewirkt der Empfang des Lebens in einer Seele durch Christus Gefühle, Gedanken, Ansichten und Verhaltensweisen, die Gott gefallen und Seinem Wesen entsprechen. Ein Kind Gottes wird dem Vater ähnlich sein. Es besitzt eine Natur, die mit Gott übereinstimmt, und ein Leben, das die Sünde ablehnt und unter dem Bösen in anderen und ganz besonders in ihm selbst leidet. Viele schlechten Menschen sind streng gegen das Böse in anderen, aber schwach, wenn es um ihre eigene Person geht. Ein Gläubiger, ein Christ, beginnt immer mit Selbstgericht.

Aus diesem Grund, weil es hier um die sittliche Vorbereitung auf den Messias geht, predigte Johannes Buße. Buße ist das sittliche Urteil einer Seele über sich selbst unter dem Auge Gottes. Sie bedeutet eine Anerkennung des Urteils Gottes über den Zustand der Seele vor Ihm, indem sie sich darunter beugt. Johannes rief die Juden zur Buße, weil das Reich der Himmel nahe bevorstand. „Denn dieser ist der, von welchem durch den Propheten Jesaias geredet ist, welcher spricht: „Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg Jehovas 1, machet gerade seine Steige.““  Der Vers besagt eindeutig zweierlei: Zum einen war Johannes nur eine Stimme ohne jeden weiteren Anspruch, zum zweiten sollte das Werk von jemand anderem ausgeführt werden. Er war die Stimme; der Andere, dessen Weg er bereitete, war der Herr, Jehova selbst. „Bereitet den Weg Jehovas.“

Danach erfahren wir etwas über die Person Johannes' des Täufers. „Er aber, Johannes, hatte seine Kleidung von Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber war Heuschrecken und wilder Honig.“ (V. 4). Das stimmte völlig mit seiner Aufforderung zur Buße überein. Bis jetzt war die Gnade noch nicht eingeführt worden; das geschah erst bei der vollständigen Offenbarung des Reiches der Himmel. In diesem Charakter kannte Johannes das Reich nicht. Er wußte, daß der Messias bald auftreten sollte - ein Messias, der die Macht Gottes bringen und Sein Volk befreien würde. Doch die tiefe Enthüllung der Gnade, der mächtige Sieg, den ein leidender Messias für die Seele erstreiten sollte, und die Art, wie Gott über die Maßen durch die Hinwegnahme der Sünde durch den Tod Seines Sohnes verherrlicht wurde, waren etwas anderes. Diese Gedanken mußten auf einen späteren Zeitpunkt warten. Sie sollten nicht einfach nur mehr oder weniger verkündigt werden, sondern verlangten vor allem ein ihnen angemessenes Verständnis des Herzens. Niemand konnte sie voll verstehen, bevor das Werk ausgeführt war. Zuerst mußte die Bundeslade des Herrn in den Wassern des Jordan stehen bleiben. Kein Fuß konnte diesen Weg gefahrlos gehen, solange ihm nicht die Bundeslade vorausgegangen war. Gott muß  in Christus vor einem Menschen stehen.

Passenderweise verkündigt Johannes im Matthäusevangelium nicht die Fülle der göttlichen Gnade, sondern den sittlichen Aufruf zur Buße. Hier möchte der Geist Gottes ein Empfinden dafür hervorrufen, was wir Menschen sind, und nicht das Werk Christi und die Fülle der Gnade in Ihm vorstellen. Im Johannesevangelium hingegen spricht der Täufer in einer Weise, sodaß tiefere Gedanken ausgedrückt werden. Dort äußert er jene lieblichen und denkwürdigen Worte: „Siehe, das Lamm Gottes, welches die Sünde der Welt wegnimmt.“ (Johannes 1,29). Verstand er selbst, was er sagte? Wer könnte es sagen? Es muß nicht notwendig so sein. Sogar heutzutage erfassen viele Kinder Gottes diese Wahrheit nicht. Gott konnte Johannes' Worte mit großer Kraft als Prophezeiung benutzen. Auch der Heilige Geist ging in Seinem Zeugnis zur Zeit des Alten Testaments nicht darüber hinaus. Damals gab Er den Erlösten den Glauben an einen kommenden Messias. Einige, und zwar die Propheten, waren die Gefäße des Geistes, um Ihn vorherzusagen. Aber niemand vermochte die persönliche Freude der Gemeinschaft als Ergebnis der Erfüllung der Vorhersagen zu genießen, bevor das Werk vollbracht war. Es konnte nicht sein.

Johannes befand sich demnach außerhalb der Religion des Menschen und seinem weltlichen System. Er weilte nicht in Rom, aber auch nicht in Jerusalem. Das war bei dem vorhergesagten Boten Jehovas ein sehr ernstes Kennzeichen. „Da ging zu ihm hinaus Jerusalem und ganz Judäa und die ganze Umgegend des Jordan; und sie wurden von ihm im Jordan getauft, indem sie ihre Sünden bekannten. Als er aber viele der Pharisäer und Sadducäer zu seiner Taufe kommen sah, sprach er zu ihnen: Otternbrut! wer hat euch gewiesen, dem kommenden Zorn zu entfliehen?“ (V. 5-7). Das ist ein Teil jener Wahrheit, die außerordentlich überrascht, wenn wir darüber nachdenken. Die Pharisäer hatten in religiöser Hinsicht den größten Einfluß in Israel. Die Sadducäer bildeten die weltoffene, irdisch gesinnte und zügellose Menschenklasse. Die Pharisäer standen sehr fest für vieles, was der Wahrheit entsprach, und für alles, was sie für Wahrheit hielten. Doch als Johannes beide Gruppen zu seiner Taufe kommen sah, sagte er: „Otternbrut! wer hat euch gewiesen, dem kommenden Zorn zu entfliehen? Bringet nun der Buße würdige Frucht!“  Er hielt fest, daß der Tag des Zeremonienwesens und des Geburtsrechts völlig vorbei war. Ein Pharisäer mochte sich auf seiner Religion ausruhen, ein Sadducäer auf seiner Abstammung von Abraham. Das Verlangen, dem Zorn zu entkommen und ein Teil in dem Reich zu haben, konnte auch einfach aus der menschlichen Natur stammen.

Demütige Seelen passen in das Reich; und Gott, der jetzt völlig geoffenbart ist, fordert Wirklichkeit. Die Abstammung von den Vätern, das Gesetz oder sogar die Verheißungen konnten in gegen Gott gerichtete Ansprüche verdreht werden. Gott erlaubte es jedoch nicht. Er kann dem Abraham aus Steinen Kinder erwecken. Wenn sie sich Gott zu nahen suchten, dann mußte es in einer Natur und auf einem Weg erfolgen, die sittlich Gott entsprachen. Johannes sagt daher: „Bringet nun der Buße würdige Frucht!“  Er erklärt hier nicht, wie ein Sünder errettet wird oder wie Gott Sünden vergibt. Aber er hält fest, daß Personen, die mit Gott in Verbindung treten wollen, Seiner Gegenwart entsprechen müssen. So schreibt der Apostel an die Hebräer: „Jaget dem Frieden  nach ... und der Heiligkeit, ohne welche niemand den Herrn schauen wird.“ (Hebräer 12,14). Er spricht dort nicht davon, daß jemand für gerecht erklärt wird, sondern von der Heiligkeit als gegenwärtiger und praktischer Eigenschaft. Diese Aufforderung wurde an Christen geschrieben; und der Heilige Geist zögert nicht, fest darauf zu bestehen. So stark ist in der menschlichen Natur der Trieb zur Überreaktion, daß sogar getaufte Juden, die früher für das Gesetz eintraten, in das entgegengesetzte Extrem verfallen und denken konnten, daß die Sünde mit dem Heil vereinbar sei, das Gott durch die Gnade mitteilt. Gott erlaubt jedoch niemals, daß Sein Wesen und zugelassene Ungerechtigkeit zusammenbleiben.

Das war offensichtlich ein strenger Tadel an die Führungsschicht der Juden. Aber Johannes fügt noch mehr hinzu: „Schon ist aber die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt.“  Das bedeutet: Das Gericht steht bevor. „Jeder Baum nun, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Ich zwar taufe euch mit Wasser zur Buße.“ (V. 10-11). Weiter ging er nicht. Wenn er möglicherweise von Vergebung der Sünden sprach (vergl. Markus 1,4), dann scheint es sich eher um eine Frage der Regierungswege Gottes zu handeln und nicht um das vollständige Abwaschen der Sünden, welches nach dem Werk der Sühne eine Frucht der Gnade ist. Doch auch so geschah alles im Blick auf die Ankunft des Messias.

„Ich zwar taufe euch mit Wasser zur Buße; der nach mir Kommende aber ist stärker als ich, dessen Sandalen zu tragen ich nicht würdig bin; er wird euch mit Heiligem Geiste und Feuer taufen.“  So stellte Johannes die beiden unterschiedlichen Gesichtspunkte des ersten und zweiten Kommens Christi nebeneinander. Er wußte nicht anders, als daß beide zusammenlaufen würden. Alles, was zwischen ihnen liegen mochte, war vor seinen Augen verborgen. Die alt-testamentlichen Schriften stellen sowohl das erste als auch das zweite Kommen des Messias vor. Dabei gewinnt der Leser jedoch nicht den Eindruck, daß es sich um zwei verschiedene Zeitabschnitte handelt. Sogar nach dem Tod und der Auferstehung des Herrn verstanden die Jünger dieses noch nicht. So vermengt auch Johannes die beiden Geschehen: Die Taufe mit dem Heiligen Geist und die Taufe mit Feuer. Wir wissen, daß die Taufe mit dem Heiligen Geist die Kraft des Segens Gottes im Reich der Himmel, wie es jetzt ist, ausmacht. Die Taufe mit Feuer wird das Reich der Himmel beim Wiederkommen Christi begleiten. Das Wort Gottes stützt nirgendwo den Gedanken, daß die Taufe mit Feuer durch das Ereignis von Pfingsten erfüllt sei; denn jene Taufe bedeutet die Anwendung des Gerichts Gottes im Umgang mit den Menschen. Dagegen wurden am Pfingsttag Gottes Gnade ausgegossen und der Heilige Geist mitgeteilt, um in den Heiligen Gottes zu wohnen. Letzteres Ereignis bezog sich auf die Kraft des Heiligen Geistes, Der ausging, um ein Zeugnis abzulegen. Dieses ist von solcher Art, daß es nicht eine einzige Sünde im Herzen der Menschen ertragen kann, während es gleichzeitig die Gnade Gottes entfaltet.

Das ist Christentum, nämlich die vollkommenste Liebe Gottes gegen einen Menschen, der keinen Anspruch darauf hat. Alles Böse in ihm ist durch die Gnade im Tod Christi verurteilt worden. Auf diese Weise wird ein Mensch ehrbar vor Gott und Menschen. Er kann es sich erlauben, frei und offen zu sein, weil er weiß, daß Gott ihm nichts mehr zurechnet. Wenn wir am Pfingsttag von zerteilten Zungen lesen, dann sollte dadurch gezeigt werden, daß das Zeugnis Gottes zu den Nationen genauso wie zu den Juden ausgehen würde. Andererseits, wenn Matthäus 3 von der Taufe unseres Herrn mit Feuer spricht, wird nicht auf diese Zungen wie von Feuer angespielt, sondern auf die Ausführung des gerechten Gerichts bei der Rückkehr Christi. Das wird durch das Folgende noch deutlicher. „Dessen Worfschaufel in seiner Hand ist, und er wird seine Tenne durch und durch reinigen und seinen Weizen in die Scheune sammeln, die Spreu aber wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer.“ (V. 12). So handelt Er keineswegs bei der Errettung einer Seele - im Gegenteil. Diese Worte beziehen sich auf die Zeit, nachdem die Menschen das Evangelium verworfen haben und nichts mehr übrig bleibt, als das Ausgießen der Rache über sie.

„Dann kommt Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um von ihm getauft zu werden.“ (V. 13). Wie außerordentlich wunderbar! Jesus kam, um von Johannes, der ausdrücklich Buße und Vergebung der Sünden predigte, getauft zu werden. Was konnte den Herrn Jesus dorthin führen; denn Er bekannte niemals Sünden und hatte nichts zu bekennen? Er forderte sogar Seine Feinde auf, Ihn der Sünde zu überführen. (Johannes 8, 46). Ein Mensch ohne Sünde - ohne die geringste Spur von Eigensucht irgendwelcher Art - der Demütigste und Gesegnetste der Menschen - Derjenige, der alles nach den Gedanken Gottes richtete - und doch kam Er, um getauft zu werden! Johannes empfand es sofort: Jesus kam, um von ihm getauft zu werden! Es war schon außerordentlich, daß Jesus sich überhaupt taufen lassen wollte, und dann auch noch von ihm, dessen Taufe die Taufe der Buße war! Worin liegt der Schlüssel zu diesem Verhalten des Herrn? Es ist die Gnade - die Quelle und der Ausfluß aller Beweggründe in Jesus. Nicht das Gericht Gottes führte Ihn zu Johannes. Es bestand auch keine persönliche Notwendigkeit für Ihn, dorthin zu kommen. Er hatte nichts zuzugeben oder zu bekennen. Es war reine Gnade.

Auf wen in Israel sah das Auge Gottes voll Mitgefühl herab? Auf jene, die ihre Sünden bekannten! Er blickt immer auf solche; denn der nächstbeste Zustand nach der Sündlosigkeit besteht im Bekennen der Sünden. Wir wissen, daß dies in der Seele eines Sünders die erste große Bewegung ist, die durch den Heiligen Geist bewirkt wird. Er fühlt dann seinen wahren Platz im Angesicht Gottes. Hier war der Gesegnete; und obwohl der Natur nach nicht ein Makel Seine Anwesenheit erforderlich machte, führte Ihn doch die Gnade herzu. Und als Johannes Ihn ernstlich aufhalten wollte mit den Worten: „Ich habe nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?“ - welch gesegnete Gnade und Wahrheit entfaltete die Antwort unseres Herrn! „Laß es jetzt so sein; denn also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ (V. 14-15). Die Gerechtigkeit sollte nun in jeder Form erfüllt werden und nicht nur in der Ausführung des Gesetzes. Jetzt lag die Gerechtigkeit darin, den wahren Zustand anzuerkennen, in welchem sich selbst der beste Teil Israels befand. Denn wenn es irgendwelche Menschen in Israel gab, die im Geringsten für Gott empfanden, dann waren es jene, die von Johannes getauft wurden - jene, die angesichts des Reiches der Himmel Buße taten. Sie verlangten nach den Verheißungen Gottes und wünschten, bereit für den König zu sein. Das Herz des Herrn war sofort bei ihnen. Die Teilnahme Seiner Seele war bei denen, die sich im Bewußtsein ihrer Sünde vor Gott demütigten.

Derselbe Grundsatz gilt auch für uns in dem Maß, wie der Geist Christi in unseren Seelen nicht betrübt ist. Selbst wenn es sich darum handelt, einem Menschen etwas zu gestehen - wem öffnest du am schnellsten dein Herz? Dem geistlichsten Menschen! Ein Mensch, der in der Praxis seines Wandels am weitesten über der Sünde steht, besitzt das Herz, dem du deine Sünde am vollständigsten offenbaren kannst. „Wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt würde, so bringet ihr, die Geistlichen, einen solchen wieder zurecht im Geiste der Sanftmut.“ (Galater 6, 1). Gerade die Vollkommenheit der Heiligkeit Christi ließ Ihn so handeln. Jeder andere hätte den äußeren Eindruck gescheut. Wäre Christus einfach unschuldig und nicht heilig gewesen - hätten wir Ihn dann hier gefunden? Niemals! Heiligkeit setzt göttliche Macht gegen die Sünde voraus, Unschuld nur die Abwesenheit derselben. So sehen wir Christus im vollen Bewußtsein Seiner vollkommenen Heiligkeit zu Johannes' Taufe kommen und Seinen Platz bei denen in Israel einnehmen, die in Hinsicht auf Gott richtig empfanden. Danach machte Johannes keine Einwände mehr. Der Herr erfüllte alle Gerechtigkeit, ohne Sünden zu bekennen; und Seine Güte konnte dabei Johannes mit einschließen.

„Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald von dem Wasser herauf; und siehe, die Himmel wurden ihm aufgetan, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herniederfahren und auf ihn kommen. Und siehe, eine Stimme kommt aus den Himmeln, welche spricht: Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ (V. 16-17). War dieses wunderbare Zeugnis Gottes des Vaters nicht eine Folge davon, daß Christus alle Gerechtigkeit in den Wassern des Jordan erfüllte? Es war die Antwort Gottes zu dem Platz, den Christus in Seiner Gnade eingenommen hatte. Gottes Eifer für die Herrlichkeit Seines Sohnes konnte nicht erlauben, daß irgendein Argwohn auf diese äußerst liebliche und demütige Handlung fiel. Deshalb ist Gott - für den Fall, daß die vollständige Gnade in der Taufe Jesu nicht erkannt werden sollte - sehr schnell mit Seinen Worten: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe.“  Glaube nur nicht, daß in Ihm eine Sünde war! Doch wenn du, der du deine Sünde fühlst, von Johannes getauft wirst, ist Er bei dir! Falls die Schafe ins Wasser gehen, dann auch der Hirte. Der Vater verteidigte sofort Seinen Sohn: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe.“  Das heißt nicht, daß Er nur an dieser Handlung Wohlgefallen fand. Es ist der rückblickende Ausdruck des Wohlgefallens Gottes. Alle falschen Gedanken, die der arme Verstand des Menschen nach dieser demütigen Handlung haben könnte - und auch hat -, werden zurückgewiesen.

Ist es nicht immer so im Wort Gottes? Falls es dort irgendwo eine scheinbar verschlossene Tür gibt, dann liegt der Schlüssel in der Regel direkt dahinter. Wenn ein Herz mit Gott rechnet, die Vollkommenheit Seines Wesens kennt und eifersüchtig auf die Ehre Seines geliebten Sohnes achtet, dann wacht Gott darüber, daß es nicht in die Irre geht. Der Mensch hat sich bemüht, aus der Gnade des Herrn, der auf diese Weise Seinen Platz bei den Gottesfürchtigen in Israel einnahm, einen Vorteil zu ziehen, um Seine Person und sogar Seine Stellung in Bezug auf Gott herabzusetzen. Aber wenn wir die Bibel mit Glauben und unter der Zucht des Heiligen Geistes lesen, was hören wir dann? „Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe.“  Wir werden die Bedeutung dieser Worte bald im Zusammenhang mit den folgenden Ereignissen sehen, müssen jedoch im Augenblick dieses Thema verlassen. Im ganzen Wort Gottes ist nichts so voller Segen für den Gläubigen wie die Person Christi und Seine Wege. Dabei müssen wir jedoch immer eifrig über unser Ich wachen und auf die besondere Leitung des Heiligen Geistes achten; denn wer von uns ist aus sich selbst heraus fähig, diese Wahrheiten richtig zu verstehen?

Fußnoten

  • 1 siehe Fußnote 3 in Kapitel 1
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