Vorträge zum Matthäusevangelium

Kapitel 27

Das ganze Evangelium hindurch berücksichtigt der Heilige Geist in Seiner Schilderung ganz besonders die Beziehungen unseres Herrn zu Israel. Darum fanden wir in den vorigen Kapiteln, wo uns die Zerstörung Jerusalems vorhergesagt wird, als ausdrücklichen Trost für Sein Volk den sorgfältigen Nachweis, daß ein gottesfürchtiger Überrest bewahrt werden wird. Wie in diesem prophetischen Zeugnis sehen wir auch im Bericht von der Kreuzigung, wie das Matthäusevangelium sie berichtet, speziell das Teil Israels. Die Rolle der Juden in dieser staunenswerten Szene wird ausführlich dargestellt, indem sie die Vorhersagen des Gesetzes, der Psalmen und der Propheten in Hinsicht auf die Verwerfung ihres eigenen Messias erfüllten. Unser Evangelist schrieb deutlich im Blick auf die Juden. Deshalb war es von größter Bedeutung, sie durch sein Zeugnis davon zu überzeugen, daß Gott Seine Verheißungen in der Sendung des Messias erfüllt hatte; und doch wurde Er durch Israels Unglaube abgewiesen und von ihnen durch heidnische Hände an dem Holz gekreuzigt. Welchen besonderen Wert hat es, das Gesetz und die Propheten vor Nichtjuden zu zitieren? Die alttestamentlichen Schriften bildeten ein Buch, von dem die Heiden nur eine sehr flüchtige Vorstellung besaßen. Wir finden Hinweise auf diese Schriften ebenfalls im Lukasevangelium – gerade genug, um eine Verbindung zu ihnen herzustellen; und das ist alles. Matthäus jedoch, auch wenn er für alle Menschen schreibt, hat vor allem Israel im Blickfeld. Darum wird der Herr in seinem Evangelium so nachdrücklich und sorgfältig als der Messias vorgestellt, wobei er schon ganz zu Anfang Seine Verwerfung andeutet. In den dargestellten Einzelheiten unseres Kapitels sehen wir nicht nur wie ausführlich Prophezeiungen erfüllt werden, sondern auch die Art und Weise in der sich die Feindschaft entfaltet. Dabei steht die Schuld der religiösen Führer im Vordergrund. In dieser Welt ist es das religiös Böse, welches am heftigsten gegen Gott streitet. Der Teufel kann seine Ziele auf der Erde am besten erreichen, wenn er zur Rechtfertigung dessen, was die Menschen tun, den Namen Gottes anführt.

So sind die Priester hier die Handelnden. „Als es aber Morgen geworden war ...“ - sie erhoben sich früh, um ihre Absicht zu erreichen. Beachten wir auch, daß gesagt wird: „Alle Hohenpriester ...“ Dies zeigt das völlige Verderben und die Blindheit der Nation. Es ist eine erschreckende Wahrheit, daß jene, welche die zuverlässigen Führer des Volkes hätten sein sollen, seine Verführer zur größten aller Sünden waren. Das sollte ein Jude, der weiß, daß das Priestertum von Gott eingesetzt und beauftragt war, unbedingt wissen. Waren nicht die Söhne Aarons von Gott auserwählt? Wurde nicht ihre Erbfolge ordnungsgemäß eingehalten? Waren nicht die Juden als Volk aus den übrigen Völkern herausgerufen worden, um den wahren Gott und Sein Gesetz anzuerkennen? Ganz gewiß. Was war jetzt aus ihnen und ihren Oberhäuptern geworden? Die Verführten und ihre Verführer spielten die Hauptrolle in der Kreuzigung Christi. Sie waren die Menschen, die unter allen Nationen das meiste Licht besaßen. Doch der Mensch gebrauchte das Licht einzig und allein dazu, um desto verhärteter und erbitterter in der Verwerfung des Sohnes Gottes aufzutreten. „Und nachdem sie ihn gebunden hatten, führten sie ihn weg und überlieferten ihn Pontius Pilatus, dem Landpfleger.“ (V. 2). Wie immer wir die Nichtjuden hier auch handeln sehen – Gott stellt sorgfältig heraus, daß die Juden nicht nur im Geheimen als Verschwörer wirkten, sondern auch offen schuldig waren.

„Als nun Judas, der ihn überliefert hatte ...“ (V. 3). „Sie aber sagten: Was geht das uns an? Siehe, du zu.“ (V. 4). Ein schreckliches Bild davon, was Satan in einem elenden Herzen zustande bringt! Je näher Judas bei Jesus gewesen war, desto weiter ist er jetzt sittlich von Ihm entfernt! Die Überzahl aller schuldigen Menschen sind jene, welche äußerlich die größten Vorrechte besaßen, während die Wahrheit Gottes nicht ihre Seelen beherrschte. Wir erkennen auch den Spott Satans – die Art und Weise, wie er in dieser Welt seine Opfer täuscht. Judas hatte nicht erwartet, daß Jesus sterben würde. Er hatte den Herrn schon vorher in drohenden Gefahren erlebt. Er hatte Ihn gesehen, wie Er, als das Volk Steine aufhob, um sie auf Ihn zu werfen, sich verbarg, durch ihre Mitte hindurchging oder Seinen Weg weiterverfolgte. Er wußte, daß Jesus auf dem See wandeln und alle natürlichen Hindernisse überwinden konnte. Warum nicht auch den rasenden Sturm menschlicher Leidenschaften und Gewalttat? Judas wurde jedoch, trotz all seiner Berechnungen, betrogen. Er übergab sich der Habsucht. Er schacherte um das Blut Jesu – und Jesus kam um. Zu seinem Schrecken mußte er die Wahrheit erkennen. Satan, der ihn durch seine Geldliebe verführt hatte, überließ ihn ohne die geringste Hoffnung und in finsterster Verzweiflung sich selbst. Er ging zu den Priestern. Welche jämmerlichen Tröster waren sie für eine elende, verzweifelte Seele! Ein Bekenntnis der Sünde, ohne dabei sein Vertrauen auf Gott zu setzen, ist wertlos.

Meine Seele, halte an Gott fest und glaube Ihm um deswillen, was Er in Christus ist! Ohne Liebe zu Jesus gibt es keinen Glauben. Bei Judas fehlten beide. Seine Seele dachte nicht an Jesus; und das bewies, daß kein Leben in ihm war. Die ganze äußere Nähe zum Herrn, deren er sich früher erfreuen konnte, war jetzt eine um so größere Last, um ihn ins Verderben sinken zu lassen. Was ist das Ende der Sünde, der Sünde gegen Jesus, schon in dieser Welt! Judas brachte die dreißig Silberlinge zu den Hohenpriestern und Ältesten zurück mit dem Bekenntnis: „Ich habe gesündigt, indem ich schuldloses Blut überliefert habe.“ Sie konnten die Wahrheit seiner Worte nicht leugnen. Doch mit äußerster Herzlosigkeit sagten sie: „Was geht das uns an? Siehe du zu. Und er warf die Silberlinge in den Tempel und machte sich davon und ging hin und erhängte sich.“ So manche Seele hat Jesus praktisch verkauft, wenn auch nicht buchstäblich. Möge jeder darauf achten, daß seine Sünde nicht in irgendeiner Weise Judas' Sünde gleicht! Wenn Gott Sünder zur Erkenntnis Seines Sohnes beruft, dann ist es furchtbar, Ihn zurückzuweisen. Das bedeutet, Jesus zu verkaufen für irgendwelche Dinge in dieser Welt, die wir gerne haben möchten oder zu sehr lieben, um uns davon zu trennen. Bei Judas zeigte sich diese Einstellung in ihrer schlimmsten Form. Aber das Verderben ist nicht auf den Sohn des Verderbens beschränkt. (Johannes 17, 12).

„Die Hohenpriester aber nahmen die Silberlinge ...“ (V. 6). Das Gewissen mußte ihnen eigentlich sagen, daß auch sie schuldig waren, indem sie Judas für den Verrat Jesu bestochen hatten. Doch es offenbart sich hier ein neuer Gesichtspunkt. Eine Religion ohne Christus ermöglicht den Seelen, ihr Gewissen durch den Glauben zu beruhigen, im Dienst Gottes zu handeln. Sie sagten nämlich: „Es ist nicht erlaubt, sie in den Korban zu werfen, dieweil es Blutgeld ist.“ Das ist Religion! Doch wo war ihr Gewissen, als sie das Geld für Jesus gaben? „Sie hielten aber Rat und kauften dafür den Acker des Töpfers zum Begräbnis für die Fremdlinge. Deswegen ist jener Acker Blutacker genannt worden bis auf den heutigen Tag.“ (V. 7–8). Auf diese Weise mußten sie ihrer Schlechtigkeit auf lange Zeit ein Denkmal setzen. Es ist ein treffendes Bild von dem, was dieses einst heilige Volk geworden ist. Die Hohenpriester sind davon ein Muster. Bis auf den heutigen Tag ist ihr Land ein Blutacker „zum Begräbnis für die Fremdlinge.“ Israel wurde aus seinem Land vertrieben. Es gehört jetzt Fremden, auch wenn sie dort nur begraben werden.1

Es sind allerdings nicht nur die Hohenpriester und die Ältesten, das elende Ende des Judas und die anhaltende Bosheit Israels nach der Vorhersage der Propheten, welche uns beschäftigen. Wir sehen vor allem unseren Herrn, wie Er vor dem Landpfleger stand. Als jener Ihn fragte: „Bist du der König der Juden?“, erkannte Er die Mächte dieser Welt an (V. 11), während Er den Hohenpriestern und Ältesten keine Antwort gab. Pilatus fühlte sich von dem Schweigen und der sittlichen Würde seines Gefangenen getroffen und wollte Ihn freilassen. Er durchschaute die Arglist des Volkes und stellte es nach seiner Gewohnheit vor eine Wahl. „Wen wollt ihr, daß ich euch losgeben soll?“ (V. 17). Er mußte jedoch den Haß kennen lernen, mit dem die Menschen Jesus betrachteten. Es gibt keine Person oder Sache, welche die Bosheit des Menschen nicht Jesus vorzieht.

Gott sorgte auch dafür, daß ein Zeugnis aus seinem Heim dem Gewissen des Landpflegers vorgelegt wurde. Seine Frau sandte ihm ein Botschaft, die lautete: „Habe du nichts zu schaffen mit jenem Gerechten; denn viel habe ich heute im Traum gelitten um seinetwillen.“ (V. 19). Diese Nachricht, welche nur von Matthäus erwähnt wird, verwirrte Pilatus noch mehr. Gott ordnete alle diese Begebenheiten so, daß die Niedertracht des Menschen in der Verwerfung Jesu offensichtlich und ohne Entschuldigung wurde. Danach erfahren wir eine ernste Lehre: „Die Hohenpriester und die Ältesten überredeten die Volksmengen, daß sie um den Barabbas bäten, Jesum aber umbrächten.“ (V. 20). Je bevorzugter die Menschen in sittlicher Hinsicht sind, desto größer ist ihr Haß gegen Jesus, wenn kein einfältiger Glaube an Gott vorhanden ist. Auch wenn die Zustände in der Welt sich zweifellos geändert haben, erfolgt die Annahme oder Ablehnung Jesu heutzutage nach denselben Grundsätzen.

Ein Mensch mag genug von Jesus wissen, sodaß seine Seele errettet ist; und dennoch wenig von der Verwerfung durch die Welt erfahren. Wenn er jedoch wirklich dem gekreuzigten und jetzt verherrlichten Christus treu ist, muß er erkennen, was die Schmach und der Haß dieser Welt ausmachen. Da diese den Herrn verworfen hat, muß der Gläubige mit derselben Verwerfung rechnen. Wir können nicht gleichzeitig Himmel und Erde besitzen. Kreuz und Herrlichkeit gehören zusammen. Der Herr stellte Israel die Hoffnung eines Segens auf der Erde vor für den Fall, daß sie Ihn annahmen. Doch sie lehnten Ihn ab. Das brachte das Kreuz Jesu in diese Welt. Gott wußte, daß es unvermeidlich war, und zwar wegen der Bosheit des Menschen. Danach machte Gott die himmlische Herrlichkeit bekannt; und wir sollen auf alles vorbereitet sein, was der Mensch uns je nach dem augenblicklichen Zustand der menschlichen Gesellschaft antun könnte.

Es ist eine Lüge Satans, wenn gesagt wird, daß der Mensch sich in den letzten neunzehnhundert Jahren zum Besseren verändert habe. Die Empfindungen des menschlichen Herzens bleiben immer gleich, obwohl es Zeiten gibt, in denen sie besonders heftig hervorbrechen. Dieselben Leute, die sich „über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen“ verwunderten, wollten noch an demselben Tag Jesus kopfüber hinabstürzen. (Lukas 4, 14–30). Was legte ihre Feindschaft bloß? Die Darstellung der wahren Gnade Gottes! Der Mensch kann den Gedanken nicht ertragen, daß das Heil Jesu für jeden, auch den schlimmsten Sünder, gleich vollkommen und ewig ist. Er sagt sich: „Ist es möglich, daß ich, der ich schon so viele Jahre versuche, Gott zu dienen, genauso wie ein Trunkenbold, ein Betrüger oder eine Hure behandelt werde?“ Er wendet sich von Gott ab und wird sein offener Feind. Letzten Endes hat die Errettung eines Sünders überhaupt nichts mit Gerechtigkeit gegen den Menschen zu tun. Wenn Gott jemand errettet, geschieht dies durch die Gnade. Und das sagt Er ganz klar. Zudem ist das Heilmittel vollkommen; denn kein Fall ist zu verzweifelt, als daß Gottes Gnade ihn nicht erreichen könnte. Der selbstgerechte, religiöse Mensch haßt dieses Heil – und damit auch Gott – weil es ihm jede Bedeutung nimmt.

„Pilatus spricht zu ihnen: Was soll ich denn mit Jesu tun, welcher Christus genannt wird? Sie sagen alle: Er werde gekreuzigt!“ (V. 22). Darin erkennen wir die Ungerechtigkeit dieser religiösen Männer. Wenn Pilatus einige Skrupel zu haben scheint, um nach ihrem Willen zu handeln, so sehen wir bald, was seine Gerechtigkeit wert ist. „Was hat er denn Böses getan?“, fragte er. „Sie aber schrieen übermäßig und sagten: Er werde gekreuzigt! Als aber Pilatus sah, daß er nichts ausrichtete, sondern vielmehr ein Tumult entstand, nahm er Wasser ...“ (V. 23–24). Das ist die Gerechtigkeit der Welt!

Wir mußten schon erkennen, was für Männer die Hohenpriester waren; nun erfahren wir von der Ungerechtigkeit des Römers. Wo Gott nicht herrscht, kann es keine wahre Gerechtigkeit geben. Wir alle haben versagt. Darum muß ich von jemand anderem gerettet werden. Gott hat alles gemessen, gewogen und mangelhaft erfunden. Nur eine Person in dieser Szene ist voll Weisheit, Geduld und Güte – vollkommen in jeder Hinsicht. Als es Zeit war zu reden, sprach Er Sein Wort; als es Zeit war zu schweigen, blieb Er still. Er war Gott auf der Erde und in allen Seinen Handlungsweisen vollkommen. Doch darum geht es hier nicht so sehr. Das Johannesevangelium stellt besonders die Gottheit unseres Herrn heraus und das Lukasevangelium Seine Menschheit. Bei Matthäus sehen wir Ihn als Messias; darum fragt Ihn Pilatus: „Bist du der König der Juden?“ Als Pilatus seine Hände vor der Volksmenge gewaschen hatte, sagte er: „Ich bin schuldlos an dem Blut dieses Gerechten, sehet ihr zu“, als könnte ihn diese Handlung von der schrecklichen Schuld befreien. Das ganze Volk antwortete und sagte: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!“ (V. 24–25). Dieser dunkle, verhängnisvolle Flecken blieb auf dem Volk bis zum heutigen Tag.

Auch andere sind schuldig – doch vor allem diese so bevorrechtigten Juden. „Jesum aber ließ er geißeln und überlieferte ihn, auf daß er gekreuzigt würde.“ (V. 26). Sieh dir die Gerechtigkeit dieses Richters an! Das war derselbe Mann, der gerade vorher Jesus einen Gerechten genannt hatte!

Es folgen die Kriegsknechte. Auch sie mußten wie alle übrigen schuldig werden. Es gab keine Klasse in der menschlichen Rangordnung, die nicht ihren Haß auf Gott in der Person Seines Sohnes zur Schau stellte. Dabei versagten sie vor allem in dem, was eigentlich ihren Berufsstolz ausmachen sollte. Welche nichtswürdige Feigheit trampelt einen Mann nieder, der widerstandslos leidet! „Und sie zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel um. Und sie flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt. . . und sie spieen ihn an, nahmen das Rohr und schlugen ihn auf das Haupt“ (V. 28–31). Das war jedoch noch nicht alles. „Als sie aber hinausgingen, fanden sie einen Menschen von Kyrene, mit Namen Simon; diesen zwangen sie, daß er sein Kreuz trüge.“ (V. 32). Welche Ausschreitungen menschlicher Tyrannei folgten der Verwerfung Jesu!

„(Sie) gaben ihm Essig mit Galle vermischt zu trinken.“ (V. 34). Wir dürfen dieses Ereignis nicht mit dem im Johannesevangelium verwechseln, wo der Herr sagt: „Mich dürstet!“ (Johannes 19, 28). In Matthäus' Bericht handelt es sich um jenen betäubenden Trank, den die Gefangenen erhielten, bevor sie leiden mußten. Diesen wollte der Herr nicht trinken. Bei Johannes erinnerte Er sich am Kreuz sozusagen an eine Schriftstelle, die noch nicht erfüllt war. Er wird dort zwar auch als der Leidende dargestellt, aber außerdem als der unumschränkte Herr über alle Umstände. Voller Verlangen, die Schriften zu ehren, dachte Er an ein Wort, das noch nicht erfüllt war, und sagte: „Mich dürstet!“ „Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig ... und brachten ihn an seinen Mund.“ Dann trank Er den Essig. Hier lesen wir hingegen: „Als er es geschmeckt hatte, wollte er nicht trinken.“ (V. 34). Er wünschte keine Erleichterung von Menschen. „Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider, indem sie das Los warfen.“ (V. 35).

Die Überschrift am Kreuz weicht in den verschiedenen Evangelien voneinander ab. Wir müssen uns daran erinnern, daß Pilatus sie in drei verschiedenen Sprachen schrieb. Ein Evangelium, das des Markus, erhebt nicht den Anspruch, mehr als den Inhalt des Geschriebenen, nämlich Seine Anklage oder Beschuldigung, anzugeben. In den anderen berichtet uns der Heilige Geist den Wortlaut. Wie angemessen geschieht das hier! „Dieser ist Jesus, der König der Juden.“ (V. 37). Das Wichtigste für den Juden war, ihren Messias und König in Jesus zu erkennen. Im Lukasevangelium lesen wir: „Dieser [Bursche] ist der König der Juden.“ (Lukas 23, 38). Der Ausdruck der Verachtung weist hin auf Den, der „verachtet und verlassen von den Menschen“ war. (Jesaja 53, 3).2 Bei Matthäus dürfen wir zitieren: „Er kam in das Seinige, und die Seinigen nahmen ihn nicht an.“ (Johannes 1, 11). Obwohl die Nichtjuden an der Schuld teilnahmen, waren es doch die Juden, die Pilatus zwangen, Ihn zum Tod zu verurteilen. Im Johannesevangelium haben wir kennzeichnenderweise die ausführlichste Fassung, nämlich: „Jesus, der Nazaräer, der König der Juden.“ (Johannes 19, 19). Auf diese Weise werden zwei Wahrheiten über unseren Herrn vereinigt, die sonst nirgendwo so eng beieinander stehen – Seine tiefste Erniedrigung und Seine höchste Herrlichkeit. Er, durch den alle Dinge ins Dasein kamen, Gott selbst, wurde ein Mensch aus Nazareth. Die hierin liegende Schönheit muß jeder geistlichen Gesinnung erkennbar sein. Überall im Johannesevangelium finden wir die Erniedrigung sowie die Erhöhung des Herr viel auffallender geschildert als irgendwo sonst.

„Auf dieselbe Weise schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.“ (V. 44). Sogar sie fanden Zeit, Jesus zu verhöhnen, indem sie ihre leibliche Qual durch Spott auf den Sohn Gottes erleichterten. O, geliebte Freunde, gab es irgendwann eine solche Szene?

Bisher haben wir die Seite des Menschen gesehen; doch wie handelte Gott? „Um die neunte Stunde aber schrie Jesus auf mit lauter Stimme und sagte: Eli, Eli, lama sabachthani? Das ist: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (V. 46). Hier sehen wir den vollen Beweis, daß Er nicht an natürlicher Erschöpfung starb. „Jesus aber schrie wiederum mit lauter Stimme und gab den Geist auf.“ (V. 50). Der Mensch mochte Seinen Tod wollen und das Werkzeug dazu sein. Unser Herr starb indessen als ein freiwilliges Opfer. Er wurde Mensch, um als solcher sterben zu können. Dennoch zeigte Er in allen Umständen, daß Er Der war, welcher genauso leicht die Welt hätte hinwegfegen können, wie Er damals am Anfang durch ein Wort die Grundlagen von Himmel und Erde feststellte.

„Jesus. . . gab den Geist auf. Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriß in zwei Stücke, von oben bis unten; und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Grüfte taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt; und sie gingen nach seiner Auferweckung aus den Grüften und gingen in die heilige Stadt und erschienen vielen.“ (V. 50–53). Sogar die Natur mußte am Himmel und auf der Erde ihr Zeugnis ablegen. Dabei war die Dunkelheit über dem Land keineswegs eine Sonnenfinsternis. Auch das jüdische System gab sein ernstes Zeugnis in dem zerrissenen Vorhang. Der unzerrissene Vorhang war das Sinnbild davon, daß der Mensch Gott nicht nahen konnte. Das war unter dem Gesetz unmöglich. Gott wohnte damals in dichter Finsternis. Im Tod Jesu zeigte sich jedoch vollkommene Gnade. Gott und Mensch können sich jetzt von Angesicht zu Angesicht begegnen. Das Blut ist auf und vor den Gnadenstuhl gesprengt; und der Mensch ist eingeladen, persönlich herbeizukommen. Warum sollte er nicht? Das kostbare Blut ist es wert. Gott kam in Christus vom Himmel herab, um die Sünde durch das Opfer Seiner selbst wegzunehmen. Für jede Seele, die glaubt, ist dies geschehen. Das jüdische System mochte zwar noch eine Weile anhalten, wie ein Leichnam einige Tage liegen bleibt, bevor er beerdigt wird. Doch das Zerreißen des Vorhangs war wie die Trennung von Seele und Leib bei einem Menschen. Dies war indessen nicht alles; überall wurden Zeichen gesehen: auf der Erde und am Himmel, beim Gesetz und in der unsichtbaren Welt. Jesus besaß die Schlüssel des Hades und des Todes. Selbst die Gräber wurden beim Tod Jesu geöffnet, obwohl die Leiber der Heiligen erst nach Seiner Auferstehung aus den Gräbern kamen. Er war, Er ist, die Erstlingsfrucht; und durch Seine Auferstehung wurde die Macht des Lebens in die Welt gebracht. Welches Zeugnis könnte vollständiger sein? Der wachhabende Hauptmann, der ohne Zweifel ein Heide war, fürchtete sich sehr und sprach: „Wahrhaftig, dieser [Mensch] war Gottes Sohn.“ (V. 54).

„Es waren aber daselbst viele Weiber, die von ferne zusahen ...“ (V. 55). Wo waren jedoch die Jünger? Welch ein vernichtendes Urteil über alle prahlerische Kraft! Sie hatten Jesus verlassen und waren geflohen. Wir sehen indessen diese Frauen! Im Gegensatz zu ihrer natürlichen Furchtsamkeit wurden sie in ihrer Schwachheit gekräftigt und schauten, wenn auch von ferne, zu. In Joseph von Arimathia erkennen wir einen Mann, der sehr viel zu verlieren hatte, da er reich und ein Ratsherr war. Früher ein heimlicher Jünger Jesu, führte Gott ihn jetzt zu einer Haltung, die man zu dieser Zeit am wenigsten von ihm erwartet hätte. Mit dem Tod Jesu vor Augen ging er zu Pilatus und bat um den Leib Jesu. Nachdem er Ihn in seine eigene neue Gruft gelegt hatte, wälzte er als Tür einen Stein vor dieselbe. Wenn Apostel und Jünger fliehen, kann Gott um Seines Namens willen ein anderes Zeugnis erwecken; und so geschah es hier.

Wir haben in diesem Kapitel die Geschichte des menschlichen Ichs, des Fleisches sowie der Verwerfung und des Todes Jesu verfolgen müssen. Wenn wir alle Reichtümer, alle Gelehrsamkeit und alle Macht dieser Welt besäßen, so könnten uns diese nicht glücklich machen. Das kann allein Jesus. Doch laßt uns daran denken, daß wir uns in Feindesland befinden, das seine Treulosigkeit gegen unseren Meister bewiesen hat! Falls wir nicht empfinden, daß wir uns durch das Lager jener bewegen müssen, die Jesus gekreuzigt haben, stehen wir in Gefahr, in einen Hinterhalt des Feindes zu geraten. Der Herr gebe uns jene Ruhe des Glaubens, welche nicht mit sich selbst beschäftigt ist, sondern mit Dem, der selbst unsere Sünden auf Seinem Leib an dem Holz getragen hat!

Fußnoten

  • 1 Diese Aussage war fast zweitausend Jahre lang gültig, bis 1948 mit der Gründung des Staates Israel der erste Schritt zur nationalen Wiederbelebung vollzogen wurde. Ihren Abschluß wird sie mit der Ankunft des Herrn zum Tausendjährigen Reich finden (Übs.).
  • 2 Der Ausdruck der Verachtung wird verstärkt durch die Wortstellung im griechischen Text (siehe z. B. Nestle-Aland, 28. Aufl.): „hO basileÁv tòn HIouda°wn oÆtov“ („Der König der Juden [ist] dieser!“). (W. K./Übs.).
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