Vorträge zum Matthäusevangelium

Kapitel 11

Das Kapitel, das wir jetzt erreicht haben, ist bedeutungsvoll und wichtig, insbesondere da es eine Art Übergang darstellt. Die Gelegenheit für den Geist Gottes, uns den Wechsel von dem Zeugnis an Israel zu der neuen Ordnung, die der Herr einführen wollte, herauszustellen und zu veranschaulichen, liefert Johannes der Täufer. Dieser befand sich im Gefängnis. Infolge seiner Verwerfung durch die Juden wurde er in seinem persönlichen Glauben, seiner Verantwortlichkeit und seinem Ausharren erprobt. Während er seinen prophetischen Dienst erfüllte, war niemand unerschütterlicher in seinem Zeugnis für Christus als er. Es ist jedoch etwas anderes für einen Menschen, die Wahrheit zu predigen, als sich ihrer zu erfreuen, wenn alles ihr entgegen zu sein scheint. Sogar zu Zeiten, in denen er die Kostbarkeit dessen fühlt, was er predigt, hat ein Gläubiger Augenblicke, in denen sein Glaube gründlich geprüft wird. Dann erfährt auch der Stärkste, was es heißt, „niedergeworfen“ zu sein, „aber nicht umkommend.“ (2. Korinther 4, 9). Das war gewiß bei Johannes der Fall. Nicht nur seine Jünger stießen sich daran, daß er im Gefängnis war. Einige Ungläubige fragen: Wenn die Bibel die Wahrheit ist, warum nehmen die Völker sie dann nicht an? Warum ist sie nicht weiter verbreitet? Ich leugne nicht, daß das geographische Gebiet, das von dem Bekenntnis der Wahrheit eingenommen wird, heutzutage größer ist als früher. Doch wir wissen, daß am Anfang allein in einer einzigen Stadt viele Tausende dem Namen des Herrn Jesus folgten. Damals waren das sittliche Gewicht und die Kraft unvergleichlich größer, weil die Gläubigen in einer Weise wandelten, die sie der Welt überlegen machte. Dennoch entstanden später dieselben großen Schwierigkeiten wieder; denn wir finden, daß das, was im Herzen eines Skeptiker wirkt, auch mehr oder weniger einen Erlösten beunruhigen kann. Das liegt daran, daß auch der Gläubige seine alte Natur behält. Zweifellos besitzt er ewiges Leben in Christus. Nichtsdestoweniger bleibt in ihm das, was die Bibel „Fleisch“ nennt; und das Fleisch ist immer ungläubig. Der natürliche Verstand des Menschen vertraut niemals auf Gott.

Daher konnte es geschehen, daß ein so gesegneter Mann wie Johannes der Täufer seine Jünger mit der Frage aussandte: „Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten.“ (V. 3). Wir erkennen darin den großen Unterschied zwischen der Kühnheit der Sprache eines Mannes während der Ausübung seines Prophetenamtes und seiner Unsicherheit in Umständen der Finsternis. Ich glaube nicht, daß er ganz und gar zweifelte. Aber eine Frage schien durch sein Gemüt zu ziehen, sodaß er eine Bestätigung des Glaubens benötigte – ein eindrucksvolles Beispiel von der ernsten Wahrheit, daß es im Menschen nichts Gutes gibt. Zweifellos wurden durch Menschen sehr gesegnete Werke ausgeführt, aber nur, weil die Kraft Christi auf ihnen ruhte. Hier sehen wir also diesen begünstigten und normalerweise glaubenstreuen Mann, wie er eine Frage stellte, die wir am wenigsten von ihm erwartet hätten. Wir mögen ihn zu entschuldigen suchen. Dennoch bleibt die offensichtliche Wahrheit bestehen, daß Johannes der Täufer die Frage seiner Jünger, falls sie überhaupt eine solche hatten, nicht mit der Zuversicht des Glaubens beantwortete, sondern einige von ihnen zu Jesus sandte mit den Worten: „Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten.“ Der Herr antwortete: „Gehet hin und verkündet Johannes, was ihr höret und sehet. . . und glückselig ist, wer irgend sich nicht an mir ärgern wird!“ (V. 4–6).

Die Antwort unseres Herrn beweist, daß nicht nur Johannes' Jünger erschüttert wurden, sondern auch dieser selbst. Christi Dienst bestand aus zwei Teilen, nämlich aus Seinen Worten und aus Seinen Werken – „Was ihr höret und sehet.“ Dabei hat das Wort immer den höheren Stellenwert. Werke sprechen hauptsächlich die Sinne an, während sich das Wort Christi durch den Geist Gottes mit Herz und Gewissen beschäftigt. Sie sollten also hingehen und Johannes erzählen, was sie gehört und gesehen hatten. In den von ihnen wahrgenommenen Ereignissen erblickten sie die Zeichen und Wirkungen der Macht des Messias, die das Alte Testament vorausgesagt hatte. Bevor Christus kam, gab es, wie ich glaube, nicht einen einzigen Fall von Blindenheilung. Diese war ein Wunder, welches nach jüdischer Überlieferung allein dem Sohn Davids vorbehalten war. Er sollte nach Jesaja 35 die Augen der Blinden öffnen. Der Herr sprach von den Blinden, welche ihr Augenlicht empfingen, als dem ersten äußerlich sichtbaren Wunder, welches anzeigte, daß Er wirklich der Christus war, Der kommen sollte. Und als letztes, aber keinesfalls unwichtiges Merkmal weist Er darauf hin: „Und Armen wird gute Botschaft verkündigt.“ Ist das nicht ein Zeugnis von der zarten Barmherzigkeit Gottes! Während das Evangelium für alle gedacht ist, richtet es sich doch, falls es einen Unterschied gibt, insbesondere an solche, die Elend, Versuchung und Verachtung in einer selbstsüchtigen Welt kennen. Der Herr fügte hinzu: „Glückselig ist, wer irgend sich nicht an mir ärgern wird.“ Ein bemerkenswertes Wort! Man konnte damals leicht ins Straucheln geraten. Welch ein Wort der Warnung! Da war ein Mann von Gott als Zeugnis gesandt worden, damit alle an Christus glauben sollten. Jetzt wurde dieser völlig auf die Probe gestellt; und der Herr muß von ihm Zeugnis ablegen anstatt er von Christus. Ständig erfahren wir, wie der Mensch zusammenbricht, wenn er gewogen wird. Wie gesegnet, daß wir einen solchen Gott haben, der sich mit dem Menschen beschäftigt! Letzterer braucht nur auf Gott zu trauen. Der einzige Schlüssel zu diesem unnormalen Zustand vor uns liegt im Unglauben; und dieser wirkte in der Frage, die Johannes unserem Herrn stellte.

Nachdem die Boten weggegangen waren, zeigte der Herr Sein zartes Mitgefühl mit Johannes und wie sehr Er ihn schätzte. Er verteidigte denselben Johannes, der in Leiden und lange sich hinziehendem Hoffen seine Schwachheit gezeigt hatte. Daher fragte Er die Zuhörer: „Was seid ihr in die Wüste hinausgegangen zu sehen?“ (V. 7). Ein strenges Urteil hätte aus der Sendung der Jünger mit ihrer Frage geschlossen, daß Johannes „ein Rohr (war), vom Winde hin und her bewegt.“ Doch keineswegs! Der Herr erlaubte diese Antwort nicht. Er hielt Johannesʼ Ehre aufrecht. Er hatte diesem durch seine Jünger einen kleinen persönlichen Tadel zukommen lassen, doch vor den Volksmengen bekleidete Er ihn mit Ehre. „Aber was seid ihr hinausgegangen zu sehen? einen Menschen mit weichen Kleidern angetan?“ (V. 8). Den Glanz der Welt findet man an königlichen Höfen. „Siehe, die die weichen Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige. Aber was seid ihr hinausgegangen zu sehen? einen Propheten? Ja, sage ich euch, und mehr als einen Propheten.“ Johannes hatte eine besondere Stellung wie kein anderer Prophet vor ihm. Er war der unmittelbare Vorläufer des Herrn, ein gleichzeitig mit Ihm lebender Herold des Messias. Johannes war nicht nur ein Prophet, sondern auch ein Mann, von dem Propheten geweissagt hatten. Zudem sagte der Herr von ihm: „Wahrlich, ich sage euch, unter den von Weibern Geborenen ist kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer.“ (V. 11). Doch beachten wir auch das folgende Wort, denn es ist eines der auffallendsten in diesem Kapitel des Übergangs! „Der Kleinste aber im Reiche der Himmel ist größer als er.“ Was bedeutet das?

Zunächst sagt der Herr, daß unter den von Frauen Geborenen kein Größerer als Johannes der Täufer aufgestanden sei – Ihn selbst natürlich ausgenommen. Er vergleicht also Johannes nicht mit sich selbst, sondern mit anderen Menschen. Er war der Größte von Frauen Geborene. „Der Kleinste aber im Reiche der Himmel ist größer als er.“ Diese Worte besagen eindeutig, daß eine neue Ordnung der Dinge beginnen sollte. Gottes unumschränkte Gnade wollte Vorrechte mitteilen, die so groß sind, daß der Geringste in dieser neuen Haushaltung größer sein würde als der Größte in der alten. Dabei geht es nicht um die Vorstellungen des Menschen über diese Angelegenheit. Die Wertung beruht natürlich nicht auf dem Glauben der Gläubigen oder irgend etwas anderem in ihnen selbst. Das bedeutet auch nicht, daß ein schwacher Gläubiger heutzutage größer ist als ein Mensch mit gewaltigem Glauben in den alten Zeiten oder daß eine arme Seele, die wegen ihrer Annahme bei Gott voller Angst und Unruhe ist, in einem besseren Zustand ist als diejenige, die wie Simeon in Gott, ihrem Heiland, frohlocken konnte. (Lukas 2). Dennoch sagt unser Herr, daß der Größte der vergangenen Zeit geringer ist als der Geringste in der heutigen Zeit. „Der Kleinste aber im Reiche der Himmel ist größer als er“, d. h. als Johannes der Täufer.

Das „Reich der Himmel“ darf nicht mit dem Himmel verwechselt werden. Beide unterscheiden sich grundlegend. Das „Reich der Himmel“ spricht von jenem System, das seine Quelle im Himmel hat, aber seinen Wirkungskreis auf der Erde. Wir können es, wie häufig in der Bibel, mit unserem gegenwärtigen Zeitlauf gleichsetzen. Manchmal bezieht es sich auch auf die Zeit, wenn der Herr in Herrlichkeit gekommen ist und Seine Regierung in offenbarer Form auf der Erde ausübt. Auf jeden Fall setzt das Reich der Himmel immer die Erde als den Schauplatz voraus, auf dem die Vorrechte oder Mächte des Himmels entfaltet werden. Der Herr Jesus sah sich verworfen. Doch Gott in Seiner Gnade verwandelte die Ablehnung Jesu in ein Mittel, um weit größere Segnungen zu enthüllen und einzuführen, als sie nach der Aufnahme Jesu durch die Juden gefolgt wären. Stellen wir uns vor, der Herr wäre bei Seinem Kommen von den Menschen angenommen worden! Dann hätte Er die Menschen gesegnet und ihnen ewiges Leben auf der Erde geschenkt. Er hätte den Teufel gebunden und unzählige Wohltaten über die Geschöpfe im allgemeinen ausgegossen. Doch welch ein Mangel, wenn Gott nicht hinsichtlich der Frage der Sünde gerechtfertigt worden wäre! Weder die sittliche Herrlichkeit, noch die unübertreffliche Liebe hätten sich so wie jetzt geoffenbart. Was wäre es anders gewesen, als ein Aussperren der Macht Satans durch die göttliche Macht – ein einfaches, wenn auch allgewaltiges Heilmittel, bzw. eine heilkräftige Maßnahme, welche die Gewalt des Bösen und des Todes in der Welt unterbunden hätte? Der Tod Christi zeigte hingegen sofort die Tiefe der Bosheit des Menschen und die Höhe der Güte Gottes. Am Kreuz offenbarten sich auf der einen Seite der extreme Haß und die Ungerechtigkeit des Menschen und auf der anderen Gottes vollkommene, heilige Liebe. Die Ungerechtigkeit des Menschen war es, die den Herrn an das Kreuz brachte, die Gnade Gottes, die Ihn dorthin führte. Danach nahm der von den Toten auferstandene Christus Seinen Platz als der Anfang, das Haupt einer neuen Schöpfung ein und entfaltet diese jetzt in Seiner eigenen Person als Gegenstand des Glaubens für die, welche glauben. Er versetzt Letztere in jene Stellung der Segnung, während sie noch in unserer Welt mit dem Teufel kämpfen. Er gießt die Freude der Erlösung in ihr Herz und füllt sie mit der Gewißheit, daß sie aus Gott geboren sind. Ihre Sünden sind alle vergeben. Sie warten nur noch auf Ihn und Sein Kommen, und daß Er das Werk Seiner Liebe krönt. Dann werden sie aus den Toten auferweckt und in Seine Herrlichkeit umverwandelt. Der Glaube verwirklicht diese Segnungen jetzt schon; bald werden sie auch zu sehen sein. Dennoch gelten sie schon seit ihrer Einführung. Sie begannen mit der Himmelfahrt Christi und werden als Gegenstand des Glaubens enden, wenn Christus vom Himmel herabkommt und die Macht des Königreichs über die Erde sichtbar einführt.

Was ist es nun, das der geringste Gläubige unserer Tage empfangen hat? Sieh' dir die Gläubigen der alten Zeit an! Johannes der Täufer stützte sich auf Verheißungen. So gesegnet er war – selbst er konnte nicht sagen: „Meine Sünden sind ausgelöscht, meine Ungerechtigkeiten alle weggeräumt.“ Vor dem Tod und der Auferstehung Christi konnten die Erlösten nur – und zwar mit Freuden – nach dieser Gewißheit Ausschau halten und ausrufen: „Wie gesegnet wird es einst sein!“ Sie waren sich der Absichten Gottes diesbezüglich gewiß, doch ihre Sicherheit beruhte auf Verheißungen. Diese waren noch nicht erfüllt. Und außerdem: Wenn du im Gefängnis bist, kennst du den Unterschied zwischen der Verheißung, aus dem Gefängnis herauszukommen, und dem Genuß der wieder erlangten Freiheit noch nicht. Darin liegt der Gegensatz. Weder Johannes der Täufer, noch der fortgeschrittenste Gläubige konnten vor dem Tod Christi sagen: „Meine Sünden sind nicht mehr da.“ Er hätte jedoch (und zwar zu Recht) erklären können: „Ich bin mir sicher, daß beim Kommen des Messias eine ewige Gerechtigkeit eingeführt wird. Alle Sünden werden dann zu Ende sein.“ – Aber jetzt ist das Wunderbare Wirklichkeit geworden; der Messias ist gekommen und hat das Werk ausgeführt. Die Sühnung ist geschehen. Infolgedessen dürfen alle Gläubigen bekennen: „Auf mir ruht nicht die geringste Spur von Sünde mehr in der Gegenwart Gottes.“

Das gilt nicht nur für einige bevorzugte Christen. Ich sage es von jedem Christen; und ich möchte, daß jeder Christ es von sich selbst sagt. Das heißt: Jeder Christ sollte den Platz einnehmen, den Gott ihm in Christus gibt. Was würde die Folge sein? Unmöglich könnten dann Christen weiterhin ihren Weg mit der Welt gehen oder über diese Angelegenheit so reden, wie wir es im allgemeinen hören müssen.

Ich finde also im Wort Gottes die Eröffnung einer neuen Haushaltung, in welcher der Geringste mit Vorrechten ausgestattet ist, die vorher selbst der Größte nicht haben konnte und sollte. Das beruht darauf, daß Gott den Tod Seines Sohnes unendlich hoch bewertet. Jetzt geht es nicht mehr nur um die Verheißung, so gesegnet sie ist, sondern Gott mißt auch dem Tod Christi die größtmögliche Ehre zu. Das gleicht dem Verhalten irdischer Herrscher, bei denen es Sitte ist, auf eine Zeitperiode besonderer persönlicher Freude eine gewisse Ehre zu legen. Wenn zum Beispiel ein Mensch bei der Geburt eines Kindes so handeln kann, wieviel mehr darf der Glaube eine solche Handlungsweise von Gott erwarten! Gott verbindet mit jenem Werk Christi, durch welches die Erlösung vollbracht wurde, eine diesem angemessene Herrlichkeit, auch wenn es sich um den Tod Seines Sohnes handelt. Nun sind alle Voraussetzungen erfüllt. Allerdings fordert Gott einen Menschen nicht auf, seine Sünden zu vergessen oder die Augen von ihnen abzuwenden. Er wünscht jedoch, daß eine Seele, wenn sie diese wirklich und mit klarem Blick vor dem Kreuz Christi anschaut, ausruft: „Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde.“ (1. Johannes 1, 7). Das ist die Grundlage des Christentums. Wenn wir dies erkannt haben, verstehen wir, wie böse heutzutage das Amt eines Priesters ist, d. h. eines sterblichen Menschen, der in eine besondere Stellung gesetzt wird, um für andere Gott zu nahen. Jeder Christ – egal, ob Mann, Frau oder Kind – ist ein Priester. Natürlich sind nicht alle Christen Diener. Das ist ein anderer Gesichtspunkt. Dienst und Priestertum, die so oft miteinander vermengt werden, sind völlig verschieden. Gott hat jetzt jedem Gläubigen das besondere Vorrecht geschenkt, ein Priester zu sein. Er ist berechtigt, in das Allerheiligste einzutreten, da alle seine Sünden gerichtet und alle seine Ungerechtigkeiten abgewaschen sind. So darf er sich glücklich in der Gegenwart Gottes aufhalten, obwohl er noch auf der Erde lebt. Mit Vorstehendem habe ich nur einige der Vorrechte des Geringsten im Reich der Himmel aufgezählt. Beachten wir dabei: Alle die großartigen Privilegien des Christentums gehören allen Christen. Der Eine mag predigen, der Andere nicht. Das besagt aber nichts über die Vorrechte im Reich. Paulus besaß als Diener Gottes einiges, das andere nicht besaßen. Doch jeder begabte Mensch kann predigen, ohne unbedingt Leben in seiner Seele zu besitzen. Kajaphas (Johannes 12, 49 ff.) und auch Bileam (4. Mose 23–24) konnten weissagen; und was sie sagten, war die Wahrheit. Paulus nahm willig den Platz eines Predigers ein. Gleichwohl wies er darauf hin, daß er trotz seiner Predigt an andere durch Vernachlässigung seiner persönlichen Heiligkeit selbst verwerflich werden konnte. (1. Korinther 9, 27). Nichts ist leichter zu verstehen! Das bezieht sich jedoch nicht auf die Segnungen, von denen ich als einem gegenwärtigen Besitz der Gläubigen heutzutage gesprochen habe.

Die Vorrechte des Reiches bilden jetzt das allumfassende Erbteil der Familie des Glaubens. Der Kleinste darin ist darum größer als sogar Johannes der Täufer. Große Anstrengungen wurden gemacht, um die Bedeutung dieses Verses zu erschüttern. Es wurde gelehrt, daß der Geringste im Reich der Himmel Jesus selbst sei – natürlich in Seiner Erniedrigung und in Seinem Gang zum Kreuz. Doch welche gänzliche Unkenntnis des Herzens Gottes verrät sich in einer solchen Behauptung! Das Reich Gottes war nämlich noch nicht gekommen. Es wurde gepredigt, ohne schon wirklich aufgerichtet zu sein. Und Jesus war weit davon entfernt, „der Kleinste“ in jenem Königreich zu sein; denn Er selbst war der König. Daher ist es schon eine Herabwürdigung Seiner Person, Ihn den „Größten“ im Reich zu nennen, geschweige denn den „Kleinsten“. Es fehlt sogar an Hochachtung sowie an Verständnis, wenn gesagt wird, daß Er sich in dem Reich befand. Vielleicht wäre es richtiger zu sagen, daß das Reich in Ihm war; denn es bestand sittlich, und soweit es um die göttliche Macht ging, in der Person unseres Herrn. Er sprach zu den Juden: „Wenn ich aber durch den Geist Gottes die Dämonen austreibe, so ist also das Reich Gottes zu euch hingekommen.“ (Matthäus 12, 28). In Seiner Person war es schon da. Er ist der König und besitzt die Macht des Reiches; folglich war es in Ihm schon anwesend. Wenn wir indessen das „Reich der Himmel“ als Zustand auf der Erde betrachten, dann mußte Christus zuerst in den Himmel eingehen. Er wurde zweifellos als König verworfen. Dennoch sitzt Er als solcher zur Rechten Gottes. Das ist der Anfang des Reiches der Himmel. Es wurde erst aufgerichtet nach Jesu Himmelfahrt. Da begann es, und zwar zuerst in geistlicher Weise. Bald wird es in Macht und Herrlichkeit glänzen.

Wir stehen also in diesem Kapitel offensichtlich auf der Grenze zwischen der vergangenen und der neuen Haushaltung. Johannes der Täufer befand sich als der letzte und größte Zeuge der auslaufenden Haushaltung noch auf dem Schauplatz. Elia sollte kommen. Er war jetzt in der Person des Johannes da. Letzterer führte das sittliche Werk aus, das mit Elias Sendung in Verbindung stand. Er bereitete den Tag des Herrn vor und öffnete Ihm den Weg. Ich sage damit nicht, daß Elias nicht an einem zukünftigen Tag kommen wird. Dennoch war Johannes das damalige Zeugnis des Elia-Dienstes. Er kam „in dem Geist und der Kraft des Elias.“ (Lukas 1, 17). Später sagt der Herr: „Und wenn ihr es annehmen wollt, er ist Elias, der kommen soll.“ (V. 14). Für den Glauben war Johannes Elia. Wie das jetzige Reich der Himmel ist er ein Zeuge von dem zukünftigen Reich, das in Macht und Herrlichkeit entfaltet wird. Damals war Johannes für den Glauben, was Elia dereinst wirklich sein wird. Ebenso zeigt das heutige Reich der Himmel dem Glauben, was zukünftig sichtbar geoffenbart werden soll. Nach den Worten des Herrn stand zunächst eine Haushaltung des Glaubens bevor, in der die Verheißungen noch nicht buchstäblich erfüllt würden.

Johannes der Täufer wurde jedoch ins Gefängnis geworfen. Das war eine schreckliche Prüfung für einen Juden, der in ihm den großen Propheten sah, der den Messias in sichtbarer Majestät einführen sollte. Daher sagt der Herr: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (V. 15). Die Wahrheit muß vom aufmerksamen Ohr des Glaubens aufgenommen werden. Wie überraschend mußte es für Israel gewesen sein, als der Vorläufer des Messias ins Gefängnis kam und später der Messias selbst an das Kreuz genagelt wurde! Doch vor der äußerlichen Herrlichkeit mußten die Leiden vollendet – und auch die Erlösung bewirkt – werden. Darum ist der Kleinste, der jetzt die Segnungen des Glaubens besitzt und diese erstaunlichen Vorrechte genießt, die der Heilige Geist als die Gabe der unumschränkten Gnade Gottes herausstellt, größer als Johannes der Täufer. Denn es ist Gott, der handelt, gibt und alles an seinen Platz stellt. Die Ausübung des Gerichts ist Sein befremdendes Werk. (Jesaja 28, 21). Dagegen erfreut sich Sein Herz an der Gnade. Er hat Wohlgefallen daran, den Menschen, der nicht das geringste Anrecht an Ihm besitzt, durch Christus zu segnen. Das ist Sein gegenwärtiges Werk. Welche Wirkung hatte es auf die Juden? Unser Herr vergleicht sie mit launenhaften Kindern, die weder das eine, noch das andere wollten. Brachte Er Freude, so gefiel sie ihnen nicht. Ähnlich erging es Ihm mit dem Kummer. Johannes forderte sie auf, Leid zu tragen. Danach trugen sie kein Verlangen. Dann kam Jesus und bat sie sozusagen, sich der guten Botschaft von einer großen Freude zu erfreuen. Sie beachteten Ihn nicht. An beiden hatten sie kein Gefallen. Johannes war für sie zu streng und Jesus zu gnädig. Sie konnten beide nicht ertragen. In Wirklichkeit haßt der Mensch Gott. Der größte Beweis seiner Unwissenheit über sich selbst besteht gerade darin, daß er dieser Wahrheit nicht glaubt. Was immer die Juden zu ihrer Entschuldigung vorbrachten, indem sie sowohl Johannes als auch den Herrn nicht ernst nahmen – „die Weisheit ist gerechtfertigt worden von ihren Kindern.“ (V. 19).

Darauf folgend erklärt Er, wie die Weisheit in positiver und negativer Weise gerechtfertigt wurde. „Dann fing er an die Städte zu schelten, in welchen seine meisten Wunderwerke geschehen waren, weil sie nicht Buße getan hatten. Wehe dir, Chorazin! wehe dir, Bethsaida!. . . Und du, Kapernaum, die du bis zum Himmel erhöht worden bist, bis zum Hades wirst du hinabgestoßen werden; denn wenn in Sodom die Wunderwerke geschehen wären ...“ (V. 20–23). Was könnte ernster sein! Sie wiesen die Stimme der himmlischen Weisheit zurück; und die Folge mußte ein schonungsloseres Gericht sein als das, welches in alter Zeit Sodom zum Denkmal der Strafe Gottes gemacht hatte. Gab es einen Ort, eine Stadt im Land, die bevorzugter war als andere? Ja, Kapernaum, wo Seine meisten Wunderwerke geschehen waren. Und doch sollte gerade diese Stadt bis zum Hades hinabgestoßen werden. Sogar Sodom, die berüchtigste und lasterhafteste von allen Städten, kam nicht unter ein so schreckliches Urteil. Der Herr greift niemals im Gericht ein, bevor Er nicht alle Mittel ausgeschöpft hat, um zu prüfen, ob die Dinge wirklich so schlecht sind, wie sie aussehen. Wenn Er jedoch richtet, wer kann dann bestehen? So wurde die Weisheit, wie ich zu sagen wage, durch jene gerechtfertigt, die nicht ihre Kinder waren.

Aber jetzt folgt die positive Seite. „Zu jener Zeit hob Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde.“ (V. 25). Vom „Wehe, wehe!“ konnte Jesus sich umwenden und sagen: „Ich preise dich, Vater.“ Das heißt nicht, daß die hier berichteten Ereignisse zusammen stattfanden. Die Anspielung des Herrn auf die Weisen und Verständigen, die Ihn verwarfen, und die Unmündigen, die Ihn annahmen, geschah lange nach dem Gespräch über Johannes den Täufer. Das Lukasevangelium gibt uns gelegentlich genaue Zeitangaben und zeigt, daß die Boten des Johannes zu einer frühen Zeit Seines Dienstes vom Herrn empfangen wurden, kurz nachdem Er den Knecht des Hauptmanns geheilt hatte. Andererseits dankte Er dem Vater erst, nachdem die siebzig Jünger, die Er als abschließendes Zeugnis ausgesandt hatte, zurückkommen waren. Dieses Ereignis wird von Matthäus nicht erwähnt. Der Heilige Geist läßt in unserem Evangelium im allgemeinen die Zeitfolge völlig unberücksichtigt. Er schweißt Begebenheiten zusammen, die Monate oder Jahre auseinanderliegen – Hauptsache sie verdeutlichen die große Wahrheit, die Er an der betreffenden Stelle herausstellen will, nämlich den wahren Messias, der mit den angemessenen Beweisen Israel vorgestellt, aber verworfen wurde. Diese Verwerfung gab dann der Gnade Gottes eine Gelegenheit, herrlicher zu segnen, als wenn der Herr angenommen worden wäre.

Während vor uns der ernste Anblick einer zunehmenden Ablehnung Jesu durch den Menschen steht, sagt Er: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde.“ Es geht nicht mehr um irgendwelche auf die Erde begrenzten Hoffnungen; Er schaut auf zum Herrn des Himmels und der Erde, dem unumschränkten Verwirklicher aller Dinge. „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dies vor Weisen und Verständigen verborgen hast, und hast es Unmündigen geoffenbart. Ja, Vater, denn also war es wohlgefällig vor dir. Alles ist mir übergeben von meinem Vater.“ (V. 25–27). „Man mag Mir den Thron Israels verweigern, die Juden Mich verwerfen, die Führer Mich verachten!“ Das alles mochte sein. Doch was war die Folge? Er erhielt nicht nur das, was David oder Salomo verheißen war, sondern „alles“. „Alles ist mir übergeben von meinem Vater.“ Wo und wann wurden jemals solche Gedanken bekannt gemacht? Nimm die herrlichsten Verheißungen der Psalmen und Propheten, und wo findest du etwas Vergleichbares? Wir erkennen eindeutig den verworfenen Messias, der sich unter die Ablehnung der Menschen beugt. Sie ziehen Ihm die Kleider Seiner messianischen Herrlichkeit aus; und was zeigt sich? Er ist der Sohn des Vaters, der ewige Sohn Gottes, jene gesegnete göttliche Person, die aufblicken und „Vater“ sagen konnte. Weise Ihn in Seiner irdischen Würde zurück; und Er glänzt in Seiner himmlischen! Verachte Ihn als Mensch; und Er offenbart sich als Gott!

„Niemand erkennt den Sohn, als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater, als nur der Sohn, und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will.“ (V. 27). Der Herr offenbart jetzt den Vater. Er kam nicht nur, um die Verheißungen Gottes zu erfüllen, sondern auch um den Vater zu offenbaren. Er führt die Seele zu einem größeren Verständnis über Gott, als es vorher möglich war. „Kommet her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben.“ (V. 28). Das ist vollkommene Gnade ohne Einschränkung. Sie stellt die Juden nicht länger auf den ersten Platz der Ehre. Stattdessen sagt Er: „Kommet her zu mir, alle ihr Mühseligen.“ Ob Jude oder Heide – es gibt keinen Unterschied. Bist du mühselig? Bist du elend? Findest du keinen Trost? „Kommet her zu mir, alle ihr Mühseligen ..., und ich werde euch Ruhe geben.“ Keine Bedingung oder Befähigung wird gefordert; der Bedürftige braucht nur zu Ihm zu gehen. „Kommet her zu mir!“ Das beweist, daß der Vater mich zieht (Joh 6, 44), wenn ich zu Jesus gehe. „Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ (Joh 6, 37). Im Johannesevangelium ist Jesus der Sohn des Vaters. Hier nähert sich auch Matthäus dieser Darstellungsweise. Deshalb sehen wir dieselbe Freiheit der Gnade. Denn die Gnade enthüllt sich immer dort am vollständigsten und uneingeschränktesten, wo der Sohn in all Seiner Herrlichkeit herausgestellt wird. „Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen; denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (V. 29–30).

Die Gnade läßt die Menschen nicht handeln, wie sie wollen, sondern bewirkt in ihnen das Verlangen, den Willen Gottes zu tun. So fügt unser Herr unmittelbar nach den Worten: „Ich werde euch Ruhe geben“ hinzu: „Nehmet auf euch mein Joch!“ Es ist nicht das Joch der Väter, sondern das Joch Jesu. Gott offenbart jetzt Christus und der Sohn den Vater. Darum sagt Er: „Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen; denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ Beachte den Unterschied! In Vers 28 heißt es: „Kommet her zu mir ...; und ich werde euch Ruhe geben.“ Das ist reine, unumschränkte Gnade. Jetzt aber hören wir: „Nehmet auf euch mein Joch ... und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen.“ Der Herr sagt sozusagen: „Nun müßt ihr Mir gehorchen und Mir unterworfen sein; und daraus folgt Ruhe für eure Seelen!“ Wenn der Sünder in seinem Elend zu Jesus geht, gibt der Heiland ihm Ruhe – ja, „ohne Geld und ohne Kaufpreis.“ (Jes 55, 1). Falls die Seele jedoch nicht den Wegen Christi folgt, wird sie unglücklich und verliert den Trost, den sie anfangs hatte. Warum? Sie hat das Joch Christi nicht auf sich genommen. Die Bedingung, aufgrund derer unser Herr einem Sünder Ruhe gibt, lautet: „Kommet her zu mir“, so wie ihr seid, „alle ihr Mühseligen und Beladenen.“ Die Bedingung, aufgrund der ein Gläubiger Ruhe findet, lautet hingegen: „Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ Damit wahrt der Herr Seine Würde und Seine sittliche Herrschaft über Sein Volk. Gläubige, die sich nicht Christus unterwerfen, sind unruhiger als andere Menschen. Sie können sich weder an der Welt, noch an Christus erfreuen. Wenn ich Christus als Segnung besitze, aber Sein Joch nicht trage, erlaubt Gott mir nicht, glücklich zu sein. Mein Glück wäre nicht echt. Die einzige wahre Freude für unsere Seelen, nachdem wir Christus besitzen, beruht in dem Tragen Seines Joches. Da wir mit Ihm verbunden sind, sollen wir von Christus lernen, Dem unser beständiger Dienst und unsere Anbetung zusteht.

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht