Vorträge zum Matthäusevangelium

Einführung

Jeder Christ, der in den Evangelien sorgfältig die Unterschiede zwischen ihnen studiert, muss zu der Erkenntnis gelangen, dass der Geist Gottes bei der Inspiration des Matthäus die Wünsche und Bedürfnisse der Juden, den Beweis der Messiasschaft Jesu und die Folgen seiner Verwerfung für sie und die Nichtjuden1 vor Augen hatte. Die inneren Beweise für diese Absicht sind so ausgeprägt und mannigfaltig, dass wir uns wundern, wie intelligente Menschen diese Tatsache und die Folgerungen daraus bezweifeln können. Dennoch erzählt man uns, dass der Besuch der heidnischen Magier nicht ausschließlich von Matthäus berichtet worden wäre, wenn ständig ein jüdisches Ziel vor dem Evangelisten gestanden hätte. Außerdem wären, falls Lukas wirklich für die Nichtjuden schrieb, die Beschneidung Jesu und sein häufiger Besuch der Passahfeiern in Jerusalem nicht lediglich von diesem Schreiber dargelegt worden. Solche Einwände verlieren ihre Kraft, wenn wir sehen, dass der Heilige Geist durch Matthäus der Abwendung der Juden von einem solchen Messias, wie Ihn ihre eigenen Schriften voraussagen, nachspüren will. Der Herr Jesus war nicht nur äußerlich gesehen herrlich, sondern auch – obwohl Mensch – eine göttliche Person. Schon in seinem Namen wies Er darauf hin, dass Er Jahwe war, welcher kam, um sein Volk von seinen Sünden und nicht nur von seinen Feinden zu erretten (Kap. 1). Was für ein Bild folgt dann in Kapitel 2! Ganz Jerusalem reagierte bestürzt auf die Nachricht von seiner Geburt; und heidnische Magier aus weiter Ferne im Osten kamen, um Ihm zu huldigen. Widerlegt dieser Bericht das Vorliegen einer besonderen Absicht im Matthäusevangelium? Könnten wir uns eine schönere Veranschaulichung derselben vorstellen? Lukas hingegen schildert uns die anziehendsten Ausblicke auf den gottesfürchtigen Überrest Israels und wie der Herr Jesus bei der genauesten Einhaltung der Forderungen des Gesetzes zum ersten Mal in seiner Mitte vorgestellt wird. Doch setzen diese Einzelheiten das Zeugnis Gottes in einem Evangelium beiseite, welches an Beweisen geradezu strotzt, dass Gott Christus als dem Nachkommen „Adams, des Gottes“ (Lk 3,38) nachspürt und nicht als dem Sohn Abrahams und Davids, dem Erben der Verheißung und dem Stammvater des Königtums in Israel? Vergessen die Kritiker, dass auch der große Apostel der Nationen gewöhnlich einem Grundsatz folgte, auf den er immer wieder zurückkam: „Dem Juden zuerst als auch dem Griechen“ (Röm 1,16; 2,9; u. a.)? Zweifellos spiegeln in beiden Fällen die inspirierten Schreiber den Reichtum der Wege Gottes in Gnade wider und nicht den Mechanismus einer menschlichen Routine.

Offensichtlich beruhen auch die auffallenden Abweichungen bei den Berichten von denselben Ereignissen in den synoptischen Evangelien2  entweder auf der Unvollkommenheit der menschlichen Werkzeuge oder auf der weitreichenden Weisheit des Geistes Gottes. Wenn Er jedem Evangelium ein besonderes Thema aufgeprägt hat und zu dessen Verfolgung Ereignisse oder Wahrheiten jeweils einfügte, wegließ oder unterschiedlich schilderte, wobei Er nichts als die Wahrheit und erst in ihrer Gesamtheit die ganze Wahrheit darstellte – wie kann dann der Unglaube vorwerfen, dass die Behauptung solcher Unterschiede im Thema eine A-priori-Theorie3 sei? Das durchgehende Zeugnis eines jeden Evangeliums muss die Frage entscheiden. Was könnte mehr a-priori sein, als auf einer solchen Grundlage den inspirierten Chronisten der bedeutsamsten Themen, die jemals einem Menschen zur Weitergabe anvertraut wurden, „nachweisbare historische Ungenauigkeiten“4 zu unterstellen? Wenn die Evangelisten einfach das Leben Christi in der Reihenfolge der Ereignisse hätten beschreiben sollen, dann läge ein Anschein von Vernunft in diesen Einwänden. Doch sogar einige der berühmtesten Biographien unter den Menschen weichen im allgemeinen oder in Einzelheiten von der reinen Reihenfolge der Ereignisse ab. Würde man aus diesem Grund die Glaubwürdigkeit solcher Biographen angreifen? Nein, die Gelehrten beurteilen Sueton5  keineswegs anhand der Schriften von Tacitus. Der Fehler liegt bei denen, die Einwände erheben, und nicht in der Bibel.

Für mich steht fest, dass Matthäus und Lukas angeleitet wurden, einer genauen Ordnung zu folgen, die sich bei ersterem auf die Haushaltungen und bei letzterem auf moralische Grundsätze bezieht. Dadurch wird ihre Unterweisung viel tiefgründiger, als wenn der eine oder der andere (oder beide) einfach an der elementaren Schreibweise eines Chronisten festgehalten hätte. Demnach ist es auch unhaltbar, wenn irgendein darauf zurückzuführender Unterschied in der Darstellung der Ereignisse (wie Mt 8,28ff im Vergleich zu Mk 5,1ff und Lk 8,26ff) als ein echter Widerspruch bezeichnet wird. Mögen solche „Verteidiger des Glaubens“ auch ihr Schlimmstes tun – der Christ hat nichts zu fürchten, sondern nur zu glauben; und er wird die Herrlichkeit des Herrn und die Schönheit der Wahrheit erkennen. Zweifellos führt eine unterschiedliche Reihenfolge dazu, dass die Ereignisse anders zusammengestellt sind. Doch das geschah mit überlegter Absicht, um die Wahrheit vollständiger bekannt zu machen. Wie soll das einen „wirklichen“ Widerspruch beweisen?

Es sei in jeder Hinsicht zugegeben, dass der Herr die gleiche Wahrheit zu mehreren Anlässen wiederholt haben mag, wie Er auch oft ähnliche Wunder tat. Doch für die Besonderheiten der Evangelien sind ausschließlich die unterschiedlichen Absichten verantwortlich. Dabei sollen nicht die Schreiber verunglimpft, sondern ihr wahrer und göttlicher Autor verherrlicht werden. Augenzeugen- und Apostelschaft genügen nicht zur Erklärung; denn zwei der vier Evangelisten waren keins von beiden. Die Grundlage des neuen Bauwerks beruht sowohl auf Propheten als auch auf Apostel. (Eph 2,20). Obwohl Gott Augenzeugen zur Verfügung stellte, erwies Er dennoch seine Überlegenheit über menschliche Mittel, indem Er die anschaulichsten Darstellungen vom Dienst unseres Herrn durch jene Beiden überlieferte, die nicht gesehen hatten, was sie beschrieben. Dabei berichten sie zudem mit mehr lebensechten Einzelheiten als die beiden Schreiber, die vorstellten, was sie wirklich gesehen hatten. Der oben erwähnte Einwand ist selbst in Bezug auf die beiden Apostel falsch. Gerade Johannes, der an beiden Ereignissen am unmittelbarsten teilnahm, erzählt uns nämlich nichts von jener Szene des Gebetskampfs in Gethsemane oder von der Verklärung. Statt dessen schreibt allein Er von dem Hinstürzen der bewaffneten Schar (Joh 18), obwohl auch Matthäus dieses gesehen hatte. Andererseits schildert uns Matthäus mit größter Ausführlichkeit die prophetische Rede auf dem Ölberg und keineswegs Johannes, obwohl letzterer als einziger Evangelist anwesend war (Mk 13,3), um sie zu hören.

Der einzige und wahre Schlüssel zur Deutung dieser Verschiedenheiten ist die Absicht des Heiligen Geistes. Auch die unterschiedliche Darstellung der Überschrift am Kreuz kann leicht erklärt werden, wenn wir voraussetzen, dass sie vollkommen passend zum Thema des jeweiligen Evangeliums zitiert wird. Dabei stimmte der wahre Text wahrscheinlich bis auf die Einleitungsworte, die wir wohl im Matthäusevangelium finden, weitgehend mit dem von Johannes Überlieferten überein. Auf jeden Fall passte der Heilige Geist die Anführung der Überschrift dem Ziel eines jeden Evangeliums an. Eine Vollinspiration schließt keineswegs eine besondere Absicht aus. Die eigentliche Frage ist: Sollen wir die Unterschiede in den Evangelien der Weisheit Gottes oder der Schwachheit der Menschen zuschreiben?

Des weiteren sind Differenzen in der Lesart ein Problem der von Menschen gemachten Abschriften und nicht des inspirierten Originals.

Als letztes möchte ich noch sagen: Der Apostel besteht nicht nur darauf, dass die Schreiber inspiriert waren, sondern dass das ganze Buch – ja, alle Schrift (2. Tim 3,16) – göttlich eingegeben ist.

Es gibt außerdem stärkste Beweise, dass das griechische Matthäusevangelium das Original und nicht eine Übersetzung ist, obwohl der Evangelist möglicherweise für die frühe Kirche (Versammlung) in Judäa auch eine hebräische Version geschrieben hat. Diese wäre dann verschollen; nur das, was für immer gebraucht wurde, blieb erhalten.

Fußnoten

  • 1 Der Übersetzer möchte schon hier darauf hinweisen, dass er normalerweise in diesem Buch die Worte für „Heiden“ (engl.: „gentiles“) und „Nationen“ (engl.: „nations“) mit „Nichtjuden“ übersetzt, außer wenn aus dem Zusammenhang hervorgeht, dass der Text wirklich die Originalworte fordert. Im allgemeinen sind aber in der Bibel und so auch bei Kelly die Menschen außerhalb des Judentums gemeint, wenn von Heiden oder Nationen gesprochen wird. Da aber beide Worte heutzutage mit einem besonderen Bedeutungsinhalt besetzt sind, der die Gedanken von der vom Heiligen Geist gemeinten Aussage weglenken könnte, sei es mir gestattet, dieses eindeutigere Wort „Nichtjuden“ zu verwenden (Übs.).
  • 2 Die ersten drei Evangelisten werden, weil sie die Ereignisse im Leben des Herrn mehr oder weniger parallel (synoptisch) darstellen, als Synoptiker bezeichnet (Übs.).
  • 3 „a priori“ (lat.): philosophischer Begriff, der „von vorne herein“, „ohne weitere Beweise“, „das Vorausgesetzte“ bedeutet (Übs.).
  • 4 Quelle des Zitats unbekannt, dessen Aussage allerdings von fast allen modernen protestantischen Theologen geteilt wird (Übs.).
  • 5 Gaius Suetonius Tranquillus (um 70-130 n. Chr.) und Publius Cornelius Tacitus (um 55-120 n. Chr.): berühmte römische Geschichtsschreiber und Biographen der Kaiser (Übs.).
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