Vorträge zum Matthäusevangelium

Kapitel 28

Auch in der Darstellung von Tod und Auferstehung des Herrn finden wir das besondere Thema des Matthäusevangeliums zielbewußt beibehalten. Tatsächlich wird es in wenigen anderen Abschnitten so treffend verdeutlicht wie in Kapitel 28. Wir lesen z. B. nichts von der Himmelfahrt. Wenn wir nur dieses Kapitel hätten, woher sollten wir dann wissen, daß der Herr in den Himmel auffuhr? Unmöglich konnte der Apostel ein so herrliches und fesselndes Ereignis weglassen ohne eine bestimmte Absicht. Sein Fehlen bedeutet keineswegs einen Mangel in Matthäus' Bericht, sondern ist vielmehr ein Teil (und ein Beweis) von dessen Vollkommenheit, wenn wir das Blickfeld des Matthäusevangeliums richtig verstehen. Falls die Himmelfahrtszene hier eingefügt wäre, dann hätten wir Flickwerk vor uns, welches nicht mit dem Bericht, der in diesem Kapitel endet, übereinstimmt.

Trotzdem ist es eine der Bibelstellen, über welche die Gelehrten stolpern. Indem sie thematische Zielsetzungen in den Evangelien leugnen, urteilen sie nach à priori1-Gesichtspunkten und können infolgedessen nicht verstehen, warum ein solch wichtiges Ereignis von unserem Evangelisten übergangen wurde. Offensichtlich glauben sie nicht bis zur letzten Konsequenz, daß Gott diese Evangelien geschrieben hat, sonst würden sie schlußfolgern, daß der Fehler in ihrer Unwissenheit und ihren falschen Gedankengängen liegen muß. Ein Gläubiger mit einfältigem Herzen ruht voller Zufriedenheit in dem Bewußtsein, daß die Weglassung der Himmelfahrt im Matthäusevangelium genauso vollkommen ist wie ihre Einfügung bei Lukas. Alles im Wort Gottes ist so, wie Er es geschrieben haben wollte. Auch die Ansicht, daß etwas vom Schluß der Schrift des Matthäus verloren gegangen sei, widerspricht jedem äußeren und inneren Beweis.

Bevor ich dieses Thema abschließe, möchte ich aufzeigen, wie sehr die Anführung der Himmelfahrt hier mit dem Bild, das Gott übermitteln will, unvereinbar ist und die Schönheit desselben zerstört. Auf der anderen Seite ist – ich brauche es wohl kaum zu sagen – die Erwähnung derselben dort, wo sie beschrieben wird, genauso schön und notwendig. Die vorgestellten Ereignisse wurden passend zu dem unmittelbaren Thema ausgewählt. Wenn wir das Kapitel, so wie es vor uns steht, betrachten, erkennen wir, daß der Heilige Geist sich darauf beschränkt, den Messias zu schildern, wie Er aus den Toten auferstanden ist und Seine Jünger außerhalb der rebellischen Stadt in Galiläa trifft. In anderen Stellen unseres Evangeliums wird die Himmelfahrt stillschweigend vorausgesetzt bzw. angedeutet, so zum Beispiel in Matthäus 13, 41; 16, 27–28; 22, 44; 24; 25 und vor allem 26, 64. Das Ereignis wurde folglich nicht aus Unwissenheit weggelassen. Auch hat kein Zufall uns dasselbe aus dem griechischen Urtext geraubt. Ich spreche nur deshalb von diesen Dingen, um in hinreichender Weise und vollständig die töricht-unehrerbietige Vernünftelei von Gelehrten, vor allem aus neuerer Zeit, zurückzuweisen.

„Aber spät am Sabbat, in der [Abend-] Dämmerung ...“ (V. 1). Das war nicht der Morgen des Auferstehungstages, sondern der vorherige Abend. Wir mit unseren westlichen Zeitvorstellungen denken nur an das erste Zwielicht. Das Wort bedeutet jedoch einfach, daß der letzte Tag der Woche seinem Ende entgegendämmerte. Wir müssen daran denken, daß der Abend für einen Juden gleichzeitig der Beginn eines neuen Tages darstellte. Ein völlig gleichartiger Ausdruck steht in Lukas 23, 54, wo seine jüdische Bedeutung keineswegs bezweifelt werden kann. Der Heilige Geist verfolgt die Beschreibung dieses Besuchs der Frauen am Grab nicht weiter. Es gibt keinen Grund, die Umstände der ersten drei Verse dieses Kapitels miteinander zu verbinden.2 Vers 1 soll nur die Hingabe dieser heiligen Frauen schildern. Während die Jünger nach hause gegangen waren, konnten die Frauen trotz natürlicher Furcht zu jener Zeit nicht von dem Ort, an dem der Herr sich befand, wegbleiben. Sie hatten Spezereien zum Einbalsamieren des Leibes des Herrn vorbereitet und ruhten am Sabbat nach dem Gebot, wie wir bei Lukas lesen. „Es wurde gerade dunkel“ ist der Gedanke, der hier dargelegt werden soll.3 Er spricht vom Zwielicht nach dem Sabbat. Die Herzen jener Frauen hielten sich bei dem Grab auf und waren mit Jesus beschäftigt.

„Und siehe, da geschah ein großes Erdbeben ...“ (V. 2). Das ereignete sich später; wieviel später wird nicht gesagt. Wir haben in diesen Anfangsversen einfach eine Aufzählung von Ereignissen ohne Angabe von Zeitintervallen und dürfen den Besuch der Frauen am Grab hier in Vers 1 nicht mit dem am Morgen des ersten Wochentags verwechseln, welchen wir im Markusevangelium und ab Vers 5 in unserem Kapitel finden. Bei dieser letzten Begebenheit war der Herr nicht mehr im Grab. Auch der Engel, welcher vom Himmel herabstieg und den Stein wegwälzte, hatte mit der eigentlichen Auferstehung Jesu nichts zu tun. Der Herr benötigte eine solche Hilfe nicht. Gott weckte Ihn auf; und Er selbst erstand auf. Das ist die Lehre der Bibel über die Auferstehung. Wir dürfen annehmen, daß die Handlung des Engels nur dazu diente, die Aufmerksamkeit der Menschen auf das zu lenken, was Gott getan hatte. Außerdem sollte sie wohl auch Betrug verhindern und Vernunftschlüsse von Feinden ausschließen. Folglich lauten die Worte des Engels: „Kommet her, sehet die Stätte, wo der Herr gelegen hat.“ (V. 6).

Ein bemerkenswertes Ergebnis der Auferstehung wird überall erwähnt. Der Engel sagte: „Fürchtet ihr euch nicht!“ Jene mächtige Tat Gottes sollte für immer die Furcht in jenen austreiben, die an Jesus glauben, indem sie ihnen die Gewißheit vermittelt, daß der Herr jetzt für sie eintritt. Bis zum Kommen und zur Auferstehung Jesu gab es noch viel Finsternis und Unsicherheit, wie groß sich auch die Gütigkeit und Barmherzigkeit Gottes erwiesen hatte. Offensichtlich wurde die Welt von der Auferstehung nicht besonders beeindruckt. Doch welche erhabenen Wahrheiten und welch ein Segen folgten für das Volk Gottes! Für den Glauben ist sie der Triumph Gottes über die letzten Anstrengungen der Sünde und der Macht Satans, auch wenn sich zweifellos der Tod noch immer in der Welt befindet und Beute raubt.

„Was ist die Auferstehung für dich?“, fragt der Kritiker. „Alles, wenn Christus mein Leben ist! Ich darf mich an ihr trösten. Meine Seele ist eingeladen, ihre Freude völlig zu genießen, obwohl mein Leib ihre Befreiung noch nicht teilt. Gott hat mir im Kreuz Christi ein vollkommenes Zeugnis vom Leiden für die Sünde gegeben.“ Der Mensch kann nicht glauben, daß Er der Sohn Gottes ist, weil er nicht versteht, wie Gott Seinen Allergeliebtesten leiden lassen konnte. Auch andere haben zu Gott gerufen und sind indessen trotz all ihrer Fehler erhört worden. Christus jedoch rief in der Tiefe Seiner Leiden zu Gott und wurde trotz Seiner Gnade und Herrlichkeit und der Liebe des Vaters zu Ihm nicht erhört. Bevor alle Wogen des göttlichen Zorns über Seinem Haupt zusammenschlugen, war Er noch nicht das fleckenlose Opfer, umwoben mit unserer Sünde. Doch am Kreuz kam der Wendepunkt; und alles ist verändert. Für die Welt schien bezüglich der Rechte Jesu alles vorbei zu sein. Er starb am Kreuz und war dabei nach Seinen eigenen Worten von Gott verlassen. War damit alles so endgültig, wie die Menschen oder der Teufel es wünschten? Am dritten Tag griff Gott ein. Jesus stand aus den Toten auf; und alle Mächte der Erde und der Hölle wurden bis ins Mark erschüttert.

Andererseits hat die Auferstehung für den Gläubigen in jeder Hinsicht Frieden gebracht. Ursachen für Furcht und selbstsüchtige Sorge sind im Grab Christi begraben. Im auferstandenen Christus fließt jede Segnung über. Wie oft wird davon in den Briefen gesprochen! Nichts ist grundlegender; auf keine Wahrheit wird mehr Nachdruck gelegt. Unbestimmte Gedanken bezüglich der Treue, Liebe, usw. Gottes reichen zum festen Trost Seines Volkes nicht aus. Viele Seelen, welche die volle Wahrheit nicht erkennen, genießen nur flüchtige Augenblicke der Freude. Um völligen, festgefügten Frieden zu besitzen, müssen wir auf der Grundlage Gottes ruhen – dem Tod und der Auferstehung Christi. So wie Sein Tod allem Bösen in mir begegnet, ist Seine Auferstehung die Quelle und das Muster des neuen Lebens und meiner Annahme bei Gott, welche die Gnade mir in Ihm gegeben hat – jenseits von Sünde, Tod und Gericht.

Aber die Auferstehung ist auch Gottes Beweis an alle Menschen, wie Paulus den Athenern predigte, daß Er nicht nur die Toten, sondern auch die Lebenden – die ganze bewohnte Erde – richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den Er dazu bestimmt hat, nämlich Jesus. (Apostelgeschichte 17, 22 ff.). Denn Gott hatte Ihn als Seine größte Segnung und den Segensspender gesandt; doch der Mensch kreuzigte Ihn. Daraufhin weckte Gott Ihn zur Rechtfertigung des Gläubigen auf. Außerdem wird Er die Welt richten.

Der Lauf der Welt wurde durch die Auferstehung des Herrn nicht unterbrochen. Der Mensch schlief wie üblich und erhob sich am Morgen, als sei nichts geschehen; und doch ist die Auferstehung das größte Werk der Macht, Gerechtigkeit und Herrlichkeit, das Gott jemals bewirkt hat. Sie gründet sich auf die tiefsten und zugleich vollkommensten Leiden für die Sünde, wie sie niemals zuvor von einem Menschen erduldet worden sind. Hier geschah das erhabenste Werk der Handlungsweisen Gottes. Ich sage dies im Blick auf den Tag, an dem alles entsprechend Seiner Herrlichkeit neu gemacht wird als Folge der Auferstehung Christi, das heißt, der Anwendungen jener Macht, die sich in der Auferstehung gezeigt hat. Falls die Welt gleichgültig darüber hinwegging – was sollte die Auferstehung für uns bedeuten? Schätze sie nicht gering, weil sie immer noch ein Gegenstand des Glaubens ist! Gottes gewaltige Macht hat inmitten dieses Schauplatzes der Schwachheit und des Todes eingegriffen und sich in der Auferstehung Christi geoffenbart. Gott konnte nichts Größeres tun, um die Sünde auszulöschen, als im Opfer Christi geschehen ist. Dabei war es dieses Eine, die Sünde, welche die Seele Gott fürchten ließ. Jesus wurde so behandelt, als wäre Er ganz und gar mit Sünde bedeckt gewesen, und trug sie als Seine eigene. Um sie hinweg zu nehmen, mußte Er sie völlig tragen. Er tat es; und jetzt ist sie nicht mehr da. Wir ruhen nun in dem, was Gott uns von Christus und unserer Sünde mitteilt. Diese Botschaft prüft das Vertrauen der Seele auf Gott. Bin ich bereit, Gott zu vertrauen, wenn ich auch auf mich selbst nicht vertrauen kann? Die Sünde führte zu Mißtrauen gegen Gott. Die Gabe, der Tod und die Auferstehung Christi stellen hingegen nicht nur das Verlorene wieder her, sondern befestigen auch die Seele in einer Erkenntnis Gottes, wie sie nie ein Engel besaß, noch besitzen kann. Meine Seele benötigte nicht die Überzeugung, daß Gott zu barmherzig sei, um mich wegen meiner Sünden zu verderben, sondern eine volle Befreiung als Konsequenz eines vollständigen Gerichts über die Sünde. (Römer 8, 1. 3). Wir können keine Gemeinschaft mit Gott haben außer auf Grundlage einer gerechten Verfahrensweise mit unserer Sünde. Der gekreuzigte Christus hat vor Gott die Sünde derer, die glauben, vernichtet. Wenn wir Gott glauben bezüglich des Sterbens Seines Sohnes der Sünde – unserer Sünde – wegen, dann beziehen wir gemeinsam mit Gott Stellung gegen uns selbst. Indem wir uns vor Ihm als verlorene Sünder anerkennen, zeigen wir Buße zu Gott, welche vom Glauben nicht getrennt werden kann.

Die vollkommene Liebe wohnt in Gott und kommt aus den Tiefen Seines heiligen Wesens hervor. Er wurde ein Mensch, um die ganze sittliche Frage der Sünde zu durchleben. Der Triumph der Gnade besteht darin, daß Er dies in Christus getan hat. Kein Wunder also, daß der Engel sagen konnte: „Fürchtet ihr euch nicht!“ Die Auferstehung zeigt, daß alle Hindernisse beseitigt sind. Der Engel erkannte Ihn als Herrn an; doch was für ein Segen, daß wir Ihn „unser Herr“ nennen dürfen! Was für eine Freude, jenen Auferstandenen, der gekreuzigt war, als Den anzuerkennen, Der das Recht hat, allem zu befehlen! Zweifellos gab die Wahrheit, daß Er Gott war, Seinem Werk ihren vollen Wert. Er stand, obwohl ein Mensch, weit über der Menschheit. Er war der Schiedsmann (Hiob 9, 33), der Seine Hände sowohl Gott als auch den Menschen reichen konnte. Darum weist der Engel darauf hin, daß in der Gegenwart eines auferstandenen Heilands auch der ängstlichste Gläubige nichts zu fürchten hat.

Andererseits sagt Apostelgeschichte 17, 31: „Er [Gott] (hat) einen Tag gesetzt, an welchem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat allen den Beweis davon gegeben, indem er ihn auferweckt hat aus den Toten.“ Wenn ich nicht auf einen auferstandenen Heiland zur Errettung meiner Seele vertraue, bin ich an Seinem Tod mitschuldig. Falls ich nicht um Zuflucht zu Ihm geflohen bin, befinde ich mich in Gesellschaft jener, die Ihn gekreuzigt haben. Doch der Glaube an Sein Blut hat mich von dieser Schuld gereinigt. Wie gerecht ist es, daß die Vorsorge der Gnade, welche die Befreiung des Gläubigen besiegelt, bei ihrer Ablehnung zum tödlichen Ballast wird, welches die Welt im Gericht versenken wird! Indem ich Gott glaube, weiß ich, daß der Mensch Jesus gekreuzigt hat, und zwar nicht nur der weltlich gesinnte. Die ganze Menschheit ist von dieser Schuld durchtränkt. Gott schenkte eine Tür der Befreiung für alle, nämlich den gekreuzigten Jesus.

„Fürchtet ihr euch nicht!“ Es gibt keinen Anlaß zur Unruhe mehr; denn Er ist auferstanden. Darauf hatte Gott gewartet. „Ich weiß, daß ihr Jesum, den Gekreuzigten, suchet.“ (V. 5). Entscheidend war jetzt, daß das Herz sich mit Jesus beschäftigte. Gott wollte schon immer die Sünde auslöschen. Nun war dies geschehen. Er hatte voll heiliger Liebe Jesus in den Tod gegeben und jetzt aus den Toten auferweckt und verherrlicht, damit unser Glaube und unsere Hoffnung auf Gott seien. Wenn mein Glaube und meine Hoffnung wirklich auf Gott gerichtet sind, erfreue ich mich an Christus – wenn auf mich, wird Christus für mich bedeutungslos zu meinem ewigen Verderben. Falls Christus nicht für mich zur Ruhe und Freude, zum Heiland und Herrn wird, muß ich bald vor Ihm als meinem Richter zittern.

Kehren wir jetzt zu den Frauen am Grab zurück! Sie sollten hingehen und den Jüngern des Herrn mitteilen, daß Jesus von den Toten auferstanden sei und vor ihnen her nach Galiläa gehe. Im Lukasevangelium lesen wir nichts von Galiläa. Dort gesellte Er sich zu den beiden Jüngern auf ihrem Weg nach Emmaus. Als diese am selben Abend nach Jerusalem zurückkehrten, „fanden (sie) die Elfe, und die mit ihnen waren, versammelt, welche sagten: Der Herr ist wirklich auferweckt worden und dem Simon erschienen.“ (Lukas 24, 33–34). Dann trat Jesus selbst in ihre Mitte. Alle Umstände haben hier Jerusalem zum Mittelpunkt. Im Matthäusevangelium wird großer Nachdruck auf Galiläa als Ort des Zusammentreffens gelegt. Warum? Ist es nicht bemerkenswert, daß das eine Evangelium als Treffpunkt Jesu mit Seinen Jüngern Jerusalem und das andere Galiläa angibt? Will Gott uns damit nicht etwas Wichtiges lehren?

Wir neigen dazu, die Bedeutung einer Wahrheit an ihren Ergebnissen für uns zu messen. Dabei ist der wahre Maßstab ihr Beitrag zur Herrlichkeit Gottes. Er teilt uns Seine Wahrheit auf eine Weise mit, die für uns am besten ist. Im Matthäusevangelium wird Jesus normalerweise in Galiläa gesehen. Jerusalem wies Ihn ab, war bestürzt über Seine Geburt und warf Ihn hinaus – zum Tod am Kreuz. Die Gefühle der Juden werden durch die Worte genau beschrieben: „Wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt“ (Jesaja 53, 4). Sie erwarteten vom Messias, daß Er ihren irdischen Vorstellungen entsprach, und machten ihrer Enttäuschung Luft, indem sie den Sohn Gottes verwarfen. In Übereinstimmung hiermit berichtet Matthäus also, daß der Schauplatz Seiner Lebensarbeit und der Geringschätzung seitens der Juden auch der Ort werden sollte, an dem Er sich als Auferstandener offenbaren wollte, nachdem Ihn das Haus Israel verworfen hatte, nämlich Galiläa. Er offenbarte sich erneut in dem verachteten Galiläa der Nationen, als Ihm alle Gewalt im Himmel und auf der Erde gegeben war. Dort gab Er auch dem gläubigen Überrest aus Seinem alten Volk seinen großen Auftrag.

„Und sie gingen eilends von der Gruft hinweg mit Furcht und großer Freude, und liefen, es seinen Jüngern zu verkünden. Als sie aber hingingen ... kam Jesus ihnen entgegen.“ (V. 8–9). Im Johannesevangelium, wo Maria ihre Hand zum Herrn hin ausstreckte, sagte Er: „Rühre mich nicht an!“ (Johannes 20, 17). Wie kommt es, daß der Herr hier, als die Frauen herzunahten und Seine Füße umfaßten, dies nicht verbot? In diesen beiden Handlungen werden uns zwei ganz verschiedene Wahrheiten vorgestellt. Die große Hoffnung Israels bestand darin, Christus in ihrer Mitte zu haben. Genauso kennzeichnend ist für uns Christen die Abwesenheit Christi im Himmel, während wir unsere Zeit der Versuchungen durchleben. Johannes spricht ausführlich vom Weggang des Herrn. Folglich wird eine ganz andere Szene der Herrlichkeit, völlig unabhängig von dieser Welt, herausgestellt. Darum besagt die Lehre dort sozusagen: „Ihr schaut als Juden danach aus, daß Ich persönlich anwesend bin. Mein gegenwärtigen Platz ist jedoch jetzt in der Höhe und in den vielen Wohnungen, die Ich für euch im Haus meines Vaters bereiten will.“ Er offenbarte den Gläubigen eine himmlische Hoffnung, die sich völlig von Seiner Regierung über Sein Volk in dieser Welt unterscheidet. Im Matthäusevangelium hingegen sehen wir Jesus, wie Er, von Jerusalem verworfen, nach Seiner Auferstehung wieder in Galiläa gefunden wird. Wie groß auch immer Seine gegenwärtige Macht und Herrlichkeit sein mag und welchen Trost und welche Segnung Er den Seinen mitgeteilt hat, Er bleibt trotzdem hinsichtlich der Juden und Jerusalems der verworfene und verachtete Messias. Daher bestätigte Er bei dieser Gelegenheit die Botschaft des Engels, indem Er sagte: „Fürchtet euch nicht; gehet hin, verkündet meinen Brüdern, daß sie hingehen nach Galiläa, und daselbst werden sie mich sehen.“ (V. 10).

Der Landpfleger übte die Macht des römischen Reiches aus. Doch wer waren die, welche ihn zu seinem Verbrechen angestiftet hatten? Die falschen Religionisten ihrer Tage – die Priester – waren von Satan völlig verblendet. Gewohnheitsmäßig ohne jegliche Einfalt des Herzens versammelten sie sich mit den Ältesten und hielten Rat; und jene, die einen verräterischen Jünger mit „dreißig Silberlinge“ bestochen hatten, um Christus zum Tod zu bringen, gaben „Geld genug“ an die Soldaten, um die Wahrheit Seiner Auferstehung zu leugnen. Das ist der Mensch und die Welt – und zwar, es ist ernst zu sagen, in ihrer höchsten und stolzesten Gestalt. So war es damals. Hat sich die sittliche Erscheinung inzwischen geändert? Wenn wir die Bibel richtig lesen, finden wir in ihr nicht nur einen Bericht von der Vergangenheit, sondern auch ein Lehrbuch über Gegenwart und Zukunft. Mögen wir es als Gottes Wahrheit sowie auch zum Segen für unsere Seelen lesen! Eins steht fest, daß die Juden, und insbesondere ihre religiösen Führer, die Leitung im Bösen und im Widerstand gegen Gott vor dem Tod Christi (Matthäus 26 und 27), während Er im Grab lag (Matthäus 27, 62–66) und nach Seiner Auferstehung (Matthäus 28, 11–15) einnahmen. Aber der Unglaube ist schließlich genauso schwach in der Opposition gegen Gott, wie der Glaube mit und durch Ihn stark ist. Ihre eigene Wache wurde gegen ihren Willen zum klarsten und am wenigsten erwarteten Beweis von der Auferstehung. Welch ein Zeugnis lieferte das Entsetzen der Söldner in Vergleich zu den Zweifeln Seiner eigenen Jünger! Es war jetzt nicht einfach mehr Unglaube. Sie sprachen überlegt und vorsätzlich eine Lüge aus; und darauf stützen sich die Juden „bis auf den heutigen Tag.“ Ihre Furcht erweckte gegen ihren Willen ein sicheres Zeugnis in Hinsicht auf Jesus; und ihre Feindschaft verführte sie jetzt, das, was sie als Wahrheit erkennen mußten, zu verwerfen, selbst wenn es ihre ewige Verdammnis bedeutete.

„Die elf Jünger aber gingen nach Galiläa, an den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, warfen sie sich vor ihm nieder; einige aber zweifelten.“ (V. 16–17). Und diese Zweifler waren Jünger! Wie gut ist Gott! Wie steht Er über den natürlichen Gedanken! Ein Mensch hätte diese Einzelheit nicht berichtet. Warum sollte man schreiben, daß einige Seiner Jünger zweifelten? Würde es nicht andere zum Straucheln bringen? Es ist jedoch gut, die Tiefen unserer ungläubigen Herzen zu kennen – zu sehen, daß sogar in der Gegenwart des auferstandenen Jesus „einige ... zweifelten.“ Egal, wie groß Seine Liebe zu Seinen Kindern ist – Gott verbirgt vor ihnen nie ihre Sünden, noch nimmt Er sie auf die leichte Schulter. Tatsächlich liebt Er uns zu sehr; und Er bleibt immer Gott.

„Und Jesus trat herzu und redete mit ihnen und sprach: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Gehet nun hin und machet alle Nationen zu Jüngern, und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.“ (V. 18–20). Angesichts dieser Worte scheint mir eine Beschreibung der Himmelfahrtsszene unangebracht zu sein. Was wäre unpassender, als nach Seinen Worten „Siehe, ich bin bei euch alle Tage“ die Einzelheiten Seines Hinaufsteigens in den Himmel zu lesen? Nein, der Vorhang fällt schon vorher. Wenn es nicht so wäre, könnte der ungebrochene Segen dieser Verheißung nicht in unseren Herzen nachklingen. So scheint mir das Fehlen einer Schilderung Seines Abschieds in vollkommener Übereinstimmung mit Seiner letzten Verheißung und mit dem ganzen Evangelium zu stehen.

Warum finden wir hier nichts von „Buße und Vergebung der Sünden“? (Lukas 24, 47). Warum sollten sie nicht „der ganzen Schöpfung“ predigen? (Markus 16, 15). Was macht diesen Abschluß des Matthäusevangeliums so besonders passend? Der Herr war als der jüdische Messias verworfen worden. Daraufhin enthüllte Er die neuen Handlungsweisen Gottes mit den Menschen. Vorher sollten sie nicht einmal zu den Samaritern gehen. (Matthäus 10). Jetzt wird ein ganz neuer Wirkungsbereich geöffnet. Gott hat nicht länger Seinen besonderen Wohnort in einer einzigen Nation. Der Kreis hat sich erweitert. „Gehet nun hin und machet alle Nationen zu Jüngern, und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!“ Die Taufe steht an dieser Stelle im Gegensatz zur Beschneidung; und die vollere Offenbarung der Gottheit wird dem Namen „Jehova“, unter dem Gott in Israel bekannt war, gegenüber gestellt. „Lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe.“ Das stimmt mit der Bergpredigt überein, wo der Herr sich in Gegensatz zu den Alten stellt und sagt: „Ich aber sage euch.“ (Matthäus 5). Er war der Prophet wie Mose, den Gott zu erwecken verheißen hatte und auf den sie hören sollten. (5. Mose 18, 15). Welche besonderen Anweisungen für jüdische Jünger lesen wir hier! Sie sollten alles lehren, was Jesus ihnen geboten hatte. Er war der geliebte Sohn Gottes, auf den vor allen anderen zu hören war. (Matthäus 17, 5). Die Nationen sollten nicht unter das Gesetz gebracht werden. Dennoch ist gerade dies zum Ruin der Christenheit, zur Leugnung des wahren Christentums und zur tiefen Verunehrung Christi eingetreten.

Damit schließt alles. Die Jünger werden auf einen unruhigen Schauplatz geschickt; aber „siehe, ich [Jesus] bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.“ Das war und ist für den Glauben genug. Der Herr möge geben, daß wir unsere Seelen für dieses und jedes Zeitalter Gott und dem Wort Seiner Gnade anvertrauen, welches selbst dann bestehen bleibt, wenn Himmel und Erde vergehen!

Fußnoten

  • 1 Grundbegriff der Logik und Erkenntnistheorie. Er bedeutet etwas Vorausgesetzes, auf Grund dessen etwas erkannt oder gedacht wird. Im vorliegenden Fall liegt die Bedeutung darin, daß die Gelehrten voraussetzen, daß keine besondere thematische Absicht beim Abfassen eines speziellen Evangeliums vorlag. (Übs.).
  • 2 Das paßt gut zu dem, was wir bisher im Matthäusevangelium gefunden haben. Der Leser kann die Worte „ka± ¸doÁ“ („und siehe“) in Vers 2 mit ihrer Anführung in Matthäus 8, 2 vergleichen. Die wahre Verbindung der Ereignisse liegt nicht in der Zeitfolge, sondern im Thema des Erzählers. Es gibt keinen Grund zur Annahme, daß die Frauen das Erdbeben miterlebten. Nach meiner Meinung waren allein die Söldner Augenzeugen desselben. (W. K.).
  • 3 Dieser interessante Gedanke Kellys wird gestützt von Ausführungen J. N. Darbys in seinen Aufsätzen „The Narrative of the Passion-Week and of the Resurrection“ und „The Facts of the Lord’s Resurrection, in their relative Order“ in Coll. Writ. 32 (Reprint 1972) 368–372 und 373–375. Vergl auch Franz Kaupp (1968): Biblische Fragen, Ernst-Paulus Verlag, Neustadt/W., S. 324–338! (Übs.).
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