Vorträge zum Matthäusevangelium

Kapitel 26

Der Herr hatte in Taten und Worten Sein Zeugnis als der treue Zeuge abgelegt. Er hatte Seine Reden abgeschlossen, die Ihn als den Propheten wie Mose bekannt machten. (5. Mose 18, 15). Dabei war Er unvergleichlich größer als dieser. Auf Ihn sollten die Menschen jetzt hören, weil sonst ewiges Verderben drohte. Nun nahte die Stunde, die ernste Stunde, Seiner Leiden. Er trat im Geist in dieselbe ein mit einer ruhigen Würde, die nur in Ihm zu finden war. (V. 2).

Die religiösen Führer beschlossen, den Herrn zum Tod zu bringen. Die Hohenpriester, die Schriftgelehrten (Markus 14, 1) und die Ältesten waren alle eines Sinnes. Sie versammelten sich im Palast des Hohenpriesters, sie ratschlagten, sie planten. Aber letztendlich machten sie wie üblich nur ihre Niedertracht voll und führten unbewußt den Willen Gottes aus. Dabei erfüllten sie die Worte Christi an Seine Jünger und nicht ihren eigenen spitzfindig ausgeheckten Plan der Bosheit. Sie sagten zueinander: „Nicht an dem Fest, auf daß nicht ein Aufruhr unter dem Volk entstehe.“ (V. 5). Der Herr jedoch hatte Seinen Jüngern erklärt: „Ihr wißt, daß nach zwei Tagen das Passah ist, und der Sohn des Menschen wird überliefert, um gekreuzigt zu werden.“ (V. 2). Wollten sie Ihn töten? Dann an diesem Tag! Der Mensch besaß die Bosheit, Gott bestimmte den Weg. Wenig wußten die Freunde und Feinde Jesu, wie der festgesetzte Ratschluß Gottes zustande gebracht werden sollte. Ein Verräter aus dem innersten Kreis war das geeignete Werkzeug für Satans ränkevolle Bosheit und sollte seine Ferse erheben. (Psalm 41, 9). Er wurde zum Führer jenes ehebrecherischen und jetzt abtrünnigen Geschlechts in den Abgrund des Verderbens. Doch der Feind liebt es, seine Opfer sittlich herabzuwürdigen. Das schöne Geschenk der Liebe – die Frucht des Heiligen Geistes in ihr, welche die sehr kostbare Salbe aus der Alabasterflasche auf den Kopf Jesu ausgoß – wurde zum Anlaß, die niederträchtigsten Beweggründe in Judas zu erwecken. Diese Tat bewirkte den endgültigen Erfolg des Versuchers über eine Seele, die obwohl sie ständig Christus hörte und vor sich sah, schon lange einer verborgenen Sünde frönte. (V. 6–16).

Ich bin durch gewisse Umstände gezwungen, nur flüchtig auf diese abschließenden und doch so segensreichen sowie anziehenden Szenen einzugehen. Sie sind allerdings nicht unverständlich in ihrer Aussage und eher für das Herz als für eine Besprechung und Auslegung gedacht. Jeder Gläubige versteht sie. Trotzdem sollten wir beachten, und zwar insbesondere zu unserer Warnung, wie leicht elf gute Männer durch die schönen Argumente eines bösen in die Irre geführt werden, wenn dieser durch verderbliche Gefühle, die sie nicht kennen, beeinflußt wird. Ach, das Fleisch bleibt in allen, auch in den Wiedergeborenen, die gleiche verhaßte und einander hassende Triebfeder. Für den Gläubigen gibt es nichts Gutes, außer wo Christus der Gegenstand und das Mittel ist. Danach sehen wir zu unserer Freude, wie schön die Liebe zu Christus von Ihm verteidigt wird. Außerdem erkennen wir selbst im schwächsten Gefäß die Leitung durch den Heiligen Geist, trotz des Murrens all derer, die so hochstehend und stark erscheinen. Und drittens, wenn eine erlöste Frau ihre Wertschätzung Jesu im Urteil des nach dem Nützlichkeitsprinzip denkenden Unglaubens so verschwenderisch geoffenbart hatte – welchen Wert besaß Er in den Augen bestechender Priester und des Verräters? „Sie aber stellten ihm dreißig Silberlinge fest.“ (V. 15). Der Preis eines Sklaven war ihnen hoch genug für den verachteten Herrn aller Dinge. (Vergl. 2. Mose 21, 32; Sacharja 11, 12–13!).

Angesichts dieser Umstände verfolgte der Herr Seinen Pfad der Liebe und heiligen Ruhe weiter; und als die Jünger Ihn fragten, wo Er das Passah essen wolle, sprach Er, trotz aller Verwerfung, in der Autorität des Messias: „Gehet in die Stadt zu dem und dem und sprechet zu ihm: Der Lehrer sagt: Meine Zeit ist nahe; bei dir halte ich das Passah mit meinen Jüngern.“ (V. 18). Während die Zwölf aßen, teilte Er ihnen den Kummer Seines Herzens mit. „Wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich überliefern.“ (V. 21). Das offenbarte die Echtheit ihrer Zuneigung und ihre tiefe Trauer. Judas ahmte die Frage der Unschuld nach, indem er fürchtete, daß sein Schweigen ihn offenbar machen könnte. Vielleicht rechnete er auch damit, daß der Herr hinsichtlich der Person des Verräters unwissend war, weil Er sich so allgemein („Einer von euch“) ausgedrückt hatte. Nichtsdestoweniger mußte er hören, wie ihm sein Verderben nachdrücklich verkündet wird. Die Prophezeiungen wurden erfüllt; aber wehe jenem Menschen, der den Sohn des Menschen verriet!

Doch nichts konnte die Liebe des Herrn aufhalten. „Während sie aber aßen, nahm Jesus Brot, segnete, brach und gab es den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; dieses ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte und gab ihnen denselben und sprach: Trinket alle daraus. Denn dieses ist mein Blut, das des neuen Bundes, welches für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ (V. 26–28). Das Brot und insbesondere der Kelch stellen den Messias nicht mehr als lebend auf der Erde dar, sondern als verworfen und erschlagen. Wie im Markusevangelium wird mit den Worten „dieses ist mein Leib“ nur die allgemeine Wahrheit dargestellt, ohne bei der Gnade zu verweilen, die ihn gab. (Siehe Lukas 22!). Es geht hier um die Wahrheit an sich und nicht um die Zusätze, die wir woanders hören. Besonderer Nachdruck wird darauf gelegt, daß es „mein Blut, das des neuen Bundes, (ist), welches für viele vergossen wird“; denn die Verwerfung des Messias durch Israel und Sein Tod öffneten den Weg für die anderen draußen – für die Nichtjuden. Es war unserem Evangelisten wichtig, darauf aufmerksam zu machen. Bei Lukas lesen wir die Worte: „Das für euch [d. h. für die an Jesus Glaubenden] vergossen wird.“ (Lukas 22, 20). Matthäus fügt hinzu: „Zur Vergebung der Sünden“ und unterstreicht damit den Gegensatz zum Blut des alten Bundes, welches das Volk unter ein Gesetz der Strafe stellte. Aus diesem Kelch sollten, wie hier ausdrücklich gesagt wird, alle trinken. Das Blut in 2. Mose 24 besiegelte unter Androhung des Todes das Versprechen des Volkes, das Gesetz zu halten. Jetzt trinken alle von dem Zeugnis in dem Blut des Heilands, daß ihre Sünden ausgelöscht und hinweggetan sind.

„Ich sage euch aber,“ fügte Er hinzu, „daß ich von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken werde, bis an jenem Tage, da ich es neu mit euch trinken werde in dem Reiche meines Vaters.“ (V. 29). Hinfort nimmt Er bis zum Kommen des Reiches Seines Vaters nicht an ihrer gemeinsamen Freude teil. Erst dann wird Er wieder die Freude an Seinem Volk hienieden genießen können. Die Gottesfürchtigen sollen jetzt Sein Blut mit dankbarem Lob trinken. Bald wird Er den Wein der Freude aufs neue mit uns trinken in dem Reich des Vaters. Bis dahin ist Er der himmlische Nasiräer; darum sollten auch wir im Geist Nasiräer sein.

Nach dem Abendmahl sangen sie ein Loblied – wie gesegnet, zu einer solchen Zeit! – und begaben sich zum Ölberg. Mit unaussprechlicher Gnade und Ruhe, die alles beherrschten, machte Er die Jünger damit vertraut, was sie in jener Nacht treffen und erschüttern würde. Wie vorher auf Sich (V. 24) wandte Er jetzt das geschriebene Wort auf sie an (V. 31). Das Fleisch hatte schon einmal in dem Preis, den es auf Jesus setzte, erwiesen, wie viel es wert ist. Jetzt beweist es die Wertlosigkeit seines Selbstvertrauens und seines Mutes zu Gunsten des Herrn. „Ihr werdet euch alle in dieser Nacht an mir ärgern.“ (V. 31). Das stellte Er ihnen allen nachdrücklich vor und am eindringlichstem dem, der am meisten auf seine Liebe zum Heiland vertraute. So würde der Ausgang der Versuchung ihren Glauben und ihr Mißtrauen gegen das Ich stärken und Christus für sie zu ihrer einzigen Kraftquelle machen. Nach Seiner Auferstehung wollte Er vor ihnen her nach Galiläa gehen, um dort in Auferstehungsmacht die Beziehungen zu ihnen aus den Tagen Seines Fleisches wieder aufzunehmen.

Die nächste Szene (V. 36–46) ist genauso vollkommen in ihrer Darstellung Jesu wie demütigend in ihrer Enthüllung der Schwachheit des Geehrtesten unter den Aposteln. Sie zeigt uns nicht nur ein Bild der heiligen Ruhe in der vollkommensten Kenntnis dessen, was Ihn und Seine Jünger erwartete, sondern auch der Todesqual bis zum Äußersten, indem vor dem Angesicht Gottes der Tod in all seinen Schrecken vergegenwärtigt wurde. Was für einen Einblick bietet uns Gethsemane von Ihm, Jehova-Messias, als den Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut! (Jesaja 53, 3). Wer sah jemals solche Anfechtungen wie Er? Jesus kannte das Kreuz in Seinem sühnenden Charakter, wie niemand anderes es kannte oder erkennen konnte. Er allein beugte Sein Haupt unter dem vollständigen, schonungslosen Gericht Gottes, als Er für uns zur Sünde gemacht wurde. Noch schwerer war es für Ihn jedoch, weil Er mehr als alle anderen Menschen den Druck des Todes auf Seine Seele als die Macht Satans – und das in vollkommener Weise – vorausempfand und durchlitt. Dieses war um so schmerzlicher für Ihn, weil Er den Tod aus der Hand Seines Vaters und nicht der des Feindes nahm. Es spricht keineswegs von Empfindungslosigkeit, im Gegenteil, wenn Er sich mit starkem Geschrei und Tränen an Seinen Vater wandte (Hebräer 5, 7) so wie später am Kreuz als der wirkliche Sündenträger an Gott.

„Und er nahm den Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus mit, und fing an betrübt und beängstigt zu werden. Dann spricht er zu ihnen: Meine Seele ist sehr betrübt bis zum Tode; bleibet hier und wachet mit mir.“ (V. 37–38). Als das Kreuz herangekommen war, gab es keine solche Aufforderung an die Jünger mehr, mit Ihm zu wachen. Er war dort für uns, das heißt, für unser Sünden, absolut und notwendig allein. Kein Mensch oder Engel war Ihm, sittlich gesehen, in irgendeiner Weise nahe, als Gott Ihn verließ und Sein Angesicht vor Dem verbarg, auf Dem alle unsere Missetaten lagen. Hier, wo Er Sich als Sohn an den Vater wandte, „ging (er) ein wenig weiter und fiel auf sein Angesicht [am Boden hingestreckt im ernsten Kampf] und betete und sprach: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (V. 39). Er wachte und betete und kam nicht in die Versuchung, obwohl Er in allem versucht wurde wie wir (Hebräer 4, 15). Danach findet Er die Jünger schlafend vor; sie konnten nicht eine einzige Stunde mit Ihm wachen. „Der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber schwach.“ (V. 41). Und so geschah es mehrmals, bis Er ihnen sagte, daß sie weiterschlafen konnten. Allerdings warnte Er sie auch; denn die Stunde war gekommen und mit ihr der Verräter.

Doch dasselbe Fleisch, das in den Schlaf hinabzog, als der Herr zum Wachen und Beten aufforderte, ist eifrig genug, um mit fleischlichen Waffen zu kämpfen, als Judas mit seinem heuchlerischen Kuß und der ihn begleitenden Volksmenge kam. (V. 47 ff.). Diese Tat bewahrte Petrus nicht davor, seinen Herrn zu verlassen und zu verleugnen – im Gegenteil! Jesus hingegen erlitt alles vor den Augen Seines Vaters. Er war voller Würde und Friede vor den Menschen und ging weiter, um Seinen Willen von ihren gottlosen Händen zu erdulden. In den einfachsten, sanftmütigsten Worten offenbarte Er die abscheuliche Bosheit des Judas und die übereilte Schwachheit Seines unbesonnenen Verteidigers sowie den schriftgemäßen Schlüssel zu Seinem herannahenden Tod. Dabei war Er sich durchaus Seines Rechts bewußt, angesichts einer feindlichen Volksmenge Legionen von Engeln herbei zu befehlen. Er war vor allem ein Gefangener nach dem Willen Gottes und nicht des Menschen.

Vor Kajaphas wurde Er des Todes schuldig gesprochen (V. 57–75). Das geschah jedoch nicht, weil die Lügen der Zeugen Erfolg hatten, sondern wegen Seines eigenen Bekenntnisses der Wahrheit. Er war der Sohn Gottes. Doch wie Er in der Fülle von Gnade und Wahrheit gekommen war, so werden sie Ihn hinfort als den Sohn des Menschen zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels erscheinen sehen. Das ist Sein gegenwärtiger Platz und Seine Offenbarung, wenn Er in Macht und Herrlichkeit kommt. Inmitten Seiner Verwerfung und der Unverschämtheiten von seiten der Hohen und Niedrigen aus Seinem irdischen Volk läßt Jesus Sein gewaltiges Wort in das Gedächtnis des armen Petrus dringen. Dieser ist jetzt nur zu kühn in der Verleugnung seines Herrn mit Flüchen und Schwüren. „Und er ging hinaus und weinte bitterlich.“ (V. 75). Was für ein Knecht, und was für ein Meister!

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