Vorträge zum Matthäusevangelium

Kapitel 23

Im vorigen Kapitel wurden jene zum Schweigen gebracht, die vorgaben, das meiste Licht zu besitzen. Da sie nicht an Christus glaubten, entbehrten sie des einzigen Schlüssels zu den Schriften; und auf Psalm 110, der ein so strahlendes Zeugnis von ihrem Messias gibt, lag nicht nur für die „Ägypter“ einst und jetzt, sondern auch für Israel eine dichte Wolke (vergl. 2. Mose 14, 19–20). Sie erkannten Seine Herrlichkeit nicht und waren folglich in hoffnungsloser Verwirrung, als sie erklären sollten, wie David durch den Heiligen Geist seinen eigenen Sohn als seinen Herrn bezeichnen konnte.

Im 23. Kapitel verkündigt der Herr den Untergang der Nation und vor allem das Verderben jener Menschen, die am höchsten in der allgemeinen Wertschätzung standen wegen ihrer religiösen Erkenntnis und Heiligkeit. Das waren nicht die Männer, welche die Menschen zuerst angeklagt hätten, nicht die offen Gesetzlosen, Lasterhaften und Gewalttätigen – nein, noch nicht einmal die ihre Bequemlichkeit liebenden, ungläubigen Sadducäer. So handelt Gott immer, wenn Er sich mit Seinem Volk beschäftigt. Das Gewissen, der Mensch an sich und sogar die Welt kann mehr oder weniger genau sittliche Verderbnis beurteilen. Gott jedoch sieht und verabscheut alles, was in menschlichen Augen gut erscheint und dabei unaufrichtig und gottlos ist. Gottes Wort sagt ausdrücklich, daß es so sein muß. Die schrecklichsten Weherufe, die für diese Welt bereitliegen, sind nicht für die heidnische Finsternis bestimmt, sondern, ähnlich wie für das widerspenstige Judentum, für die verderbte Christenheit. Daselbst ist der Ort, wo die Wahrheit am besten bekannt ist, wo die höchsten Vorrechte mitgeteilt worden sind und wo, ach, ihre Macht verachtet und geleugnet wird. Das heißt nicht, daß Gott, wenn Er aufsteht, um zu richten, die heidnische Welt ungestraft läßt. Sie geht nicht ohne Strafe aus und muß ganz sicher auch aus dem Kelch trinken. Dennoch sagt Gott: „Höret dieses Wort, das Jehova über euch redet, ihr Kinder Israel, über das ganze Geschlecht, welches ich aus dem Land Ägypten heraufgeführt habe! Indem er spricht: Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt; darum werde ich alle eure Missetaten an euch heimsuchen.“ (Amos 3, 1–2). Dasselbe gilt auch heute für die bekennenden Nichtjuden. Je voller das gewährte Licht und je reicher die im Evangelium geoffenbarte Gnade Gottes, desto schwerwiegender sind die Gründe für ein schonungsloses Gericht über die Christenheit. Es bricht herein, wenn die Totenglocke der göttlichen Rache über jene auf der Erde läutet, welche Gott nicht kennen und dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus nicht gehorchen. Der Herr sieht nicht wie ein Mensch sieht, weder in Gnade noch in Gericht. Der Mensch blickt auf das Äußere, Gott auf das Herz. Genauso spricht Jesus auch in der Szene vor uns.

Es ist beachtenswert, daß der Herr in erster Linie „zu den Volksmengen und zu seinen Jüngern“ sprach. (V. 1). Sie werden noch in einem gewissen Maß zusammen gesehen, und zwar bis zum Tod und zur Auferstehung Christi. Und selbst dann zerreißt der Heilige Geist nur langsam ein altes Band nach dem anderen. Er spricht Seine letzten Worte an den jüdischen Überrest, der zu jener Zeit natürlich aus Christen bestand, verstärkt durch mehrere Boten, erst kurz vor der Zerstörung Jerusalems aus. Doch selbst dem Grundsatz nach konnte es eine solche Trennung vor dem Kreuz nicht geben. Darauf beruht der verhängnisvolle Irrtum einiger Menschen, welche aus dem, was vor dem Tod Christi in Israel geschah, falsche Schlußfolgerungen ziehen. Sie mißachten und verwerfen die heilige Einheit, abgesondert von der Welt, zu welcher die Gläubigen seit jenem bedeutsamen Tag berufen sind. Damals war die Grundlage zu dieser Trennung noch nicht gelegt; die Zwischenwand der Umzäunung (Epheser 2, 14) bestand noch. Dennoch fehlte dem Glauben, der zur tieferen Herrlichkeit der Person des Herrn durchdrang, niemals eine reiche Ernte und eine herzliche Begrüßung. Andererseits wäre es vor dem Kreuz verfrüht und mit der bis dahin geltenden Ordnung Gottes im Widerspruch gewesen, wenn jemand die Juden aus das Lager geführt oder sie und die Nichtjuden zusammen in einen Leib vereinigt hätte. Je ernster das Urteil ist, welches Gott verkündigen oder vollziehen muß, desto größer und wunderbarer ist die Entfaltung Seiner Langmut. Wenn Er uns zur Geduld aufruft – wie erstaunlich ist Seine eigene! Wie wahrhaftig hat in Ihm die Geduld ihr vollkommenes Werk (vergl. Jakobus 1, 4)! Was sollen wir aber von dem Geist sagen, der die Langmut Gottes gegen die Gegenstände Seiner Gerichte mißbraucht? Welcher die ebenfalls gültige Wahrheit Seiner empfindsamen Liebe und Seiner eifrigen Sorge für jene leugnet, welche in Christus in innigste Nähe zu Ihm selbst gebracht worden sind? Gott spricht Seinen Heiligen Friede zu; doch mögen diese sich nicht wieder zur Torheit wenden!

Es war also ein Teil der jüdischen Mission unseres Herrn, wenn Er sagt: „Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf Moses' Stuhl gesetzt. Alles nun, was irgend sie euch sagen, tut und haltet.“ (V. 2–3). Aber Er warnt eindringlich davor, die Schriftgelehrten und Pharisäer persönlich in irgendeiner Weise zu Maßstäben des Guten und Bösen zu machen. „Tut nicht nach ihren Werken, denn sie sagen es und tun's nicht.“ Sie waren in sich selbst nur Baken1 – Muster des Bösen, jedoch nicht des Guten. (V. 4–7). So werden die Jünger nicht nur mit der Volksmenge zusammengefaßt gesehen, sondern in dem scharfen Tadel über diese religiösen Führer immer noch vom Herrn verpflichtet, jene anzuerkennen, die Moses Stuhl einnahmen. Sie saßen wirklich darauf. Der Herr hielt die Verpflichtung aufrecht, anstatt sie aufzulösen, diese Führer und das, was sie vortrugen, anzuerkennen, soweit es nicht aus ihrer Überlieferung, sondern aus dem Gesetz stammte. Dadurch ehrten die Jünger Gott, obwohl jene Heuchler nur nach Ehre von Menschen trachteten. Diese Worte liefern natürlich keine Rechtfertigung für falsche Apostel oder ihre sich selbst täuschenden Nachfolger heute; denn die Apostel nahmen keine „Stühle“ ein wie Mose damals. Das Christentum ist nämlich kein System von Anordnungen oder förmlichen Zeremonien wie das Gesetz. Wo es echt ist, finden wir die Frucht des Geistes durch das Leben in Christus, welches vom Wort Gottes gebildet und genährt wird.

In letzter Zeit wurden nachdrücklich und in Gegenden, wo man eigentlich Besseres erhoffen konnte, unbiblische Gedanken vorgebracht. Dabei stützt man sich darauf, daß auch die Heiligen in den Zeiten des Alten Testaments, obwohl sie unter dem Gesetz waren, auf Christus warteten und durch den Glauben das ewige Leben empfingen. Daraus wird nun geschlossen, daß auch wir, die wir an Christus glauben, uns genauso wie diese unter dem Gesetz befänden, da wir wie sie durch den Glauben gerechtfertigt sind. Nun, diese Gedanken mögen nachvollziehbar und gut erscheinen; doch dürfen wir nicht zögern, sie als äußerst böse zu verurteilen; denn damit werden Seelen mit Bedacht wieder in jene Stellung zurückgebracht, aus der das Werk Christi uns befreit hat. Die Juden des Altertums standen um der weisen Absichten Gottes willen unter dem Gesetz, bis der verheißene Same kam, um eine vollständige Befreiung zu bewirken. Die Erlösten in ihrer Mitte waren, obwohl sie sich durch den Glauben über jene Stellung erhoben, ihr ganzes Leben lang der Knechtschaft und dem Geist der Furcht unterworfen. Erst Christus hat uns in Seinem Tod und Seiner Auferstehung durch die große Gnade Gottes freigemacht. Daraufhin erhielten wir den Geist der Sohnschaft, durch den wir „Abba, Vater“ rufen dürfen. So besitzen wir demnach das klarste Zeugnis von Gott über den bedeutungsvollen Wechsel, der durch das Kommen Seines Sohnes, die Erfüllung Seines Werkes und die Gabe des Heiligen Geistes eingeführt wurde. Und dessenungeachtet wird öffentlich und ernsthaft behauptet, als wäre es ein Teil des einmal den Heiligen überlieferten Glaubens, daß diese wunderbare Wirksamkeit und Entfaltung der göttlichen Gnade mit ihren Ergebnissen für den Gläubigen ignoriert werden sollte, um die Seele unter das alte Joch und in den alten Zustand zurückzuversetzen. Zweifellos ist es genau das, was Satan will. Alle Unterschiede, die das Christentum gebracht hat, sollen durch eine Rückkehr zum Judentum aufgehoben werden. Es überrascht uns allerdings, ein solch unverhülltes Bekenntnis zu diesen Gedanken bei Männern zu finden, die sich evangelischen Lichtes rühmen.

Die wahre Antwort auf solche Mißverständnisse bezüglich Matthäus 23 und falsche Anwendung ähnlicher Abschnitte der Heiligen Schrift besteht demnach darin: Unser Herr hält bis jetzt (und genaugenommen bis zum letzten Augenblick) an Seiner Messiasschaft fest. Daraus folgt, daß sich die Nation und der Überrest noch unter dem Gesetz befanden und nicht in der befreienden Kraft Seiner Auferstehung. Welcher der Jünger konnte damals sagen: „Daher kennen wir von nun an niemand nach dem Fleisch; wenn wir aber auch Christum nach dem Fleisch gekannt haben, so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr also. Daher, wenn jemand in Christo ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, alles ist neu geworden. Alles aber von dem Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Jesum Christum und hat uns den Dienst der Versöhnung gegeben“ (2. Korinther 5, 16–18)? Das ist die normale Sprache des Christen. Dabei handelt es sich nicht um besondere Erkenntnis oder außerordentlichen Glauben, sondern einfach um die Unterwerfung unter das volle christliche Zeugnis im Neuen Testament. Ich möchte noch hinzufügen, daß das, was das Gesetz für den Juden war, jetzt das Wort Gottes in seiner ganzen Ausdehnung für den Christen ist. Insbesondere gilt dies für jenen Teil, welcher auf einen gestorbenen, auferstandenen, verherrlichten und den Heiligen Geist sendenden Christus gegründet ist. Sogar wenn wir Juden gewesen wären, hätte jetzt der Tod das alte Band gelöst. Wir sind mit einem anderen vermählt, nämlich mit Christus, auferstanden von den Toten. Falls wir also das Gesetz gemeinsam mit Christus als unserem Führer und unsere Lebensregel besäßen, dann bedeutete das sozusagen, gleichzeitig zwei Ehemänner zu haben und in einer Art geistlichem Ehebruch zu leben. Indem wir einander in Gnaden unterwürfig sind, sollen wir auf keine andere Autorität in den Dingen Gottes hören als diejenige Gottes selbst.

Sicherlich können und sollen wir sittlichen Gewinn aus dem Tadel unseres Herrn an die Schriftgelehrten und Pharisäer ziehen; denn was ist das Herz! Wir sollten uns davor hüten, anderen etwas aufzubürden, das wir selbst nur nachlässig beobachten. Wir sollten achthaben, nicht Werke zu tun, um von den Menschen gesehen zu werden. Wir sollten um Bewahrung bitten, daß wir den Geist der Welt nicht in uns wirken lassen, nämlich jenes Trachten nach einem Vorrang in der Hochachtung oder äußeren Ehrerweisung der Menschen. (V. 4–7).

In Wirklichkeit liegen hier wie überall die Kraft der Wahrheit und der Segen in der Ergebenheit des Herzens in die Herrlichkeit Christi der einen oder anderen Form und folglich in der Übereinstimmung mit Seinen Gedanken und Empfindungen. Deshalb sagt Er: „Ihr aber, laßt ihr euch nicht Rabbi nennen; denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder. Ihr sollt auch nicht jemand auf der Erde euren Vater nennen; denn einer ist euer Vater, der in den Himmeln ist. Laßt euch auch nicht Meister nennen; denn einer ist euer Meister, der Christus.“ (V. 8–10). Der Herr spricht jetzt nicht von den verschiedenen Gaben, die Er durch den Heiligen Geist an die Glieder Seines Leibes, der Kirche (Versammlung), mitteilt, sondern von religiöser Autorität in der Welt und einem gewissen Rang, verbunden mit Ehre, kraft eines kirchlichen Amtes oder einer klerikalen Stellung. Letzteres würde bedeuten, daß göttliche Dinge nach dem Grundsatz der Menschen verwaltet und die Früchte der Gnade, falls überhaupt welche vorhanden sind, belohnt werden. So etwas spricht natürlich die Selbstsucht des Herzens an und befriedigt sie. Der Herr hält also die Autorität des Gesetzes in dem Bereich, der ihm zugeteilt ist, aufrecht. Gleichzeitig stellt Er mit ständig zunehmendem Ernst die sittliche Unwürdigkeit jener heraus, die es zu ihrem eigenen Ruhm mißbrauchten. Hier entfaltet Er also noch nicht die gesegnete Vorsorge Seiner Liebe für die Zeit nach Seiner Himmelfahrt – zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes und zur Belehrung des Leibes Christi. Statt dessen werden die großen sittlichen Grundsätze des Reiches herausgestellt, von denen ich wohl kaum sagen muß, daß sie immer ihre Bedeutung behalten werden. „Der Größte aber unter euch soll euer Diener sein. Wer irgend aber sich selbst erhöhen wird, wird erniedrigt werden; und wer irgend sich selbst erniedrigen wird, wird erhöht werden.“ (V. 11–12). Das Kreuz und die himmlische Herrlichkeit sollten den Wert und die Bedeutung dieser Worte des Heilands nur vertiefen. Aber schon vor Kreuz und Herrlichkeit und unabhängig von der neuen Ordnung der Dinge in der Kirche (Versammlung) trugen jene sittlichen Kennzeichen den Stempel Jesu und waren auch für das Reich gültig.

Im auffallenden Gegensatz zu diesem Muster für die Jünger von einem wahren Dienst standen die Schriftgelehrten und Pharisäer, über die der Herr acht ernste Weherufe2 aussprach. (V. 13–33). Was konnte Er sonst von Menschen sagen, welche nicht nur selbst nicht in das Reich eingingen, sondern auch diejenigen hinderten, die hineingehen wollten? Was hatten jene anderes verdient, die um des Gewinnes willen religiösen Einfluß über die Schwachen und Wehrlosen suchten? Ihr proselytenmachender Eifer war unermüdlich – was für eine Frucht für Gott gab es jedoch in den Seelen? Waren nicht die Belehrten ein unzweideutiges Modell ihrer Lehrer, indem sie dem Fleisch nach ungekünstelter und aufrichtiger waren und offener in ihren Wegen, Zielen und Einstellungen? Danach wird die kleinliche Haarspalterei hinsichtlich äußerer Unterschiede offengelegt, welche in Wirklichkeit die offenkundige Autorität Gottes übersah. Während diese Führer geringfügigste Abgaben erpreßten, vernachlässigten sie die eindeutigsten ewigen sittlichen Wahrheiten. Als nächstes werden die Bemühungen um ein schönes Äußeres geschildert, ohne die Unreinheit in ihrem Innern zu beachten. Das zeigte sich in ihren Werken wie in ihren Leben und Personen, welche mit Arglist und Eigenwillen erfüllt waren. Dies alles wurde gekrönt von gekünstelter Verehrung für die Propheten und Gerechten, die in alter Zeit gelitten hatten und jetzt die Gewissen nicht mehr beunruhigen konnten, deren Ehrerweisung ihnen aber um so mehr Glaubwürdigkeit gab.

Es gibt kein billigeres und in der Welt erfolgreicheres Mittel, religiöses Ansehen zu gewinnen, als dieses Zurschaustellen von Ehre für die gestorbenen und abgeschiedenen Gerechten, insbesondere wenn man sich den äußeren Anschein gibt, als gehöre man zu ihrer Geistesverwandtschaft. Dem äußeren Ansehen nach scheint diese Nachfolge naturgegeben zu sein; und es hört sich hart an, wenn man jene, welche die toten Heiligen in diesen Tagen ehren, des gleichen rebellischen Geistes anklagt, der die Ermordeten in ihren Tagen verfolgte und erschlug. Aber der Herr wollte sie bald auf eine entscheidende Probe stellen und die wirkliche Neigung und den Geist der Religion dieser Welt nachweisen. „Deswegen siehe, ich sende zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte; und etliche von ihnen werdet ihr töten und kreuzigen, und etliche von ihnen werdet ihr in euren Synagogen geißeln und werdet sie verfolgen von Stadt zu Stadt; damit über euch komme alles gerechte Blut, das auf der Erde vergossen wurde, von dem Blut Abels, des Gerechten, bis zu dem Blut Zacharias', des Sohnes Barachias', den ihr zwischen dem Tempel und dem Altar ermordet habt.“ (V. 34–35). Sittlich gesehen war es immer derselbe Menschenschlag mit gleichem Charakter. Angesichts einer gerechten Regierung fügt der Herr hinzu: „Wahrlich, ich sage euch, dies alles wird über dieses Geschlecht kommen.“ (V. 36). So wird also alles sein Gericht finden – das, was ihre Väter begonnen hatten, und das, was sie selbst zur Vollendung brachten. In all den Punkten, deren der Herr sie anklagte, waren sie Heuchler. Ferner waren sie genauso schuldig wie die Schlimmsten ihrer Vorgänger. Das würden sie gerade in der Angelegenheit zeigen, auf die ihre Selbstgefälligkeit pochte. Schlangen waren sie! Eine Otternbrut! Wie konnten solche dem Gericht der Hölle entfliehen?

Wie rührend ist hier die Klage des Herrn über die schuldige Stadt, Seine eigene Stadt! „Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten. . .“ (V. 37). Seine Herrlichkeit erstrahlt noch mehr als sonst. Der verworfene Messias ist in Wirklichkeit Jehova. Er wollte sammeln (und wie oft!), aber sie wollten nicht. Es war nicht länger mehr Sein oder Seines Vaters Haus, sondern ihr eigenes; und es wurde jetzt öde gelassen. Obwohl das Gerichtswort sehr ernst ist, gibt es zuletzt doch noch Hoffnung. „Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprechet: „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!““ (V. 39). Israel wird trotzdem seinen König sehen – allerdings erst dann, wenn sie, das heißt ein gottesfürchtiger Überrest aus Israel, bekehrt ist, um Ihn im Namen Jehovas willkommen zu heißen.

Fußnoten

  • 1 Baken dienen in der Seefahrt zur Kenntlichmachung von Gefahrstellen, z. B. Untiefen; sie geben aber nicht die Richtung an, auf die man zusteuern muß. (Übs.).
  • 2 Anm. d. Übers.: In Wirklichkeit sind es nur sieben Weherufe. Kelly schreibt dazu auf den Seiten 110 f. in seinen „Lectures Introductory to the Study of the Gospels“ (1970) (unter dem Titel: „Einführende Vorträge zu den Evangelien“ ins Deutsche übersetzt als Band IV dieser Serie): „Die ältesten Texte, wie die Codices Vaticanus, Sinaiticus, Beza’s Cambridge, L. von Paris (C. und Alexandrinus sind fehlerhaft) und die Abschrift von Dublin lassen Vers 14 weg, welcher wahrscheinlich nach Markus 12, 40 und Lukas 20, 47 hier eingefügt worden ist. Dann bleibt eine vollständige Serie von sieben „Wehe“ übrig“. (W.K.). (Vergl. „Nestle-Aland“, 26. Aufl., und „Elberfelder Bibel“ mit z. B. „Lutherbibel“ bis wenigstens 1948 (in der Ausgabe von 1984/99 ist Vers 14 nicht mehr enthalten.))!
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