Vorträge zum Matthäusevangelium

Kapitel 6

Wir kommen nun zu einem anderen Gegenstand. Das sechste Kapitel beginnt mit einem Thema, welches noch erhabener ist als das, was wir bisher betrachtet haben. Die verschiedenen Ermahnungen des fünften Kapitels stellten die christlichen Grundsätze heraus im Gegensatz zu denen, die unter dem Gesetz gefordert oder erlaubt waren. Ab jetzt wird das Gesetz aufgegeben. In der Predigt unseres Herrn wird jedenfalls auf dasselbe nicht mehr ausdrücklich angespielt. Dafür wird der allererste Grundsatz jeder Frömmigkeit in seiner einfachsten Form deutlich gemacht, nämlich, daß wir es mit unserem Vater im Verborgenen zu tun haben. Er sieht alles, was in und um uns herum geschieht, auch wenn uns keine andere Seele versteht. Er hört und berät uns - ja, Er hat das tiefste Interesse an uns. Hier finden wir das, was der Herr „eure Gerechtigkeit“  nennt. Der Herr ermahnt nicht einfach den Erlösten, jede Art des Bösen in seiner Natur zu meiden und Heiligkeit zu offenbaren. Es genügte nicht, die Seele mit den Wegen der Liebe in ihrer Handlungsweise mit sogar den Schlechtesten der Menschen bekannt zu machen. Jetzt geht es um den Vater; und alles nimmt den Charakter der Gerechtigkeit an. In diesem Kapitel werden die inneren, göttlichen Beziehungen des Erlösten - unsere geistlichen Bindungen an Gott, unseren Vater - und das Verhalten, das daraus hervor strömen sollte, geoffenbart. Deshalb sagt unser Herr: „Habet acht, daß ihr eure Gerechtigkeit nicht übet vor den Menschen, um von ihnen gesehen zu werden.“ (V. 1).

Ich nehme mir die Freiheit und tausche das Wort „Almosen“  gegen „Gerechtigkeit“  aus 1. Einige wenige der allerbesten ursprünglichen Autoritäten stützen diese Änderung, obwohl natürlich hier wie anderswo die Gelehrten in ihren Ansichten voneinander abweichen. Doch sowohl innere als auch geistliche Gründe stützen diese äußeren Hinweise. Wenn wir das Wort „Almosen“  im ersten Vers stehen lassen - enthält dann nicht der zweite einfach eine Wiederholung des schon Gesagten? Setze statt dessen das Wort „Gerechtigkeit“  ein, und alles wird klar. Der Zusammenhang stützt diesen Austausch. Wir werden nämlich in den folgenden Versen sehen, daß unser Herr die Gerechtigkeit in drei Untergruppen aufteilt: Erstens Almosengeben, zweitens Gebet und drittens Fasten.

Es ist offensichtlich, daß unser Herr sich in Seiner Predigt mit diesen drei Teilen der Gerechtigkeit der Erlösten beschäftigt. (1.) In der Gabe von Almosen, einer sehr praktischen Tat, sehen wir außerdem den Grundsatz der Barmherzigkeit, der nicht in allen Fällen des Gebens wirkt. Almosen sollten mit Ernst und Würde ausgeteilt werden, indem sich das Herz dabei öffnet. Gott sieht zu. Es gilt die allgemeine Ermahnung: „Habet acht, daß ihr eure Gerechtigkeit nicht übet vor den Menschen, um von ihnen gesehen zu werden; wenn aber nicht, so habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater, der in den Himmeln ist.“  Gegründet auf diese Mahnung folgt: “Wenn du nun Almosen gibst [das ist ein Zweig der Gerechtigkeit], sollst du nicht vor dir her posaunen lassen.“  Damit spielt unser Herr auf gewisse Arten des Aufmerksam-Machens und der Selbstempfehlung an, welche die Juden damals pflegten. Doch die Gesinnung, so zu handeln, ist typisch für den Menschen aller Zeiten. In wenigen Handlungen verrät sich die menschliche Eitelkeit so sehr wie in dem Verlangen, durch das Geben von Almosen bekannt zu werden. Was bringt eine wahre Befreiung von dieser Schlinge unserer Natur? „Wenn du nun Almosen gibst [beachten wir, daß der Herr hier ganz persönlich wird!], sollst du nicht vor dir her posaunen lassen, wie die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Straßen, damit sie von den Menschen geehrt werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. Du aber, wenn du Almosen gibst, so laß deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut; damit dein Almosen im Verborgenen sei, und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.“ (V. 2-4).

So sollen wir also das, was wir tun, nicht ausposaunen. Nein, wir sollen es nicht einmal uns selbst zuflüstern. Nicht die linke Hand deines Mitmenschen soll nicht wissen, was deine Rechte tut, sondern deine eigene. So beschneiden die Worte des Herrn jede Art von Eigenlob. Der Hauptgesichtspunkt besteht darin: Wir sollen alles für unseren Vater tun. Dabei geht es nicht einfach um eine Pflicht. Die Liebe unseres Vaters wurde herausgestellt; und Er will, daß wir genauso handeln. Er weiß, was für uns am besten ist; wir sind da völlig unwissend. Wir meinen, daß wir dann am glücklichsten sind, wenn wir uns mit dem umgeben, was wir am meisten lieben. Keineswegs! Indem wir die Mittel weggeben, die wir zu unserem eigenen Genuß hätten verwenden können, eröffnen wir uns neue Quellen des Segens. Außerdem sollten wir dafür sorgen, daß das Almosengeben „im Verborgenen sei, und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.“  Die letzten Worte werden bei jeder der drei Handlungen, die hier die Gerechtigkeit kennzeichnen, wiederholt. Das Fleisch gewinnt überall Raum, wo wir uns nicht in der Gewohnheit üben, unsere Taten allein zwischen dem Vater und uns geschehen zu lassen. Ja, unser Herr will, daß wir schon den Gedanken an Lohn völlig unserem Vater, der nichts vergessen wird, anvertrauen.

(2.) Dasselbe gilt auch für das Gebet. Anscheinend spielt unser Herr darauf an, daß das Volk an jedem Tag zu einer bestimmten Stunde, ohne den Augenblick zu verpassen, in der Öffentlichkeit beim Beten gesehen wurde. Offensichtlich standen die Juden dabei bestenfalls auf gesetzlichem Boden. Außerdem öffnete ihnen ihr Verhalten die Tür für fromme Schaustellung und Heuchelei. Die große Wahrheit, die das Christentum so völlig herausgestellt hat, wird dabei ganz und gar übersehen. Wir sollen nicht für ein äußeres Zeugnis, das Gesetz, für andere Menschen, damit sie es sehen, oder für uns selbst, damit wir uns damit in Gedanken beschäftigen, tätig sein. Wir haben es mit unserem Vater zu tun - unserem Vater im Verborgenen. Darum sagt der Herr: „Du aber, wenn du betest, so geh in deine Kammer und, nachdem du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist, und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.“ (V. 6). Auf diese Weise wird keineswegs die Bedeutung des öffentlichen Betens geleugnet. Die Äußerung bezieht sich nicht auf ein gemeinsames Bitten, obwohl wir in dem folgenden Gebet die Worte „unser“, „uns“ und „wir“ und nicht Ausdrücke der Einzahl finden. Die Jünger sollten ihre augenblicklichen Bedürfnisse und die ihrer Brüder im Geist Gott vorstellen. Dieses Gebet gehört zu einer Zeit des Übergangs. Das gemeinsame Gebet der Versammlung hingegen finden wir in der Bibel erst ab der Apostelgeschichte.

Das sogenannte Gebet des Herrn war ein Gebet für jeden einzelnen der Jünger, die nicht wußten, wie sie beten sollten und die über die allerersten Grundsätze des Christentums belehrt werden wollten. (vgl. Lukas 11,1ff.). Dieses Gebet ist nämlich ein Teil dessen, was der Apostel „das Wort von dem Anfang des Christus“  nennt, indem er sagt: „Deshalb, das Wort von dem Anfang des Christus lassend, laßt uns fortfahren zum vollen Wuchse und nicht wiederum einen Grund legen mit der Buße von toten Werken und dem Glauben an Gott, der Lehre von Waschungen und dem Hände-Auflegen und der Toten-Auferstehung und dem ewigen Gericht. Und dies wollen wir tun, wenn Gott es erlaubt.“ (Hebräer 6,1-3). Der Apostel gibt zu, daß es sich um sehr wichtige Wahrheiten handelt; doch ihre Grundsätze sind rein jüdischer Art (d. h. Wahrheiten, die ein Mensch hätte wissen sollen, bevor die Erlösung vollbracht war) und stellen nicht die volle Kraft des Christentums vor. Sie waren wahr und werden immer wahr bleiben. Nichts kann jemals die Bedeutung der Buße von toten Werken und des Glaubens an Gott abschwächen. Dabei wird jedoch nicht von dem Glauben an Christus gesprochen. Zweifellos bleibt der Glaube an Gott immer bestehen. Aber bevor Christus starb und auferstand, konnte ein großer Teil der Wahrheit sogar von den Jüngern nicht ertragen werden; unser Herr sagt es selbst. (Johannes 16,12). Darum schreibt der Apostel: „Das Wort von dem Anfang des Christus lassend“ (das sind die Wahrheiten, die Christus auf der Erde herausgestellt hatte und die vollkommen dem damaligen Zustand der Jünger angepaßt waren), „laßt uns fortfahren zum vollen Wuchse.“ Das soll nicht bedeuten, daß wir diese Wahrheiten aufgeben dürfen. Statt dessen sollen wir sie als festgegründete Wirklichkeiten ansehen, die wir uns daher nicht ständig ins Gedächtnis rufen müssen. Wir sollen im Verständnis des Christus, so wie Er jetzt ist, fortschreiten. Darin liegt die Bedeutung der Worte „zum vollen Wuchse“  oder „zur Vollkommenheit“. Sie sprechen weder von einem besseren Zustand unseres Fleisches, noch beziehen sie sich auf Einzelheiten unseres zukünftigen Lebens. Der Vers redet von der vollen Lehre Christi, die Seinem jetzigen verherrlichten Platz im Himmel entspricht. Es dürften kaum Zweifel bestehen, daß der Apostel sich auf die Lehre Christi bezieht, wie sie im Hebräerbrief entwickelt wird. Christus befindet sich im Himmel. Dort übt Er Sein Priestertum aus. Er ist mit Seinem eigenen Blut dort eingetreten, indem Er eine ewige Erlösung bewirkt hat. Der Brief spricht von Christus in Seiner gegenwärtigen Stellung im Himmel. Indem wir Ihn auf diese Weise und dort weilend kennen, besitzen wir die erwähnte Vollkommenheit.

Im gleichen Brief schreibt der Apostel von Christus auch als demjenigen, der durch Leiden vollkommen gemacht wurde. (Hebräer 2,10). Christus war in Seiner Person immer vollkommen; Er konnte nicht anders sein. Wäre auf der Erde der geringste Makel an Ihm gewesen, dann hätte Er wie ein Opfertier mit einem Fehler unmöglich für uns geopfert werden können. Wenn ein jüdisches Opfertier von selbst gestorben war, durfte es noch nicht einmal gegessen werden. (5. Mose 14,21; Hesekiel 44,31). Genauso hätte auch unser Herr, wenn das Prinzip des Todes in Ihm gewirkt hätte - wäre Er nicht in jeglicher Bedeutung der Lebendige Stein ohne den kleinsten Bezug zum Tod gewesen -, niemals die große Grundlage für Gott und uns bilden können. Er erduldete als das willige Opfer am Kreuz ohne Zweifel den Tod. Das war aber nur möglich, weil der Tod Ihn nicht halten konnte. In jedem Sohn Adams wohnt die Sterblichkeit. Der Zweite Mensch konnte sogar hier auf der Erde sagen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ (Johannes 11,25). Das ist die Wahrheit Christus betreffend. Es steht unumstößlich fest, daß Christus immer sittlich vollkommen war, und zwar nicht nur in Seiner göttlichen Natur, sondern auch in Seiner Menschheit. Er war völlig fleckenlos und wohlannehmlich für Gott. Doch es mußte ein ganzer Berg von Sünden von uns entfernt und eine neue Stellung geschaffen werden, bevor Christus uns mit sich verbinden konnte.

Er hatte eine menschliche Natur angenommen, ohne damit dem Tod ausgesetzt oder zum Tod verdammt zu sein; denn letzteres zeigt eine Verbindung zur Sünde an. Er besaß die Fähigkeit zu sterben, aber nicht zu sündigen. Hier liegt die Grenzlinie zwischen der gesunden Lehre über die Person Christi und einer abscheulichen und verhängnisvollen Irrlehre. Der geringste Gedanke oder Hauch des Bösen hätte den Wert Seiner Person ganz und gar zerstört. Christus war jedoch in voller Wirklichkeit ein Mensch und konnte somit für uns sterben; anderenfalls wäre niemals eine Erlösung zustande gekommen. Durch den Tod hat Er dem die Gewalt genommen, der die Macht des Todes hat, das ist dem Teufel. (Hebräer 2,14). Es ist jetzt nur noch eine Frage des Willens Gottes, und die ganze Stärke Satans verweht zu Rauch. Das weiß der Gläubige (bzw. sollte er wissen). Wir müssen uns vor den Listen Satans hüten. Soweit es uns betrifft, ist für den Glauben seine Macht gebrochen. Wir sollen gegen die Mittel, durch welche Satan die Seele umgarnen will, wachen; seine Gewalt jedoch ist, wie wir wissen, vernichtet. Das galt allerdings noch nicht, bevor Christus durch den Tod und die Auferstehung gegangen war. Die Absichten Gottes waren noch nicht vollständig verwirklicht. Christus befand sich noch nicht entsprechend der Ratschlüsse Gottes im Auferstehungszustand. Gott hatte für den Menschen, den Erlösten, einen Zustand vorgesehen, den der Tod nicht antasten kann. Darin befinden wir uns jetzt durch den Glauben und die Einheit mit Christus. Wirklich erreichen werden wir ihn erst, wenn wir auferstanden oder verwandelt sind. Gott nennt nicht nur die Vergebung für die Seele „Erlösung“, sondern auch die Gnade, die uns hinterher stützt, und die Macht, die alles im Auferstehungszustand zur Vollendung bringt. Sogar Christus trat, obwohl Er völlig sündlos war, erst nach Seinem Tod in diesen Zustand ein. Er wurde durch Leiden vollkommen gemacht. Er verfolgte diesen Weg der Leiden bis hin zu den Segnungen, in welchen Er sich jetzt befindet als das auferstandene Haupt sowie als der Hohepriester vor Gott. Alles, was Christus auf der Erde gelehrt hat, ist natürlich so wahr, wie es nur sein kann, weil es von Ihm, der die Wahrheit ist, ausgesprochen wurde. Dennoch gab es sehr viel, das die Jünger damals weder würdigen noch verstehen konnten. Der Herr selbst macht sie darauf aufmerksam (vgl. Johannes 13,7; 16,12!). Die Gedanken in Hebräer 6 gehören zu diesem Bereich. Später bestand eine Gefahr darin, daß die Menschen einfach zu dem zurückkehrten, was sie vom Herrn gehört hatten, als Er auf der Erde war. Der Feind ist so spitzfindig, daß er eine vermeintliche Ehre für Christus in eine Unehre für Ihn und Schaden für Seine Schafe verwandelt. Satans Ziel in all diesem geht dahin, die Gedanken der Gläubigen auf das Irdische gerichtet zu halten und sie am Erfassen der himmlischen Berufung und Stellung zu hindern.

Die Absicht des Briefes an die hebräischen Christen bestand darin, sie von dem, woran sie hingen, zur vollen Wahrheit zu führen. Sie sollten das Alte nicht aufgeben. Dennoch wollte der Apostel sie vorwärts zu neuen Wahrheiten leiten. Dieselben Schwierigkeiten bestehen heute bei vielen Kindern Gottes. Ein großer Teil von ihnen ist nicht über die Stellung oder das Wissen eines Jüngers vor dem Kreuz hinaus gelangt, außer daß er die Tatsachen des Todes, der Auferstehung und der Himmelfahrt Christi anerkennt. Er hat jedoch nicht verstanden, was diese Ereignisse für seine Seele bedeuten. Vielleicht hält er es sogar für Anmaßung, wenn wir voraussetzen, daß ein Gläubiger wachsen soll und daß Gottes Gnade sich noch ausführlicher entfaltet hat. Warum haben wir dann weitere Wahrheiten empfangen? Kein Wort steht unnötigerweise in der Bibel. Und wenn das „Wort von dem Anfang des Christus“  ausreichend gewesen wäre, hätte Gott sicherlich nicht mit jener Haushaltung zusammen, die Seine Handlungsweise besonders kennzeichnet, soviel zu dem Buch, das Er gnädig in unsere Hände gelegt hat, hinzugefügt. Der Heilige Geist hat eine große Anzahl neuer Wahrheiten geoffenbart, indem Er die Verheißung unseres Herrn - „Er (wird) euch in die ganze Wahrheit leiten“ - erfüllte. (Johannes 16, 13). Das geschah, als die Jünger durch die Kraft der Gegenwart und der Einwohnung des Heiligen Geistes befähigt waren, die volle Offenbarung der göttlichen Gedanken zu tragen und zu genießen.

Zum Inhalt des Gebets des Herrn möchte ich jetzt nur einige wenige Bemerkungen machen 2.  Ich weise indessen noch einmal darauf hin, daß es ganz und gar persönlich ist. Viele mögen gemeinsam „unser Vater“  sagen; doch hier geht es um eine Seele in ihrer Kammer, die „unser Vater“  sagt, weil sie an andere Jünger auf der Erde denkt. Es ist klar, daß der Herr den Gebrauch dieses Gebets nur für die Kammer und als Antwort auf die Lage, in der die Jünger sich damals befanden, einsetzte. Wir finden keinen Hinweis, daß dieses Gebet nach Pfingsten offiziell gebraucht wurde. Damals traten andere Bedürfnisse und Wünsche, andere Ausdrücke der Zuneigung des Herzens an Gott, welche der Heilige Geist in den Jüngern bewirkte, in den Vordergrund. Der Zustand der Unmündigkeit war vorbei, weil Derjenige in die Herzen der Jünger gesandt war, in welchem sie „Abba, Vater!“  ausrufen konnten (Römer 8,15). Das ist der Schlüssel zu diesem Wechsel; und das Neue Testament ist in seinen Aussagen darüber völlig eindeutig (vgl. Galater 3,23-26; 4,1-7!).

Laßt uns jetzt das Gebet selbst betrachten; denn das ist sehr gesegnet! Seine ganze Wahrheit bleibt, wie die jedes anderen Teiles des Wortes Gottes, auch für uns bestehen. „Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die von den Nationen; denn sie meinen, daß sie um ihres vielen Redens willen werden erhört werden.“ (V. 7). Es ist nun klar, daß der Herr nicht Wiederholungen verbietet, sondern nutzlose Wiederholungen, d. h. Plappern. Wir lesen wie der Herr in Seinem Kampf im Garten dieselben Worte dreimal wiederholt. Wiederholungen mögen in bestimmten Fällen für uns durchaus angemessen und nach Gottes Gedanken sein. Doch überflüssige, formelle Wiederholungen, seien es die Worte eines (Gebet)Buches oder aus dem Stegreif gehaltene Sätze, verbietet der Herr ausdrücklich. Außerdem möchte ich noch einmal den Nachdruck darauf legen, daß unser Herr hier nicht für die öffentlichen Bedürfnisse der Kirche (Versammlung) Vorsorge trifft. Noch weniger erfahren wir, daß Sein Gebet so verstanden wurde. Niemand dachte daran, nachdem der Heilige Geist gegeben und die Kirche in dieser Welt gebildet und in ihr Werk eingeführt worden war, dieses Gebet zu sprechen. Das „Vaterunser“ wurde als das vollkommenste Muster eines Gebets mitgeteilt und sollte von den Jüngern vor dem Tod unseres Herrn und der Gabe des Heiligen Geistes so, wie es hier steht, ausgesprochen werden. Offensichtlich wurde es später nicht mehr verwendet. Natürlich kann das nur durch das Neue Testament bewiesen werden. Wenn wir uns zur Tradition wenden, finden wir alle Arten von Schwierigkeiten bezüglich dieses Problems und anderer Themen. Das Wort Gottes ist jedoch nicht mehrdeutig. Es läßt uns keinesfalls in Ungewißheit über die Gedanken Gottes; denn sonst könnte es keine Offenbarungen mitteilen. Welche immer währende Bedeutung hat also dieses Gebet? Warum steht es in der Heiligen Schrift? Weil seine Grundsätze immer gültig bleiben. Es gibt nicht  einen Ausdruck darin, den wir, wie ich glaube, nicht auch heute vor Gott bringen können, sogar wenn da steht: „Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben.“ (V. 12). Es ist nämlich ein Irrtum, wenn Menschen annehmen, daß das „Vaterunser“ dem Sünder auf der Grundlage des Gebets Vergebung seiner Sünden mitteilt. Unser Herr spricht von einem Gläubigen - einem Kind Gottes. Er ermuntert uns dazu, unser tägliches Versagen und Zukurzkommen vor unserem Gott und Vater Tag für Tag auszubreiten, so wie wir es auch nötig haben. Es geht um die Regierung Gottes, der ohne Ansehen der Person nach dem Werk eines jeden richtet. Daher will Er die Bitte eines Menschen, der eine unversöhnliche Gesinnung gegen andere hegt, sogar wenn diese ihm schweres Unrecht zugefügt haben, nicht anhören.

Die Gewohnheit des Selbstgerichts und des Bekennens vor unserem Vater ist sehr wichtig in der christlichen Praxis. Darum glaube ich, daß die erwähnte Bitte in der gegenwärtigen Zeit genauso gültig und anwendbar ist wie damals für die Jünger. Als der arme Zöllner sagte: „O, Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!“ (Lukas 18,13), waren diese Worte in seinem Fall ebenso angemessen wie die eines Kindes Gottes, welches „Unser Vater!“  stammelt. Seitdem indessen der Heilige Geist gegeben ist und das Kind im Namen Christi zum Vater nahen darf, finden wir ganz andere Grundsätze. Das sogenannte Gebet des Herrn bekleidet den Gläubigen nicht mit dem Namen Christi. Was heißt: Den Vater im Namen Jesu bitten? Bedeutet es, daß wir am Ende eines Gebets sagen: „Wir bitten im Namen Jesu“? Als Christus gestorben und auferstanden war, gab Er dem Gläubigen Seine eigene Stellung vor Gott. Das Gebet zum Vater im Namen Christi bedeutete folglich ein Gebet im vollen Bewußtsein, daß mein Vater mich liebt, wie Er Christus liebt. Mein Vater hat mich vor Seinem Angesicht so angenommen, wie Er Christus angenommen hat, indem Er alle meine Sünden vollständig ausgelöscht und mich zur Gerechtigkeit Gottes in Christus gemacht hat. Indem wir in dem Wert dieser Wahrheit beten, bitten wir in Seinem Namen. (Vergl. Johannes 16!). Wenn die Seele Gott naht in dem Bewußtsein, Ihm nahe gebracht zu sein, dann dürfen wir vielleicht von einem „Bitten in Seinem Namen“ sprechen.

Könnte irgendeine Seele, die wirklich versteht, was es heißt, im Namen Christi zu bitten, das „Vaterunser“ als Gebetsformel gebrauchen? Ich glaube, wer so handelt, ist nie in die Bedeutung dieser großen Wahrheit eingedrungen. Folglich nimmt er vielleicht schon in seiner nächsten Bitte den Platz eines elenden Sünders ein, der den Zorn Gottes unterschätzt und sich noch unter dem Gesetz befindet. Könnte jemand, der weiß, daß er so vor Gott steht wie Christus, sich auf diese Weise systematisch in Zweifel und Unsicherheit halten? Das war der Zustand eines Juden. Aber wenn ich jetzt irgend etwas bin, dann doch wohl ein Christ! Als solcher befinde ich mich in Christus; und dort gibt es keine Verdammnis. Anderenfalls besäße ich nicht den Geist der Sohnschaft und könnte meine Aufgabe als Priester Gottes nicht ausüben. Wir sind Priester Gottes kraft dieser gesegneten Stellung. Unsere Erprobung findet jedoch auf der Erde statt. Unser Gewissen erfährt, daß wir nicht mit Christus und der Welt gleichzeitig wandeln können. So müssen wir uns zwischen Himmel und Welt entscheiden. In seinem richtigen Zustand ist der Christ ein Mensch, der in himmlischen Gedanken und Beziehungen lebt, während er durch diese Welt wandelt. Das ist die Berufung, zu der wir berufen worden sind als Behausung Gottes und Christi Leib. Ob Christen dies wissen oder nicht, Christus erwartet von ihnen nichts anderes. „Sie sind nicht von der Welt, gleichwie ich nicht von der Welt bin.“ (Johannes 17,16). Das gilt für uns, sobald wir wissen, daß wir in Christus sind. Von jenem Augenblick an sind wir es Christus schuldig, als Seine wahren Soldaten unseren Platz einzunehmen als solche, die nicht von der Welt sind gleichwie Er.

Das sollte genügen, um uns zu zeigen, daß das Gebet des Herrn immer unschätzbar wertvoll bleibt. Nichtsdestoweniger wurde es den Jüngern mitgeteilt, weil es ihren  damaligen persönlichen Bedürfnissen entsprach. Die weitere Offenbarung der göttlichen Wahrheit veränderte ihre Stellung und führte sie zu einer anderen Art von Bitten, die zur Zeit der Bergpredigt noch nicht ausgesprochen werden konnten. In meinen Augen ist es sehr schön, daß unser Herr selbst diese Ansicht bestätigt. „Bis jetzt habt ihr nichts gebeten in meinem Namen.“ (Johannes 16,24). Was lerne ich daraus? Daß man das „Vaterunser“ jeden Tag aufsagen kann, ohne jemals etwas im Namen Christi erbeten zu haben! „Bis jetzt habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, und ihr werdet empfangen, auf daß eure Freude völlig sei.  . . . An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen.“  Welcher Tag ist gemeint? Ein zukünftiger Tag? Nein, der gegenwärtige! Es ist der Tag, den der Heilige Geist einführte, als Er vom Himmel herab kam. Unsere Zeit steht in Verbindung mit jener vollen Offenbarung der Wahrheit, welche für die christliche Freude und Glückseligkeit sowie für den weltabgewandten und himmlischen Wandel der Kinder Gottes so nötig ist. Wenn wir nicht in diese Segnungen eingetreten sind, können wir auch nicht entsprechend leben. Wir mögen Glaubenskraft und persönliche Liebe zu Christus aufweisen. Trotzdem verrät eine Seele in ihrem Geist und ihrer religiösen Stellung irgendwie den Geruch der Welt, solange sie nicht jenen gesegneten Platz einnimmt, den der Heilige Geist uns jetzt gibt, sodaß wir im Namen Christi zu Gott kommen dürfen.

Ich muß jetzt zu einer der wichtigsten praktischen Ermahnungen, die unser Herr im Zusammenhang mit dem Gebet ausspricht, übergehen, nämlich zum Geist der Vergebung. Wer nicht erkannt hat, welches Hindernis eine harte Gesinnung darstellt, weiß wenig über das Wesen des Gebets. Das ist einer der Gesichtspunkte, die insbesondere vor den Blicken des Herrn standen. „Denn wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen vergebet, so wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; wenn ihr aber den Menschen ihre Vergehungen nicht vergebet, so wird euer Vater auch eure Vergehungen nicht vergeben.“ (V. 14-15). Der Herr will nicht sagen, daß den Jüngern am Tag des Gerichts ihre Sünden nicht vergeben seien, sondern spricht von der Vergebung der Vergehungen als einer Angelegenheit der täglichen Sorge und Pflege Gottes. Wenn ich ein Kind habe, das irgend etwas Böses getan hat - verliert es dann sein Kindschaftsverhältnis? Es bleibt mein Kind; aber ich rede zu ihm nicht in derselben Weise, wie wenn es gehorsam wäre. Der Vater wartet, bis das Kind seine Sünde fühlt. Als irdische Eltern beachten wir das Böse an unseren Kindern häufig nicht ausreichend genug. Zu anderen Zeiten beschäftigen wir uns nur mit Vergehen, die uns selbst berühren. Wir strafen, wie der Hebräerbrief sagt, nach Gutdünken, Gott jedoch zum Nutzen. (Hebräer 12,4-11). Unser himmlischer Vater hat immer unseren größten Segen im Auge. Darum muß Er uns beizeiten züchtigen. „Wer ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt?“  Wenn wir keine Söhne wären, könnten wir vielleicht der Züchtigung entgehen. Da wir es aber sind, kommt wegen unserer Verkehrtheiten Seine Rute über uns, auch wenn wir nicht viel von ihr halten. Obwohl unsere Unannehmlichkeiten für den Augenblick nach Gottes Zulassung schmerzhaft sein mögen, dürfen wir sicher sein, daß Er alle Dinge, die uns völlig zuwider zu sein scheinen, in besonderen Segen für uns verwandelt. Es kostet etwas, den Geist der Liebe, und insbesondere der Liebe gegen solche, die uns Unrecht tun, zu bewahren. Wir werden jedoch in den Umständen und erst recht am Ende großen Segen empfangen.

(3.) Kommen wir nun zum Fasten! Ich für mein Teil glaube, daß letzteres sehr nützlich ist, obwohl nur wenige von uns seinen Wert kennen. Es gibt Zeiten, in denen aus mancherlei Gründen ein besonders ernstes persönliches Gebet von uns gefordert wird. Wenn wir dieses mit Fasten verbinden, so zweifle ich nicht, daß wir den Segen davon fühlen würden. Dadurch drücken wir nämlich eine gewisse Demütigung unseres Geistes aus. Bei manchen Gebeten ist es angemessen, sie im Stehen, bei anderen, sie auf den Knien vor Gott zu bringen. So ist auch das Fasten eine der Verhaltensweisen, in welcher der menschliche Körper seine Übereinstimmung mit dem ausdrückt, was der Geist durchlebt. Wir geben dabei unseren Wunsch zu erkennen, klein vor Gott zu sein und uns in einer Gesinnung der Demut zu befinden. Damit aber das Fleisch nicht seinen Nutzen aus dem zieht, was zur Kasteiung unseres Leibes dienen sollte, ordnet der Herr an, daß wir geeignete Mittel ergreifen, um den Menschen nicht als Fastender zu erscheinen. Wir sollen jegliche Schaustellung vermeiden. Obwohl ein wahrer Christ vor jedem falschen Anschein zurückschreckt, vermag der Teufel ihn doch dahin zu verführen, es sei denn der Gläubige ist sehr eifrig im Selbstgericht vor Gott. „Du aber, wenn du fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht, damit du nicht den Menschen als ein Fastender erscheinest, sondern deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.“ (V. 17-18).

Danach folgen Ermahnungen bezüglich der Dinge dieses Lebens. Zuerst verkündet der Herr einen Grundsatz über die Anhäufung von Schätzen auf der Erde, der alle natürlichen Neigungen in dieser Hinsicht verbietet. Statt dessen spricht Er von der geistlichen Weisheit und der Sorgenfreiheit, deren sich eine Seele erfreut, die hienieden nichts mehr benötigt. Angenommen, wir besitzen in dieser Welt etwas, das wir sehr schätzen! Wie groß ist dann unsere Furcht, daß ein Dieb oder die natürliche Verderbnis unseren Schatz wegnimmt! Der Herr empfiehlt uns ganz andere Dinge, nach denen wir suchen sollen. „Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Rost zerstört und wo Diebe durchgraben und stehlen; sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost zerstört und wo Diebe nicht durchgraben noch stehlen.“ (V. 19-20). Dieser Test ist eine ernste Probe für uns. „Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.“ (V. 21). Wenn wir wissen wollen, wo wir uns aufhalten, brauchen wir nur die bevorzugten Gegenstände unserer Gedanken zu prüfen. Sind sie himmlisch - glückselig sind wir! Wenn sie auf das Irdische gerichtet sind, dann werden gerade die Dinge, die unser Herz erfüllen, eines Tages die Ursache großer Sorgen werden.

Der Herr verfolgt diese Wahrheiten bis zu der  einen gemeinsamen Wurzel zurück: Niemand kann zwei Herren dienen. Wir haben nur  ein Herz empfangen und nicht zwei; und das Herz wird bei dem sein, was es am meisten schätzt. So wird allem bis zu seiner Quelle nachgegangen. Auf der einen Seite steht Gott, auf der anderen der Mammon. „Mammon“ ist die zusammenfassende Bezeichnung für alle Herzensgelüste des Menschen betreffs der irdischen Dinge. Er kann sich in unterschiedlicher Form zeigen. Sein Ausgangspunkt ist die Begierde. „Ihr könnet nicht Gott dienen und dem Mammon. Deshalb sage ich euch: Seid nicht besorgt für euer Leben, was ihr essen und was ihr trinken sollt, noch für euren Leib, was ihr anziehen sollt.“ (V. 24-25). Wir sollen die gegenwärtigen Dinge als nebensächlich betrachten oder, besser gesagt, hinsichtlich ihrer friedevoll auf Gott vertrauen. Dabei schätzen wir die Gaben Gottes keineswegs gering. Dennoch vertrauen wir vor allem auf die Liebe unseres Vaters und Seine Sorge für uns.

Davon ist der Apostel Paulus ein besonders schönes Beispiel, wenn er sagt: „Ich habe gelernt, worin ich bin, mich zu begnügen.“ (Philipper 4,11). Er kannte die Unbeständigkeit des Lebens. Er wußte, was es heißt, nichts zu haben, bzw. im Überfluß zu leben. Doch das große Geheimnis bestand in seiner Zufriedenheit mit dem, was Gott ihm zuteilte. Von Natur nahm er seine Umstände nicht so leicht; er hatte es lernen müssen. Es war eine Fertigkeit. Er beurteilte alles im Licht der Gegenwart und Liebe Gottes. Der Segen liegt darin: Wir schauen mit der Erwartung vorwärts, daß unser Vater sich im Blick auf die Herrlichkeit mit uns beschäftigt. So fügt der Apostel hinzu: „Mein Gott aber wird alle eure Notdurft erfüllen nach seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christo Jesu.“ (Philipper 4,19). Wie lieblich! „Mein Gott“ - der Gott, den ich erprobt, dessen Zuneigungen ich geschmeckt habe! Ich darf auf Ihn für euch sowie auch für mich rechnen; und Er „wird alle eure Notdurft erfüllen“, und zwar nicht nur nach den Reichtümern Seiner Gnade, sondern auch „nach seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christo Jesu.“  Als Christen hat Er euch aus dieser Welt herausgenommen. Er will euch als Gefährten Seines Sohnes im Himmel haben. Deshalb handelt Er jetzt mit euch entsprechend diesem Platz und dieser Stellung. Alles, was zu diesem großen Plan Seiner Herrlichkeit paßt, will Er uns geben, um uns die Ergebnisse desselben schon hier zu bestätigen.

Möge der Herr uns kräftigen, daß wir diese Wahrheit mit dankbarem Herzen annehmen, indem wir bedenken, daß wir nicht unsere eigenen Herren sind! Der Herr will uns vor den Gefahren, Schlingen und Schmerzen bewahren, die Hast oder Eigenwille unsererseits in Hinsicht auf die irdischen Dinge mit sich bringen. Er zeigt in unserem Kapitel, wie außerordentlich töricht ein solches Verhalten ist, selbst hinsichtlich des Leibes. Er nimmt ein Beispiel aus der äußeren Welt, um die völlige Nutzlosigkeit der Sorgen zu verdeutlichen, und zeigt, wie wir Gott zutrauen dürfen, daß Er Seine Absichten am besten auszuführen versteht. Darüber hinaus erinnert Er uns daran, daß diese äußeren Dinge, auf die wir schnell soviel Wert legen, für die Nationen die einzigen Gegenstände ihrer Wünsche darstellen. Der Ausdruck „Nationen“ bezeichnet Menschen ohne Gott im Gegensatz zum Juden, der in dieser Welt in irgendeiner äußerlichen Weise mit Ihm in Verbindung stand. Ein Christ hingegen besitzt Gott als Seinen Vater im Himmel. „Euer himmlischer Vater weiß, daß ihr dies alles bedürfet.“ (V. 32). Wenn unser Vater alles weiß, warum sollten wir an Ihm zweifeln? Wir hatten doch Vertrauen zu unserem irdischen Vater. Warum sollten wir unserem himmlischen Vater mißtrauen?

„Trachtet aber zuerst nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hinzugefügt werden.“ (V. 33). Der Herr sagt nicht, daß wir zuerst nach dem Reich Gottes und  hinterher nach dem Übrigen trachten sollen, sondern: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und Seine Gerechtigkeit. Alles andere wird dann folgen. Wir sollen nur suchen, was zu Gott und Seiner Gerechtigkeit gehört. „So seid nun nicht besorgt auf den morgenden Tag, denn der morgende Tag wird für sich selbst sorgen.“ (V. 34). So bereitet der Herr uns darauf vor, daß die Angst, die für den nächsten Tag Schlimmes erwartet, purer Unglaube ist. Am nächstes Tag ist vielleicht überhaupt kein Übel da. Wenn aber doch - Gott ist auch anwesend! Er mag zulassen, daß wir die Folgen unseres eigenen Willens erleben. Falls unsere Seelen jedoch Ihm unterworfen sind, werden wir oft erfahren, daß das Böse, welches wir befürchten, niemals kommt. Wenn wir unsere Herzen bezüglich eines vorausgeahnten Kummers unter den Willen Gottes beugen, stellen wir häufig fest, daß das Leid weggenommen wird und daß der Herr uns mit unerwarteter Freundlichkeit und Güte begegnet. Er vermag sogar Leid in großen Segen zu verwandeln. Alles, was Er will, ist gut. „Jeder Tag hat an seinem Übel genug.“

Fußnoten

  • 1 Vergl. Fußnote der „Elberfelder Bibel“ und Text der Neubearbeitung von 1996. (Übs.).
  • 2 Wer eine ausführliche Auslegung wünscht, sei auf die „Thoughts on the Lord's Prayer“ verwiesen. (W. K.).
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