Vorträge zum Matthäusevangelium

Kapitel 5

Wir haben schon, wenn auch kurz, erklärt, daß es zwei Gründe gibt - falls wir mit Ehrfurcht so urteilen dürfen -, warum die Bergpredigt vom Heiligen Geist im Matthäusevangelium aus ihrem geschichtlichen Platz herausgenommen und vor viele der Ereignisse, die tatsächlich später stattfanden, gesetzt wird. Erstens wurde das ganze Evangelium geschrieben, um die Juden davon zu überzeugen, wer Jesus - ihr Messias, ein Mensch, und doch Jehova, der Herr-Gott Israels - war. Zweitens werden alle denkbaren Beweise geliefert, daß Er sich wirklich als ihr Messias nach der Prophetie - ausgewiesen durch Wunder, sittliche Grundsätze und Handlungsweisen sowohl in Seiner Person als auch in Seiner Lehre - unter ihnen befand 1. Damit Seine Lehre um so mehr Gewicht erhielt, gefiel es nach meiner Meinung dem Geist Gottes, zunächst einen allgemeinen Überblick zu geben von den Taten des Herrn in übernatürlicher Macht, die überall Aufmerksamkeit erregten. Sein Ruf verbreitete sich in alle Himmelsrichtungen, sodaß für den Unglauben kein Entschuldigungsgrund mehr blieb und er nicht bestreiten konnte, daß Jesus ausreichend bekannt gemacht worden war. Niemand konnte einwenden, Gott habe die Trompete nicht laut genug erschallen lassen und die Stämme Israels hätten sie nicht hören können. Weit davon entfernt! Sein Ruf ging aus in das ganze Syrien; und große Volksmengen aus Galiläa, Dekapolis, Jerusalem, Judäa und von jenseits des Jordan folgten Ihm. Das wird uns alles vor Augen gestellt und am Ende des vierten Kapitels zusammengefaßt.

Wir sahen also, wie die Wunder Christi, die in ihrer Ausführung vielleicht jeweils durch eine lange Zeitspanne voneinander getrennt waren, in  einem Bericht vereinigt werden. Ebenso, nehme ich an, wurde auch die Bergpredigt nicht notwendigerweise als eine zusammenhängende Rede ohne Unterbrechungen durch Zeitmangel oder andere Umstände vorgetragen. Statt dessen, glaube ich, hat der Heilige Geist sie so zusammengestellt, um uns die ganze sittliche Einheit der Lehre Christi in Hinsicht auf das Reich der Himmel zu zeigen. Dabei sollte auch den irdischen Vorstellungen des Volkes Israel widersprochen werden.

Lukas hingegen wurde vom Heiligen Geist inspiriert, uns die Fragen vorzustellen, die bestimmte Teile der Predigt veranlaßten, und die Umstände, welche sie begleiteten. Zudem sparte er Abschnitte aus ihr für später auf, um sie mit Episoden zu verbinden, die von Zeit zu Zeit im Dienst unseres Herrn auftraten. Dabei werden die aktuellen Ereignisse sittlich mit einer besonderen Lehre unseres Herrn verwoben. An einigen Stellen des Lukasevangeliums nahm sich der Geist Gottes nach Seiner unumschränkten Weisheit die Freiheit, Teile der Wahrheit erst einmal wegzulassen, um sie hier und dort entsprechend dem Thema, das Er vor Augen hatte, einzufügen. Das große Motiv des Lukasevangeliums, welches das ganze Evangelium vom Anfang bis zum Ende durchzieht, ist  sittlichen Charakters. Daher können wir durchaus verstehen, wie passend es ist, wenn Umstände aus dem Leben Christi, die sozusagen eine praktische Erklärung zu einer Seiner Predigten liefern, jeweils in Verbindung mit ihr geschildert werden.

Wenn wir jetzt zur Bergpredigt selbst kommen, erkennen wir, daß der Herr eindeutig als der Messias, der Propheten-König der Juden, spricht. Doch außerdem werden wir feststellen, daß diese Rede die Verwerfung des Königs voraussetzt. Das wird nicht klar gesagt, aber unterschwellig finden wir sie überall. Der König empfand den wahren Zustand des Volkes, welches kein Herz für Ihn hatte. Daher rührt der leichte Ton des Kummers, den wir durchgehend wahrnehmen. Ein solcher muß immer die wahre Frömmigkeit in einer Welt wie dieser kennzeichnen. Er erscheint allerdings seltsam in Verbindung mit Israel und insbesondere von den Lippen des Königs - der Person, welche eine Macht besaß, daß Sie, wenn es sich nur um eine Frage der Hilfsmittel gehandelt hätte, alles in einem Augenblick hätte ändern können. Die Wunder, welche jedes Wort Jesu begleiteten, bewiesen, daß nichts für Ihn unerreichbar war, wenn es allein um Ihn gegangen wäre. Dennoch sehen wir, daß Er einzig und allein die Ratschlüsse Gottes erfüllte, welcherart auch immer Seine Wege sein mochten. Gott hatte Seine Absicht verkündigt, daß Er ein Königreich aufrichten wollte; und Er wird diese ganz gewiß ausführen, weil Er niemals den geringsten Gedanken aufgeben wird, der aus Seinem Herzen hervorkam. Trotzdem stellt Er zuerst Seine Gedanken den Menschen, das heißt Israel als der auserwählten Rasse unter den Menschen, vor. Der Mensch hat somit die Verantwortlichkeit, das, was Gott in Seinem Herzen hat, anzunehmen, bzw. die Entscheidungsfreiheit dasselbe zu verwerfen, bevor Er es zur Ausführung bringt. Doch der Mensch versagt immer, welcherart die Absicht Gottes auch sein mag. Da sie gut, heilig und wahr ist, verherrlicht sie Ihn; andererseits demütigt sie den Sünder. Das genügt dem Menschen. Er fühlt, daß damit seine Wertlosigkeit herausgestellt wird, und verwirft alles, was seine Eitelkeit nicht befriedigt. Der Mensch stellt sich unveränderlich gegen die Gedanken Gottes. Darum finden wir nicht nur überall Sünde und Leid, sondern auch die Verwerfung Gottes selbst. Und die Geschichte dieser Welt offenbart die wunderbare Wahrheit, daß Gott es gestattet, verworfen und geschmäht zu werden. Er erlaubt dem elenden schwachen Menschen, dem Wurm, Sein wohltätiges Entgegenkommen zurückzustoßen und Seine Güte abzulehnen. Dabei läßt Er zu, daß der Mensch alles, was Gott gibt und verheißt, zur Entfaltung seines Stolzes und zu seiner eigenen Verherrlichung gegen die Majestät und den Willen Gottes umkehrt. Das ist die Wahrheit hinsichtlich des Menschen; und so werden wir finden, daß eine Spur davon die ganze gesegnete Predigt unseres Herrn durchzieht. Und wenn Er den Charakter der Menschen, die in das Reich der Himmel passen, herausstellt, dann verkündet Er, daß sie Seinem Wesen entsprechend gestaltet werden müssen. Davon handelt der erste Abschnitt unseres Kapitels. Wir wissen, daß die Menschen alles, was von Gott ist, nicht leiden können und verachten. Dagegen zeigt unser Herr, daß jene, die Ihm wirklich angehören, einen Geist besitzen und Verhaltensweisen zeigen müssen, die aus der Erkenntnis Seiner Person und aus der Gemeinschaft mit Ihm herausfließen. Nichtsdestoweniger müssen wir feststellen, daß die Wahrheit über ein von Gott an den Gläubigen gegebenes Leben in dieser Predigt nicht erwähnt wird. Auch die Erlösung wird nicht berührt. Keines von beiden gehört zum Gegenstand der Bergpredigt. Wenn also jemand wissen will, wie er erlöst werden kann, dann sollte er die Antwort nicht in ihr suchen. Diese Wahrheiten werden anderswo geoffenbart. Hier stellt der Herr das Reich der Himmel heraus und die Klasse von Menschen, die in dieses Reich passen. Es ist klar, daß Er von Seinen Jüngern spricht. Darum war es unnötig, die Wahrheit zu erklären, wie jemand, der nicht Sein Eigentum ist, vom Teufel befreit werden kann. Er spricht von Heiligen und nicht von Sündern. Er setzt fest, was mit Seiner Gesinnung übereinstimmt, und nicht den Weg, wie ein Sünder, der sich fern von Gott aufhält, herzugebracht werden kann. Die Bergpredigt beschäftigt sich nicht mit der Errettung, sondern mit dem Charakter und dem Verhalten jener, die Christus - dem wahren, aber verworfenen König - angehören. Wenn wir uns indessen mit diesen Seligpreisungen im einzelnen beschäftigen, werden wir in ihnen staunenswerte Tiefen entdecken und auch eine wunderbare Reihenfolge.

Die erste Seligpreisung steht in Verbindung mit einem grundsätzlichen Wesenszug, der unauflöslich zu jeder Seele gehört, die zu Gott gebracht worden ist und Ihn kennt. „Glückselig die Armen im Geiste.“ (V. 3). Nichts widersteht dem Menschen mehr. Ein, wie die Leute sagen, „Mann von Geist“ ist das Gegenteil von einem „Armen im Geiste“. Kain war ein solcher Mann von Geist - eine Person, entschlossen, sich nicht besiegen zu lassen. Er wagte es, seine Sache mit Gott selbst auszufechten. Sogar die Gnade Gottes wird in einen Grund verkehrt, sich niemals zu beugen. Ein Armer im Geist ist genau das Gegenteil von einem solchen Mann. Er ist ein Mensch, der sich für bedeutungslos hält und fühlt, daß er in den Staub gehört; und jede Seele, die Gott kennt, muß sich mehr oder weniger dort befinden. Sie mag diesen Platz wieder verlassen; denn auch wenn es sich um eine ernste Entdeckung handelt, fällt es dem eigenen Ich immer noch leicht, sich zu erheben und unsere richtige Stellung vor Gott zu vergessen. Das bleibt eine ständige Gefahr für jene, die in die Freiheit Christi eingeführt worden sind. Doch wenn Selbstgericht ausgeübt wird, neigt der Mensch dazu, gering zu sein, insbesondere falls er nicht ganz sicher ist, daß alles zwischen seiner Seele und Gott in Ordnung gebracht wurde. Hat jedoch eine Seele die volle Befreiung durch die Vollkommenheit und Sicherheit der Erlösung in Christus Jesus erkannt und schaut dann weg von Jesus, so gleitet sie aus der Abhängigkeit von der Gnade. Der alte Geist - der Geist des Selbstvertrauens - lebt wieder auf. So schrecklich ist demnach die Wirkung einer Abwendung von Gott, um sich unter die Weltmenschen zu mischen.

Die erste Seligpreisung setzt der Herr als eine Art von Grundlage fest. Ihr Charakter gehört tatsächlich untrennbar zu einer Seele, die zu Gott gebracht worden ist. Selbst wenn sie die volle Freiheit nicht kennt, finden wir auf ihr diesen Stempel, der niemals fehlt, wenn der Heilige Geist in einer Seele wirkt, nämlich jene Armut des Geistes. Letztere mag durch andere Menschen beeinträchtigt sein bzw. durch den Einfluß falscher Lehre oder weltlicher Gedanken und Handlungen nachlassen. Sie war jedoch da und ist, trotz allem Unrat, immer noch vorhanden. Gott weiß, wie Er einen Menschen wieder demütigen muß, falls er aus seiner wahren Stellung geglitten ist. „Glückselig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Reich der Himmel.“

Wenn Christus vom Reich spricht, macht Er kein Hehl daraus, daß es solchen Menschen gehört. Mit dem Ausdruck „Reich der Himmel“  meint Er nicht den Himmel als solchen, jenen Schauplatz der Herrlichkeit in der Höhe, sondern blickt auf die Erde als unter der Herrschaft des Himmels stehend. Es ist allgemein bekannt, daß viele, ansonsten einsichtsvolle Menschen gewöhnlich diese beiden Dinge durcheinanderwerfen. Sie denken, daß „ihrer ist das Reich der Himmel“  bedeute: „ihrer ist der Himmel“; dabei bezieht sich der Herr nur auf die Regierung der Himmel über den irdischen Bereich. Er kehrt die jüdischen Erwartungen, die sie an einen Eroberer stellen, um. Die Armen im Geist gehören zu jenem System, dessen König Er ist. Er spricht nicht von der Kirche. Auch ohne die Kirche hätte es das Reich der Himmel geben können. Die Kirche wird nicht vor dem sechzehnten Kapitel dieses Evangeliums erwähnt. Dort wird sie zum ersten Mal angekündigt und ausdrücklich vom Reich der Himmel unterschieden. An keiner Stelle der Bibel wird das Reich der Himmel mit der Kirche gleichgesetzt oder umgekehrt. „Glückselig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Reich der Himmel.“  Das ist die allererste Grundlage, das unmißverständliche Kennzeichen aller, die Jesus angehören.

„Glückselig die Trauernden“ (V. 4) ist das zweite Kennzeichen. In ihm zeigt sich mehr die Wirkung des Lebens - mehr Tiefe des Gefühls und ein gründlicheres Erfassen der Zustände rund umher. Ich könnte auch arm im Geist sein, wenn ich der einzige Mensch auf der Welt wäre. Ein Erlöster fühlt so aufgrund dessen, was er in sich selbst ist. Dieses Problem besteht zwischen ihm und Gott und macht ihn arm im Geist. Doch „glückselig die Trauernden“  spricht nicht einfach von dem, was wir in unserem eigenen Zustand finden, sondern auch von dem heiligen Kummer, den ein Heiliger in einer Welt wie dieser empfindet. Und ach, wie wenig ist er fähig, die Herrlichkeit Gottes zu bewahren! Darum wird dieser heilige Kummer in der zweiten Seligpreisung so nachdrücklich herausgestellt. In der ersten erlebt das Kind Gottes die ersten zaghaften Gefühle der Heiligkeit in seiner Seele; in der zweiten fühlt es, was Gott zusteht. Das mag in großer Schwachheit geschehen, und doch weiß der Gläubige, was der Ehre Gottes gebührt und wie wenig sie von ihm selbst und anderen aufrechterhalten wird. „Glückselig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“  Der geringste Seufzer, der zu Gott aufsteigt, wird von Ihm gesammelt und beantwortet. „Auch wir selbst, die wir die Erstlinge des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns selbst.“ (Römer 8,23). Hier erkennen wir dieses Seufzen einer gottesfürchtigen Seele.

In der dritten Seligpreisung finden wir indessen etwas, das noch tiefer reicht und den Menschen noch mehr unter Zucht stellt. Es handelt sich um einen Seelenzustand, der durch eine völligere Bekanntschaft mit Gott hervorgerufen wird. Mit ähnlichen Ausdrücken beschreibt Gott anderswo den Gesegneten selbst. Er war „sanftmütig und von Herzen demütig.“ (Matthäus 11,29); und diese Worte sprach unser Herr, nachdem Er im Geist geseufzt hatte. Sein Kummer über den Zustand der Menschen und die Verwerfung Gottes, die Er hienieden bezeugte, war größer als bei jedem anderen, der angeführt werden könnte. Zu den Städten, in denen Er so viele mächtige Werke getan hatte, konnte Er nur „Wehe dir!“  sagen. Und zuletzt wird Kapernaum als Beispiel für die tiefste Verdammung genannt, weil in dieser Stadt vergeblich die mächtigsten Werke von allen ausgeführt worden waren. Was konnte Jesus anderes tun, als im Geist zu seufzen über jene schmähliche Abweisung Gottes und die Gleichgültigkeit gegen Seine eigene Liebe? Doch zur gleichen Zeit sehen wir Ihn im Geist frohlocken und sagen: „Ich preise dich, Vater!“ (Matthäus 11,25). Das ist der gesegnete Ausdruck einer unübertroffenen Sanftmut in Jesus. Dieselbe Stunde, welche Seinen tiefen Kummer über den Menschen sah, hörte auch von dieser vollkommenen Beugung unter den Willen Gottes, obwohl Er dabei der Leidtragende war. Indem Er sich all dieser Umstände bewußt war, sagte Er: „Kommet her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen.“ (Matthäus 11,28–29).

Ich glaube, es ist nicht zu kühn, wenn ich sage, daß die Sanftmut, welche in uneingeschränkter Vollkommenheit in Jesus gefunden wurde, auch in dem Heiligen Gottes hervorgebracht wird. Die Grundlage dafür ist die ständig wachsende Erkenntnis der Wege Gottes und das Bewußtsein von dem Überfließen der Bosheit in dieser Welt und dem Versagen dessen, was den Namen Christi trägt. Denn inmitten all der Dinge, die der Gläubige um sich her sieht, nimmt er die verborgenen Absichten Gottes wahr, die trotz allem voranschreiten. Demzufolge wird das Herz nicht aufgerieben durch das Böse, welches es bezeugen muß und nicht beiseite räumen kann. Selbst die schwächsten Gefühle des Neides über das Gedeihen der Gottlosen finden ihr Gegenmittel in Gott, dem „Herrn des Himmels und der Erde.“ (Matthäus 11,25). Letzterer Ausdruck ist sehr gesegnet, weil er die unumschränkte Kontrolle bezeichnet, die Gott über alles hat. Jesus ist der Sanftmütige; und alle die Ihm angehören, werden auch in dieser Sanftmut geschult. „Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land ererben.“ (Matthäus 5,5). Warum steht hier nicht „Himmel“, sondern „Land“. Die Erde ist der Schauplatz all des Bösen, das solchen Anlaß zu Kummer und Klagen gibt. Aber jetzt, nachdem sie die Wege Gottes besser kennen gelernt haben, können sie alles Ihm überlassen. Sanftmut ist nicht einfach ein Gefühl unserer Nichtigkeit oder Leid über den Widerstand, welchen Gott auf der Erde findet. Es handelt sich vielmehr um die innere Ruhe, welche alle Dinge Gott überläßt und sich Ihm unterwirft. Sie erkennt dankbar den Willen Gottes an, auch wenn er uns natürlicherweise sehr übt.

Die vierte Seligpreisung ist aktiver. „Glückselig die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.“ (V. 6). Ihre Seele findet vollständige Befriedigung. Welche Art geistlicher Gefühle auch immer im Herzen auftreten, Gott wird mit Sicherheit antworten. Gibt es Trauer - „sie werden getröstet werden.“  Ist Sanftmut da - „sie werden das Land ererben“ - d. h. gerade den Schauplatz ihrer Anfechtung. Jetzt hören wir von dieser Tätigkeit geistlicher Empfindungen und dem Trachten nach dem, was Gott entspricht und den Willen Gottes aufrecht hält, insbesondere in der Weise, wie es einem Juden aus dem Alten Testament bekannt war. Darum wird vom Hungern und Dürsten nach der Gerechtigkeit gesprochen. Im Neuen Testament sind noch höhere Grundsätze enthalten, die später herausgestellt wurden zu einer Zeit, als die Jünger sie ertragen konnten.

Damit schließt, was wir als die erste Gruppe der Seligpreisungen bezeichnen können. Es ist klar, daß sie, wie es in biblischen Aufzählungen häufig geschieht, in vier und drei aufgeteilt sind. Wir hatten vier Gruppen von Menschen, die „glückselig“  genannt werden. Alle ihre Wesenszüge sollten in jedem Gläubigen zu finden sein, dennoch ist der eine oder andere Zug in bestimmten Personen ausgeprägter zu erkennen. So nehmen wir in dem einen Gläubigen eine beachtliche Tatkraft wahr, während ein anderer durch erbauliche Sanftmut gekennzeichnet ist. Dem Grundsatz nach sind alle diese Eigenschaften in jeder Seele vorhanden, die aus Gott geboren ist. Ab Vers 7 begegnet uns eine andere Gruppe von Wesensmerkmalen; und wir werden feststellen, daß auch die letzten drei wie die ersten vier einen gemeinsamen Charakter tragen.

„Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.“ (V. 7). Der Grundgedanke bei den ersten vier Seligpreisungen ist die Gerechtigkeit; bei den letzten drei liegt die Gnade zugrunde. Darum zeigt die erste Personengruppe nicht nur, daß sie gerecht ist und fühlt, was Gott angemessen ist. Sie schätzt auch die Liebe Gottes und hält sie inmitten des umgebenden Bösen aufrecht. Und doch gibt es etwas, das noch gesegneter ist. Was ist das? „Glückselig die Barmherzigen.“  Keinen Standpunkt nimmt Gott (als das wirksame Prinzip Seines Wesens in einer Welt der Sünde) häufiger ein als den der Barmherzigkeit. Die einzige Möglichkeit der Errettung für eine Seele beruht darauf, daß in Gott Barmherzigkeit zu finden ist. Er ist reich an Barmherzigkeit; Seine Barmherzigkeit ist grenzenlos. Nichts im Herzen des Menschen kann die ständig strömende Quelle der Barmherzigkeit stopfen; er muß sich nur vor Seinem Sohn beugen. „Glückselig“ also „die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit wiederfahren.“  Es geht nicht allein um die Vergebung ihrer Sünden, sondern um die Barmherzigkeit in allem. Es ist gesegnet, das kleinste Zeichen der Barmherzigkeit zu begrüßen - das Geringste anzunehmen und noch viel mehr zu erwarten. „Glückselig die Barmherzigen.“ Sie werden natürlich auch Schwierigkeiten und Erprobungen finden; doch während sie die Kosten dafür zu tragen haben, erfahren sie auch, wie lieblich die Barmherzigkeit ist. Wenn sie anderen Barmherzigkeit erweisen, erleben sie aufs neue, wie gesegnet die Barmherzigkeit Gottes für ihre eigenen Seelen ist. Das ist kennzeichnend für diese neue Klasse von Glückseligkeiten. So wie die Armut im Geist die ersten Seligpreisungen anführt, so beginnen die letzten mit der Barmherzigkeit.

Ähnlich wie bei der ersten Gruppe folgen die nächsten Seligpreisungen aus dieser einleitenden. Wenn ein Mensch nicht viel an sich selbst denkt, werden die anderen ihren Nutzen daraus ziehen. Falls ein Mann frech und überheblich auftritt, ertragen die Heiligen es gern. (2. Korinther 11). Wenn er sich selbst Gutes tut, wird er von den Menschen gepriesen. (Psalm 49,18). Dennoch bewirkt Gott in dem Erlösten das Gegenteil. Was immer er auch von Natur sein mag, er ist vor Gott zusammengebrochen. Er lernt die Nichtigkeit des Menschen kennen und ist damit zufrieden, nichts zu sein. Als Folge davon muß er leiden. Der Armut im Geist folgt das Trauern und danach die Sanftmut, weil er mehr und mehr mit Gott vertraut wird. Gleichzeitig hungert und dürstet er nach der Gerechtigkeit.

Hier geht es jedoch um Barmherzigkeit; und diese bedeutet nicht eine Preisgabe der Heiligkeit Gottes, denn erstere vergrößert oder vertieft letztere nur. Je mehr wir auf Gnade achten, desto kräftiger verteidigen wir die Heiligkeit. Wenn wir als elende und selbstsüchtige Menschen die Gnade nur betrachten, um in ihr nach Entschuldigungsgründen für Sünde zu suchen, verdrehen wir diese zweifellos. Deshalb sprach der Herr sofort danach von der einfachen, normalen Wirkung eines Trinkens aus dieser Quelle der Barmherzigkeit. Solche Menschen sind dann „reinen Herzens“. Das ist die nächste Gruppe der Glückseligen. Sie folgt, wie ich glaube, aus der vorherigen - jener der Barmherzigen. „Glückselig die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ (V. 8). In diesem Zustand sind wir passend für Gott; denn ausschließlich Er ist absolut rein. Darin wurde Er vollkommen in Seinem geliebten Sohn widergespiegelt. Kein Gedanke oder Gefühl befleckte jemals die göttliche Vollkommenheit im Herzen Jesu. So sprach Er in dieser Seligpreisung nur das aus, was Er selbst war. Wie konnte Er auch etwas anderes als Seine eigenen Wesenszüge vor die Seinen stellen? Er ist doch ihr Leben. Christus in uns bringt durch den Heiligen Geist das hervor, was Gott entspricht. Er ist jene gesegnete Person, die allein schon durch Ihr Kommen in diese Welt der Zeuge von der großen Gnade und Barmherzigkeit Gottes wurde; denn wir wissen, daß Gott die Welt so sehr geliebt hat, daß Er Seinen eingeborenen Sohn für sie gab. Und der Sohn kam als ein Mensch und als der treue Zeuge von der Barmherzigkeit und Reinheit Gottes. Als Er mit Seinem Herzen voller Barmherzigkeit für die verdorbensten Menschen in die Welt eintrat, war Er gleichzeitig die Fülle und das Muster der Reinheit Gottes in aller Vollkommenheit. Er konnte sagen: „Der mich gesandt hat, ist mit mir ... weil ich allezeit das ihm Wohlgefällige tue.“ (Johannes 8,29). Ich kann nur dann irgend etwas tun, das Gott wohlgefällt, wenn ich das Bewußtsein pflege, mich in der Gegenwart Gottes aufzuhalten. Das kann nur geschehen, wenn ich in der Freiheit der Gnade zu Ihm komme und daran denke, daß das, was Christus in Seiner Person für Gott war, mir, soweit möglich, durch die Erlösung mitgeteilt wurde. Christus hatte natürlich aufgrund dessen, wer Er war, das Recht, immer dort zu weilen. Wir jedoch dürfen durch den Glauben an Christus vor Gott stehen, da uns diese Nähe geschenkt wurde. Sie beruht darauf, daß unsere Sünden durch Sein Blut ausgelöscht sind. Das wird hier allerdings nicht geoffenbart. Der Herr entfaltete vielmehr die sittlichen Wesenszüge jener, die Ihm angehören.

Die dritte und letzte dieser Gruppe von Seligpreisungen lautet: „Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen.“ (V. 9). Auch hier sehen wir, wie am Ende der schon betrachteten Vierergruppe, die tätige Seite. Solche Menschen gehen aus, um Frieden zu machen. Falls irgendwo die geringste Möglichkeit besteht, den Frieden Gottes auf den Schauplatz zu bringen, dann finden sie sicherlich einen Weg, ihn zu entfalten. Andererseits, wenn dieses nicht geschehen kann, dann warten sie gerne auf Gott und sehen zu Ihm auf, daß Er jenen Frieden zur rechten Zeit bringen möchte. Ein solches Friedenstiften kann nur von Gott kommen. Darum werden auch diese Heiligen, die mit solchen gesegneten Eigenschaften der Gnade Gottes sowie Seiner Gerechtigkeit ausgerüstet sind, d. h. mit Seiner tatkräftigen Barmherzigkeit und ihren Wirkungen, ebenfalls als „Friedensstifter“ bezeichnet. „Sie werden Söhne Gottes heißen.“  O, das ist ein lieblicher Titel - „Söhne Gottes“! Beruht er nicht darauf, daß sie Gottes Wesen - das, was Gott ist - widerspiegeln? Sie tragen den Stempel Gottes aufgedrückt. Nichts zeigt die Offenbarung Gottes in Seinen Kindern mehr als dieses Friedenstiften. Gott handelte damals so; darauf ist Sein Herz stets gerichtet. Hier werden Menschen auf der Erde gefunden, die „Söhne Gottes“  genannt werden. Was sie von Natur in sich selbst waren, verschwindet; und Gott gibt ihnen einen neuen Titel.

Darauf folgen zwei Seligpreisungen von außerordentlicher Bedeutung. Sie verstärken die Kraft der Wahrheit und vervollständigen das Bild in einzigartiger Weise. „Glückselig die um Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel.“ (V. 10). Hier ist offensichtlich ein neuer Anfang. Die erste Seligpreisung lautete: „Glückselig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Reich der Himmel.“  Die nächsten drei waren durch Gerechtigkeit gekennzeichnet. Diese ruft Gott als erstes in einer wiedergeborenen Seele hervor. Wenn jemand erweckt ist, ergreift er die Partei Gottes gegen sich selbst. Er ist in einem gewissen Maß zusammengebrochen, d. h. arm im Geist. Gott erwartet von ihm, daß er bis zum letzten in der Armut im Geist wächst. In unserem Vers geht es aber nicht so sehr darum, was die Armen sind, sondern ihr Los von Seiten anderer. Daher sprechen die beiden letzten Seligpreisungen von ihrem Teil durch andere Menschen in dieser Welt. Die vier ersten sind durch innere Gerechtigkeit charakterisiert, die drei folgenden durch innere Gnade. Von den beiden letzten steht die erste mit den ersten vier und die zweite mit den folgenden drei Glückseligkeiten in Übereinstimmung. „Glückselig die um Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel.“  Das reicht nicht über den gesegneten Zustand hinaus, den die Macht Gottes in Verbindung mit dem Messias über die Erde bringen wird. Obwohl Er verworfen wurde, gehört Ihm das Reich der Himmel. Allerdings hat Er nun sozusagen ein noch festeres und tieferes Anrecht darauf. Die Mittel, um durch die Gnade die Verlorenen zu segnen, blieben Ihm jedoch erhalten. Ein leidender und verachteter Messias ist dem Herzen Gottes noch kostbarer als ein [von den Menschen] sofort akzeptierter. Und wenn  Er das Reich aufgrund Seiner Verfolgung nicht verlor, dann auch nicht die hier genannten Menschen. „Glückselig die um Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel.“  Sie werden nicht einfach von Juden oder Heiden verfolgt, sondern um der Gerechtigkeit willen. Schaue nicht auf die Leute, die dich verfolgen, sondern auf den Grund, warum du verfolgt wirst! Glückselig bist du, wenn du verfolgt wirst, weil du dem Willen Gottes gehorsam sein willst! Du fürchtest dich zu sündigen - und leidest dafür? „Glückselig die um Gerechtigkeit willen Verfolgten.“  Sie werden ihr Teil unter der Regierung des Messias genießen.

Danach finden wir noch eine abschließende Seligpreisung. Beachte die Änderung! „Glückselig seid  ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und jedes böse Wort lügnerisch wider euch reden werden um meinetwillen.“ (V. 11). Dieser Wechsel zum „ihr“  ist außerordentlich kostbar. Hier steht nicht das allgemeine: „Glückselig sind jene“, sondern das persönliche: „Glückselig seid  ihr.“  Der Herr sah auf die damaligen Jünger, wußte, was sie um Seinetwillen durchmachen mußten, und gab ihnen den höchsten und nahesten Platz in Seiner Liebe. „Glückselig seid  ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen ... um meinetwillen.“  Der Ausdruck lautet nicht mehr: „Um [der] Gerechtigkeit willen“, sondern: „Um meinetwillen“. Es gibt etwas noch Kostbareres als die Gerechtigkeit, nämlich Christus. Wenn du Christus hast - Höheres kann es nicht geben. Wahrhaftig, es ist glückselig, um Seinetwillen verfolgt zu werden!

Der Unterschied besteht darin: Wenn ein Mensch um der Gerechtigkeit willen leidet, so setzt das eine böse Handlung voraus, die von ihm erwartet wird und welche er ablehnt. Vielleicht soll er gegen sein Gewissen etwas unterschreiben, aber er kann und wagt es nicht. Man bietet ihm einen verführerischen Köder, doch er weiß, daß ein Entgegenkommen erwartet wird, das gegen Gott gerichtet ist. Die Verführung ist erfolglos; er sieht die Absicht des Versuchers. Die Gerechtigkeit siegt; und er leidet. Er verliert nicht nur das, was ihm angeboten wurde, sondern man spricht auch böse über ihn. Glückselig, wer auf diese Weise um der Gerechtigkeit willen leidet! Das Leiden um Christi willen ist jedoch etwas ganz anderes. Hier kommt der Feind mit größerer Verschlagenheit. Er versucht die Seele mit Fragen wie diesen: Ist es unbedingt nötig, über Christus und das Evangelium zu sprechen? Warum willst du so eifrig für die Wahrheit eintreten? Warum die eigenen Interessen um dieser Person oder dieses Evangeliums willen beiseite setzen? Bei einer solchen Prüfung handelt es sich also nicht um eine offene oder verborgene Sünde; denn das Leiden um Christi willen folgt aus der Betätigung der Gnade, die sich um andere bemüht. Die Gerechtigkeit steht nicht in Frage. Der Charakter dieses Leidens stimmt mit dem der letzten drei von den sieben ersten Seligpreisungen überein.

Eine Seele, erfüllt von einem Gefühl der Barmherzigkeit, kann ihre Lippen nicht geschlossen halten. Jemand, der weiß, was Gott ist, kann nicht schweigen aus Rücksicht auf das Denken und Tun der Menschen. Glückselig seid ihr, wenn ihr auf diese Weise für den Namen Christi leidet! Die Macht der Gnade hat gesiegt. Ach, zu oft spielen Beweggründe der Klugheit eine Rolle! Wir möchten den anderen keinen Anstoß geben. Wir fürchten unseren Einfluß zu verlieren oder die Aussichten unserer Kinder zu verderben, usw. Aber die Kraft der Gnade kann, obwohl sie dieses alles weiß, sagen, daß Christus unendlich viel mehr wert ist. Christus beherrscht meine Seele in allem. Ihm muß ich folgen. Bei dem Leiden um der Gerechtigkeit willen scheut die Seele ernstlich und unausweichlich das Böse, indem sie um jeden Preis am Rechten festhält. Dagegen erkennt sie beim Leiden um Christi willen genau Seine Lebensgeschichte, Seinen Willen und Seinen Weg. Sie weiß, wozu sie das Evangelium, der Gottesdienst oder das Wort Gottes auffordert, und stellt sich sofort mit ganzem Herzen auf die Seite Christi. Darauf beruht der Trost dieser Worte: „Glückselig seid  ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen ... um meinetwillen.“

Wir stellen fest, daß der Herr den Ausdruck Seines Wohlgefallens an Seinen Heiligen nicht zurückhält. Er sagt: „Glückselig seid  ihr ... Freuet euch und frohlocket, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln.“  Beachten wir: Hier geht es nicht um das Reich der Himmel, sondern um den Himmel selbst. Er verbindet jene Gläubigen mit dem  Ausgangspunkt der Regierung über das Königreich. Er spricht nicht von der Herrschaft Gottes über die Erde und davon, daß Er ihnen ein Teil in diesem Reich gibt. Statt dessen führt die Gnade sie vom irdischen Schauplatz in Seine Gegenwart in den Himmel. „Denn also haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren.“ (V. 12). Welche Ehre besteht darin, in irdischer Verwerfung und Schande denen zu folgen, die uns hinsichtlich der besonderen Gemeinschaft mit Gott vorangegangen sind - den Herolden Dessen, für den auch wir jetzt leiden! Wir dürfen also ganz offensichtlich in diesen beiden letzten Glückseligkeiten erkennen, wie die Verfolgungen um der Gerechtigkeit willen zu den ersten vier und die Verfolgungen um Christi willen zu den folgenden drei Segnungen passen.

Im Lukasevangelium, wo uns diese Seligpreisungen ebenfalls vorgestellt werden (Kap. 6), finden wir kein Leiden um der Gerechtigkeit willen, sondern nur um Christi willen. Außerdem lesen wir in den angeführten Fällen ausschließlich die persönliche Anrede „ihr“. Manchem Leser mag diese Andeutung im biblischen Text nicht ausgeprägt genug sein, doch dieser Unterschied ist kennzeichnend für beide Evangelien. Matthäus liefert das weiteste Gesichtsfeld und betrachtet insbesondere die Grundsätze des Reiches der Himmel. Das war dem Verständnis eines Juden angepaßt und sollte ihn aus seinem Judentum herausführen, d. h. ihm erhabenere Grundsätze zeigen. Welche Prinzipien auch immer im Evangelium des Lukas enthalten sind - er gibt alle Seligpreisungen unter dem Gesichtspunkt der Gnade und beschreibt sie als unmittelbare Anrede unseres Herrn an die Jünger vor Ihm. „Glückselig seid  ihr.“ (V. 22). Sogar wenn er die Armen erwähnt, vermeidet er die allgemeinere Form des Matthäus und macht die Sache persönlich. Alles steht mit dem Herrn in Verbindung und nicht mit der Gerechtigkeit. Das ist außerordentlich schön.

Indem wir weitergehen, lesen wir in den zunächst folgenden Versen weniger von dem kennzeichnenden allgemeinen Verhalten das Volkes Gottes in dieser Welt, sondern vielmehr von dem Platz, auf den Gott die Gläubigen auf der Erde gestellt hat. Es sind nur wenige Worte; und doch bestätigen sie nachdrücklich den Unterschied, der zwischen dem Leiden um der Gerechtigkeit und dem Leiden um Christi Namens willen gemacht wurde. Dieselben beiden Gesichtspunkte stellt auch Petrus in seinem ersten Brief auffallend heraus.

„Ihr seid das Salz der Erde.“ (V. 13). Salz ist der einzige Stoff, der nicht gesalzen werden kann, weil er schon in sich selbst Salz ist. Wenn er seine konservierende Wirkung verloren hat, kann er durch nichts ersetzt werden. „Wenn aber das Salz kraftlos geworden ist, womit soll es gesalzen werden?“  Unter dem Gesichtspunkt „Salz der Erde“  standen die Jünger in Verbindung mit einem System, das schon ein Zeugnis von Seiten Gottes besaß. Darum werden hier auch die Ausdrücke „Land“  und „Erde“  benutzt, die sich damals insbesondere auf das jüdische Land bezogen. Wenn wir heutzutage von der „Erde“  sprechen, dann ist die Christenheit gemeint, d. h. ein Gesellschaftssystem, das sich wirklich oder dem Bekenntnis nach des Lichtes der Wahrheit Gottes erfreut. Ein solches dürfen wir als „Erde“  bezeichnen. Es ist auch der Schauplatz, auf dem sich zuletzt die größte Abtrünnigkeit zeigen wird; denn ein solches Übel ist nur dort möglich, wo das Licht genossen wurde und die Menschen davon abgewichen sind. In der Offenbarung, wo das Ende unseres Zeitalters dargestellt wird, sehen wir die „Erde“  in einer sehr ernsten Weise geschildert. Daneben lesen wir von Völker, Völkerschaften, Nationen und Sprachen, welche die heidnischen Länder charakterisieren. Der Begriff „Erde“  bezeichnet jedoch die einstmals so bevorzugte Szenerie der bekennenden Christenheit. In ihr hatte der menschliche Verstand seine größte Energie entfaltet und das Zeugnis Gottes bevorzugt sein Licht ausgestrahlt. Aber dann wurde, ach!, alles in einem vollständigen Abfall von Gott aufgegeben.

„Ihr seid das Salz der Erde.“  Die Jünger waren damals das einzige wirklich bewahrende Element. Alles übrige war, wie der Herr darlegte, zu Nichts nütze. Aber Er warnte auch ernst vor der Gefahr, daß das Salz seine Kraft verlieren könnte. Er sprach nicht davon, ob ein Heiliger abfallen kann oder nicht. Die Menschen gehen mit ihren eigenen Zweifeln an die Bibel heran und verdrehen das Wort Gottes, um es ihren voreingenommenen Gedanken anzupassen. Der Herr behandelte hier nicht die Frage, ob das Leben jemals wieder verloren werden kann. Statt dessen redete Er von gewissen Personen, die sich in einer bestimmten Stellung befanden. Unter diesen mochten einige sein, welche dieselbe leichtfertig oder sogar unberechtigt einnahmen. In solchen Fällen würde alles, was sie einst besessen hatten, vergehen. Darum verkündete unser Herr das Gericht - das verächtlichste Gericht, das überhaupt möglich ist - über jene, die eine solch hohe Stellung ohne innere Wirklichkeit einnahmen. Ein solches wird noch ausgeprägter über die ungläubigen Bekenner der heutigen Zeit hereinbrechen.

„Ihr seid das Licht der Welt.“ (V. 14). Das ist ein ganz anderes Bild. Wenn wir uns an die Unterschiede der beiden Kategorien von Seligpreisungen und Verfolgungen erinnern, finden wir in ihnen den Schlüssel zu diesen beiden Versen. Das Salz der Erde vertritt den Grundsatz der Gerechtigkeit. Dies umfaßt natürlich ein Festhalten an den ewigen Rechten Gottes und eine Verteidigung dessen, was Seinem Wesen entspricht, vor der Welt. Doch diese Kraft war vorbei, als das, was den Namen Gottes trug, unter das Maß dessen herabsank, was sogar die Menschen an sich für angemessen hielten. Man kann heute kaum eine Zeitung lesen, ohne auf Spöttereien gegen religiöse Dinge zu stoßen. Jede Ehrfurcht schwindet; und die Menschen denken, daß der Zustand der Christen ein günstiges Ziel für ihren Hohn liefert. In Vers 14 erkennen wir indessen nicht den Grundsatz der Gerechtigkeit, sondern den der Gnade, und zwar das Ausströmen und die Kraft derselben. Den Jüngern wird der neue Titel „Licht der Welt“  gegeben, um ihr öffentliches Zeugnis zu beschreiben. Licht verbreitet sich offenkundig selbst. Salz wirkt innerlich; das Licht dagegen strahlt umher. „Eine Stadt, die oben auf einem Berge liegt, kann nicht verborgen sein.“  Ihr Zeugnis dringt überallhin. Menschen zünden auch keine Lampe an, um sie unter ein Getreidemaß zu stellen. Sie setzen sie auf ein Lampengestell; „und sie leuchtet allen, die im Hause sind.“ (V. 15). „Also lasset euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen!“ (V. 16). Beachten wir dies gut!

Wir sehen hier also die beiden eindrucksvollen Bilder vom Zeugnis der Gläubigen hienieden. Im „Salz der Erde“  erkennen wir die bewahrende Kraft inmitten des Bekenntnisses, im „Licht der Welt“  das Zeugnis, welches voll Tatkraft und Liebe an die arme Welt ausgeht. Wir lesen von der Gefahr, daß das Salz seine Würze verlieren und das Licht unter den Scheffel gestellt werden könnte. Danach erfahren wir die große Absicht Gottes in diesem doppelten Zeugnis. Dabei geht es nicht um die Segnung der Seele - denn wir lesen kein Wort von der Evangeliumsverkündigung oder der Rettung von Sündern -, sondern um den Wandel der Erlösten. Gott stellt eine ernste Frage bezüglich Seiner Heiligen; er fragt nach ihrem Verhalten im Unterschied zu dem der anderen Menschen. Woanders lesen wir ausführlich vom Ruf an die Unbekehrten; und niemand kann seine Bedeutung für die Welt überbewerten. Aber die Bergpredigt ist Gottes Appell an Bekehrte. Sie spricht insbesondere von deren Wesen, Stellung und Zeugnis; und wenn überhaupt an Unbekehrte gedacht wird, geht es nicht so sehr darum, sie zu gewinnen. Die Heiligen sollen vielmehr das Widerspiegeln, was von oben kommt. Dieses Licht stammt von Christus. Es wird nicht gesagt: „Lasset eure guten Werke leuchten vor den Menschen!“ Bei einem Gespräch über diesen Vers denken die Leute gewöhnlich an ihre Werke, obwohl es meistens überhaupt keine guten Werke sind. Doch selbst wenn sie gute Werke hätten - Werke sind nicht Licht. Licht kommt unmittelbar von Gott und enthält keine menschliche Beimengung. Gute Werke entstammen der Wirkung des Lichts auf die Seele. Es ist jedoch das Licht, welches vor den Menschen leuchten soll. Es geht um das Bekenntnis Gottes durch den Jünger. Das ist Gottes Absicht. Bekenne Christus in allen Umständen! Laß dies das Ziel deines Herzens sein! Du sollst nicht einfach gewisse Dinge tun. Das Leuchten des Lichts ist hier das Wichtigste, obwohl Gutestun daraus hervorgehen sollte. Wenn ich Gutestun zur Hauptsache mache, erreiche ich nicht die Höhe der Gedanken Gottes. Sogar ein Ungläubiger erkennt, daß ein zitternder Mann einen Mantel oder eine Wolldecke benötigt. Der natürliche Mensch kann durchaus die Bedürfnisse anderer empfinden. Falls ich jedoch einfach solche Werke ausführe und zum Hauptziel meines Verhaltens mache, handle ich in Wirklichkeit nicht besser, als es auch ein Ungläubiger vermag. Sobald ich gute Werke und ihren Glanz vor den Menschen als Ziel nehme, befinde ich mich auf gemeinsamem Boden mit Juden und Heiden. Dadurch verdirbt das Volk Gottes schnell sein Zeugnis. Welches Werk, das dem Bekenntnis nach für Christus getan wurde, könnte schlechter sein als seine Ausführung ohne Christus? Ist es nicht bedauerlich, wenn ein Mensch, der Christus liebt, auf diesem Weg sich in bester Gesellschaft mit solchen zeigt, die Ihn hassen? Davor warnt der Herr die Erlösten. Sie sollen nicht an ihre Werke denken, sondern an das Ausstrahlen des Lichtes Gottes. Die Werke folgen dann von selbst, und zwar viel bessere Werke als jene, mit denen wir ständig in Gedanken beschäftigt sind. „Also lasset euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen.“  Unser Bekenntnis soll ausdrücken, was Gott Seinem Wesen nach und was Christus in Seiner Person und Seinen Handlungen sind. Wir haben unsere Wertschätzung Gottes den Menschen vorzustellen, sodaß sie von ihnen gefühlt werden kann. Nachdem sie dann unsere guten Werke sehen, werden sie unseren Vater, der im Himmel ist, verherrlichen. Anstatt, daß sie sagen: „Was ist das doch für ein guter Mensch!“, werden sie unseretwegen Gott verherrlichen. Wenn unser Licht wirklich leuchtet, können unsere Mitmenschen unser Tun mit dem Bekenntnis zu Christus in Verbindung bringen.

Der Herr gebe also, daß wir uns dem Licht, d. h. dem Wort und Willen Gottes, ausliefern und daß wir für unsere Seelen und die Seelen derer, die wir lieben, vor allem nach diesem Licht verlangen. Wenn wir erkennen, daß irgendein Erlöster Gottes in dieser Hinsicht vergeßlich ist, sollten wir seiner im Gebet gedenken. Mögen wir ihm durch das Zeugnis der Wahrheit Gottes zu helfen suchen! Falls dies sein Herz vielleicht auch nicht zurechtbringt, so kann es doch mehr oder weniger das Gewissen erreichen, sodaß die Seele sich später einmal daran erinnert.

Wir haben bisher die Darlegung des Herrn über den Charakter der Erben des Reiches der Himmel und danach über ihr angemessenes Verhalten betrachtet. Wir hörten, wie Er jene „glückselig“  nannte. Die Menschen erklären einen solchen Gedanken für Torheit. Doch unser Herr hat uns das vollkommene Muster von dieser Glückseligkeit geliefert. Was könnte sich unsinniger anhören - insbesondere für einen Juden - als die wohlüberlegten und nachdrücklichen Worte, daß jene glückselig und glücklich sind, die verachtet, verspottet, gehaßt und verfolgt werden - ja, von denen man schlecht denkt und die wie Übeltäter behandelt werden? Zweifellos geschah dies ausdrücklich um der Gerechtigkeit bzw. Christi willen. Außerdem erwartete der Jude das Kommen und die Aufnahme des Messias als die Krönung seiner Freude. Aufgrund dieses machtvollen Ereignisses sollte sich für Israel alles wenden. Dann sollten sowohl die Verheißungen Gottes an die Väter erfüllt werden als auch die großartigen Voraussagen in Hinsicht auf die Überwindung aller Feinde, die Demütigung der Heiden und die Herrlichkeit Israels. Darum war der Gedanke, daß die Aufnahme jenes Mannes, welcher der Messias war, jetzt unausweichlich Schande und Leiden in der Welt nach sich zog, tatsächlich ein großer Schock für alle meist-gehegten Erwartungen eines Juden. Aber unser Herr bestand darauf, indem Er solche Leidenden - und nur solche allein - glückselig nannte. Sie sind glückselig in einer neuen Art von Glückseligkeit, die alles weit überragt, was ein Jude sich vorstellen konnte. Das ist ein Teil der Vorrechte, in welche auch wir durch den Glauben an Christus gebracht worden sind. Jetzt, da Christus Seinen Platz im Himmel eingenommen hat, erhalten die Belehrungen unseres Herrn in der Bergpredigt eine noch größere Tiefe. Auch hat die Feindschaft des Menschen inzwischen ihr volles Maß erreicht. Nicht nur die Welt zeigt ihre Feindschaft. Die bittersten Verfolger der Kinder Gottes waren die Juden selbst. Daher offenbart uns das letzte Buch des Neuen Testaments, wie solche, die den Namen „Juden“ annehmen, ohne es wirklich zu sein, bis zum Ende die größten Feinde jeden wahren Zeugnisses Christi auf der Erde bleiben. (Offenbarung 2 + 3).


Im folgenden Abschnitt begegnet uns ein wichtiger Gegenstand. Angesichts dieser neuen und erstaunlichen Glückseligkeit, die den Gedanken der Israeliten nach dem Fleisch so fremd war - in welchem Verhältnis stand die Lehre Christi und der bevorstehende neue Zustand der Dinge zum Gesetz? Kam nicht das Gesetz genauso von Gott wie der Messias? - Natürlich wurde es durch Mose gegeben; aber Gott war seine Quelle. Wenn Christus etwas brachte, das sogar Seine Jünger nicht erwartet hatten - welchen Einfluß übte diese neue Wahrheit auf das aus, was sie früher durch Gottes inspirierte Knechte empfangen hatten und für welches sie Seine Autorität besaßen? Schwäche die Autorität des Gesetzes, und du zerstörst ganz offensichtlich die Grundlage des Evangeliums; denn das Gesetz war gleichermaßen von Gott wie jenes. Eine sehr wichtige Frage, insbesondere für einen Israeliten, mußte beantwortet werden: Welche Folgen hatte das Reich der Himmel, d. h. Christi Lehre darüber, für die Anordnungen des Gesetzes? Auf diese Frage geht der Herr von Vers 17 bis zum Ende des Kapitels ein. Er beginnt mit den Worten: „Wähnet nicht, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen.“  Seine Zuhörer hätten dies vermuten können, nachdem Er Gedanken eingeführt hatte, die im Alten Testament nicht enthalten waren. Aber Er sagt: „Wähnet nicht, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen.“  Ich setze voraus, daß das Wort „erfüllen“  hier in seiner vollsten Bedeutung steht. Der Herr erfüllte in Person das Gesetz und die Propheten in  Seiner Weise, und zwar in gerechter Unterwürfigkeit und im Gehorsam. Sein Leben auf der Erde entfaltete zum ersten Mal die Schönheit des Gesetzes ohne Makel. Sein Tod war die feierlichste Genugtuung, die das Gesetz jemals erhielt oder erhalten konnte. Weil es den Fluch auf den Schuldigen legte, trug der Heiland ihn selbst. Anstatt Gott zu verunehren, nahm der Heiland alles auf sich. Darüber hinaus rechtfertigen die Worte unseres Herrn, denke ich, noch eine weitere Anwendung. Das Gesetz oder dika°wma (Gottes gerechte Forderung) wird ausgeweitet, indem seinen sittlichen Grundsätzen die größte Ausdehnung gegeben wird. Dadurch wird in demselben alles, was Gott ehrt, in vollster Kraft und Reichweite entfaltet. Das Licht des Himmels fiel jetzt auf das Gesetz, sodaß es nicht mehr durch schwache, fehlbare Menschen ausgelegt wurde, sondern durch eine Person, die keinen Grund hatte, einem Jota seiner Forderungen auszuweichen. Das Herz unseres Herrn dachte voller Liebe ausschließlich an die Ehre und den Willen Gottes. Der Eifer für das Haus Seines Vaters verzehrte Ihn. Er erstattete das, was Er nicht geraubt hatte. (Psalm 69,4). Wer außer Ihm konnte das Gesetz auf diese Weise auslegen - nicht wie die Schriftgelehrten, sondern im himmlischen Licht? Denn die Gebote Gottes sind grenzenlos weit. In diesem Licht sehen wir das Ende aller Vollkommenheit im Menschen sowie die Erfüllung der Summe des Gesetzes in Christus.


Weit davon entfernt, das Gesetz aufzuheben, veranschaulichte der Herr es im Gegenteil strahlender als jemals zuvor und gab ihm eine geistliche Anwendung, die dem Menschen vor Seinem Kommen völlig unbekannt war. Damit beschäftigte sich der Herr im nächsten Teil der wunderbaren Predigt. Nachdem Er gesagt hatte: „Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht  ein Jota oder  ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist“, fügte Er dann hinzu: „Wer irgend nun eines dieser geringsten Gebote auflöst und also die Menschen lehrt, wird der Geringste heißen im Reiche der Himmel; wer irgend aber sie tut und lehrt, dieser wird groß heißen im Reiche der Himmel. Denn ich sage euch: Wenn nicht eure Gerechtigkeit vorzüglicher ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen.“ (V. 18-20). Unser Herr stand im Begriff, die großen sittlichen Grundsätze des Gesetzes zu Geboten auszuweiten, die aus Ihm selbst hervorkamen und nicht von Mose stammten. Gleichzeitig zeigte Er, daß diese die große Probe darstellen, durch welche die Menschen geprüft werden. Es ging jetzt nicht mehr nur um die zehn Gebote, die am Sinai ausgesprochen worden waren. Indem Er deren Wert voll anerkannte, wollte Er nun die Gesinnung Gottes offen legen in einer Weise, die in ihrer Tiefe jedes Vorstellungsvermögen übertraf. Das sollte von nun an die große Probe für den Menschen sein.

Deshalb sagte Er hinsichtlich der praktischen Bedeutung Seiner Gebote: „Wenn nicht eure Gerechtigkeit vorzüglicher ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen.“  Dieser Ausdruck bezieht sich in keinster Weise auf die Rechtfertigung. Es geht um die praktische Anerkennung der richtigen Beziehungen des Gläubigen zu Gott und den anderen Menschen und dem Wandel darin. Die Gerechtigkeit, von der hier gesprochen wird, ist ausschließlich praktischer Art. Das wird viele Menschen empfindlich treffen. Sie werden ziemlich überrascht sein, hören zu müssen, daß die praktische Gerechtigkeit zum Mittel wird, um in das Reich der Himmel einzugehen. Doch laßt mich wiederholen: Die Bergpredigt zeigt uns nicht, wie ein Sünder errettet werden kann. Die kleinste Anspielung auf die Rechtfertigung eines Sünders durch praktische Gerechtigkeit sollte unseren Widerspruch hervorrufen. Das gilt jedoch nicht für einen Erlösten, der den Willen Gottes versteht und ihm unterworfen ist. Gott besteht auf Frömmigkeit in Seinem Volk. Ohne Heiligkeit wird niemand den Herrn schauen. (Hebräer 12,14). Fraglos zeigt der Herr in Johannes 15, daß eine unfruchtbare Rebe abgeschnitten werden muß. So wie die verdorrten Zweige des natürlichen Weinstocks ins Feuer geworfen und verbrannt werden, so darf ein fruchtloser Bekenner des Namens Christi nicht mit einem besseren Schicksal rechnen.

Der Beweis, daß Leben vorhanden ist, besteht im Fruchttragen. Diese Wahrheit wird in den stärksten Ausdrücken in der ganzen Bibel festgehalten. In Johannes 5,28–29 wird gesagt: „Es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören und hervorkommen werden: die das Gute getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber das Böse verübt haben, zur Auferstehung des Gerichts.“  Offensichtlich wird die ernste Wahrheit keineswegs verborgen, daß Gott in Seinem Volk unbedingt sucht und fordert, was gut, heilig und gerecht ist. Wen nicht das Tun dessen, was in Gottes Augen angenehm ist, kennzeichnet, gehört nicht zu Gottes Volk. Wird jene Forderung jedoch vor einen Sünder gestellt als Mittel seiner Versöhnung mit Gott oder zur Auslöschung seiner Sünden vor Ihm, so leugnen wir Christus und Seine Erlösung. Wir müssen unbedingt festhalten, daß alle Mittel, durch die Menschen zu Gott geführt werden, in Christus zu finden sind. Der einzige Weg, durch den ein Sünder mit dem Segen Christi verbunden wird, besteht im Glauben ohne die Werke des Gesetzes. Halte diese Wahrheit fest! Dann siehst du keinen Widerspruch und keine Schwierigkeit mehr und verstehst, daß derselbe Gott, der einer Seele den Glauben an Jesus schenkt, in jener Seele auch durch den Heiligen Geist wirkt, um das hervorzurufen, was Ihm entspricht. Denn wozu gibt Er ihr das Leben Christi und den Heiligen Geist, wenn nur die Vergebung der Sünden benötigt wird? Aber Gott ist damit nicht zufrieden. Er verleiht einer Seele das Leben Christi und schenkt ihr eine göttliche Person, um in ihr zu wohnen. Dabei ist der Heilige Geist nicht eine Quelle von Schwachheit oder Furcht, sondern „der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Timotheus 1,7). Folglich erwartet Gott, daß bei dem Gang über diesen gegenwärtigen versuchungsreichen Schauplatz unsere Verhaltensweisen diesem Segen entsprechen und daß wir mit geistlicher Weisheit und Einsicht wandeln.

Während die Jünger voller Blindheit bewundernd zur Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer aufschauten, erklärte unser Herr, daß eine so oberflächliche Art von Gerechtigkeit nicht ausreicht. Eine Gerechtigkeit, die jeden Tag zum Tempel hinaufgeht und stolz auf lange Gebete, großzügige Almosen sowie breite Denkzettel ist, kann in den Augen Gottes nicht bestehen. Sie muß schon weit tiefgründiger sein und mehr dem heiligen, liebenden Wesen Gottes entsprechen. Alle diese Zurschaustellung einer äußeren Religion birgt in Wirklichkeit kein Bewußtsein der Sünde oder der Gnade Gottes in sich. Wir erhalten so den Beweis, von welch umfassender Bedeutung zunächst einmal eine richtige Vorstellung von Gott ist. Zu dieser gelangen wir, indem wir das Zeugnis Gottes über Seinen Sohn annehmen. In den Pharisäern erkennen wir den sündigen Menschen, der seine Sünde in Abrede stellt und den wahren Charakter Gottes als Gott der Gnade verdunkelt und leugnet. Alles dies wurde von den Religionisten des äußeren Scheins verworfen; und ihre Gerechtigkeit war solcherart, wie wir sie von Männer, die über sich selbst und Gott unwissend sind, erwarten können. Auf diese Weise erwarben sie sich Ansehen; doch damit war schon alles zu Ende. Sie erwarteten eine sofortige Belohnung und bekamen sie auch. Zu den Jüngern sagte unser Herr jedoch: „Wenn nicht eure Gerechtigkeit vorzüglicher ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen.“

Hier möchte ich eine Frage stellen. Wie erfüllt Gott diese Bedingung in einer Seele, die glaubt? Das ist ein großes Geheimnis, welches in dieser Predigt nicht herausgestellt wird. Zunächst einmal liegt eine große Last an Ungerechtigkeiten auf dem Sünder. Was muß mit derselben geschehen; und wie wird der Sünder passend gemacht, um in das Reich der Himmel einzutreten? Er wird von Neuem geboren. Er erhält eine neue Natur - ein Leben, welches genauso auf der Gnade Gottes beruht wie die Wegnahme seiner Sünden am Kreuz Christi. Das ist die Grundlage jeder praktischen Gerechtigkeit. Der wahre Anfang jeder sittlichen Gutheit in einem Sünder liegt in dem Bewußtsein und dem Bekenntnis seines Mangels in dieser Hinsicht, d. h. dem Bekennen seiner Schlechtigkeit. Dies wurde schon oft gesagt und muß häufig wiederholt werden. Gott findet im Menschen nie etwas Annehmbares, bevor er sich als gänzlich schlecht aufgegeben hat. Nach einer solchen Selbsterniedrigung begegnet ihm Gott; und Gott offenbart ihm Christus als Seine Gabe an den armen Sünder. Letzterer ist sittlich zusammengebrochen und fühlt und anerkennt, daß er verloren ist, es sei denn, daß Gott für ihn eintritt. Er empfängt Christus; und was folgt dann? „Wer glaubt, hat ewiges Leben.“ (Johannes 6,47). Von welcher Natur ist dieses Lebens? Sie ist in ihrem Wesen vollkommen gerecht und heilig. Damit ist der Mensch sofort für das Reich Gottes passend. „Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3). Wenn er jedoch von neuem geboren ist, dann tritt er in dasselbe ein. „Was aus dem Fleische geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geiste geboren ist, ist Geist.“ (Johannes 3,6). Die Schriftgelehrten und Pharisäer wirkten nur für und durch das Fleisch. Sie glaubten nicht, daß sie in den Augen Gottes tot waren. Das gilt auch für die heutigen Menschen. Ein Gläubiger beginnt statt dessen damit, daß er tot ist, daß er ein neues Leben benötigt und daß das neue Leben, welches er in Christus empfängt, zum Reich Gottes paßt. Mit dieser neuen Natur beschäftigt sich Gott. Durch den Heiligen Geist bewirkt Er jene praktische Gerechtigkeit. Darum bleibt in jeder Hinsicht wahr: „Wenn nicht eure Gerechtigkeit vorzüglicher ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen.“

Aber der Herr erklärt hier nicht, wie dieses geschehen kann. Er stellt vor, daß das, was der Natur Gottes entspricht, nicht in menschlicher, jüdischer, Gerechtigkeit gefunden werden konnte. Dennoch war Gottes Gerechtigkeit für das Reich unbedingt erforderlich.

Danach beschäftigt Er sich mit dem Gesetz in seinen verschiedenen Teilen - jedenfalls mit den Geboten, die sich auf den Mitmenschen beziehen. Er geht nicht auf das ein, was unmittelbar Gott betrifft. Zunächst spricht Er von den Übeln, die aus der menschlichen Gewalttätigkeit hervorkommen, und hinterher von dem großen empörenden Beispiel menschlicher Verderbtheit; denn Gewalttat und Verderbnis sind die beiden unveränderlichen Formen der Ungerechtigkeit des Menschen. Diese traten schon vor der Sintflut auf. „Die Erde war verderbt vor Gott, und die Erde war voll Gewalttat.“ (1. Mose 6,11). In Vers 21 wird das Licht des Reiches auf das Gebot geworfen: „Du sollst nicht töten; wer aber irgend töten wird, wird dem Gericht verfallen sein.“  Das Gesetz nahm Kenntnis von dieser größten Form der Gewalttat; doch erst unser Herr gab ihm seine wahre Länge, Breite, Höhe und Tiefe. „Ich aber sage euch, daß jeder, der seinem Bruder ohne Grund zürnt, dem Gericht verfallen sein wird; wer aber irgend zu seinem Bruder sagt: Raka! dem Synedrium verfallen sein wird; wer aber irgend sagt: Du Narr! der Hölle des Feuers verfallen sein wird.“ (V. 22). Das besagt: Unser Herr ordnet jetzt jede Art von Gewalttat in den Gefühlen und Ausdrucksweisen, jegliche Form von Verachtung und Haß und alles, was das Mißfallen des Herzens ausdrückt, in dieselbe Kategorie vor Gott wie Mord. Dazu gehört auch jede Herabsetzung anderer sowie der Wille, seine eigene Persönlichkeit und seinen ganzen Einfluß einzusetzen, um andere zu vernichten. All das ist in den herzerforschenden Augen Gottes nicht besser als Mord. Der Herr weitet das Gesetz aus. Er zeigt den Menschen eine Person, welche die Gefühle des Herzens beobachtet und richtet. Daher geht es hier nicht einfach um die  Folgen der Gewalttat gegen einen Menschen; denn Worte des Ärgers haben nicht unbedingt viel Wirkung. Sie offenbaren jedoch den Zustand des Herzens; und damit beschäftigt sich der Herr jetzt. „Wenn du nun deine Gabe darbringst zu dem Altar und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so laß daselbst deine Gabe vor dem Altar und geh zuvor hin, versöhne dich mit deinem Bruder; und dann komm und bringe deine Gabe dar.“ (V. 23-24). In der Bergpredigt stellt der Herr nicht den Christen in seiner vollständigen Absonderung vom jüdischen System vor. Diese Worte zeigen zwar den Grundsatz des Christentums, aber auch deutlich eine Verbindung zu Israel. Der Altar hier hat nämlich keinen Bezug zum Tisch des Herrn.

„Willfahre deiner Gegenpartei schnell, während du mit ihr auf dem Wege bist; damit nicht etwa die Gegenpartei dich dem Richter überliefere, und der Richter dich dem Diener überliefere, und du ins Gefängnis geworfen werdest. Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dannen herauskommen, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast.“ (V. 25-26). Ich glaube, daß Israel - Israel als Volk - sich dieser Torheit schuldig gemacht hat. Es hatte sich nicht schnell mit seiner Gegenpartei geeinigt. Der Messias war da. Sie waren Seine Feinde und behandelten Ihn als Gegenpartei. Damit war Gott durch ihren Unglauben gezwungen, gegen sie zu sein. Der sittliche Zustand Israels in den Augen Gottes glich sehr demjenigen, der uns hier geschildert wird. Sie nährten mörderische Gefühle gegen Jesus in ihren Herzen. Es begann mit Herodes zur Zeit Seiner Geburt; und es blieb so während Seines ganzen Dienstes. Das Kreuz bewies, wie sehr dieser unnachgiebige Haß gegen ihren Messias das Herz der Juden erfüllte. Sie hatten nicht schnell eine Übereinkunft mit ihrer Gegenpartei getroffen, sodaß der Richter sie dem Gerichtsdiener überliefern und ins Gefängnis werfen lassen mußte. Und dort blieben sie bis zum heutigen Tag. Die jüdische Nation ist seit ihrer Verwerfung des Messias von allen Verheißungen Gottes ausgeschlossen. Sie ist als Nation ins Gefängnis überliefert worden. Dort muß sie bleiben, bis der letzte Pfennig bezahlt ist. In Jesaja (Kap. 40,2) sagt der Herr tröstend zu Jerusalem: „Rufet ihr zu, daß ihre Mühsal vollendet, daß ihre Schuld abgetragen ist, daß sie von der Hand Jehovas Zwiefältiges empfangen hat für alle ihre Sünden.“  Während wir Christen jetzt in Gottes Gunst stehen und durch die Gnade Gottes in Christus Jesus die Fülle des Segens empfangen haben, kann doch nicht bezweifelt werden, daß reiche Segnungen für Jerusalem bereitstehen. Gott wird eines Tages in Seiner Barmherzigkeit zu dieser Stadt sagen: „Du bist genug bestraft; ich will dich nicht länger zum Zeugen meiner Rache auf der Erde machen.“ Warum durfte Israel bis zum heutigen Tag nicht mit den Nationen verschmelzen? Es bleibt im „Gefängnis“  und wird durch Gott von jedem anderen Volk ferngehalten. Gott hat jedoch Seine außergewöhnliche Barmherzigkeit für sie aufbewahrt. „Redet zum Herzen Jerusalems ..., daß sie von der Hand Jehovas Zwiefältiges empfangen hat für alle ihre Sünden.“

Diese Wahrheit wird uns in dem schönen Bild vom Totschläger verdeutlicht, der in die Zufluchtsstadt flieht, welche Gott ihm zubereitet hat. 4. Mose 35 lehrt uns, daß sich der Mann dort so lange außerhalb seines Besitztums aufhalten mußte, bis der Tod - nicht des Totschlägers selbst, sondern - des mit Öl gesalbten Hohenpriesters eintrat. Das bezieht sich auf das Hohepriestertum unseres Herrn. Zur Zeit macht der Herr die Zahl Seines himmlischen Volkes voll, um sie zuletzt dort zu versammeln, wo sie Seine Fürsprache bei Gott nicht mehr benötigen. Wenn wir jedoch die vollständigen Ergebnisse dessen, was Christus uns erworben hat, im Himmel genießen, verläßt der Hohepriester Seinen Sitz zur Rechten Gottes und nimmt Seinen  eigenen priesterlichen Thron ein. Dann endet Sein momentanes himmlisches Priestertum; und das blutschuldige Israel wird in das Land seines Besitztums zurückkehren. Ich zweifle nicht, daß dies die richtige Anwendung jenes schönen Vorbilds ist. Auf einen Christen bezogen, kann ich mir keine Deutung für den Tod des mit Öl gesalbten Hohepriesters vorstellen. Beziehe es auf die Juden, und alles wird sonnenklar! Christus wird jenen Charakter des Hohenpriestertums, in dem Er jetzt für uns tätig ist, beenden und in eine neue Form des Segens für Israel eintreten.

Der Herr schließt also diesen Gegenstand ab, indem Er mit dem Licht des Reiches der Himmel die Sünde des Tötens beleuchtet und diese Sünde auf jeden Ausdruck von Herzensärger ausweitet. Das ist sehr ernst, wenn wir erwägen, wie wenig Bedeutung wir unseren Worten beimessen und wie leicht wir einen Ausbruch heftigster Gefühle in uns entschuldigen. Sie werden hier offensichtlich in ihrem größten Gegensatz zur Natur Gottes gezeigt.

Doch es folgt noch mehr: Im Herzen des Menschen wirkt jenes verdorbene Prinzip, das nach dem gelüstet, was es nicht hat. Damit beschäftigt sich unser Herr in den nächsten Worten. „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch, daß jeder, der ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, schon Ehebruch mit ihr begangen hat in seinem Herzen. Wenn aber dein rechtes Auge dich ärgert, so reiß es aus und wirf es von dir . . . Und wenn deine rechte Hand dich ärgert, so haue sie ab und wirf sie von dir; denn es ist dir nütze, daß eines deiner Glieder umkomme und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde.“ (V. 27-30). Das heißt: Was immer in unserem Wandel, auf unseren Wegen oder in unserem Dienst - was immer die Seele der Gefahr aussetzt, an diesen unheiligen Gefühlen festzuhalten, darf niemals geschont werden. Alles, was der Seele schadet, müssen wir entfernen. Die Glieder des Leibes, wie das Auge und die Hand, dienen nur als Beispiele für die verschiedenen Wege, auf denen das Herz gefesselt werden kann. Das Abschneiden dieser Körperglieder zeigt ein Herz, das kompromißlos Selbstgericht ausübt und nicht schnell bereit ist, sich damit zu entschuldigen, daß es die Sünde ja nicht wirklich begangen habe. Alles, was eine Seele dem Sündigen aussetzt, muß aufgegeben werden.

Darauf aufbauend brandmarkt unser Herr das leichtfertige Auflösen des Ehebandes. „Es ist aber gesagt: Wer irgend sein Weib entlassen wird, gebe ihr einen Scheidebrief. Ich aber sage euch: Wer irgend sein Weib entlassen wird, außer auf Grund von Hurerei, macht, daß sie Ehebruch begeht; und wer irgend eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch.“ (V. 31-32). So zeigt unser Herr, daß, trotz möglicherweise großer Schwierigkeiten, diese menschliche Lebensgemeinschaft die stärkste Anerkennung seitens Gottes findet. Obwohl es eine irdische Beziehung ist, wird das Licht des Himmels auf sie geworfen und ihre Unverletzlichkeit aufrechterhalten. Christus erlaubt nicht, daß irgend etwas ihre Heiligkeit beeinträchtigt. Die einzige Ausnahme besteht da, wo sie in den Augen Gottes schon unterbrochen wurde. In diesem Fall ist die Scheidung nur eine öffentliche Bekanntmachung, daß durch Sünde ein Ehebruch in den Augen Gottes stattgefunden hat.

Die Verse 33-37 führen einen neuen Gegenstand ein, nämlich den Gebrauch des Namens des Herrn. Es geht hier nicht um den rechtlichen Eid, d. h. einen Eid, der von der Obrigkeit auferlegt wird. In einigen Ländern mag er mit Heidentum oder Papismus in Verbindung stehen; dann sollte kein Christ einen solchen Eid schwören. Aber wenn die Eideserklärung lediglich dazu dient, durch staatliche Beamte die Autorität Gottes einzuführen, damit die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit ausgesagt wird, dann sehe ich nicht, daß der Herr in irgendeiner Weise den Christen von dieser Pflicht gegen die eingesetzte Autorität löst. Unsere Verse sprechen ausdrücklich vom persönlichen Verkehr unter Menschen. „Schwöret überhaupt nicht; weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel; noch bei Jerusalem, denn sie ist des großen Königs Stadt; noch sollst du bei deinem Haupte schwören, denn du vermagst nicht, ein Haar weiß oder schwarz zu machen.“ (V. 34-36). Keiner dieser Schwüre war rechtlicher Art. Sie dienten zur Beteuerung im normalen täglichen Leben der Juden.

Falls unser Herr hier den Christen einen rechtlichen Eid verbieten wollte, hätte Er dann nicht als Beispiel den Schwur an den Gerichtshöfen jener Tage angeführt? Er tat es aber nicht. Alle Schwüre, die Er hier aufzählt, waren solche, welche die Juden gewöhnlich aussprachen, wenn ihr Wort von ihren Mitmenschen angezweifelt wurde. Sie fanden keine Verwendung vor der Obrigkeit. Ich für mein Teil denke nicht, daß es richtig ist, wenn ein Christ den rechtlichen Eid verweigert. Ich glaube statt dessen, daß es falsch ist, wenn der Gläubige ihn in den Fällen nicht ablegt, wo die Obrigkeit sein Zeugnis verlangt und nichts vorliegt, was das Gewissen durch die Eidesformel belastet. Falls die Obrigkeit in dem Eid Gott nicht anerkennt, ist der Christ nichtsdestoweniger verpflichtet, Gott in der Obrigkeit anzuerkennen. Eine Amtsperson ist für den Christen ein Diener Gottes in den äußeren Dingen dieser Welt. Sogar der Assyrer war eine Rute Gottes, obwohl er dachte, ausschließlich seine eigenen Ziele gegen Israel zu verfolgen. Um so mehr vertritt die Obrigkeit - mag sie sein, wer oder was sie will - die Wahrheit Gottes in äußerlicher Autorität in der Welt; und der Christ sollte sie weit mehr respektieren, als es die Menschen dieser Welt tun. Darum ist ein Eid, der einfach auf der Grundlage jener Autorität den Ausspruch der Wahrheit verlangt, eine heilige Angelegenheit, die man nicht ablehnen darf.

Ein Christ hat zweifellos nicht die Aufgabe andere strafrechtlich zu verfolgen. Im Gegenteil, er überläßt es Christus und Seiner Gnade, wenn die Welt, falls sie es will, ihm Unrecht tut. Er darf mit Worten dagegen protestieren, um dann alles dem Herrn zu überlassen. Als unser Herr ungerecht behandelt wurde, überführte Er jene Person ihres Rechtsverstoßes. Damit sollte eigentlich nach menschlichen Gedanken alles zu Ende gewesen sein. Und doch schwieg Er vor dem Hohenpriester nur solange, bis Er durch den Schwur nach dem Grundsatz von 3. Mose 5 zum Reden verpflichtet wurde. Danach sprach Er sofort. So sollten auch wir nach einer Aufforderung durch die gesetzliche Autorität handeln, wie gottlos der ausführende Beamte auch sein mag. Christus erwartete keine augenblickliche Gutmachung des Unrechts, das Ihm geschah. So sollte es auch bei Christen sein. Wir dürfen jene, die das Böse tun, sittlich überführen. Andererseits ist das geduldige Ertragen des Bösen vor Gott wohlgefällig. Auf diese Weise wird die göttliche Autorität in der Welt wirklich anerkannt.

In keiner Handlungsweise zeigt sich der Christ so über der Welt stehend wie darin, daß er auf jegliche Rechtfertigung von ihrer Seite verzichtet. Wer zur Welt gehört, sollte als Freiwilliger für sie eintreten. Jeder, dessen Heimat die Welt ist, hat für sie zu kämpfen. Die Interessen eines Christen befinden sich jedoch nicht auf diesem Schauplatz. Warum sollte er für das kämpfen, was nicht sein eigen ist? Ein Christ, der in der Welt (abgesehen von seinem geistlichen Kampf) und in Gemeinschaft mit ihr kämpft, ist einfach ein Mietling. Die Menschen als solche haben nötigenfalls die Pflicht, das Böse zu bekämpfen und es zurückzuweisen. Wenn der Herr die Welt benutzt, um Revolutionen niederzuschlagen und Frieden zu machen, dann sollte der Christ dankbar zu Gott aufblicken; denn darin liegt eine große Barmherzigkeit. Die Gläubigen hingegen sollten die großartige Wahrheit fest in ihrer Seele verankern, daß „sie nicht von der Welt (sind).“ (Johannes 17,16). Wie weit sind sie nicht von der Welt? „Sie sind nicht von der Welt, gleichwie  ich nicht von der Welt bin.“

In Johannes 17, wo unser Herr diese wunderbaren Worte wiederholt ausspricht, redet Er angesichts Seiner Rückkehr zum Himmel, als wäre Er überhaupt nicht mehr hier. Im Geist hatte Er die Welt schon verlassen. Daher sagte Er: „Sie sind nicht von der Welt, gleichwie ich nicht von der Welt bin.“  Etwas vorher hatte Er gesagt: „Ich bin nicht mehr in der Welt.“  Seine Himmelfahrt gibt dem Christen und der Kirche (Versammlung) ihren besonderen Charakter. Ein Christ ist nicht einfach ein Gläubiger, sondern ein Gläubiger, der berufen ist, sich an  Christus im Himmel zu erfreuen. So wie Christus, unser Haupt, die Welt verlassen hat, so ist der Christ im Geist über die Welt erhoben. Seine Aufgabe ist zu zeigen, daß die Kraft seines Glaubens über den natürlich-menschlichen Gefühlen steht. Kein Mensch scheint törichter zu sein als der, welcher in dieser Welt zu keiner Partei gehört. Auch Christen lieben es nicht, völlig bedeutungslos zu sein. Sie wünschen, daß auf der einen oder anderen Seite ihr Einfluß empfunden wird. Doch davon hat der Herr uns befreit. Die Sucht nach weltlicher Geltung ist für die ungläubigen Menschen selbstverständlich. Deshalb klammern sie sich verzweifelt an den einzigen Schauplatz, der ihnen Genuß und eine greifbare Hoffnung bietet.

Wir handeln also keineswegs entsprechend unserer Berufung, wenn wir starke Ausdrücke benutzen. „Es sei aber eure Rede: Ja, ja; nein, nein; was aber mehr ist als dieses, ist aus dem Bösen.“ (V. 37). Einen bemerkenswerten praktischen Beweis für unsere Ausführungen erkennen wir in der Handlungsweise des Herrn vor dem Hohenpriester. Er schwieg, bis derselbe Ihn unter Eid stellte; danach antwortete Er sofort. Wer könnte bezweifeln, daß Er uns das richtige Muster für unser Verhalten liefert?

Als nächstes betrachtet Er den Fall, daß jemand uns Unrecht tut. Es geht hier nicht um die Strafe, welche die Menschen verhängen, um ein Vergehen an einem anderen zu sühnen. Der Grundsatz „Auge um Auge, und Zahn um Zahn“  ist vollkommen gerecht. Doch unser Herr deutet an, daß wir viel mehr als nur gerecht sein sollen, nämlich gnädig. Das stellt Er als den Höhepunkt in diesem Teil Seiner Predigt vor. Zuerst hatte Er die Gerechtigkeit des Gesetzes gestärkt, seine Tiefe vergrößert und seine Ausnahmen aufgehoben. Jetzt geht Er noch weiter. Er zeigt, daß in Seinen eigenen Wegen und in Seinem Leben ein Grundsatz herrschte, der den Christen lehrt, keine Vergeltung zu suchen. „Auge um Auge, und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Widerstehet nicht dem Bösen, sondern wer irgend dich auf deinen rechten Backen schlagen wird, dem biete auch den anderen dar.“ (V. 38-39). Es ist natürlich klar, daß der Herr hier keine Anweisungen für die Obrigkeiten gibt. Das Neue Testament ist für Christen geschrieben, d. h. für jene, die eine abgesonderte Stellung und eine besondere Berufung inmitten der irdischen Systeme und Völker besitzen. Die Ermahnungen richten sich an solche, die himmlisch sind, auch wenn sie über diese Erde wandeln. Indem wir Christus annehmen werden wir zu Christen; und zu solchen sagt der Herr: „Widerstehet nicht dem Bösen, sondern wer irgend dich auf deinen rechten Backen schlagen wird, dem biete auch den anderen dar.“  Es geht um persönliches Unrecht. Das zugefügte Böse mag noch so vorsätzlich und unverdient sein - es soll jedoch mit dem Guten überwunden werden. Zeige, daß du willens bist, um Christi willen noch mehr auf dich zu nehmen!

„Dem, der mit dir vor Gericht gehen und deinen Leibrock nehmen will, dem laß auch den Mantel.“ (V. 40). Hier wird das Gericht angerufen. Das heißt, ein Mensch beansprucht - vielleicht widerrechtlich - durch Gerichtsbeschluß einen Teil deiner Kleidung. Wenn er dich gerichtlich belangen will, um deinen Leibrock wegzunehmen, dann „laß (ihm) auch den Mantel.“  Im folgenden Vers scheint es sich genaugenommen nicht einfach um einen Menschen zu handeln, der sich an ein Gericht wendet, sondern um einen öffentlichen Beamten. „Und wer irgend dich zwingen wird, eine Meile zu gehen, mit dem geh zwei.“ (V. 41). Der Herr stellt also den großen Grundsatz auf: Seien es menschliche Gewalttat oder das Gesetz, welches noch so streng und herausfordernd angewandt wird - wenn du nach dem Gesetz einen Schritt gehen mußt, dann sollst du nach dem Evangelium zwei gehen. Die Gnade tut doppelt soviel wie das Gesetz, egal, worum es sich handeln mag. Gott wollte keineswegs Verpflichtungen aufheben oder Verantwortlichkeiten abschwächen, sondern im Gegenteil Kraft und Stärke verleihen, damit wir alles, was in Seinen Augen gerecht ist, ausführen können.

Das Gesetz mochte sagen: „Auge um Auge, und Zahn um Zahn.“  In unserem Abschnitt lesen wir jedoch nicht nur von dem Ertragen dessen, was wirklich böse ist, sondern auch von der Gnade, die mehr gibt, als gefordert wird. „Das Gesetz wurde durch Moses gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden.“ (Johannes 1,17). Die geschilderte Verhaltensweise ist  eine Art, um zu zeigen, wie sehr wir die Gnade schätzen. Dabei geht es nicht einfach um die Buchstaben der Worte des Herrn. Wenn du diesen Grundsatz nur auf einen Schlag ins Gesicht beschränkst, ist das eine armselige Anwendung. Das Wort Christi stellt dem Gläubigen die Geisteshaltung vor, welche Gott gefällt und der Seele die Wirklichkeit der Gnade aufstempelt. Gnade liegt nicht in der Verteidigung des Ichs, noch in der Bestrafung eines zugefügten Unrechts, sondern in dem Ertragen des Bösen und dem Triumph des Guten über dasselbe. Christus spricht davon, mit welcher Behandlung ein Christ sich seitens der Welt, durch die er geht, abfinden muß. Ein Gläubiger hat die Trübsal als eine Zucht anzunehmen, die Gott für seine Seele nötig hält. Es ist ein großes Schauspiel vor Menschen und Engel (1. Korinther 4,9), wenn sie Personen auf dieser Erde sehen, die sich freuen, daß ihnen erlaubt wird, für Christus zu leiden. Sie haben gelernt, ihren eigenen Willen aufzugeben, ihre Rechte zu opfern und ungerecht zu dulden. Dabei schauen sie aus nach dem Tag, an dem der Herr alles anerkennen wird, was um Seinetwillen erlitten wurde. Dann, bei Seinem Erscheinen und Seinem Reich (2. Timotheus 4,1), wird alles Böse in ernstester Weise gerichtet.

Unser Herr sagt in Vers 42: „Gib dem, der dich bittet, und weise den nicht ab, der von dir borgen will.“  Das ist ein besonderes Beispiel von einem großen allgemeinen Grundsatz, den der Herr hier festhält. So wie Er vorher den Charakter der Gewalttat offengelegt hat, so stellt Er jetzt die Appelle an die Freundlichkeit des Herzens eines Christen heraus. „Gib dem, der dich bittet.“  Dies ist ganz offensichtlich eine gefällige und gnädige Handlungsweise. Aber es ist auch vollkommen klar, daß der Herr sie nicht im geringsten als einen unumschränkten sittlichen Grundsatz Seinem Volk vorschreiben will. Wir sollen in dieser Angelegenheit nicht leichtfertig handeln oder einfach unseren Gefühlen folgen. Unser Gewissen muß vor Gott geübt sein. Angenommen, jemand bittet um etwas, und du hast Grund zu der Vermutung, daß er es mißbraucht - dann mußt du es ihm verwehren! Warum? Er mag sagen: „Hat nicht der Herr befohlen: „Gib dem, der dich bittet!“?“ Sicherlich! Der Herr hat mir jedoch noch andere Anweisungen gegeben, durch die ich beurteilen kann, ob ich in einem besonderen Fall wirklich geben darf. Wenn der Bittende etwas tun will, das nach meiner Ansicht mit Sicherheit unsinnig und falsch ist - soll ich dann immer noch geben? Kommt dann nicht zusätzlich ein anderer Grundsatz zum Tragen, nämlich, daß wir gewissenhaft urteilen sollen? Ich habe zum Beispiel Grund anzunehmen - und zwar vielleicht aus dem, was der Bittende mir erzählt -, daß dieser selbstsüchtige Pläne hat, die ich für weltlich halte - soll ich seiner Weltlichkeit entgegenkommen? Dem Gläubigen wird gesagt: „Seid niemand irgend etwas schuldig!“ (Römer 13,8). Hat er dieser Anordnung nicht zu folgen? Es geht dem Herrn ganz offensichtlich in dem betrachteten Vers um eine wirkliche Not. In dieser Hinsicht bestand sonderlich unter den Juden (und eigentlich grundsätzlich unter den Menschen) eine maßlose Gleichgültigkeit. Der Herr besteht folglich nicht nur darauf, daß ein Christ seinem Bruder zu helfen hat, sondern stellt diese Aufforderung auch auf die breiteste Grundlage. Er legt den Nachdruck darauf, daß wir normalerweise großzügig geben sollen - nicht, damit wir etwas zurück empfangen, sondern aus einer wirklichen, tatkräftigen Liebe gemäß den Gedanken Gottes.

„Gib dem, der dich bittet!“  Wir wissen alle, daß es Menschen gibt, die diese Aufforderung ausnutzen. Ein solches Verhalten schwächt und hemmt häufig das Mitleid. Doch noch häufiger dient es als Entschuldigung, um nicht zu geben. Der Herr warnt vor dieser Schlinge und zeigt den großen sittlichen Wert einer gewohnheitsmäßigen, aufmerksamen und bereitwilligen Güte gegen die Elenden in dieser Welt für unsere Seelen und die Herrlichkeit Gottes. Das heißt nicht, daß ich immer das geben soll, worum ich gebeten werde; denn die Bitte mag töricht sein. Der Grundsatz bleibt jedoch bestehen: „Gib dem, der dich bittet, und weise den nicht ab, der von dir borgen will!“  Rechnest du nach, wie oft du schon betrogen wurdest? Auch dann sollst du nicht verärgert sein! Nach dem Wort Jesu darfst du das, was du tust, für deinen Vater im Himmel tun. Der Empfänger deiner Freigebigkeit mag alles zu einem schlechten Zweck benutzen; das ist dann seine Verantwortung. Ich bin verpflichtet, vertrauensvolle Großzügigkeit, und zwar unabhängig von einer Freundschaft, zu pflegen. Sogar die Zöllner und Sünder sind freundlich zu denen, die ihnen freundlich begegnen. Die menschliche Natur in ihrem verdorbensten Zustand ist dazu fähig. Wie aber sollten Christen handeln? Christus bestimmt den Zustand, das Verhalten und den Geist der Christen. Er war ein Dulder, und darum sollen sie dem Bösen nicht widerstehen. Wo immer Not herrschte, war das Herz des Herrn mit ihr beschäftigt. Die Menschen mochten Seine Liebe gegen Ihn selbst kehren. Sie mochten die Gaben der Gnade für eigene Zwecke verwenden wie der Geheilte, der die Warnung des Herrn und den Eindruck von Seiner Wohltat einfach mißachtete. Dennoch ging der Herr, obwohl Er alles wußte, standfest Seinen Weg im Gutestun weiter. Ihn beherrschte nicht ein verschwommenes Gefühl der Wohltätigkeit für die Menschen, sondern der heilige Dienst für Seinen Vater. Er tat den Willen Seines Vaters; das war Seine Speise und Sein Trank. So sollte es auch bei uns sein. Das umfaßt nicht im geringsten den Gedanken, als sollten wir in gesetzlicher Weise gebunden sein, in jedem Fall unbedingt das zu geben, was von uns erbeten wird. Das Fleisch ohne göttliche Liebe mag bis zum Äußersten so handeln; und doch bringt es keinen wahren Nutzen. (1. Korinther 13,3). Geistliche Weisheit und das Wort Gottes müssen angewandt werden, um jeden Einzelfall zu prüfen, und zwar vor Gott. Trotzdem muß der allgemeine Grundsatz in seinem vollen Ausmaß berücksichtigt werden. Wir sollen diese Gewohnheit pflegen und die Herzenseinstellung, aus der sie hervorfließt, indem wir auf ihr himmlisches Muster und ihre Quelle blicken.

Doch kommen wir jetzt zu den folgenden Versen! Sie enthalten eine wichtige Wahrheit, nämlich den Kern und das Wesen unserer Beziehung zu anderen Menschen hier auf der Erde und das große wirksame Prinzip, aus dem jedes richtige Verhalten ausströmt. Es geht um den wahren Charakter und die Grenzen der Liebe. „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.“ (V. 43). Diese Schlußfolgerung zogen die Juden aus dem Grundtenor des Gesetzes. Dort fanden sie Gottes Billigung für die Ausrottung ihrer Feinde. Daraus entnahmen sie den Grundsatz: „Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.“ „Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und betet für die, die euch beleidigen und verfolgen.“  Das ist nicht mehr die Liebe zum Nächsten - diese Pflicht einer allgemeinen Gerechtigkeit. An des Herrn Forderung hätte die Gerechtigkeit niemals gedacht, weil sie das Gesetz übertrifft. Es ist die Gnade. In tausend praktischen Fällen besteht das Problem nicht darin, ob etwas richtig ist. Wir hören Christen häufig fragen: „Ist dieses oder jenes falsch?“ Das sollte aber keineswegs die einzige Frage für einen Christen sein. Er hat niemals die Freiheit, das Falsche zu tun; und sicherlich tut er das Richtige. Aber angenommen, jemand fügt ihm ein Unrecht zu; welche Gefühle erfüllen ihn? Wenn ein Mensch ihn anfeindet; was bewegt dann sein Herz? „Liebet eure Feinde . . . tut wohl denen, die euch hassen . . . damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist!“ Darin zeigt sich auf praktische Weise, von welcher Abstammung wir sind. „Denn er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte . . . Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ (V. 44-48).

Diese Worte haben keinen Bezug zu der Frage, ob wir in unserer Natur noch Sünde haben oder nicht. Solange ein Mensch auf der Erde lebt, bleibt das böse Prinzip in ihm. Doch unser Herr besteht darauf: Unser Vater ist in Seinen augenblicklichen Wegen mit Seinen Feinden das vollkommene Muster. Er ruft uns auf, in gleicher Gnade und Liebe zu handeln wie unser Vater. Das steht im ausdrücklichen Gegensatz zum Verhalten der Juden und allem, was vorher bekannt war. Abraham war nicht berufen, auf einem solchen Weg zu wandeln. Ich denke, es war völlig richtig, daß er seine Knechte bewaffnete, um Lot zu befreien. Ebenso sollten die Israeliten das Schwert gegen die Kanaaniter ergreifen. Wir hingegen dürfen unter keinen Umständen so fühlen oder handeln. Statt dessen sollte unser Wandel gnädige Langmut kennzeichnen. Das ist die Regel für das christliche Leben, welche unsere Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen regiert und uns mit der wahren Quelle der Führung Tag für Tag ausrüstet. Wir befinden uns inmitten der Feinde Christi, die um Seinetwillen auch unsere Feinde sind. Das mag sich nicht sofort und in allen Fällen zeigen. Verfolgungen mögen nicht mehr zeitgemäß sein; der Feind ist jedoch immer da; und wenn Gott gewisse Einschränkungen aufheben würde, bräche der alte Haß wieder mit größerer Heftigkeit aus als jemals zuvor. Nichtsdestoweniger gibt es für den Christen, der so wandeln möchte, wie Christus gewandelt ist, nur einen Weg: „Liebet eure Feinde!“  Das kann natürlich nicht in einer Schaustellung gefälligen Verhaltens oder glatter Worte bestehen. Ein Christ sollte gut wissen, daß es in bestimmten Fällen nur die bitterste Wut hervorruft, wenn wir zu einem verärgerten Menschen gehen und mit ihm reden. In dieser Situation ist es richtiger, sich fernzuhalten. Doch unter allen Umständen sollte die volle Bereitschaft vorherrschen, den Segen unserer Widersacher zu suchen. Indem wir Güte gegen einen Menschen erweisen, der uns Unrecht getan hat, handeln wir auf die einzige Weise, die eines Christen würdig ist, auch wenn nicht  ein Geschöpf auf der Erde jemals davon erfahren sollte. Wir sind berufen, so zu handeln, und zwar insbesondere gegen solche, die uns beleidigen und verfolgen. Wir sollten den Herrn darum bitten, uns Gelegenheiten zu zeigen, denen, die uns hassen, Liebe zu erweisen. Wenn wir herausgefordert werden, sollte fest in unsere Seelen eingepflanzt sein, daß der Christ auf der Erde ist, um Christus darzustellen. Denn wir sind wirklich Sein Brief - gekannt und gelesen von allen Menschen. (2. Korinther 3,2–3). Wir sollten danach verlangen, das widerzuspiegeln, was Christus in denselben Umständen gezeigt hätte; denn wir sind niemals frei, einem anderen Beweggrund zu folgen.

Der Herr möge geben, daß diese Gesinnung in unseren Seelen Wirklichkeit werde, und zwar zuerst in den verborgenen Gefühlen der Gemeinschaft mit Ihm und danach in demütiger und selbstloser Ausübung gegen andere Menschen. Laßt uns daran denken, daß nur diejenigen unserer Kämpfe mit anderen entscheidend sind, welche nach außen von einem Sieg über das Ich zusammen mit dem Herrn sprechen. Beginne mit dir selbst; dann siegst du ganz gewiß auch vor den Menschen, obwohl du manchmal warten mußt!

Fußnoten

  • 1 Ich möchte hier noch einen dritten Gesichtspunkt von großer Bedeutung hinzufügen: Die Folgen Seiner Verwerfung durch die Juden für diese selbst und für die Nationen sollten offengelegt werden, d. h. der Wechsel der Haushaltung als Konsequenz dieser ernsten Handlungsweise. (W. K.).
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