Vorträge zum Matthäusevangelium

Kapitel 9

Wer dieses und das folgende Kapitel aufmerksam untersucht, wird kaum übersehen, daß das 9. Kapitel eigentlich mit Vers 35 schließt. Die letzten drei Verse bilden schon die angemessene Einleitung zu Kapitel 10. So weit ich es verstehe, finden wir in Kapitel 9 die Wirkung der Anwesenheit Jesu auf die religiösen Führer Israels. Ich denke, das ist sein großes Thema. Das vorige Kapitel gewährte uns einen Überblick über die Anwesenheit des Herrn in Israel mit seinen Ergebnissen. Das heißt: Es handelte sich dort um ein allgemeines Bild. Darum sahen wir, wie der Heilige Geist gänzlich die geschichtliche Reihenfolge mißachtete, indem Er Abschnitte aus dem Leben Christi, die in Wirklichkeit Monate oder sogar ein Jahr auseinander lagen, nebeneinander stellte. Der Geist Gottes beabsichtigte keineswegs, die Geschehnisse in dem Zusammenhang zu schildern, in welchem sie geschahen. Im Gegenteil, Er gab sich besondere Mühe, um von verschiedenen Zeiten und Orten her gewisse bedeutsame Tatsachen auszulesen, an Hand derer Er die Gegenwart des Messias inmitten Seines Volkes, Seine Verwerfung durch Israel und die Folgen dieser Verwerfung veranschaulicht.

Wir sahen, wie der Messias sich zuerst als Gott - der Gott Israels, Jehova - erwies. Die Reinigung des Aussatzes hing allein von Seinem Willen ab. Selbst der Aussätzige bezweifelte nicht Seine Macht. „Wenn du willst, kannst du mich reinigen.“ (Matthäus 8,2). Nur Gott konnte es. Niemand hatte eine so starke Abneigung gegen diese eklige Krankheit wie der Jude, weil Gott so sorgfältig die Anzeichen und den Nachweis des Aussatzes in Seinem Gesetz niedergelegt hatte. Er war ein Zustand hoffnungsloser Unreinheit - die ernste, eindringliche Lektion, wie schrecklich die Sünde in sich selbst und oft auch in ihren Auswirkungen ist. Gott allein kann heilen und reinigen - niemand sonst. Genaugenommen geht es nicht um Vergebung, sondern um Reinigung und Wegnahme der Unreinheit. Der Geist Gottes bewahrte die Frage der Vergebung für das Kapitel vor uns auf. Diese steht in Verbindung mit den Rechten Gottes und mit Seinem Charakter als Richter, die Reinigung des Aussatzes hingegen insbesondere mit Seiner Heiligkeit.

Im ersten dieser Kapitel wurde der umfassende Gesichtspunkt ausgebreitet, daß der Messias - Gott selbst - in Gnade anwesend war und nicht nach dem Gesetz handelte. Letzteres hätte den Aussätzigen von den Wohnplätzen des Volkes und aus der Gegenwart Gottes verbannt. Wie wunderbar wurde auf der Erde und in Israel verwirklicht, daß eine Person gekommen war, die sowohl in ihrer Macht, als auch in ihrer Liebe sich als Gott erwies! Das Gesetz konnte nur deutlich machen, was recht ist; es konnte jedoch keine Kraft verleihen, außer um den Ungerechten zu verdammen. Weil es Gottes Gesetz war, das sich niemals mit Sünde verbinden konnte, wurde die Lage eines Sünders noch hoffnungsloser. Doch hier war eine Person, Die das Gesetz gegeben hatte und dennoch über dem Gesetz stand. Ganz offensichtlich kann es keine Errettung für den Schuldigen geben, wenn Gott nicht nach Grundsätzen handelt, die weit über das Gesetz hinaus reichen. Ein solcher Grundsatz ist die Gnade. Und jetzt zeigte Jemand in Israel in Seinen Taten und Worten der  Gnade den Beweis Seiner Göttlichkeit. Er rührte den Aussätzigen an und sprach: „Ich will; sei gereinigt!“ (Matthäus 8,3). Der Zustand dieses Mannes war ein genaues Bild von dem wahren Zustand Israels. Was der Herr für den einzelnen Aussätzigen tat, war Er in gleicher Weise bereit für die ganze Nation zu tun. Doch „er kam in das Seinige, und die Seinigen nahmen ihn nicht an.“ (Johannes 1,11). Konnten Gottes Pläne der Liebe dadurch verwirrt werden? Falls die Juden Ihn verwarfen, was war mit den Heiden? Sie würden hören. Darum folgt unmittelbar darauf der Bericht von dem Hauptmann und seinem Knecht. Ich möchte jedoch nicht die Einzelheiten von Kapitel 8 wiederholen. In dem Kapitel vor uns sehen wir nicht das allgemeine Bild von der Anwesenheit Gottes und ihren Ergebnissen in Israel, sondern die besondere Wirkung auf die religiösen Führer des Volkes.

Zuerst finden wir den Herrn wieder eine besonders eindrucksvolle Heilung ausführen. Diesmal handelt es sich nicht um offensichtlichen Aussatz, welcher jeden Juden betroffen machen mußte, sondern eine andere, ähnlich anschauliche Krankheit. „Und er stieg in das Schiff, setzte über und kam in seine eigene Stadt“ - das ist Kapernaum. (V. 1). Wir befinden uns also jetzt auf begrenzterem Boden. Kapernaum war die Stadt, wo der Herr lebte und Seine mächtigsten Wunderwerke ausführte und die aus diesem Grund später zum Gegenstand des schrecklichsten Weherufes wurde, den Er aussprechen konnte. (Matthäus 11,23f.). So ist es immer - und zudem ein ernster Grundsatz. Wenn der Tag des Herrn kommt, fällt der schwerste Schlag des Gerichts nicht auf die finsteren Gegenden unserer Erde, sondern auf die bevorrechtigten - dort, wo das meiste Licht war, aber, ach!, auch die meiste Untreue. Ich meinerseits bezweifle nicht, daß unsere Heimatländer in ganz besonderem Maß leiden müssen. Vor allem wird jedoch das Gericht Jerusalem sowie auch Rom treffen. Nach Rom wurde der beachtenswerteste aller Briefe gesandt, welcher die Fundamente des Christentums darlegt; und doch erkennen wir dort das größte Abweichen von der Wahrheit. Diese Städte werden in einer ausnehmend ernsten Weise unter das Gericht Gottes kommen, und zwar nicht nur in religiöser Hinsicht, sondern auch als Staatswesen. Egal, wer gerade regiert oder beherrscht wird, es muß so geschehen. Dies ist das Schicksal der Orte, an denen trotz jeder Begünstigung durch Gott und dem Weitumherstrahlen des Lichts Seines Wortes die Menschen ungläubig bleiben und, im Gegenteil, um so gleichgültiger, abergläubischer oder zweifelsüchtiger werden. Der Herr wird die Seinen vor dem Gericht wegnehmen. Die Zurückbleibenden müssen Seinen gerechten Unwillen fühlen. „Gleichwie die Tage Noahs waren, also wird auch die Ankunft des Sohnes des Menschen sein.“ (Matthäus 24,37).

In dieser Szene offenbart der Herr die sittliche Notwendigkeit für ein solches Gericht; und das geschah nicht im Land der Gergesener oder in Nazareth. Nehmen wir die Allerbesten - Männer, welche die Schriften mehr als andere hätten kennen sollen und deren Beruf es war, sie zu kennen und zu lehren - was hielten sie von Jesus? Das zeigt uns dieses Kapitel. „Siehe, sie brachten einen Gelähmten zu ihm, der auf einem Bette lag; und als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei gutes Mutes, Kind.“ (V. 2). Das war ein sehr gesegnetes Wort, das dem Gesamtzustand des Menschen begegnete - ein Wort, das seine Gefühle berühren und sein Gewissen treffen sollte. „Sei gutes Mutes, Kind, deine Sünden sind vergeben.“  In diesen Worten lag sowohl etwas für das Herz, als auch für das Gewissen. Seine Sünden sollten viel schwerer sein Herz belastet haben, als die Lahmheit seinen Körper. Dieses Wort Jesu begegnete allen seinen Bedürfnissen. „Und siehe, etliche von den Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Dieser lästert.“ (V. 3). Hier erblicken wir nicht einen Schriftgelehrten, der in selbstgefälligem, fleischlichen Selbstvertrauen vorgibt, Jesus zu ehren. Diese Schriftgelehrten vor uns richteten und verurteilten Ihn. In ihren Augen lästerte Jesus, als Er sagte: „Deine Sünden sind vergeben.“ Welch eine schreckliche Verblendung der Bosheit des Menschen! „Dieser lästert.“ Und das waren Gesetzgelehrte! Trotzdem sagten sie bei sich selbst: „Dieser lästert.“ „Als Jesus ihre Gedanken sah, sprach er: Warum denket ihr Arges in euren Herzen? Denn was ist leichter, zu sagen: Deine Sünden sind vergeben, oder zu sagen: Stehe auf und wandle?“ (V. 4-5). Ein solches, von Ihm verkündetes Wort hätte einem Schriftgelehrten sofort alles verraten müssen, sofern er mit den biblischen Schriften vertraut war.

Das entspricht natürlich nicht der Erfahrung eines Erlösten der heutigen Zeit, obwohl wir sie ihrem Wesen nach in einer gesegneten Bedeutung auf uns anwenden dürfen. Denn wenn wir einen solchen Vers wie den aus Psalm 103 überdenken: „Der da vergibt alle deine Ungerechtigkeit, der da heilt alle deine Krankheiten“, dürfen wir dann sagen, daß der Herr in dieser Weise mit uns Christen handelt? Wenn Er einer Person alle Ungerechtigkeiten vergibt, heilt Er dann notwendigerweise auch alle seine Krankheiten? Offensichtlich wird in dem Psalm die Heilung leiblicher Krankheiten und die Vergebung der Sünden in demselben Volk und zu derselben Zeit vor die Blicke gestellt. Wann wird dieses sein? Wenn Gott die Regierung der Welt in Seine Hand nimmt und der Gekreuzigte wiederkommt, um verherrlicht zu werden, und zwar nicht wie schon jetzt im Himmel, sondern hier auf der Erde. An jenem Tag wird die äußere Welt und der Leib des Menschen, vor allem in Gottes eigenem Volk Israel, die unmittelbare Wirkung fühlen. Wir dürfen freilich das Wesen und den Geist der Psalmen für uns in Anspruch nehmen, insoweit sie sich auf unsere jetzige Lage anwenden lassen. Laßt uns dabei jedoch nicht vergessen, daß die Psalmen sehr viel mehr enthalten, welches wir in seiner Anwendung nicht auf uns beziehen dürfen! Ehrlicherweise können wir nicht von uns sagen: „Der da vergibt alle deine Ungerechtigkeit, der da heilt alle deine Krankheiten.“ Die Krankheiten hier sprechen nicht von Sünden; denn diese wurden schon vorher erwähnt. Sowohl die Vergebung der Ungerechtigkeit, als auch die Heilung leiblicher Krankheiten werden ausdrücklich angeführt; und diese beiden Verheißungen erfüllt der Herr in unseren Versen. Seine Person und Sein Dienst inmitten Israels zeugen von der Macht, die beides bewirken konnte. Daran sollten sie erkennen, „daß der Sohn des Menschen Gewalt hat auf der Erde, Sünden zu vergeben . . . Dann sagt er zu dem Gelähmten: Stehe auf, nimm dein Bett auf und geh nach deinem Hause. Und er stand auf und ging nach seinem Hause.“ (V. 6-7). Die Echtheit der Vergebung offenbarte sich in der Heilung vor ihren Augen. Die Verknüpfung dieser beiden Tatsachen hätte eigentlich einen Schriftgelehrten eindringlich treffen müssen. Gottes Wort hatte sie zusammengestellt, und zwar in Verbindung mit der Herrschaft Jehovas. Die Seele wird in dem Psalm aufgefordert, Jehova zu preisen, der Israels Ungerechtigkeiten vergeben und seine Krankheiten heilen wollte. Doch wer war der Bevollmächtigte? Im Kapitel vorher hatte Er von sich als dem Sohn des Menschen gesprochen. „Der Sohn des Menschen hat nicht, wo er das Haupt hinlege.“ (V. 20). Das ist der Titel des Messias in Seiner Verwerfung. Später wird Er als Sohn des Menschen verherrlicht sein. Vor Seiner Verherrlichung mußte Er jedoch leiden. In diesem Wunder erkennen wir das stärkste Zeugnis von der Herrlichkeit Seiner Person. Er brauchte nur zu dem Gelähmten zu sagen: „Stehe auf, nimm dein Bett auf und geh nach deinem Hause“, und sogleich verließ ihn alle Kraftlosigkeit. „Und er stand auf und ging nach seinem Hause.“

Das war also die Antwort des Herrn auf die Schmähung der Schriftgelehrten, welche Ihn der Lästerung bezichtigten. „Als aber die Volksmengen es sahen, fürchteten sie sich und verherrlichten Gott, der solche Gewalt den Menschen gegeben.“ (V. 8). Ach, sie wußten nicht, daß die Macht Gottes durch eine Person ausgeübt wurde, die selbst Gott war! Sie erkannten in Ihm das Gefäß der Kraft Gottes - und das war alles. Das konnte auch ein Mensch sein und nicht ausschließlich Gott. Der Herr vermag nach Seinem Wohlgefallen sogar Wunder durch einen bösen Menschen auszuführen. Daher besaß die Volksmenge nicht unbedingt echten Glauben an die Person Christi, obwohl sie Gott verherrlichte, der eine solche Gewalt einem Menschen gegeben hatte. Doch der Hauptzweck des Wunders bestand darin, den wahren Herzenszustand der religiösen Führer des Volkes herauszustellen. Mit diesem Kapitel beginnt ein ernstes Gericht heraufzuziehen; und bevor wir dasselbe beendet haben, erfahren wir, daß in Hinsicht auf die Führer schon alles entschieden ist. Israel konnte einen Jehova-Messias nicht ertragen. Das galt ganz besonders für jene, welche wegen ihrer Gelehrsamkeit und Heiligkeit das größte Ansehen genossen.

Der Herr verließ den Schauplatz und „sah ... einen Menschen am Zollhause sitzen, Matthäus genannt, und er spricht zu ihm: Folge mir nach. Und er stand auf und folgte ihm nach.“ (V. 9). Wenn wir diesen Bericht mit den Darstellungen von Markus und Lukas vergleichen, finden wir, daß die Heilung des Gelähmten und die Berufung Levis lange vor vielen der Ereignisse stattfanden, die wir schon betrachtet haben. Sie sind jedoch aus zwei besonderen Gründen in Matthäus' Bericht für diese Stelle reserviert worden. Sie werden am Anfang von Markus 2 berichtet, und zwar dort, wo sie der Zeitfolge nach hingehören. Zweifellos wurde Markus dazu vom Geist Gottes angeleitet. Matthäus stellt sie jedoch außerhalb der Zeitfolge dar, um umfassendere Bilder von der Anwesenheit des Herrn auf der Erde und ihren Folgen für Israel in Hinsicht auf die Haushaltungen kundzumachen. Darum werden alle Tatsachen, die des Volkes zeitweilige Blindheit und seine zukünftige Wiederherstellung betreffen, zusammengetragen.

Wir erfahren hier die Wirkung Seiner Gegenwart auf die religiösen Führer. Daher war Matthäus' Berufung äußerst bezeichnend; und wir lesen, daß der Geist Gottes ihn anleitete, an dieser Stelle seinen Namen mitzuteilen - jenen Namen, durch den er später auf der Erde und im Himmel bekannt wurde. Der Ruf an Matthäus zeigt folglich die Gnade des Herrn trotz der Feindseligkeit dieser Schriftgelehrten gegen Ihn und die Gestalt, welche die Gnade infolge des Unglaubens jener Männer annahm. Er ging hinaus und berief Matthäus, während dieser an seinem Zollhaus saß. Der Gelähmte wurde von seinen Begleitern gebracht. Bei Matthäus hören wir kein Wort davon, daß er vor der Aufforderung Jesu Glauben gezeigt habe. Er suchte Jesus nicht; trotzdem wurde er von Ihm berufen. Matthäus beschäftigte sich ausschließlich mit seinem Zoll, dessen lizenzierter Einnehmer er war. Zöllner wurden immer mit Sündern zusammengestellt. Dennoch ging der Herr hin und berief den Zöllner Matthäus mitten aus der Ausübung seines Amtes an der Zolleinnahme.

Matthäus gehorchte dem Messias und folgte Ihm sofort. Außerdem lud er Jesus ein, um mit ihm in seinem Haus zu essen. Und „siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und lagen zu Tische mit Jesu und seinen Jüngern. Und als die Pharisäer es sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isset euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern?“ (V. 10-11). Das war in den Augen eines Juden eine klare, eindeutige Verdrehung jedes Anstandsgefühls und jeder Ordnung. Ohne das geringste Anzeichen von Geringschätzung mit Zöllnern und Sündern bei einer Mahlzeit zu sitzen, erschien den Augen der Pharisäer wirklich empörend. Was tat der Herr? Er entfaltete zunehmend die Gnade Gottes, je mehr der Unglaube bei dem bloß äußerlich religiösen Volk zum Ausdruck kam. Da gab es Männer, die sich über Gott Gedanken machten, ohne diese auf Sein Wort zu gründen. Die Menschen können nämlich aus eigenem Verstand und Herzen heraus sehr eifrig sein, ohne den Glauben der Auserwählten Gottes zu besitzen. Auf der einen Seite bewiesen diese Pharisäer ihren vollständigen Unglauben an Jesus und Seine Herrlichkeit. Auf der anderen Seite ging Gott in der Person Jesu in Seiner Gnade noch weiter, und zwar immer mehr im Widerspruch zu den Vorstellungen der religiösen Führer in Israel. Der Herr berief Matthäus und aß mit diesen Zöllnern und Sündern. Als die Pharisäer den Jüngern gegenüber daran Anstoß nahmen, stellte der Herr sofort die gebieterische Begründung aus dem Alten Testament vor: „„Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer“; denn ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ (V. 13). Er verteidigte Seine Berufung und hielt sie aufrecht - nicht als eine Ausnahme, sondern als Grundsatz. Emmanuel war auf die Erde gekommen, um ihn zu verwirklichen.

Das war nicht das Gesetz, sondern die Gnade. Auf diese Wahrheit folgt eine weitere. So wird uns hier vom Herrn eine sehr wichtige Lehre vorgestellt. Die Jünger erweckten Kritik, weil sie nicht fasteten wie die Pharisäer und die Jünger des Johannes. Der Herr gibt als Begründung dafür an: „Können etwa die Gefährten des Bräutigams trauern, so lange der Bräutigam bei ihnen ist?“ (V. 15). Damit zeigte Er, wie unsinnig es war zu fasten, während der Ursprung aller ihrer Freude unter ihnen weilte. Wie völlig stände es im Widerspruch zu ihrem Glauben an Ihn, den Messias, wenn sie sich diesem Zeichen der Trauer und der Demütigung unterzogen hätten in Gegenwart der Quelle all ihrer Freude und Glückseligkeit! Noch ein tieferer Gedanke mußte jedoch gelernt werden. Es ging nicht nur um die Anwesenheit einer Person, welche die Jünger im Unterschied zu den anderen Menschen wirklich verstand. Der Herr weist außerdem mit Nachdruck darauf hin, daß die Vorschriften, die aus dem Gesetz stammen, nicht mit den Grundsätzen und Kräften der göttlichen Gnade vermischt werden können.

Dies ist ein außerordentlich wichtiger Grundsatz, der von der Christenheit praktisch völlig ruiniert wurde. Denn was hat den gegenwärtigen Zustand der Christenheit bewirkt? Das Christentum ist das System der Gnade in Christus, welches in Heiligkeit durch den Heiligen Geist unter den Gläubigen aufrechterhalten wird. Dagegen ist die Christenheit das große Haus des Bekenntnisses, wo unreine Gefäße mit jenen zur Ehre vermengt sind (2. Timotheus 2,20). In ihr wimmelt es von Grundsätzen, die sie beherrschen und keineswegs von Christus stammen, sondern zum Teil aus dem Judentum, andere, ohne Berücksichtigung der Bibel, der Einbildung der Menschen entnommen sind. Doch der Herr besteht darauf, daß jetzt sogar das von Gott unter dem Gesetz Eingeführte nicht mehr passend ist. Derselbe Gott, der Israel durch das Gesetz erprobt hatte, sandte nun Sein Evangelium. Auch heute noch sendet Er dasselbe und nicht das Gesetz. Wir haben es mit Seiner Gnade zu tun. Der Christ steht mit einem auferstandenen Christus im Himmel in Verbindung und nicht mit dem Gesetz. Als Christ bin ich dem Gesetz gestorben. Die Christenheit hat die Gnade vergessen und sich von ihr abgewandt. Indem sie voraussetzte, daß sowohl das Gesetz, als auch die Gnade gut seien, folgerte sie: Ist es nicht besser, beide zusammenzubringen? Daher bemühten sich die Menschen mit äußerstem Fleiß, das auszuführen, was nach den Worten des Herrn nur zum Ruin führen konnte. Sie versuchten den neuen Wein in alte Schläuche zu füllen. Das heißt, sie suchten die Gnade und die Wahrheit Gottes, die in Christus gekommen waren, in die Behälter der gesetzlichen Grundsätze, welche Gott aufgehoben hatte, zu pressen. Er hatte neuen Wein gebracht; und dieser benötigte passende Aufbewahrungsgefäße.

Die innere Tugend und Kraft des Christentums muß sich mit ihren eigenen, angemessenen Formen bekleiden. Das neue Kleid war die passende Darstellung des Evangeliums und unterschied sich völlig von den Handlungsweisen, die dem Gesetz geziemend waren. Die alte Kleidung entsprach dem System des Gesetzes. Hätte man einfach das Alte geflickt, wäre die Güte Gottes verachtet worden. Das kann niemals gelingen. Jeder Versuch macht das Alte nur noch schlechter; und das hat die Christenheit getan. Sie hat versucht, die alte Kleidung mit einem neuen Flicken zu verbinden und einen Teil der christlichen Moral in das alte System einzuführen, um das Judentum gleichsam zu verbessern. Und mit welchem Ergebnis? Außerdem füllte sie den neuen Wein in alte Schläuche. In einem bestimmten Maß wird Christus gepredigt; aber alles steht in Verbindung mit den alten Schläuchen. Diese Verse umfassen sowohl die äußere Entwicklung, als auch die innere Kraft. Sie besagen, daß das Christentum so gänzlich neu ist, daß es niemals rechtmäßig mit dem Gesetz vermischt werden kann. Wenn du einen Menschen findest, der denkt, daß er eine gewisse eigene Gerechtigkeit besitzt, dann kannst du ihn mit dem Gesetz widerlegen. Das ist der gesetzmäßige Gebrauch des Gesetzes. Dieser Mann ist wirklich gottlos; und wir benutzen das Gesetz, um dies zu beweisen. Doch ein Christ ist gottselig; und das Gesetz ist, wie der Apostel Paulus in 1. Timotheus 1 nachdrücklich betont, nicht für ihn geschrieben worden. Ich soll weder neuen Wein in alte Schläuche füllen, noch alten Wein in neue. Der Herr zeigt, wie völlig neu das Verhalten und die Grundsätze sind, die aus Seiner Person und Seiner Gnade hervorströmen.

Dies alles stand im stärksten Gegensatz zu den Gedanken und Vorurteilen der Schriftgelehrten und Pharisäer, auf deren Fasten hier hingewiesen wird. Das bedeutet nicht, wie wir in Matthäus 6 gesehen haben, daß Fasten keine christliche Übung sein kann. Aber dann muß es nach christlichen Grundsätzen erfolgen und nicht nach jüdischen. Gott hat uns ewiges Leben gegeben; und dieses Leben ist in Seinem Sohn. Das Judentum steht außerhalb von Ihm und liegt im Tod.

Jetzt erreichen wir ein Ereignis von tiefster Bedeutung. Ein Synagogenvorsteher kam zum Herrn, huldigte Ihm und bat Ihn, seine Tochter zu heilen, indem er sagte: „Meine Tochter ist eben jetzt verschieden; aber komm und lege deine Hand auf sie, und sie wird leben. Und Jesus stand auf und folgte ihm, und seine Jünger.“ (V. 18-19). Das ist ein treffendes Bild von dem Verhalten des Herrn gegen Israel. Er war anwesend und trug in sich selbst das Leben. Israel glich dem Mädchen, das Ihn benötigte. In dem Kind gab es kein Leben. Das war auch der Zustand Israels. Der Herr machte sich jedoch sofort auf und folgte dem Ruf des Vorstehers. Er kannte die Rechte des Glaubens an, auch wenn jener noch so schwach war. Der Hauptmann in Kapitel 8 wußte, daß ein Wort ausreichte. Aber dieser jüdische Vorsteher mit den natürlichen Gedanken eines Juden wünschte, daß der Herr in sein Haus käme und Seine Hand auf seine Tochter legte, damit sie leben möchte. Er verband die Segnung, die seinem kranken Kind zuteil werden sollte, mit der persönlichen Anwesenheit des Herrn, wohingegen wir Gläubige aus den Nationen durch Glauben wandeln und nicht durch Schauen. Wir glauben an Den, Welchen wir nicht sehen, und lieben Ihn. Die Juden erwarteten eine Person, die sie sehen konnten; und so wird Er ihnen auch begegnen. Wie Thomas nach acht Tagen den Herrn schauen, seine Hände in Seine Seite legen und in Seinen Händen die Nägelmale erkennen durfte, wird es auch mit Israel geschehen. „Sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben.“ (Sacharja 12,10). Wir jedoch glauben an Den, Den wir nicht gesehen haben. So ist unsere Stellung vollkommen verschieden von der Israels.

In dem Fall vor uns hörte der Herr auf die Bitte und ging sofort mit, um die tote Tochter des jüdischen Vorstehers aufzuerwecken. Unterwegs berührte Ihn jedoch eine Frau. Während der Herr Seinen Auftrag an Israel erfüllte - denn das ist prinzipiell Sein Werk, für die heutige Zeit wurde es nur zurückgestellt - während Er also auf dem Weg ist, erhält jeder, der zu Ihm kommt und Ihn berührt eine Segnung. Weder der Unglaube der Schriftgelehrten, noch die Selbstgerechtigkeit der Pharisäer würde oder konnte den Herrn hindern, Seine Mission der Liebe zu erfüllen. Er stand im Begriff neue Grundsätze einzuführen, die sich nicht mit dem Gesetz vermischen ließen. Seine Gnade ging zu allen hinaus und konnte selbst den Schlimmsten begegnen. Dieser Gesichtspunkt wird eindeutig durch die Frau vorgestellt, welche herzukam und Ihn anrührte. Doch vor allem wollen wir dieses Pfand von der Auferweckung Israels festhalten! Wir sind nämlich durch das Wort Gottes berechtigt, den Zustand Israels als den eines Toten anzusehen. Nimm zum Beispiel Hesekiel 37, wo das Volk mit verdorrten Totengebeinen verglichen wird! „Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, sie sprechen: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren . . . Siehe, ich werde eure Gräber öffnen und euch aus euren Gräbern heraufkommen lassen, mein Volk, . . . daß ihr lebet, und werde euch in euer Land setzen“ (V. 11.12.14).

Das erkennen wir in diesem Wunder. Es verdeutlicht nicht nur die Bekehrung eines schuldigen Sünders, sondern auch die Auferweckung Israels als Nation. Der Herr wurde von dem Volk zurückgewiesen, welches die größte Verantwortlichkeit hatte, Ihn anzunehmen. Doch genauso gewiß, wie Er das Mädchen vom Totenbett auferweckte, wird Er Israel an jenem kommenden Tag wiederherstellen. In der Zwischenzeit erhält jedoch jeder, der zu Ihm kommt, Heilung und Segnung, wie es durch diese arme blutflüssige Frau gezeigt wird. Der Herr schenkte ihr sowohl die Gewißheit, daß sie geheilt war, als auch die Erkenntnis, daß Sein Herz mitwirkte. „Sei gutes Mutes, Tochter“, sagte Er, „dein Glaube hat dich geheilt.“ (V. 22). Das bestätigende Wort wurde nicht unwillig gegeben. Der Herr setzte Sein Siegel auf die Tat ihres Glaubens, auch wenn sie diese zitternd ausgeführt hatte. Danach erfahren wir, wie Er zur gelegenen Zeit die Tote auferweckte. Glaube spielte hier nicht die entscheidende Rolle, sondern die Kraft Gottes und Seine Treue zu Seiner Verheißung, als eigentlich alles verloren war.

Danach lesen wir von den beiden Blinden, die dem Herrn folgten. Anderswo wird nur einer erwähnt. Ich glaube indessen, daß aus demselben Grund von zweien gesprochen wird wie im Fall der beiden Besessenen. Sie schrieen und sprachen zu Ihm: „Erbarme dich unser, Sohn Davids!“ (V. 27). Das ist das Bekenntnis zu Christus in Verbindung mit Israel. Sie reden Ihn als Sohn Davids an. Der Herr fragte sie: „Glaubet ihr, daß ich dieses tun kann? Sie sagen zu ihm: Ja, Herr. Dann rührte er ihre Augen an und sprach: Euch geschehe nach eurem Glauben. Und ihre Augen wurden aufgetan.“ (V. 28-30).

Dann tritt der stumme Besessene vor uns. „Und als der Dämon ausgetrieben war, redete der Stumme. Und die Volksmengen verwunderten sich und sprachen: Niemals ward es also in Israel gesehen.“ (V. 33). Sicherlich wurden alle diese Ereignisse zu demselben Zweck hier zusammengestellt. Der Herr gab Muster auf Muster und Pfand auf Pfand von der Wahrheit, daß Israel nicht vergessen sein würde. Es sollte sogar aus dem Tod auferweckt werden. Mochte es noch so blind sein, es sollte sehen, und noch so stumm, es würde reden. Mochten die Pharisäer und Schriftgelehrten noch so sehr in ihrem Unglauben verharren, lästern und alle von Christus abwendig machen - niemand hinderte sie. Dennoch sollte an einem zukünftigen Tag der Tod weichen sowie die Blindheit weggenommen und Israel Redefähigkeit verliehen werden. Schon das Bekenntnis der Volksmenge drückte aus, daß es niemals so in Israel gesehen worden war.

Wir wollen noch einmal wiederholen, daß, indem diese Wunder unseres Herrn auf Israel angewandt werden, wir keinesfalls leugnen wollen, daß jedes von ihnen auch für Seelen heutzutage zum Segen sein kann. Das bedeutet jedoch nicht, daß wir keine höheren Gesichtspunkte - die wir nicht vergessen sollten! - in den Handlungen unseres Herrn nachweisen dürften. „Die Pharisäer aber sagten: Er treibt die Dämonen aus durch den Obersten der Dämonen.“ (V. 34). Was könnte böser sein? War das nicht im Grunde Lästerung des Heiligen Geistes? Damals nahm jene Sünde diese Gestalt an. Die Kraft des Heiligen Geistes war da und wirkte in und durch Christus; und sie schrieben diese dem Satan zu. Eine solche Feindschaft konnte nicht ausdrücklicher gezeigt werden. Sie vermochten die Gerechtigkeit des Messias nicht zu leugnen, noch die Anwesenheit der übermenschlichen Gewalt, die Er entfaltete. Aber sie konnten diese alles Menschliche übersteigende Macht anstatt Gott dem bösen Feind zuschreiben; und das taten sie. Ihr Verderben war vollständig und endgültig. Was könnte schrecklicher sein! Nichts kann einen Menschen überzeugen, an den all diese Beweise und Appelle vergeblich verschwendet wurden. Und das Ende von allem war, daß nicht nur die Unwissenden, sondern insbesondere auch die weisen und religiösen Männer, die Gerechten nach dem Gesetz, sagten: „Er treibt die Dämonen aus durch den Obersten der Dämonen.“  So handelten die Pharisäer - in den Augen der Menschen der vorzüglichste Teil des auserwählten Volkes.

Weitere Beweise waren nicht erforderlich. Der Herr mochte später ein Zeugnis durch andere aussenden. Doch soweit es Seinen eigenen Dienst betraf, war im Grunde genommen alles vorbei. Unmittelbar danach sandte Er die Zwölfe aus; doch das Ergebnis war dasselbe. Der Herr wurde vollständig verworfen, wie wir im 11. Kapitel sehen. Das 12. Kapitel gibt uns die abschließende Verkündigung des Urteils über jenes Geschlecht. Die Sünde, derer sie schuldig waren, würde zur vollständigen Lästerung des Heiligen Geistes ausreifen und konnte ihnen weder in diesem Zeitalter, noch in dem zukünftigen vergeben werden. Infolgedessen wandte sich der Herr von diesem ungläubigen Volk ab und führte das Reich der Himmel ein. In Verbindung damit gab Er die Gleichnisse von Matthäus 13. Er nahm den Platz eines Sämanns ein, indem Er nicht länger Frucht von Israel erwartete. Er wandte sich dem neuen Werk in dieser Welt zu, welches Er jetzt ausführen wollte. Dieses Werk reicht bis in die heutige Zeit, obwohl Er jetzt andere Menschen als Werkzeuge verwendet. So dürfen wir also die Schönheit dieser Zusammenstellungen im Matthäusevangelium nicht übergehen, obwohl auch die anderen Evangelien in Hinsicht auf ihr jeweiliges Thema genauso vollkommen sind. Jedes Evangelium stellt die Ereignisse aus der Geschichte unseres Herrn so vor, daß sie unterschiedliche Ansichten der Person Christi bzw. Seines Dienstes mit dessen Folgen liefern. Wir sollten sie alle vier gut verstehen.

Der Herr gebe, daß wir durch das Anschauen dieser Berichte nicht nur die Schriften, sondern auch Jesus besser kennen lernen! Danach sollten wir vor allem trachten. Dann vermögen wir auch die Wege Gottes, die wunderbaren Wege Seiner Liebe und Herrlichkeit in Jesus, richtig zu verstehen.

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