Betrachtung über Matthäus (Synopsis)

Kapitel 10

Betrachtung über Matthäus (Synopsis)

Nachdem der Herr seine Jünger ermahnt hatte, den Herrn der Ernte um Aussendung von Arbeitern zu bitten, beginnt Er in Übereinstimmung mit diesem Verlangen zu handeln. Er beruft seine zwölf Jünger, gibt ihnen die Macht, Dämonen auszutreiben und Kranke zu heilen, und sendet sie zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

Aus dieser Sendung der Zwölf ersieht man, wie sehr die Wege Gottes mit Israel den Gegenstand unseres Evangeliums bilden. Die Jünger sollten dem Volk, und zwar ihm ausschließlich, die Nähe des Reiches ankündigen und zugleich die Macht ausüben, die sie empfangen hatten: ein glänzendes Zeugnis für Den, der gekommen war, und der nicht nur selbst Wunder wirken, sondern auch anderen die Gewalt geben konnte, das gleiche zu tun. Zu diesem Zweck gab Jesus seinen Jüngern Gewalt über die bösen Geister; und dies ist es, was das Reich kennzeichnet: der Mensch wird geheilt von jeder Krankheit, und der Dämon wird ausgetrieben. Deswegen werden auch in Heb 6  Wunder die „Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters“ genannt 1. Auch sollten die Jünger in Bezug auf ihre Bedürfnisse gänzlich von Dem abhängig sein, der sie sandte. Emmanuel war da. Wenn die Wunder für die Welt ein Beweis der Macht ihres Meisters waren, so musste die Tatsache, dass ihnen nichts mangelte, der Beweis für ihr eigenes Herz sein.

Das hier in Vers 9 und 10 gegebene Gebot wurde für die Zeit des Dienstes der Jünger, die auf den Weggang Jesu aus dieser Welt folgte, aufgehoben (siehe Lk 22,35+36). Das, was Er hier (Mt 10) anordnet, steht mit seiner Gegenwart als Messias, als der HERR, auf der Erde im Zusammenhang. Deshalb entschied die Aufnahme oder Verwerfung seiner Boten das Schicksal derer, zu denen sie gesandt wurden. Diese Boten verwerfen, hieß den Herrn verwerfen, den Emmanuel, Gott mit seinem Volk 2. In der Tat sandte Jesus seine Jünger wie Schafe in die Mitte der Wölfe; sie würden der Schlangenklugheit bedürfen und sollten Taubeneinfalt offenbaren: Eigenschaften, die sich nur selten vereinigt finden, und denen man nur in solchen begegnet, die durch den Geist des Herrn weise zum Guten und einfältig hinsichtlich des Bösen sind. Wenn sie sich nicht hüteten vor den Menschen (ein trauriges Zeugnis für diese!), so würden sie nur zu leiden haben; doch wenn sie gegeißelt und vor Synedrien, vor Statthalter und Könige geführt werden würden, so sollte dies alles zu einem Zeugnis für jene ausschlagen. Es war das göttliche Mittel, das Evangelium vom Reich Königen und Fürsten vorzutragen, ohne den Charakter desselben zu verändern, oder es der Welt anzupassen, oder das Volk des Herrn in die Gebräuche und in die falsche Größe dieser Welt zu verwickeln. Überdies ließen solche Umstände ihr Zeugnis weit klarer hervortreten, als eine Verbindung mit den Großen der Erde es getan haben würde. Und um dieses Zeugnis abzulegen, sollten sie eine solche Macht und Leitung von dem Geist ihres Vaters empfangen, dass die von ihnen geredeten Worte nicht ihre eigenen, sondern die Worte Dessen sein würden, der sie inspirierte (V. 19. 20).

Das Verhältnis der Jünger Jesu zu ihrem Vater, das die Bergpredigt so deutlich kennzeichnet, wird auch hier wieder die Grundlage ihrer Fähigkeit für den Dienst, den sie zu vollbringen hatten. Wir müssen uns daran erinnern, dass dieses Zeugnis nur an Israel gerichtet wurde; indes sollte es, da Israel seit der Zeit Nebukadnezars unter dem Joch der Heiden war, ihre Beherrscher erreichen. Aber es würde einen Widerstand erwecken, der alle Familienbande lösen und einen Hass hervorrufen würde, der das Leben, sogar der Liebsten, nicht schonen würde. Wer trotz allem diesem bis ans Ende ausharren würde, sollte errettet werden (V. 21. 22). Doch der Fall war dringend; die Jünger sollten nicht widerstehen, sondern wenn die Feindschaft die Gestalt von Verfolgungen annehmen würde, sollten sie weitergehen und das Evangelium anderswo verkündigen; denn bevor sie die Städte Israels durchzogen hätten, würde der Sohn des Menschen kommen 3. Das Reich war der Gegenstand ihrer Verkündigung. Der HERR, Emmanuel, war in der Mitte seines Volkes gegenwärtig, und die Obersten des Volkes hatten den Hausherrn Beelzebub genannt. Dies hielt sein Zeugnis nicht auf, aber es kennzeichnete scharf die Umstände, unter denen dieses Zeugnis abgelegt werden sollte. Indem Er die Jünger wegen dieser Lage der Dinge warnt, sendet Er sie aus, um dieses letzte Zeugnis inmitten seines geliebten Volkes so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Es wurde abgelegt zu jener Zeit und konnte möglicherweise, wenn es die Umstände erlaubten, abgelegt werden, bis der Sohn des Menschen zur Vollziehung des Gerichts erscheint. Dann wird der Hausherr aufgestanden sein, um die Tür zu verschließen; das „Heute“ des 95. Psalms ist dann vorüber.

Israel, als im Besitz seiner Städte stehend, ist der Gegenstand dieses Zeugnisses; es muss deshalb notwendig unterbrochen werden, sobald das Volk nicht mehr im Land ist. Das Zeugnis von dem zukünftigen Reich, das nach dem Tod des Herrn inmitten Israels durch die Apostel abgelegt wurde, ist, insoweit dies im Land Israels geschah, eine Erfüllung dieser Mission: denn das Reich konnte als seiner Aufrichtung nahe angekündigt werden, solange Emmanuel auf Erden war, oder (wie es Petrus in Apg 3 tut) als ein Reich, das durch die Rückkehr Christi vom Himmel in die Erscheinung treten sollte; und dieses Zeugnis hätte, wenn Israel im Land geblieben wäre, sogar bis zu dieser Rückkehr fortdauern können. Es kann mithin in Israel erneuert werden, wenn das Volk sich wieder in seinem Land befindet und Gott die nötige geistliche Kraft dazu darreicht.

Unterdessen sollten die Jünger die Stellung Christi teilen. Hatten sie den Hausherrn Beelzebub geheißen, wie viel mehr dessen Hausgenossen! Doch sollten sie sich nicht fürchten. Es war das notwendige Teil derer, die in die Mitte des Volkes für Gott dastanden. Doch es gibt nichts Verborgenes, das nicht aufgedeckt werden wird. Auch den Jüngern wurde geboten, nichts zurückzuhalten, sondern alles, was sie gehört hatten, auf den Dächern zu predigen; denn alles sollte ans Licht gebracht werden: sowohl ihre Treue gegen Gott in dieser Beziehung, als auch alles andere. Dies sollte die Handlungsweise der Jünger kennzeichnen und zugleich den geheimen Plänen ihrer Feinde begegnen. Gott, der Licht ist und der in der Finsternis sieht wie im Licht, würde alles ans Licht bringen; aber in sittlichem Sinn sollten sie dies jetzt schon tun und darum auch bei der Ausübung dieses Werkes nichts fürchten, es sei denn Gott selbst, den gerechten Richter am letzten Tag. Sie waren ihrem Vater teuer, Ihm, der selbst den Tod eines Sperlings beachtet; die Haare ihres Hauptes waren sogar gezählt (V. 25–33). Nichts konnte ihnen geschehen ohne Den, der ihr Vater war.

Endlich sollten sie gänzlich von der Überzeugung durchdrungen sein, dass der Herr nicht gekommen war, Frieden auf die Erde zu bringen; nein, statt Frieden Entzweiung, selbst im Schoß der Familien. Jedoch teurer als Vater oder Mutter, ja selbst teurer als ihr eigenes Leben, sollte Christus den Seinigen sein. Denn wer sein Leben auf Kosten seines Zeugnisses für Christus retten würde, sollte es verlieren; wer es aber um Christi willen verlieren würde, sollte es gewinnen. Wer dieses Zeugnis Christi in der Person der Jünger aufnahm, der nahm Christus auf und in Christus Den, der Ihn gesandt hatte. Gott, auf diese Weise in der Person seiner Zeugen auf Erden anerkannt, würde allen denen, die sie aufnehmen würden, eine dem abgelegten Zeugnis entsprechende Belohnung geben. Wer deshalb, das Zeugnis des verworfenen Herrn also anerkennend, auch nur einen Becher kalten Wassers darreichte, sollte seinen Lohn nicht verlieren. Wer in einer feindlichen Welt dem Zeugnis Gottes glaubt und, ungeachtet der Welt, den Träger dieses Zeugnisses aufnimmt, bekennt wirklich Gott, so gut wie sein Diener. Und das ist alles, was wir tun können. Die Verwerfung Christi machte Ihn zu einem Prüfstein für den Menschen.

Von dieser Stunde an finden wir die endgültige Verurteilung des Volkes; allerdings noch nicht offen ausgesprochen (das kommt erst im 12. Kapitel), noch im Aufhören des Dienstes Christi, der trotz des Widerstandes der Nation fortdauerte in der Sammlung des Überrestes und in der noch wichtigeren Wirkung der Offenbarung Emmanuels; wohl aber zeigt sie sich in dem Charakter der Reden Jesu, in seinen bestimmten Aussprüchen, die den Zustand des Volkes schildern, sowie in dem Verhalten des Herrn inmitten von Umständen, die Anlass gaben zu dem Ausdruck der Beziehungen, in denen Er zu Israel stand.

Fußnoten

  • 1 Denn alsdann wird Satan gebunden und der Mensch durch die Macht Christi befreit sein; damals fanden teilweise Befreiungen dieser Art statt.
  • 2 Ich denke, dass in der Unterweisung des Herrn mit dem 16. Verse ein neuer Abschnitt beginnt. Bis dahin spricht Er von ihrer damaligen Sendung. Vom 16. Verse an haben wir mehr allgemeine Gedanken über die Sendung der Jünger unter Israel, als ein Ganzes betrachtet, bis ans Ende. Augenscheinlich geht die Belehrung über ihre damalige Sendung hinaus und setzt das Kommen des Heiligen Geistes voraus. Die Mission, durch welche die Kirche als solche berufen wird, ist eine besondere Sache. Hier handelt es sich nur um Israel; die Jünger durften nicht zu den Heiden gehen. Diese Mission fand notwendigerweise mit der Zerstörung Jerusalems und der Zerstreuung der jüdischen Nation ihren Abschluss; sie wird aber am Ende wieder aufgenommen werden, bis der Sohn des Menschen kommt. Was nach dem 16. Verse folgt, hat mit dem Evangelium des Reiches weniger zu tun.
  • 3 Achten wir hier (V.23) auf den Ausdruck: „Sohn des Menschen.“ Dieser Titel drückt den Charakter aus, in welchem der Herr nach Daniel 7 mit einer viel größeren Macht und Herrlichkeit kommen wird als die des Messias, des Sohnes Davids, - mit einer Macht und Herrlichkeit, die sich auch in einem viel ausgedehnteren Kreise entfalten werden. Als Sohn des Menschen ist Jesus der Erbe alles dessen, was Gott für den Menschen bestimmt (siehe Heb 2,6-8 und 1.Kor 15,27). Deshalb musste Jesus zufolge des Zustandes des Menschen leiden, um in den Besitz dieses Erbes zu gelangen. Er war gegenwärtig als Messias: allein Er musste in seinem wahren Charakter als Emmanuel aufgenommen und die Juden mussten in dieser Weise sittlich auf die Probe gestellt werden. Jesus will nicht nach fleischlichen Grundsätzen das Reich besitzen. Als Messias, als Emmanuel verworfen, verschiebt Er den Zeitpunkt der Begebenheiten, die den Dienst seiner Jünger betreffs Israels abschließen werden, bis zu seiner Ankunft als Sohn des Menschen. Unterdes bringt Gott andere Dinge ans Licht, die von Grundlegung der Welt an verborgen waren, nämlich die wahre Herrlichkeit Jesu, des Sohnes Gottes, Seine himmlische Herrlichkeit als Mensch und die mit Ihm im Himmel vereinigte Kirche. Das Gericht Jerusalems und die Zerstreuung des Volkes haben den Dienst, der in dem hier von dem Evangelisten besprochenen Augenblick begann, einstweilen beiseite gesetzt. Das, was die seitdem verflossene Zeit ausgefüllt hat, ist nicht der Gegenstand der Rede des Herrn hier; dieselbe bezieht sich vielmehr ausschließlich auf den Dienst, der die Juden zum Gegenstand hatte. Die Ratschlüsse Gottes hinsichtlich der Kirche, in Verbindung mit der Herrlichkeit Jesu zur Rechten Gottes, werden anderswo behandelt. Lukas gibt uns mehr Einzelheiten über das, was den Sohn des Menschen betrifft, während der Heilige Geist uns im Evangelium Matthäus mit der Verwerfung Emmanuels beschäftigt.
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht