Der verheißene König und sein Reich
Kommentar zum Matthäus-Evangelium

Kapitel 24

Der verheißene König und sein Reich

Fragen der Jünger bezüglich des Tempels (24,1–3)

„Und Jesus trat hinaus und ging von dem Tempel weg; und seine Jünger traten herzu, um ihm die Gebäude des Tempels zu zeigen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht ihr nicht dies alles? Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird. Als er aber auf dem Ölberg saß, traten die Jünger für sich allein zu ihm und sagten: Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?“ (24,1–3).

Der Herr Jesus trat hinaus und ging von dem Tempel hinweg. Er erfüllte die Worte, die an die Juden gerichtet worden waren: „Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen“ (Mt 23,38). Er verließ ihn, um ihn nicht wieder zu betreten. Eine Tatsache von feierlicher Tragweite für das Volk, wenn sie sie nur verstanden hätten! Auch die Jünger hatten diese Wendung der Dinge nicht wirklich begriffen. Sie machten den Herrn unterwegs auf die Gebäude des Tempels aufmerksam, die dem Betrachter einen sehr imposanten Anblick boten. Die Jünger, wie alle Juden, hingen an diesem Haus mit berechtigtem Stolz. Schließlich war es doch gebaut worden, um dem lebendigen und wahren Gott als Wohnung zu dienen. Da Gott in der Person seines Sohnes verworfen worden war, hatte der Tempel keine Existenzberechtigung mehr. Der Herr antwortete ihnen: „Seht ihr nicht dies alles? Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird.“

Als sich der Herr dann auf dem Ölberg niedersetzte, der sich Jerusalem gegenüber, auf der anderen Seite des Kidrontales befand, von wo aus man die ganze Stadt überblicken konnte, traten seine Jünger zu Ihm besonders und sprachen: „Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?“ Sie wünschten also zu wissen, wann die Zerstörung Jerusalems und des Tempels stattfinden würde und an welchen Zeichen man den Augenblick der Ankunft Christi und der Vollendung des Zeitalters, die dem 1000-jährigen Reich vorangingen, erkennen konnte.

Die Antwort des Herrn zerfällt in verschiedene Teile, Unterweisungen und Ermahnungen, die für die Gläubigen, welche durch die Zeiten vor seinem Kommen hindurchgehen, nützlich sind. Diese Unterweisungen füllen auch das ganze 25. Kapitel.

Im Matthäus-Evangelium finden wir keine direkte Antwort auf die erste Frage bezüglich der Zerstörung des Tempels. Diese Antwort gehört eher in den Rahmen des Lukas-Evangeliums. Wir finden sie in Lukas 21,20–24, wo die Zerstörung Jerusalems durch Titus vorausgesagt wird. Matthäus übergeht diese Begebenheit mit Stillschweigen, da er besonders die Tage des Endes und die Aufrichtung des Reiches Christi vor Augen hat, das an die Stelle des damaligen Zustandes der Dinge treten sollte. Die Antwort des Herrn auf die Frage: „Was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?“ lässt sich in drei Teile einteilen:

  1. Verse 4–14
  2. Verse 15–28
  3. Verse 29–31.

Erster Teil der Antwort des Herrn (24,4–14)

„Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Gebt Acht, dass euch niemand verführe! Denn viele werden unter meinem Namen kommen und sagen: 'Ich bin der Christus!', und sie werden viele verführen. Ihr werdet aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Gebt Acht, erschreckt nicht; denn dies muss geschehen, aber es ist noch nicht das Ende. Denn Nation wird sich gegen Nation erheben und Königreich gegen Königreich, und Hungersnöte [und Seuchen] und Erdbeben werden an verschiedenen Orten sein. Dies alles aber ist der Anfang der Wehen. Dann werden sie euch der Drangsal überliefern und euch töten; und ihr werdet von allen Nationen gehasst werden um meines Namens willen. Und dann werden viele zu Fall kommen und werden einander überliefern und einander hassen; und viele falsche Propheten werden aufstehen und werden viele verführen; und weil die Gesetzlosigkeit überhand nimmt, wird die Liebe der Vielen erkalten. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden. Und dieses Evangelium des Reiches wird auf dem ganzen Erdkreis gepredigt werden, allen Nationen zum Zeugnis, und dann wird das Ende kommen“ (24,4–14).

Der Herr gab den Jüngern für die schwierigen Zeiten zwischen seinem Weggang und seiner Wiederkehr in Herrlichkeit die nötigen Anweisungen. Im prophetischen Teil der Schrift wird die jetzige Zeit, die Zeit der Gnade, in der die Versammlung gebildet wird, nicht erwähnt. Diese Zwischenzeit wird mit Stillschweigen übergangen. Der Herr richtete sich an seine Jünger, die Ihn damals umgaben, als wenn sie selbst durch diese ganze Zeit hindurchzugehen hätten und bei seiner Wiederkehr anwesend wären. Wenn man die jetzige Zeitepoche überging, so konnte man tatsächlich denken, dass zwischen seinem Weggang und seiner Wiederkehr kaum mehr als die Zeitspanne eines Menschenlebens vergehen werde. Er redete vom Charakter und den Umständen des Zeugnisses, die sowohl bei seinem Weggang als auch bei seiner Wiederkehr dieselben sind.

So ist auch der Charakter des Geschlechtes, das Ihn verworfen hat und der des Geschlechtes, das dann sein wird, der gleiche: „Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschehen ist“ (Vers 34). Der ungläubige Jude beharrt während der ganzen Abwesenheit Christi in seinem Widerstand gegen Ihn. Das erklärt die Ausdrucksweise des Herrn, der in allen seinen Anweisungen, die Er an die Jünger richtete, das Wörtchen „ihr“ gebrauchte, obwohl Er wusste, dass alle, die Ihn damals umgaben, vor seiner Rückkehr entschlafen würden. Und selbst vor ihrem Heimgang gehörten sie ja nicht mehr zum Überrest Israels, den sie in den Tagen des Herrn noch vertraten, sondern zu der Versammlung. Sie werden auferstehen, um den Herrn zu begleiten, wenn Er zur Befreiung des leidenden Überrestes, der in den letzten Tagen vor der Aufrichtung des Reiches auf der Erde ist, in Herrlichkeit erscheinen wird.

Die Zeit, die zwischen der Verwerfung Christi und seiner Rückkehr verstreicht, ist für die Jünger des verworfenen Messias durch mancherlei Prüfungen gekennzeichnet. Es werden falsche Christi aufstehen, um die Jünger von der Erwartung des wahren Christus abzubringen, einer Erwartung, die mit vielerlei Leiden verbunden ist. Man wird von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Es gab solche nach dem Abschied des Herrn, aber es wird vor seiner Wiederkehr davon noch viel mehr geben.

Selbstverständlich handelt es sich in diesem Kapitel um die Ankunft des Herrn zur Herrschaft und nicht um sein Kommen, wie wir es jetzt erwarten, bei dem die lebenden Gläubigen verwandelt und die Entschlafenen auferweckt werden. Dieses Ereignis wird vor den in diesem Kapitel geschilderten Geschehnissen stattfinden. Dann wird es zwischen den Nationen im Osten, Westen, Norden und Süden Palästinas unaufhörliche Kriege geben, und meistens wird dieses Land die direkte oder indirekte Ursache dafür sein. Es wird an verschiedenen Orten Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben geben.

Man wird vielleicht einwenden, solche Katastrophen habe es zu allen Zeiten gegeben. Das ist wohl wahr, aber hier sind es Vorläufer des Endgerichtes und die Menschen werden von ihrem ernsten Ausmaß beeindruckt sein, ohne zu wissen, um was es sich handelt. Aber die durch das Wort des Herrn unterwiesenen Gläubigen werden diese Ereignisse zu beurteilen wissen.

Übrigens sind wir diesem Augenblick sehr nahe. Ereignisse dieser Art, die sich in unseren Tagen so oft wiederholen, rufen unter den Menschen im Allgemeinen eine gewisse Furcht hervor, denn sie fühlen wohl, dass die Welt einer Krise entgegengeht. Wenn sie sich durch das Wort unterweisen ließen, wüssten sie es und würden versuchen, sich davor in Sicherheit zu bringen. Diese Furcht könnte heilsam sein, und für einige ist sie es auch. Aber der Feind sucht die beunruhigten Geister einzuschläfern, indem er ihnen nach jeder Katastrophe einredet, solche und schlimmere Dinge habe es auch schon in den vergangenen Jahrhunderten gegeben. Diese Vorkommnisse seien nicht außerordentlich, man müsse das als ganz natürlich betrachten. Die von den Ereignissen beeindruckten Seelen beruhigen sich, werden gleichgültig, verhärten sich und gehen blindlings ihrem Verderben entgegen. „In einer Weise redet Gott und in zweien, ohne dass man es beachtet“ (Hiob 33,14).

Es besteht kein Zweifel, dass in den Zeiten, von denen der Herr hier redete, für den menschlichen Verstand einleuchtende Erklärungen gegeben werden, um diese Dinge auch wissenschaftlich und historisch zu erklären. Aber die durch den Herrn unterwiesenen Jünger werden verstehen, um was es sich handelt und werden wissen, dass diese Dinge nur der Anfang der Wehen sind. Diese äußeren Dinge werden für sie nicht das Schlimmste sein. Man wird sie in Drangsal überliefern und sie töten. Sie werden von allen Nationen gehasst werden um des Namens des Herrn willen. Diese Leiden waren schon nach dem Weggang des Herrn das Teil der Jünger. Darum gab Er ihnen diese Unterweisungen, damit sie sowohl ihnen, als auch den Jüngern des Endes zum Nutzen sein könnten.

Sie werden aber durch eine Prüfung noch schmerzlicherer Art, die aus der Mitte der Jünger selbst hervorkommen wird, hindurchgehen müssen. Solche, die sich für eine Zeit ihnen angeschlossen hatten, werden abfallen und auch anderen zum Fall dienen. Sie werden einander hassen und einander überliefern. Falsche Propheten werden aufstehen und durch geschickte Verdrehungen der Aussprüche Gottes viele Seelen verführen. Das Böse wird in einer solchen Weise überhand nehmen, dass sich unter der Masse der Bekenner eine Erschlaffung zeigen wird: „Die Liebe der Vielen wird erkalten.“ Es wird eine außerordentliche Kraft brauchen, um festhalten zu können. Wer aber bis ans Ende ausharrt, dieser wird errettet werden, d. h., er wird als ein aufrechter, treuer Jünger erfunden werden, wenn der Herr in Herrlichkeit erscheint, um allen diesen Leiden ein Ende zu machen.

Dann kommen jene an die Reihe, die den Treuen diese Leiden zugefügt haben. Das Gericht wird sie erreichen. Wie wir es aus einer großen Zahl von Psalmen ersehen können, wo im Zusammenhang mit der Befreiung der Gerechten vom Gericht der Bösen gesprochen wird.

Trotz des Widerstandes Satans wird „dieses Evangelium des Reiches auf dem ganzen Erdkreis gepredigt werden, allen Nationen zum Zeugnis, und dann wird das Ende kommen.“ Alle Nationen, die das Vorrecht nicht gehabt hatten, das Evangelium der Gnade zu hören, werden dann das Evangelium des Reiches, das ihnen die Ankunft des Herrn, des vom Himmel kommenden Königs, verkündigt, hören und annehmen dürfen.

Dieser erste Teil der Antwort des Herrn, womit Er die Schwierigkeiten beschrieb, mit denen sie es zu tun haben würden, hatte zum Zweck, die Jünger zu ermuntern, bis zum Ende ein treues Zeugnis abzulegen.

Zweiter Teil der Antwort des Herrn (24,15–28)

„Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch Daniel, den Propheten, geredet ist, stehen seht an heiligem Ort - wer es liest, beachte es –, dann sollen die, die in Judäa sind, in die Berge fliehen; wer auf dem Dach ist, steige nicht hinab, um die Sachen aus seinem Haus zu holen; und wer auf dem Feld ist, kehre nicht zurück, um sein Oberkleid zu holen. Wehe aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Betet aber, dass eure Flucht nicht im Winter stattfinde noch am Sabbat; denn dann wird große Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird. Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Fleisch errettet werden; aber um der Auserwählten willen werden jene Tage verkürzt werden. Dann, wenn jemand zu euch sagt: „Siehe, hier ist der Christus!“, oder: „Hier!“, so glaubt es nicht. Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und werden große Zeichen und Wunder tun, um so, wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen. Siehe, ich habe es euch vorhergesagt. Wenn sie nun zu euch sagen: 'Siehe, er ist in der Wüste!', so geht nicht hinaus. 'Siehe, in den Gemächern!', so glaubt es nicht. Denn ebenso wie der Blitz ausfährt vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird die Ankunft des Sohnes des Menschen sein. Wo irgend das Aas ist, da werden sich die Adler versammeln“ (24,15–28).

Vor dem Ende dieses schrecklichen Zeitabschnittes wird eine Zeit großer Drangsal sein, die dreieinhalb Jahre dauern wird.

In seiner Fürsorge für die Seinen gibt ihnen der Herr hier besondere Unterweisungen für diese Zeit. Er zeigt ihnen, woran sie den Anfang dieser Drangsalszeit erkennen können und sagt ihnen, was sie dann tun sollen. „Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch Daniel, den Propheten, geredet ist, stehen seht an heiligem Ort – wer es liest, beachte es-, dann sollen die, die in Judäa sind, in die Berge fliehen; wer auf dem Dach ist, steige nicht hinab, um die Sachen aus seinem Haus zu holen; und wer auf dem Feld ist, kehre nicht zurück, um sein Oberkleid zu holen“.

Bei diesem „Gräuel“ handelt es sich um das Götzenbild, das in den Tempel gesetzt wird. Es wird ihnen durch den falschen König der Juden, den Antichristen, als Gegenstand der Verehrung aufgezwungen und von den ungläubigen, abgefallenen Juden als Gott angenommen werden. Dieser unvergleichlich schlimme Götzendienst wird dazu führen, dass durch den Assyrer (Jes 8,7.8; 10,5.6; Dan 9,27) das Volk von Gerichten Gottes heimgesucht wird. Durch diesen König wird sich im ganzen Land die „Verwüstung“ ausbreiten.

Aber der Herr beschäftigt sich hier nicht mit diesen Folgen. Er erwähnt sie nur im Zusammenhang mit der Aufrichtung dieses Götzenbildes im Tempel in Jerusalem. Dem Herrn ging es darum, den Jüngern die Anweisung zu geben, aus Judäa zu fliehen, sobald dieser Augenblick da ist, weil die Herrschaft des Antichristen und des Hauptes des Römischen Reiches von da an für die Treuen unerträglich sein wird. Ohne das Zeichen des Tieres wird man dann weder verkaufen noch kaufen können und die, welche sich nicht vor seinem Bilde niederwerfen, werden getötet (Off 13,13–18). Derr Herr sagte: „Wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Fleisch errettet werden; aber um der Auserwählten willen werden jene Tage verkürzt werden“, d. h. sie werden nur dreieinhalb Jahre dauern, was schon sehr lange ist.

Die Verfolgungswut des Antichristen wird im Augenblick der Aufrichtung des Götzenbildes im Tempel so plötzlich um sich greifen, dass die, welche dann auf den Dächern sind, fliehen müssen, ohne vorher in ihr Haus hinabsteigen zu können. Im Orient sind die Dächer der Häuser flach. Man kann sie durch Treppen, die außerhalb des Hauses angebracht sind, begehen. Wer dann auf dem Feld sein wird und sein Oberkleid ausgezogen hat, um besser arbeiten zu können, wird nicht einmal Zeit finden, es zu holen. Der Herr denkt an alles, was eine sofortige Flucht verhindern könnte. Er ermuntert die Jünger zu beten, dass ihre Flucht „nicht im Winter“ geschehen müsse, in welcher Jahreszeit die Flüchtlinge durch die Erschwernisse der Witterung aufgehalten würden. Auch nicht „am Sabbat“, denn diese frommen Juden würden den vom Gesetz erlaubten Sabbatweg nicht überschreiten und so an jenem Tag sterben. Dieser Umstand war einst schon unter Antiochus Epiphanes eingetreten: Um die Stadt Jerusalem zu zerstören und möglichst viele ihrer Einwohner hinzuschlachten, erstürmte sein Feldherr die Stadt am Tag des Sabbats und richtete so ein großes Blutbad an.

Die Jünger werden mit einer wohlbegreiflichen Sehnsucht die Ankunft Christi erwarten, um allen diesen Leiden enthoben zu werden. Aber diese Erwartung könnte sie verleiten, auf Verführer zu hören, die ihnen zurufen werden: „’Siehe, hier ist der Christus!’, oder: ‚Hier!’“ Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen, die große Zeichen und Wunder tun (Off 13,14). Aber sie sollten nicht auf sie hören. Das Kommen des Sohnes des Menschen wird so unvermittelt stattfinden, dass man keine Zeit haben wird, sich gegenseitig darauf aufmerksam zu machen. Die ungläubigen Juden bilden den toten Teil Israels, der bei der Ankunft des Sohnes des Menschen durch ein plötzliches Gericht heimgesucht wird. Er wird über sie kommen gleich einem Adler, der sich auf das Aas stürzt. „Wo irgend das Aas ist, da werden sich die Adler versammeln.“

Die Jünger jener Tage werden die Unterweisungen des Herrn gewiss zu schätzen wissen. Als Er diese Belehrungen gab, dachte Er besonders an sie, denn Er wusste wohl, dass die Jünger, die Ihn damals umgaben, während jenen Drangsalen nicht mehr auf der Erde sein würden. Das Wort Gottes ist vollständig, es enthält alles, was für die Gegenwart und für die Zukunft nützlich ist. Alle Menschen, in allen Zeiten, sind verantwortlich, von dem Wort Gottes Kenntnis zu nehmen und danach zu handeln.

Das Kommen des Sohnes des Menschen (24,29–31)

„Sogleich aber nach der Drangsal jener Tage wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein nicht geben, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden. Und dann wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen; und dann werden alle Stämme des Landes wehklagen, und sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit. Und er wird seine Engel aussenden mit starkem Posaunenschall, und sie werden seine Auserwählten versammeln von den vier Winden her, von dem einen Ende der Himmel bis zu ihrem anderen Ende“ (24,29–31).

Der dritte Teil der Antwort des Herrn nimmt Bezug auf die Frage: „Was ist das Zeichen deiner Ankunft?“ Er sagt: „Nach der Drangsal jener Tage“ – von denen Er soeben sprach – „wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein nicht geben, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden.“ In der symbolischen Sprache der Schriften stellt die Sonne die höchste Autorität dar, die dem Menschen anvertraut ist. Der Mond und die Sterne sind untergeordnete Autoritäten. Gott hatte den Nationen in der Person Nebukadnezars und seiner Nachfolger von dem Tag an Macht gegeben, wo Israel das Vorrecht verwirkt hatte, der Mittelpunkt der Erde zu sein. Aber, anstatt von Gott abhängig zu sein, um in der Ausübung dieser Macht seinem Willen entsprechend zu handeln und in seinem Licht die Völker zu leiten, haben sich die mit dieser Macht bekleideten Fürsten von Gott abgewandt. Sie handelten nach ihren eigenen Gedanken und lieferten sich so den Händen Satans, des Beherrschers dieser Finsternis aus, so dass ihre Herrschaft schließlich in völliger Finsternis enden wird.

Da der Mensch es nicht verstanden hat, in Übereinstimmung mit Gott zu regieren, wird das Reich und die Herrschaft den Händen des Sohnes des Menschen übergeben, wie dies aus Daniel 7,26.27 hervorgeht. In dem Augenblick, wo Er erscheinen wird, werden daher alle irdischen Mächte als solche dastehen, die ihre Aufgabe verfehlt haben: Anstatt Licht zu verbreiten, sind sie in dichte Finsternis gehüllt, stehen in Aufruhr gegen Gott und im Krieg gegen die Heiligen. Sie sind wie eine verfinsterte Sonne, wie ein Mond ohne Licht, wie Sterne, die aufgehört haben, in der Nacht zu funkeln. Somit können sie den Platz, der ihnen gegeben worden ist, nicht mehr einnehmen. Das ist ein schrecklicher Zustand der Völker, denn Gott hatte ihnen die Macht anvertraut!

Plötzlich aber, wenn keiner von denen, die zu einer Welt ohne Gott gehören, es erwartet, „wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen“ und Er wird kommen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit. Welche Befreiung für die bedrängten Gerechten, die dann so grausam verfolgt worden sind! Aber welch ein schrecklicher Augenblick für jene, die zuvor den Antichrist aufgenommen haben, für das Geschlecht, das ausgerufen hat: „Wir haben keinen König als nur den Kaiser“, und: „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche!“

Der, den sie verachtet haben, wird mit Macht und großer Herrlichkeit erscheinen, nicht mehr als der Sanftmütige und von Herzen Demütige, um Sündern Heil zu bringen! Er kommt in Herrlichkeit, als König der Könige und Herr der Herren, um das göttliche Gericht an denen, die Ihn verworfen haben, auszuführen. Sie hätten Zeit gehabt, Buße zu tun. Aber sie wollten es nicht und werden dann das Maß ihrer Sünde durch die Annahme des Antichristen und durch die Verfolgung derer, die den Herrn als König erwarten, zum Überfließen gebracht haben.

Wie ist es doch zu aller Zeit so ernst, Christus, den Sohn Gottes, den Heiland der Welt, zu verachten! Es kommt ein Augenblick, wo keine Möglichkeit mehr besteht, Buße zu tun. Dann bricht über alle diese Menschen das unerbittliche Gericht herein.

Bei seiner Ankunft findet der Herr in Palästina nur die Überreste des ehemaligen Königtums Juda vor, das wegen seiner Verantwortung für die Verwerfung Christi jene schreckliche Prüfungszeit erduldet haben wird. Aber ganz Israel muss zurückgebracht werden, um an dem herrlichen Reich des Sohnes des Menschen teilzuhaben, also auch die zehn in der Welt zerstreuten Stämme, die sich nach ihrer Wegführung nach Assyrien mit den Nationen vermischt haben. Der Sohn des Menschen „wird seine Engel aussenden mit starkem Posaunenschall, und sie werden seine Auserwählten versammeln von den vier Winden her, von dem einen Ende der Himmel bis zu ihrem anderen Ende.“ Die Posaune war das Mittel, durch das Gott das Volk sammeln ließ (4. Mo 10,1–8). Das Fest des Posaunenhalls (3. Mo 23,23–25; 4. Mo 29,1–6) war ein Vorbild dessen, was Gott bei der Ankunft des Sohnes des Menschen zur Sammlung seines Volkes tun wird, um es an der 1000-jährigen Segnung teilnehmen zu lassen.

Derr Herr hat also in seiner Antwort die Zeit zwischen seinem Weggehen und seiner Wiederkehr beschrieben, in der die jüdischen Jünger für Ihn zu zeugen haben. Er hat darin besondere Unterweisungen gegeben für die dreieinhalb Jahre des Endes, in denen an Gottes Stelle der Gräuel der Verwüstung im Tempel aufgerichtet ist. Das wird eine Zeit ohne Beispiel in der Geschichte sein. Daran kann das Herannahen der Ankunft des Sohnes des Menschen erkannt werden.

Nach allen diesen Belehrungen des Herrn bezüglich seines Wiederkommens und der damit in Verbindung stehenden Ereignisse schildert Er den Jüngern, vom 32. Verse unseres Kapitels bis zum 30. Verse des folgenden Kapitels, was in der Zwischenzeit, die zwischen seinem Weggang aus dieser Welt und seiner Rückkehr verstreicht, die Jünger und ihren Dienst, also auch die Gläubigen unserer Tage, kennzeichnen soll. Diese Ermahnungen können wie folgt gruppiert werden:

  1. Ermahnung zur Wachsamkeit in der Erwartung der Rückkehr des Herrn (Verse 32–44).
  2. Verantwortlichkeit des Gläubigen, der vom Herrn einen Dienst empfangen hat, der unter den Seinigen ausgeübt werden soll, also besonders inmitten der Versammlung (Verse 45–51).
  3. Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen: Um in der Nacht dieser Welt bis zur Rückkehr Christi das Licht offenbaren zu können, bedarf es der Wachsamkeit (Kap. 25, 1–13).
  4. Das Gleichnis von den Talenten: Von den Gütern, die der Herr seinen Knechten anvertraut hat, soll Gebrauch gemacht werden (Verse 14–30).

Das Gleichnis vom Feigenbaum (24,32–35)

„Von dem Feigenbaum aber lernt das Gleichnis: Wenn sein Zweig schon weich wird und die Blätter hervortreibt, so erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. Ebenso auch ihr, wenn ihr dies alles seht, so erkennt, dass es nahe an der Tür ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschehen ist. Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen“ (24,32–35).

Wenn die Jünger die bis zum 31. Verse beschriebenen Umstände sich erfüllen sehen, werden sie wissen, dass die Befreiung nahe ist. Wenn man im Frühling sieht, wie der Feigenbaum Knospen bekommt, dann weiß man, dass der Sommer vor der Tür steht. In der Tat, die Herrschaft Christi kann für das jüdische Volk, wie auch für die ganze Schöpfung, mit einem Sommer verglichen werden. Er folgt auf den langen und schrecklichen Winter, der durch die Bosheit des Menschen und die ausgereiften Folgen der Sünde, in allen ihren Formen, gekennzeichnet war. Mit welchem Verlangen und welcher Wachsamkeit werden die Treuen daher das Aufgehen der „Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal 3,20) erwarten, das den „Morgen ohne Wolken“ einführen wird, wovon David in seinen letzten Worten geredet hat (2. Sam 23,4)!

Das ungläubige Geschlecht der Juden wird nicht vergehen und sich in seinem Charakter der Feindschaft und der Auflehnung gegen Christus auch dann nicht geändert haben, wenn sich diese Dinge erfüllen. Aber es gibt noch etwas anderes, das nicht vergehen wird: Die Worte, die Er ausgesprochen hat. Man kann Ihn verachten, Ihn verkennen und Ihn nach seinem Weggehen sogar verwerfen, was wir heute mehr denn je um uns herum wahrnehmen. Aber keines der Worte, die der Herr an seine Jünger gerichtet hat und keines der Worte der Schriften wird vergehen, im Gegensatz zu Himmel und Erde, die scheinbar so fest stehen. Dieses Wort zu besitzen und ihm zu glauben gibt uns eine so große Sicherheit! Nicht nur haben wir in ihm Vergebung und Frieden gefunden. Es ist auch unser Licht in der uns umgebenden sittlichen Nacht, die in der Welt ist. Das prophetische Wort ist wie eine „Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet, bis der Tag anbricht“ (2. Pet 1,19). Es erleuchtet uns in der gegenwärtigen Zeit. Es gibt uns aber auch genaue Auskunft über die Zukunft. Alle seine Aussagen im Blick auf diese Welt werden sich buchstäblich erfüllen, wie auch alle Segnungen, die es dem Glaubenden vorstellt. Die Wirklichkeit dessen, was es verkündigt, wird unser menschliches, so begrenztes Fassungsvermögen weit übersteigen.

Wir können unseren Lesern sehr empfehlen, nah an dem Wort Gottes zu bleiben und von seiner göttlichen Inspiration völlig überzeugt zu sein. Es ist das einzige Mittel, wodurch uns Gott in Bezug auf alle Dinge die Wahrheit mitteilt. Nur durch sein Wort offenbart Er uns seine Gedanken der Gnade hinsichtlich aller Menschen und die Gerichte, die sie auf sich herabziehen, wenn sie das Heil, das ihnen darin angeboten wird, verachten. Satan bietet heute alles auf, um dieses göttliche Wort abzuschwächen oder zu leugnen, um Erklärungen der menschlichen Vernunft an seine Stelle zu setzen, Gedanken des Menschen, dessen Leben „ein Dampf ist, der für eine kurze Zeit sichtbar ist und dann verschwindet“ (Jak 4,14).

Dieser hochmütige Mensch, der sich der hohen Intelligenz, womit Gott ihn begabt hat, bedient, um das Wort seines Schöpfers beiseite zu tun, wird zum Staub zurückkehren, aus dem sein Leib gebildet worden ist. Denn Gott sagt: „Kehrt zurück, ihr Menschenkinder“ (Ps 90,3). Bis heute hat keiner diesen Lebensablauf, vor dem er sich fürchtet, umgehen können: weder eine gute Gesundheit, noch die Möglichkeiten der ärztlichen Wissenschaft haben den Menschen von der Unterwerfung unter die gefürchtete Macht des Todes zurückhalten können, und danach folgt das Gericht. So ergeht es dem, der mit Gott rechtet, der da erklärt, sein Wort habe keinerlei Wert angesichts der Fortschritte der Wissenschaft, die alles nach ihrem eigenen Licht beurteilt, einem Licht, das gegenüber der Offenbarung Gottes Finsternis ist. Es wäre besser, all das Interessante, das die verschiedenen wissenschaftlichen Fakultäten dem menschlichen Verstand darbieten können, nicht zu kennen, als sich darauf zu stützen, um Gott und sein Wort zu verwerfen und seine Seele für die Dauer der Ewigkeit zu verlieren.

Ermahnungen zur Wachsamkeit (24,36–44)

„Von jenem Tag aber und jener Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel der Himmel, sondern der Vater allein. Denn wie die Tage Noahs waren, so wird die Ankunft des Sohnes des Menschen sein. Denn wie sie in jenen Tagen vor der Flut waren: Sie aßen und tranken, sie heirateten und verheirateten - bis zu dem Tag, als Noah in die Arche ging und sie es nicht erkannten –, bis die Flut kam und alle wegraffte, so wird auch die Ankunft des Sohnes des Menschen sein. Dann werden zwei auf dem Feld sein, einer wird genommen und einer gelassen; zwei Frauen werden am Mühlstein mahlen, eine wird genommen und eine gelassen. Wacht also, denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das aber erkennt: Wenn der Hausherr gewusst hätte, in welcher Wache der Dieb kommen würde, so hätte er wohl gewacht und nicht erlaubt, dass sein Haus durchgraben würde. Deshalb auch ihr, seid bereit! Denn in einer Stunde, in der ihr es nicht meint, kommt der Sohn des Menschen“ (24,36–44).

Wenn auch die Rückkehr Christi in Herrlichkeit eine unumstößliche Tatsache ist und die Entwicklung der Zustände in der Welt auf ihre nahe Erfüllung hindeuten, so sind uns allen weder der Tag noch die Stunde ihrer Erfüllung bekannt. Gott, der Vater, kennt sie allein. Gott lässt uns in dieser Beziehung mit Absicht in Unwissenheit, damit die, welche dieses herrliche Ereignis erwarten, ununterbrochen wachsam bleiben. Wer nicht wacht, schläft ein. Wer in geistlicher Hinsicht einschläft, gleicht der Welt, die von jenem Tag wie von einem Dieb überrascht wird. Er ist dann für den Herrn kein Zeugnis.

In dem Zeitabschnitt, der uns hier beschäftigt, d. h. in der gegenwärtigen Zeit, kümmern sich die Menschen, obwohl sie die Wahrheit in den Händen haben, in keiner Weise um die Tatsache, dass Christus verworfen wurde, als Er in Gnade zu den Menschen kam. Auch denken sie nicht daran, dass Er zum Gericht kommen wird. Deshalb vergleicht sie der Herr mit den Menschen vor der Flut, die durch die Predigt Noahs während des Baues der Arche ebenfalls Kenntnis hatten von den Gerichten, die über sie kommen sollten. Aber anstatt Buße zu tun, kannten sie keine andere Beschäftigung als essen, trinken, heiraten und sich zu verheiraten. Trotz der Warnungen Noahs „erkannten“ sie es nicht, „bis die Flut kam und alle wegraffte.“

Beachte diese Worte. Das einzige Mittel, das Unsichtbare zu erkennen, besteht darin, es zu glauben. Nur durch den Glauben wird man errettet. Wer während des Tages der Gnade zuerst sehen und dann glauben will, geht verloren. Das Wort Gottes mag klar verkündigt werden. Wer es aber nicht im Glauben aufnimmt, versteht nichts davon. Der Tag wird kommen, wo sie sehen und erkennen werden. Was haben die Zeitgenossen Noahs damals erkannt? Dass „die Flut kam und alle wegraffte“. So wird es auch am Tage des Sohnes des Menschen sein. Denn wie sich das Geschlecht der Juden seit dem ersten Kommen Jesu nicht verändert hat, so hat sich auch das Herz des Menschen seit dem Sündenfall im Allgemeinen nicht verändert.

Es ist bemerkenswert, dass der Herr nicht die groben Sünden der Menschen vor der Flut aufzählte, um die Gleichgültigkeit der Menschheit hinsichtlich des angekündigten Gerichtes zu kennzeichnen. Er sprach nur von durchaus natürlichen und rechtmäßigen Dingen wie Essen, Trinken, Heiraten und sich Verheiraten. Das sind Dinge, die ohne Schuldhaftigkeit getan werden konnten. Aber sie gaben sich diesen Dingen hin, ohne auf die Warnungen Gottes durch Noah zu achten. Damit sagten sie zu Gott: „Was du uns sagst, geht uns nichts an. Wir wollen es uns im Gegenteil wohl sein lassen und unser Geschlecht fortpflanzen.“ Gleichgültig gegenüber den Warnungen Gottes, lebten sie im Genuss dieser Welt, wie wenn alles in Ordnung wäre!

Sehen wir heute nicht dasselbe? Die Welt steht von neuem am Vorabend der Gerichte, die nicht nur, wie in den Tagen Noahs, 120 Jahre im Voraus angekündigt worden sind, sondern vor 1900 Jahren vorausgesagt wurden. Man isst und trinkt besser als je zuvor, man vergnügt sich, man organisiert sich, als ob alles so bleiben würde. Man baut teure Gebäude von einer Standfestigkeit, die den Erdbeben trotzt. Und wenn man vom Kommen des Herrn spricht, so erheben sich von allen Seiten die Stimmen der Spötter, welche sagen: „Wo ist die Verheißung seiner Ankunft? Denn seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles so von Anfang der Schöpfung an“ (2. Pet 3,4–7). Es ist heute wie in den Tagen Noahs: „Nach ihrem eigenen Willen ist ihnen dies verborgen.“ Ach! Der Tag naht, wo sie alles erkennen werden. Sie werden die verschmähte Gnade von weitem sehen, aber nie mehr erreichen und sie werden für ewig in den Gerichten sein, über die sie gespottet haben.

Bis zu dem Augenblick, wo der Sohn des Menschen erscheint, wird sich dieser Lauf der Welt fortsetzen. Die Entrückung der Heiligen, wie auch die Vorläufer der Gerichte, die darauf folgen, werden die Gedanken der Menschen nicht ändern. Im Gegenteil, sie meinen dann, in einen Zustand sicherer Ruhe eingetreten zu sein, die sie als die Frucht ihrer eigenen Bemühungen ansehen, die aber auf die Macht Satans zurückzuführen ist. Sie werden sagen: „Friede und Sicherheit!“ Aber „dann kommt ein plötzliches Verderben über sie ... und sie werden nicht entfliehen.“

Die nach Palästina zurückgekehrten Juden werden für eine kurze Zeit die glücklichen Folgen ihrer Rückkehr genießen, weil sie dann nicht mehr unter die Nationen verstreut sind. Die Männer und Frauen werden ihren Beschäftigungen nachgehen, auf den Feldern und in der Mühle. Zwei Menschen mögen dann auf dem Feld mit derselben Arbeit beschäftigt sein. Aber der eine glaubt, dass der einst verworfene König wiederkommt und wird Ihn erwarten, während der andere im Unglauben verharrt und der großen Zahl der Abtrünnigen nachfolgt, was bequemer ist. Plötzlich, wie ein Blitz, erscheint der Sohn des Menschen und der arme Unglückliche, der gleichgültig und ungläubig war, wird weggenommen, um Strafe zu leiden, „ewiges Verderben vom Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Stärke“ (2. Thes 1,7–10). Der andere aber wird gelassen, um an der glorreichen Herrschaft des Sohnes des Menschen teilzuhaben, die durch die Hinwegnahme der Bösen aus seinem Reich eingeleitet wird.

Im Gegensatz zu der Entrückung der Versammlung wird der, welcher hier weggenommen wird, zum Gericht weggenommen, und der, welcher gelassen wird, wird in das Reich eingehen. Wenn der Herr heute käme, würde der eine weggenommen, um mit dem Herrn in den Himmel zu gehen. Und der, der gelassen wird, bliebe hier, um in die Gerichte zu kommen, die der Herr ausüben wird, wenn Er mit allen denen zurückkehrt, die Er entrückt hat.

Aus allen diesen Unterweisungen des Herrn geht hervor, wie dringend notwendig es ist, bereit zu sein und beständig zu wachen, da der Knecht nicht weiß, wann sein Herr kommen wird. Diese Haltung soll den Gläubigen heute so gut wie damals charakterisieren. Sie setzt Hingabe, Zuneigung und Gehorsam dem gegenüber voraus, der erwartet wird. Wir sollen uns dieser Aufgabe mit einem Interesse widmen, das auch ein Hausherr aufbringen würde, der in der Nacht ein Haus bewacht, wenn er wüsste, dass Diebe bei ihm einbrechen wollten (Vers 43). Wir sollen wachen wie ein Knecht, der seinen Meister erwartet. Nicht mit der Einstellung eines Mietlings, sondern mit der des Meisters selbst, mit dem festen Entschluss, sich von seinem Besitztum nichts rauben zu lassen. Und weil man den Augenblick des Herannahens des Diebes nicht kennt, so bedarf dies fortwährender Wachsamkeit. Wer den Herrn erwartet, muss unter allen Umständen bereit sein.

Der treue und kluge Knecht (24,45–51)

„Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den sein Herr über sein Gesinde gesetzt hat, ihnen die Nahrung zu geben zur rechten Zeit? Glückselig jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, damit beschäftigt finden wird! Wahrlich, ich sage euch, er wird ihn über seine ganze Habe setzen. Wenn aber jener böse Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr bleibt noch aus, und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und isst und trinkt mit den Betrunkenen, so wird der Herr jenes Knechtes kommen an einem Tag, an dem er es nicht erwartet, und in einer Stunde, die er nicht weiß, und wird ihn entzweischneiden und ihm sein Teil geben mit den Heuchlern: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein“ (24,45–51).

In diesen Versen beschreibt der Herr einen besonderen Wesenszug des Dienstes, der in der Erwartung seiner Wiederkehr zu erfüllen ist: Der Dienst in der Mitte des „Gesindes“ seines Hauses, welchem der Knecht zur rechten Zeit die Speise zu geben hat. Es ist der Dienst des Wortes unter den Gläubigen. Das Wort ist die geistliche Nahrung aller, die zum Haus des Meisters gehören. Wer diesen Dienst empfangen hat, muss ihn mit Treue ausüben, indem er fortgesetzt den Augenblick der Rückkehr seines Herrn vor Augen hat. Der Herr sagt: „Glückselig jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, damit beschäftigt finden wird! Wahrlich, ich sage euch, er wird ihn über seine ganze Habe setzen.“ Wer beim Kommen des Herrn treu erfunden werden will, muss es jeden Tag sein. Die Folgen der Treue sind unendlich: Wer im Blick auf seinen Dienst unter dem Gesinde des Hauses des Herrn treu gehandelt hat, wird am Tag der glorreichen Herrschaft des Herrn über all dessen Güter gesetzt werden.

Verliert der Knecht die Rückkehr seines Meisters aus den Augen und sagt er in seinem Herzen: „Mein Herr bleibt noch aus“, so wird er in direktem Gegensatz zum Gedanken des Herrn handeln. Statt seinen Mitknechten Speise zu geben, wird er sie schlagen. Er wird seine Stellung in ihrer Mitte dazu gebrauchen, um sie leiden zu lassen und er selbst wird sich mit denen verbinden, die in unmäßiger Weise diese Welt genießen. Er wird seine Befriedigung im Umgang mit ihnen finden und keineswegs an die Rückkehr seines Meisters denken.

„Der Herr jenes Knechtes wird kommen an einem Tag, an dem er es nicht erwartet, und in einer Stunde, die er nicht weiß, und wird ihn entzweischneiden und ihm sein Teil geben mit den Heuchlern: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.“ Eine feierliche Warnung an alle, denen der Herr Gaben gegeben hat, um sich während seiner Abwesenheit um die Seinen zu kümmern! Um in der treuen Erfüllung seines Dienstes bewahrt zu werden, sollen sie ohne Unterbrechung die Rückkehr des Herrn erwarten, damit Er sie bei seinem Kommen so findet, wie Er es wünscht. Um Ihn zu erwarten, muss man Ihn lieben, mit Ihm beschäftigt sein, seine Gnade und die Reichtümer seiner Person genießen.

Der entzweigeschnittene und in die ewige Finsternis geworfene Knecht, der wie ein Heuchler behandelt wird, weil er etwas sein wollte, was er nicht war, stellt jene Menschen dar, die im Haus Gottes den Platz des Dieners eingenommen haben, ohne Leben aus Gott zu besitzen. Ihr Herz hängt nicht an dem, zu dem sie sich bekennen. Sie lieben weder Ihn noch die Seinen. Sie nehmen diese Stellung ein, um aus dem Platz, den sie sich anmaßen, fleischliche Vorteile zu ziehen, indem sie eine ungöttliche Herrschaft ausüben, wie dies besonders in der römisch-katholischen Kirche zu Tage getreten ist. Ihr Gericht wird schrecklich sein.

Obwohl nicht der Herr es war, der sie in diese Stellung erhob, wird Er sie doch gemäß der Stellung richten, die sie selber eingenommen haben. Jeder muss darüber wachen, dass sein Herz durch den Gedanken an die Rückkehr des Meisters fortwährend angezogen wird, damit ihn nicht Grundsätze beherrschen, die zu einer solch verwerflichen Handlungsweise führen können.

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