Botschafter des Heils in Christo 1860

Das Geheimnis unserer Kraft

Unter denen, welche sich als Christen bekennen und welche auch im Allgemeinen für Gläubige gehalten werden, gibt es nicht wenige, die nicht einmal wissen, ob sie erlöst sind oder nicht; andere, welche sich wohl ihrer Erlösung bewusst sind, scheinen kaum zu begreifen, dass dieselbe keineswegs der Zweck, sondern allein das Mittel ist, um zu diesem Zweck zu gelangen; wieder andere meinen, dass der Zweck, wozu sie erlöst seien, darin bestehe, dass sie viel vom Herrn genossen; und nur wenige haben in Wahrheit verstanden, dass der Zweck ihrer Erlösung darin besteht, den Erlöser zu verherrlichen.

Doch auch unter diesen, welche die Verherrlichung des Herrn als den Zweck, wozu sie erlöst sind, kennen gelernt haben, und welche in Betreff der Erreichung dieses Zweckes nicht gleichgültig sind, trifft man viele an, welche, wenn sie aufrichtig sind, bekennen müssen, dass sie diesem Zweck so wenig entsprechen, dass sie nur selten das Bewusstsein haben, diesem Zweck nachgekommen zu sein, und dass sie sich, im Vergleich zu den ersten Tagen ihrer Errettung, eher von diesem Zweck zu entfernen als naher zu kommen scheinen.

Die Ursache dieser traurigen Erscheinung liegt darin, dass in vielen Erlösten so wenig Kraft zur Verherrlichung Gottes vorhanden ist. Ich meine nicht, dass sie zu wenig gute Vorsätze fassen, noch dass sie nicht bereit sind, dieselben auszuführen; auch werfe ich ihnen ihren Mangel an dem, was man unter den Menschen moralischen Mut, Festigkeit des Charakters usw. nennt, nicht vor, – ich meine, dass sie so wenig die Kraft Gottes zeigen, welche das bewirkt, was in den Augen Gottes zu seiner Verherrlichung ist.

Es ist sehr tröstlich, wenn wir bei diesem allen daran denken, dass einer auf dieser Erde war, der am Ende seiner Laufbahn sagen konnte: „Vater, ich habe dich verherrlicht!“ – Und es ist sehr tröstlich, dass uns von diesem einen nicht nur mitgeteilt wird, dass Er Gott verherrlicht hat, sondern auch dass das Leben, durch welches Er dies getan hat, uns in ausführlichen Zügen vor die Augen gemalt ist; und es ist endlich über alles tröstlich, dass wir von diesem einen selbst vernehmen, was das Geheimnis der Kraft ist, wodurch Er zur Verherrlichung des Vaters fähig war. Wir hären dies unter anderen in dem fünften Kapitel im Evangelium Johannes. Unser hochgelobter Heiland hatte dort einen Mann gesundgemacht, welcher 38 Jahre krank gewesen war, und hatte auch an diesem Elenden bewiesen, dass Er nicht gesandt war, zu verderben, sondern zu erhalten. Er hatte ihm auch die Sünden vergeben und dadurch bewiesen, dass Er nicht gesandt war „zu richten, sondern zu erretten.“ Und in diesem doppelten Zweck seiner Sendung eigentlich (nicht doppelt insoweit das Wegnehmen der Sünde und das Wegnehmen ihrer Folgen nur eine Sache war) hat Er das Herz Gottes, von welchem Er gesandt war, als ein Herz offenbart, das keine Lust hat an dem Tod des Sünders, sondern an seinem Leben. Das Werk des Heilands war also auch hier die Verherrlichung des Vaters.

Wenn wir nur in etwa die Sünde kennen, und wissen, was es ist, unter derselben gefangen zu sein, dann haben wir auch in etwa einen Eindruck von der Macht dessen, der den Sünder aus dieser Gefangenschaft befreien kann; Er, welcher es dort tat, und welcher es auch allein tun kann, nannte dann auch Gott – seinen Vater. Er war dessen Eingeborener, Er kam aus dem Schoß des Vaters, und hatte die Herrlichkeit bei Ihm, ehe die Welt war, und Gott hatte seine Wonne an Ihm (Spr 8).

„O“ – möcht ihr vielleicht sagen – „dann wundert es uns nicht, dass Er eine solche Kraft an den Tag legen konnte; denn dann handelte Er hier in der Kraft, welche Ihm nach seiner göttlichen Natur eigen war; wir aber, die wir aus einer Hand voll Staub sind, können diese Macht wohl bewundern, aber nicht ihrer teilhaftig werden.“ Dies könnte also sein, Geliebte, wenn wir nicht wüssten, dass Er, „welcher in der Gestalt Gottes war, sich selbst zu nichts machte“ und in Gleichheit der Menschen geworden wäre (Phil 2). Dies könnte also sein, wenn wir nicht in demselben Gespräch, in welchem Er Gott seinen Vater nennt, diese bemerkenswerte Worte läsen: „Der Sohn kann nichts von sich selbst tun“ (V 19). Bemerkt es Wohl – „nichts von sich selbst“; nicht eine Tat konnte der Sohn, als Mensch dastehend, von sich selbst tun, ja auch selbst die Worte, welche Er sprach, sprach Er nicht von sich selbst.

Und dennoch waren seine Worte „Geist und Leben“; und die Macht, welche Er besaß, war nicht allein die Macht, Sünden zu vergeben, sondern – wie wir im Verlauf unseres fünften Kapitels des Johannes lesen – eine Macht, um aufzuerwecken und lebendig zu machen, welche Er will. Ja, auch alles Gericht ist dem Sohn übergeben worden. Was dünkt euch, sollte es nicht der Mühe wert sein, zu untersuchen, wie einer, der von sich selbst nichts zu tun vermochte, zu einer solch hohen Ausübung der Macht gelangen konnte? Es wird uns nicht allein gemeldet, dass Er von sich selbst nichts tun, nichts sprechen konnte, sondern wir vernehmen auch, dass gleich wie Er hörte, also richtete oder sprach Er: Und was Er den Vater tun sah, dasselbe tat Er.

Siehe, da ist uns das Geheimnis offenbar, da ist uns der Weg angewiesen! denn – und dies gebe der Herr uns recht zu verstehen – solches wird uns nicht nur mitgeteilt, um es zu bewundern (wie billig es auch ist, dass wir die demütige Liebe dessen bewundern, der alles war und für uns zu nichts wurde); doch, wie in allem, so hat auch in diesem der Herr uns ein Beispiel hinterlassen, auf dass wir seinen Fußstapfen nachfolgen möchten“ (1. Pet 2,21).

Der Mensch, nachdem er Sünder geworden ist, ist in den Vergehungen und Sünden tot (Eph 3,1). Getrennt von Gott, fehlt ihm die Erkenntnis von dem, was Gott wohlgefällig ist, und auch Kraft, um dasselbe zu tun. Dennoch bildet er sich in seinem Hochmut ein, viel – ja alles zu sein und zu können; und in hochmütigen, doch vergeblichen Anstrengungen verschwendet er seine natürlichen Kräfte, um sich zu Gott zu erheben, der ein Geist ist und im Geist und in der Wahrheit angebetet sein will. Solange der Sünder in seinem eigenwilligen und selbstgemachten Gottesdienst vorangeht, kann er nicht anders, als dem Tod Frucht bringen. Wie schön auch seine Gedanken, Worte und Werke äußerlich scheinen mögen, so liegt dennoch dies alles im Tod, weil Er selbst darin liegt. Betet er sogar, dass man Tränen vergießt, ist auch sein Wandel tadellos, ist sein Gemüt selbst auf das tiefste bewegt, so ist dies dennoch alles, wenn es aus ihm selbst hervorkommt, tot und nicht zur Verherrlichung Gottes.

Aber – was noch mehr sagen will – solange er in eigener Kraft wirkt, hindert er die Kraft Gottes in ihm zu wirken. Denn Gott, welcher weiß, was für ein Gebilde wir sind, erwartet von unserer Kraft nichts; und Er will den Menschen dahin bringen, auch selbst alle Erwartungen von seiner eigenen Kraft aufzugeben. Dies letztere tut auch der Mensch wirklich, wenn er sich ganz hilflos in die Arme Jesu wirft; und er würde gesegnete Erfahrungen machen, wenn er auch im Praktischen bei dem bliebe, was er, als er sein Leben aus seiner eigenen Hand verlor, im Grundsatz aussprach. Doch er verwirklicht nicht stets dasjenige, was er damals mehr oder weniger bestimmt aussprach, dass er tot, dass nichts von ihm zu erwarten, dass aber Christus das Leben und dass von Ihm alles zu empfangen wäre.

Durch dies lebendige Bekenntnis tat der Mensch zuerst etwas, was Gott verherrlichte. Er hörte auf, Gott zu einem Lügner zu machen; er bezeugte, dass Gott wahrhaftig und er ein Lügner sei! Er war zum ersten Male, und zwar in Betreff seines verlorenen Zustandes, mit Gott in Wahrheit eins. Und Gott antwortete darauf durch Errettung und Lebendigmachung.

Soll nun der Mensch fortwährend so königlich von Gott behandelt werden, so muss er in dieser Stellung beharren – in der Stellung, wo er nicht das anschaut, was geschehen wird – in der Stellung des Glaubens, worin er bekennt, das all das seine, ja, dass er selbst gerichtet, und dass in Jesu alles und dass er selbst in Jesu übergegangen ist. Weiter darf er nicht die Meinung hegen, dass er in Jesu das Leben empfangen habe, um fortan in all seinem Tun nach eigener Kraft und nach eigenem Licht dasselbe zu besitzen, zu offenbaren und zu verwirklichen. Der durch den Glauben gerechtfertigte Mensch muss wissen, dass er auch jetzt noch nicht die Erkenntnis und die Kraft besitzt, welche zur Verherrlichung des Herrn nötig sind. Er hat das Leben empfangen und ist also in den Zustand eingetreten, wodurch er fähig ist, mit Gott in Gemeinschaft zu sein. Er wird aber nur nach dem Maß in der Erkenntnis wachsen, als er durch den Umgang mit Jesu Gott selbst anschaut; und auch nur in dem Maß Kraft haben, um Gott zu verherrlichen, als er sich seines Unvermögens bewusst ist.

Dies Alles wird aber wenig oder gar nicht beachtet, weder von dem Neubekehrten, noch von denen, welche den Neubekehrten unter ihre Pflege und Leitung nehmen. Besonders ist dies in unserer Zeit der Fall. Oft hat der Neubekehrte über den ganzen Zustand des geistlichen Menschen schon lange vorher sprechen hören oder selbst mitgesprochen; und die Erkenntnis, welche er als natürlicher Mensch aufgefangen hat, bringt er als einen besonderen Schatz mit in seine wirkliche Bekehrung. Vor allem wird dafür gesorgt, dass er wohl verstehen möge, dass die Früchte eines Christen besonders in der regen Teilnahme beständen, welche er an den verschiedenen christlichen Anstalten, Vereinen usw. nähme. Und so geht er, der im geistlichen Leben ein neugeborenes Kindlein ist, an die Arbeit, indem er kaum eine andere Selbstverleugnung kennen lernt, als die, welche mit seiner Geldkasse in Verbindung steht, und kaum ein anderes Ausharren, als die Beständigkeit in den vielen Dingen, welche er sich in dem ersten Eifer auferlegt hat. Leiden, Verfolgung, Hass der Welt lernt er fast nur dem Namen nach kennen. Sein Wachstum sowohl als sein zurückgehen wird gewöhnlich nur nach seiner größeren oder geringeren Teilnahme an oben genannten Dingen abgemessen. Sein Kampf besteht meistens in den Schwierigkeiten, die ihm in dieser Tätigkeit entgegentreten; sein Glaube offenbart sich fast nur in der Größe der Erwartungen, welche er hegt, wenn auch Gott in seinem Wort nicht die geringste Anleitung dazu gegeben hat. Es geht im Allgemeinen mehr um das Äußere als um das Innere, mehr um das, was vor den Augen der Menschen, als um das, was vor den Augen Gottes gilt. Man bemüht sich der Welt ein christliches Kleid anzuziehen, und bildet sich ein, dass dadurch die Ratschlüsse Gottes erfüllt würden.

Es ist leicht zu begreifen, dass der Gläubige, in solch einer Umgebung aufgewachsen, so wenig zu fassen vermag, wie unser hochgelobter Heiland hier auf der Erde mehrere Male ausrufen muss: „Ich kann nichts von mir selbst tun.“ Er aber, er vermag beinahe alles von sich selbst zu tun; und es bringt ihn fast nichts anders als die Krankheit seines Körpers und seine Geldnot zu dem Bekenntnis: „Ich kann nicht.“

Doch auch dann, wenn er dieser Gefahr, in der Bemühung mit anderen sich selbst zu vergessen, entgangen ist, wenn er verstanden hat, dass die wahre Anbetung oder Verherrlichung Gottes im Geist und in der Wahrheit geschehen muss, wenn er mehr und mehr begreifen lernt, dass es sich in Betreff des Wohlgefallens Gottes zuerst um den Zustand seines Gewissens und seines Herzens handelt, wenn er vorab an den mancherlei Beziehungen als Vater, Mann, Meister oder Dienstknecht, Jüngling oder Kind usw. genug hat, um darin Gott wohlgefällig zu sein und als ein Licht in der Finsternis zu scheinen, wenn er nicht leichtfertig und nur auf die bestimmte Anweisung des Herrn in seinem Werk selbsttätig aufzutreten wagt, sei es auch, dass er die Arbeit derer, die vom Herrn berufen sind, durch Gebet und Gaben unterstützt – auch dann, sage ich, ist jede Tat, worin Gott verherrlicht wird, nicht etwas, was gleichsam von selbst folgt, sondern auch dann ist die stete und völlige Übergabe etwas, das allein durch Übung, durch Gebet und Flehen, durch viele oft schmerzliche Erfahrungen erlangt werden kann.

Gott gibt keine Kraft, keine Gnade zu irgendeiner Sache, selbst nicht zu der kleinsten, wenn nicht in Wahrheit das Bekenntnis des eigenen Unvermögens abgelegt ist, wenn nicht nach einem solchen Bekenntnis harrend zu Ihm aufgeschaut wird, und wenn endlich nicht erkannt wird, dass beim Handeln in eigener Kraft wohl vieles verdorben, aber Gott nicht verherrlicht wird.

Es ist nun wohl der Fall, dass wir zuweilen unsere Noch fühlen, wenn eine Sache verrichtet werden muss, die in unseren Augen etwas Besonderes, etwas Großes, etwas Erhebliches ist; auch geben wir wohl zu, dass wir von uns selbst nichts Gutes vermögen, wenn unsere Kraft bereits gewirkt hat und das Werk verdorben ist; aber auch dann geschieht es oft nur deshalb, weil die Schwierigkeit vorliegt, eine Tatsache, wovon die klarsten Beweise vorhanden sind, zu leugnen. Etwas anders aber ist es, durch das Wort Gottes, bewiesen durch viele unleugbare Tatsachen, zu dem für das Ich so peinliche Bekenntnis gebracht zu sein: Ich kann von mir selbst nichts tun; ja, etwas anders ist es, wenn wir aufgehört haben, das so schnell ausgesprochene Mundbekenntnis: dass wir durch uns selbst zu nichts fähig sind, durch die Praxis zunichte zu machen, um in allem, was von uns in Gedanken oder Worten oder Werken geschieht, das Bedürfnis nach der Kraft eines anderen zu fühlen. Dies fällt uns besonders in Bezug auf solche Dinge schwer, welche durch unsere natürliche Anlage, durch unsere Erziehung oder Entwicklung, durch die Schärfe unseres Verstandes, oder die Zartheit unseres Gemüts hervorgebracht sind, und welche so leicht als Früchte des Geistes und als Beweise des Wachstums im geistlichen Leben betrachtet werden. Hier ist das Eigene so schnell bereit, um sich als Gnadengabe hervorzutun; hier wird das, was allein Natur ist, und Natur bleibt, so oft geheiligter Verstand und geheiligter Eifer genannt; hier ist ja so viele Gefahr, seine Abhängigkeit und sein Unvermögen zu vergessen.

Wenn es etwas zu tun gibt, was gegen eine besondere Neigung unserer Natur streitet, etwas, wozu keine Hilfsmittel, aber wohl Schwierigkeiten, vorhanden sind, da mag die Noch uns noch wohl treiben, die Dazwischenkunft des Herrn zu erstehen; – wie schnell aber sind wir geneigt, ohne das Bedürfnis nach Gnade zu fühlen, in irgendeiner Sache, wo unsere eigene Persönlichkeit ihre Einsicht und Kraft an den Tag legen kann, selbsttätig aufzutreten.

Doch, Geliebte! wenn auch für das natürliche Auge oder Ohr kein Unterschied wahrzunehmen ist, wenn auch äußerlich noch so schön scheinende Dinge hervorgebracht werden, es wird der Herr nicht verherrlicht, wenn nicht unser Wort oder unser Tun aus dem lebendigen Bewusstsein hervorgeht, dass wir von uns selbst nicht so zu reden und zu handeln vermögen, wie es vor Gott angenehm ist. Nur das geht zum Herrn zurück, was von Ihm ausgegangen ist. Wo die Gnade nicht gewirkt hat, da hat unsere Natur gewirkt, und unsere Natur ist ein für alle Mal zu Schanden gemacht. Gott hat gesehen, dass nicht einer unter uns war, der Gutes tat; wir alle erreichten die Herrlichkeit Gottes nicht. Er hat auf Kosten des Blutes seines eingeborenen Sohnes auf Golgatha angesichts aller Zeitalter und aller Geschlechter offenbart, welchen Wert der Mensch und was des Menschen ist, in den Augen Gottes hat. Und wie konnten wir uns jetzt noch einbilden, dass die Früchte eines solchen Baumes in den Augen des Heiligen von irgendwelchem Wohlgefallen sein können, dass der Herr mit dem, was von uns ist, verherrlicht werden könne. Deshalb, geliebte Brüder, fangen wir, wenn wir irgendetwas tun wollen, damit an, Gott die Ehre zu geben, indem wir Ihm von Herzen zustimmen, dass in uns keine Kraft vorhanden sei.

Hören wir auf, in diesem Hochmut, den niemand unter uns zu lernen braucht, und zu dessen Anlegung wir nicht so leicht kommen, zu verharren. Lasst uns auch tief von dem Gefühl durchdrungen sein, dass wir von uns selbst nichts anders vermögen, als dem Tod Frucht zu bringen. Wenn wir aber völlig entblößt vor Ihm stehen, dann wird Er uns ehren und seine Kraft wird in der Schwachheit offenbar werden. Und wo diese Kraft wirkt, da wird etwas zu Stand gebracht, Was vor Ihm bestehen und in seinen Augen wohlgefällig sein wird.

Welch eine Gnade, dass der Sohn Gottes, um uns von diesem Hochmut zu befreien, und um uns von der Gott wohlgefälligen Niedrigkeit ein lebendiges Vorbild zu geben, sich der Herrlichkeit Gottes, welche Er besaß und welche wir nicht erreichen konnten, entäußerte, um hier auf dieser Erde für uns arme Geschöpfe mit dem Zeugnis zu stehen: „Ich kann von mir selbst nichts tun; es sei denn, was ich den Vater tun sehe. Ich kann nichts von mir selber reden; gleich wie ich höre, also richte ich.“

Es liegt für uns eine doppelte Gnade darin. Zuerst wissen wir jetzt, dass Er für uns, und zwar vollkommen, auf diesem niedrigen Platz gestanden hat, so dass keine ängstliche Furcht, ob wir in dieser Beziehung wohl je Gott befriedigen könnten, uns niederzubeugen braucht. Und dann, wenn das Herz selbst das Bedürfnis hat, Gott zu verherrlichen, um den Segen, welcher darin liegt, zu empfangen, so sehen wir in Ihm uns den Weg angewiesen, um dazu zu gelangen. Unser Herz sei nur stets so gestellt, dass wir, gleich wie Er, bezeugen: Ich kann von mir selbst nichts tun; und wenn wir dies nicht mehr können, so lasst es uns auch nicht mehr wollen.

Weiter sehen wir in Jesu, dass wir, sobald wir wirklich unser Unvermögen erkennen, in der Verherrlichung Gottes Fortschritte machen; denn Er konnte am Ende seiner Laufbahn sagen: „Ich habe dich, o Vater, verherrlicht!“ Er war in diesem Werk allezeit überströmend. Bis zum Tod des Kreuzes war Er gehorsam; und sein Wandel war ein Wandel im Gutes tun, weil „Gnade und Wahrheit über seine Lippen ausgegossen waren.“ Aber dann auch müssen wir, wie Er, „wachen in den Gebeten“ – nicht als ob wir Gott bewegen wollten, unser weniges zu vervollständigen, sondern in der Überzeugung und mit dem Bekenntnis, dass bei uns nichts vorhanden ist. Tun wir denn auch keine glänzenden Taten, wie sie unsere Zeit so gern sieht, was liegt daran? Er, welcher ein gerechtes Urteil fällt, und welcher die zwei Pfennige, aus der Notdurft gegeben, höher schätzte, als die vielen Silberlinge ans dem Überfluss der Reichen, wird ein sanftmütiges Herz, das eine Beleidigung geduldig erträgt, mit mehr Wohlgefallen ansehen, als den, der über Land und Meer reist, um christliche Anstalten zu gründen, wozu er von Ihm nicht beauftragt ist. Lasst uns jeden Tag mit dem Bewusstsein anfangen, dass wir aus uns selbst nichts zu tun vermögen, und lasst uns in diesem Bewusstsein Tag für Tag vorangehen und zunehmen. Und wenn dies der Fall ist, so werden wir wenig verlorene Tage und verlorene Stunden haben. Wir werden dann, wenn auch das unsrige mehr und mehr hinfällt, eine Speise haben, die niemand kennt, und durch welche wir aufwachsen und zunehmen werden, wie die Mastkälber.

Weiter sagt uns nun Jesus, dass Er, welcher aus sich selbst nichts konnte, allein das verrichtete, was Er den Vater tun sah. Wir möchten nun vielleicht, gleich wie Philippus, auf das Vorrecht Jesu, der immer den Vater wirken sähe, eifersüchtig werden, und das umso mehr, da die Schrift sagt: „Niemand hat Gott je gesehen.“ Glücklich aber, dass auf dieses Wort der Schrift ein anderes folgt: „Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, hat Ihn uns kundgemacht.“ Glücklich, dass auf die Frage eines Philippus die Antwort gegeben ist: „Solange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt? Wer mich gesehen, der hat den Vater gesehen.“

So viele unserer nun zu Jesu gekommen sind, „als zu einem lebendigen Stein, von Menschen zwar verworfen, vor Gott aber auserwählt, kostbar,“ lasst uns auf Ihn sehen, wie Er uns in den Evangelien vor die Augen gemalt ist. Ehe wir etwas tun oder sprechen, lasst uns sehen, wie Jesus auf dieser Erde und in unseren Umständen handelte und sprach. Der Blick auf Jesus, hervorkommend aus dem Gefühl, dass wir von uns selbst nichts zur Verherrlichung Gottes zu tun vermögen, wird ebenso wenig ohne gesegnete Folgen sein, als das Sehen auf den Vater von Seiten Jesu, welcher, als Er einen, „der schon stinkend war,“ aus dem Grab rufen sollte, das Zeugnis vor uns ablegte: „Ich weiß, Vater, dass du mich allezeit erhörst!“

Unsere Bedürfnisse mögen sich nach unseren Umständen und Verhältnissen richten; unsere Versuchungen mögen so ganz anderer Art zu sein scheinen; aber zu unserer Beruhigung und zu unserem Trost steht geschrieben: „Der in allem gleich wie wir versucht worden ist, ausgenommen die Sünde.“ Und darum ist er jetzt auch ein Hohepriester, der stets mit unseren Schwachheiten Mitleiden haben kann.

Lasst uns denn von ihm, als Solchem, Gebrauch machen! Und ist es uns wirklich um die Verherrlichung Gottes zu tun, so werden wir erfahren, dass alle Dinge unseren Füßen unterworfen sind. Gott gebe uns unter allen Gnaden besonders diese, dass wir das ernste Wort Jesu nicht vergessen: „Außer mir könnt ihr nichts tun,“ damit wir auch, wenn wir aus Erfahrung mit dem Apostel bekennen: „Ich vermag alles in dem, der mich kräftigt!“ Ihn loben und preisen können.

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht