Botschafter des Heils in Christo 1860

Und habe ich denn nichts zu tun?

Das war der nachdrückliche und wiederholte Ausruf einer armen sterbenden Frau. Ihre Seele war in einem Zustand, der leider nicht selten gefunden wird. Und in der Hoffnung, dass die einfache Geschichte von dem Gnadenweg Gottes mit ihr,  auch vielen Anderen zum Segen gereichen möge, teile ich dieselbe mit.

Selbstbetrug ist eine gefährliche Sache und doch nicht ungewöhnlich. Und deshalb sollten wir es nie versäumen, durch einfache und treue Mitteilung der Wahrheit in der Abhängigkeit von Gott, die Seelen womöglich davon zu befreien.

Die hier erwähnte Frau hatte ihr siebzigstes Lebensjahr erreicht. Sie stand jetzt nahe am Ende ihrer langen Reise, war aber noch unwissend im Weg des Heils.

Nachdem ich einige allgemeine Fragen an sie gerichtet und mich mit dem wirklichen Zustand ihrer Seele ein wenig bekannt gemacht hatte, führten wir ungefähr folgendes Gespräch:

„Haben Sie Hoffnung von dieser Krankheit wieder geheilt zu werden?“

„O nein!“ antwortete sie. „Ich bin eine alte Frau und habe in meinem ganzen Leben viele und harte Arbeiten verrichtet. Ich kann nicht wieder geheilt werden in dieser Welt.“

„Denken Sie denn auf Ihrem Lager dort viel über die Zukunft nach?“

„O ja, das ist es, was ich jetzt tue. Ich bete fast Tag und Nacht.“

„Es freut mich, dies zu hören. Doch wollen Sie mir wohl sagen, um was Sie hauptsächlich bitten?“

„Ich flehe zu dem Allmächtigen, dass Er meine Sünden vergeben möge. Ich weiß, dass ich ihrer viele habe.“

„Sind Sie denn sehr bekümmert zu wissen, ob sie alle vergeben sind oder nicht?“

„Das bin ich in der Tat. Ich habe über nichts anderes mehr zu denken, als zu dem Allmächtigen zu flehen, dass Er mir alles vergeben möge.“

„Und glauben Sie, dass Er es tun wird?“

„O ja. Ich bin gewiss, dass mir, seitdem ich gebetet habe, schon viele meiner Sünden vergeben sind, aber ich weiß auch, dass sie mir noch nicht alle vergeben sind, deshalb fahre ich fort, zu Ihm zu beten.“

„Es ist sicher für uns arme Geschöpfe eine köstliche Sache, stets zu Gott, der uns allein helfen kann, unsere Zuflucht nehmen zu können. Doch würde es ganz verkehrt sein, wenn wir aus unseren Gebeten einen Heiland machten. Christus ist der alleinige Heiland oder Erretter von Sünden. Und denken Sie doch, für welch eine Menge haben Sie zu bitten, die Sünden von siebzig langen Jahren! Wie groß muss die Zahl sein, welche sie in dieser Zeit begangen haben! Und bedenken Sie auch, dass Sie über jede einzelne von ihnen mit Gott zu reden haben, wenn es nicht ein Anderer für Sie tut.“ Und dann frage ich Sie: „Erwarten Sie wirklich, dass Ihre Gebete Gott zufrieden stellen werden, den Sie in einer Reihe von siebzig Jahren beleidigt und gegen den Sie in all dieser Zeit gesündigt haben?“

„O nein. Ich weiß, dass der Heiland für unsere Sünden gestorben ist, und wir die Verheißung haben, dass, wenn wir bitten, auch empfangen sollen. Aber wir müssen doch darum bitten.“

„Ganz recht. Aber wie lange, denken Sie, würden Sie noch zu bitten haben, bis alle Ihre Sünden vergeben sind? Und lehrt uns nicht auch die heilige Schrift ganz ausdrücklich, dass der verlorene Sünder, wenn er in Wahrheit sein Vertrauen allein auf das Opfer Christi und nicht auf seine Gebete setzt, wirklich Vergebung hat? Und vergibt Gott einem Sünder, so tut Er es ganz und nicht halb. Wenn wir durch Glauben allein auf den Tod Jesu vertrauen, so haben wir vollkommene Vergebung, mögen wir es wissen oder nicht. Gott tut alles vollkommen.“

Die arme Frau war über diesen so wichtigen Punkt in einer traurigen Dunkelheit. Sie hörte aber mit großer Aufmerksamkeit zu und die Worte schienen einen tiefen Eindruck bei ihr zurückzulassen. Als ich ihr einige Stellen aus der heiligen Schrift vorgelesen hatte, war ihr Sinn augenscheinlich auf das Wort Gottes gerichtet und von demselben angezogen. Dies war besonders bei solchen Stellen, wie Apostelgeschichte 13,38.39 der Fall, wo der Apostel beweist, dass der Tod und die Auferstehung Christi der alleinige Grund der Vergebung ist, und dass Gott nur denen vergibt, welche in Wahrheit an Seinen Sohn glauben.“

„Und habe ich denn nichts zu tun?“ rief sie aus.

„Nein, Sie haben nichts zu tun. Nur zu glauben. Der gesegnete Jesus hat alles getan. Er hat das ganze Werk unserer Errettung vollbracht. Er hat alles getan, was Gott forderte und jetzt verlangt Gott nichts mehr von uns, als nur zu glauben, was Jesus getan hat und uns in dem vollkommenen und vollendeten Werke seines geliebten Sohnes zu erfreuen. Das Wort Gottes sagt ausdrücklich, dass wir allein durch den Glauben an den Herrn Jesum Vergebung haben, und nicht durch unsere Gebete oder sonst etwas. „So sei es euch nun kund, Brüder, dass durch diesen euch Vergebung der Sünden verkündigt wird; und von allem, wovon ihr durch das Gesetz Moses nicht gerechtfertigt werden konntet, wird in diesem jeder Glaubende gerechtfertigt“ (Apg 13,38.39).

Hier sehen Sie, dass der Apostel in der Mitte einer Versammlung von Juden zu Antiochien aufstand und allen, ohne Ausnahme, eine völlige und freie Vergebung ankündigte. Und alle in jener Versammlung, welche diese frohe Botschaft glaubten, hatten augenblicklich Vergebung und waren gerechtfertigt. Und dass sie es waren, sagte ihnen das einfache Wort Gottes. Und der Glaube an dieses Wort gab ihren Herzen auf der Stelle Trost und Gewissheit.

Beachten Sie wohl, dass der Apostel hier kein Wort vom Tun, sondern nur vom Glauben redet. Alle, die das, was er über Jesum und die Auferstehung gepredigt hatte, wirklich glaubten, hatten in demselben Augenblick Vergebung, waren gerechtfertigt und für immer errettet. Und wenn Sie jetzt dieselbe gute Botschaft glauben und auf den auferstandenen und verherrlichten Jesus allein vertrauen, so werden auch Sie vollkommene Vergebung haben und auf ewig errettet sein. Sie haben nicht nötig, bis morgen zu warten. In diesem Augenblick wird Ihnen die gute Botschaft verkündigt und in diesem Augenblick sind Sie aufgefordert, wie groß auch Ihre Sünden sein mögen, zu glauben, dass Christus für Sie gestorben und auferstanden ist und alle Ihre Sünden für immer beseitigt hat. Gott selbst erklärt, „…dass Er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist“ (Röm 3,26).“

Die Einfachheit des Evangeliums machte ihr für den Augenblick Bedenken. Und wieder rief sie mit Verwunderung und Erstaunen aus: „Und habe ich denn nichts zu tun?“

„Der Apostel sagt: Alle, welche glauben, haben Vergebung und sind gerechtfertigt. Und das ist genug. Wir dürfen nicht anders reden, wie der Apostel. Es sind Gottes eigene Worte von den Lippen seines Knechtes. Deshalb denken Sie doch nie mehr an Ihre Gebete oder sonst etwas, als ein Mittel zur Vergebung. Glauben Sie nur zuversichtlich dem Worte Gottes, preisen Sie Ihn für Seine Gabe und stehen Sie zu Ihm, dass Er Sie leiten möge, stets auf Jesum zu schauen. Setzen Sie all Ihr Vertrauen auf Ihn, und auf das Werk, welches Er für arme hilflose Sünder auf dem Kreuz vollbracht hat. „…und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde.“ (1. Joh 1,7). Sobald Sie glauben, sind Sie auch abgewaschen in dem Blut Jesu, bekleidet mit der Gerechtigkeit Gottes und für den Himmel geschickt gemacht. Die schwere Bürde Ihrer Vergehungen während der langen Reihe von siebzig Jahren, wird ganz und gar hinweggenommen sein, und Sie werden für Ihr müdes Herz in Ihm Erleichterung und Ruhe finden.“

Ehe ich sie verließ, konnte ich den Herrn für den Zustand ihrer Seele preisen. Sie war tief bewegt. Ihr Gewissen schien in dem Licht des Wortes Gottes zu sein. Als ich mich an der Tür umwandte, um ihr noch ein teilnehmendes Wort zu sagen, wiederholte sie noch einmal mit tiefer Bewegung:

„Und habe ich denn nichts zu tun?“

Dies waren die letzten Worte, welche ich von ihr hörte. Einige Tage nachher war sie in Jesu entschlafen. Sie hatte aber denen, welche sie noch besucht hatten, ernstlich bezeugt, dass sie in Betreff ihrer Annahme bei Gott nicht auf ihre Gebete rechne, sondern nur auf den Herrn Jesum Christum, den Heiland der Sünder, dessen kostbares Blut uns von aller Sünde reinigt.

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