Botschafter des Heils in Christo 1860

Die Berufung Gottes - Betrachtung der Charaktere Abrahams und Lots Teil 2/3

Kapitel 15

In dem ersten Vers dieses Kapitels finden wir etwas sehr Tröstendes und Ermutigendes – etwas, das in einem hohen Gerade geeignet ist, den Geist einer wahren Hingebung an den Herrn in volle Tätigkeit zu setzen. Wir sehen hier die Gnade des Herrn in Anerkennung und Annahme des Opfers, welches auf seinen Altar niedergelegt wird – das willige Opfer des innig ergebenen Herzens seines Dieners. Unser Gott ist weder in Anerkennung solcher Dinge, noch in der mehr als hundertfachen Belohnung derselben jemals langsam. Abram hatte soeben einen Geist der Selbstverleugnung kundgegeben, indem er das lockende Anerbieten des Königs von Sodom zurückwies. Er hatte es entschieden abgelehnt, sich aus einer solchen Quelle zu bereichern und hatte den allerhöchsten Gott für sein Teil und seinen Lohn erwählt; deshalb tritt jetzt der Herr hervor, um die Seele seines Knechtes mit diesen Worten zu stärken: „Fürchte dich nicht, Abram; ich bin dein Schild, und dein sehr großer Lohn“ (Kap 15,1). „Gott ist nicht ungerecht, eures Werkes ... zu vergessen“ (Heb 6,10). Ähnliches haben wir ja schon im 13. Kapitel gesehen, als Er dem Lot im Betreff der Wahl des Landes nachgegeben hatte. Abram war nur für die Ehre des Herrn besorgt, welche vor den Augen der Kanaaniter und Peresiter nur durch einen friedlichen, einträchtigen Wandel aufrechterhalten werden konnte: „Lieber, lass nicht Zank sein zwischen mir und dir … denn wir sind Gebrüder“ (Kap 13,8). Auch sucht Abram nicht dadurch den Streit zu beendigen, dass er den Lot zur Nachgiebigkeit zwingt; nein, er ist Willens dies selbst zu tun; er ist bereit, jeden Anspruch aufzugeben und jeden Vorteil fahren zu lassen, damit der Streit ein Ende habe. „Steht dir nicht alles Land offen?“ Nimm, was dir gefällt, setze dich in den Besitz des schönsten Striches der ganzen Umgegend. Hier sehen wir die Freigiebigkeit und die Uneigennützigkeit des Glaubens. Was war für Abram das Land im Vergleich zu der Herrlichkeit des Herrn? Nichts. Er konnte alles dafür hingeben. Und wie nimmt der Herr diese Selbstopferung seines Knechtes auf? Er kommt ihm, wie wir hier in Kapitel 15 sehen, mit der ganzen Fülle seiner Güte entgegen, um es ihm hundertfältig zu ersetzen. „Hebe deine Augen auf … denn alles Land, das du stehst, will ich dir geben und deinem Samen ewiglich“ (Kap 13,14–15). Wie wunderbar gnädig ist der Herr! Zuerst befähigt er seinen Diener, Ihm ein Opfer zu bringen und dann belohnt Er ihn für dieses Opfer mit noch größeren Segnungen. Dies sind seine Wege – seine stets anbetungswürdigen Wege!

Wir haben jetzt Gelegenheit, in Abram der Enthüllung eines Zuges zu folgen, der auf eine ganz besondere Weise von der hohen Ordnung seiner Gemeinschaft mit Gott Zeugnis gibt. Nach allen Offenbarungen und Verheißungen, welche Gott ihm gegeben hatte, trachtete seine Seele immer noch nach einem Gegenstand, ohne welchen alles andere unvollkommen blieb. Es ist wahr, er hatte mit dem Auge des Glaubens das verheißene Erbteil überschaut – die herrliche Gabe des göttlichen Wohlwollens; aber dessen ungeachtet blieb noch ein großer Wunsch – eine bedeutende Lücke. Er seufzte nach einem Sohn. Ein Sohn allein konnte nach Abrams Meinung alle seine früheren Vorrechte vollkommen machen. „Und Abram sprach: Herr, Herr, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder; und meines Hauses Besitzer wird sein dieser Elieser von Damaskus. Und Abram sprach weiter: Mir hast du keinen Sohn gegeben; und siehe, der meines Gesindes ist, soll mein Erbe sein“ (Kap 15,2–3). Wir haben, indem wir den Pfad dieses merkwürdigen Mannes verfolgten, zu verschiedenen Zeiten edle Charakterzüge hervorstrahlen sehen. Seine Großmut, die Erhabenheit seines Gemüts – sein treues Verhalten als Pilger – kurz alles zeigt uns einen Mann von hoher Würde; aber ich trage kein Bedenken, zu sagen, dass der Zustand seiner Seele in dem vorliegenden Fall noch mehr mit dem Geist des Himmels im Einklang war, als in all den vorhergehenden. Abram wünschte sein Haus durch das Rufen eines Kindes belebt zu sehen. Er war schon lange mit dem Geist der Knechtschaft durch den „Verwalter seines Hauses“ vertraut gewesen; aber die Titel: Herr und Meister, obgleich vortrefflich in ihrer Art, konnten sein Herz nicht befriedigen; denn Abram war von Gott unterwiesen, und Gott unterweist seine Kinder stets in dem, was Er selbst liebt und was Er in seiner Handlung gegen sie an den Tag legt. Dies tritt uns so lieblich in Lukas 15, im Gleichnis vom verlorenen Sohn, entgegen. Inmitten seines Elends sagte dieser bei sich selbst: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater! ... „ Ein schöner Zug in dem Charakter dieses armen Wanderers! Er kannte die Gnade dessen, gegen welchen er gesündigt hatte, und darum konnte er trotz der Empörung und Torheit, in welcher er solange gelebt hatte, noch „Vater“ sagen.

Lasst uns wohl bemerken, mit welcher Bestimmtheit Abram die großen Grundsätze festhält, welche später der Heilige Geist in Römer 8 ausführlich hervorbringt. „Wenn aber Kinder, so auch Erben.“ Abram fühlte wohl, dass Kindschaft und Erbschaft unzertrennlich miteinander verbunden waren, dass ohne das Erstere das Letztere nicht sein konnte. Dies ist der Sinn seiner Frage: „Herr, Herr, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder; und meines Hauses Besitzer wird sein dieser Elieser von Damaskus.“ Abram urteilte ganz richtig, dass, wo kein Samen, auch kein Erbteil sei; denn es steht nicht geschrieben: Wenn aber Verwalter oder Knechte, so auch Erben, sondern, „wenn aber Kinder, so auch Erben“ (Röm 8,17). O wie wichtig ist es, stets daran zu denken, dass alle unsere Vorrechte in der Gegenwart und alle unsere Aussichten in der Zukunft mit unserem Charakter „als Söhne“ ganz unzertrennlich verbunden sind! Es mag in der Tat ganz gut und sehr schätzbar sein, wenn wir unsere Verantwortlichkeit, als „treue und kluge Haushalter“ zu handeln, verwirklichen; allein die größten Vorrechte, die höchsten Erquickungen, die glänzendsten Herrlichkeiten, welche durch die Gnade und Barmherzigkeit Gottes unser Teil sind, stehen auf das innigste mit unserem Charakter und unserer Stellung „als Söhne“ in Verbindung (vgl. Joh 1,12; Röm 8,14 19; 1. Joh 3,1 3; Eph 1,5; 5,1; Heb 7,5).

In dem Gesicht, welches uns am Ende des Kapitels vorgestellt wird, und welches die Frage Abrams: „Herr, Herr, wobei soll ich es merken, dass ich es besitzen werde?“ (V 8) beantwortet, haben wir eine weitere Belehrung über Römer 8. Abram lernte durch dieses Gesicht, dass das Erbteil nur durch Leiden erlangt werden konnte – dass die Erben, ehe sie zum Genuss dessen, was Gott für sie bereitet hatte, gelangen konnten, zuvor im Feuerofen geläutert werden mussten; und ich zweifle nicht, dass, wenn wir tiefer und erfahrungsmäßiger in dem göttlichen Licht unterrichtet wären, wir besser verstehen würden, wie geeignet eine solche Erziehung ist. Das Leiden ist in diesem Kapitel nicht mit der Kindschaft, sondern mit der Erbschaft verbunden; und ebenso werden wir in Römer 8 belehrt: „Wenn aber Kinder, so auch Erben, – Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir anders mit Ihm leiden, auf dass wir auch mit Ihm verherrlicht werden“ (V 17). Wiederum: „Wir müssen durch viele Trübsal in das Reich Gottes eingehen“ (Apg 14,22). Am völligsten finden wir es in der Person des Herrn Jesus selbst dargestellt. Er nahm die Stelle eines Sohnes ein und erfreut sich derselben „ehe die Welten waren“ (Spr 8); allein bevor Er sein Erbteil in Besitz nehmen konnte, musste Er leiden. Er musste mit einer Taufe getauft werden, und wie war Er beengt, bis sie vollendet war. Ebenso als Er des „Weizenkorns“ erwähnte, welches in die Erde fallen muss, wenn es nicht allein bleiben soll. Wir sollen Ihn zuerst in „der Gemeinschaft seiner Leiden“ kennen, ehe wir Ihn in „der Gemeinschaft seiner Herrlichkeit“ kennen können. Darum hatte die in der Offenbarung, Kapitel 7, erwähnte „Volksmenge, welche Palmzweige in ihren Händen hatten,“ durch große „Trübsale“ zu gehen, ehe sie ihre friedliche, himmlische Heimat erreichen konnte. Viele andere Schriftstellen geben Zeugnis hiervon; doch will ich hier nur folgende erwähnen: Phil 1,29; 1. Thes 3,4; 2. Thes 3,5; 1. Tim 4,10; 2. Tim 2,12; 1. Pet 5,10

Es gibt in diesem merkwürdigen Gesicht zwei Punkte, die in der ganzen nachherigen Geschichte Israels hervorragen, und welche unsere besondere Aufmerksamkeit verdienen. Ich meine nämlich „den rauchenden Ofen und die brennende Lampe (Feuerflamme)“ (V 17). Man könnte fast sagen, dass die Geschichte Israels in diesen zwei Worten: „dem rauchenden Ofen und der brennenden Lampe“ zusammengefasst sei. Ägypten war für den Samen Abrams ein versuchungsreicher Ofen. Dort brannte das Feuer in wilder Glut; aber die brennende Lampe der Befreiung Gottes folgte bald darauf. Der Schrei des leidenden Samens war hinaufgedrungen in das Ohr Jehovas. Er hatte ihre Seufzer gehört lind ihre Leiden gesehen, und war herniedergekommen, um über ihren Häuptern die Lampe des Heils erscheinen zu lassen. „Ich bin herniedergekommen, um sie zu befreien“, sagte Er zu Mose. Satan mochte seine Freude daran haben, das Feuer im Ofen zu schüren und dessen Glut zu vermehren; der segensreiche Gott aber hat stets seine Wonne daran, die Strahlen seiner Lampe auf den dunklen Pfad seiner leidenden Erben fallen zu lassen. Als Jehova sie in der Treue seiner Liebe in das Land Kanaan gebracht hatte, wo sie durch ihre Sünden und Ungerechtigkeiten so oft wieder das Feuer im Ofen anfachten, da erweckte Er ihnen immer aufs Neue einen Befreier in der Person der Richter, welche ebenso viele Befreiungslampen für sie waren. Selbst später, als sie nach vermehrter Empörung in den Ofen, welcher in Babylon für sie geheizt war, geworfen wurden, bemerken wir bald den Schimmer der „brennenden Lampe“, welcher zuletzt nach dem Beschluss des Kyrus zu ihrer vollkommenen Befreiung hervorstrahlte. Der Herr brachte immer die oben genannte Wahrheit bei den Kindern Israel in Erinnerung. Er sagt zu ihnen: „Der Herr aber hat euch angenommen und euch aus dem Eisenofen aus Ägypten geführt“ (5. Mo 4,20; 1. Kön 8,51). Wiederum: „Verflucht sei, wer nicht gehorcht den Worten dieses Bundes, den ich euren Vätern gebot des Tages, da ich sie aus Ägyptenland, aus dem Feuerofen führte!“ (Jer 11,3–4)

Noch möchten wir fragen: Leidet der Samen Abrams jetzt in dem Feuerofen oder erfreut er sich der Lampe Gottes? – denn er muss das eine oder das andere erfahren. Es ist offenbar, dass er jetzt noch im Feuerofen leidet. Sie sind über die ganze Erde zerstreut, sie sind zu einem Sprichwort geworden und werden unter allen Nationen verachtet und verspottet. Wir sehen sie in dem Feuerofen; aber die Lampe der Befreiung wird, wie immer, sicher folgen: „Und also wird ganz Israel errettet werden, wie geschrieben steht: Es wird aus Zion der Erretter kommen, und wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden“ (Jes 59,20–21; Röm 11,26).

Wir sehen also, wie die ereignisvolle Geschichte des Volkes mit dem rauchenden Feuerofen und der brennenden Lampe, welche in dem Gesicht Abrams gesehen wurden, in der genauesten Verbindung steht. Wir sehen das Volk entweder der Sünde wegen in dem „Ofen der Trübsal“ oder im Genuss der Früchte der Erlösung Gottes; und selbst jetzt, wo sie, wie schon bemerkt, offenbar in dem Feuerofen sind, können wir von der Erfüllung der so oft wiederholten Verheißung Gottes gewisses Zeugnis ablegen. „Und seinem Sohn will ich einen Stamm geben, auf dass David, mein Knecht, vor mir eine Leuchte habe allezeit in Jerusalem, der Stadt, die ich mir erwählt habe, dass ich meinen Namen dahinstelle“ (1. Kön 11,36). Es könnte gefragt werden: Wo scheint diese Lampe jetzt? Nicht auf der Erde; denn Jerusalem, der Ort, wo sie auf der Erde dargestellt war, ist von den Heiden zertreten; aber das Auge des Glaubens kann ihren Schein mit ungetrübter Klarheit droben, „in der wahren Stiftshütte,“ schauen, wo sie fortfahren wird zu scheinen, bis die Fülle der Nationen eingegangen ist; und dann, wenn der Feuerofen, durch Israels großen Vorfahren in diesem Kapitel im Gesicht gesehen, zur höchsten Glut gesteigert – wenn das Blut der Stämme Israels wie Wasser um die Wälle Jerusalems fließen wird, ja dann, sage ich, wird die segensreiche Lampe, aus dem Ort droben, wo sie jetzt scheint, hervorleuchten und ihre erfreuenden Strahlen auf den dunklen Pfad des unterdrückten und leidenden Überrestes hernieder werfen und die so vielfach vergessenen Worte in Erinnerung bringen: „O Israel, du hast dich selbst verdorben; aber in mir ist deine Hilfe.“ 1

Kapitel 16 und 17

Diese beiden Kapitel zeigen uns die Anstrengung Abrams, um den verheißenen Samen zu erhalten, indem er der Stimme seines Weibes gehorchte; und dann sehen wir weiter die Art und Weise, wie Gott ihn über die Nutzlosigkeit einer solchen Anstrengung, welche auf eine bloße Energie der Natur gegründet war, belehrt.

Beim Beginn der Laufbahn Abrams finden wir seinen Glauben durch eine Hungersnot auf die Probe gestellt; aber hier finden wir ihn in einer ganz anderen Weise geprüft, in einer Weise, die eine weit höhere Übung des Glaubens und der geistlichen Kraft in sich schloss. „Sein eigener, schon erstorbener Leib und der erstorbene Mutterleib der Sarai“ mussten, obgleich er sie im Grunde „nicht ansah“, einen nicht geringen Einfluss auf sein Gemüt ausgeübt haben. Und wie sich ihm, um der Hungersnot zu entgehen, in Ägypten ein Zufluchtsort darbot, so auch hier in „einer ägyptischen Magd“ – eine von jenen Dienstmägden, welche er ohne Zweifel während seines Aufenthalts in jenem bösen Land bekommen hatte. Diese wurde ihm jetzt, in einer Zeit, wo er in Betreff des verheißenen Samens in Sorge war, zur Aushilfe dargeboten. Und Abram gehorchte der Stimme Sarais. Aber wie kam es, dass das Element der Knechtschaft in seinem Haus Eingang fand? Warum wurde dem Herzen Abrams der Gedanke „an die Magd und ihren Sohn“ nicht ebenso schwer, als ihm der Gedanke an den Verwalter seines Hauses geworden war? Stand die Frage: „Herr, was willst du mir geben?“ nicht ebenso völlig mit dem einen als mit dem anderen in Verbindung? Sicher war es der göttlichen Haushaltung, das Erbteil dem Samen einer Magd zu geben, ebenso entgegen, als es einem Knecht zufallen zu lassen. In jedem Fall wäre es eine Bewilligung der Ansprüche der Natur gewesen, was aber nicht sein kann.

Die Grundsätze, welche diese Handlung Abrams in sich schließt, sind in der vom heiligen Geist eingegebenen Auslegung in dem Brief an die Galater ganz offen dargestellt. Wir lesen daselbst: „Abraham hatte zwei Söhne, einen von der Magd, und einen von der Freien aber der von der Magd ist nach dem Fleisch geboren, und der von der Freien durch die Verheißung, welches eine bildliche Bedeutung hat. Denn diese sind zwei Bündnisse, eines vom Berg Sinai, zur Knechtschaft gebärend, welches Hagar ist. Denn Hagar ist der Berg Sinai in Arabien, entspricht aber dem jetzigen Jerusalem; denn sie ist mit ihren Kindern in Knechtschaft“ (Gal 4,22–26). Die Versammlungen in Galatien waren von der Einfachheit und Freiheit in Christus abgelenkt worden, und waren zu „dem Fleisch“ zurückgekehrt. Sie hatten begonnen, an die Stelle der Energie des Geistes Christi religiöse Zeremonien zu setzen. Daher kommt es, dass der Apostel im Lauf der Besprechung ihrer traurigen Abweichung auf die Sache hindeutet, welche in unserem Kapitel vorkommt. Es ist aber unnötig, bei der Art und Weise, in welcher er ihnen dieselbe auseinandersetzt, länger zu verweilen. Dieser Schritt Abrams konnte nur Knechtschaft gebären. Er brachte ein ungesundes und unglückliches Element in sein Haus – ein Element, welches er, wie wir später sehen werden, ausschließen musste, ehe er den höchsten Punkt der Erhabenheit in seiner Laufbahn erreichen konnte.

In Kapitel 17 wird uns das Heilmittel Gottes dargestellt; und es ist überaus tröstlich für uns, wie der Gesegnete sofort eintritt, um seinen Knecht zu der einfachen, jedoch schwierigen Stellung des Glaubens zu Ihm zurückzuführen – einfach, weil darin nur ein Gegenstand uns in Anspruch nimmt, – schwierig, weil wir darin gegen die Wirkungen eines bösen und ungläubigen Herzens, welches uns von dem lebendigen Gott abzuführen sucht, zu kämpfen haben. „Als nun Abram neun und neunzig Jahr alt war, erschien ihm der Herr und sprach zu ihm: Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir, und sei fromm“ (Kap 17,1). Dies war das wirksame Heilmittel für alle ungeduldigen Sorgen. „Ich bin der Allmächtige“ – ich kann „die Toten lebendig machen“ – ich kann „das Nichtseiende rufen als seiend“ – ich kann dir, wenn es nötig ist, aus Steinen Kinder erwecken – aber kein Fleisch wird sich in meiner Gegenwart rühmen. „Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir, und sei fromm.“

Es ist vielleicht einer der schönsten Grundsätze, womit wir uns beschäftigen können, dass Gott in den Bedürfnissen seines Volkes stets in der Mannigfaltigkeit seiner Vollkommenheiten erlernt sein will. Wir haben dies schon bei Abram in Kapitel 14 gesehen, als der König von Sodom ihm die Güter anbot. In dieser Versuchung kam ihm die Erkenntnis zu Hilfe, welche er von dem Charakter Gottes, als dem „höchsten Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde,“ hatte. Der Charakter der Gemeinschaft, in welche Melchisedek die Seele Abrams führte, war den Umständen, in welchen er sich befand, angemessen; gerade so ist es hier im 17. Kapitel. Die Gemeinschaft mit Gott, als „dem Allmächtigen,“ war das einzige Heilmittel gegen die unruhige Sorge in Betreff der Erfüllung irgendeiner Verheißung. Wenn aber der Herr selbst sich in seinem Charakter als „Allmächtiger“ kundgibt, da kann den Strom seiner Gnade nichts aufhalten; denn, wenn die allmächtige Kraft und die allmächtige Gnade für einen Sünder sich vereinigen, da darf der Glaube auf eine reiche und überströmende Ernte rechnen. Deshalb sind die Verheißungen, mit welchen dies Kapitel angefüllt ist, gerade so, wie wir sie nur erwarten können. „Und will dich sehr, sehr fruchtbar machen, und will dich zu Völkern machen, und sollen Könige von dir kommen. Und ich will aufrichten meinen Bund zwischen mir und dir, und deinem Samen nach dir, auf ihre Geschlechter, zum ewigen Bunde, dass ich dein Gott sei, und deines Samens nach dir. Und will dir und deinem Samen nach dir geben das Land deiner Wallfahrt, das ganze Land Kanaan, zu ewiger Besitzung; und will ihr Gott sein“ (V 6–8). Dies sind in der Tat Verheißungen, welche die allmächtige Gnade allein auszusprechen und die allmächtige Kraft allein zu erfüllen vermag.

Die oben erwähnten Verheißungen stehen mit dem Bund der Beschneidung in Verbindung; und sind besonders wichtig, wenn man sie mit den Anstrengungen Abrams, den Samen auf eine andere Weise als durch die Wirkung der Macht Gottes zu erlangen, in Zusammenhang bringt. Es würde sicher gesegnet sein, bei dieser Lehre von dem Bund der Beschneidung noch ein wenig länger zu verweilen; allein meine Absicht bei der Betrachtung dieser Geschichte ist keineswegs, dieselbe als einen Lehrsatz zu behandeln, sondern nur einige wichtige Grundsätze von entschieden praktischer Tendenz, womit dieses Kapitel angefüllt ist, hervorzuhebend. 2

Ehe ich meine Bemerkungen über diesen Teil unserer Betrachtung schließe, möchte ich noch hinzufügen, dass der Glaube allein uns befähigen kann, den Verheißungen des allmächtigen Gottes, gleich dem Abram, Gehör zu geben; und wenn der Glaube hört, so wird Gott sicher fortfahren zu reden. Der Name „Abram“ wird hier in „Abraham“ verwandelt; und der Herr enthüllt seinem Blick die zukünftige Größe und Menge seines Samens, während Abraham mit einem Glauben, der nichts in Frage stellt, zuhört. Als aber der allmächtige Gott in Bezug auf Sarai fortfährt und sagt: „– Und Gott sprach abermals zu Abraham: du sollst dein Weib Sarai nicht mehr Sarai heißen, sondern Sarah soll ihr Name sein. Denn ich will sie segnen, und auch von ihr will ich dir einen Sohn geben; denn ich will sie segnen, und sie soll zu Völkern werden, und Könige über Völker sollen aus ihr kommen“ (V 15–16) – da wird er durch das Unterpfand einer solch wunderbaren Macht und Gnade, welche an ihm ausgeübt werden soll, ganz überwältigt. Es übertraf alles, was er bis dahin erfahren hatte, „und Abraham fiel auf sein Angesicht.“ Dies ist sehr lehrreich. Abraham mit seinem Angesicht im Staub, überwältigt durch die Fülle der allmächtigen Kraft und Gnade! Wahrlich, bei Betrachtung eines solchen Schriftabschnittes müssen wir ausrufen: Der Glaube allein ist vermögend, mit dem „allmächtigen Gott“ zu verkehren; der Glaube allein ist fähig, Ihm seinen rechten Platz zu geben und Ihn zu verehren, wie Er geehrt werden sollte. Wenn der Glaube sich offenbart, dann muss das Ich ausgeschlossen sein; deshalb sehen wir, wie Abraham in diesem allen bei Seite gesetzt wird, wie Sarah verschwindet, und wie „die Magd und ihr Sohn“ für jetzt dem Blick völlig entzogen werden. Nichts wird gesehen als der „allmächtige Gott“ in der Unumschränktheit und Fülle seiner Gnade und Macht und dann der Glaube, der über einer solchen Enthüllung der göttlichen Herrlichkeit in schweigender Anbetung in den Staub sinkt.

Wie verschieden ist dies von dem vorhergehenden Kapitel! Da finden wir Abraham wie er den Eingebungen Sarais, seines Weibes, in Betreff der Magd, Gehör gibt – hier finden wir ihn, wie er auf die Stimme Jehovas, als den „Allmächtigen,“ horcht, welcher den „erstorbenen Mutterleib der Sarah“ lebendig machen will – der „das Nichtseiende ruft als seiend,“ auf dass sich in seiner Gegenwart kein Fleisch rühme. Dort ist es Abram und Sarai ohne Gott – hier ist es Gott ohne Abram und Sarai. Mit einem Wort, dort ist es das Fleisch, hier ist es der Geist, dort das Auge, hier der Glaube. Wunderbarer Gegensatz! Genau übereinstimmend mit dem, was nachher der Apostel den Versammlungen in Galatien vorstellt, als er sie von den bösen Einflüssen „der schwachen und armseligen Elemente“ des Fleisches und der Welt zu der vollen Freiheit, womit Christus sie freigemacht hatte, zurückzubringen suchte. Kapitel 18 und 19

Ich stelle diese zwei Kapitel zusammen, weil sie uns, wie die vorhin betrachteten, einen Gegensatz darstellen – einen überaus grellen und augenscheinlichen Gegensatz zwischen der Stellung, welche Abraham im 18. und Lot im 19. Kapitel einnimmt.

Als der Herr Jesus von Judas, nicht dem Iskariot, befragt wurde: „Und was ist es Herr, dass du dich uns offenbar machen willst und nicht der Welt?“ erwiderte Er: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“ (Joh 14,23). Wiederum: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür auftut, zu dem werde ich hineingehen und auch das Abendbrot mit ihm essen und er mit mir“ (Off 3,20). Es gibt uns nun Abraham ein überaus schönes Beispiel von der Wahrheit, welche in den oben angeführten Stellen enthalten ist. „Und der Herr erschien ihm im Hain Mamre, da er saß an der Tür seiner Hütte, da der Tag am heißesten war“ (Kap 18,1). Hier finden wir Abraham wieder in völliger Darstellung seines Fremdlingscharakters. Mamre und das Zelt sind in unserem Gemüt mit dem Tag seines Triumphs über den König von Sodom verbunden. Abraham ist stets ein Fremdling und Pilger, in Zelten wohnend. Die Offenbarung, welche ihm der lebendige Gott gemacht hatte, änderte in dieser Beziehung seinen Charakter nicht, sondern gab demselben vielmehr frische Kraft und Energie. Die einfache Abhängigkeit von der Verheißung des allmächtigen Gottes war das wirksamste Mittel, ihn in seiner Stellung als Fremdling zu erhalten.

Es ist nun höchst lehrreich, die Ehre zu sehen, welche auf den Charakter und die Stellung des Fremdlings gelegt wurde. Auf der ganzen weiten Erde war nur ein Ort, wo der Herr die Gastfreundschaft entgegennehmen und sich heimisch niederlassen konnte, und dies war in dem Zelt „eines Pilgers und Fremdlings.“ Der Herr würde die prachtvollen Hallen und die fürstlichen Paläste Ägyptens nicht mit seiner Gegenwart beehren. O nein; alle seine Sympathien, alle seine Gefühle hingen an dem Fremdling zu Mamre, an dem Einen, der inmitten einer bösen, versunkenen Welt sich damit begnügen konnte, dass Gott sein Teil war. Welch eine Zeit der Freude muss es für Abraham gewesen sein, während jene himmlischen Gäste bei ihm verweilten und die Gaben seines großmütigen Herzens entgegennahmen. Siehe! wie er alle Kräfte seines Hauses in Tätigkeit setzt, um seinen Gästen Ehre zu erweisen. Er eilt vom Zelt auf das Feld und vom Feld zurück in das Zelt, und scheint über der Sorge, andere zu beglücken, sich selbst zu vergessen. Es ist aber nicht allein durch die Teilnahme an Abrahams Gastfreundschaft, dass der Herr seine hohe Achtung gegen ihn ausdrückt, sondern Er erneuert auch seine Verheißung in Bezug auf den Sohn und eröffnet ihm seinen Ratschluss in Betreff Sodoms. „Wie kann ich,“ sagte Er, „Abraham verbergen, was ich tue? Sintemal er ein großes und mächtiges Volk werden soll und alle Völker auf Erden in ihm gesegnet werden sollen. Denn ich erkenne ihn, dass Er wird befehlen seinen Kindern, und seinem Haus nach ihm, dass sie des Herrn Weg bewahren, und tun, was recht und gut ist; damit der Herr auf Abraham kommen lasse, was er ihm verheißen hat“ (V 17–19). Hier sehen wir Abraham als den Freund Gottes. „Der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut;“ aber Abraham wurde mit dem, was der Herr an Sodom tun wollte, bekannt gemacht, während Lot, für den das ergreifende Ereignis doch von so großer Wichtigkeit war, in völliger Ungewissheit gelassen wurde. Welchen Gebrauch aber machte Abraham von dieser begünstigten Stellung? Suchte er sein eigenes Haus zu befestigen und die zukünftige Wohlfahrt desselben besser zu begründen? Gewiss, das natürliche Herz würde es ihm sogleich eingegeben haben, einen solchen Gebrauch von seinem vertrauten Umgang mit Jehova zu machen. Aber tat er es? Nein. Abraham war zu sehr mit den Wegen Gottes vertraut, als dass er auf solch eine selbstsüchtige Weise einer herzlosen Welt hätte handeln können. Aber auch selbst dann, wenn er an so etwas gedacht hätte, brauchte er es mit keiner Silbe zu erwähnen; denn der „allmächtige Gott“ hatte sein Herz in Betreff der ewigen Wohlfahrt seines Hauses reichlich befriedigt. Er hatte dieselbe auf eine solche Grundlage festgestellt, dass ein beunruhigender Gedanke nur den vollständigen Mangel an moralischer Ordnung in der Seele Abrahams bewiesen hätte. Deshalb hegt er in Bezug auf sich selbst oder sein Haus, nicht den geringsten Gedanken, sondern wie ein wahrer Gläubiger, benutzt er seine Stellung in der Gegenwart Gottes, um Fürbitte für einen Bruder zu tun, den sein Weltsinn geleitet hat, inmitten einer Stadt, die zu immerwährender Verwüstung bestimmt war, seinen Wohnsitz zu suchen. „Und Abraham trat zu ihm und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen wegraffen?“ Den Gerechten! An wen mag er denken? Kann es der Mann sein, der mit vollem Bewusstsein den Pfad des Glaubens verlassen und seinen Wohnsitz in Sodom aufgeschlagen hatte? – Ja; er spricht von Lot – er nennt ihn „den Gerechten“ – er spricht in denselben Ausdrücken von ihm, wie später der Heilige Geist durch den Mund des Apostels Petrus, welcher ihn eine „gerechte Seele“ nannte. Abraham war daher von Gott belehrt, als er in dem Mann in der Mitte des Verderbens von Sodom eine gerechte Seele erkennen konnte. 3

Ich bezweifele nicht, dass jeder von Gott Unterrichtete zugeben wird, dass das Verhalten Abrahams in diesem Kapitel uns eins der wichtigsten Resultate eines heiligen, von der Welt abgesonderten Wandels darstellt. Wir finden darin einen Mann, der für einen, der sich von ihm abgewandt und Sodom zu seinem Wohnort erwählt hat, auf das dringendste Fürsprache einlegt. Wie musste sein Herz so völlig über dem Sichtbaren stehen, dass er „den Streit“ und die Trennung, die Weltliebe und das Böse – ja, dass er dies alles in Lot vergessen und für ihn, als für eine „gerechte Seele“ Fürbitte tun konnte. Wenn Abraham unter anderen Umständen und in anderen Szenen als Freund Gottes erscheint, so sehen wir ihn sicherlich hier als ein Kind Gottes jene Grundsätze, welche er in Gemeinschaft mit seinem himmlischen Vater gelernt hatte, auf das lieblichste ausüben.

Wir wollen jetzt den Abraham für einen Augenblick in der Freude seiner glücklichen Stellung vor dem Herrn lassen und die letzte traurige Szene in dem Leben dessen betrachten, welcher die Güter dieser Welt höher zu schätzen schien, als mit dem Charakter „eines Fremdlings und Pilgers“ oder einer „gerechten Seele“ in Übereinstimmung zu sein. Seit seiner Trennung von Abraham, der seitdem von Kraft zu Kraft voran zu schreiten scheint, scheint Lot im Gegenteil von einer Schwachheit zur anderen abwärts zu gehen, bis er endlich als ein solcher dasteht, der an allem Schiffbruch gelitten und kaum mit seinem Leben davongekommen ist. Der Verlust aller seiner Habe in dem Kampf der „vier Könige mit den fünf“ scheint für Lot wirkungslos geblieben zu sein. Er erkennt das Übel, mit und in der Welt zu leben, nicht; im Gegenteil scheint er nach dieser Begebenheit noch tiefer im Weltsinn versunken zu sein; denn zuvor hatte er seine Hütten „nach Sodom hingerichtet“ (Kap 13,13); aber jetzt finden wir ihn „im Tor sitzend“ (Kap 19,1), was in jener Zeit ein Ehrenplatz war. Wenn jemand seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückschaut, so wissen wir aus dem Mund dessen, der sich nicht irren kann, dass er für das Reich Gottes nicht geschickt ist. Auch ist es unmöglich, zu berechnen, wie weit ein Mensch weggeschleudert werden kann, wenn einmal die Welt in irgendeiner ihrer mannigfachen Formen von seinem Herzen Besitz genommen oder wenn er einmal dem Volk Gottes seinen Rücken gewandt hat. Der furchtbare Abfall, wovon in Hebräer 10 die Rede ist, und welcher so weit gehen kann, dass der Sohn Gottes mit Füßen getreten wird, kann in einer scheinbar einfachen Handlung, in dem Versäumen unseres Zusammenkommens usw. seinen Anfang haben. Wie nötig ist es deshalb, bei unseren Wegen auf der Hut zu sein, und alle Zugänge des Geistes und des Herzens zu bewachen, damit nicht irgendein Übel, vielleicht unbedeutend in sich selbst, aber höchst verderblich in seinen Folgen, Gewalt über uns gewinne.

Es scheint mir, dass wir in den Umständen, die uns im Anfang des 19. Kapitels dargestellt sind, den deutlichsten Beweis von dem gesunkenen Zustand Lots erkennen. Der Herr erscheint gar nicht. Er bleibt in einiger Entfernung von diesem unheimlichen Orte. Er sendet seine Engel, um seinen Befehl in der verdorbenen Stadt Sodoms zu vollziehen. Auch die Engel geben alle Zeichen der Zurückhaltung und des Fremdseins; sie weigern sich, das Anerbieten Lots, in sein Haus einzukehren, anzunehmen, indem sie sagen: „Nein, sondern wir wollen auf der Gasse übernachten“ (Kap 19,2). Nachher, es ist wahr, treten sie in sein Haus ein; aber nicht so sehr, um sich selbst zu erfreuen und zu erfrischen, sondern vielmehr, um den schlimmen Folgen von Lots schlechter Stellung entgegen zu treten. Wie verschieden war die Szene im Haus Lots von der, welche wir kurz vorher im Zelt des Fremdlings zu Mamre gesehen haben. Der Lärm der Männer von Sodom, welchen Lot trotz ihres gottlosen Treibens und ihrer gottlosen Worte, den Titel „Brüder“ beilegt – die offenbare Verlegenheit Lots, in einer solch Peinlichen Lage gesehen zu werden – der Abscheu erregende Vorschlag, den er machen muss, um seine Gäste vor der Gewalt der gottlosen Männer Sodoms zu schützen – der Kampf an der Tür und die Gefahr Lots – kurz alles dieses muss die himmlischen Fremdlinge sehr betrübt haben, und es stand auch im traurigsten Gegensatz zu dem heiligen Frieden und der stillen Zurückgezogenheit des Zeltes Abrahams, sowie zu dessen ruhiger und würdevoller Haltung während der ganzen Szene. Wohl mochten die Engel sich wundern, an einem solchen Orte eine gerechte Seele zu finden, da er mit seinem Bruder, von dem er sich getrennt hatte, die heiligen und stillen Freuden eines beständigen, friedliebenden Wandels hätte genießen können.

Es war jetzt die Zeit gekommen, wo die Schale des Zornes Gottes über Sodom ausgegossen werden sollte. „Und die Männer sprachen zu Lot, hast du noch jemand hier ... den führe aus dieser Stätte. Denn wir werden diese Stätte verderben“ (V 12–13). Der verhängnisvolle Augenblick, den der Herr Jesus in dem Evangelium mit dem feierlichen Wörtchen „Bis“ (Lk 17,25) bezeichnet, war nun über die leichtsinnigen Bewohner Sodoms hereingebrochen, welche nicht im Geringsten daran dachten, dass es mit ihrem Essen und Trinken, mit ihrem Kaufen und Verkaufen, mit ihrem Heiraten und Verheiratet werden ein plötzliches Ende nehmen könnte. Es war ihnen nur noch eine kurze Frist gegeben, in welcher Lot seine Schwiegersöhne warnen und von dem herannahenden Gericht zeugen konnte. Aber ach! welches Gewicht konnte das Zeugnis eines Mannes haben, der sich freiwillig unter sie begeben und sich unter denen niedergelassen hatte, die von ihrer frühesten Jugend an inmitten dieses gottlosen Treibens gewesen waren! Wie konnte Lot erwarten, dass seine Worte irgendwelchen Eingang finden würden, da sein eigener Wandel in offenbarem Widerspruch damit gewesen war. Er mochte jetzt mit erschrecktem Angesicht und ernstem Bitten sie antreiben, einen Ort zu verlassen, der zu fortwährender Zerstörung bestimmt war; aber sie konnten nicht vergessen, mit welch ruhiger Überlegung er selbst vorher „seine Zelte nach Sodom hin“ aufgeschlagen und endlich sogar seinen Platz „in dem Tor“ genommen hatte; deshalb betrachteten ihn auch „seine Schwiegersöhne als einen Scherzenden“ (V 14). Und wie konnte es, insoweit es sie betraf, auch anders sein? Seine Schwiegersöhne waren ohne Zweifel für die Verwerfung des Zeugnisses vor Gott verantwortlich; aber Lot konnte keineswegs erwarten, dass sie auf ihn Acht haben würden. Wir finden sogar, wie er selbst noch „zaudert.“ Während sein Herz sich noch nach einem und anderem umsah, was ihm teuer war, „ergriffen die Männer ihn und sein Weib und seine zwei Töchter bei der Hand, darum dass der Herr sein verschonte; und führten ihn hinaus, und ließen ihn draußen vor der Stadt“ (V 16). Aus dieser Mitteilung sehen wir offenbar, dass, wenn die Männer den Lot nicht gegriffen hätten, er ohne Zweifel gezaubert haben würde, bis das Feuer des Gerichts Gottes ihn überfallen und er nicht einmal mit seinem Leben davongekommen wäre. Doch sie rissen ihn aus dem Feuer, weil der Herr seiner verschonen wollte.

Dies Entkommen des Lot aber diente dazu, um eine neue Ehre auf Abraham zu legen; denn wir lesen, dass, da Gott die Stätte verberbte, er an Abraham gedachte und leitete Lot mitten aus der Umkehrung, „da er umkehrte die Städte, darin Lot wohnte“ (V 29). Sowie Abrahams Schwert ihn zurzeit der Eroberung von Sodom befreit hatte, so befreite ihn sein Gebet zurzeit der Zerstörung dieser Städte; „denn das innerlich kräftige Gebet eines Gerechten vermag viel.“ Doch der Gegensatz zwischen diesen beiden Männern ist noch nicht zu Ende. Wir sehen sie noch einmal in Betreff des moralischen Zustandes ihrer Seele weit voneinander getrennt. „Und Abraham machte sich des Morgens frühe auf an den Ort, da er gestanden war vor dem Herrn“ (V 27). Hier steht der Mann des Glaubens; der heilige Pilger erhebt noch einmal sein Haupt inmitten der furchtbaren Szene der Verwüstung. Alles war mit Sodom und seinen schuldigen Bewohnern vorüber; „ein Rauch stieg auf vom Land, wie ein Rauch vom Ofen“ (V 28). Trauriger Anblick. Der Lärm und das Treiben dieser aufrührerischen Stadt war zum Schweigen gebracht – eine tiefe Stille lag auf der ganzen Landschaft umher – das Kaufen und Verkaufen, das Essen und Trinken, das Heiraten und Verheiratet werden – aller Verkehr des gesellschaftlichen Lebens war auf eine schauderhafte Weise unterbrochen worden. Das verhängnisvolle „Bis“ war endlich gekommen – der Einzige in dieser gottlosen Stadt, der ungeachtet seiner Schwachheit als das „Salz der Erde“ betrachtet werden konnte, war herausgeführt – das Maß der Ungerechtigkeiten Sodoms war erfüllt – der Tag der Langmut Gottes hatte sein Ende erreicht, und über der ganzen Ebene hin begegnete jetzt dem Auge Abrahams nichts als Elend und Verwüstung. Welch ein trauriger Anblick. Und dennoch ist es nur ein Vorbild von der schrecklichen Verwüstung, welche bei der Erscheinung des Menschensohnes – wenn jedes Auge Ihn sehen und alle Stämme des Landes seinetwegen trauern und wehklagen werden – diese strafbare Welt hinwegraffen wird.

„Abraham stand vor dem Herrn“ und, was seine Person betraf, so war er von all den traurigen Wirkungen, der soeben stattgefundenen Heimsuchungen völlig befreit. Sein Verhältnis als Fremdling, welches in den Tagen Kedorlaomers ihn befähigt hatte, außerhalb Sodom und dessen traurigen Zuständen zu bleiben, bewahrte seine Freiheit, und war das Mittel, um all dem unaussprechlichen Jammer und Elend, welches über Sodom hereingebrochen war, zu entgehen. Hätte Abraham auf die Aufforderung des Königs von Sodom sich mit den Gütern Sodoms befasst, so würde er, gleich seinem Bruder Lot, auch auf irgendeine Weise mit dem schrecklichen Ende desselben in Berührung gekommen sein. Er selbst wäre freilich errettet worden, aber sein Werk würde verbrannt sein. Doch Abraham erwartete die Stadt, „welche Grundlagen hat;“ und er wusste, dass Sodom diese Stadt nicht war, und darum wollte er nichts mit ihr zu schaffen haben. Er hasste sogar „das vom Fleisch besteckte Kleid“ – er rührte nichts Unreines an, und darum durfte er jetzt die gesegneten Resultate seines Verhaltens genießen; denn während Lot in der Verwirrung, erfüllt mit Angst und Schrecken, sich in die Berghöhle zurückziehen und sein Weib und seine Habe zurücklassen musste, steht Abraham in aller glückseligen Ruhe und Würde, welche ihn stets charakterisierten, in der Gegenwart des Herrn, und überschaut von da aus die herzzerreißende Szene.

Was aber wurde aus Lot? Wie beendigte er seine Laufbahn? „O, erzählt es nicht in Gat! macht es nicht kund in den Straßen von Askalon!“ Wohl mögen wir wünschen, einen Schleier über die Schlussszene des Lebens eines Mannes zu werfen, welcher nie, wie er es hätte tun sollen, die Kraft der Berufung Gottes verwirklicht zu haben scheint. Stets nährte er geheime Wünsche für die Schätze Ägyptens oder Sodoms. Sein Herz schien sich nimmer entschieden von der Welt getrennt zu haben, und deshalb war auch sein Wandel stets unbeständig. Von da an, wo er sich von Abraham trennte, wurde sein Zustand immer trauriger, er sank von einer Stufe des Übels zur anderen, bis zuletzt der anstößige Auftritt in der Hohle, dessen traurigen Folgen wir in den Personen Moab und Ammon, den Feinden des Volkes Gottes, sehen, die Szene schloss.

Auf diese Weise endete die Laufbahn des Lot, dessen Geschichte für alle Christen, welche die Neigung in sich verspüren, durch die Welt verleitet zu werden, eine feierliche Warnung sein kann. Diese Geschichte ist sicher nicht umsonst aufbewahrt worden; „denn alles, was zuvor geschrieben ist, ist zu unserer Belehrung zuvor geschrieben“ (Röm 15,4) Mögen wir deshalb aus dieser Erzählung lernen, „nicht nach bösen Dingen zu gelüsten;“ denn obgleich „der Herr den Frommen aus der Versuchung zu erretten vermag“, so ist es doch an uns, der Versuchung so viel als möglich auszuweichen. „Wacht und betet, dass ihr nicht in die Versuchung hineingeht.“ „Die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ (1. Joh 2,17). (Schluss folgt)

Fußnoten

  • 1 zur Bestätigung dessen, was über „die Lampe“ gesagt ist, möchte ich die Leser noch zu folgenden Schriftstellen verweisen: 2. Mo 27,20; 2. Sam 22,29; Ps 119,105; Spr 6,23; 13,9; Jes 62,1
  • 2 Ich möchte hier bemerken, dass die Lehre des Briefes an die Galater mit diesem 16. und 17. Kapitel auf das innigste in Verbindung steht.
  • 3 Obgleich ich überzeugt bin, dass Lot der vornehmste Gegenstand in dem Herzen Abrahams war, da er als Vermittler antrat, so vergesse ich doch nicht, dass er „fünfzig“ usw. nennt.
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