Betrachtung über den Propheten Hesekiel

Kapitel 12

Kapitel 12 sprach von dem „widerspenstigen Haus“ Israel, in Kapitel 13 spricht Gott zu den Propheten und Prophetinnen, in Kapitel 14 zu den Ältesten. Hier in Kapitel 16 hören wir die Worte: „Menschensohn, tu Jerusalem seine Gräuel kund.“ Bereits im vorigen Kapitel standen die Einwohner Jerusalems im Vordergrund, denn sie bildeten den Mittelpunkt des religiösen Systems in jenen Tagen. Unser Kapitel beschreibt die Herkunft und das Verhalten Jerusalems. Hier hören wir, was Gott über Jerusalem alles weiß. Keine Ausgrabungen haben [bisher] ans Tageslicht gebracht, was diese Worte berichten, doch benötigt der Gläubige solche Beweise auch nicht. „Dein Ursprung und deine Abstammung ist aus dem Land der Kanaaniter“ (Vers 3). Dies weist uns auf die Völkertafel von 1. Mose 10 hin. In den Versen 6–20 werden die Söhne Hams aufgezählt. Der letztgenannte seiner vier Söhne heißt Kanaan. Dass er am Schluss steht, heißt nicht, dass er der jüngste von den vieren war, sondern dass er sittlich auf dem tiefsten Niveau stand. Kanaan heißt „Händler“; ohne Zweifel steht diese Bedeutung in Verbindung mit ihrem Geschäft, denn sie richteten ihr ganzes Augenmerk während ihres siebenhundertjährigen Bestehens auf den Handel.

Jerusalem ist nun im Land der Kanaaniter geboren; von 1. Mose 10,15 an werden die Söhne Kanaans aufgezählt; unter ihnen wird der Jebusiter genannt, die Bewohner von Jerusalem und Umgegend. Er steht zwischen Heth und dem Amoriter. Genauso wie in 1. Mose 13,29: „Und die Hethiter und die Jebusiter und die Amoriter wohnen auf dem Gebirge.“ Wenn hier also der Vater ein Amoriter und die Mutter eine Hethiterin sind, ist es anhand der angegebenen Stellen klar, dass der Stadtstaat Jebus aus einer Vermengung von hethitischem und amoritischem Blut hervorgekommen ist. Aber auf welch einen verächtlichen Anfang wird diese Siedlung, die Jebusiter, das spätere Jerusalem, zurückgeführt. „Dein Nabel wurde nicht abgeschnitten“ – anstatt wie andere Völker auf einen eigenständigen Gründungstag hinweisen zu können, lag von Anfang an auf Jebus der Stempel der Unselbständigkeit und der Abhängigkeit. „Er wurde auf das freie Feld geworfen, vor Abscheu an deinem Leben, an dem Tag da du geboren wurdest.“ Nun waren die Kanaaniter wahrhaftig schon Abscheulichkeiten gewöhnt, doch wenn das der Beginn von Jebus war, über den die Schrift wie auch die Geschichte sich später in geheimnisvolles Schweigen hüllt, können wir nur ahnen, welch ein ekelhafter Anfang die Geschichte von Jebus einleitet.

Es folgt nun ein merkwürdiger Satz: „Da ging ich an dir vorüber.“ „Er möge vorübergehen und ich soll ihn nicht bemerken“, sagt Hiob. Gott vermag sein Vorübergehen in einen seltsamen Hauch zu hüllen, so dass ein Mensch Ihn nicht wahrnehmen kann. Er kann aber auch im Vorübergehen seine Herrlichkeit offenbaren, wie Er es bei Mose und Elia tat. Von dem Herrn Jesus, dem im Fleisch offenbarten Gott, wissen wir, dass Er des Öfteren „vorbeiging“. Von einem Vorübergehen lesen wir in Johannes 9,1: „Und als er vorüberging, sah er einen Menschen, blind von Geburt.“ Im vorausgegangenen 8. Kapitel hatte Er schon etwas von seiner Herrlichkeit ausgeteilt und tat es ebenso in der Offenbarung in und um Jebus, von der wir jetzt sprechen wollen, auf die sich bereits Abraham freute. Er ging, als Jebus sich in einem solch elenden Zustand befand, an ihm vorüber. Unter welchen Umständen dies geschah, teilt uns die Schrift nicht mit. Wohl aber, dass Er Abraham als „Gott der Herrlichkeit“ erschienen ist. Auf welche Weise nun die erste Berührung zwischen Jebus und Gott in der Person seines Dienstknechtes zustande kam, der so groß war, dass der Erzvater Abraham ihm den zehnten seiner Habe gab, wissen wir nicht. Wenn wir den Rabbinern Glauben schenken können und Melchisedek, der König von Salem (das ist Jebus, das spätere Jerusalem, vgl. 1. Chr 11,4.5 mit Ps 76,2) ein Semit inmitten der Kanaaniter war, ist es sehr wahrscheinlich, dass dieser Priesterkönig, während er an Jebus vorüberreiste, eine göttliche Botschaft empfing, die ihm auftrug, im Namen Gottes, des Allmächtigen, „das Leben“ auszurufen. In jedem Fall ist es unmöglich, dass die Bibel ihn „König von Salem“ nennen und er in Hebräer 7 „König des Friedens“ betitelt werden konnte, wenn der Zustand in Jebus während seiner Regierung derart widerlich geblieben ist, wie wir ihn in den Versen 3–5 beschrieben finden. Es muss für Jerusalem ein Leben aus sittlichem Tode gewesen sein, eine Zeit, in der Gerechtigkeit und Friede regierte. Ohne Zweifel wird Melchisedek keinen für den natürlichen Menschen anziehenden Zustand angetroffen haben, um dort die geistliche und bürgerliche Regierung in die Hand zu nehmen. Es hat dem großen Reformator Farel auch viel Mühe gekostet, Calvin in des Herrn Namen nach Genf zu bewegen, um dort die Zügel in die Hand zu nehmen. Als dann für diese kanaanitische Stadt, die in ihrem Blut zappelte, die Zeit zur Prüfung anbrach, muss es noch unvergleichbar ärger ausgesehen haben als in dem christianisierten Genf.

Als Abraham von dem Sieg über Kedorlaomer und den mit ihm verbundenen Königen zurückkehrt, kommt ihm Melchisedek in dem Königstal von Jerusalem mit Brot und Wein entgegen. Diese wunderbare Szene war von einer solchen Erhabenheit, dass der Herr Jesus in Johannes 8 sagt, Abraham habe seinen Tag geschaut. Das will sagen, wie damals Melchisedek dem mutigen Streiter Abraham von Jerusalem entgegenkam, so wird auch bald der Herr Jesus aus dem Himmel seinem treuen Überrest mit Kraft und Freude entgegentreten. Dann wird für diesen Überrest die Freude ungetrübt sein; und die Freude derer, die Ihn vom Heiligtum und von Jerusalem her begleiten, wird nicht minder groß sein. Wir können uns auch unschwer vorstellen, dass der für Abraham so erfreuliche Tag sicher auch für die unmittelbar von ihm betroffenen Jebusiter zur Freude gereichte.

Nach dem Lebenswort über Jerusalem wird uns eine Zeit beschrieben, in der es vom Kind zur erwachsenen, heiratsfähigen Jungfrau heranwächst. Es ist eine Zeit, in der Gott in Vorsehung alles für diese Frau mitwirken lässt, um zur vollen Entfaltung zu gelangen, doch handelt Gott nicht selbst in Bezug auf ihr Auftreten. Es besteht hier eine merkwürdige Ähnlichkeit mit den Gegebenheiten, die uns die Bibel über Jerusalem seit seinem ersten Erwachen bis zu der Zeit, in der der Herr nach ihr begehrt, kund tut. „Und du wuchsest heran und wurdest groß, und du gelangtest zu höchster Anmut.“ Wohl lesen wir in Richter 1,8, dass die Kinder Juda Jerusalem einnahmen und es in Brand setzten, doch scheint dies keine völlige Verwüstung der Stadt mit ihren Festungsmauern gewesen zu sein, denn wir lesen weiter in Vers 21: „Aber die Kinder Benjamin trieben die Jebusiter, die Bewohner von Jerusalem, nicht aus; und die Jebusiter haben bei den Kindern Benjamin in Jerusalem gewohnt bis auf diesen Tag.“ In diesem Zusammenhang interessiert eine Begebenheit aus der Geschichte des levitischen Mannes in Richter 19. Als er sich mit seiner Nebenfrau in der Gegend von Jebus auf dem Rückmarsch zu seinem Zelt befand, überraschte ihn die Nacht. Mit Rücksicht auf die Gefahren der Nacht schlägt einer der Knaben vor, in der Stadt der Jebusiter einzukehren und dort zu übernachten. Das beweist zweierlei: Zunächst, dass die Kinder Israel dort nichts mehr zu sagen hatten (Vers 12 redet von einer fremden Stadt, die nicht von den Kindern Israel ist) und zum zweiten, dass die Stadt im Vorübergehen den Eindruck von Heiligkeit und Schutz vor den Gefahren der Nacht hinterließ.

In den Tagen Davids erreichte Jebus seine volle Schönheit. Die Türme auf Jerusalems Mauern (vgl. Hld 8,10) stehen hoch und fest. Ihr Haar ist eine starke Mauer, die die ursprünglich so schwache und durchsichtige Lehmumzäunung ersetzt hat. Krüppel und Blinde genügen, um die Stadt zu verteidigen, so dass David nur noch sein Augenmerk auf die äußeren Wasserleitungen richten muss: „Wer die Jebusiter schlägt und an die Wasserleitung gelangt, und die Lahmen und die Blinden schlägt, welche der Seele Davids verhasst sind....!“ (2. Sam 5,3).

„Aber du warst nackt und bloß.“ Als nun die Festung uneinnehmbar war, mangelte es Jebus an der Pracht und Schönheit, die andere Städte des mittleren Ostens kennzeichneten. Keine prachtvollen Tempel und Paläste zierten die Stadt. Die Schönheit und Annehmlichkeit der Städte Ägyptens, Babels, Philistäas, Tyrus und Äthiopiens wurde weit und breit gerühmt (Ps 87,4), sie brachten Männer von Namen hervor; Jerusalem versagte jedoch vollends. Abraham zog in seinen Tagen an ihr vorüber, als Melchisedek ihm von der Stadt her entgegenkam. Der Levit in Richter 19 ließ es beiseite liegen. Der zentral gelegene Punkt seit dem Einzug der Israeliten bildet das alte Sichem, und als die Repräsentanten des Zehnstämmereiches David in Hebron die Herrschaft anboten, lag es für ihn auf der Hand, von Hebron nach Sichem heraufzuziehen, um dort den Thron seiner Herrschaft über ganz Juda und Israel zu besteigen. Zu diesem Augenblick haben wir dann das zweite Vorübergehen des Herrn an der Stadt seiner Liebe. „Und ich ging an dir vorüber und sah dich, und siehe, deine Zeit war die Zeit der Liebe.“ David hatte Jerusalem nicht begehrt, doch wurden in David die Wünsche Gottes selbst in Hinsicht auf Jerusalem erfüllt. „Denn der Herr hat Zion erwählt, hat es begehrt zu seiner Wohnstätte: Dies ist meine Ruhe immerdar; hier will ich wohnen, denn ich habe es begehrt“ (Ps 132,13.14).

Von politisch-wissenschaftlicher Seite her wird das Verlangen Davids, in Jerusalem einen Platz vor dem Herrn zu haben, gern als selbstsüchtiges Interesse gedeutet. Die Schönheit der Ereignisse der Einnahme Jerusalems durch David und der Einweihung des Tempels durch Salomo (eigentlich durch den Herrn selbst) geht dabei ganz verloren. Der Herr wird damit zum Haus- oder Familiengott herabgewürdigt, der nur einem herrschsüchtigen Aspiranten von einem Hirtenkönig entgegenkommt. Selbst die vielen Psalmen, die auf diesen Gegenstand Bezug nehmen, müssten sowohl ihre prophetische wie auch ihre sittliche Würde preisgeben und wären nichts anderes, als Gesänge von knechtisch-untertänigen Priestern, die nur nach der Pfeife des Königs zu tanzen gewohnt wären.

Nichts ist weniger wahr. Gott ist nicht Jonadab gleich, der zu Jehu auf den Wagen kommt, um dessen Eifer für den Herrn festzustellen, (2. Kön 10). Außerdem ist das alles bloß ein Vorspiel der Zeit, in der „er sich auf den Wagen seines willigen Volkes setzen wird.“

Für Jerusalem bricht nun „die Zeit der Liebe“ an. „Und ich breitete meinen Zipfel über dich aus und bedeckte deine Blöße.“ Ebenso bittet Ruth Boas: „So breite deine Flügel aus über deine Magd, denn du bist ein Blutsverwandter.“ „Und ich schwor dir und trat in einen Bund mit dir.“ Dieser Eidschwur in Bezug auf Jerusalem steht in engster Verbindung mit dem Haus Davids. Siehe auch Psalm 132,11ff. „Und du wurdest mein.“ In 2. Samuel 5,7 lesen wir die Worte: „Aber David nahm die Burg Zion ein, das ist die Stadt Davids. Und David wohnte in der Burg, und er nannte sie Stadt Davids.“ (1. Chr 11,5.7). Ist David im Besitz der Stadt, nimmt auch der HERR Besitz von ihr. Das wird vor allem dann offenbar, wenn bald die Tenne Ornans, des Jebusiters, der Platz wird, auf dem sich der prächtige Tempel Salomos erhebt und der Herr seinen Einzug hält. Die Verse 9–14 beschreiben uns die Erhebung dieser Stadt der Jebusiter, Jerusalems. Sie wird zu königlicher Würde emporgehoben (Vers 13), So dass ihr Ruf wegen ihrer Schönheit sich unter den Völkern ausbreitet. Man wird in den Tagen ihrer Trauer noch sehnlich an diese herrliche Zeit zurückdenken. In Klagelieder 2,1-5 müssen alle, die die verwüstete Stadt besuchen, kopfschüttelnd ausrufen: „Ist das die Stadt, von der man sagte: der Schönheit Vollendung, eine Freude der ganzen Erde?“

Es folgt nun der Kernpunkt der ganzen Beweisführung und die Einleitung zu dem tiefen Vorwurf in diesem Abschnitt: „Denn deine Schönheit war vollkommen durch meine Herrlichkeit, die ich auf dich gelegt hatte.“ Das stand im Gegensatz zu der Schönheit anderer Städte des mittleren Ostens. Als die Königin von Scheba von dieser wunderbaren Schönheit Jerusalems erfuhr, steht ausdrücklich dabei, dass der Ruf Salomos „wegen des Namens der HERRN“ ausging. Das gab der Stadt seine Prägung, doch beinhaltete es auch, dass sie nur durch vollkommene Absonderung von den Ideen und Prinzipien der sie umgebenden Völker bewahrt bleiben konnte. Die traurige Beschreibung ihrer Untreue wird mit den Worten in Vers 15 eingeleitet: „Aber du vertrautest auf deine Schönheit.“ Es ist die traurige Feststellung, die man auch in der Geschichte der Kirche beobachten kann. (Wir hoffen, noch darauf zurückzukommen). „Du hurtest auf deinen Ruf hin und gossest deine Hurereien aus über jeden Vorübergehenden: Ihm wurde sie zuteil.“ Wir sagten bereits oben, dass die alte Festungsstadt Jebus in früheren Zeiten keine Anziehungskraft auf den Vorübergehenden ausübte; wenn kein außergewöhnlicher Grund vorlag, mied er lieber diese Stadt. Doch jetzt ist es anders. Die Herrlichkeit, die mit dem Namen des Herrn, der in Jerusalem wohnt, aufs engste verknüpft ist, bietet sich den Völkern an. Die Kinder, die dem Herrn geboren wurden und gleich dem kleinen Samuel durch seine Mutter Hanna „dem Herrngeliehen wurden alle die Tage, die sie lebten“, wurden zu Mannsbildern gemacht, mit denen sie hurte. Jerusalem kehrte also zurück zu dem grässlichen kanaanitischen Kult, von dem es der Herr, zappelnd in ihrem Blut, befreit hatte. Ebenso wird auch bald die Christenheit zufolge 2. Petrus 2,22 wie ein Hund zu seinem Gespei zurückkehren und wie eine gewaschene Sau zum Wälzen im Kot.

Jerusalem baut sich Monumente und Säulen an Weg und Steg auf. „Und Ahas machte sich Altäre an allen Ecken in Jerusalem,“ so lesen wir in 2. Chronika 28,24. Jerusalem stand Athen in nichts nach, von welcher Stadt wir in Apostelgeschichte 17 erfahren, dass Paulus sie voll von Götzenbildern sah. Doch bei ihr betraf es eine Stadt, die nie Kenntnis von dem wahren Gott besessen hatte. Hier aber handelt es sich um die Stadt, die Gott zur höchsten Höhe erhoben hat, in der Er daselbst seine Wohnung hatte. „Du hurtest mit den Söhnen Ägyptens, deinen Nachbarn, die groß an Fleisch sind.“ Das war der Anfang. Es bedarf keiner Frage, dass die Verbindung Salomos mit Ägypten sowohl in familiärer als auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht nicht ohne Einfluss geblieben ist. Der Kalvariendienst zu Dan und Bethel stand hiermit in Beziehung. Der Herr muss demzufolge seine Hand gegen Jerusalem ausstrecken und gebraucht die Philister, um das ihr Zugewiesene zu verringern. Diese Ereignisse finden unter Joram in 2. Chronika 21,17 statt und wiederholten sich unter Ahas, den wir soeben anführten, indem er überall in Jerusalem Altäre errichtete. „Und die Philister fielen ein in die Städte der Niederung und des Südens von Juda“, (2. Chronika 23,13); so wurde auch hier Jerusalem wieder verkürzt.

Weiter wird hinzugefügt, dass sich die Töchter der Philister vor dem unzüchtigen Wege Jerusalems schämten. Das religiös-moralische Gefühl der Philister, die ja selbst Götzen dienten und nach Väter Sitte zu ihnen hielten, wurde beim Betrachten der Gräuel in Jerusalem zutiefst verletzt. Im 28. Vers wird die Hurerei mit den Söhnen Assurs erwähnt. Das ist uns aus der Geschichte Ahas’ in 2. Könige 16 bekannt, als er dem König Assyriens, Tiglath-Pileser nach Damaskus entgegen zog und später nach dem Gleichnis des dortigen Altars in Jerusalem einen Altar bauen ließ.

Schließlich folgt in Vers 29 noch die Hurerei mit dem Volk des Händlerlandes Chaldäa. In den Tagen der Wohlfahrt Hiskias knüpften die Händler, diese verschlagenen Politiker, brieflichen Kontakt und sandten im Namen Berodach-Baladans, des Königs von Babel, Geschenke zu Hiskia. Sicherlich ist dieser Ideenaustausch von Manasse, dem Sohn Hiskias, dahingehend ausgenutzt worden, chaldäische Kulturgewohnheiten in Juda einzuführen (2. Kön 20,13).

Die uns vorgestellten Abschnitte in der Schrift aus den Königen und Chroniken geben uns einen deutlichen Hinweis, wie Juda und Jerusalem von den umliegenden Völkern kulturell beeinflusst worden sind. Gott sagt dann auch in Vers 30 zusammenfassend: „Wie schmachtend ist dein Herz! indem du dieses alles tust, das Tun eines ausgelassenen Hurenweibes.“ Dann stellt Er den Unterschied zu der normalen Unzucht heraus, die durch ihre Anbetung des Körpers den gebührenden Lohn empfängt. „Und es war bei dir mit deinen Hurereien umgekehrt wie bei anderen Frauen, dass man nicht dir nachhurte; denn weil du Lohn gabst und dir kein Lohn gegeben wurde, war es bei dir umgekehrt“ (Vers 34). Genauso war es, denn die umliegenden Völker übernahmen nichts von der israelitischen Kultur. Was wir in Bezug auf die Gottheiten dieser Völker finden, stammt aus den Überlieferungen der Stammväter nach der Flut. Nichts hatten sie von dem theokratischen Israel übernommen, während Israel alles von ihnen übernahm. Dasselbe trifft auf die Christenheit zu, worauf wir später zurückkommen werden. Es wurde nicht die griechisch-philosophische Welt vom Christentum beeinflusst, sondern das Christentum wurde bereits zuzeiten der Kirchenväter von heidnisch-philosophischen Gedanken durchzogen, und in der Marienverehrung sowie dem Halten christlicher Festtage mit ihren zeremoniellen Hintergründen wird nach reinen heidnischen Motiven gehandelt. Motive, die noch vor den Ursprung der griechischen Bildung und Götterlehre einzuordnen sind, die aus Chaldäa stammen, mit dem bereits Jerusalem hurte.

Das Wort des Herrn richtet sich nun gegen Jerusalem als einer ehebrecherischen Frau und stellt ihr die Folgen ihrer Wege und Handlungen vor. Bevor wir aber das betrachten, wollen wir noch einen Augenblick bei der moralischen Anwendung des vorangegangenen Abschnitts in Bezug auf die Gemeinde stillstehen.

Wenn wir hier den Ausdruck Gemeinde gebrauchen, sehen wir sie in ihrer Verantwortlichkeit auf Erden, in der sie so sehr gefehlt und sich verdorben hat. Nicht aber sehen wir sie auserwählt nach den ewigen Ratschlüssen durch Gnade und der erlösenden Liebe des Vaters sowie des Sohnes, sondern nach den Worten von Vers 8: „Und ich ging an dir vorüber und sah dich, und siehe, deine Zeit war die Zeit der Liebe.“ Der Herr Jesus nimmt nicht die Gestalt eines Kaufmannes an, der schöne Perlen sucht, und schon vor Grundlegung der Welt eine schöne, sehr kostbare Perle gefunden hat. Hier stellt Er sich vor, wie Er gelegene, günstige Zeitpunkte für bestimmte Handlungen wahrnehmen kann und in Hinsicht auf die Gemeinde die Zeit der Liebe erkennt, die Paulus, als Israel die Gnade verworfen hatte, den Korinthern anbieten durfte: „Zur angenehmen Zeit habe ich dich erhört, und am Tage des Heils habe ich dir geholfen. Siehe, jetzt ist die wohlangenehme Zeit; siehe, jetzt ist der Tag des Heils“ (2. Kor 6,2).

In dieser Zeit, der Zeit der Liebe, schmückt der Herr Jesus die Gemeinde durch den Dienst der Apostel, vor allem durch den des Apostels Paulus, mit Pracht und Schönheit. „Und du warst überaus schön; denn deine Schönheit war vollkommen durch meine Herrlichkeit, die ich auf dich gelegt hatte.“

Diese Schönheit kann nur in vollkommener Absonderung von allen Einrichtungen und Systemen des Heidentums erworben werden, aus denen die Gläubigen herausgezogen wurden. Weder orientalische Mystik noch griechische Philosophie finden hier ihren Platz. Es heißt: „Meine Herrlichkeit, die ich auf dich gelegt hatte.“

Die Geschichte berichtet uns die vorgefallenen Ereignisse. Viel gleicht dem einseitigen Tun Jerusalems und seiner umliegenden Völker. Die Christenheit ist in keiner Weise belohnt worden (d.h. die Gemeinde suchte keine Gelegenheit, die Gedanken Gottes und die Lehren der Apostel auszubreiten) und wurde somit vom orientalischen Geist, der griechischen Philosophie und den germanischen Volksüberlieferungen an die Wand gedrückt, so dass der Apostel befürchtete: „dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfanget“ (2. Kor 6,1).

Nun behandelt Gott Jerusalem nach den Rechten der Ehebrecherinnen und der Blutvergießerinnen (Vers 38). Das sind stets die Wege Gottes, denn Er urteilt „nach eines jeden Werk“. Jede Handlungsweise, sei sie von Gläubigen oder Ungläubigen ausgeführt, zieht in Gottes Wegen mit den Menschen eine bestimmte Form des Urteils nach sich. In dem Urteil wird die begangene Sünde wieder erkannt und Gott wird gerechtfertigt. Matthäus 24,49 gibt uns ein Beispiel: Als der Herr jenes Knechtes, der mit den Trunkenen aß und trank, zurückkam, wurde er entzweigeschnitten. Er wurde also nicht an einen hohen Galgen gehängt, denn das rechtfertigte Gottes Urteil in Bezug auf Haman, bei dem der Hochmut vor dem Fall kam. Hier ist es anders: das Entzweischneiden gibt die Unmöglichkeit wieder, dass man das Vertrauen seines Herrn und das der Trunkenen gleichzeitig genießen kann.

Hier wird am Tage der Heimsuchung Jerusalems Blöße von Gott aufgedeckt, welches vorher die Blöße seiner Liebhaber aufgedeckt hatte. Dasselbe warf Joseph einst seinen Brüdern vor, die nach Ägypten kamen: „Ihr seid Kundschafter; um zu sehen, wo das Land offen ist, seid ihr gekommen“ (1. Mose 42,9). Gott selbst zeigt den Feinden stets die Schwächen ihrer Verteidigung.

Es folgen nun drei Strafen, die die Hure in Israel zu erdulden hat. Zunächst wird sie nackt an einen Schandpfahl gebunden und dem Hohn der Umstehenden preisgegeben. „Damit ich sie nicht nackt ausziehe und sie hinstelle wie an dem Tage, da sie geboren wurde“ (Hos 2,5). Dass sich dies an Jerusalem bewahrheitete, wissen wir aus vielen Stellen der Klagelieder und der Psalmen. Daraufhin wird sie gesteinigt. Hierüber werden wir in 5. Mose 22,21ff, Johannes 8,5 und 3. Mose 20,10 belehrt. Auch das Buch der Psalmen gibt uns wichtige Belehrungen über diesen Punkt. Die Treuen, in deren Herzen Betrübnis und Trauer durch den Geist Christi geweckt wird, erkennen nicht nur den bloßen Zustand Jerusalems, sondern müssen auch in die Worte Davids, der Ehebruch mit Bathseba getrieben hatte, einstimmen, indem sie sich bewusst sind, dass das Gesetz keinen Ausweg für die Steinigung der Ehebrecher offen lässt: „Denn du hast keine Lust an Schlachtopfern, sonst gäbe ich sie; an Brandopfern hast du kein Wohlgefallen“ (Psalm 51,16). Für andere Sünden sah das Gesetz zur Sühnung die Opfer vor, nicht aber für den Ehebruch. Doch sie erscheinen vor Gott mit gebrochenem und zerschlagenem Herzen und berufen sich auf die Gnade Gottes. Als die wahren Armen im Geiste (Mt 5,3) rufen sie aus: „Tue Zion nach dem Wohlgefallen, baue die Mauern Jerusalems auf.“ Die baufälligen Mauern Jerusalems liegen gleich einem Steinhaufen da, unter welchem die gesteinigten Huren ihre letzten Atemzüge ausgehaucht haben. Gottes Gerechtigkeit bietet aber jedem Sünder „im Tale Achor“, dem Platz der Steinigung als einem Tor der Hoffnung, in dem Werk auf dem Kreuz von Golgatha die freie Gnade an.

Schließlich wurde eine hurerische Priestertochter mit Feuer verbrannt (3. Mo 21,9). Wir finden dann auch, dass Jerusalem, nachdem es nackt und bloß liegengelassen (Vers 39) und gesteinigt wurde, mit Feuer vernichtet wurde (Vers 41). Die Tochter eines Priesters, die durch den täglichen Umgang mit dem Opferfeuer auf dem Brandopferaltar mehr mit der Heiligkeit Gottes verbunden war, als ein gewöhnlicher Mann des Volkes, wurde von diesem besonderen Gericht getroffen. Diesem Gericht wird uns noch in 2. Könige 25,9 beschrieben, und wir wissen, dass es auch bei der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 zur Anwendung kam und es wird sicher auch bald mit der Plünderung von Sacharja 14,2 verbunden sein.

In dem folgenden Teil unseres Kapitels wird uns etwas über Samaria und Sodom, den Schwesterstädten Jerusalems, mitgeteilt. Beide sind gleich Jerusalem kanaanitischen Ursprungs. Vers 46 zufolge bestand Samaria früher, Sodom später als Jebus. Der Gläubige hat nicht nötig, das durch Ausgrabungen bewiesen zu sehen, denn für ihn entsprechen die Aussagen des Wortes Gottes völlig der Wahrheit. Ebenso wenig bedarf er der Erklärung der Erfüllung von den Gnadenabsichten Gottes zur Wiederherstellung von Sodom und Samaria. Viel wichtiger sind für uns die sittlichen Unterweisungen dieser Verse, denn es ist höchst ernst, dass Gott uns 1.300 Jahre nach den Geschehnissen von 1. Mose hier in Hesekiel Ursache der Gott-Entfremdung dieser Zeit bloßlegt: „Stolz, Fülle von Brot und sorglose Ruhe“ (Vers 49). Dies klingt auch in der Rede des Herrn von Lukas 17,28 in den Tagen seiner Erniedrigung an: „Sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten.“ Ein sicherlich gut geordneter Rechtsstaat, in dem das Leben und die Existenz gesichert waren. Bestimmt waren die Börsenwerte – um es in unserer Sprache zu sagen – nicht niedriger als „am Tag, als Lot von Sodom ausging.“ Gott fügt noch hinzu: „Aber die Hand des Elenden und des Armen stärkte sie nicht.“ Die Haltung gegenüber den Armen und Elenden war für Gott allezeit ein Prüfstein im Hinblick auf den inneren Zustand. In unserer Zeit behauptet man oft, dass es keine Armen in dieser Zeit der Hochkonjunktur gebe – weit gefehlt. Der Herr Jesus belehrte einst seine Jünger: „Die Armen habt ihr allezeit bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen helfen.“

„Und hast deine Schwestern gerechtfertigt durch alle deine Gräuel, die du verübt hast“ (Vers 51 b). Natürlich heißt das nicht, dass durch alle Gräuel Jerusalems Samaria und Sodom in Gottes Augen gerecht gesprochen werden. Es will nur sagen, dass Jerusalem kein Recht hat, über andere zu Gericht zu sitzen. „Sie sind gerechter als du.“ Dies erinnert uns an Juda, der die Stellung eines Richters über seine Schwiegertochter einnahm, obwohl es ihm selbst an dem geziemenden Schuldgefühl mangelte: „Bringt sie hervor, damit sie verbrannt werde.“ Auf ihre zwingenden Worte, „Gesteh doch ein, von wem dieser Siegelring und diese Schnur stammt“, gibt Juda nur zur Antwort: „Sie ist gerechter als ich.“ Ebenso wie Juda zuschanden und auf diese Weise Tamar gerechtfertigt wurde, entgegnet nun auch Gott in Vers 52 Jerusalem: „Und so werde auch du zuschanden und trage deine Schmach, weil du deine Schwestern gerechtfertigt hast.“

Zwei Dinge werden Jerusalem entgegengehalten: erstens seine Haltung und zweitens sein Benehmen gegenüber seinen beiden Schwestern. Vers 52 spricht von dem Schmähen der Schwester und Vers 56 von Jerusalem, das Sodom, seine Schwester, am Tage des Stolzes nicht erwähnt hatte. Diese zwei Untugenden sollten auch heutzutage zu den Gewissen der Christen reden, die sich in einer weit bevorrechtigteren Stellung befinden, als es in den Tagen Jerusalems möglich war. Die eine Seite ist das Verurteilen der Schwester, die andere, die Feigheit, ihren Namen auszusprechen. Hat das uns nicht auch viel zu sagen?

In den Jahrhunderten der Kirchengeschichte ist inmitten der Christenheit viel geschehen, das man in dem Lichte, welches wir heute besitzen, verurteilen müsste. Die Ketzer wurden von denen verfolgt, deren Ruf wegen ihres Glaubens ausging. Kreuzzüge wurden ausgeschrieben und Kriege im Heiligen Land von denen geführt, die unter dem Segen von Papst und Bischöfen Ruhm und Ehre im nahen Osten erwerben sollten. Wir können Jerusalem ebenso beurteilen. Die Frage ist nur: Ist unser Leben im Hinblick auf das viele Licht, das uns umgibt, um die Gedanken Gottes zu verstehen und zu verwirklichen, gerechtfertigt verglichen an dem Verhalten früherer Generationen gemäß ihrem Licht? Werden wir bei der Offenbarung vor dem Richterstuhl des Christus sie beurteilen oder wird ihre sittliche Offenbarung, weniger nach dem uns verliehenen, als nach dem von ihnen empfangenen Licht, uns beurteilen? Kürzlich noch las ich von Luther, dass er selbst als erwachsener Mann noch keine vollständige Bibel gesehen hatte. Er aber war dazu noch ein studierter Mann. Wovon empfing er denn das Licht in den Tagen der Reformation? Steht uns in Bezug auf sein Leben irgendein Urteil zu? „Und Sodom, deine Schwester, wurde nicht erwähnt in deinem Munde am Tage deines Stolzes, ehe deine Bosheit aufgedeckt wurde“, sagt Gott zu Jerusalem. Wie Jerusalem, so empfindet auch der natürliche Mensch das Aufdecken seiner eigenen Bosheit sehr unangenehm, doch bevor das Herz geweitet wird, kommt die Zeit der Schmach und der Verachtung (Vers 57). Als der Geist Gottes in dem Herzen der Hure Rahab in Jericho sein Werk vollbracht hatte, gedachte sie auch ihrer Verwandtschaft; „Und gebt mir ein zuverlässiges Zeichen, und lasst meinen Vater und meine Mutter und meine Brüder und meine Schwester und alle ihre Angehörigen am Leben und errettet unsere Seelen vom Tod!“ (Josua 2,12.13).

Es ist herrlich, dass wir in der Schrift das Werk des Geistes in dem Überrest weitergeführt finden, der in ganz anderen Beziehungen zu Samaria steht. In Psalm 126 fleht der Überrest, indem er der zehn Stämme gedenkt: „Führe unsere Gefangenen zurück, Herr, wie Bäche in Mittagsland!“ Und im Hohenlied sagt der Bräutigam voll Zärtlichkeit und Sorge in Hinsicht auf die einstmals so verachtete Schwester Samaria: „Was sollen wir mit unserer Schwester tun an dem Tag, da man um sie werben wird?“ Voller Liebe, indem sie von ihrer eigenen Haltung der Versöhnung und der Herrlichkeit weitergibt, antwortet sie selbst: „Wenn sie eine Mauer ist, so wollen wir eine Zinne von Silber darauf bauen; und wenn sie eine Tür ist, so wollen wir sie mit einem Zedernbrett verschließen“ (Hld 8,9).

Schließlich glänzt ab Vers 60 die Sonne der freizügigen Gnade Gottes. Gott gedenkt des Bundes mit Jerusalem während ihrer Jugend. Das ist der Anlass zu Gottes Barmherzigkeit gegenüber unseren Vätern und Er erinnert sich seines heiligen Bundes. Obwohl nun Gott seines Bundes gedenkt und Anlass für ihre Wiederherstellung hat, findet Er keine Grundlage für sein Tun, dieselbe würde nur über den Bund für – nicht mit – Jerusalem geschaffen. Jerusalem steht völlig außerhalb dieses Bundes, doch genießt es alle seine Segnungen. Es ist ein Bund, der allein die Gnade zur Erlösung und Vergebung beinhaltet. Die Kraft und die Dauerhaftigkeit liegen nicht in dem Verhalten Jerusalems, sondern in dem am Kreuz von Golgatha geflossenen Blut Christi, so dass wir immer an die Leiden des Herrn zu denken und Ihm dafür zu danken haben. „Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes des Christus?“ Die Gnade Gottes, die Jerusalem von all seinem Elend erlöst, ist mächtig genug, um auch Samaria und Sodom wieder zurecht zu bringen. Auch diese einst so gottlosen Städte werden bald der Segnungen des neuen Bundes teilhaftig. Doch nimmt Jerusalem vor ihnen einen besonderen Platz ein. Gott errichtet mit Jerusalem seinen Bund (Vers 62). Seine ältere wie auch seine jüngere Schwester werden Jerusalem zu Töchtern gegeben. Gott ist in seiner erlösenden und vergebenden Gnade unabhängig und erkennt somit Jerusalem einen bevorrechtigten Platz unter den Erlösten zu. Er ist auch in Bezug auf den Segen Ismaels in 1. Mose 17,21 souverän: „Aber meinen Bund werde ich mit Isaak errichten, den Sara dir gebären wird um diese bestimmte Zeit im folgenden Jahre.“ Dies wird auch die Bedeutung der Worte von Vers 61 sein: „Ich werde sie dir zu Töchtern geben, aber nicht infolge deines Bundes.“ Der letzte Vers drückt in wunderbarer Weise die Höhe der Gedanken Gottes aus: „Wenn ich dir alles vergebe, was du getan hast.“ Dieses Wort „vergeben“ finden wir in 5. Mose 21,8 im Zusammenhang mit dem Erschlagenen, der auf dem Feld liegend gefunden wird; es besagt eigentlich: „Versöhnung tun für“. Wenn wir nun an dieses Versöhnen denken, werden wir auf den Herrn Jesus als Hohenpriester aufmerksam, wie Er am großen Versöhnungstag auftritt. Hier ist aber zu bemerken, dass – wie auch in 5. Mose 21 – Gott es selbst ist, der versöhnt. In 5. Mose 21 wird der Herr Jesus in dem Erschlagenen gesehen und über (nicht durch) sein Blut muss Versöhnung geschehen. In Hesekiel 16 muss Versöhnung über einen Zustand von Schandtaten geschehen, die ganz den natürlichen Beziehungen, die Gott zu seinen Geschöpfen unterhält, zuwider war. Jeremia 3,1 sagt uns: „Wenn ein Mann seine Frau entlässt und sie von ihm weggeht und die Frau eines anderen Mannes wird, darf er wieder zu ihr zurückkehren? Würde jenes Land nicht entweiht werden?“

Gott aber bietet in diesem Fall ausnahmsweise seine Gnade an: „Ich werde Versöhnung tun.“ Wir stoßen auf die Kraft des griechischen Ausdrucks in Hebräer 1,3: „Nachdem er durch sich selbst die Reinigung der Sünden bewirkt.“ Darby schreibt hierüber: „Dieses Wirken hat eine eigenartige wiederkehrende Kraft. Er tat es für sich selbst. Obschon wir, allein Sünder, den Gewinn davon hatten, wurde das Werk in seiner eigenen Person bewirkt, ohne uns. Der rückbezügliche Sinn, der dem griechischen Wort eigen ist, besagt, dass das Werk, das getan wurde, zu dem, der es tat, zurückkehrt, und dass die Herrlichkeit dieses Werkes allein der ausführenden Kraft zusteht.“

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