Einführung in die Briefe des Paulus an Timotheus

Die beiden Briefe an Timotheus zählen – zusammen mit dem Brief an Titus – zu den sogenannten „Pastoralbriefen“ (Hirtenbriefe). Sie bilden den Abschluss des schriftlichen Dienstes von Paulus und wurden innerhalb eines relativ kurzen Zeitraumes geschrieben. Das erkennt man u. a. daran, dass sie sprachlich, im Schreibstil und in den Themen gewisse Ähnlichkeiten aufweisen. Sie unterscheiden sich damit von den Briefen des Paulus, die er an örtliche Versammlungen geschrieben hat.

Der Inhalt dieser drei Briefe ist durchweg praktisch. Das verbindende Thema ist das Verhalten im Haus Gottes, d. h. die tägliche Lebensführung des Christen. Paulus schreibt diese Briefe an seine Mitarbeiter im Werk des Herrn. Sie beinhalten wichtige Unterweisungen für jeden, der sie liest – und das vor dem dunklen Hintergrund, dass sich viele von der Wahrheit abwenden oder sie komplett aufgeben.

1. Der Verfasser und Authentizität

Der Autor beider Briefe ist Paulus1. Er verbindet sich in diesem Brief nicht mit anderen Dienern des Herrn. Da er seinen Mitarbeiter und Bruder Timotheus konkret anweist, schreibt er allein. Dabei stellt sich Paulus in beiden Briefen erstens als Apostel und zweitens als geistlicher Vater vor. Beide Briefe an Timotheus sind folglich nicht nur göttlich inspiriert, sondern zugleich mit apostolischer Autorität geschrieben. Es ist nicht in das Belieben des Empfängers gestellt, was er mit diesen Schriften von Paulus tut. Bis heute haben beide Briefe eine Ansprache für jeden Gläubigen, der sie liest. Die Anweisungen sind bis heute für jeden gültig, der im Haus Gottes lebt. Zugleich wurde Timotheus daran erinnert, welch ein persönliches Band ihn mit Paulus verband. Paulus war sein geistlicher Vater. Diese herzliche Beziehung des älteren Apostels zu dem jüngeren Diener durchzieht und prägt beide Briefe.

1.1. Einwände

Beide Briefe an Timotheus sind – was ihre Authentizität betrifft – häufig angegriffen worden. Gnostische Irrlehrer haben bereits in den frühen Jahrhunderten Zweifel an ihrer Echtheit gesät. Die Ursache lag – und liegt – vor allem an dem Inhalt, denn beide Briefe widersprachen der falschen Lehre derer, die damals begannen, gnostisches Gedankengut zu verbreiten. Dazu zählten z. B. eine strenge Askese, feste Regeln für das Fasten und der Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Ehe.2 Diese frühen Angriffe auf die Authentizität dieser Briefe führten jedoch im Gegenteil dazu, dass bibeltreue und konservative Fachleute sehr früh nachgewiesen haben, dass Paulus tatsächlich der Verfasser ist.

Die meisten Theologen früherer Jahrhunderte hatten deshalb nicht den geringsten Zweifel daran, dass Paulus beide Briefe geschrieben hat. Kritische Ausleger haben erst in den letzten gut 200 Jahren erneut die Verfasserschaft von Paulus bezweifelt bzw. rundweg abgelehnt. Das muss uns nicht weiter wundern, denn wer den Inhalt eines Textes relativieren will, beginnt vorzugsweise damit, den Verfasser zu diskreditieren bzw. ganz in Frage zu stellen.

Eine Reihe bibelkritischer Theologen behauptet, dass Paulus überhaupt nicht der Verfasser sei. Andere wiederum denken, dass es sich um eine Mischung von echten Schriftstücken (aus der Feder des Paulus) und solchen Dokumenten handele, die von anderen später hinzugefügt worden seien. Sie finden dafür eine Reihe von Argumenten, die allerdings einer genaueren Prüfung nicht standhalten. Ohne hier auf Einzelheiten einzugehen, seien einige Punkte nur kurz benannt:

  1. Chronologische Argumente: Man behauptet, es sei unmöglich, die Briefe in den Rahmen der Berichterstattung in der Apostelgeschichte einzuordnen. Das ist in der Tat so, kann jedoch als Argument nicht gelten, weil überhaupt keine Notwendigkeit besteht, eine solche Einordnung vorzunehmen. Wir werden noch sehen, dass beide Briefe zu einem späteren Zeitpunkt geschrieben wurden, von dem die Apostelgeschichte überhaupt nicht berichtet. Die Apostelgeschichte beschreibt am Ende den ersten Teil der Haft von Paulus und seine Reise nach Rom (ca. 61–62 n. Chr.). Über das weitere Leben von Paulus sagt sie nichts.
  2. Kirchengeschichtliche Argumente: Man behauptet, dass beide Briefe einen Zustand von örtlichen Gemeinden beschreiben, der für das 1. Jahrhundert untypisch sei und vielmehr das reflektiere, was im 2. Jahrhundert üblich gewesen sei. Eine kritische Prüfung bestätigt diese These nicht. Das Problem liegt vielmehr darin, dass man Timotheus (wie Titus) eine Rolle als Gemeindeleiter zuordnet, die er zu keinem Zeitpunkt innehatte und die nie die Absicht von Paulus war.3
  3. Lehrmäßige Argumente: Man behauptet, dass viele Argumente, die in diesen Briefen vorgebracht werden, völlig anders seien als das, was in anderen Briefen des Paulus steht. Wer so argumentiert, vergisst, dass die übrigen Briefe von Paulus (vom dem an Philemon abgesehen) an örtliche Versammlungen gerichtet wurden, während Timotheus ein Mitarbeiter und Gesandter des Paulus war, der mit einer ganz bestimmten Mission an einem Ort arbeitete. Es liegt in der Natur der Sache, dass man in solchen Briefen andere Themen aufgreift. Im Übrigen sind die Hinweise in diesen Briefen keineswegs im Widerspruch zu dem, was Paulus in den übrigen Briefen schreibt. Sie geben vielmehr eine notwendige Ergänzung der Lehre, so wie er sie in den anderen Briefen niedergelegt hat, und behandeln vor allem praktische Elemente des Versammlungslebens. Sie zeigen uns, dass Paulus im wahrsten Sinn des Wortes „konservativ“ (d. h. bewahrend) war. Gerade am Ende seines Lebens war es ihm ein Anliegen, dass das, was der Herr ihm anvertraut hatte, nicht verloren gehen, sondern dass das anvertraute Glaubensgut (die gesunde Lehre) über Generationen hinweg bewahrt bleiben sollte.
  4. Linguistische Argumente: Man behauptet, die Briefe könnten deshalb nicht von Paulus geschrieben worden sein, weil sie auch im Stil und Vokabular von den übrigen Briefen des Paulus abweichen. Das ist ohne Frage der Fall, kann jedoch als Argument ebenfalls kaum greifen, denn warum sollte Paulus in sehr persönlich gehaltenen Briefen nicht anders schreiben als in Briefen an örtliche Versammlungen? Das Thema dieser Briefe macht neue Ausdrücke einfach erforderlich.

1.2. Interne und externe Belege

Fakt ist, dass beide Briefe eine Reihe von internen und externen Belegen liefern, dass niemand anderes als Paulus der Autor ist.

  1. Interne Belege: Der stärkste Beweis ist, dass sich Paulus in beiden Briefen als Absender konkret nennt. Darüber hinaus spricht er in den Briefen immer wieder von sich selbst. Er erinnert an seine Vergangenheit und an andere Dinge, die ihn betrafen (z. B. 1. Tim 1,13; 2,7; 2. Tim1,11; 2,2; 4,6–8). Wer an die Inspiration (göttliche Eingebung) der Bibel glaubt und damit daran, dass Gottes Wort unfehlbar und immer wahr ist, kann nicht daran zweifeln, dass Paulus tatsächlich der Verfasser ist.
  2. Externe Belege: Sie stammen vor allem aus den ersten Jahrhunderten des christlichen Zeugnisses. Schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt zitierten die sogenannten Kirchenväter aus den Briefen an Timotheus. Ihre Schriften zeigen erstens, dass sie keinen Zweifel daran hatten, dass Paulus der Autor war. Zweitens wird deutlich, dass der Brief aus dem ersten Jahrhundert n. Chr. stammen muss. Der früheste Hinweis stammt aus einem Brief des Clemens von Rom an die Korinther, der auf ca. 95 n. Chr. datiert wird. Er bezieht sich einige Male auf den ersten Brief an Timotheus. Gleiches gilt für den Brief des Polycarp an die Philipper (ca. 110 n. Chr.). Er zitiert aus beiden Briefen an Timotheus. Weitere Schriftsteller sind Ignatius (ca. 110 n. Chr.), Justin der Märtyrer (ca.140 n. Chr.) und Athenagoras (ca. 180 n.Chr.) Das Zeugnis dieser Männer ist eindeutig, dass niemand anderes als Paulus der Verfasser dieser Briefe ist.

2. Der Empfänger

Paulus schreibt beide Briefe an Timotheus. Sein Name bedeutet „ehre Gott“ oder „Ehre Gottes“. Dem entsprach er in der Tat. Den meisten Bibellesern wird dieser noch jüngere Diener Gottes aus Lystra4 gut bekannt sein. Wir finden seinen Namen einige Male in der Apostelgeschichte sowie in verschiedenen Briefen des Paulus. In den einleitenden Versen der folgenden Briefe verbindet sich Paulus mit ihm als Autor: 2. Korinther, Philipper, Kolosser, 1. und 2. Thessalonicher und Philemon. In Römer 16,21 werden Grüße von Timotheus ausgerichtet. Außer den Informationen, die wir den beiden Briefen entnehmen können, erhalten wir weitere Hinweise in 1. Korinther 4,17 und 16,10; in 2. Korinther 1,19; Philipper 2,19; 1. Thessalonicher 3,2.6 sowie Hebräer 13,23. Alle Hinweise zusammengenommen liefern ein sehr umfassendes Bild über diesen treuen und hingebungsvollen Diener des Herrn.

Es gibt kaum zwei Diener des Herrn, die so miteinander verbunden waren und gemeinsam für ihren Herrn gearbeitet haben, wie Paulus und Timotheus. Timotheus wird zum ersten Mal in Apostelgeschichte 16 mit Namen erwähnt. Paulus befand sich dort auf seiner zweiten Missionsreise (ca. 51–54 n. Chr.) und erwählte sich Timotheus zum Reisegefährten. Der letzte Brief, den Paulus schrieb, galt gerade diesem treuen Diener. Er schrieb ihn kurz vor seinem Tod (vermutlich im Jahr 67 n. Chr.). Zwischen dieser ersten Begegnung der beiden und dem letzten Kontakt per Brief mögen also gut 15 Jahre liegen, in denen diese beiden Diener eng miteinander verbunden waren.

  1. Seine Herkunft und Bekehrung: Es gibt gute Gründe, davon auszugehen, dass Paulus das Werkzeug war, das Gott benutzt hat, um Timotheus zum christlichen Glauben zu bringen. Bereits auf seiner ersten Missionsreise (ca. 46–49 n. Chr.) war Paulus zweimal in der Gegend gewesen, in der Timotheus lebte (vgl. Apg 14,1.8.21).5 Es ist anzunehmen, dass Timotheus sich bereits zu diesem Zeitpunkt bekehrt hat, obwohl sein Name dort nicht ausdrücklich erwähnt wird. Das war demnach ca. 47 n. Chr. Von Haus aus war Timotheus im jüdischen Glauben erzogen. Er hatte einen griechischen Vater6, jedoch eine jüdische Mutter mit Namen Eunike und eine Großmutter mit Namen Lois (2. Tim 1,5). Er kannte von Kind auf die Heiligen Schriften, d. h. das Alte Testament (2. Tim 3,15). Den Glauben an Jesus Christus hatte er jedoch erst später kennengelernt. Paulus nennt ihn deshalb sein „geliebtes Kind“ (2. Tim 1,2).
  2. Sein Zeugnis: Schon als junger Mann hatte Timotheus ein gutes Zeugnis von den Brüdern seiner Heimatversammlung und darüber hinaus (Apg 16,1.2). Für Paulus war das ein Grund, Timotheus als Diener auf die Reise mitzunehmen. Die Ältesten der Gemeinde identifizierten sich darin offensichtlich mit Timotheus. Paulus erinnert ihn im ersten Brief daran, dass sie ihm die Hände aufgelegt hatten (1. Tim 4,14).
  3. Sein Dienst: Obwohl Timotheus seine Aufgabe als Diener von Paulus begann und ihm vermutlich in äußeren Dingen half, hatte Gott ihm eine besondere Gnadengabe gegeben. Verschiedene Hinweise in den Briefen zeigen das:
    - Paulus spricht zweimal ausdrücklich von einer Gnadengabe Gottes (einer Befähigung und einem Auftrag zum Dienst), die Timotheus empfangen hatte und die er nicht vernachlässigen, sondern anfachen sollte (1. Tim 4,14; 2. Tim 1,6).
    - In 2. Timotheus 1,6 erinnert Paulus seinen geistlichen Sohn daran, dass diese Gnadengabe durch Auflegen seiner Hände in ihm war. Es war und blieb eine Gnadengabe Gottes, dennoch wurde sie sozusagen dadurch besiegelt, dass Paulus ihm die Hände auflegte. Das machte die Gnadengabe und den Dienst von Timotheus einzigartig.
    - In 1. Timotheus 1,18 lesen wir von Weissagungen (Prophezeiungen), die vorher über ihn ergangen waren. Worum es sich dabei genau handelte, wissen wir nicht. Auch das machte den Dienst von Timotheus einzigartig.
    Beim Lesen der Briefe gewinnen wir den Eindruck, dass Timotheus vor allem eine Gabe als Evangelist hatte, der von seinem Herrn zeugt (2. Tim 1,8; 4,5). Doch nicht nur das: Timotheus war ebenfalls in der Lage zu lehren und zu ermahnen, so dass er ebenso die Gabe des Lehrers und des Hirten gehabt haben wird.
  4. Sein Charakter: Wenn man die Briefe an Timotheus im Zusammenhang liest, stellt man fest, dass Timotheus ein sehr hingebungsvoller und zugleich sensibler und zurückhaltender Bruder war. Deshalb wurde er ermutigt, seine Gnadengabe tatsächlich zu gebrauchen. Paulus erinnert ihn ausdrücklich daran, dass Gott uns keinen „Geist der Furchtsamkeit“ gegeben hat, „sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Tim 1,17). Den Korinthern schreibt Paulus: „Wenn aber Timotheus kommt, so seht zu, dass er ohne Furcht bei euch sei; denn er arbeitet am Werk des Herrn wie auch ich“ (1. Kor 16,10). Timotheus selbst wird mit den Worten ermuntert: „Niemand verachte deine Jugend, sondern sei ein Vorbild der Gläubigen in Wort, in Wandel, in Liebe, in Glauben, in Keuschheit“ (1. Tim 4,12). Darüber hinaus scheint er gewisse physische Einschränkungen gehabt zu haben (1. Tim 5,23), die seinen Dienst beeinflussen konnten.
  5. Seine Beschneidung: Im Gegensatz zu Titus unterwarf Timotheus sich zu Beginn seines Dienstes der Beschneidung (Apg 16,3).7 Paulus sah sich dazu veranlasst, um unnötigen Widerstand durch die Juden zu vermeiden, die wussten, dass Timotheus einen griechischen Vater hatte. Die Juden würden ihn folglich als Heiden betrachten, während die Nationen ihn wegen seiner Mutter als Juden behandeln würden. Die Beschneidung des Timotheus machte ihn für die Gläubigen nicht annehmbarer, sondern geschah im Blick auf die Akzeptanz bei ungläubigen Juden (vgl. 1. Kor 9,20).
  6. Seine Beziehung zu Paulus: Paulus und Timotheus waren von Anfang an eng miteinander verbunden. Am Anfang ihres gemeinsamen Dienstes nennt Paulus ihn einen „Bruder und Mitarbeiter Gottes in dem Evangelium“ (1. Thes 3,2). In 1. Korinther 4,17 nennt er ihn schon sein „geliebtes und treues Kind in dem Herrn“. Die Tatsache, dass Paulus ihn Kind nennt, weist jedoch nicht nur darauf hin, dass er wahrscheinlich das Werkzeug zu seiner Bekehrung war, sondern zeigt zugleich, dass in Timotheus Wesenszüge von Paulus sichtbar wurden – so wie ein Kind Wesenszüge seines Vaters aufweist. Paulus schreibt den Philippern, dass er „wie ein Kind dem Vater, mit mir gedient hat an dem Evangelium“ (Phil 2,22). Dieses Zeugnis geht wohl am weitesten. Beide Diener Gottes waren bis zu Paulus‘ Lebensende eng miteinander verbunden. Man spürt Paulus‘ ganze Zuneigung zu seinem jüngeren Bruder und Mitarbeiter ganz besonders in seinem Vermächtnis im zweiten Brief und in dem zweifachen Appell, so bald wie möglich – vor seiner Hinrichtung – nach Rom zu kommen (2. Tim 4,9.21). Die Beziehung zwischen dem älteren Paulus und dem jüngeren Timotheus ist vorbildhaft. Paulus war in einem Sinn bereit, den Staffelstab zu übergeben, und er tat es ohne jede Spur von Bitterkeit oder gar Eifersucht. Timotheus war bereit, diesen Staffelstab zu übernehmen, ohne je den Respekt und das Vertrauen in seinen geistlichen Vater in Frage zu stellen.
  7. Seine Biographie: Timotheus begleitete Paulus (gemeinsam mit Silas) auf Teilen seiner zweiten Missionsreise (ca. 52–54 n. Chr.). Diese Reise führte Paulus erstmals nach Europa (Philippi, Amphipolis, Thessalonich, Beröa, Athen und Korinth). Während dieser Reise sandte Paulus Timotheus von Athen aus nach Thessalonich zurück, damit er ihm Nachricht über den Zustand der Versammlung bringen konnte (1. Thes 3,1–6). In Korinth trafen sich die beiden (und Silas) wieder (Apg 18,5). Auf der dritten Missionsreise (ca. 54–58 n. Chr.) begleitete Timotheus Paulus erneut zum Teil. Von Ephesus aus wurde er nach Mazedonien und Korinth gesandt (Apg 19,22; 1. Kor 4,17; 16,10). Als der zweite Korintherbrief geschrieben wurde, war er jedoch wieder bei Paulus in Mazedonien (2. Kor 1,1). Als Paulus dann nach Jerusalem zurückkehrte und dort inhaftiert wurde, war Timotheus wahrscheinlich nicht bei ihm, sondern befand sich bereits in Ephesus. Später finden wir ihn als Begleiter im Gefängnis in Rom (bei der ersten Gefangenschaft). Offensichtlich hat er Paulus dort aufgesucht. Außer im Epheserbrief wird er in allen Briefen, die Paulus aus dem Gefängnis schreibt, erwähnt (Phil 1,1; Kol 1,1; Phlm 1). Nachdem Paulus freigelassen wurde und u. a. nach Ephesus kam, blieb Timotheus erneut für einige Zeit dort.

Zu einem uns nicht bekannten Zeitpunkt wurde Timotheus ebenfalls inhaftiert und anschließend wieder freigelassen (Heb 13,23). Wenn Paulus der Verfasser des Hebräerbriefs ist, geschah dies zu seinen Lebzeiten. Andere Autoren gehen davon aus, dass dies nach dem Tod von Paulus geschah. Über Einzelheiten gibt es keine Hinweise in der Bibel. Gleiches gilt für das Lebensende dieses Dieners Gottes. Die Kirchengeschichte gibt dazu keine überzeugenden Details.

3. Der zeitgeschichtliche Hintergrund

Es ist klar, dass beide Briefe von Paulus geschrieben wurden und an Timotheus adressiert sind. Es ist ebenfalls klar, dass Timotheus sich in Ephesus befand, als er die Briefe erhielt. Im ersten Brief wird es ausdrücklich gesagt (1. Tim 1,3), beim zweiten Brief kann man es schlussfolgern.8

Schwieriger ist es, den Zeitpunkt zu benennen, wann genau die Briefe geschrieben wurde. Für die Auslegung ist das zwar nicht besonders wichtig, dennoch ist es ein Punkt, über den wir in einer Einleitung zu einem Brief nachdenken sollten, zumal das chronologische Argument immer wieder von Kritikern angeführt wird, die behaupten, der Brief sei nicht von Paulus geschrieben worden.

Der Zeitpunkt, zu dem die Paulus die Briefe geschrieben hat, steht und fällt mit der Beantwortung der Frage, wann Timotheus in Ephesus war. Da wir in der Apostelgeschichte keinerlei Hinweis auf einen längeren Besuch des Timotheus in Ephesus finden, gehen die meisten konservativen Ausleger davon aus, dass dieser Aufenthalt nach der ersten zweijährigen Gefangenschaft in Rom (Apg 28,30) stattgefunden hat.9 Somit fällt die Datierung in eine Zeit, von der die Apostelgeschichte nichts berichtet. Dies ist auch nicht unbedingt erforderlich, denn an keiner Stelle lesen wir, dass die Apostelgeschichte einen vollständigen Bericht über alle Reisen des Paulus gibt.

Die Briefe, die Paulus während seiner Haft in Rom schrieb (Epheser, Philipper, Kolosser und Philemon), zeigen, dass Paulus davon ausging, bald wieder in Freiheit zu sein, um seinen Dienst fortsetzen zu können (vgl. z. B. Phil 1,22–26; 2,24; Phlm 22). Hinweise aus dem ersten Timotheusbrief machen jedenfalls deutlich, dass das so geschehen sein muss, denn dieser Brief ist ganz sicher nicht in Gefangenschaft, sondern in Freiheit geschrieben worden. Es gibt – anders als in den genannten Briefen aus der ersten Gefangenschaft – keine Anspielung auf eine Haft. Aus dem zweiten Brief wird ebenfalls deutlich, dass Paulus zunächst aus der Haft entlassen wurde und danach in die Gebiete zurückgekehrt war, die er vorher besucht hatte.

In dieser Zeit – also während der „vierten Missionsreise“ – sind sehr wahrscheinlich sowohl der erste Brief an Timotheus als auch der Brief an Titus nach Kreta geschrieben worden. Timotheus befand sich zu diesem Zeitpunkt in Ephesus, Titus in Kreta. Verschiedene Hinweise zeigen uns die Reisepläne von Paulus, nachdem er die Freiheit zurückgewonnen hatte, nämlich: Philippi (Phil 1,26; 2,24; 1. Tim 1,3), Ephesus (1. Tim 1,3; 4,13; vgl. 2. Tim 1,18), Kolossä (Phlm 22), Kreta (Tit 1,5), Nikopolis (Tit 3,12). Es ist davon auszugehen, dass er tatsächlich an diesen Orten gewesen ist. Ganz sicher ist er in Mazedonien (Nordgriechenland), Kleinasien und Kreta gewesen (1. Tim 1,3; Tit 1,5; 3,12). Folgende Orte erwähnt er ausdrücklich: Troas (2. Tim 4,13), Milet und Korinth (2. Tim 4,20). Ob er unmittelbar nach seiner Freilassung zunächst nach Spanien gereist ist, bleibt ungewiss. Die Geschichte berichtet darüber, das Neue Testament gibt dazu keine Anhaltspunkte.10

Somit liegt es auf der Hand, dass Paulus seinen Brief an Timotheus während dieser letzten Reise geschrieben hat. Die Datierung muss folglich zwischen ca. 63 und 64 n. Chr. liegen. Wahrscheinlich ist der erste Brief von Mazedonien (möglicherweise Philippi) aus geschrieben worden (1. Tim 1,3).

Der zweite Brief wurde hingegen eindeutig aus einer Gefangenschaft geschrieben (2. Tim 1,8.12.16.17; 2,9; 4,6–8). Die Hinweise, die uns der zweite Brief dazu gibt, machen deutlich, dass es nicht die erste Gefangenschaft in Rom war. Ob Paulus in Troas, Korinth oder Rom aufs Neue verhaftet wurde, wissen wir nicht. Die zweite Gefangenschaft scheint ohnehin relativ kurz gewesen zu sein, denn nach dem ersten Verhör (2. Tim 4,16) war Paulus ziemlich sicher, dass er bald sterben würde. Anders als in den Briefen aus der ersten Gefangenschaft schreibt Paulus nichts mehr von der Hoffnung, freizukommen, sondern es wird deutlich, dass er davon ausgehen musste, bald als Märtyrer für seinen Herrn zu sterben (2. Tim 4,6–8).

Frühe Ausleger schreiben, dass Paulus im Jahr 67 n. Chr. in Rom sein Leben gelassen hat und – weil er römischer Staatsbürger war – mit dem Schwert enthauptet wurde. Der zweite Brief an Timotheus muss kurz vorher geschrieben worden sein. Es ist der letzte Brief des Paulus und somit angesichts des bevorstehenden Todes ein ganz besonderes Dokument und ein geistliches Vermächtnis.

Letztlich ist es – wie bereits bemerkt – von untergeordneter Bedeutung, wann genau die Briefe geschrieben wurden. Sie stehen jedenfalls nicht im Widerspruch zu dem, was in der Apostelgeschichte berichtet wird, sondern ergänzen diesen Bericht. Wichtiger für uns ist, dass beide Briefe Teil des inspirierten Wortes Gottes sind und eine Botschaft für jeden haben, der sie liest.

4. Paulus und Timotheus in Ephesus

4.1. Die Versammlung in Ephesus

Als Paulus seine Briefe an Timotheus schrieb, befand dieser sich in Ephesus. Mit der Versammlung in dieser Stadt in Kleinasien11 war Paulus besonders verbunden. Neben den drei Referenzstellen in den Briefen an Timotheus (1. Tim 1,3; 2. Tim 1,18; 4,12) wird Ephesus häufig in der Apostelgeschichte erwähnt. Weitere Hinweise finden wir in 1. Korinther 15,32 und 16,8. Die Versammlung in Ephesus ist die einzige Versammlung, die zwei inspirierte Briefe von zwei unterschiedlichen Aposteln (Paulus und Johannes) erhielt (Eph 1,1; Off 1,11; 2,1).

Ephesus wird in Apostelgeschichte 18,19 zum ersten Mal erwähnt. Paulus befindet sich dort am Ende seiner zweiten Missionsreise und ist auf dem Weg nach Jerusalem. Er unterredet sich mit den Juden in der Synagoge. Dieser Besuch datiert vermutlich auf das Jahr 52 n. Chr. Aufgrund seiner Eile bleibt er nicht lange dort.

Paulus kehrte sehr bald – während seiner dritten Missionsreise – nach Ephesus zurück, um dort das Evangelium zu verbreiten (Apg 19). Dieser Besuch erstreckte sich über ca. drei Jahre (Sommer 52 n. Chr. bis Frühjahr 55 n. Chr.) und war überaus gesegnet. Der biblische Bericht sagt, dass das Wort des Herrn in Ephesus mit Macht wuchs und überhand nahm (Apg 19,20). Dass dieses Wachstum nicht ohne Widerstand blieb, macht der zweite Teil von Apostelgeschichte 19 deutlich (vgl. 1. Kor 15,32).

Die zum christlichen Glauben gekommenen Epheser waren in erster Linie gebürtige Heiden, die vorher dem Götzendienst ergeben waren. Der Brief an die Epheser macht jedoch deutlich, dass ebenfalls einige gebürtige Juden zu der Gemeinde dort gehörten (Eph 2,11–22). Paulus war mit diesen Gläubigen besonders verbunden. In keiner Stadt blieb er so lange wie in Ephesus. Es ist eindrucksvoll, seinen Rückblick auf diese Zeit in Apostelgeschichte 20 zu lesen. Wir erkennen dort, welch eine enge Verbindung Paulus mit diesen Gläubigen hatte. In seiner bewegenden Ansprache an die Ältesten von dort erinnert er sie an seine Arbeit unter ihnen und ermahnt sie, ihre Aufsichtspflicht nicht zu vernachlässigen. Zugleich denkt er daran, dass einmal „verderbliche Wölfe“ kommen würden, um den Gläubigen zu schaden. Zudem würden selbst aus ihren eigenen Reihen Brüder aufstehen, um verkehrte Dinge zu reden. Dass Paulus recht behalten sollte, erkennen wir in den beiden Briefen an Timotheus sehr deutlich. Der erste Brief wurde nur etwa zehn Jahre nach Paulus‘ Aufenthalt in Ephesus geschrieben, der zweite wenig später. Nimmt man den kurzen Brief, den Johannes den Ephesern einige Jahrzehnte später geschrieben hat, hinzu, erkennt man weiteren Niedergang (Off 2,1–7).

Die Apostelgeschichte berichtet nichts über einen weiteren Besuch von Paulus in Ephesus. Während seiner ersten Gefangenschaft in Rom schrieb Paulus den Gläubigen in Ephesus einen Brief. Es ist – neben dem Römerbrief – der einzige Brief von Paulus an eine örtliche Gemeinde, der nicht seinen Anlass in einem konkreten Fehlverhalten (oder der Gefahr dazu) fand. Die Epheser befanden sich tatsächlich zu diesem Zeitpunkt (der Brief wurde im Jahr 61/62 n. Chr. geschrieben) in einem geistlich sehr guten Zustand. Wie kein anderer Brief im Neuen Testament zeigt uns dieser Brief den ganzen Ratschluss Gottes im Blick auf „Christus und seine Versammlung“ und öffnet uns das Herz Gottes.

4.2. Der Dienst des Timotheus in Ephesus

Es gilt als ziemlich sicher, dass Paulus relativ kurz nach seiner Freilassung aus der Gefangenschaft Ephesus erneut gemeinsam mit Timotheus besucht hat. Anlässlich dieses Besuches muss er realisiert haben, dass seine Sorge um die Gläubigen in dieser Stadt nicht unbegründet gewesen war. Dringende Gründe veranlassten ihn jedoch, Ephesus bald zu verlassen, um weiter nach Mazedonien zu reisen. Das ist der Grund, warum er Timotheus in Ephesus zurückließ, um dort unter den Gläubigen zu arbeiten und für eine gewisse Ordnung zu sorgen (1. Tim 1,3; 4,1).12

Wer wäre besser geeignet gewesen, gegen die falschen Lehren vorzugehen, als sein geistliches Kind Timotheus? Es ist anzunehmen, dass Paulus dann von Mazedonien aus den ersten Brief an Timotheus schrieb, um seinen jungen Mitarbeiter zu ermutigen. Der zweite Brief folgte einige Zeit später, nachdem Paulus jedoch erneut verhaftet worden war und in Rom auf sein Todesurteil wartete.

Timotheus war der richtige Mann für diese schwierige Aufgabe. Er kannte die Geschwister dort, und er kannte Paulus. Er teilte dessen Liebe zu allen Heiligen. Vor allem jedoch hatte er eine sehr enge Glaubensbeziehung zu seinem Herrn. Paulus konnte sich also auf Timotheus verlassen, so dass er ihm diese schwierige Aufgabe überließ. Timotheus war kein Apostel, und doch besaß er als Mitarbeiter von Paulus eine besondere Autorität. Seine Aufgabe war die eines Dieners und hatte nichts mit dem zu tun, was man heute einen „Pastor“ nennt. Diese „offizielle“ Bezeichnung eines bestimmten Amtes in einer örtlichen Gemeinde ist dem Neuen Testament ohnehin fremd. Es gibt wohl die „pastorale Aufgabe“ von Hirten (Apg 20,28; Eph 4,11; 1. Pet 5,2), doch das hat nichts mit einer offiziellen Anstellung zu tun, so wie man sie heute in vielen christlichen Gemeinschaften kennt. Timotheus‘ Dienst in Ephesus dafür als Muster hinzustellen, kann man nur als falsch bezeichnen.

5. Der Charakter der Briefe

Es fällt beim Lesen der Briefe des Neuen Testamentes unmittelbar auf, dass die beiden Briefe an Timotheus (ebenso wie der an Titus) einen besonderen und damit anderen Charakter tragen als die übrigen Briefe von Paulus. Erstens sind es Briefe, die relativ spät geschrieben wurden. Zweitens sind es persönliche Briefe. Während die übrigen Briefe – von dem an Philemon einmal abgesehen – an örtliche Versammlungen gerichtet sind, handelt es sich bei diesen drei Briefen um Briefe an Einzelpersonen.13 Das prägt ihren Charakter. Paulus schreibt an seine Mitarbeiter, um ihnen für ihren Dienst wichtige Anweisungen zu geben. Außerdem nimmt er Anteil an ihrem Ergehen. Drittens behandeln die Briefe Themen der Gemeindeordnung, die wir in dieser Form in den übrigen Briefen nicht finden.

Seit dem 18. Jahrhundert bezeichnet man diese drei Briefe häufig als Pastoral- oder Hirtenbriefe14. Der Grund, die Briefe so zu nennen, sind die vielen persönlichen Anweisungen, die sie enthalten. Diese Bezeichnung ist allerdings aus zwei Gründen etwas irreführend. Erstens beschränkt sich ihr Inhalt durchaus nicht auf Anordnungen für den Hirtendienst und die Seelsorge. Diese Briefe als „Handbücher über biblische Seelsorge“ zu bezeichnen, geht an ihrer eigentlichen Absicht völlig vorbei. Zweitens waren weder Timotheus noch Titus – im heuten Sinn verstanden – angestellte Pastoren (Hirten) in Ephesus und Kreta. Ein solches Amt kennt das Neue Testament überhaupt nicht. Sie waren Diener ihres Herrn und Mitarbeiter von Paulus, denen das Wohl der Gläubigen allerdings sehr am Herzen lag und die sich um das Volk Gottes kümmerten. Wenn man deshalb den Begriff „Pastoralbrief“ benutzt, um damit die Aufgabe eine „Pastors“ zu legitimieren, ist das irreführend und verdunkelt die eigentliche Botschaft dieser Briefe und des Dienstes von Timotheus und Titus.

Es ist für das Verständnis der beiden Briefe an Timotheus wichtig zu berücksichtigen, dass sie an eine Einzelperson – an einen Diener Gottes – gerichtet sind und nicht an eine örtliche Versammlung. Obwohl das so ist, kann man davon ausgehen, dass die Briefe für ein breiteres Publikum bestimmt waren. Jedenfalls haben sie als Teil der Bibel eine Botschaft für jeden Leser. Dennoch halten wir fest, dass die Anordnungen, die Paulus mit apostolischer Autorität gibt, zunächst nicht direkt an Versammlungen gerichtet waren, sondern an seine Mitarbeiter. Timotheus war – wie Titus – direkt von Paulus beauftragt und autorisiert worden. Das gab seinem Dienst einen besonderen Charakter.

Selbstverständlich schließt der persönliche Charakter der Briefe an Timotheus es nicht aus, dass sie für uns eine große Bedeutung haben. Sonst wären sie nicht Teil des Kanons der Bücher des Neuen Testamentes. Beim Lesen der beiden Briefe wird jeder angesprochen. Sie haben gerade für unsere Zeit einen hohen Wert, weil der Verfall in der Christenheit stark zunimmt und die „gesunde Lehre“ mehr und mehr infrage gestellt wird. Deshalb muss es uns nicht wundern, dass ihre Authentizität heute vielfach bezweifelt wird. Wir bekommen in diesen Briefen wichtige Impulse und Lektionen über den geistlichen Zustand der Gläubigen in der letzten Zeit. Wir lesen von der Offenbarung des Bösen, der Bedrohung durch böse Einflüsse von außen und wie wir uns davor schützen können. Beide Briefe sind Briefe der Belehrung, der Ermutigung und der Warnung.

Die beiden Briefe an Timotheus tragen einen völlig anderen Charakter als der Brief an die Epheser, obgleich die Lehre des Epheserbriefes als bekannt vorausgesetzt werden kann, denn dieser war nur ca. drei Jahre vorher an genau die Gläubigen geschrieben worden, bei denen Timotheus sich befand. Der Epheserbrief zeigt uns Christus als denjenigen, der den Ratschluss Gottes erfüllt und Haupt der Versammlung ist. In den Briefen an Timotheus ist Christus zum Zeugnis für Gott in die Welt gekommen. Im Epheserbrief wird die Versammlung als Leib Christi, Braut Christi und Haus Gottes vorgestellt. In den Briefen an Timotheus geht es darum, wie wir uns in dem Haus Gottes verhalten. Im Epheserbrief werden Gnadengaben beschrieben, die dem ganzen Leib gegeben sind. In den Briefen an Timotheus geht es mehr um Ämter in der örtlichen Versammlung.

6. Inhalt und Struktur des ersten Briefes

In allen drei Patoralbriefen ist ein wichtiges Kernthema, wie die gesunde Lehre und die Ordnung im Haus Gottes bewahrt bleiben können. Der besondere Auftrag von Timotheus bestand darin, die Wahrheit zu predigen und die Lehre aufrechtzuerhalten (1. Tim 1,3.4).15 Das wird speziell im ersten Brief betont und ist Ausgangspunkt der Unterweisungen. Danach folgen konkrete Hinweise für das praktische Verhalten und die Ordnung im Haus Gottes. Paulus sah die Gefahr falscher und böser Lehre und warnt davor.

Der Brief selbst nennt verschiedene Absichten, warum er geschrieben wurde. Zum einen sollte Timotheus gebieten, nicht andere Lehren zu lehren (1. Tim 1,3). Zum anderen wollte Paulus ihn motivieren, den guten Kampf zu kämpfen (1. Tim 1,18). Vor allem jedoch sollte er wissen, wie „wie man sich verhalten soll im Haus Gottes“ (1. Tim 3,15). Das scheint eine wesentliche Kernaussage des ganzen Briefes zu sein. Er enthält praktische Anweisungen über die Ordnung im Haus Gottes, d. h. in der Versammlung. Es ist klar, dass es bei dem „Haus Gottes“ nicht um ein Gebäude geht, sondern vielmehr um das Konzept eines „Haushalts“, der Gott gehört. Wer zu diesem „Haushalt“ gehört, soll sich entsprechend verhalten. Gemeint ist damit nicht so sehr die innere Ordnung in der örtlichen Versammlung und den Zusammenkünften. Diese Belehrungen finden wir beispielsweise im ersten Korintherbrief. Das Thema hier ist weiter gefasst. Es geht im ersten Timotheusbrief nicht vordergründig darum, dass wir das Haus Gottes bilden oder dass wir daran bauen (was an und für sich natürlich wahr ist). Es geht vielmehr darum, dass der Christ sich im Haus Gottes befindet und sich deshalb entsprechend zu verhalten hat. Ein bestimmter Verhaltensstandard wird von denen erwartet, die sich im Haus Gottes bewegen. Unser Verhalten, d. h. unsere ganze Lebensführung, soll erstens zum Wohlgefallen dessen sein, dem das Haus gehört – das ist Gott. Gott möchte in unserem Verhalten gesehen und geehrt werden. Zweitens soll unser Verhalten ein Zeugnis für die uns umgebende Welt sein. Das Haus Gottes – die Versammlung als seine Wohnstätte – ist bis heute Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit. Der Brief enthält unter diesem Blickwinkel viele praktische Belehrungen und Hinweise. Es handelt sich dabei nicht einfach um verschiedene persönliche Anweisungen, sondern es geht um ein Gesamtkonzept mit einer grundlegenden Absicht.

Zugleich ist es ein Brief, der vor falschen Lehren warnt. An mehreren Stellen ist von Versagen die Rede und von Menschen, die vom Glauben abgewichen waren.16 Im zweiten Brief verstärkt sich dieser Gedanke noch. Die Zeit des Niedergangs und Abfallens vom Glauben, in der die Menschen die gesunde Lehre nicht mehr ertragen wollen, erleben wir heute hautnah. Insofern sind beide Briefe hochaktuell.

Im ersten Brief können wir mindestens drei Bereiche erkennen, in denen sich diese falschen Lehren dokumentierten:

  1. Falsche Lehrer mit jüdischem und gesetzlichem Hintergrund kamen mit Überlieferungen, die Paulus „Fabeln und endlose Geschlechtsregister“ nennt (1. Tim 1,4). Es geht um eine legendenhafte Interpretation alttestamentlicher Geschlechtsregister, die zu nichts Gutem führte.
  2. Falsche Lehrer, die mit einem Schein von Geistlichkeit auftraten und behaupteten, alles Materielle sei böse. Sie verboten zu heiraten und erlaubten nur den Genuss bestimmter Speisen (1. Tim 4,1–3). Im zweiten Brief sehen wir, dass das dahin führte, dass einige sogar die leibliche Auferstehung leugneten (2. Tim 2,18).
  3. Falsche Lehrer mit philosophischem Gedankengut, die von Erkenntnis sprachen, die jedoch keine war, weil sie dem Evangelium entgegen war (1. Tim 6,20).

Paulus beginnt in Kapitel 1, die ungesunden Lehren und alles, was damit verbunden ist, zu tadeln. Zugleich wird großer Nachdruck auf die gesunde Lehre gelegt, ohne die ein gottseliges Leben unmöglich ist. Die wahre Lehre ist das Evangelium „der Herrlichkeit des seligen Gottes, das mir anvertraut worden ist“ (Kap. 1,11). Er selbst war ein Beweis und ein Zeuge dieser Gnade.

Das Gebet ist ein Hauptthema zu Beginn des zweiten Kapitels, denn das Haus Gottes ist zugleich ein Bethaus. Als Heiland-Gott lädt Er Menschen in sein Haus ein. Das Verhalten von Männern und Frauen ist Thema im zweiten Teil des Kapitels.

Im dritten Kapitel geht es um das Haus Gottes und die Heiligkeit, die mit diesem Haus verbunden ist. Deshalb wird gezeigt, welche Qualitäten Aufseher und Diener haben müssen. Im vierten Kapitel finden wir eine ernste Warnung vor dem Abfall vom christlichen Glauben in späteren Zeiten. Die letzten zwei Kapitel erteilen verschiedene Anweisungen für ältere und jüngere Frauen, für Witwen und im Blick auf Unterstützung von Ältesten und Aufsehern. Sie enthalten zugleich persönliche Anweisungen an Timotheus.

Der Kapiteleinteilung folgend können wir folgende Gliederung vornehmen:

Kapitel 1: Die gesunde Lehre

Verse 1–2: Absender, Empfänger und Grußworte
Verse 3–11: Der richtige Gebrauch des Gesetzes
Verse 12–17: Die Gnade im Leben des Paulus
Verse 18–20: Der Auftrag des Timotheus

Kapitel 2: Das Haus Gottes – ein Bethaus

Verse 1–7: Der Heiland-Gott und der eine Mittler
Verse 8–15: Männer und Frauen

Kapitel 3: Das Verhalten im Haus Gottes

Verse 1–7: Aufseher
Verse 8–13: Diener
Verse 14–16: Die Versammlung – Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit

Kapitel 4: Falsche und gesunde Lehre

Verse 1–5: Falsche Lehren
Verse 6–15: Gesunde Lehre und ein gottseliges Leben

Kapitel 5–6: Anweisungen an Timotheus (1)

Verse 1–16: Ältere Männer und Witwen
Verse 17–25: Älteste

Kapitel 6: Anweisungen an Timotheus (2)

Verse 1–2: Knechte
Verse 3–19: Gottselig leben mit Genügsamkeit
Verse 20–21: Schlusswarnung und Gruß

7. Inhalt und Struktur des zweiten Briefes

Der zweite Brief nimmt unter allen Briefen von Paulus einen besonderen Platz ein. Er wird zum einen dadurch geprägt, dass es der letzte Brief überhaupt ist, den er geschrieben hat. Er gleicht damit einem geistlichen Vermächtnis. Zum anderen wurde er vor dem Hintergrund des bevorstehenden Märtyrertodes des Paulus geschrieben.17 Paulus blickt einerseits zurück auf sein eigenes Leben und seinen eigenen Dienst. Zum anderen appelliert er an sein Kind Timotheus, in einer schweren Zeit im Dienst nicht nachzulassen. Es ist unschwer zu erkennen, dass es ihm darum geht, Timotheus auf die kommenden schwierigen Zeiten vorzubereiten und ihn gleichzeitig zu motivieren. Wie in den meisten anderen „zweiten Briefen“ (Korinther, Thessalonicher) wird die Aufmerksamkeit auf die letzte Zeit gerichtet. Der Heilige Geist warnt und ermutigt durch diesen Brief jeden, der in den Umständen der letzten Tage für Gott leben und Ihm dienen möchte. Es bewegt uns zu sehen, wie Paulus, der im Gefängnis litt und in schwierigsten Umständen war, vor allem an das Wohl anderer dachte.18

Vor diesem dunklen Hintergrund müssen wir diesen Brief lesen und verstehen. Es kam jedoch noch etwas hinzu: Nicht nur die äußeren Umstände waren von großem Elend und von Not gekennzeichnet. Paulus erwähnt in Kapitel 1,15 den Umstand, dass die Gläubigen in Kleinasien sich von ihm abgewandt hatten. Die genauen Gründe dafür können wir nur erahnen. Paulus empfand das tief. Es tat ihm sehr weh. Gerade da, wo er mit großem Segen gearbeitet hatte, wollte man ihn nicht mehr haben. Es schien so, als wenn die Frucht seiner Arbeit verloren gegangen wäre.

Paulus war diesen Umständen gegenüber keineswegs gleichgültig. Sein Brief gewährt uns einen Blick in die Empfindungen des Herzens dieses großen Gottesmannes am Ende seines Lebens. Trotz widriger Umstände verfällt er nicht in Resignation oder Depression. Er lehnt sich nicht gegen sein Schicksal auf. Nein, er vertraut seinem Herrn. Er weiß alles, was er erarbeitet hat, in der mächtigen Hand seines Herrn (2. Tim 1,12). Dort würde nichts verloren gehen. Er spricht davon, dass er den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet und den Glauben bewahrt hatte. Er spricht von der Krone der Gerechtigkeit, die für ihn bereitlag (2. Tim 4,7.8).

Dennoch ist Paulus in diesem Brief weniger mit sich als vielmehr mit seinem Freund und Bruder Timotheus beschäftigt. Er will ihn erstens vor der Entwicklung warnen, die das christliche Zeugnis auf dieser Erde nehmen würde. Zweitens will er ihm Mut machen, seine Aufgabe zum Dienst ernst zu nehmen (Kapitel 1,6) und darin konsequent zu sein. Drittens erinnert er ihn immer wieder an die Hilfsquellen, die ihm zur Verfügung standen.19 Der Herr bleibt unveränderlich derselbe. Ihn sollte Timotheus nicht aus den Augen verlieren. Daneben wird die Treue Gottes erwähnt (2. Tim 2,13) und das Wort Gottes – die unveränderliche Wahrheit – immer wieder in den Vordergrund gerückt.

Die Verantwortung des Dieners wird durch die persönliche Ansprache des Briefes unterstrichen. Dreimal lesen wir das Wort „du aber“ (3,10; 3,14; 4,5). In Tagen von Niedergang und Rückschritt kommt es mehr denn je auf den Einzelnen an. Zusätzlich fällt auf, wie häufig Paulus in der Befehlsform (Imperativ) spricht. Was er Timotheus zu sagen hat, sind keine unverbindlichen Empfehlungen, sondern eindringliche Hinweise. Dennoch lässt Paulus immer sein Herz voller Liebe sprechen. Ein Schlüsselvers des Briefes ist die Aussage in Kapitel 2,15: „Befleißige dich, dich selbst Gott als bewährt darzustellen, als einen Arbeiter, der sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt.“ Wenn die große Masse von der Wahrheit abweicht, soll der Einzelne doch treu zu seinem Herrn stehen. Trotz aller persönlichen Verantwortung bleibt dennoch wahr, dass der Herr uns immer Geschwister zur Seite stellt, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen (Kapitel 2,22).

In seinem ersten Brief spricht Paulus von der Versammlung als dem Haus Gottes. Es gab Einzelne, die bezüglich ihres Glaubens Schiffbruch erlitten hatten (1. Tim 1,19). Ein großer Teil der Gläubigen ging allerdings (noch) den Weg mit dem Herrn. Dennoch warnt Paulus davor, dass falsche Lehrer kommen würden, um den Gläubigen zu schaden. Darüber spricht er ausführlicher in seinem zweiten Brief. Dieser Brief hat insofern einen etwas anderen Blickwinkel, weil er nicht direkt über das Haus Gottes und dessen Ordnung spricht, sondern das Bild des Hauses mehr im Sinn eines Vergleichs benutzt und von einem „großen Haus“ spricht (Kap 2,20). Das Thema im zweiten Brief ist Verfall und Niedergang. Die Masse derer, die sich zu Christus bekennen, ist in Wirklichkeit von Ihm abgewichen. Es sind nur Einzelne, die dem Herrn in Treue folgen und Ihm dienen wollen. So gesehen ist es nicht ganz korrekt zu sagen, dass aus dem „Haus Gottes“ im ersten Brief ein „großes Haus“ im zweiten Brief geworden ist. Beide Seiten sind zugleich wahr. Die Versammlung ist immer noch das „Haus Gottes“ und „Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit“. Gleichzeitig gibt es jedoch Verfall und Niedergang.

Paulus beginnt den Brief in Kapitel 1 mit einer liebevollen Aufforderung zur Treue und zur Hingabe. Die Motivation zum Dienst wird im ersten Teil des zweiten Kapitels fortgesetzt. Danach folgen wichtige Hinweise, die mit dem „großen Haus“ verbunden sind. Paulus zeigt, dass es selbst in schwierigen und verwirrenden Zeiten für den Gläubigen einen Weg gibt, den er zur Ehre Gottes gehen kann. Im dritten Kapitel lernen wir weitere Einzelheiten über die letzten Tage, in denen sich das Böse offenbart und in denen der Gläubige doch nicht ohne Hilfsquellen ist. Das vierte Kapitel enthält schließlich die letzten Worte des Apostels. Er blickt zurück auf sein Leben und vertraut in allem seinem Herrn, der bis zum Ende treu bleibt.

Der Kapiteleinteilung folgend, können wir folgende Gliederung vornehmen:

Kapitel 1: Ermunterung zum Dienst

Verse 1–2: Absender, Empfänger und Gruß
Verse 3–14: Die Gnadengabe anfachen
Verse 16–18: Untreue und Treue

Kapitel 2: Das große Haus

Verse 1–13: Stark in der Gnade
Verse 14–26: Ein Gefäß zur Ehre des Hausherrn

Kapitel 3: Verfall und Niedergang

Verse 1–9: Letzte Tage und schwere Zeiten
Verse 10–17: Gottselig leben

Kapitel 4: Ein geistliches Vermächtnis

Verse 1–5: Im Dienst nicht nachlassen
Verse 6–8: Ein Rückblick
Verse 9–22: Persönliche Hinweise und Gruß

8. Anhang: Das Verhalten im Haus Gottes

Ein zentrales Thema der beiden Briefe an Timotheus ist das Verhalten der Gläubigen im Haus Gottes. Paulus schreibt in Kapitel 3,15 des ersten Briefes: „... damit du weißt, wie man sich verhalten soll im Haus Gottes, das die Versammlung des lebendigen Gottes ist, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit.“

Das Wohnen Gottes in seinem Haus

Die Versammlung wird im Neuen Testament an verschiedenen Stellen mit einem Haus verglichen. Der Hauptgedanke, der sich mit dem Haus Gottes verbindet, ist das Wohnen Gottes in der Mitte seines Volkes. Das war im Alten Testament so. Das ist im Neuen Testament nicht anders. Das Kennzeichnende eines Hauses ist eben, dass man darin wohnt. Im Alten Testament war es ein materielles Haus (die Stiftshütte, der Tempel). Im Neuen Testament ist es ein geistliches Haus (die „Versammlung“ oder „Gemeinde“), das aus allen Menschen besteht, die in der Zeit der Gnade dem Evangelium des Heils glauben und mit dem Heiligen Geist versiegelt sind.

Das Wohnen Gottes hat zwei große Seiten:

  1. Gott offenbart sich in seinem Haus. Da, wo jemand wohnt, gibt er etwas von sich zu erkennen. So erfahren wir im Haus Gottes etwas über seine Herrlichkeit. Herrlichkeit ist eines der wesentlichen Kennzeichen des Hauses Gottes. „In seinem Tempel spricht alles: Herrlichkeit!“ (Ps 29,9). Wir lernen im Haus Gottes, wer Gott ist. Es ist eine Offenbarung in Barmherzigkeit und Gnade, sonst würden wir alle verzehrt werden. Ein weiteres Kennzeichen dieses Hauses ist Heiligkeit, denn Gott ist ein heiliger Gott. Deshalb verbindet sich das Wohnen Gottes in seinem Haus mit der praktischen Aufforderung zur Heiligkeit. Jeder, der sich im Haus Gottes bewegt, muss der Heiligkeit dieses Hauses entsprechen. „Deinem Haus geziemt Heiligkeit, Herr, auf immerdar“ (Ps 93,5). Das zielt direkt auf unser tägliches Verhalten ab. Beide Elemente – Herrlichkeit und Heiligkeit – werden in 3. Mose 10,3 miteinander verbunden. Dort sagt Gott in einem sehr ernsten Augenblick zu Aaron: „In denen, die mir nahen, will ich geheiligt, und vor dem ganzen Volk will ich verherrlicht werden.“
  2. Gott fordert Menschen auf, Ihm zu nahen. Petrus spricht in diesem Zusammenhang von der heiligen und der königlichen Priesterschaft (1. Pet 2,9). Die heilige Priesterschaft zeigt uns die Gläubigen, die Gott in Anbetung (Gottesdienst) nahen. Die königliche Priesterschaft zeigt unsere Aufgabe, Menschen gegenüber Zeugen zu sein. In Übereinstimmung damit finden wir Gott in den Briefen an Timotheus (und Titus) mehrfach als Heiland-Gott vorgestellt, der die Menschen zu sich ziehen möchte.20 Unser tägliches Verhalten im Haus Gottes soll somit eine Einladung an die Menschen sein, Gott kennenzulernen.

Das Haus Gottes – drei verschiedene Blickwinkel

Als der Herr Jesus selbst zum ersten Mal überhaupt von der Versammlung sprach, hat Er erklärt, dass Er diese Versammlung bauen würde (Mt 16,18). Paulus spricht an mehreren Stellen von dem Haus Gottes. Petrus erwähnt es, und Johannes nennt es am Ende der Offenbarung „die Hütte Gottes“ (Off 21,3).

Dennoch hat der Ausdruck „Haus Gottes“ nicht an allen Stellen eine genau gleiche Bedeutung. Ich möchte gerne drei Blickwinkel zeigen, die wir – ohne sie zu trennen – doch unterscheiden müssen.

Erstens wird uns gezeigt, dass die Gläubigen selbst das Haus Gottes bilden. Sie sind lebendige Steine, die in das Haus eingefügt werden. Als der Herr Jesus von dem Bauen seiner Versammlung sprach (Mt 16,18), hatte Er eben diesen Aspekt vor Augen. Petrus greift diesen Gedanken in seinem ersten Brief auf, wenn er die Gläubigen als ein geistliches Haus und ein heiliges Priestertum beschreibt (1. Pet 2, 5). Unter diesem Blickwinkel betrachtet, besteht das Haus Gottes aus allen Erlösten der Zeit der Gnade.

Zweitens wird uns gezeigt, dass wir Gläubigen an diesem Haus bauen. Das spricht unsere Verantwortung an. Es ist unsere Aufgabe, Menschen herbeizubringen, damit sie teilhaben am Haus Gottes. Davon spricht besonders der Apostel Paulus in 1. Korinther 3,1–10. Gleichzeitig sollen wir die Grundsätze des Hauses Gottes in unserem praktischen (Versammlungs-) Leben verwirklichen.

Drittens - und das bringt uns zu unserem Verhalten in diesem Haus – wird uns gezeigt, dass wir uns ständig im Haus Gottes bewegen. Wir bilden nicht nur das Haus Gottes, wir bauen nicht nur am Haus Gottes, sondern wir leben im Haus Gottes. Erneut ist unsere Verantwortung angesprochen. Das Haus ist Gottes Haus. Es gehört Ihm. Er ist der Hausherr, und Er kann somit die Regeln festlegen, nach denen wir uns verhalten sollen. Das Verhalten im Haus Gottes ist nicht in unser Belieben gestellt. Es muss vielmehr der Heiligkeit und der Würde dessen entsprechen, dem es gehört. Es gibt in diesem Haus eine „Hausordnung“. Diese Ordnung gilt es einzuhalten.

Das Verhalten im Haus Gottes

Bemerken wir zunächst, was darunter nicht zu verstehen ist.

Erstens sollte uns klar sein, dass es nicht einfach um das Verhalten in einem materiellen Gebäude geht. In vielen Religionen wird den so genannten „Gotteshäusern“ eine große Bedeutung beigemessen. Oft gibt es klare Regeln, die man bei Betreten dieser Häuser beachten muss. Darum geht es hier ganz sicher nicht. Die Räume, in denen sich die Gläubigen versammeln, sind keine „heiligen Stätten“, sondern ganz gewöhnliche Räumlichkeiten. Es sollte selbstverständlich sein, dass wir uns in der Gegenwart des Herrn (in den Zusammenkünften) angemessen kleiden und benehmen. Trotzdem ist das hier nicht der eigentliche Gedanke.

Zweitens wollen wir bedenken, dass es in den Briefen an Timotheus nicht primär um das Zusammenkommen der örtlichen Versammlung geht. Das Zusammenkommen ist wohl eingeschlossen. Dennoch ist der Gedanke an sich weiter gefasst. Der erste Korintherbrief zeigt uns mehr die innere Ordnung im Haus Gottes. In einigen Passagen dieses Briefes geht es ausdrücklich um unser Zusammenkommen (z. B. in den Kapiteln 10, 11 und 14). Das ist in den Briefen an Timotheus anders. In diesen Briefen – und besonders im ersten Brief – finden wir mehr die äußere Ordnung im Haus Gottes vorgestellt. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, sind wir immer im Haus Gottes. Mit Recht ist gesagt worden, dass sich der Gläubige 24 Stunden am Tag im Haus Gottes befindet. Zu jeder Gelegenheit befinden wir uns im Haus Gottes. Dementsprechend soll unser Verhalten sein.

Besehen wir nun einige Einzelheiten bezüglich unseres Verhaltens im Haus Gottes:

  1. Es ist wichtig zu sehen, dass die Aufforderung, uns im Haus Gottes angemessen zu verhalten, eine ganz praktische Seite hat. Die beiden Briefe an Timotheus sind keine typischen Lehrbriefe, sondern praktische Briefe. Die Art und Weise, wie wir uns als Christen benehmen, spielt eine große Rolle. Es gibt Gläubige, die betonen die innere Glaubensbeziehung, die wir als Christen zu unserem Gott haben. Sie haben recht. Es gibt andere Gläubige, die betonen das praktische Verhalten des Christen im Alltag. Sie haben ebenfalls recht. Beide Aspekte gehören untrennbar zusammen. Sie widersprechen sich nicht. Sie ergänzen einander. Gefährlich wird es dann, wenn wir den einen Aspekt gegen den anderen ausspielen. Die innere Glaubensbeziehung – das verborgene Leben des Christen mit Gott – muss intakt sein, sonst ist das, was nach außen hin sichtbar wird, nicht echt. Wenn allerdings die innere Glaubensverbindung äußerlich nicht sichtbar wird, so kann im Innern etwas nicht stimmen. Beide Seiten sind vorhanden. Beide Seiten sind wichtig.
  2. Das Verhalten im Haus Gottes ist zunächst eine überwiegend persönliche Sache. Beide Briefe zeichnen sich durch eine sehr persönliche Ansprache aus. Immer wieder gebraucht Paulus die Worte „du“, „dich“ und „dir“. Im zweiten Brief sagt er dreimal „du aber“ (2. Tim 3,10.14; 4,5). Doch es geht nicht nur um Timotheus. In dem Leitvers (1. Tim 3,15) ist die Ansprache zwar zunächst an Timotheus gerichtet: „... damit du weißt“. Doch dann weitet sich der Gesichtskreis. Paulus schreibt nicht: „... wie du dich verhalten sollst“, sondern er sagt: „... wie man sich verhalten soll“. Das schließt jeden Leser des Briefes ein. Die Grundsätze über das Verhalten im Haus Gottes ändern sich nicht. Sie galten damals wie heute. Sie gelten jedem von uns ganz persönlich. Sie zu beachten, ist zunächst eine individuelle Verantwortung. Wir sollten nicht zuerst von unseren Mitgeschwistern erwarten, dass sie dieser Aufforderung nachkommen. Wir müssen zuerst an uns selbst denken.
  3. Dennoch ist der gemeinschaftliche und öffentliche Gedanke unbedingt vorhanden. Wir werden zwar persönlich angesprochen, allerdings nicht in unserem Charakter als Kinder Gottes. Kindschaft ist eine persönliche Segnung, die mit einer persönlichen Verantwortung verbunden ist. Wenn es jedoch um das Haus Gottes geht, ist der gemeinschaftliche (kollektive) und öffentliche Aspekt nicht zu übersehen. Wir sind nicht allein in diesem Haus. Das hilft uns, beide Briefe besser zu verstehen. Sie geben uns persönliche Hinweise für das gemeinschaftliche Leben im Haus Gottes. Es gibt – über die Zusammenkünfte hinaus – viele Gelegenheiten, wo wir mit unseren Glaubensgeschwistern zu tun haben und zusammen sind. Welchen Einfluss hat mein persönliches Verhalten auf meine Geschwister, mit denen ich zusammen bin? Das ist eine der Fragen, um die es bei unserem Verhalten im Haus Gottes geht. Es geht in diesen Briefen nicht so sehr um das „Privatleben“ des Christen, sondern mehr um das, was „öffentlich“ ist.
  4. Die Aufforderung, uns im Haus Gottes angemessen zu verhalten, wird uns nicht ohne Grund gegeben. Unser Verhalten im Haus Gottes hat ein Ziel. Genauer gesagt ist es ein doppeltes Ziel. Erstens möchte Gott durch unser Verhalten verherrlicht werden. Es ist sein Haus. Er sieht uns. Er möchte durch unser Verhalten geehrt werden und Freude an uns haben. Er hat ein Recht dazu. Zweitens hat Gott uns zu einem Zeugnis für die Welt zurückgelassen. Die Versammlung ist der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit. Gerade der erste Timotheusbrief spricht von der Wahrheit, dass Gott ein Heiland-Gott ist, der will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Woran können die Menschen das erkennen? An unserem Verhalten! Sie beobachten uns. Sie sehen uns. Sie hören uns. Sie registrieren, wie wir uns in der Praxis des täglichen Lebens verhalten.

Das große Haus

Obwohl der zweite Timotheusbrief nicht mehr direkt über das „Haus Gottes“ spricht, wird das Thema des Hauses und unseres Verhaltens dennoch fortgesetzt. Allerdings ist der Blickwinkel ein wenig anders. In Kapitel 2,20 benutzt Paulus die Illustration eines „großen Hauses“, um zu zeigen, wohin sich die bekennende Christenheit in ihrer letzten Phase entwickeln würde – und entwickelt hat. In diesem Haus gibt es unterschiedliche Gefäße (Menschen). Sie werden nach ihrem Material (Gold, Silber, Holz, Erde) und nach ihrer Brauchbarkeit (zur Ehre, zur Unehre) unterschieden. So gibt es heute in der Christenheit echte Christen (Gold, Silber) und solche, die kein Leben aus Gott haben (Holz, Erde). Der Herr allein kann das wirklich unterscheiden (2. Tim 2,19). Für jeden von uns stellt sich jedoch die Frage, ob er zu Ehre des Hausherrn oder zu seiner Unehre lebt. Voraussetzung für ein Leben zur Ehre Gottes ist, von der Ungerechtigkeit abzustehen und sich von denen zu trennen, die in Ungerechtigkeit leben (2. Tim 2,19–21).

Der zweite Brief an Timotheus zeigt uns, wie wir uns gerade in den letzten Tagen des christlichen Bekenntnisses verhalten sollten. Gott hat immer einen Weg für diejenigen, die treu zu Ihm stehen und den Glauben (das Glaubensgut) nicht aufgeben wollen. Dieser Weg wird uns im zweiten Brief gezeigt.

Nach dem Ratschluss Gottes besteht die Versammlung aus lebendigen Steinen. Christus baut diese Versammlung, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen (Mt 16,18). Diese Sichtweise Gottes finden wir im Neuen Testament mehrfach vorgestellt. Es ist gut, wenn wir das für uns im Auge behalten. Allerdings ist es ebenso wahr, dass Gott uns gleichzeitig wiederholt die Seite unserer Verantwortung vor Augen führt. Wir waren nicht wachsam genug. Wir haben es an Hingabe und Eifer für unseren Herrn fehlen lassen. Deshalb ist – unter dem Blickwinkel der Verantwortung von uns Menschen – vieles in dieses Haus hineingekommen, was nicht hineingehört. Wir haben – um im Bild von 1. Korinther 3 zu sprechen – nicht nur mit Gold, Silber und kostbaren Steinen gebaut, sondern genauso mit Holz, Heu und Stroh. So ist ein großes Haus entstanden, in dem es neben echten Gläubigen Menschen gibt, die zwar ein christliches Bekenntnis haben, jedoch kein Leben aus Gott. Das ist der Zustand der Christenheit, wie wir ihn heute vorfinden.

Der Herr Jesus hatte das schon vorausgesagt, als Er seinen Jüngern die Gleichnisse vom Reich Gottes gab. Durch mangelnde Wachsamkeit kam der Feind und säte Unkraut unter den Weizen (Mt 13,25). Auf die Frage seiner Jünger sagte der Herr ihnen, dass sie das Unkraut nicht ausreißen sollten. Das Reich Gottes ist heute – unter dem Blickwinkel der menschlichen Verantwortung gesehen – eine gemischte Sache. Es ist nichts anderes als das Christentum. Die Menschen, die sich in diesem (Be-)Reich aufhalten, haben ein Bekenntnis: Sie nennen sich Christen. Leider ist dieses Bekenntnis bei vielen nicht echt. Es sind Menschen, die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft jedoch verleugnen (2. Tim 3,5).

In dieser Situation stellt sich für jeden, der seinem Herrn in Treue folgen möchte, die Frage, wie er sich persönlich verhalten soll. Was ist der Wille und der Weg des Herrn für uns? Bei der Beantwortung dieser Frage hilft uns dieser Brief. Wir lernen, wie wir uns als Menschen Gottes in dieser schweren Zeit richtig verhalten können. Dazu gehört, dass wir die Wahrheit kennen, sie schätzen und sie festhalten. Festhalten schließt Praktizieren ein. Wir müssen die Wahrheit hochhalten und gleichzeitig nicht nachlassen, das Evangelium zu verbreiten. Wir erkennen beim Lesen des ganzen Briefes, wie dem Apostel Paulus gerade diese beiden Seiten besonders am Herzen lagen. Wiederholt wird Timotheus dazu aufgefordert.

Für jeden wiedergeborenen Christen gilt unverändert, was Paulus schreibt: „... damit du weißt, wie man sich verhalten soll“. Dieses Wissen ist nicht zuerst ein theoretisches Wissen, sondern es geht darum, dieses „Wissen“ in der täglichen Praxis unseres Alltags umzusetzen.

Fußnoten

  • 1 Auf eine Lebens- und Dienstbeschreibung des Apostels Paulus wird an dieser Stelle bewusst verzichtet. Zum einen ist sie den meisten Bibellesern gut bekannt, zum anderen gibt es dazu ausreichend gute Literatur.
  • 2 Ein Vertreter dieser Kritiker ist Marcion, der bereits im 2. Jahrhundert n. Chr. einen ersten biblischen Kanon vorlegte, in dem die Briefe an Timotheus und Titus bewusst fehlten.
  • 3 Dies betrifft vor allem die erwähnten Ämter der Ältesten, der Aufseher und der Diakone. Dies sind durchaus keine Einrichtungen des 2. Jahrhunderts, sondern sie waren bereits von Anfang an in manchen Versammlungen vorhanden (vgl. Apg 6; 14,23; 20,17.28; Phil 1,1). Was man allerdings aus diesen „Ämtern“ gemacht hat, war nie die Absicht Gottes, sondern ist eine Erfindung von Menschen.
  • 4 Lystra war eine antike Stadt in Kleinasien in der heutigen Türkei. Sie lag 30 Kilometer südwestlich von Ikonium, dem heutigen Konya. Paulus und Barnabas flohen aus Ikonium dorthin. Als sie in Lystra einen lahmen Menschen heilten, dachten die Bewohner zuerst bewundernd, sie seien Götter. Doch bald darauf wandelte sich das Bild und die Juden sorgten dafür, dass Paulus gesteinigt wurde (vgl. 2. Tim 3,11). Die Arbeit in Lystra war nicht vergeblich, denn durch den Dienst der Missionare entstand eine Versammlung, die Paulus auf seiner zweiten Missionsreise erneut besuchte (Apg 14,5–21; 16.1.2).
  • 5 Die erste Missionsreise führte Paulus und Barnabas von Antiochien nach Zypern und Kleinasien. Reisestationen waren Salamis, Paphos, Perge, Antiochien in Pisidien, Ikonium, Lystra und Derbe. Auf dem Rückweg wurden die meisten Orte noch einmal besucht (Apg 13 und 14).
  • 6 Die Tatsache, dass sein Vater nicht weiter erwähnt wird, deutet darauf hin, dass er kein Christ war. Und weil Timotheus nicht beschnitten war, lässt sich ebenfalls vermuten, dass sein Vater auch den jüdischen Glauben nicht angenommen hatte. Unter welchen Umständen seine jüdische Frau ihn geheiratet hatte, wissen wir nicht. Sie war jedenfalls für Timotheus eine gottesfürchtige Mutter (vgl. 2. Tim 1,5).
  • 7 Nach Galater 2,3 war Titus ein Grieche, und Paulus bestand darauf, ihn nicht zu bescheiden. Das zu tun, wäre ein Zugeständnis an die judaisierenden Lehrer gewesen, die den Gläubigen aus den Nationen nur zu gerne das Gesetz auferlegen wollten.
  • 8 Zum einen wird Ephesus zweimal ausdrücklich erwähnt (2. Tim 1,18; 4,12). Zum anderen werden Personen genannt, die mit Ephesus verbunden sind. Von Onesiphorus wird in Kapitel 1,16–18 gesagt, dass er den Apostel in Rom gesucht und gefunden und ihm auch in Ephesus gedient hatte. In Kapitel 4,19 sendet Paulus Grüße an das Haus des Onesiphorus, das sich in Ephesus befand. Priska und Aquila werden ebenfalls erwähnt. Sie haben eine Zeitlang in Ephesus gelebt. Hymenäus wird als ein Irrlehrer gebrandmarkt (2. Tim 2,17). Es liegt sehr nahe anzunehmen, dass er derjenige ist, der bereits in 1.Timotheus 1,20 erwähnt wird und in Ephesus lebte.
  • 9 Die Frage, ob Paulus einmal oder zweimal in Rom gefangen gehalten wurde, steht im engen Zusammenhang mit der Frage der Datierung der beiden Briefe an Timotheus. Es gibt durchaus kritische Ausleger, die von nur einer Gefangenschaft ausgehen. Ihre Argumente sind jedoch nicht stichhaltig. Es kann keine Frage geben, dass Paulus zweimal in Rom inhaftiert war, und zwischen diesen beiden Gefangenschaften schrieb er als freier Mann den ersten Timotheusbrief und den Brief an Titus. Aus der Annahme nur einer Gefangenschaft ergeben sich unlösbare Schwierigkeiten und Widersprüche.
  • 10 Clemens von Rom schreibt in seinem Brief ca. 90 n. Chr. aus Rom über Paulus und erwähnt, dass er bis zu den äußersten Grenzen des Westens gekommen sei, was nichts anderes bedeuten kann, als dass der Wunsch des Apostels erfüllt worden ist, nach Spanien zu reisen (Röm 15,24–28). Ob es tatsächlich so gekommen ist, kann jedoch nicht mit Sicherheit gesagt werden.
  • 11 Ephesus war die Hauptstadt von Ionien und wirtschaftlich bedeutend. Der Tempel der Artemis (Diana), die Marmorstraße, das Gymnasium, das Stadium und die Bibliothek von Ephesus waren für ihre Pracht bekannt. Wie in vielen anderen bekannten Städten spielte die Religion eine große Rolle. Zentrum war der Götzendienst im Tempel der Artemis mit ihrem Standbild. Viele Epheser waren der Magie und der Zauberei sehr verbunden. Den Einfluss des Evangeliums darauf erkennen wir in Apostelgeschichte 19,19. Für die Juden gab es in Ephesus eine Synagoge (Apg 18,19), wo regelmäßig das Alte Testament gelesen wurde.
  • 12 Auf den ersten Blick ergibt sich ein Problem, denn in Apostelgeschichte 20,25.38 erwähnt Paulus, dass die Ältesten von Ephesus sein Angesicht nicht mehr sehen sollten. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn wir diese Aussage nicht als prophetische Aussage verstehen, sondern als ein Ausdruck der Empfindungen von Paulus in diesem Augenblick. Er hatte drei Jahre bei ihnen gelebt und gearbeitet, und jetzt würde ihn das Evangelium in andere Gegenden führen.
  • 13 Der Brief an Philemon ist ebenfalls ein persönlicher Brief, allerdings trägt er einen deutlich privateren Charakter. Darin unterscheidet er sich von den Briefen an Timotheus und Titus. Interessant ist, dass gerade dieser Brief mit einem privaten Charakter zugleich der Versammlung im Haus von Philemon galt und von den Geschwistern zu Kenntnis genommen werden sollte (Phlm 1,2).
  • 14 Der erste, der diese so nannte, war D. N. Berdot (1703). Wirklich bekannt wurden sie unter diesem Namen allerdings durch die Schriften des Theologen P. Anton (1726).
  • 15 Die „Wahrheit“ wird in 1. Timotheus 2,4.7; 3,15; 4,3; 6,5 und in 2. Timotheus 2,15.18.25; 3,7.8; 4,4 erwähnt. Dann wird mehrfach von der „Lehre“ gesprochen (1. Tim 1,10; 4,6.16.17; 5,17; 6,1.3; 2. Tim 3;10.16; 4,2.3). Beide Ausdrücke kommen, wenn es um die biblische Lehre oder Wahrheit geht, immer in der Einzahl vor. Wenn hingegen von fremder und falscher Lehre die Rede ist, wird von „Lehren“ (Mehrzahl) gesprochen (1. Tim 1,3; 4,1). Die biblische Lehre ist immer gut und gesund. Es ist darüber hinaus eine Lehre, die nach der Gottseligkeit ist (1. Tim 6,3), d. h. sie führt zu einem Leben in Hingabe an Gott. Biblische Lehre kann nie von der Praxis des christlichen Lebens getrennt werden (vgl. Tit 1,1: „… Wahrheit, die nach der Gottseligkeit ist“).
  • 16 Paulus spricht vom Schiffbruch im Glauben (1. Tim 1,19). Er erwähnt, dass einige vom Glauben abfallen würden (1. Tim 4,1), dass sie den Glauben verleugnen und verwerfen würden (1. Tim 5,8.12). Andere würden vom Glauben abirren (1. Tim 6,10) und das Ziel des Glaubens verfehlen (1. Tim 6,21). Im zweiten Brief ist von solchen die Rede, die den Glauben anderer zerstören (2. Tim 2,18) und selbst hinsichtlich des Glauben unbewährt sind (2. Tim 3,8). In den genannten Stellen ist mit „Glauben“ entweder die Glaubensaktivität oder das Glaubensgut gemeint. Im Gegensatz dazu hatte Paulus den Glauben bewahrt (2. Tim 4,7).
  • 17 Wir wissen von keinem anderen Brief, den Paulus aus der zweiten Gefangenschaft geschrieben hat.
  • 18 Die zweite Gefangenschaft des Paulus ist keinesfalls mit der ersten zu vergleichen, in der er gewisse Freiheiten genoss. Er war in der Lage, Menschen zu empfangen, die zu ihm kamen. Er konnte – eingeschränkt – Gemeinschaft pflegen, und es bestand die Möglichkeit zu predigen und zu lehren (Apg 28,30.31). Wir müssen bedenken, dass in dieser Zeit das Christentum bei den römischen Behörden als eine Absplitterung vom Judentum galt, der man keine allzu große Bedeutung beimaß. Weil sich die Vorwürfe der Juden gegen Paulus als nicht haltbar erwiesen, kam er ca. 63 n. Chr. frei. Wenig später wurden dann – besonders unter Kaiser Nero – die Christen allgemein verfolgt. Er gab 64 n. Chr. den Befehl, die Hauptstadt Rom in Brand zu setzen. Um von sich selbst abzulenken, wurde das Gerücht verbreitet, die Christen hätten das Feuer gelegt. Eine grausame Verfolgung setzte ein. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet darüber ausführlich. Paulus wurde im Jahr 66/67 n. Chr. erneut inhaftiert. Diesmal war seine Haft mit den unangenehmsten Begleitumständen verbunden: Er saß in einer dunklen Todeszelle irgendwo in den Katakomben von Rom. Er hatte den sicheren Tod vor Augen. Als römischer Staatsbürger musste er zwar nicht damit rechnen, den Löwen zum Fraß vorgeworfen oder gekreuzigt zu werden. Die Aussicht, mit dem Schwert enthauptet zu werden, war allerdings ebenfalls alles andere als angenehm.
  • 19 Die Formulierung „in Christus Jesus“ kommt im zweiten Brief siebenmal vor. Es geht dabei nicht – wie etwa im Epheserbrief – um unsere Stellung, die wir „in Christus“ haben, sondern vielmehr um Hilfsquellen, die in der letzten Zeit unverändert verfügbar sind: · Kapitel 1,1: Die Quelle und der Sitz des ewigen Lebens sind in Christus Jesus. Das ewige Leben steht hier als Ziel vor uns, das ganz sicher ist. · Kapitel 1,9: Jesus Christus ist der Mittler der Gnade Gottes zum Heil. Diese Gnade Gottes ist in der Zeit in der Person seines Sohnes erschienen. Sie ist uns bereits in der Ewigkeit vor der Zeit gegeben. · Kapitel 1,13: Das Fundament des Glaubens und der Liebe ist ebenfalls in Christus Jesus zu finden. Nur so sind wir in der Lage, das Bild gesunder Worte wirklich festzuhalten. · Kapitel 2.1: Zum Dienst benötigen wir Kraft. Diese Kraft finden wir in der Gnade, die in Christus Jesus ist. · Kapitel 2,10: Paulus litt, doch er wusste warum. Er wünschte, dass die Auserwählten, ebenso wie er, das Heil erlangen würden, das in Christus Jesus ist. Wenn es einen Garanten dafür gibt, dann Christus Jesus. · Kapitel 3,12: Ein Leben echter Gottseligkeit und wahrer Frömmigkeit – also ein Leben zur Ehre des Herrn – ist nur in Christus Jesus möglich. Es findet in Ihm seine Grundlage. · Kapitel 3,15: Erneut geht es um das ewig sichere Heil. Paulus weist auf den Weg hin, auf dem dieses Heil zu erlangen ist. Es ist der Glaube, der wiederum in Christus Jesus ist.
  • 20 Das Wort Heiland (Retter oder Erhalter) kommt dreimal vor. Es wird im ersten Brief zweimal für Gott (Kap. 1,1; 2,3) und im zweiten Brief einmal für Christus gebraucht (Kap1,10). Es ist der „Heiland-Gott“, der alle Menschen retten will, und es ist der Heiland Jesus Christus, der durch seinen Tod den Tod zunichte gemacht und Leben und Unverweslichkeit ans Licht gebracht hat. Dieser Titel Gottes zeigt die universelle Gnade Gottes in Christus, die allen Menschen das Heil anbietet.

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