Der zweite Brief an Timotheus

Kapitel 1

Der zweite Brief an Timotheus

„Paulus, Apostel von Jesus Christus durch Gottes Willen, nach Verheißung des Lebens, das in Christus Jesus ist, Timotheus, meinem geliebten Kind: Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Herrn“ (Verse 1.2).

Merkwürdig ist der Unterschied zwischen diesem Anfang und dem im ersten Brief des Paulus an Timotheus. Während der Standpunkt, den der Apostel im ersten Brief einnimmt, ein allgemeiner ist, ist er hier ganz persönlich. Er sagt hier nicht: „Apostel von Jesus Christus, nach dem Befehl Gottes, unseres Heilandes, und Christus Jesus, unserer Hoffnung“, sondern „Apostel von Jesus Christus, durch Gottes Willen, nach Verheißung des Lebens, das in Christus Jesus ist“. Er spricht von Christus weder als Messias, noch von Christus als Haupt der Versammlung, sondern von Christus, der das ewige Leben ist und dieses Leben den Seinen mitteilt. Das ist also etwas ganz Persönliches. Und das kennzeichnet diesen Brief. Während Paulus in seinem ersten Brief an Timotheus die Gemeinde des lebendigen Gottes, welche Gottes Haus hier auf Erden ist, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit, noch in ihrer Ordnung sieht, so schaut er in seinem zweiten Brief den Verfall und den endlichen Abfall dieser Gemeinde und redet natürlicherweise über das, was jeder Gläubige persönlich besitzt, und über die Verantwortlichkeit, die auf jedem Gläubigen ruht, besonders in den Tagen des Verfalls, welches auch der Zustand der Gemeinde auf Erden sein mag. Wer ein wahres Glied dieser Versammlung, wer durch wahrhaftigen Glauben mit Christus verbunden ist hat das ewige Leben und ist persönlich verantwortlich, für das, was er als Arbeiter in dieser Gemeinde zu verrichten hat.

Es ist wohl schwierig und erfordert viel Glauben, mitten im Verfall, bei Enttäuschung und Verkennung, nicht nur stehen zu bleiben, sondern mit Mut und Ausdauer vorwärts zu schreiten und ein treuer Zeuge zu bleiben. Und doch, dies wünschte Paulus nicht nur zu tun, sondern dies begehrte er auch feurig für seinen geliebten Timotheus. Darum suchte er ihn zu ermutigen und zu stärken und zählt alles auf, was ihm durch Gottes Gnade geschenkt war und worin der Herr Seine Vorherbestimmung in Bezug auf ihn offenbart hatte.

Zuerst gibt er der zärtlichen Liebe Ausdruck, die er für Timotheus hatte, und der innigen Gemeinschaft, die zwischen ihnen bestand: „Ich danke Gott, dem ich von meinen Voreltern her mit reinem Gewissen diene, dass ich unablässig deiner gedenke in meinen Gebeten Nacht und Tag, voll Verlangen, dich zu sehen, indem ich eingedenk bin deiner Tränen (wahrscheinlich als Paulus gefangengenommen wurde und sie voneinander scheiden mussten), dass ich mit Freude erfüllt sein möge“ (Verse 3–4). Wie der große Meister, so dachte auch der Diener, sowohl an das große Ganze wie auch an jeden im Besonderen. Aus den Briefen an die Epheser und Philipper wissen wir, wie er zu allen Zeiten die ganze Gemeinde, dankend und bittend, auf dem Herzen trug und hier vernehmen wir, wie er Nacht und Tag (die Nacht geht vor dem Tag, weil er wahrscheinlich wie der Herr Nächte im Gebet verbrachte), ohne Aufhören seines Timotheus im Gebet gedachte. Herrliche Offenbarung von Gottes Liebe in dem von Natur so selbstsüchtigen Herzen des Menschen! Zugleich ein schönes Zeugnis für die Gemeinschaft der Seele und die Anhänglichkeit des Herzens, welche die Gnade in den Heiligen zu bewirken weiß. Möchte Gottes Geist uns dieselbe Freude und denselben Genuss schenken!

Darum erinnert Paulus den Timotheus an ihre gegenseitigen Voreltern und tönt an, wie Gott, der Herr, in diesen frühen Geschlechtern durch Seine Gnade gewirkt hatte zur Vorbereitung ihrer Berufung zum Evangelium und zum Werk, das ihnen anvertraut werden sollte. Das ist im höchsten Maß bemerkenswert. Lernen wir doch daraus, wie die Gegenstände von Gottes ewiger Erwählung von ihrer Jugend an, ja schon in ihren Vorahnen, die Fürsorge und Leitung des Herrn erfahren. Diese Wahrnehmung in der Geschichte der Gläubigen gereicht schon hier zu unserm Trost und unserer Ermutigung und wird uns einmal, wenn alle Dinge: und also auch Gottes Wege mit den Seinen offenbar geworden sind, mit Bewunderung und Anbetung erfüllen.

„Ich danke Gott, dem ich von meinen Voreltern her mit reinem Gewissen diene“, sagt Paulus von sich selber. Selbstverständlich denkt er nicht an das innerliche Verhalten, sondern an den Charakter seiner Voreltern. Wie er selber, als er Christus noch nicht kannte, mit allem Eifer Gott gedient hatte, so hatten seine Voreltern dies auch getan; das war ein Vorrecht, worüber er sich erfreuen konnte, da Gottes Gnade sich darin offenbart hatte. Mit Timotheus verhielt es sich auch so. „Indem ich mich erinnere des ungeheuchelten Glaubens in dir, der zuerst wohnte in deiner Großmutter Lois und deiner Mutter Eunike, ich bin aber überzeugt, auch in dir“ (Vers 5). Herrliches Zeugnis! Und das, obschon in dieser Familie Gottes Gesetz mit Füßen getreten wurde. Der Vater von Timotheus war doch ein Grieche und die Ehe seiner Mutter war nach dem Gesetz unrein, wodurch Timotheus selber unrein und von allen jüdischen Vorrechten ausgeschlossen war, so dass er denn auch als Kind nicht beschnitten wurde. Paulus hatte ihn beschneiden lassen; doch war dies außerhalb des Gesetzes, denn die Heiden und die Kinder aus gemischten Ehen waren, es wäre denn, dass sie Proselyten wurden, vom Volk Israel ausgeschlossen. So hatte sich denn Gottes Gnade sowohl in Timotheus als auch in seiner Mutter und Großmutter verherrlicht und das Wort von Paulus bewahrheitete sich hier: „Wo die Sünde überströmend geworden ist, ist die Gnade noch überschwenglicher geworden.“

An dritter Stelle erinnert der Apostel den Timotheus an die besondere Gabe, die ihm mitgeteilt worden war. „Um welcher Ursache willen ich dich erinnere, die Gnadengabe Gottes anzufachen, die in dir ist durch das Auflegen meiner Hände“ (Vers 6). Bei niemandem sonst hören wir von so vielen merkwürdigen Beweisen für seinen Dienst am Evangelium; und Timotheus wird daran erinnert, damit er durch diese Beweise für die Kraft und Wirklichkeit seines Dienstes ermutigt würde, trotz allem Widerstand mutig fortzufahren und im Predigen auszuharren. Und wahrlich, Timotheus hatte diese Ermutigungen nötig. Wenn alles seinen normalen Lauf nimmt, wenn die Forderungen, die das Evangelium an den Menschen stellt, sogar von der Welt geduldet oder gar anerkannt werden, dann findet man das Werk leicht, seien die Schwierigkeiten auch noch so groß; aber wenn der Diener des Evangeliums sogar von den Gläubigen verlassen wird, wenn es dem Teufel glückt, das Zeugnis zu verderben, wenn die Herzen erkalten und die gegenseitige Zuneigung abnimmt, dann kommt es dazu, dass wir den Mut verlieren und im Eifer für das Werk nachlassen.

Doch der Herr ist alle Zeit mit uns. „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furchtsamkeit gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (Vers 7), so dass der Knecht des Herrn, der „Mensch Gottes“, der in Gemeinschaft mit Gott wandelt, die Gabe Gottes, die ihm geschenkt ist, erwecken muss. Wer sich von Gottes Geist leiten lässt, wird keine Furcht kennen, wie schwierig die Umstände auch seien, sondern im Gegenteil voll Kraft, voll Energie, in Liebe zu den Seelen und mit Besonnenheit, ruhig und würdig, lehren und ermahnen.

„So schäme dich nun nicht des Zeugnisses unseres Herrn, noch meiner, Seines Gefangenen“ (Vers 8). Ist es nicht traurig, dass der Apostel also reden muss. Worin besteht nun dieses Zeugnis, dessen sich Timotheus nicht schämen soll?1

Ach, es schämten sich bereits so viele des Zeugnisses für den Herrn und so manche hatten den Apostel verlassen, so dass ihm bei seiner Verantwortung vor Gericht niemand beistand. Folge ihrem Beispiel doch nicht, o Timotheus, sondern unterwirf dich der Schmach und dem Leiden, die das Teil aller sind, die sich des Zeugnisses unseres Herrn nicht schämen.

Zu dieser Ermahnung fügt nun der Apostel – wie er es gewöhnlich tut – eine herrliche Offenbarung der Wahrheit Gottes, des Evangeliums, das ihm anvertraut war, hinzu. „Leide Trübsal mit dem Evangelium, nach der Kraft Gottes; der uns errettet hat und berufen mit heiligem Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach Seinem eigenen Vorsatz und der Gnade, die uns in Christus Jesus vor den Zeiten der Zeitalter gegeben, jetzt aber offenbart worden ist durch die Erscheinung unseres Heilandes Jesus Christus, welcher den Tod zunichte gemacht, aber Leben und Unverweslichkeit ans Licht gebracht hat durch dass Evangelium, zu welchem ich bestellt worden bin als Herold und Apostel und Lehrer der Nationen“ (Verse 8–11).

Wie unaussprechlich herrlich ist es, das zu besitzen, was ewig ist, was gegründet ist auf die Macht und das Werk von Gott selber! Das ist eine unerschütterliche Grundlage. Welche Umstände uns auch begegnen; welches Leiden uns auch trifft; welche Mächte sich auch gegen uns erheben; durch alles gehen wir hindurch in der Kraft Gottes, die sich in unserer Errettung offenbart hat – welche Errettung ihren Grund in Gottes ewigem Vorsatz hat. Gott hat uns errettet; Er hat uns berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, als ob etwas vom Menschen abhinge, sondern nach Seinem eigenen Vorsatz und nach Seiner Gnade, die uns in Christus Jesus gegeben ist vor den Zeiten der Zeitalter, d. h. bevor die Welt war. Das ist das feste Fundament, auf dem unsere Seelen ruhen. Das ist der Fels, an dem sich alle Wogen der Verfolgungen und des Widerstandes brechen.

Stehen wir noch ein wenig bei dieser herrlichen Offenbarung still. Gott hat uns errettet und berufen mit heiligem Ruf, so dass wir vom Verderben und von der Sünde erlöst und für Ihn abgesondert sind als ein Volk, das mit dem Sohn Gottes im Himmel in der Herrlichkeit vereinigt ist. Das ist nach Gottes eigenem Vorsatz und nach Seiner Gnade, die uns in Christus Jesus vor den Zeiten der Zeitalter gegeben ist. Gottes ewiger Ratschluss in Christus ist der Grund unserer Berufung und Errettung. Von Anfang bis zum Ende ist alles, was vom Menschen ist, ausgeschaltet. Die Gnade, die uns errettete und die uns aus der Welt rief, um Gott anzugehören, ist eine Gnade, die uns gegeben ist, ehe die Welt war. So hängt also nichts von uns ab. So liegt alles in Gott, in Seinem Vorsatz, in Seinem Ratschluss, in der Liebe Seines Herzens. Das gibt unserer Seele Sicherheit und Ruhe.

Diese Gnade, uns nach Gottes Vorsatz vor den Zeiten der Zeitalter gegeben in Christus Jesus, ist nun offenbart durch die Erscheinung unseres Heilandes Jesus Christus. Gottes Vorsatz in Christus musste erfüllt werden. Was in Gott verborgen war, musste ans Licht treten. Die Auserwählten mussten berufen und errettet werden. Dazu musste Gottes Sohn auf Erden erscheinen und, nachdem Er den Tod, den Lohn der Sünde, die über den Menschen herrscht, durch Sein eigenes Sterben zunichte gemacht hatte (siehe Heb 2, 14), durch Seine Auferstehung Leben und Unverweslichkeit ans Licht bringen durch das Evangelium. Christus war das Leben. Er hatte das Leben in sich selber und darum konnte Er es mitteilen an wen Er wollte. Gleichwie eine Quelle stets eine Quelle bleibt, wieviel Wasser man auch daraus schöpft, so ist und bleibt Er das Leben, wenngleich schon Millionen von Ihm das Leben empfangen haben. Doch dieses Leben konnte Er nicht mitteilen bevor Er den Tod, der durch die Sünde in die Welt gekommen war und durch den Satan über die Sünder herrscht, zunichte gemacht hatte. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein.“ Nun, Er gab sich in den Tod. Er nahm, den Lohn der Sünde auf sich; Er trat an unsere Stelle und trug die von uns verdiente Strafe. In all ihrer Schrecklichkeit, bis zur Trennung von Gott, wurden die Schmerzen, des Todes von Ihm geschmeckt. Doch, erhört von den Hörnern der Büffel, steht Er auf von den Toten und schenkt allen, die an Ihn glauben, Leben und Unverweslichkeit, so dass sie nach Seele und Leib dem Tod und dessen Macht entrückt sind. Noch ist dies nicht ganz in Erfüllung gegangen, weil wir den Schatz noch in irdenen Gefäßen tragen, aber wenn Jesus kommt, werden wir in einem Augenblick verwandelt; das Sterbliche in unserm Leib wird durch Sein Leben verschlungen und unsterblich und unverweslich, Ihm gleichförmig, werden wir aufgenommen in die Herrlichkeit.

Durch das Evangelium wird uns diese herrliche Wahrheit mitgeteilt; auf keine andere Art können wir es wissen. Von diesem Evangelium war Paulus ein Prediger und Apostel und Lehrer. Er war Apostel „nach Verheißung des Lebens“. Ihm war die Verkündigung dieses Evangeliums der Gnade, das vermögend ist, aus uns eine neue Schöpfung zu machen, anvertraut worden. Nicht an Israel allein, sondern an alle Völker wandte er sich, denn in Christus war der erste Adam gestorben und die neue Schöpfung begonnen; und jeder, der an Christus glaubte, hatte das ewige Leben, Um der Predigt dieses Evangeliums willen hatte Paulus viel leiden müssen und darum saß er nun im Gefängnis; dennoch ruft er hier aus: „Ich schäme mich nicht, denn ich weiß, wem ich geglaubt habe und bin überzeugt, dass Er mächtig ist, das Ihm von mir anvertraute Gut auf jenen Tag zu bewahren“ (Vers 12). Verbunden mit der Person des Christus und Seine Macht kennend, ist er überzeugt, dass das Leben, wie es Christus jetzt besitzt, und das ihm mitgeteilt war, nicht angetastet werden konnte. Leiden konnte er, sogar sterben – aber dieses Leben konnte ihm niemand rauben.

Paulus wendet sich darum wieder an Timotheus. Er war am Ende seiner Laufbahn angekommen. Bald würde er von diesem Schauplatz verschwinden. Bis zuletzt trägt er die Versammlung auf seinem Herzen. Und weil er ihr selber nicht mehr dienen kann, wendet er sich an Timotheus, um ihm die Angelegenheiten der Versammlung anzubefehlen und ihn anzuregen, die Wahrheit Gottes zu predigen. „Halte fest das Vorbild gesunder Worte, die du von mir gehört hast, in Glauben und Liebe, die in Christus Jesus sind“ (Vers 13). Halte fest an dem Vorbild, d. h. am Inhalt der gesunden Worte, und deshalb an der Wahrheit, die du von mir gehört hast, in Verbindung mit Glauben und Liebe, welche Liebe in Gemeinschaft mit Christus Jesus gefunden wird und der Wahrheit ihre Kraft und ihren Wert gibt. Dies ist vor allem von großem Gewicht in der gegenwärtigen Zeit des Verfalls und der Untreue, in der wir leben. Was sich auch ändert, welche Irrtümer die Gemeinde des Herrn auch verderben mögen; wie viele falsche Lehrer die Herde zerreißen, Gottes Wort ist unveränderlich, die Wahrheit bleibt stets dieselbe und es ist unsere Verantwortlichkeit und zugleich unsere Kraft, an diesem Wort, an dieser Wahrheit festzuhalten und uns durch nichts und durch niemand abziehen zu lassen. Das Wort Gottes ist die einzige Waffe gegen den Feind, das einzige Schutzmittel gegen den Irrtum, der einzige Stützpunkt inmitten des Verfalls. Darum sagte Paulus bei seinem Abschied von den Ältesten in Ephesus, nachdem er den Verfall der Gemeinde angekündigt hatte: „Und nun befehle ich euch Gott und dem Wort Seiner Gnade, welches vermag aufzubauen und euch ein Erbe zu geben unter allen Geheiligten“ (Apg 20, 32).

Doch nicht nur das. Außer dem Wort ist uns auch der Heilige Geist gegeben. Jeder Mensch Gottes, jeder Christ, jeder Arbeiter hat im Blick auf den Dienst der ihm anvertraut ist, den Heiligen Geist empfangen. Und durch diesen Geist müssen wir das gute Pfand, das uns anvertraut wurde, die Wahrheit, wie sie in Gottes Wort verfasst ist, bewahren. „Bewahre das schöne anvertraute Gut durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt“ (Vers 14).

Und nun kommt der bemühende Schluss dieses Kapitels. „Du weißt dieses, dass alle, die in Asien sind, sieh von mir abgewandt haben, unter welchen Phygelus ist und Hermogenes“ (Vers 15). Ach, soweit war es in der Gemeinde des Herrn schon gekommen; so sehr waren die jüdischen Lehren bereits durchgedrungen, dass alle in Asien (siehe Apg 19, 10) Paulus den Rücken gekehrt hatten.

Welch ein Schmerz für das treue und liebende Herz des Apostels! Wieviel wird er gelitten haben! Aber welche Erquickung war es dann für seine Seele in Onesiphorus solch einen treuen Bruder zu finden, der ihn nicht nur oft erquickt, sondern ihn in Rom eifrig gesucht und gefunden hatte, so dass er sich nicht, wie die andern, seiner Ketten geschämt, sondern im Gegenteil an der Schmach und dem Leiden teilgenommen hatte, die durch die Predigt des Evangeliums über den Apostel gekommen waren. „Der Herr gebe dem Haus des Onesiphorus Barmherzigkeit ..., der Herr gebe ihm, dass er von seiten des Herrn Barmherzigkeit finde an jenem Tag“ (Verse 16. 18), ist die herzbewegende Bitte des Paulus für diesen treuen Bruder.

Fußnoten

  • 1 Ein Bruder schreibt darüber: Was hatte der Apostel im Auge, als er diese Ermahnung an Timotheus richtete? War es das Evangelium, dessen er sich nicht schämen sollte, oder etwas Anderes? Im Brief an die Römer schreibt der gleiche Apostel: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht.“ Hier sehen wir ganz deutlich, um was es sich handelt. Die Welt ist dem Evangelium gegenüber feindlich eingestellt und hält dieses für etwas Verächtliches; sie benutzt jede Gelegenheit, dieses zu verspotten. Die Kinder Gottes, die das empfinden, sind leicht geneigt, sich des Evangeliums zu schämen, ganz besonders unmittelbar nach der Bekehrung, am Anfang ihres Laufes. Sie fürchten den Widerstand der Welt, die Schmach, die hienieden mit den Dingen Gottes verbunden ist. Die Juden in Rom bezeugten dem Apostel hinsichtlich der neuen Lehre und der Versammlung, indem sie sagten: „Von dieser Sekte ist uns bekannt, dass ihr allenthalben widersprochen wird.“ Was man nun auch in dieser Welt über das Evangelium sagen oder denken mag, eines bleibt, und es ist gut, wenn der Gläubige es zu Ohren und zu Herzen nimmt: „Es ist Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden.“ Wer vermöchte gegen diese Kraft, gegen Gott anzukämpfen? Wer wäre imstande, uns das Heil zu rauben, wer den Glauben umzustoßen? Jeder würde dabei erbärmlich zuschanden werden. Darum lasst uns Mut und Zuversicht fassen! Hier nun steht ein anderes Wort geschrieben, nämlich: „Schäme dich nicht des Zeugnisses unseres Herrn.“ Das ist nicht dasselbe wie das Evangelium. Dieser Ermahnung liegt eine andere Ursache zugrunde als der im Römerbrief. Es ist wichtig, darauf zu achten, dass nicht ermahnt wird, sich des Inhalts des Zeugnisses nicht zu schämen, sondern des Zeugnisses selbst. Der Inhalt ist gut, unveränderlich, kostbar, ewig; er umfasst, um es kurzweg zu sagen: Jesus Christus und alle diejenigen, die hienieden mit Ihm verbunden sind, von dem einzelnen Gläubigen an bis zur Versammlung des lebendigen Gottes. Aber die erste Herrlichkeit, als durch die Predigt des Wortes Gottes auf einmal dreitausend und ein andermal sogar fünftausend Seelen errettet und zur Versammlung hinzugefügt wurden, war schon zur Zeit des Apostels am Verblassen und die erste Liebe der Gläubigen am Erlöschen. Bereits hatte der Verfall des Zeugnisses Gottes hienieden begonnen und dazu kamen noch all die Verfolgungen, denen die Gläubigen ausgesetzt waren. Muß es uns da verwundern, dass angesichts dieser Umstände mancher Gläubige geneigt war, sich des Zeugnisses Gottes zu schämen? Als Paulus diesen zweiten Brief an Timotheus schrieb, in Ketten liegend, begann man ihn aufzugeben und zu verlassen, wie er selbst es bezeugte, und bei seiner ersten Verantwortung stand ihm niemand bei, sondern alle verließen ihn – sie schämten sich seiner. Wenn in Jerusalem jemand ein Kind gefragt hätte: „Wo ist das Zeugnis des HERRN?“, so hätte dasselbe mit strahlenden Augen auf den Tempel hingewiesen. Ja, das war die Wohnung Gottes, Sein Zeugnis auf Erden. Josephus, der jüdische Geschichtsschreiber, beschreibt die wunderbare Pracht dieses Tempels, dessen vergoldete Kuppel weit in Land hinaus leuchtete. Wahrlich, Israel brauchte sich dieses Zeugnisses nicht zu schämen. Aber wo ist das Zeugnis, die Wohnung Gottes heute? Gott wohnt nicht mehr in Tempeln, von Menschenhänden gemacht, das heutige Zeugnis ist ein rein geistliches: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin Ich in ihrer Mitte“, sagt der Herr selbst. Das ist weder an einen Ort noch an ein Gebäude gebunden. Weder Dom noch Kathedrale, weder Kirche, Kapelle oder Saal ist das „Zeugnis unseres Herrn“. Dies ist kurz gesagt: „Christus und die Seinen“, ein verachtetes kleines Häuflein von Menschen mit Schwachheiten behaftet, gewiß, nichts Imponierendes in einer Welt, wo alles auf Macht, Größe, Zahl usw. eingestellt ist. Darum war die Gefahr groß, sich dieses Zeugnisses zu schämen. Doch der Herr hat es geadelt; es ist nicht das Zeugnis der Versammlung, nicht das Zeugnis der Brüder, es ist, wie schwach und gering es nach außen hin auch scheinen mag, das Zeugnis unseres Herrn.
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