Der zweite Brief an Timotheus

Kapitel 4

Der zweite Brief an Timotheus

Paulus fährt nun fort, den Timotheus anzuspornen, seinen Dienst mit allem Eifer zu erfüllen. Von Mutlosigkeit ist keine Rede, wie wir schon mehrmals bemerkten. Die Gemeinde hatte in ihrer Verantwortlichkeit gefehlt, der Verfall hatte begonnen, und der Apostel wusste, dass dies nur der Anfang des Übels war, und dass der Verfall zunehmen würde, um schließlich im offenen Abfall zu endigen. Das hinderte ihn nicht zu predigen und ebensowenig, dem Timotheus zuzurufen: „Predige das Wort, halte darauf in gelegener und ungelegener Zeit, überführe, strafe, ermahne mit aller Langmut und Lehre“ (Vers 2). Das war um so mehr nötig, weil „eine Zeit kommen würde, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Lüsten sich selbst Lehrer aufhäufen werden, indem es ihnen in den Ohren kitzelt, und sie werden die Ohren von der Wahrheit abkehren und zu den Fabeln sich hinwenden“ (Verse 3–4).

Merkwürdig ist die Art, wie Paulus mit seinen Ermahnungen beginnt: „Ich bezeuge ernstlich vor Gott und Christus Jesus, der da richten wird Lebendige und Tote, und bei Seiner Erscheinung und Seinem Reich“ (Vers 1). Es ist die Rede von der Verantwortlichkeit eines Dieners am Evangelium und nicht von der Fülle der Gnade, die uns geschenkt ist, und darum redet der Apostel von Jesus Christus, dem Richter von Lebendigen und Toten, und über Seine Erscheinung in Seinem Königreich. Bei Jesu Erscheinung auf Erden, um Sein Königreich hienieden aufzurichten, werden alle Dinge ins wahre Licht gestellt werden und wird das Gericht über die dann lebenden Völker stattfinden (Mt 24, 31–46), und danach wird der Herr Sein Königreich in die Hände des Vaters übergeben, damit Gott sei alles in allem (1. Kor 15, 28). Das Kommen Jesu als Bräutigam Seiner Gemeinde, um sie ins Vaterhaus aufzunehmen, findet vor Seiner Erscheinung in Herrlichkeit auf Erden statt. Er kommt dann in der Luft und nimmt sie auf, Ihm entgegen (1. Thes 4), und wenn Er auf der Erde erscheint, bringt Er sie mit, denn „wenn Er offenbart wird, werden wir mit Ihm offenbart in Herrlichkeit“ (Kol 3, 4).

Das Wissen, dass dieses Gericht kommen wird, feuert den Verkündiger des Evangeliums an, mit allem Eifer das Wort zu predigen. Da er den Schrecken des Herrn kennt, sucht er die Menschen zu überreden und zu Christus die Zuflucht zu nehmen. Und der Heimgang des Apostels Paulus, der durch keinen neuen Apostel ersetzt werden sollte, machte die Berufung des Timotheus und aller Prediger des Evangeliums um so ernster. „Du aber sei nüchtern in allem, leide Trübsal, tue das Werk eines Evangelisten, vollführe deinen Dienst. Denn ich werde schon als Trankopfer gesprengt, und die Zeit meines Abscheidens ist vorhanden“ (Vers 5-–6).

Und nun folgt eine der schönsten Stellen aus den Briefen von Paulus, worin das Leben des Apostels, die Freude und das Verlangen seiner Seele so herrlich ans Licht treten. „Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben bewahrt; fortan liegt mir bereit die Krone der Gerechtigkeit, welche der Herr, der gerechte Richter, mir zur Vergeltung geben wird an jenem Tag, nicht allein aber mir, sondern auch allen, die Seine Erscheinung liebhaben“ (Verse 7–8).

Wenn wir an die Umstände denken, in denen sich Paulus befand, wie sind dann diese Worte so treffend und so schön! Als ein alter Mann im Gefängnis zu Rom mitten unter Verbrechern, von fast allen Mitarbeitern verlassen, betrübt über den Verfall der Gemeinde, ist seine Seele voll Freude in der herrlichen Aussicht auf die Belohnung, die seiner wartete. Er kann auf ein Leben und einen Dienst zurückschauen, worin er bis zum Ende treu geblieben. war. Waren auch viele andere untreu geworden, er war treu geblieben und hatte die Angriffe Satans mit Erfolg abgeschlagen. Er hatte seinen Lauf vollendet und wartete nun darauf, gekrönt zu werden. Er hatte den Glauben, der ihm anvertraut war, nicht wie so viele andere verleugnet, und die Krone der Gerechtigkeit, d. h. die Krone, die vom gerechten Richter kam, der seine Treue anerkannte, war für ihn erworben und er würde sie am Tag der Belohnung empfangen.

Es ist hier also die Rede von Belohnung für die Arbeit und die Treue, und nicht von den Vorrechten der Gnade. Das Werk des Geistes wird belohnt durch die Krone der Gerechtigkeit und jeder empfängt seine Belohnung nach seinem Werk. Christus gibt uns allen Anteil an Seiner Herrlichkeit nach der Gnade des Vaters, Ihm gleichförmig werden wir alle bei Ihm sein. Das ist unser gemeinschaftliches Teil nach den ewigen Ratschlüssen Gottes, aber es ist uns ein Platz vom Vater bereitet und durch den Sohn gegeben nach dem Werk, das in einem jeden gewirkt ist durch die Kraft des Heiligen Geistes. Nicht nur Paulus soll gekrönt werden, sondern alle, welche die Erscheinung Jesu lieb haben, werden in der Herrlichkeit erscheinen, die persönlich für sie bestimmt ist. Herrliche Offenbarung von Gottes Gnade! Möchten wir alle treu bleiben und bis zum Ende ausharren. Möge das Ende unseres Lebens ebenso glücklich sein wie das des Apostels. Wenn wir allem nachgehen, was uns der Apostel in diesem Brief bezüglich seines Seelenlebens mitteilt, dann fühlen wir, wie er am Ende seines Lebens, obschon er sich in solch traurigen Umständen befand, glücklicher und freudevoller war denn je. Gebe uns der Herr dieselbe Gnade! Es ist leider bei vielen anders. Manchen verlässt seine Frische und sein Glück in dem Maß, wie die Jahre sich mehren, und doch könnte, wie bei Paulus, ihr Glück zunehmen, denn je länger wir in der Gemeinschaft mit dem Herrn gelebt haben, desto mehr erkennen wir die Größe Seiner Liebe und Gnade, und desto mehr erfreuen wir uns an den Vorrechten und Segnungen, die uns geschenkt sind.

Der Schluss, dieses Briefes lässt uns sehen, wie weit der Verfall in der Gemeinde, sogar unter den Dienern des Wortes, schon durchgedrungen war, Alexander, der Kupferschmied, hatte ihm viel Böses zugefügt, bei seiner ersten Verantwortung vor dem kaiserlichen Gericht war niemand bei ihm gewesen, alle hatten ihn verlassen, weil sie das Kreuz und die Schmach fürchteten, von den Arbeitern war niemand bei ihm als Lukas, einige waren abgereist, und Demas hatte ihn verlassen, da er das gegenwärtige Zeitalter liebgewonnen hatte. Doch inmitten von diesem allem wird die Gleichförmigkeit des Paulus mit Christus aufs Neue offenbar. Gleichwie der Herr Seinen Jünger, der Ihn verleugnete, wieder annahm zum Werk des Dienstes, so nimmt er auch hier Markus wieder an, den er früher zurückgewiesen hatte, weil er die Beschwerden, die mit dem Werk unter den Heiden verbunden waren, nicht ertragen konnte und nach Jerusalem zurückgekehrt war. „Nimm Markus und bringe ihn mit dir, denn er ist mir nützlich zum Dienst“ (Vers 11). Wie der Herr war er mit heiligem Eifer erfüllt bei der Verteidigung der Wahrheit, aber voll Versöhnlichkeit, wenn es um persönliche Beleidigungen ging. Alexander, der Kupferschmied, hatte seinen Worten sehr widerstanden und sich wider die Wahrheit auf gelehnt, und darum sagt er.- „Der Herr wird ihm vergelten nach seinen Werken“ (Verse 14–15). Hingegen sagt er von denen, die ihn verlassen hatten und bei seiner Verantwortung vor dem Gericht nicht gegenwärtig waren; „Es werde ihnen nicht zugerechnet“ (Vers 16). Welch ein treffender Beweis von der Kraft des Geistes und von der Macht der Gnade! Diesem letzten fügt er dann die Worte hinzu, die so sehr von Glauben und Mut zeugen: „Der Herr aber stand mir bei und stärkte mich, dass durch mich die Predigt vollbracht werde, und alle die aus den Nationen hören müssen, und ich hin gerettet worden aus dem Rachen des Löwen. Der Herr wird mich retten von jedem bösen Werk und bewahren für sein himmlisches Reich, welchem die Herrlichkeit sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen“.

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