Der zweite Brief an Timotheus

Kapitel 2

Der zweite Brief an Timotheus

Doch wie groß der Schmerz des Apostels Paulus auch war über den traurigen Zustand, in dem die Gemeinde des Herrn sich befand, und wieviel Veranlassung er auch hatte um enttäuscht und entmutigt zu werden, so blieb er dennoch guten Mutes. Er hatte ein festes Vertrauen in die Macht der Gnade und in die Kraft der Wahrheit. Er selber wurde durch die Gnade gestärkt und wandelte in der Wahrheit und er ruft seinem geliebten Timotheus zu: „Du nun, mein Kind, sei stark in der Gnade, die in Christus Jesus ist; und was du von mir in Gegenwart vieler Zeugen gehört hast, das vertraue treuen Männern an, welche tüchtig sein werden, auch andere zu lehren“ (Verse 1–2).

Die Gnade, die in Christus Jesus ist, macht Sünder zu Gotteskindern, und bringt sie trotz aller Schwierigkeiten und jeglichen Widerstandes ans sichere Ziel, über die Umstände erhaben, allezeit unveränderlich dieselbe, stärkt sie unsere Seele und macht uns tüchtig, auch bei allen Enttäuschungen und Verfolgungen mutig unsern Weg zu verfolgen, im festen Vertrauen, dass der Herr Seiner Wahrheit in den Herzen Eingang zu verschaffen weiß.

Gott hatte die Wahrheit dem Paulus (und andern heiligen Gottesmännern) durch Offenbarung mitgeteilt, und von Paulus hatte Timotheus diese Wahrheit vernommen und er sollte sie nun wieder treuen Menschen, die fähig waren, auch andere zu lehren, anvertrauen. Dem Timotheus wurde die Wahrheit nicht durch Offenbarung mitgeteilt, er musste sie vom Apostel empfangen und wieder andern anvertrauen. Er konnte jedoch sicher sein, dass das, was er andern verkündigte, wirklich die offenbarte Wahrheit war, weil er sie unter vielen Zeugen gehört hatte, die ihn also in seiner Überzeugung bestärken konnten und für andere die Gewähr waren, dass er wirklich mitteilte, was Paulus gelehrt hatte. Timotheus hatte also in dieser Hinsicht keine apostolische Macht, er war nicht inspiriert. Und was für Timotheus das Wort des Apostels war, das sind für uns seine Briefe. Diese sind für uns bindend. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des göttlichen Wortes, aus dem allein wir die Wahrheit wissen, so dass alles, was damit nicht in Übereinstimmung ist, von uns verworfen werden muss. Von einer apostolischen Nachfolge oder von fortdauernder, den Dienern des Wortes geschenkter Vollmacht, wovon die Kirche spricht, kann also hier niemals die Rede sein.

Ebensowenig ist hier die Rede von einer Konsekration oder Weihe, wie sie in der christlichen Kirche eingeführt ist. Was wir hier finden, ist nichts anderes, als dass Timotheus die Wahrheit, die er von Paulus unter vielen Zeugen gehört hatte, treuen Menschen mitteilen sollte, die fähig wären, auch andere zu lehren. Auf diese Weise wird also der Dienst fortgesetzt. Befugte Personen sollen die Wahrheit, die sie kennen, andern treuen Menschen mitteilen, damit diese wieder in der Wahrheit unterweisen können. Fürwahr, eine treue Verpflichtung und eine große Verantwortlichkeit für jeden Arbeiter in der Gemeinde des Herrn. Aber zugleich ein herrliches Vorrecht, gewürdigt zu werden, nicht bloß selber die Wahrheit zu kennen, sondern auch andere zu lehren, damit diese wieder das Mittel sein könnten zur Unterweisung von Gotteskindern. Wer die frei machende Kraft der Wahrheit erfahren hat, soll nach dem Maß der ihm verliehenen Gabe die Kenntnis der Wahrheit zu fördern trachten.

Hierauf nennt Paulus die Eigenschaften, die Timotheus besitzen sollte, damit er unter den Umständen, die ihn umringten, und bei dem Zustand, in dem die Gemeinde sich befand, seinen Dienst erfüllen konnte. „Als ein guter Kriegsmann von Jesus Christus“ sollte er allerlei Trübsale – Enttäuschung, Widerstand, Spott, Hohn, Verachtung – zu ertragen bereit sein (Vers 3). Diese sind das Teil jedes guten Kriegsmannes des Herrn in dieser bösen Welt. Aber er sollte auch auf sich selber achthaben, um nicht in die Sorgen des Lebens verwickelt zu werden. Ein Soldat hat mit den Sorgen des Lebens nichts zu tun, das ist Sache seiner Vorgesetzten, das Einzige, womit er zu tun hat, ist, dem zu gefallen, der ihn zum Kriegsdienst angenommen hat (Vers 4). So muss auch ein Arbeiter des Herrn ausschließlich darnach trachten, durch treue Erfüllung seiner Aufgabe seinem Meister zu gefallen, indem er Ihm die Sorge für seine zeitlichen Bedürfnisse übergibt und überlässt. – Sodann soll er auf gesetzmäßige Weise kämpfen, in Übereinstimmung mit seiner Berufung, als Diener des Herrn und nach dessen Willen.

„Wenn aber auch jemand kämpft, so wird er nicht gekrönt, er habe denn gesetzmäßig gekämpft“ (Vers 5). – Und schließlich sollte er zuerst arbeiten, um nachher die Früchte seiner Arbeit zu genießen. „Der Ackerbauer muss, um die Früchte zu genießen, zuerst arbeiten“ (Vers 6).

Der Apostel kommt nun noch einmal zurück auf die ersten, aber fundamentalen Elemente der Wahrheit und danach auf das Leiden, das mit dem Dienst des Wortes in dieser bösen Welt verbunden ist. Beachten wir wohl, dass diese Elemente der Wahrheit hier nicht so sehr in ihrem lehrhaften Charakter, als in ihrer praktischen Anwendung dargestellt werden. „Halte im Gedächtnis Jesus Christus, auferweckt aus den Toten, aus dem Samen Davids, nach meinem Evangelium“ (Vers 8). Die Person des Herrn, so wie Er aus den Toten auferweckt und die Erfüllung von Gottes Verheißungen war, sollte stets vor den Augen seiner Seele stehen. Das würde ihn, bei Enttäuschung in seinem Dienst und in den Trübsalen, nicht nur aufrecht erhalten, sondern mit Freude erfüllen. Das Angesicht des Stephanus glänzte beim Anschauen von Jesu Herrlichkeit, und Paulus war in Fesseln im Gefängnis ermutigt und erfreut, weil er sagen konnte: „Denn das Leben ist für mich Christus, und das Sterben Gewinn.“

Das Evangelium umfasst zwei Wahrheiten, wie das der Apostel auch im Brief an die Römer darstellt, zuerst die Erfüllung von Gottes Verheißungen in Christus, dann die Macht Gottes in der Auferstehung. „Jesus Christus, aus dem Samen Davids auferweckt aus den Toten.“ Das sind zwei Hauptmerkmale des Evangeliums. Gott ist Seinen Verheißungen, die Er Israel gegeben hatte treu, und Er ist mächtig, durch Seine schaffende und lebendig machende Kraft etwas ganz Neues zu entfalten. Jesus Christus, Gottes Sohn, ist nach dem Fleisch aus dem Samen Davids und also der Erbe aller dem David und Abraham verheißenen Rechte und Herrlichkeiten, und Jesus Christus ist aus den Toten auferweckt als Haupt der neuen Schöpfung, durch welche Auferweckung zugleich das Siegel auf Seine Person und Sein Werk gedrückt ist. (Siehe Römer 1,2–4.)

Beachten wir den merkwürdigen Ausdruck „nach meinem Evangelium“, der auch in andern Briefen des Paulus vorkommt. Paulus braucht diesen Ausdruck natürlich nicht, um damit zu sagen, dass das Evangelium, das er predigte, verschieden sei von dem Evangelium, das durch die Zwölfe in Jerusalem verkündigt wurde oder gar im Gegensatz zu diesem stände, sondern vorerst, weil er das Evangelium, das von den Zwölfen verkündigt wurde, nicht von den Aposteln in Jerusalem, sondern direkt von Gott durch Offenbarung empfangen hatte (siehe Gal 1 und 2), und zweitens, weil ihm der Herr viele Wahrheiten, vor allem die betreffs des Charakters und der Berufung und der Hoffnung der Versammlung offenbart hatte, die den Aposteln in Jerusalem noch nicht mitgeteilt waren, und wovon sie nur durch Paulus Kenntnis hatten. (Siehe Eph 3 und Kol 1 und 2.)

Durch die Predigt dieses Evangeliums nun litt Paulus Drangsale bis zum Gefängnis, als ein Übeltäter, woraus hervorgeht, dass er nicht in seiner eigenen gemieteten Wohnung, wie bei seiner ersten Festnahme, sondern im allgemeinen Gefängnis in Rom eingekerkert war. „Aber das Wort Gottes ist nicht gebunden“, fügt er so schön und treffend bei. Ihn konnten sie binden, aber Gottes Wort nicht, das nahm seinen Lauf, ja, in vielen Fällen waren seine Bande eher zur Förderung des Evangeliums gewesen, und auch wir haben seiner Gefangenschaft diese Briefe zu verdanken, die uns sein Evangelium mitteilen, und die unsere Herzen erquicken und mit unaussprechlichem Trost erfüllen.

„Deswegen erdulde ich alles um der Auserwählten willen, dass auch sie die Seligkeit erlangen, die in Christus Jesus ist, mit ewiger Herrlichkeit“ (Vers 10). So war er denn inmitten der Leiden mit derselben Gesinnung erfüllt, die in Christus wohnte. „Ich erdulde alles um der Auserwählten willen.“ Das hat der Herr in Vollkommenheit getan. Um die vom Vater Ihm Gegebenen vom ewigen Verderben zu erretten, kam Er auf diese Erde herab und gab sich der Schmach und den Leiden hin, und Sein Knecht Paulus trat mit derselben Absicht der Liebe in Seine Fußstapfen, „dass auch sie die Seligkeit erlangen, die in Christus Jesus ist, mit ewiger Herrlichkeit“. Von der Versöhnung ist hier natürlich nicht die Rede, sondern vom Leiden und der Dahingabe des Herzens für die Geliebten Gottes. Groß und herrlich ist Gottes Gnade, die solch eine Gleichförmigkeit mit Christus im Herzen eines Menschen zu bewirken weiß!

„Das Wort ist gewiß“, nämlich das, welches er soeben gesagt hatte; „denn wenn wir mitgestorben sind, so werden wir auch mitleben“. Haben wir teil am Tod des Christus, dann werden wir auch mitauferweckt werden und ewig mit Ihm leben; „wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen“ jetzt ist die Zeit des Leidens – die Zeit, um außerhalb des Lagers zu treten und die Schmach des Christus zu tragen, bald kommt die Herrlichkeit bei Jesu Erscheinen, dann werden wir mit Ihm über die Erde herrschen. Wenn wir aber, anstatt die Leiden um des Christus willen auf uns zu nehmen, Christus verleugnen, dann wird Er uns auch verleugnen. Die Folgen einer solchen Tat bleiben in all ihrer Kraft bestehen, sie sind mit der Unveränderlichkeit Seiner Natur und Seines Wesens verbunden, so dass Er sich selber nicht verleugnen kann, auch wenn andere untreu werden. Er muss sie nach Seiner unveränderlichen Gerechtigkeit die Folgen ihrer Untreue und Verleugnung tragen und erleben lassen (Verse 11 bis 13).

Der Apostel kommt nun zur Beschreibung des Zustandes,in welchem die Versammlung sich befand und der je länger je mehr um sich greifen wird, und gibt Anweisungen, wie wir uns mitten in diesem Verfall und Niedergang zu verhalten haben. Die folgenden Verse sind also für uns von größter Wichtigkeit. Wir befinden uns nicht mehr in einer Zeit des normalen, sondern anormalen Zustandes der Versammlung Gottes. Der Verfall, der schon in den Tagen des Apostels begonnen hatte, nimmt immer mehr zu. Es wurden im Lauf der Zeit immer mehr böse Menschen in der christlichen Kirche zugelassen. Irrtümer und Ketzereien, Gottlosigkeiten und Spaltungen, äußere Zeremonien und Weltförmigkeit schlichen sich zusehends ein und an eine Veränderung und Besserung dieser Zustände ist nicht zu denken. Wie hat der wahre Christ sich denn in diesen Tagen des Verfalls zu verhalten? Auf diese Frage wird uns eine klare, unmissverständliche Antwort gegeben. Wie gut, dass es eine solche Antwort gibt. Gäbe es keine solche, dann müssten wir im Finstern herumtappen, da wir dann keine Richtschnur für unser Verhalten hätten. Doch der Herr hat sich über uns erbarmt. Er wollte nicht, dass wir in Verlegenheit kämen. Wenn Er uns im ersten Brief des Paulus an Timotheus sehen lässt, wie ein Diener des Herrn sich in Gottes Haus betragen soll, wenn alles noch in Ordnung ist, so lehrt er uns in diesem zweiten Brief, wie wir uns inmitten des Verfalls und Abfalls verhalten sollen. Wir brauchen also in unsern Tagen ebensowenig in Verlegenheit zu sein wie zur Zeit des Paulus. Gott hat die traurigen Dinge, die bereits in den Tagen des Paulus in der Gemeinde ihren Anfang nahmen, gebraucht, um uns zu sagen, welche Stellung wir einnehmen sollten, wenn die Ungerechtigkeit so zugenommen hätte, dass an eine Rückkehr zum ursprünglichen Zustand nicht mehr zu denken wäre. Welch ein Grund zum Danken für ein Herz, das begierig ist, den Willen des Herrn zu kennen und zu tun!

Die Veranlassung zu diesem Brief des Apostels waren – wie wir bereits bemerkten – die traurigen Dinge, die in der Gemeinde vorkamen. Es wurde über die Lehre ein Wortstreit geführt, der nur zum Verderben der Zuhörer gereichte; es gab ungöttliches Geschwätz, das zur Gottlosigkeit führte, ja, es waren sogar zwei bestimmte Irrlehrer, Hymenäus und Philetus, die von der Wahrheit abgekommen waren, indem sie sagten, dass die Auferstehung schon geschehen sei, und so den Glauben etlicher zerstörten. „Ihr Wort wird um sich fressen wie der Krebs“, sagt Paulus, so dass allmählich die ganze Gemeinde davon angesteckt und verdorben werden wird.

Die Irrlehre, dass die Auferstehung schon geschehen sei, führt zur Sorglosigkeit und deshalb zur Gottlosigkeit. Das sieht man hier deutlich. Der Apostel sagt im Blick auf diese Menschen: „Vermeide die ungöttlichen, eitlen Geschwätze, denn sie werden zu weiterer Gottlosigkeit fortschreiten“. Das ist bei einigem Nachdenken gut zu begreifen. Wenn man lehrt, dass die Auferstehung bereits geschehen ist, und die Gläubigen also, auch dem Leib nach, vollkommen sind, dann ist natürlich keine Wachsamkeit mehr nötig und dann kommt man notwendigerweise, weil das Fleisch nicht verändert ist, zu allerlei Gottlosigkeit. Die Geschichte der Kirche liefert uns davon traurige Beispiele genug.

Doch was auch weichen oder sich ändern mag, welche Verwirrung der Teufel auch angerichtet hat, wieviel Irrtümer er auch in der Gemeinde einführte, ein Ding bleibt und ist unveränderlich: „Der feste Grund Gottes steht.“ Er kann durch nichts und niemand erschüttert oder weggenommen werden. Seine Wahrheit ist unwandelbar. Wie wichtig ist das in solchen Tagen, wie wir sie erleben, wo sogar unter wahren Christen soviel Irrtum gefunden wird! Nun, wenn wir uns bei allem Wind der Lehre, inmitten von so vielen verführerischen Geistern, an das Wort des Herrn, diesen festen Fundament der Wahrheit – personifiziert in Christus, dem Felsen der Zeitalter – klammern, dann stehen wir auf festem Grund und werden uns nicht verführen lassen.

Dieser feste Grund Gottes hat ein Siegel, das sozusagen zwei Seiten hat. „Der Herr kennt die Sein sind.“ Das ist die Seite Gottes und kann von niemandem angetastet werden. Wie herrlich und tröstlich das auch sein mag, so ist es doch ein Beweis für den Verfall der Gemeinde, denn im Anfang waren alle Gläubigen bekannt. In Jerusalem oder Ephesus waren keine andere Gläubige als die, welche sich zur Gemeinde des Herrn bekannten, draußen waren nur Juden und Heiden. „Alle, die glaubten, waren beieinander; und von den andern durfte sich niemand anschließen.“ Damals brauchte also nicht gesagt zu werden: Der Herr kennt die Sein sind. Aber jetzt wissen wir an keinem einzigen Ort, wer alles dem Herrn angehört. Wir kennen einige, aber viele sind verborgen und wir kennen sie nicht. Das ist eine Folge des traurigen Zustandes der Gemeinde. Die Gläubigen sind zersplittert in alle Richtungen und die Welt hat in der Kirche die Oberhand. Wenn sie aber auch zerstreut und in Verwirrung, weder offenbar noch bekannt sind: der Herr kennt sie. Welch ein Trost für unsere Seele! Und es sind ihrer mehr als wir denken! Gleichwie der Herr, in den Tagen der Verwirrung und des Abfalls in Israel zu Elia sagte: „Ich habe 7000 in Israel übriggelassen, die ihre Knie vor dem Baal nicht gebeugt haben“, so ist es auch heute: Gepriesen sei Sein Name!

Gott ist getreu – wir sind verantwortlich. Darum ist die Kehrseite des Siegels: „Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit“ (Vers 19). Jeder, der den Namen des Herrn nennt, jeder, der Ihn als Herrn und Christus bekennt, der muss von aller Ungerechtigkeit abstehen, denn Er, der Herr, kann mit der Ungerechtigkeit nicht Zusammengehen. Er verurteilt jede Ungerechtigkeit und entzieht sich dem Ungerechten. Auf das letztere kommt es hier vor allem an. Sicher, wir sollen uns in unserm persönlichen Leben von aller Ungerechtigkeit fernhalten, aber mit dem ist es noch nicht getan. Wir werden in den folgenden Versen noch eine weitere, sehr wichtige Seite dieser Wahrheit sehen.

Die Gemeinde ist nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand. Sie ist vom Herrn abgewichen. Sie hat nach und nach immer mehr bloße Bekenner in ihre Mitte aufgenommen. Sie verurteilt die Irrlehrer nicht mehr, sondern lässt sie lehren und die Menschen verführen. Das hatte bereits begonnen, als Paulus diesen Brief schrieb, und hat jetzt solch einen schrecklichen Stand erreicht, dass der allgemeine, völlige Abfall nicht mehr fern sein kann. Deshalb ist die Gemeinde, die Gottes Haus auf Erden ist, einem großen Haus gleich geworden. Paulus sagt nicht, dass die Gemeinde ein großes Haus ist, sondern dass sie einem großen Haus gleich geworden ist. Er redet von einem großen Haus als Beispiel. Das ist sehr wichtig. Die Absicht des Herrn war keineswegs, ein großes Haus zu haben. Er wollte eine Gemeinde haben, die auf der Erde Sein Haus, Sein Tempel sein sollte, zu der niemand zugelassen werden sollte, als die, welche Ihm angehörten, und aus der alles sollte verbannt werden, was im Widerspruch war mit Seinem Wort und Willen. „Und der Herr tat täglich zu der Versammlung hinzu, die gerettet werden sollten.“ Ananias und Sapphira, die den ersten Schaden in die Gemeinde zu bringen trachteten, wurden mit dem Tod bestraft und so aus der Gemeinde entfernt. Aber durch die Untreue der Gläubigen ist die Gemeinde von ihrer Berufung abgewichen und allmählich einem großen Haus gleich geworden. Und was finden wir in einem großen Haus? „In einem großen Haus aber sind nicht allein goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene, und die einen zur Ehre, die andern aber zur Unehre“ (Vers 20). Es ist selbstverständlich, dass in einem großen Haus nicht nur goldene und silberne Gefäße sein können, da müssen auch hölzerne, und irdene Gefäße sein. In der Versammlung des Herrn haben aber nur goldene und silberne Gefäße ihren Platz, da sollen lediglich Gefäße zur Ehre sein, so dass, wenn die Gemeinde mit einem großen Haus verglichen werden muss, dadurch bewiesen wird, dass sie von ihrer ursprünglichen Ordnung und Reinheit abgewichen ist.

Doch wie sollen wir uns Angesichts dieses Zustandes verhalten? Sollen wir die Versammlung verlassen? Nein, gewiß nicht. Sobald wir die Gemeinde verließen, würden wir Gottes Haus, Gottes Tempel verlassen und uns selber von der Gemeinschaft mit dem Herrn ausschließen. Wer Christus abschwört, wer dem christlichen Glauben Lebewohl sagt, wer wieder in die Welt zurückkehrt, der verlässt die Gemeinde, und ist dadurch auch vom Heil in Christus abgeschnitten. Aber die an Christus glauben, die in Ihm ihren Herrn und Heiland erkennen, sagen: Zu wem sollen wir gehen, Du hast Worte des ewigen Lebens, wir können uns nicht von der Gemeinde trennen, da wir Glieder an Seinem Leib sind, die bei Jesu Wiederkunft aufgenommen werden, um als eine reine Braut Ihm dargestellt zu werden.

Aber was sollen wir denn tun? Wir müssen uns in der Gemeinde von allen, die Gefäße zur Unehre sind absondern. Der Apostel sagt: „Wenn nun jemand sich von diesen (d. h. von diesen Gefäßen zur Unehre) reinigt, so wird er ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt, nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werk bereit“ (Vers 21).1 Der Herr kann sich mit dem, was verdorben und schlecht ist, nicht verbinden, und wir sollen es auch nicht tun. Der Herr hatte keine Gemeinschaft mit den Gefäßen zur Unehre und wir sollen auch keine haben. Der Herr wird sie einmal richten. Das sollen aber wir nicht tun. Aber wir sollen uns von ihnen absondern. Wir müssen jede Gemeinschaft in göttlichen Dingen oder christliche Tätigkeit mit ihnen abbrechen. Solange ein Gläubiger mit einem Ungläubigen in Gemeinschaft bleibt, solange er mit ihm brüderlichen Umgang pflegt – gar das Abendmahl mit ihm feiert – solange kann ihn der Herr nicht zu Seiner Ehre brauchen, solange ist er nicht zu jedem guten Werk bereitet.

Und wenn wir das getan haben, wenn wir uns von den Gefäßen zur Unehre abgesondert haben, was müssen wir dann tun? Sollen wir dann bei uns selber stehen bleiben und von jeder Gemeinschaft der Heiligen absehen? Keineswegs. Wir sollen uns mit denen vereinigen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen. Der Apostel sagt: „Die jugendlichen Lüste aber fliehe, strebe aber nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Frieden mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“ (Vers 22).

Was wir mitten im Verfall der Gemeinde zu tun haben, wird uns also hier deutlich gesagt. Wer ein einfältiges Auge hat, wird seinen Weg deutlich bezeichnet sehen. Für Zweifel ist kein Raum gelassen. Gott hat in Seiner Gnade so bestimmt als möglich gesprochen, damit jeder wissen soll, wie er sich zu benehmen hat. Und der Weg, der uns gezeigt wird, ist in Übereinstimmung mit der allgemeinen Richtschnur und der allgemeinen Regel für unsern Wandel: „Wende dich ab vom Bösen und tue Gutes“ (1. Pet 3,11). Nachdem wir uns von den Gefäßen zur Unehre getrennt haben, sollen wir uns mit denen vereinigen, „die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“. Das ist selbstredend ganz im Widerspruch zum menschlichen Willen, der durch den Teufel auf das falsche Geleise gebracht und dort gehalten wird. Die verschiedenen Spaltungen in der christlichen Kirche beweisen, dass Scheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen durch allerlei Statuten und Formulare, und Vereinigung auf derselben Grundlage mit ungläubigen und unbekehrten Menschen ihre Lösung ist, während Gott die ausnahmslose Trennung der Gläubigen von allen Ungerechten und Ungläubigen fordert.

Die Verwirklichung dieser Grundsätze wird sicher manchmal schwierig und peinlich sein und uns verkehrte Beurteilung auf den Hals laden. Man wird uns der Engherzigkeit, des Pharisäertums, des Hochmuts usw. beschuldigen. Man wird uns vorwerfen, dass wir die Einheit zerstören, trotzdem wir darnach trachten, sie zu bewahren, da die Trennung vom Bösen nach Gottes Gedanken der Anfang der Einheit ist. Man wird uns vorwerfen, dass wir alle christliche Tätigkeit unmöglich machen, während es dagegen unsere Absicht ist, durch Gehorsam den Geboten des Herrn gegenüber zu jedem guten Werk bereit zu sein. Aber lasst uns nur an Jesu Wort denken im Haus Simons des Aussätzigen in Bethanien, als die Jünger die Tat der Maria Verschwendung nannten: „Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“ Das Bewusstsein, in unserem Handeln den Gedanken des Herrn zu entsprechen, ist mehr wert als die Übereinstimmung mit menschlichen Grundsätzen.

Der Apostel gibt zum Schluss noch einige Anweisungen, wie ein Diener des Herrn wandeln und gesinnt sein soll. Er soll die törichten und unsinnigen Streitfragen verwerfen, da sie nur Zank verursachen; „Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streiten, sondern gegen alle milde sein, lehrfähig, duldsam, der in Sanftmut die Widersacher zurechtweist“, denn sein Ziel soll nicht sein, recht zu haben, den Sieg zu behalten, die Widersacher zum Schweigen zu bringen, sondern „dass sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“, damit sie aus dem Strick des Teufels, durch den sie gefangen waren, wieder aufwachen möchten, um den Willen des Herrn zu tun (Verse 24–26).

Fußnoten

  • 1 W. J. Hocking schreibt über das große Haus und seine Gefäße: „Das Bild vom großen Haus, das der Apostel an dieser Stelle gebraucht, scheint die Unterweisung des „Grundes“ und des „Siegels“ zu entfalten. Dieses Bild ist nicht neu, doch ist es bemerkenswert, dass der Name Gottes nicht damit verbunden ist. Timotheus musste das Fehlen desselben sofort bemerken. Im ersten Brief wird es das „Haus Gottes“ genannt, „welches die Versammlung des lebendigen Gottes ist, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit“. Im zweiten Brief ist es bloß „ein großes Haus“. Diese Worte lassen uns an ein für einen hochgestellten Menschen gebautes Haus denken, das bezweckt, dessen hohe Stellung wie auch seine Herrlichkeit in der Welt kundzutun. Dieses Haus wurde verdorben, weshalb es nun nicht mehr das „Haus Gottes“ genannt werden kann, der Ort, wo seine Herrlichkeit auf Erden offenbart wird. In einem großen Haus aber sind nicht allein goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene, und die einen zur Ehre, die anderen aber zur Unehre. Es wird kein Unterschied zwischen den goldenen und silbernen oder hölzernen und irdenen gemacht, die ehrbaren werden von den unehrbaren nicht unterschieden. Die Ehre der Gefäße scheint mehr von ihrem Gebrauch als ihrem eigentlichen Wert abzuhängen. Sie bestehen aus verschiedenen Materialien und sind zu verschiedenen Gebrauchszwecken bestimmt. Diejenigen aus Gold und Silber können zur Ehre des Hausherrn sein, gleichwie die hölzernen und irdenen, wenn sie für den Zweck, für welchen sie gemacht werden, verwendet werden. Wir müssen beachten, dass in den Augen des Hausherrn für die individuelle Beschaffenheit der Gefäße ihre Verwendung maßgebend ist. Sie stehen nicht in erster Linie zur Verzierung im Haus, sondern zum Zweck des Gebrauchs. Nach der Wertschätzung des Hausherrn sind diejenigen Gefäße verdorben, welche auf unwürdige Art benutzt werden, und dies nicht wegen des Materials, aus welchem sie gebildet wurden, sondern weil sie mit irgend etwas Unreinem in Berührung gekommen sind. So wurden zum Beispiel die goldenen Gefäße des Tempels, welche Nebukadnezar nach Babel brachte, zur Unehre gebraucht. Sein Enkel Belsazar mißbrauchte die gottgeweihten Gefäße beim großen Mahl, zu dem er seine Gewaltigen eingeladen hatte. Die dem HERRN geweihten Gefäße wurden mit den den Götzen zugedachten Trankopfern gefüllt. Könnte es etwas Entehrenderes für den HERRN geben? Was muss ich tun, um ein Gefäß zur Ehre zu werden? Der Apostel kommt nun auf unsere persönliche Verantwortlichkeit zu reden. Wir sind in einem großen Haus und mitten unter den verschiedensten Gefäßen. Der Hausherr ist in den Himmeln, was sollen wir hienieden tun, inmitten einer abtrünnigen Christenheit, wo die Mehrzahl der Gefäße zur Unehre gebraucht wird? Was ist zu tun, damit wir nicht unter dieselben gerechnet werden können? Die Antwort lautet: Wenn jemand sich von diesen reinigt, so wird er ein Gefäß zur Ehre sein. Vorher wurde jeder ermahnt, von der Ungerechtigkeit abzustehen, hier werden wir auf gefordert, uns von den, Gefäßen zur Unehre zu reinigen, das heißt abzusondern. Man steht von der Ungerechtigkeit ab, wenn man sich reinigt von den Leuten, die Gefäße zur Unehre sind. Dieses Sichreinigen ist eine Tat zur Ehre des Namens des Herrn, wer also handelt, wird dadurch zu einem Gefäß zur Ehre. Warum muss ich mich von den Gefäßen zur Unehre fernhalten? Weil mein Herr, welchem ich diene, mich in dieser Welt für die Zeit Seiner Abwesenheit zu einem Vertreter Seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit gemacht hat. Ich muss in Bezug auf das, was Er mir anvertraut hat, treu sein. Ich bin verpflichtet, in meinen äußeren Beziehungen rein und heilig zu sein. Komme ich dieser Verpflichtung nach, so werde ich ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt, nämlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werk bereitet. Es wird nicht gesagt, dass dadurch ein irdenes oder hölzernes zu einem goldenen oder silbernen Gefäß wird. Der eigentliche Wert des Heiligen, des Gefäßes, bleibt unverändert, aber es wird dann zu einem Dienst zur Ehre nützlich und fähig sein, wenn es jede Verbindung meidet, die der Herr nicht anerkennen kann. Wenn der Hausherr im großen Haus kommt, um ein Gefäß zur Ehre zu suchen, welches wird Er nehmen? Gewiss nicht ein goldenes, wenn es unrein und befleckt ist. Seine Wahl kann sich ebensogut auf ein irdenes Gefäß beziehen, wenn jenes geheiligt ist und seinen Dienst würdig versieht. Bedenken wir, dass der Anschein ein Gefäß zur Ehre ist, welcher in der Abwesenheit des Hausherrn so handelt, wie wenn Er gegenwärtig wärt. Wer ist dem Hausherrn nützlich und wer zu Seinem Dienst bereit? Wer in der Zeit des Verfalls die Ehre des Herrn sucht, die ihm über alles geht. Eine solche Seele sagt: Ich will meinem Herrn treu sein und für Ihn leben, um Seinen Namen zu verherrlichen. Was ich bin und was ich tue, alle meine Verbindungen müssen mit der Heiligkeit und der Gerechtigkeit meines Herrn im Einklang sein. Solch ein Mensch ist ein Gefäß zur Ehre und kann zu allem, was der Wille des Herrn fordert, nützlich sein.“
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