Der zweite Brief an Timotheus

Der Pfad des Gottesfürchtigen in den Tagen des Verfalls

Der zweite Brief an Timotheus

Der in den Gedanken Gottes unterwiesene Gläubige kann nicht anders als zugestehen, dass das, was in der Versammlung Gottes vor den Augen der Menschen geschieht, keine Ähnlichkeit mehr mit der Versammlung Gottes hat, wie sie in der Schrift vorgestellt wird. Dieses schlimme Abweichen von dem Wort Gottes zeigt deutlich, dass die Absicht Gottes mit der Versammlung während ihres Aufenthaltes in einer Welt, von welcher Christus abwesend ist, zerstört worden ist. Manche wollen doch tatsächlich leugnen, dass wir in den Tagen des Verfalls leben. Es ist daher von höchster Wichtigkeit, deutlich zu verstehen, was gemeint ist, wenn wir von dem Verfall der Versammlung sprechen.

Wir müssen uns vor Augen halten, dass die Versammlung in der Schrift von zwei Seiten gesehen wird. Einerseits wird sie den Ratschlüssen Gottes entsprechend vorgestellt, andererseits wird sie in Verbindung mit der Verantwortlichkeit des Menschen gesehen. In dem ersten Aspekt wird sie in der Schrift vorgestellt als gegründet auf Christus, den Sohn Gottes (Mt 16, 16–18), bestehend aus allen wahren Gläubigen (2. Pet 2, 5), und dazu bestimmt, vor Christus verherrlicht dargestellt zu sein, ohne Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen (Eph 5, 27). In dieser Hinsicht ist sie das Ergebnis des eigenen Werkes Christi, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen. Kein Verfall kann das Werk Christi angreifen oder die ewigen Ratschlüsse Gottes bezüglich Christus und Seiner Versammlung beiseite setzen.

Der zweite Aspekt, unter dem die Versammlung gesehen wird, ist ihre Stellung als verantwortliches Zeugnis für Christus während der Zeit Seiner Abwesenheit, und um die Gnade Gottes einer bedürftigen Welt gegenüber darzustellen. Aber ach! Die Versammlung hat in der Ausübung ihrer Verantwortlichkeit vollständig versagt. Durch Mangel an Abhängigkeit von dem Herrn an Unterwerfung unter den Geist und an Gehorsam Seinem Wort gegenüber ist das Volk Gottes zerteilt und zerstreut worden; und der Mangel an Wachsamkeit hat zu einem weit ausgedehnten Bekenntnis geführt, welches Gläubige und Ungläubige mit einschließt. Das Ergebnis davon ist, dass das, was sich der Welt als Versammlung darstellt, weit davon entfernt ist, die Herrlichkeit Christi darzustellen – es ist eine Leugnung der Natur, der Liebe, der Heiligkeit und der Zuneigungen Christi. Folglich ist auf Erden das Zeugnis der Versammlung verdorben. Schon die Tatsache, dass wir von einer bekennenden Versammlung, die sichtbar ist, und von einer geistlichen Versammlung, die aus allen wahren Gläubigen besteht und unsichtbar ist, reden, zeigt, wie vollständig der Verfall ist.

Wenn wir also davon reden, dass wir in einer Zeit des Verfalls leben, meinen wir, dass unser Los in eine Zeit gefallen ist, in der das Zeugnis der Versammlung für einen abwesenden Christus verdorben ist. Wir haben in den Sendschreiben an die sieben Versammlungen in der Offenbarung einen prophetischen Überblick über die Geschichte der Versammlung auf der Erde, gesehen in ihrer Verantwortung als Zeugnis für Christus. In diesen Sendschreiben wird uns mit göttlicher Genauigkeit durch den Herrn selbst das fortschreitende Versagen der Versammlung in ihrer Verantwortlichkeit vorgestellt. Es beginnt mit dem Verlassen der ersten Liebe und endet mit einem für Christus so ekelhaften Zustand, dass Er es schließlich aus Seinem Mund ausspeien wird.

Die Schrift gibt uns jedoch auch Licht über den Tag des Verfalls hinaus. In diese zweiten Brief an Timotheus haben wir nicht nur die Ankündigung des Ruins, sondern der Heilige Geist gibt durch den Apostel Paulus sehr deutliche Hinweise, wie der Gottesfürchtige zu handeln hat, wenn der Verfall eingetreten ist. Wie finster der Tag auch sein mag, wie groß der Verfall auch sein mag, das Volk Gottes ist nicht ohne sittliche Anleitung gelassen worden. Die Barmherzigkeit Gottes hat für Sein Volk einen Weg für den Tag des Verfalls bezeichnet. Es mag bei uns mangeln an unserem Glauben an Gott und an unserer Hingabe an Christus, die absolut notwendig sind, um diesen Weg auch gehen zu können – trotzdem ist dieser Weg im Wort Gottes für den Glaubensgehorsam aufgezeichnet.

Wir kommen also zu der Schlussfolgerung, dass zwei Dinge notwendig sind, um in verständiger Weise den Weg Gottes inmitten des Verfalls gehen zu können. Als erstes ist es unbedingt erforderlich, eine gewisse Kenntnis von den Lehren des Apostels Paulus zu haben (die ebenso die Wahrheit von dem Evangelium wie auch die Wahrheit von der Versammlung umfassen); zweitens muss der richtige geistliche Zustand vorhanden sein. Ohne ein wenig Kenntnis über die Versammlung, wie sie in der Schrift vorgestellt wird, wird es unmöglich sein, sich des ganzen Ausmaßes des Verfalls bewusst zu werden; und ohne den richtigen geistliche Zustand wird der Gläubige schwerlich darauf vorbereitet sein, den von Gott bezeichneten Weg inmitten des Ruins zu gehen.

Paulus setzt offenbar voraus, dass der Empfänger seines Briefes mit seiner Lehre gut vertraut ist. Im ersten und im zweiten Kapitel weist er auf die Dinge hin, die Timotheus von ihm gehört hatte (Kapitel 1, 13; 2, 2), und im dritten Kapitel sagt er: „Du aber hast genau erkannt meine Lehre…“ (Kapitel 3, 10). In diesem zweiten Brief an Timotheus gibt es daher keine lehrmäßige Entwicklung von der Wahrheit von der Versammlung. Diese Wahrheit wird von dem Apostel in seinen Briefen an die Epheser und an die Kolosser, im ersten Brief an die Korinther und im ersten Brief an Timotheus vollständig vorgestellt.

In diesem zweiten Kapitel des zweiten Briefes an Timotheus wird der Weg Gottes für uns in den Tagen des Verfalls, sowie der notwendige geistliche Zustand, um diesen Weg auch gehen zu können, entwickelt. Wenn wir den Wunsch haben, den Gedanken Gottes in diesen Tagen des Niedergangs zu entsprechen, tun wir gut daran, diesen wichtigen Abschnitt unter Gebet zu studieren. Die Belehrungen und Wahrheiten dieses Kapitel könne in der folgenden Anordnung betrachtet werden: 

  • a) der notwendige geistliche Zustand für uns, um den Weg Gottes inmitten des Versagens des Christentums erkennen und gehen zu können (Verse 1 bis 13);
  • b) eine kurze Darstellung des Verlaufes des Bösen, das zu der Verdorbenheit des Christentums geführt hat (Verse 14 bis 18);
  • c) die Hilfsquellen für den Gottesfürchtigen, und der Weg Gottes für den einzelnen inmitten des Verfalls (Verse 19 bis 22);
  • d) die Gesinnung, in welcher solchen zu begegnen ist, die gegen den Weg Gottes Widerspruch erheben (Verse 23 bis 26)

a)   der notwendige geistliche Zustand, um in den Tagen des Verfalls den Weg Gottes gehen zu können (Verse 1 bis 13)

Vers 1: Die erste große Notwendigkeit in den Tagen der Schwachheit ist geistliche Gnade. Deshalb auch die Aufforderung in dem einleitenden Vers, stark zu sein in der Gnade, die in Christus Jesus ist. Der aufkommenden Flut des Bösen entgegenzustehen, auf dem von dem Herrn für die Seinen bezeichneten Weg inmitten des Verderbens des Christentums zu gehen und trotz des Versagens, des Widerstandes und des Verlassenwerdens unerschütterlich auf diesem Weg voranzugehen bedarf großer Gnade – der Gnade, die in Christus Jesus ist. Wie groß der Widerstand gegen den Weg Gottes auch sein mag, welche Schwierigkeiten beim Verharren auf diesem Weg auch auftreten mögen, welche Versuchungen es auch geben mag, um den Gläubigen von diesem Weg abzuziehen – es ist zur Genüge Gnade des Herrn vorhanden, um ihn zu befähigen, alle Widerstände zu überwinden, sich über alle Schwierigkeiten zu erheben, allen Versuchungen zu widerstehen, und Seinem Wort zu gehorchen und Seinen Gedanken zu entsprechen. Es hat jemand gesagt: „Wie groß die Bedürfnisse auch sein mögen, Seine Fülle ist immer gleich, unvermindert, zugänglich und frei“. Geistliche Gnade ist das erste Erfordernis für „treue Leute“ in Tagen der Untreue. Darüber hinaus ist die Gnade, von der der Apostel hier spricht, mehr als nur eine gnädige Gesinnung. Es deutet darauf hin, dass von dem Zeitpunkt des Anfangs der Versammlung auf Erden bis zu dem letzten Tag ihres Hierseins jede Hilfsquelle in dem auferstandenen und erhöhten Christus zu finden ist. Diese Hilfsquellen befähigen den Menschen Gottes, sein Leben des Zeugnisses und des Dienstes beizubehalten, ohne auf die Hilfsmittel des Menschen zurückzugreifen, die von so vielen in den Tagen des Abweichens angenommen worden sind. Beim Schreiben an die Korinther kann der Apostel Gott danken „für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus“ und sogleich zeigt er, dass diese Gnade das „Wort der Lehre“, die „Erkenntnis“ und die „Gnadengabe“ ist, womit sie in Christus reich gemacht worden waren (1. Kor 1, 4–7). Jede Ermahnung in diesem Kapitel wird unser Bewusstsein des Bedürfnisses dieser Gnade, die in Christus Jesus ist, nur vertiefen, wenn wir wirklich den Gedanken Gottes gehorchen wollen.

Vers 2: Als zweites wird nicht nur Gnade benötigt, sondern die Treuen müssen auch die Wahrheit besitzen, wenn sie mit den Gedanken Gottes für die Tage des Verfalls vertraut sein wollen und auch in der Lage sein wollen, auch andere zu unterweisen. Weiterhin ist die Wahrheit, die wir für die Tage des Verfalls nötig haben, nicht nur die Wahrheit, wie wir sie in der Schrift als Ganzes finden, sondern ganz besonders die Wahrheit, wie sie von dem Apostel in Gegenwart vieler Zeugen mitgeteilt worden war. In den Tagen des Ruins werden die apostolischen Schriften zu einem sehr bestimmten Prüfstein, an welchem „treue Leute“ erkannt werden können. Der Apostel Johannes sagt: ''Wir sind aus Gott; wer Gott erkennt, hört uns; wer nicht aus Gott ist, hört uns nicht“ (1. Joh 4, 6).

Mit dem Ziel, dass auch wir durch alle Zeiten hindurch diese Wahrheit besitzen möchten, wird Timotheus unterwiesen, diese Dinge treuen Leuten anzuvertrauen, welche ihrerseits auch fähig sind, andere zu lehren. Es ist der Weg Gottes, dass die in den apostolischen Schriften bewahrte Wahrheit solchen übermittelt werden sollte, die in der Lage sind, auch andere zu lehren. Die Eingebildetheit und Unabhängigkeit des Fleisches mag sich damit schmeicheln, auf die Hilfe anderer verzichten zu können; doch obwohl Gott souverän ist und unmittelbar und direkt durch Sein Wort reden kann, ist es doch Seine übliche Weise, uns gegenseitig abhängig voneinander zu erhalten – als Lernende zu empfangen, und anderen die Wahrheit und das Licht weiterzugeben, die wir selbst empfangen haben.

Darüber hinaus ist es wichtig zu sehen, dass das, was wir weitergeben, keine offizielle Autorität oder offizielle Stellung ist, sondern die Wahrheit. Timotheus hatte weder den Auftrag noch die Autorität oder Macht, irgendeinem Einzelnen oder einer Gruppe von Einzelnen das ausschließliche oder offizielle Recht zu lehren zu übertragen. Es war die offenbarte Wahrheit, die anderen anvertraut werden sollte, und sie war dem Irrtum gegenüber verbürgt durch Bestätigungen und Zeugnisse. Im Licht dieser Schriftstelle müssen wir uns ernsthaft fragen, wie weit wir unserer Verantwortung entsprechen, anderen das kostbare Erbteil der Wahrheit, das wir von treuen Leuten empfangen haben, weiterzugeben. Es wird uns nur möglich sein, die Wahrheit aufrechtzuerhalten und sie an andere weiterzugeben, wenn wir stark sind in der Gnade, die in Christus Jesus ist.

Vers 3: Das Einstehen für die Wahrheit in Zeiten des allgemeinen Niedergangs bringt Leiden mit sich. Deshalb wird Timotheus, und mit ihm jeder, der Christus treu ergeben zu sein wünscht, aufgefordert: „Nimm teil an den Trübsalen als ein guter Streiter Christi Jesu“. Gemessen an Paulus wird das „teilnehmen“, wozu wir aufgefordert werden, für uns gering sein; doch wo immer heute ein Heiliger sein mag, der Irrlehren zurückweist und für die Wahrheit einsteht, muss er darauf vorbereitet sein, in gewissem Maße Widerstand (Kapitel 2, 25), Verfolgung (Kapitel 3, 12), Verlassensein (Kapitel 4, 10) und Böses (Kapitel 4, 14) zu erdulden – und diese Dinge können sogar, wie bei dem Apostel Paulus, von den eigenen Brüdern kommen. Dies bringt jedoch Leiden mit sich; und natürlicherweise neigen wir dazu, Vergeltung zu üben, wenn wir ungerecht leiden. Deshalb werden wir daran erinnert, an den Trübsalen teilzunehmen – nicht als ein natürlicher Mensch, sondern als ein guter Streiter Christi Jesu. Ein guter Streiter wird seinem Anführer gehorchen und so handeln, wie dieser es tut. Christus ist der große Anführer unserer Errettung, und Er hat Seinen Platz in der Herrlichkeit „durch Leiden“ eingenommen. Er hat uns ein vollkommenes Vorbild des Leidens mit Ausharren hinterlassen: „der ... leidend, nicht drohte, sondern sich dem übergab, der gerecht richtet“ (1. Pet 2, 23). Um auf eine der Natur so vollständig widerstrebende Weise handeln zu können, müssen wir tatsächlich stark sein in der Gnade, die in Christus Jesus ist.

Der Herr Jesus ist jetzt an dem Platz höchster Macht und Autorität, und Er wird diese Macht, mit der Er vermag, alle Feinde Seinen Füßen zu unterwerfen, zu gegebener Zeit auch ausüben. Jetzt ist jedoch noch der Tag der Gnade, der Tag des Gerichts für die Feinde dieser Gnade ist noch nicht gekommen; deshalb brauchen wir auch keine Macht, um unsere Widersacher zu vernichten, sondern Gnade, um an den Trübsalen teilzunehmen. Stephanus schaute in Gegenwart seiner Feinde, die mit ihren Zähnen gegen ihn knirschten und ihn steinigten, unverwandt zum Himmel, und sah „Jesus zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 7, 54–60). Doch obwohl Jesus Herr ist und an dem Platz höchster Macht ist, handelt Er im allgemeinen nicht in Macht, um die Feinde Seiner Knechte zu vernichten; auch gab Er dem Stephanus nicht die Macht, seine Feinde selbst zu vernichten. Er tat das, was in vollkommener Weise mit dem Tag der Gnade übereinstimmte. Er gab dem Stephanus Gnade, wodurch dieser so stark „in der Gnade, die in Christus Jesus ist“, wurde, dass er in der Lage war, an den Trübsalen teilzunehmen und als ein guter Streiter Christi Jesu seinen Verfolgern nicht zu drohen oder sie zu schmähen; im Gegenteil: er konnte für sie beten und seinen Geist dem Herrn anbefehlen.

Ebenso war Paulus in seinen Tagen so „stark in der Gnade, die in Christus Jesus ist“, dass er um Christi willen Leiden erduldete, und sein Leben, sein Glück, sein Alles Christus anbefahl „auf jenen Tag“ (Kapitel 1, 12).

Vers 4: Viertens: wenn wir den Weg Gottes für die Zeit des Niedergangs uneingeschränkt annehmen wollen, wird es notwendig sein, uns davor zu bewahren, in die Beschäftigungen des Lebens verwickelt zu werden. Der Apostel deutet hier nicht an, dass wir den Beschäftigungen des Lebens keine Beachtung schenken sollen, oder dass wir unbedingt dazu berufen sind, unsere irdischen Geschäfte aufzugeben. Einen solchen Gedanken widerlegt er in anderen Schriftstellen, wenn er uns beispielsweise ausdrücklich unterweist, mit unseren eigenen Händen zu arbeiten, um ehrlichen Lebensunterhalt zu verdienen. Von sich selbst konnte er sagen: „Ihr selbst wisst, dass meinen Bedürfnissen und denen, die bei mir waren, diese Hände gedient haben“ (Apg 20, 34). Aber er warnt uns hier davor, dass die Beschäftigungen des Lebens unsere Zeit derart in Anspruch nehmen, unsere Energie verbrauchen und unsere Gedanken so vollständig fesseln können, dass wir darin wie in einem Netz verstrickt werden und nicht länger frei sind, den Willen des Herrn auszuführen. Ein guter Streiter Christi Jesu ist jemand, der nicht danach trachtet, sich selbst oder anderen zu gefallen, sondern in erster Linie und hauptsächlich dem wohl gefallen will, der ihn als Soldat angeworben hat. In hingebungsvoller Treue dem Einen gegenüber, der uns als Streiter unter Seiner Führung angeworben hat, und indem wir nach Seinem Wohlgefallen trachten, sollten wir alle menschlichen Organisationen, die Anweisungen von menschlichen Autoritäten mit sich bringen, abweisen. Den Verwicklungen dieses Lebens zu entfliehen und dem Anführer unserer Errettung treu ergeben zu sein, wird uns nur möglich sein, wenn wir stark in der Gnade sind, die in Christus Jesus ist.

Vers 5: Fünftens sagt der Apostel, indem er öffentliche Spiele als Muster nimmt: „Wenn aber auch jemand kämpft, so wird er nicht gekrönt, es sei denn, er habe gesetzmäßig gekämpft“. So ist es auch auf geistlichem Gebiet: die Krone wird nicht für große Aktivität oder für die Menge des Dienstes verliehen, sondern für die Treue im Dienst. Die Krone wird dem verliehen, der gesetzmäßig gekämpft hat. Man mag den Standpunkt vertreten, dass wir in den Tagen der großen Schwachheit alles akzeptieren müssen – welche Methoden es auch sein mögen – wovon wir uns den besten Erfolg für unseren Dienst versprechen. Um solchen Argumenten begegnen zu können, werden wir hier besonders darauf hingewiesen, dass es uns in den Tagen des Verfalls obliegt, gesetzmäßig zu kämpfen. Damit werden die Einführungen von fleischlichen Methoden, von menschlichen Kunstgriffen und von weltlichen Hilfsmitteln in dem Dienst für den Herrn verurteilt. Der Dienst entsprechend den Grundsätzen der Schrift setzt voraus, dass wir stark sind in der Gnade, die in Christus Jesus ist.

Vers 6: Sechstens muss ein treuer Diener bereit sein, zuerst zu arbeiten, bevor er die Früchte genießen kann. Es ist hier nicht die Zeit der Ruhe, es ist die Zeit des Arbeitens; die Erntezeit kommt erst noch. Es liegt uns oft sehr viel daran, Frucht zu sehen; doch es ist besser, unermüdlich in unserem Dienst zu verharren, indem wir wissen, dass Gott nicht ungerecht ist, unser „Werk zu vergessen und die Liebe“ (Heb 6, 10). Der treue Diener wartet darauf, von dem Einen, Dem er wohl zu gefallen sucht, die Worte zu hören: „Wohl, du guter und treuer Knecht“ (Mt 25, 21.23; Lk 19, 17); er wartet darauf, die Krone zu erhalten, nachdem er gesetzmäßig gekämpft hat; und er wartet darauf, die Früchte zu genießen, nachdem er gearbeitet hat.

Vers 7: Es ist jedoch nicht genug, diese Ermahnungen zu  besitzen und ihre Richtigkeit in allgemeiner Weise anzuerkennen. Sollen sie unser Leben regieren, müssen wir das bedenken, was der Apostel hier sagt; und wenn wir diese Dinge erwägen, wird uns der Herr Verständnis geben in allen Dingen. Wir werden nur geringe Fortschritte im Verständnis der göttlichen Dinge machen, wenn wir uns nicht Zeit zum Nachsinnen nehmen. Der Apostel kann uns gewisse Wahrheiten vorstellen, aber er kann uns nicht das Verständnis darüber geben. Dies kann nur der Herr allein bewirken. So lesen wir auch, dass der Herr den „Emmaus-Jüngern“ nicht nur die Schriften öffnete, sondern Er öffnete ihnen „das Verständnis, die Schriften zu verstehen“ (Lk 24, 27.32.45).

Vers 8: Um uns zu ermuntern, diese Unterweisungen auch auszuleben, wird unser Blick außerdem noch auf Christus gerichtet. Wir sollen Jesus Christus im Gedächtnis halten, „auferweckt aus den Toten, aus dem Geschlecht Davids, nach meinem Evangelium“. Wir sollen nicht einfach nur die Tatsache Seiner Auferstehung im Gedächtnis behalten, sondern Den, der auferstanden ist – und das als Mensch, aus dem Geschlecht Davids. Sind wir berufen, auf dem Pfad der Treue zu leiden? Dann lasst uns daran denken, dass unser Anteil an den Prüfungen gering ist, verglichen mit den Trübsalen, die Er kennen lernen musste. Wenn wir uns durch irgendeine geringe Treue unsererseits alleingelassen finden, wenn uns deshalb Widerstand und Beleidigungen begegnen – vielleicht sogar von vielen aus dem Volk Gottes –, dann lasst uns daran denke, dass Christus auf Seinem vollkommenen Pfad Seinem Gott gegenüber immer treu gewesen ist und umherging, indem Er den Menschen nur Gutes erwies – und doch wurde Er wegen Seiner Treue nur geschmäht. Aus diesem Grund musste Er sagen: „Denn deinetwegen trage ich Hohn“, und noch einmal: „Und sie haben mir Böses für Gutes erwiesen und Hass für meine Liebe.“ (Ps 69, 8; 109, 5).

Wenn wir auf dem Weg unseres Dienstes ermahnt werden, Leiden zu ertragen, und wenn wir nur danach trachten sollen, Dem wohl zu gefallen, Der uns angeworben hat, dann lasst uns daran denken, dass Christus sagen konnte: „Ich tue allezeit das ihm Wohlgefällige“ (Joh 8, 29). Nichts konnte den Herrn von dem Weg des absoluten Gehorsams dem Vater gegenüber ab bewegen. Er hatte in Seinem Dienst die Frucht Seiner Mühen vor Augen, denn er Konnte sagen: „Ich muss die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist“ (Joh 9, 4). Nun hat Er das Werk vollbracht, das Ihm der Vater gegeben hatte; Seine Leiden und Mühsale sind vorüber, und wir sehen Ihn auferstanden und mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt, um dort in der Auferstehung die Frucht der Mühsal seiner Seele zu empfangen (Jes 53, 11). Lasst uns daher auf unserem Pfad mit dem damit verbundenen gewissen Maß an Leiden und Mühsal Jesus Christus im Gedächtnis halten.

Vers 9: Wir besitzen nicht nur das vollkommene Vorbild des Herrn Jesus auf Seinem Weg der Leiden und der Mühsal, sondern wir haben auch das Beispiel des Apostels Paulus, der in seiner Hingabe an die Verkündigung des Evangeliums in nicht geringem Maße an den Leiden des Lebens Christi teilgenommen hat. Anstatt in dieser Welt geehrt zu sein, litt er sogar „bis zu Fesseln wie ein Übertäter“. Auf diese Weise ging er in den Fußstapfen seines Meisters, der von der religiösen Welt Seiner Zeit beschuldigt wurde, ein „Fresser und Weinsäufer“ zu sein, einen Dämon zu haben und ein Sünder zu sein (Lk 7, 34; Joh 8, 48; 9, 24).

Es kann jedoch keine Verfolgung seitens der Welt verhindern, dass der Segen Gottes Seine Auserwählten erreicht. Die Welt mag den Prediger binden – das Wort Gottes vermag sie nicht zu binden. In der Tat, die Feindschaft der Welt, durch die Paulus gebunden wurde, wurde nur zu einer Gelegenheit, das Evangelium vor die Gewaltigen dieser Erde zu bringen; und aus seiner Gefangenschaft konnte er die Gefängnis-Briefe schreiben, die auf so herrliche Weise unsere Berufung entfalten.

Vers 10: Wir mögen nicht bereit sein, viel Leiden oder Schmähungen zu erdulden, aber der Apostel konnte sagen: „Deswegen erdulde ich alles um der Auserwählten willen, damit auch sie die Errettung erlangen, die in Christus Jesus ist, mit ewiger Herrlichkeit“. Jemand hat gesagt: „Wie wenige von jenem Tag an bis heute können es wagen, diese Worte als die Übung ihrer eigenen Seelen auszusprechen. Trotzdem mögen wir es in unserem Maß ernstlich begehren; aber es setzt bei dem Gläubigen nicht nur ein gutes Gewissen und ein in Liebe brennendes Herz voraus, sondern ein gründliches Selbstgericht und in seinem Herzen Christus durch den Glauben wohnend“ (W. Kelly).

Die Auserwählten Gottes werden mit Sicherheit die Errettung erlangen und die Herrlichkeit erreichen; trotzdem stellt sich ihnen auf dem Weg zur Herrlichkeit die ganze Macht Satans, die Feindschaft der Welt und die Verdorbenheit des Christentums entgegen. So werden sie durch Versuchungen und Leiden die Herrlichkeit erreichen. Damit die Auserwählten durch solche Umstände hindurch gebracht werden, ist es nötig, sich „in der Gnade, die in Christus Jesus ist“ um sie zu bekümmern – wie es durch seine treuen Knechte auch oft geschieht.

Verse 11 und 12: Um uns zu ermuntern, Jesus Christus im Gedächtnis zu halten und dem Beispiel des Apostels hinsichtlich seiner Aufnahme des Pfades der Leiden und der Mühsal nachzufolgen, werden wir an den zuverlässigen Ausspruch erinnert: „…denn wenn wir mitgestorben sind, so werden wir auch mitleben“.

Wenn wir dazu berufen sind, alle Dinge zu erdulden, sogar den Tod, dann lasst uns nicht vergessen, dass wir es uns leisten können, das gegenwärtige Leben fahren lassen zu können angesichts jener großen Wahrheit, dass, wenn wir mit Christus gestorben sind, wir ganz sicher auch mit Ihm leben werden. Und wir werden nicht nur mit Ihm leben, sondern, „wenn wir ausharren 1, so werden wir auch mitherrschen“.

Verse 12 und 13: Es gibt jedoch auch noch die folgende ernste Warnung: „...wenn wir verleugnen werden, so wird auch er uns verleugnen; wenn wir untreu sind – er bleibt treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen“. Das Verleugnen hier ist nicht ein Einzelfall wie bei Petrus, wie schändlich dies auch immer sein mag, sondern es ist die fortgesetzte Vorgehensweise solcher, die unabhängig von ihrem Bekenntnis, das sie ablegen, die Herrlichkeit und das Werk des Sohnes leugnen. Solche werden auch verleugnet werden, wie zutreffend gesagt worden ist: „Gott würde aufhören, Gott zu sein, wenn Er Sich in die Verunehrung Seines Sohnes schicken würde“. Inmitten all der Untreue des Christentums Christus gegenüber bleibt Er treu, „denn er kann sich selbst nicht verleugnen“.

So hat der einleitende Vers dieses bedeutsamen Abschnittes deutlich gezeigt, dass, um in den Tagen des Verfalls den Weg Gottes zu erkennen und vor allen Dingen diesen Weg auch angesichts des Verlassenseins, des Widerstandes und der Bosheit zu gehen, nicht nach der Macht Gottes zur Vernichtung der Feinde zu rufen ist, sondern dass die „Gnade, die in Christus Jesus ist“, uns befähigt, an den Trübsalen teilzunehmen – die Gnade, die in Einfalt sucht, dem wohl zu gefallen, der uns angeworben hat; die Gnade, die uns anleiten will, gesetzmäßig zu kämpfen und alle fleischlichen und weltlichen Methoden zurückzuweisen; die Gnade, die uns zubereitet, in Mühen auszuharren, während wir auf die Früchte unserer Arbeit warten.

Darüber hinaus brauchen wir nicht nur die Gnade, die uns durch den Herrn in der Herrlichkeit dargereicht wird, sondern wir benötigen auch geistliches Verständnis, das uns auch allein der Herr geben kann; und vor allen Dingen müssen wir den Herrn Selbst als den einzigen Gegenstand unserer Herzen vor uns haben – ein wahrer Mensch aus dem Geschlecht Davids, und auch ein lebender Mensch jenseits der Macht des Todes in der Herrlichkeit.

b) der Verlauf des Bösen, der zu dem Verfall der Versammlung als dem Haus Gottes geführt hat (Verse 14 bis 18)

In dem einleitenden Vers dieses Kapitels ist uns der geistliche Zustand vorgestellt worden, der kennzeichnend für „treue Leute“ sein sollte, und der sie befähigt, sowohl das schlimme Abweichen von der Wahrheit als auch den Weg Gottes inmitten des Verderbens zu erkennen. Bevor der Apostel uns nun diesen Weg Gottes vor Augen stellt, berührt er in den Versen 14 bis 18 kurz einige Einzelheiten des Bösen, die den Verfall der Versammlung hinsichtlich ihrer Verantwortlichkeit herbeigeführt haben.

Verse 14 bis 16: Aus dem ersten Kapitel haben wir bereits gesehen, dass sich alle, die in Asien waren, von dem Apostel abgewandt hatten. Dies lässt darauf schließen, dass sich die Versammlung nicht auf der Höhe ihrer himmlischen Berufung bewahrt hatte. Der erste Schritt in dem Niedergang der Versammlung war das Aufgeben ihres himmlischen Charakters. Es ist immer die höchste Wahrheit, die zuerst aufgegeben wird. Das Aufgeben der himmlischen Berufung öffnete die Tür zum Eindringen der Welt und des Fleisches. In Vers 14 dieses Kapitels verweist der Knecht Gottes auf das erste Anzeichen des Niedergangs. Er führt das Verderben auf Spekulationen des menschlichen Geistes zurück, die zu Wortstreitereien führen, die zu nichts nützlich sind – das Wort der Wahrheit wird folglich fahrengelassen.

Der Apostel warnt uns vor diesen Wortstreitereien und führt uns nicht nur auf das Wort der Wahrheit zurück, sondern darauf, dass das Wort der Wahrheit recht geteilt werden muss. Die ganze Heilige Schrift ist das Wort der Wahrheit, und doch, was für Unheil kann damit angerichtet werden, wenn man die Schrift auf eine ganz persönliche Weise auslegt oder Schriftstellen aus ihrem Zusammenhang reißt und dadurch, wie Petrus sagt, sich selbst Verderben zuzieht (2. Pet 2, 1).

Dann werden wir vor dem weiteren Niedergang gewarnt. Die nutzlosen Spekulationen von Vers 14 werden zu ungöttlichen, leeren Geschwätzen entarten. Ungöttliches Geschwätz geht mit göttlichen Dingen um, als würde es sich um etwas ganz Gewöhnliches handeln, und zwar insofern, als sie heilige Dinge auf die leichte Schulter nehmen. Sie sind insofern eitel, als dass sie völlig inhaltslose Argumente benutzen.

Weiterhin werden wir davor gewarnt, dass diese ungöttlichen, leeren Geschwätze „fortschreiten“ werden. So weit es die große Masse des christlichen Bekenntnisses betrifft, hat Paulus wenig Hoffnung, dass diese niederwärts gerichtete Bewegung auf Dauer aufgehalten werden kann. Er warnt uns im Gegenteil ausdrücklich davor, dass das Böse fortschreiten wird.

Darüber hinaus werden wir davor gewarnt, dass mit dem Fortschreiten der ungöttlichen und leeren Geschwätze eine Steigerung bis zu einem Zustand der Gottlosigkeit verbunden ist. Ungöttliches Reden führt zu einem gottlosen Wandel. Das Festhalten oder das Verbreiten von Irrtümern wird immer einen niedrigen äußerlichen Zustand zur Folge haben. Nachlässigkeit in der Lehre führt zu Nachlässigkeit in der Moral.

Verse 17 und 18: Ein weiteres schreckliches Ergebnis des Fortschreitens der ungöttlichen Geschwätze und der Gottlosigkeit wird das Zerstören der lebenswichtigen Wahrheiten des Christentums in den Gedanken und Sinnen der Menschen sein, denn wir lesen, dass das Wort dieser ungöttlichen Schwätzer um sich fressen wird wie ein Krebs, der die lebensnotwendigen Gewebszellen des Körpers frisst und zerstört.

So verfolgt der Apostel mit göttlichem Geschick Schritt für Schritt das Zunehmen des Bösen, durch welches das Christentum verdorben worden ist:

  1. menschliche Spekulationen über Worte, die zu nichts nützlich sind;
  2. die Wortstreitereien entarten zu ungöttlichem und leerem Geschwätz;
  3. die immer weiter fortschreitenden ungöttlichen und leeren Geschwätze führen zu Gottlosigkeit; der äußerliche Zustand des christlichen Bekenntnisses sinkt zunehmend tiefer auf ein Niveau, auf dem der Mensch ohne Gottesfurcht handelt;
  4. der gottlose Wandel führt dazu, dem Menschen die großen lebenswichtigen Wahrheiten des Christentums zu zerstören und sie ihm zu rauben.

Um die Auswirkungen dieses Niedergangs und den bösen Zustand, in den das Christentum fallen würde zu zeigen, gibt der Apostel hier zwei ernste Beispiele. Hymenäus und Philetus, zwei Männer innerhalb des christlichen Bekenntnisses, verbreiteten Irrlehren. Anstatt das Wort der Wahrheit recht zu teilen, waren sie von der Wahrheit abgeirrt. Sie lehrten, dass die Auferstehung schon geschehen sei. Augenscheinlich leugneten sie die Auferstehung nicht; sie scheinen sie vergeistigt zu haben und argumentierten nun, dass sie in gewisser Weise schon stattgefunden hatte. Eine solche Irrlehre ist nicht so leicht auszuräumen, wie wilde und unausgegorene Spekulationen verantwortungsloser Fanatiker. Wie völlig haltlos diese Irrlehre auch sein mag, der Apostel sah im Voraus, dass sie die bekennende Kirche verderben und wie ein Krebs wirken würde. Es ist auch nicht schwer zu erkennen, dass es bei solchen, die diese Irrlehre in sich aufnehmen, den Glauben zerstören wird. Wenn die Auferstehung tatsächlich schon geschehen ist, ist es offensichtlich, dass die Heiligen ihren endgültigen Zustand erreicht haben, während sie noch auf der Erde sind. Dies hat zum Ergebnis, dass die Kirche damit aufhört, auf das Kommen des Herrn zu warten, die Wahrheit von ihrer himmlischen Bestimmung vergisst und ihren Fremdlings- und Pilgrimscharakter aufgibt. Nachdem die Kirche ihren himmlischen Charakter verloren hat, ist sie auf der Erde sesshaft geworden und hat eine Stellung als Teil des Systems der Umgestaltung, Verbesserung und Regierung dieser Welt eingenommen.

Wenn dieses Ziel erreicht ist, ist das Werk Satans getan, und er wird seine Werkzeuge nicht länger anleiten, diese besondere Irrlehre zu betonen. Heutzutage wird es niemanden geben, der den Versuch unternehmen würde, zu lehren, dass die Auferstehung schon geschehen sei; aber die Folgen dieser ausgefallenen Irrlehre bleiben bestehen und können in dem christlichen Bekenntnis vollständig entwickelt gesehen werden. Die Verfassung und Verwaltung, die religiösen Bemühungen und der missionarische Eifer des bekennenden Christentums betrachten es als völlig selbstverständlich, dass die Kirche hier ihre endgültige Heimat hat. Man versucht, die Welt zu verbessern und die Heiden zu zivilisieren, um aus dieser Welt einen anständigen und glücklichen Ort zu machen.

c) der Weg Gottes für den einzelnen in den Tagen des Verfalls (Verse 19 bis 22)

Vers 19: Nachdem der Apostel den schlechten Zustand, in den das Christentum fallen würde, vorausgesagt hat, gibt er uns nun Unterweisungen darüber, wie wir uns inmitten des Verfalls verhalten sollen. Bevor er damit beginnt, stellt er uns noch zwei große Tatsachen vor, um unsere Herzen zu beruhigen und zu trösten.

Erstens dürfen wir, wie groß das Versagen des Menschen auch sein mag, festhalten, dass „der feste Grund Gottes steht“. Dieser Grund ist Gottes eigenes Werk – in welcher Form dies auch sein mag -; sei es die Grundlage in der Seele des Einzelnen oder die Grundlage der Versammlung auf Erden, unter Mitwirkung der Apostel und durch das Kommen des Heiligen Geistes. Kein Versagen des Menschen kann diesen von Gott gelegten Grund beseitigen oder Gott daran hindern, das zu vollenden, was Er begonnen hat. 2

Zweitens wird uns zum Trost und zur Beruhigung gesagt: „Der Herr kennt die sein sind“. Jemand hat gesagt: „Dies zu wissen ist nichts weniger als eine Vertrautheit von Herz zu Herz, eine Verbindung zwischen dem Herrn und solchen, die Sein sind“. Die Verwirrung ist so groß geworden, Gläubige und Ungläubige werden so eng beieinander gefunden, dass man, was die große Masse betrifft, nicht mehr mit Bestimmtheit sagen kann, wer dem Herrn angehört und wer nicht. Was für eine Beruhigung ist es doch unter solchen Umständen, zu wissen, dass das, was von Gott ist, nicht beiseite gesetzt werden kann, und dass solche, die dem Herrn angehören, nie verloren gehen können, wenn sie auch in der großen Masse verborgen sein mögen.

Das Werk Gottes und die, die dem Herrn angehören, werden „an jenem Tag“, auf den der Apostel im Verlauf seines zweiten Briefes an Timotheus immer wieder anspielt (Kapitel 1,12.18; Kapitel 4, 8), ans Licht kommen.

Nachdem der Knecht Gottes unsere Herzen durch den Hinweis auf das unvergängliche Wesen des Werkes Gottes und auf die Sicherheit derer, die dem Herrn angehören, getröstet hat, unterweist er nun den einzelnen, wie dieser inmitten des Verfalls der Christenheit zu handeln hat.

Nach dem Abscheiden der Apostel setzte der Verfall rasch ein und dauerte die Jahrhunderte hindurch an. Heute finden wir in der Christenheit die traurig-ernsten Zustände, die Paulus vorausgesagt hat. Zudem hat der Apostel, wie wir gesehen haben, keine Hoffnung auf eine Wiederherstellung seitens der großen Masse. Im Gegenteil, er macht uns mehr als einmal darauf aufmerksam, dass mit fortschreitender Zeit auch das Böse zunehmen wird. Nicht nur die ungöttlichen leeren Geschwätze (Kapitel 2, 16) werden fortschreiten, sondern auch böse Menschen und Betrüger werden im Bösen fortschreiten (Kapitel 3, 13), und es wird eine Zeit kommen, wo das christliche Bekenntnis die gesunde Lehre nicht mehr ertragen und die Ohren von der Wahrheit abkehren wird (Kapitel 4, 3.4).

Wenn wir also gesehen haben, dass es für die große Masse des christlichen Bekenntnisses keine Aussicht auf Wiederherstellung gibt, wie soll sich dann der Einzelne, der dem Herrn treu sein möchte, verhalten? Der Apostel greift diese tiefernste Frage auf und beantwortet sie in dem nun folgenden Abschnitt (Verse 19 bis 22). In diesem Abschnitt wird uns der Weg Gottes für den einzelnen in den Tagen des Verfalls deutlich bezeichnet.

Lasst uns als erstes beachten, dass wir nicht aufgefordert werden, das zu verlassen, was das Haus Gottes auf der Erde zu sein bekennt. Dies ist unmöglich, sonst müssten wir die Erde verlassen oder abtrünnig werden. Wir dürfen das Bekenntnis zum Christentum nicht aufgeben, weil dieses Bekenntnis in den Händen der Menschen verdorben worden ist. Wir werden auch nicht aufgefordert, dieses verdorbene Bekenntnis zu reformieren. Das Christentum als Ganzes gesehen ist unverbesserlich.

Wenn wir nun aber weder dieses Bekenntnis verlassen sollen, noch versuchen sollen, die große Masse zu reformieren, noch uns ruhig niederlassen und der Verdorbenheit durch unsere Gemeinschaft mit ihr unsere Zustimmung geben sollen, welchen Kurs sollen wir dann einschlagen?

Nachdem der Apostel unsere Herzen getröstet hat, fährt er nun damit fort, dem einzelnen Gläubigen den Weg vorzustellen, welchen Gott ihn in den Tagen des Verfalls gehen sehen möchte. Wie finster diese Tage, wie schwierig die Zeiten, wie groß das Verderben auch sein mag, wir können sicher sein, dass es in der Geschichte der Versammlung auf Erden nie eine Zeit gegeben hat und es auch nie eine Zeit geben wird, wo der Gottesfürchtige ohne Leitung für den richtigen Weg inmitten des Verfalls gelassen wird. Gott hat den Verfall vorausgesehen und Er hat in Seinem Wort für den Tag des Verfalls Vorsorge getroffen. Durch fehlende Übung mögen wir im Erkennen dieses Weges versagen; durch Mangel an Glauben mögen wir davor zurückschrecken, diesen Weg zu gehen – trotzdem ist uns der Weg Gottes klar vorgezeichnet, sowohl in den dunkelsten wie auch in den hellsten Tagen.

Wenn nun Gott für Sein Volk in den Tagen des Verfalls einen Weg vorgezeichnet hat, dann ist es klar, dass es nicht uns überlassen ist oder zusteht, für uns einen Weg auszudenken, oder uns einfach so gut, wie wir können, zu verhalten. An uns ist es, danach zu trachten, den Weg Gottes zu erkennen und darauf im Glaubensgehorsam voranzugehen, während wir uns durch die Gnade Gottes auf diesem Weg bewahren lassen.

Absonderung vom Bösen ist der erste Schritt auf dem Weg Gottes. Wenn ich auch das Böse in der Christenheit nicht verbessern kann, so bin ich doch dafür verantwortlich, selbst richtig zu stehen. Obwohl ich das Bekenntnis der Christenheit nicht aufgeben kann, kann ich mich doch tatsächlich von dem Bösen dieses Bekenntnisses absondern. Lasst uns sorgfältig bemerken, wie oft in diesem Brief, mit verschiedenen Ausdrücken und auf unterschiedliche Art und Weise, eindringlich auf die Absonderung vom Bösen hingewiesen wird:

  • vermeide die ungöttlichen, leeren Geschwätze (Kapitel 2, 16);
  • stehe ab von der Ungerechtigkeit (Kapitel 2, 19);
  • sich reinigen von den Gefäßen zur Unehre (Kapitel 2, 21);
  • die jugendlichen Begierden aber fliehe (Kapitel 2, 22);
  • törichte und ungereimte Streitfragen weise ab (Kapitel 2, 23);
  • von diesen wende dich weg (Kapitel 3, 5).

Als erstes obliegt es also jedem, der den Namen des Herrn nennt, von der Ungerechtigkeit abzustehen (sich davon zurückzuziehen). Wir dürfen den Namen des Herrn auf keine Weise mit Bösem in Berührung bringen. Die Verwirrung und Unordnung in der Christenheit ist derart groß geworden, dass wir einerseits leicht eine Person falsch einschätzen können und meinen, dass sie nicht dem Herrn angehört, während sie doch im Herzen wahrhaft gläubig ist; aber: „Der Herr kennt die sein sind“. Andererseits ist aber derjenige, der sich zum Herrn bekennt, verantwortlich, von der Ungerechtigkeit abzustehen. Wenn er sich weigert, das zu tun, kann er sich nicht darüber beklagen, falsch beurteilt worden zu sein. In den Tagen des Verfalls und der Unordnung genügt es nicht mehr, dass jemand den Namen des Herrn bekennt. Sein Bekenntnis muss geprüft werden. Der Prüfstein ist, ob wir uns der Autorität des Herrn unterwerfen, indem wir von der Ungerechtigkeit abstehen. In Verbindung mit Bösem zu verharren und den Namen des Herrn zu nennen, heißt, Seinen Namen mit Bösem in Berührung zu bringen.

Verse 20 und 21: Zweitens sollen wir uns nicht nur von der Ungerechtigkeit absondern, sondern auch von Personen, die mit Bösem in Verbindung stehen. Diese werden hier Gefäße zur Unehre genannt. Der Apostel illustriert den Zustand, in den die Christenheit gefallen ist, anhand eines großen Hauses eines Menschen dieser Welt. Das, was vorgibt, das Haus Gottes auf der Erde zu sein, ist, anstatt von der Welt getrennt zu sein und im Gegensatz zu ihr zu stehen, der Welt und den Häusern der Welt gleich geworden. In diesen Häusern gibt es Gefäße aus unterschiedlichen Materialien und für verschiedene Zwecke, wobei aber Gefäße zur Ehre in Verbindung mit Gefäßen zur Unehre gefunden werden. Wenn jedoch ein Gefäß „nützlich dem Hausherrn“ sein soll, so darf es nicht in Verbindung mit einem Gefäß zur Unehre stehen.

In der Anwendung bedeutet das also, dass Gläubige, die nützlich für den Dienst des Herrn sein möchten, sich von den Gefäßen zur Unehre wegreinigen müssen. Es ist betont worden, dass die einzige weitere Stelle im Neuen Testament, wo dieser Ausdruck vorkommt, 1. Kor 5, 7 ist. Dort wird dieser Ausdruck mit „ausfegen“ übersetzt, und die Versammlung in Korinth wird aufgefordert: „Fegt den alten Sauerteig aus“. Wenn die Versammlung in ihrem normalen Zustand ist, und ein Böser wird in ihrer Mitte gefunden, so wird sie unterwiesen, den Bösen aus ihrer Mitte hinaus zu tun. Hier aber sieht der Apostel eine Zeit kommen, in welcher der Zustand der bekennenden großen Masse so niedrig sein wird, dass keine Kraft mehr da sein wird, den Bösen hinaus zu tun. In einem solchen Zustand, wo alles gottgemäße Aufbegehren vergeblich ist, wird der Gottesfürchtige aufgefordert, sich selbst von den Gefäßen zur Unehre abzusondern. In beiden Fällen gilt der gleiche Grundsatz: Zwischen dem Gottesfürchtigen und dem Gottlosen gibt es keine Verbindung. Um solche Verbindungen zu verhindern, soll in dem einen Fall – dem normalen Zustand – die Versammlung den alten Sauerteig ausfegen; in dem anderen Fall – wo keine Kraft mehr da ist, mit dem Bösen richtig zu verfahren – soll das Gefäß zur Ehre sich selbst von den Gefäßen zur Unehre wegreinigen, indem es sich von ihnen trennt. Es hat jemand zutreffend gesagt: „Wenn also jemand den Namen des Herrn bekennt, und aus Liebe zu Bequemlichkeit oder unter dem Vorwand, die Einheit bewahren zu wollen oder aus Voreingenommenheit für seine Freunde, das Böse duldet, das doch in der Schrift als abscheulich für Gott gezeigt wird, dann hat der Gottesfürchtige keine Wahl, sondern ist verpflichtet, das göttliche Wort zu beachten und sich selbst von diesen Gefäßen zur Unehre wegzureinigen.“

Es wird also deutlich, dass wir erst aufhören müssen, Böses zu tun, bevor wir lernen können, Gutes zu tun; denn nur wenn jemand sich von dem Bösen absondert, kann er geheiligt und nützlich für den Hausherrn und zu jedem guten Werk bereitet werden. Das Maß unserer Absonderung wird auch das Maß unserer Zubereitung sein. Jemand hat zutreffend gesagt: „Zu jeder Zeit in der Geschichte der Versammlung hat jedes noch so geringe Bemühen, diesem Gebot gehorsam zu sein, seine Belohnung gefunden – ob nun einer allein oder mehrere miteinander es beachtet haben. Wer sich die Mühe macht, den Lebenslauf irgendeines bedeutenden Dieners des Herrn oder einer Gruppe von Gläubigen genau zu verfolgen, wird feststellen, dass, wenn die Absonderung von dem sie umgebenden Bösen eines der Hauptmerkmale waren, der Dienst und die Ehre dem entsprachen; wurde dieser Schlüssel zum Dienst aber vernachlässigt oder nicht benutzt, nahmen der Dienst und die Ehre entsprechend ab.

Dem, der nach diesem Gebot handelt, wird zu seinem Trost und zu seiner Ermunterung versichert, dass er nicht nur dem Hausherrn nützlich, sondern dass er „ein Gefäß zur Ehre“ sein wird. Vielleicht muss er Vorwürfe oder sogar Spott von denen ertragen, von welchen er sich absondert, aber der Apostel sagt: „...so wird er ein Gefäß zur Ehre sein“.

Diese Verse zeigen uns, dass die Absonderung durch zwei Merkmale gekennzeichnet ist. Erstens müssen wir uns von jedem ungerechten System fernhalten, und zweitens müssen wir uns von bösen Personen trennen.

Hier haben wir also unsere Rechtfertigung für den Einzelnen für seine Absonderung von den ganzen Systemen der Menschen, die Christus als das alleinige Haupt Seines Leibes beiseite setzen, die Gegenwart des Heiligen Geistes missachten, die entscheidenden Wahrheiten des Christentums mehr und mehr aufgeben, Gläubige und Ungläubige miteinander vermischen, in denen keine Kraft vorhanden ist, gegen Böses vorzugehen, und in denen Grundsätze anerkannt werden, die es unmöglich machen, Böses in Ordnung zu bringen.

Vers 22: Der Anweisung, sich vom Bösen abzusondern, folgt die ebenso wichtige Aufforderung: „...die jugendlichen Begierden aber fliehe“. Nachdem wir uns von dem Verderben in der Christenheit getrennt haben, müssen wir aufpassen, dass wir nicht durch die verdorbene Natur zu Fall kommen. Der Ausdruck „jugendliche Begierden“ bezieht sich nicht nur auf die verwerflichen Begierden des Fleisches, sondern auf alle Dinge, welche die gefallene Natur mit der ungestümen Heftigkeit und dem Eigenwillen der Jugend begehrt. Nie sind wir in größerer Gefahr, fleischlich zu handeln, als wenn wir in Treue dem Herrn gegenüber gehandelt haben. Jemand hat gesagt: „Durch Selbstzufriedenheit über unsere kirchliche Absonderung könnten wir zu sittlicher Erschlaffung verführt werden“. Wie zeitgemäß ist daher die Ermahnung: „...die jugendlichen Begierden aber fliehe“; und wie passend ist, dass sie im Anschluss an das Gebot steht, von der Ungerechtigkeit abzustehen und sich von den Gefäßen zur Unehre zu reinigen.

Nach der Absonderung von dem Bösen in der Christenheit und der Ablehnung alles dessen, was unserer verdorbenen Natur entspringt, werden wir ermahnt, gewissen großen sittlichen Eigenschaften nachzustreben, die dem Weg ein positives Gepräge geben. Wir werden nicht aufgefordert, irgendeinem berühmten Lehrer nachzueifern, obwohl wir jede Gabe dankbar anerkennen sollen, wenn sie uns auf dem Pfad, der diese Kennzeichen trägt, eine Hilfe ist. Die Eigenschaften, nach denen wir streben sollen, sind „Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Frieden“.

Gerechtigkeit steht notwendigerweise am Anfang, denn hier geht es um den Weg des Einzelnen. Nachdem wir uns von der Ungerechtigkeit abgesondert haben, müssen wir unsere Wege beurteilen und darauf achten, dass alle unsere praktischen Verbindungen – sei es in Verbindung mit der Welt oder mit dem Volk Gottes – in Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit sind.

Nun folgt der Glaube, der den Pfad noch weiter begrenzt, denn der Glaube hat mit Gott zu tun, und nicht jeder gerechte Weg ist ein Weg des Glaubens. Praktische Gerechtigkeit gegenüber den Menschen, d.h. ehrlichen Umgang miteinander, kann es auch ohne Glauben an Gott geben. Gottes Weg für die Seinen durch diese Welt erfordert fortwährend aktiven Glauben an den lebendigen Gott. Wir brauchen nicht nur einen Weg, den wir gehen können, sondern auch Glauben, um darauf zu gehen.

Dann folgt die Liebe. Wenn wir uns in unseren praktischen Beziehungen zu anderen richtig verhalten und im Glauben an Gott vorangehen, werden unsere Herzen bereit sein, anderen in Liebe zu begegnen. Dem „Glauben an den Herrn Jesus“ folgt die „Liebe zu allen Heiligen“ (Eph 1, 15; Kol 1, 4).

Der Friede kommt zuletzt, und zwar am richtigen Platz als die Folge von Gerechtigkeit, Glauben und Liebe. Die Gerechtigkeit führt die Liste an und der Friede beschließt sie, denn: „Die Frucht der Gerechtigkeit in Frieden aber wird denen gesät, die Frieden stiften.“ (Jak 3, 18). Ohne Bewahrung durch die vorangegangenen Eigenschaften wird das Streben nach Frieden in Gleichgültigkeit gegenüber Christus und in das Einwilligen in Böses entarten.

So finden wir hier also klare Anweisungen für unseren persönlichen Weg in den Tagen des Verfalls. Die Belehrungen hören aber mit diesen persönlichen Anweisungen nicht auf, denn an diesem Punkt geht der Apostel von dem persönlichen Aspekt auf den gemeinschaftlichen Aspekt über. Er sagt, dass wir diesen Eigenschaften „mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“, nachstreben sollen. Die Worte „mit denen“ betonen deutlich das Gemeinschaftliche. Dies ist von höchster Wichtigkeit, denn ohne diese Belehrung könnten wir fragen, auf welche Schriftstelle wir den gemeinsamen Weg mit anderen in den Tagen des Verfalls gründen. Hier finden wir die Begründung: wir sind nicht zur Isolation oder zur Abkapselung bestimmt. Es wird immer noch andere geben, die in den Tagen des Niedergangs den Herrn aus reinem Herzen anrufen. „Den Herrn anrufen“ ist der Ausdruck der Abhängigkeit vom Herrn und scheint besonders in Zusammenhang mit Tagen des Abweichens vom Herrn zu stehen. In den bösen Tagen Seths lesen wir: „Damals fing man an, den Namen des Herrn anzurufen“ (1. Mo 4, 26).

Etwas später lesen wir von Abraham, als er aus seinem Land, aus seiner Verwandtschaft und aus seines Vaters Haus hinausging, dass er „den Namen des Herrn anrief“ (1. Mo 12, 8). So haben wir eine Gruppe von Menschen, die sich in Treue dem Herrn gegenüber von der Verdorbenheit der Christenheit abgesondert hat und die außerhalb des Lagers in Abhängigkeit vom Herrn mit einem reinen Herzen den Weg vorangeht. Ein reines Herz ist nicht eines, das den Anspruch erhebt, rein zu sein, sondern es ist vielmehr ein Herz, das unter den Augen des Herrn nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe und Frieden strebt.

Folglich finden wir im Wort Gottes für die Tage des Verfalls einen deutlichen und eindeutigen Weg vorgezeichnet:

  • Erstens ist dieser Weg durch Absonderung von dem Verderben der Christenheit gekennzeichnet;
  • zweitens ist dieser Weg durch Absonderung von dem Verderben des Fleisches gekennzeichnet;
  • drittens ist dieser Weg durch das Streben nach gewissen sittlichen Eigenschaften gekennzeichnet; und
  • viertens durch die Gemeinschaft mit denen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen.

Wenn sich nun einige nach diesen klaren Richtlinien zusammenfinden, dann mag wohl die Frage aufkommen, von welchen Grundsätzen sie sich in ihrer Anbetung, beim Gedächtnismahl für den Herrn, in ihren Zusammenkünften zur Auferbauung, in ihrem Dienst, und in ihrem Verhalten untereinander und der Welt gegenüber leiten lassen sollen. Die Antwort ist einfach. Im ersten Brief an die Korinther und in anderen Abschnitten des Neuen Testamentes werden sie alle Grundsätze finden, die ihnen zur Regelung jeder Einzelheit in der Versammlung Gottes dienen. Und diese Grundsätze können durch keinen Verfall in der Kirche beiseite gesetzt werden. Nachdem sie sich von allem Bösen in der Christenheit abgesondert haben, stellen diese Gläubigen zudem fest, dass viele Grundsätze und Richtlinien für die praktische Verwaltung der Versammlung sehr einfach angewendet werden können, was in den menschlichen Systemen kaum möglich wäre. So werden jene, die in den Tagen des Verfalls den von Gott bezeichneten Weg annehmen, feststellen, dass es immer noch möglich ist, im Licht der Versammlung, wie sie am Anfang gebildet wurde, voranzugehen. Sie werden keineswegs behaupten, die Versammlung zu sein, oder auch nur ein Muster der Versammlung zu sein, denn sie sind höchstens ein paar wenige, die sich von dem Verderben der Christenheit abgesondert haben und daher, wenn sie ein Zeugnis sind, nur ein Zeugnis gegenüber dem verdorbenen Zustand der Kirche in diesen letzten Tagen sind – und nicht ein Muster der Kirche in ihren Anfangstagen.

d) die Gesinnung, in welcher dem Widerstand zu begegnen ist (Verse 23 bis 26)

Verse 23 bis 26: In den Schlussversen dieses Kapitels finden wir eine wichtige Warnung an den Diener des Herrn. Angesichts der Tatsache, dass es einen Weg der Absonderung von dem Verderben in der Christenheit gibt, sieht der Apostel voraus, dass es neben denen, die diesen Anweisungen gehorchen, auch solche geben wird, die sich ihnen energisch entgegenstellen. Das Aufzeigen dieser Wahrheiten wird eine Menge von „törichten und ungereimten Streitfragen“ hervorrufen. Die Erfahrung hat gezeigt, wie wahr dies ist. Fast jedes Argument, das die menschliche Erfindungskunst hervorbringen kann, ist benutzt worden, um die klaren Belehrungen dieses Abschnittes beiseite zu setzen. Wir werden davor gewarnt, dass diese Argumente „Streitigkeiten erzeugen“. Was auch immer geschehen mag, der Diener des Herrn soll sich nicht in Streitigkeiten einlassen. Er „soll nicht streiten“. Wenn er sich in Streitigkeiten verwickeln lässt, könnte er eine gründliche Niederlage erleben, obwohl er absolut für die Wahrheit kämpft. Der Knecht des Herrn muss sich bewusst sein, dass er nur der Knecht und nicht der Meister ist. Als Knecht des Herrn ist es sein Auftrag, die Charakterzüge seines Herrn zu zeigen – Sanftmut, Befähigung zum Lehren, Geduld und Demut angesichts des Widerstandes. Es ist eine natürliche Neigung, das zu verteidigen und an dem festzuhalten, mit dem man aus Gewohnheit verbunden ist, auch wenn es ganz unbiblisch ist. Darum ist die erste Reaktion auf das Vorstellen dieser Wahrheiten oft heftiger Widerstand. Sollte es einmal vorkommen – was durchaus sein könnte -, dass der Knecht selbst dem anderen entgegentritt, so muss er das mit großer Geduld und Sanftmut tun, indem er versucht, andere zu unterweisen. Wenn er die Wahrheit vorstellt, darf das nicht mit dem Gedanken geschehen, dass sie durch seine klare Darlegung oder durch seine sanftmütige Art angenommen werde, sondern mit dem bestimmten Bewusstsein, dass Gott allein jemanden „zur Erkenntnis der Wahrheit“ bringen kann.

Fußnoten

  • 1 Anmerkung zu „ausharren“: Fußnote in JND New Testament with full notes zu 2. Tim. 2, 12: „vgl. Vers 10; das Wort „erdulden“ hat im Englischen eine doppelte Bedeutung: „aushalten“ und „geduldig durch Leiden hindurchgehen“. Hier ist es die zweite Bedeutung, vgl. auch Röm. 2, 7; 8, 25; 12, 12 = hypomeno.
  • 2 ­Fußnote aus The Holy Bible, JND Translation, zu 2.Tim 2,19: „Doch“, das griechische Wort (mentoi) bestätigt mit Gewissheit, wo Zweifel hätten aufkommen können. Das Zerstören des Glaubens hätte den Grund Gottes in Frage stellen können. Doch er bleibt fest und sicher. Spekulationen darüber, was dieser Grund Gottes ist, sind sinnlos; besonders die Spekulationen solcher, die von der unsichtbaren Kirche sprechen. Die Kirche ist gegründet, sie ist ein Bauwerk, nicht eine Grundlage. Hier ist es einfach ganz abstrakt der Grund Gottes.
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