Die Briefe an Timotheus

2. Timotheus 1

Die Briefe an Timotheus

Paulus stellt zu Beginn sein Apostelamt vor und gibt dem ganzen Brief damit eine besondere Prägung. Er ist Apostel, nicht nur „durch Gottes Willen“ – von daher kam seine Autorität –, sondern auch „nach Verheißung des Lebens, das in Christus Jesus ist“. Das verlieh seinem Apostelamt einen unbesiegbaren Charakter. Die Natur liefert uns viele Beispiele für die außergewöhnliche Kraft des Lebens. Ein junger, grüner Baum ist so zart, daß ein Kind ihn mit seiner kleinen Faust zerdrücken kann, und doch treibt ihn das Leben darin unter bestimmten Bedingungen durch den Asphalt oder dazu, zentnerschwere Steine zu versetzen. Dann gibt es bestimmte Lebensordnungen mit ihren unterschiedlichen Merkmalen. Auch mit dem größten Bemühen kann man das nicht ändern. Weder Dressur noch gutes Zureden noch die Peitsche bringen einen Hund dazu, sein Wohlbehagen durch Schnurren auszudrücken, oder eine Katze zum Schwanzwedeln. Das Leben eines Tieres mit seinen angeborenen Verhaltensweisen wird alle Anstrengungen unbeantwortet lassen.

In der Natur ist das Leben eine ungeheure Kraft, aber das Leben Christi Jesu ist unbesiegbar. Das natürliche Leben in all seinen Formen, das Leben Adams – also das menschliche Leben – eingeschlossen, unterliegt letztendlich im Wettkampf und wird vom TOD besiegt. Das Leben in Christus ist außerhalb der Reichweite des Todes, denn als Gestorbener und Auferstandener wurde Er zur Quelle des Lebens für andere. Dieses Leben war vor der Entstehung der Welt verheißen (Tit 1,2) und ist durch das Evangelium ans Licht gebracht worden (2. Tim 1,10). Seine Frucht wird in zukünftigen Zeiten zu sehen sein. Deshalb wird hier von dem Leben als von einer Verheißung gesprochen.

Wir beginnen den Brief deshalb mit dem, was alles Versagen und alle Fehler von Gläubigen und alle anderen Verwüstungen der Zeit überdauern wird. Wie gut ist es, mit einem festen Rettungsanker verbunden zu sein, ehe wir den Stürmen ausgesetzt werden, um die es in diesem Brief geht. Alles, was „in Christus Jesus“ ist, bleibt in Ewigkeit.

Nach dem Gruß an Timotheus drückt der Apostel in Vers 3 aus, daß er in seinen Gebeten an ihn denkt. In den Versen 4 und 5 nennt er einige lobenswerten Eigenschaften des Timotheus, und ab Vers 6 ermahnt und ermuntert er ihn zur Gottesfurcht.

Paulus und Timotheus kamen beide aus gutem Haus. Paulus konnte sagen, daß er von seinen Voreltern her Gott mit gutem Gewissen diente, d. h. ohne sein Gewissen dadurch zu belasten, daß er etwas tat, von dem er wußte, daß es falsch war. Er handelte aufrecht nach dem Licht, das er hatte, obwohl er an anderer Stelle bekennt, daß sein Licht einst so mangelhaft war, daß er Christus mit gewissenhaftem Eifer bekämpfte. Timotheus gehörte zur dritten Generation, die sich durch Glauben auszeichnete. Sein Glaube wird als „ungeheuchelt“ bezeichnet, und echter Glaube ist besonders nötig, wenn Zeiten des Niedergangs oder der Erprobung einsetzen. Außerdem kann der Apostel von seinen Tränen sprechen, und das zeigt, daß er ein Mann tiefer Empfindung und geistlicher Übungen war.

Schon wenn er an Timotheus' Tränen dachte, war Paulus mit Freude erfüllt. Was würde er bei uns empfinden? Würde er sich von uns abwenden, traurig und enttäuscht über unseren schwachen Glauben und die allgemeine Oberflächlichkeit bezüglich unserer Überzeugungen und Empfindungen? Verlaß dich darauf, ungeheuchelter Glaube, die Bewahrung eines guten Gewissens und die tiefen geistlichen Empfindungen, die sich in Tränen äußern, sind ein großartiges Kapital, mit dem man den Schwierigkeiten und Gefahren der „letzten Tage“ begegnen kann.

Timotheus besaß außerdem eine besondere Gabe von Gott, die ihm durch Paulus' Dienst gegeben worden war. Eine Gabe zieht die Verantwortung nach sich, sie richtig und angemessen zu gebrauchen. Eine ruhige und zurückhaltende Persönlichkeit, wie Timotheus sie anscheinend war, ist leicht versucht, in schwierigen Umständen ihr „Pfund“ zu vergraben. Im Gegenteil, schwierige Umstände sind eigentlich ein Trompetenstoß, jede nur vorhandene Gabe anzufachen, und das ist möglich, weil Gott uns Seinen Heiligen Geist gegeben hat, und dadurch haben wir einen Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit, und nicht einen Geist der Furchtsamkeit.

Wir haben diese Kraft, aber sie muß unter der Kontrolle der Liebe stehen. Kraft und Liebe müssen beherrscht werden durch „Besonnenheit“ oder „einen gesunden Sinn“ (siehe Fußnote in der Elberfelder Übersetzung), wenn die Kraft, die wir durch den Heiligen Geist haben, richtig angewandt werden soll. Wir brauchen uns deshalb des Zeugnisses des Herrn nicht zu schämen.

Es bestand keine Gefahr, daß Timotheus sich früher des Zeugnisses geschämt hätte, als es trotz starken Widerstandes triumphierte, so wie es uns in Apostelgeschichte 14–19 beschrieben wird. Aber jetzt stand es in schlechtem Ruf, Gläubige erkalteten, und Paulus, der größte Prediger des Evangeliums, saß im Gefängnis, ohne Hoffnung auf Freilassung. Es gibt nichts Schwierigeres, als eine Entwicklung mitzuerleben, die im Aufschwung steht, und dann mit ansehen zu müssen, wie sie den Höhepunkt überschreitet und heftig abebbt. Da wird der Mut auf die Probe gestellt.

Timotheus' Mut wurde auf die Probe gestellt, aber der Apostel ruft ihn dazu auf, jetzt an den Leiden für das Evangelium teilzunehmen. Wir freuen uns alle, am Segen des Evangeliums teilzunehmen. Viele von uns arbeiten gerne bei der Evangelisationsarbeit mit, um auch am Erfolg beteiligt zu sein und schließlich an der Belohnung für diesen treuen Dienst im kommenden Reich. Aber an den Leiden beteiligt zu sein, ist eine andere Sache. Das kann man nur „nach der Kraft Gottes“. Hier und in Kolosser 1,11 steht Kraft nicht mit Aktivität, sondern mit Passivität – mit Leiden in Verbindung.

Kraft ist an sich etwas Kaltes, Unpersönliches. In diesem Abschnitt gewinnt sie allerdings einen warmen persönlichen Zug durch die Verse 9 und 10. Wir kennen den Gott, um dessen Kraft es geht, als den Urheber unserer Errettung und Berufung. Diese beiden gehören immer zusammen, denn sie zeigen uns sozusagen die negative und die positive Seite der Sache. Wir sind errettet aus etwas, um zu etwas berufen zu werden. Wir sind befreit aus dem Elend und der Gefahr, in die uns die Sünde gestürzt hat, damit wir zum Ort der Gunst und des Segens gelangen, der uns nach dem Vorsatz Gottes zugedacht ist.

Gott rettet und beruft immer nach Seinem Vorsatz. Das war so, als Er Israel aus Ägypten rettete, denn Er berief sie, um sie in das Land zu bringen, das Er für sie vorgesehen hatte. Zwischen der Rettung und dem Ruf Israels und unserer Rettung und unserem Ruf besteht jedoch ein großer Unterschied. Sie wurden als Volk von Feinden aus Fleisch und Blut in dieser Welt gerettet. Wir sind gerettet von jedem geistlichen Feind, und zwar jeder persönlich. Sie wurden in das verheißene Land mit den damit verbundenen irdischen Segnungen berufen. Wir sind berufen zu himmlischen Beziehungen mit den dazugehörigen geistlichen und himmlischen Segnungen. Das Reich, dessen Herzstück Israel sein wird, war von Gott vorgesehen „von Grundlegung der Welt an“ (Mt 25,34), und ihr Land wurde für sie festgelegt zu der Zeit, „als der Höchste den Nationen das Erbe austeilte“ (5. Mo 32,8), d. h. zur Zeit Babels. Unser Ruf, so wird uns hier gesagt, entspricht dem göttlichen Vorsatz vor „ewigen Zeiten“.

Außerdem erfreuen wir uns als Christen einer Berufung, die der Gnade und auch dem Vorsatz entspricht. Auch darin sehen wir einen Gegensatz, denn Israel wurde, nachdem es aus Ägypten heraufgeführt war, unter Gesetz gestellt. Weil sie so auf ihre eigene Verantwortung gestellt waren, büßten sie ihr Erbe sehr bald ein. Unsere Berufung stützt sich darauf, was Gott selbst ist und unsretwegen tut. Deshalb kann sie nie aufgehoben werden. Noch einmal: Unser Errettung und unsere Berufung wurden uns „in Christus Jesus“ gegeben, und das konnte von Israel im Alten Testament nicht gesagt werden. Der mit ihnen geschlossene Bund richtete sich an sie als natürliche Menschen. Alles stand auf einer natürlichen Grundlage und hatte deshalb keinen dauerhaften Bestand. Alles, was wir haben, gehört uns nicht als natürlichen Menschen in der Stellung in Adam, sondern als solchen, die in Christus Jesus vor Gott stehen.

Unsere heilige Berufung war also festgelegt worden, ehe die Welt begann, und ihr völliger Segen wird bleiben, auch wenn die Welt vergangen ist. Bis jetzt sind wir noch nicht in ihren völligen Segen eingetreten, aber er ist durch die Erscheinung unseres Heilands doch offenbart worden, und wir haben einen Vorgeschmack davon, insofern der Tod durch Seinen Tod und Seine Auferstehung zunichte gemacht worden ist und Leben und Unverweslichkeit durch das Evangelium ans Licht gebracht worden sind. Der Tod ist offensichtlich noch nicht abgeschafft, aber seine Macht ist für die, die an Jesus glauben, zunichte gemacht. Auch heißt es „Unverweslichkeit“ und nicht „Unsterblichkeit“. Wir haben die Hoffnung, letztlich dahin versetzt zu werden, wo es keine Verweslichkeit mehr gibt, wo ihr letzter Hauch uns nie berühren kann.

Paulus war zum Prediger dieses Evangeliums in der heidnischen Welt bestellt worden, und weil er das mit so großem Eifer tat, brachte ihm das all diese Leiden und Schmach ein. Die Menschen fingen an, den Kopf zu schütteln und zu sagen, seine Sache sei verloren. Er selbst sah schon am Ende des dunklen Tunnels seiner Gefangenschaft das Henkersbeil auf sich zukommen. Wie empfand er das alles?

„Aber ich schäme mich nicht“, waren seine Worte. Natürlich nicht! Wie könnte er auch? Gerade das Evangelium, das er brachte, war die Frohe Botschaft des gegenwärtigen Lebens und eines herrlichen Zustands der Unverweslichkeit in Zukunft, das sich aus dem Sieg über die Macht des Todes ergibt. Wer das wirklich glaubt und versteht, könnte der sich deswegen schämen? Außerdem stammten sein Auftrag und seine Vollmacht von dem, den er kannte und dem er glaubte, und dieses Wissen gab ihm die Überzeugung, daß in Seinen Händen alles sicher ruhte.

Paulus hatte alles Christus anvertraut und war ein Mann, der sein Leben hingegeben hatte „für den Namen unseres Herrn Jesus Christus“ (Apg 15,26). Er hatte „alles eingebüßt“ (Phil 3,8). Er hatte seinen Ruf und seine Sache in die Hände seines Meisters gelegt, und er hatte die volle Gewißheit, daß er am Tag Christi als völlig treu erwiesen und belohnt werden würde. Wie könnte er sich mit dieser seligen Gewißheit im Herzen schämen?

All das erwähnt der Apostel, um seine früheren Ermahnungen an Timotheus zu unterstreichen, daß er sich nicht wegen des Zeugnisses in Zeiten schämen sollte, in denen die Schmach zunahm. In Vers 13 spricht er eine zweite sehr wichtige Ermahnung aus. Wenn der Feind uns nicht durch Einschüchterung dazu bringen kann, die Wahrheit aufzugeben, könnte es ihm doch gelingen, uns der Wahrheit zu berauben.

Wenn die Wahrheit einen praktischen Wert für uns haben soll, muß sie in Worte gefaßt werden, und gerade da kann der Teufel seine Chance sehen. Timotheus hatte die Wahrheit aus dem Mund des Paulus gehört, denn ihm war sie zuerst offenbart worden. Damit war Timotheus ein Gut anvertraut worden, das durch den Heiligen Geist, der in ihm wohnte, bewahrt werden sollte. Aber es konnte nur recht bewahrt werden, wenn er die Form oder den Umriß dieser gesunden Worte festhielt, in der Paulus sie ihm überliefert hatte. Heute gibt es viele Betrüger, die unter dem Deckmantel des Eifers für die „Idee“, das „Konzept“, den „Geist“ der Wahrheit eine extreme Weite befürworten, was den Wortgebrauch angeht. Sie machen die Genauigkeit im Wortgebrauch und besonders die „Verbalinspiration“ lächerlich. Aber das tun sie, um aus den Köpfen ihrer Opfer die göttliche Sicht wegzunehmen und ihre eigene dafür einzusetzen. Wir haben Paulus nie persönlich gehört, aber wir haben „das Bild gesunder Worte“ in seinen inspirierten Briefen.

Er kann auch zu uns wie zu Timotheus sagen: „Halte fest das Bild gesunder Worte, die du von mir gehört hast.“ Wir haben sie allerdings nicht durch seine lebendige Stimme, sondern aus seiner Feder, was schließlich noch zuverlässiger ist. Wenn die Wahrheit „in Glauben und Liebe, die in Christus Jesus sind“ festgehalten wird, wird sie in uns und anderen wirksam sein.

Leider ist es sehr leicht, sich abzuwenden! Alle in Asien hatten das bereits getan. Der Zusammenhang deutet an, daß dieses Abwenden von Paulus in Verbindung stand mit seiner Darlegung der Wahrheit, auf die er sich soeben bezogen hatte. Diese Leute in Asien schämten sich offensichtlich des Paulus und des Zeugnisses. Andererseits war da Onesiphorus, der sich nicht schämte und auf den „an jenem Tag“ eine schöne Belohnung wartet.

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