Die Briefe an Timotheus

1. Timotheus 1

Die Briefe an Timotheus

Im einleitenden Vers sagt Paulus, daß er Apostel ist nach Befehl Gottes, unseres Heilands – nicht Jesu, unseres Heilands, wie wir das vielleicht ausgedrückt hätten. Er wird uns den lebendigen GOTT als Heiland und Erhalter (2,3; 4,10) vorstellen und beginnt deshalb mit diesen Worten. Den Herrn Jesus stellt er als unsere Hoffnung vor. Wenn Niedergang einsetzt, ist es gut für uns, einen lebendigen Gott als unseren Erhalter zu kennen und unsere Hoffnung nicht auf Kirchen, Bischöfe, Diakone oder irgendeinen Menschen zu setzen, sondern auf den Herrn selbst.

Nachdem er Timotheus in Vers 2 gegrüßt hat, erinnert er ihn sofort an den Auftrag, den er in Ephesus während seiner Abwesenheit ausführen sollte. Einige hatten damit begonnen, Dinge zu lehren, die von der bereits dargelegten Wahrheit abwichen. Diese fremden Lehren waren zweierlei Art: „Fabeln“ (oder „Mythen“) und „Geschlechtsregister“. Mit Fabeln bezeichnete Paulus Ideen aus der heidnischen Welt, auch wenn es sich um ausgefeilte Theorien der griechischen Philosophenschulen handelte. Mit letzteren bezeichnete er Ideen aus der jüdischen Welt, in der Geschlechtsregister eine so große Rolle gespielt hatten. Timotheus sollte aber bei dem bleiben, was er über Gott gelernt hatte, und andere ermahnen, es auch so zu tun, denn das damit verbundene Ziel ist die Liebe, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem ungeheuchelten Glauben entspringt. Das wünschte Gott bei Seinem Volk zu sehen.

Die unausweichlichen Folgen der Hinwendung zu Fabeln und Geschlechtsregistern sind Streitfragen (Vers 4) und Geschwätz (Vers 6). Die Christenheit hat sich weitgehend abgewandt und lehrt einerseits mythische Behauptungen im Namen der Wissenschaft und andererseits Geschlechtsregister, die mit apostolischer oder anderer Reihenfolge zusammenhängen, mit all den darauf beruhenden Ritualen. Demzufolge ist die religiöse Arena voll von Zweiflern und hallt wider von leerem Geschwätz. Gottes Ziel aber ist es, Liebe hervorzubringen, und das gelingt auch, wo die Wahrheit herrscht. Was gefördert wird, ist die „Verwaltung Gottes, die im Glauben ist“. Verwaltung bedeutet soviel wie „Hausordnung“. Die Liebe fördert alles, was Gott als Ordnung für Sein Haus festgelegt hat.

Das „Gebot“ in Vers 5 hat nichts zu tun mit dem mosaischen Gesetz. Es ist das gleiche Wort wie „gebieten“ in Vers 3. Vers 5 gibt das Ziel an, das Timotheus bei dem Gebot im Auge haben sollte, das er selbst beachtete und auch anderen weitergab.

In Ephesus gab es Menschen, die am Gesetz hingen und seine Lehrer sein wollten. Deshalb erklärt jetzt der Apostel, zu welchem Zweck das Gesetz gegeben war, und das war den Möchtegern-Gesetzeslehrern völlig unbekannt. Das Gesetz ist nicht für die Gerechten bestimmt, sondern für Sünder. Es ist kein gesetzmäßiger Gebrauch, es denen aufzuerlegen, die von Gott selbst gerechtfertigt sind. In diesem Abschnitt erklärt Paulus nicht, was das Gesetz bewirken sollte, nämlich Erkenntnis der Sünde, wie es in Römer 3,19.20 und Galater 3,19 erläutert wird.

Das Gesetz selbst ist „heilig und das Gebot heilig und gerecht und gut“ (Röm 7,12), was auch immer die Menschen damit machen mögen. In Vers 8 unseres Abschnitts steht, daß es Gutes bewirkt, wenn es gesetzmäßig gebraucht wird. Wird es falsch angewandt, wie von diesen Gesetzeslehrern, bewirkt es Unfrieden, obwohl es an sich vollkommen gut ist.

Laßt uns alle darauf bedacht sein, das Gesetz gesetzmäßig zu gebrauchen. Es ist ein sehr wirksames Werkzeug zur Überführung von Sündern. Es rechnet schonungslos mit dem schrecklichen Sündenkatalog ab, den wir in den Versen 9 und 10 finden. Aber darüber hinaus gibt es Dinge, die das Gesetz nicht ausdrücklich erwähnt, die aber jeder gesunden Lehre widersprechen. Darum geht es dem Apostel am Ende von Vers 10. Zu beachten ist, daß er nicht formuliert „der gesunden Lehre zuwider nach dem heiligen Maßstab, der durch das Gesetz gegeben wurde“, sondern „nach dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes“. Das Evangelium stellt nämlich für unsere Lebensführung einen Maßstab auf, der höher ist als das Gesetz.

Das Gesetz verlangte nicht das Maximum, das Äußerste, was Gott von dem Menschen erwarten konnte, sondern eher das Minimum Seiner Anforderungen, wenn der Mensch auf der Erde leben soll. Dieses Maß auch nur in einem Punkt zu unterschreiten, heißt die Todesstrafe auf sich zu laden. Aber nun gab es das Evangelium, und es war Paulus anvertraut worden. Er bezeichnet es als das „Evangelium der Herrlichkeit“ des seligen Gottes.

Zur Zeit gibt es nur ein Evangelium, auch wenn es an verschiedenen Stellen als „Evangelium Gottes“, „Christi“, „der Gnade Gottes“, „der Herrlichkeit Christi“ bezeichnet wird oder wie in diesem Vers als „Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes“. So wird auch ein und derselbe Heilige Geist an verschiedenen Stellen unterschiedlich bezeichnet. Das geschieht, um uns zu zeigen, welche Tiefe und welches Wunder in beiden liegt, welch vielseitigen Charakter sie tragen. Deshalb beeindruckt uns besonders der Charakter, in dem das Evangelium hier vorgestellt wird, weil das völlig dem Zusammenhang in diesem Abschnitt entspricht.

Was könnte den sittlichen Schmutz und die Erniedrigung derer übertreffen, die nicht nur das Gesetz nicht erfüllen, sondern auch nicht „die Herrlichkeit Gottes“ erreichen (Röm 3,23)? Ihr Bild wird in den Versen 9 und 10 gezeichnet. Dann kommt in Vers 11 „das Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes“, in den weiteren Versen gefolgt von dem düsteren Bild, das Paulus von sich selbst als unbekehrtem Menschen zeichnet. In den Versen davor und danach sehen wir nur die Schande des verfluchten und unglücklichen Menschen. Mitten hinein strahlt die frohe Botschaft des seligen oder glücklichen Gottes. Welch ein Gegensatz!

Das Alte Testament sagte uns, daß es Gottes Ehre ist, eine Sache zu verbergen (Spr 25,2), so daß eifrige und wißbegierige Menschen bei ihren Forschungen immer wieder vor einem Rätsel stehen. Dieser neutestamentliche Abschnitt sagt uns, daß es auch Gottes Ehre oder Herrlichkeit ist, sich in der Größe Seiner Barmherzigkeit rebellischen Sündern zu offenbaren. Und das ist die größere Herrlichkeit. Wenn jemand fragt, was Herrlichkeit sei, könnten wir antworten: entfaltete Vortrefflichkeit. Gottes Vortrefflichkeit kann so entfaltet werden, daß sie mit den Augen wahrnehmbar ist. Es kann aber auch anders sein, denn eine moralische und geistliche Herrlichkeit, die das Herz durch andere Kanäle als das Auge erreicht, ist nicht weniger erhaben. Als Saulus von Tarsus bekehrt wurde, warf ihn ein großes Licht zu Boden und ließ seine Augen erblinden. Aber die Herrlichkeit der überaus großen Gnade unseres Herrn „mit Glauben und Liebe, die in Christus Jesus sind“ (Vers 14) öffnete die Augen seines Herzens, ohne seine natürlichen Augen zu blenden. Von dieser Herrlichkeit ist hier die Rede.

Die Sünde des Saulus von Tarsus war überaus groß, denn er war voll unwissenden Unglaubens und zielte in seiner Feindseligkeit direkt auf Christus selbst, indem er lästerte und Sein Volk verfolgte. Deshalb schätzte er sich selbst zu Recht als größten Sünder ein. Aber der Größe seiner Sünde entsprach die überströmende Gnade Gottes. Schien die Herrlichkeit der Gnade Gottes irgendwo heller als da, wo der Rebell Saulus dem auferstandenen Heiland begegnete? Wohl nicht. Und doch verdanken wir alle unsere Errettung derselben frohen Botschaft der Herrlichkeit des seligen Gottes.

Zu der Zeit, als dieser Brief geschrieben wurde, gab es zahlreiche kurze Wahrheitssätze, die zu Sprichwörtern geworden waren. „Christus Jesus kam in die Welt, um Sünder zu erretten“ war ein solches Wort. Die eigene Erfahrung des Apostels als des größten Sünders bestätigte es als gewiß und aller Annahme wert, setzte sozusagen den Gültigkeitsstempel darauf. Kein Sünder ist so weit entfernt, daß die Gnade und Macht eines solchen Heilands ihn nicht erreichen könnte. Sie hatte doch einen so frechen, lästernden Verfolger wie ihn befreit.

All das zeigt nur die Dummheit derer, die Gesetzeslehrer sein wollten und ihre Anhänger nur zu leerem Geschwätz brachten. Wie schwach und armselig nimmt sich das daneben aus!

Paulus erfuhr die erstaunliche Gnade aber nicht nur um seinetwillen, sondern damit das Ausmaß der göttlichen Langmut sichtbar würde. Er war ein Musterbeispiel, woran das volle Ausmaß des gnädigen Handelns Gottes deutlich wurde, das ihn von den Tiefen des Verses 13 bis zu den Höhen von Vers 12 erhob.

Man denke einen Augenblick an seine Bekehrung, wie sie uns in der Apostelgeschichte geschildert wird. Jesus war gerade in Seiner Auferstehung zum Herrn und Christus gemacht worden. Das frühe apostolische Zeugnis war mit dem Märtyrertod des Stephanus abgelehnt worden. Saulus spielte bei dieser Schandtat eine führende Rolle und beschritt den Weg immer heftigerer Verfolgung. Von Seinem hohen Thron im Himmel, bekleidet mit unerschütterlicher Macht, blickte der Herr auf diesen abscheulichen kleinen Wurm im Staub und, anstatt ihn im Gericht zu zermalmen, verwandelte Er ihn in Seiner Gnade. Damit beschreibt er höchst eindrucksvoll Seine gnädigen Wege und das ganze Ausmaß Seiner Langmut.

Fortan wird Paulus zu einem Beispiel. Nicht nur zu einem Beispiel von der Gnade, sondern zu einem Beispiel für Gläubige. Er macht die Wahrheit in ihrer praktischen Auswirkung auf Herz und Leben des Volkes Gottes anschaulich. Aus diesem Grund ruft er in seinen Briefen die Gläubigen immer wieder dazu auf, seine Nachfolger zu werden.

Bei der Beschreibung und Erinnerung an diese Wunder der Gnade wird das Herz des Apostels so bewegt, daß er seinen Gedankengang unterbricht und den Lobgesang von Vers 17 schreibt. Etwas Ähnliches finden wir auch an anderen Stellen, z. B. in Römer 11,33–36, wo der Apostel seinen Lobpreis ausspricht, hervorgerufen durch die Betrachtung der Weisheit Gottes. In Epheser 3,20f. führt ihn die Liebe Christi dazu. In unserem Abschnitt ist es die Gnade Gottes.

Je erhabener die Person ist, die die Gnade erweist, um so größer erscheint die Tiefe der offenbarten Gnade. Deshalb sieht der Apostel Gott in Seiner großen Majestät und nicht in der Innigkeit der Beziehung, die er jetzt zu Ihm hat. Es stimmt zwar, daß Gott unser Vater ist, wie Er uns in Christus offenbart ist. Wir stehen tatsächlich in dieser engen Beziehung als Seine Kinder: Und trotzdem ist Er „der König der Zeitalter, der unververgängliche, unsichtbare, alleinige Gott“, und das erhöht das Wunder der Gnade, die Er dem Apostel und uns erwiesen hat. Als Antwort auf solch eine Gnade schreibt Paulus Ihm Ehre und Herrlichkeit zu von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Sicher fühlen auch wir uns gedrängt, in diesen Lobpreis einzustimmen und von Herzen „Amen“ dazu zu sagen.

In Vers 18 kehrt der Apostel zum Hauptthema des Briefes zurück. In Vers 3 hatte er auf Timotheus' Aufgabe in Ephesus verwiesen. Er war dort zurückgelassen worden, um einigen zu gebieten, nicht von der Wahrheit abzuweichen. In Vers 5 hatte er gezeigt, was das Ziel oder der Inhalt aller Gebote ist, die Gott Seinem Volk anvertraut. Nun kommt er zu dem Gebot, das ihm bei diesem Brief von Kapitel 2 bis zum Ende von Kapitel 6 am Herzen liegt.

Bevor er mit diesem Gebot beginnt, erinnert er Timotheus an drei Dinge, die ihm die Bedeutung und Wichtigkeit dessen vor Augen stellten, was er zu sagen hatte. Erstens war er im voraus durch prophetische Aussprüche zu dem wichtigen Dienst bestimmt worden, den er tun sollte. Timotheus war wirklich ein hervorragender Diener Gottes, und wir könnten geneigt sein, uns sofort damit zu entschuldigen, daß wir überhaupt nicht so sind wie er. Das stimmt. Diese Tatsache könnte uns zwar möglicherweise daran hindern, anderen Christen zu gebieten, Gottes Gebote zu halten. Aber keineswegs befreit sie uns von der Pflicht, die Gebote selbst zu lesen, zu verstehen und ihnen zu gehorchen.

Zweitens konnte nur dadurch der Glaube an Gott in seiner Gesamtheit bewahrt werden, daß er den Glauben und ein gutes Gewissen behielt, und das Gebot bezog sich auf die Bewahrung dieses Glaubens. Haben wir alle diese Tatsache verdaut? Wir erkennen alle die Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben an. Aber tun wir das genauso bei der Lehre von der „Glaubens-Bewahrung aus Glauben“? Unser kleines Boot ist aus Glauben auf den Ozean der Wahrheit ausgelaufen. Aber überfahren wir jetzt diesen Ozean erfolgreich mit Hilfe des Intellekts, des Verstandes und wissenschaftlicher Schlußfolgerungen? Nein, sondern mit Hilfe des Glaubens und durch das Bewahren eines guten Gewissens. Die Schrift ist unsere Seekarte, mit deren Hilfe wir den Kurs halten. Aber der GLAUBE ist das wahrnehmende und verstehende Auge, das allein die Karte richtig lesen kann, nicht der Verstand oder der Intellekt. Hat der Glaube allerdings sein Werk getan, enthüllt die Seekarte uns Dinge, die auch den größten Geist befriedigen und überwältigen. Das Gewissen ist unser Kompaß, aber ein Gewissen, das abgestumpft und verfälscht ist, ist genauso nutzlos wie ein Kompaß, der entmagnetisiert ist.

Wie behalten wir ein gutes Gewissen? Indem wir ehrlich dem gehorchen, was wir als Gottes Willen erkennen, so wie er uns in Seinem Wort offenbart ist. Ungehorsam verschafft uns sofort ein schlechtes Gewissen. Wenn wir den Glauben fahren lassen, der uns die Wahrheit erkennen hilft, und ein gutes Gewissen, das uns in praktischer Übereinstimmung damit hält, erleiden wir bald im Glauben Schiffbruch.

Drittens wurde Timotheus an zwei Männer erinnert, deren Geschichte wie ein Warnsignal war. Sie hatten den Glauben und ein gutes Gewissen von sich gestoßen und waren so weit abgeirrt, daß Paulus sie als Lästerer brandmarkt und in seiner Eigenschaft als Apostel sie dem Satan überliefert hatte. Das ging weiter als ein Ausschluß, den die Versammlung ausspricht, wie wir aus 1. Korinther 5,3–5 sehen können. Diese Auslieferung an Satan war eine apostolische Handlung und führte zu schrecklichen Folgen, wie man im Alten Testament bei Hiob sehen kann.

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