Der erste Brief an Timotheus

Kapitel 1

Der erste Brief an Timotheus

Paulus, Apostel Jesu Christi, nach Befehl Gottes, unseres Heilandes, und Christi Jesu, unserer Hoffnung, Timotheus, meinem echten Kind im Glauben: Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserem Herrn (Verse 1. 2).        

Das ist der bemerkenswerte Anfang dieses Briefes. Gott wird uns hier in einem ganz besonderen Charakter vorgestellt, nämlich als unser Heiland–Gott. Während wir sonst überall von dem Herrn Christus Jesus als Heiland hören, wird in diesem Brief und in dem an Titus von Gott als von „unserem Heiland“ gesprochen. Das zu erkennen ist höchst wichtig für unser Verhalten in der Welt und unseren Umgang mit den Menschen. In Israel war Gott der Gesetzgeber, und durch das Gesetz war dieses Volk von allen anderen Völkern abgesondert. Jetzt ist Gott der Heiland, der Erlöser, und deshalb ist in Bezug auf die Zugehörigkeit zum Volk Gottes jeder nationale Unterschied aufgehoben. Das steht völlig im Gegensatz zur alten Haushaltung oder Verwaltung. Wir, die Gläubigen des Neuen Testaments, müssen in dieser Welt einen Gott predigen und darstellen, welcher der Heiland aller ist. Alle Menschen, Juden und Heiden, Vornehme und Geringe, Sklaven und Freie, sind die Gegenstände, an denen Gott Seine Gnade verwirklichen möchte. Zu allen kommt die frohe Botschaft, dass Gott, der Herr, ein Heiland, ein Erlöser ist, der die Welt so geliebt hat, dass Er Seinen eingeborenen Sohn dahingegeben hat, dass jeder, der an Ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. Der in Christus die Welt mit sich selbst versöhnte, und der nun das Wort der Versöhnung Seinen Knechten anvertraut hat und durch sie den Sündern zuruft: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“

Infolgedessen wird in diesem Brief nicht über die besonderen Beziehungen, worin die Familie Gottes sich erfreut, geredet. Es wird auch nicht über den Leib des Christus oder über die Braut des Lammes gesprochen. Wir befinden uns hier auf einem viel ausgedehnteren Gesichtsfeld. Ein Knecht des Christus empfängt vom Apostel Anweisungen, wie er sich als Diener des Evangeliums zu benehmen hat, sowohl in der Welt, als auch im Haus Gottes. In seinem ganzen Betragen und Predigen muss er Gott als Heiland darstellen und Christus Jesus als unsere Hoffnung, als der Grund unseres Vertrauens, durch Den wir mit Gott in Gemeinschaft treten. Paulus war darum auch ein Apostel von Jesus Christus nach dem Befehl Gottes, denn wie er im Brief an Titus sagt, war die Predigt, die ihm anvertraut war, nach dem Befehl Gottes, unseres Erlösers, „welcher will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“. Seine Evangeliumspredigt hatte von Anfang an einen besondern Charakter. Nicht zu den Juden, sondern zu den Nationen wurde er gesandt, „damit sie sich von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt Satans zu Gott bekehrten; dass sie Vergebung der Sünden empfingen und ein Erbe unter denen, die durch den Glauben an Christus geheiligt sind“ (Apg 26,18).

Paulus nennt Timotheus sein Kind im Glauben, weil er durch seine Predigt bekehrt worden war, und sein echtes Kind, weil er durch seinen treuen Wandel bewiesen hatte, ein wahrer Christ zu sein, gleichwie der Apostel in 1. Korinther 4,17 von ihm sagt: „mein geliebtes und treues Kind in dem Herrn“. Er wünscht ihm nicht nur ‚Gnade und Friede’, wie er das in allen seinen Briefen tut, sondern Gnade, Barmherzigkeit und Friede“, weil jeder Gläubige, aber vor allem ein Arbeiter im Evangelium, bei seiner persönlichen Schwachheit und inmitten von so vielen Versuchungen und Mühsalen, beständig die Barmherzigkeit Gottes braucht. Paulus hatte diese reichlich erfahren, und sie war der Trost seiner Seele; darum wünscht er sie auch für seinen Mitarbeiter.

Das Hauptziel, weswegen der Apostel den Timotheus in Ephesus zurückgelassen hatte, als er nach Mazedonien reiste, war, über die geistlichen Belange Aufsicht zu führen. Von zwei Seiten drohte der Versammlung in Ephesus Gefahr. Einige suchten die Seelen der Gläubigen mit „Fabeln und endlosen Geschlechtsregistern“ zu beschäftigen; und andere versuchten, sie unter das Gesetz zu bringen. Paulus spricht hier über beide Gefahren, damit Timotheus die Versammlung warnen und vom Einfluss der Irrlehrer bewahren konnte.

Was die „Fabeln und endlosen Geschlechtsregistern“ betrifft, so geht er nicht ausführlich darauf ein, sondern sagt nur, dass alle diese eitlen Betrachtungen und menschlichen Gedankengänge und Einbildungen „mehr Streitfragen hervorbringen, als die Verwaltung Gottes fördern“ (Vers 4). Paulus hielt es für genügend, mit diesen wenigen Worten den Schaden aufzuzeigen, da die Versammlung in Ephesus sonst in einem guten Zustand war und nur einige von der Wahrheit abgewichen waren. Im Brief an die Kolosser spricht er ausführlicher darüber, weil dort die ganze Versammlung vom Sauerteig böser Lehre durchdrungen war, so dass man dort sogar zur Verehrung von Engeln neigte.

Unter „Gottes Verwaltung, die im Glauben ist“ (Vers 4), müssen wir die wahre Ordnung des Hauses Gottes verstehen, wie sie im Glauben aufrechterhalten werden soll, so dass Reinheit in der Lehre und Reinheit im Leben dieses Haus schmücken.

Über das Gesetz spricht der Apostel ausführlicher. Die Lehre der jüdisch gesinnten Prediger, welche die Gläubigen unter das Gesetz zu bringen suchten, war denn auch viel gefährlicher als die Fabeln, da diese Lehre viel mehr Schein von Wahrheit hatte, weil ja das Gesetz von Gott gegeben ist. Bevor er aber dazu übergeht, sagt er: „Das Endziel des Gebotes aber ist Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben“ (Vers 5). Diese Worte stehen zwischen dem, was er über die Fabeln und dem, was er über das Gesetz sagt, und haben also Beziehung zu beidem. Paulus hatte Timotheus den Auftrag gegeben, in Ephesus die reine Lehre des Evangeliums zu verkündigen und zu verteidigen, und das Ende, d.h. das Endziel dieses Gebotes, nämlich dieses Auftrags, war Liebe, die einem reinen Herzen und einem guten Gewissen und einem ungeheuchelten Glauben entsprang. Das herrliche Ziel war die Festigung und Erbauung der Gläubigen. Dazu musste Timotheus die Wahrheit verkündigen und den Irrtum, in welcher Form er sich auch zeigte, bekämpfen. Ohne ein reines Herz, ein gutes Gewissen und einen ungeheuchelten Glauben kann keine wahre Liebe aus Gott in der Seele vorhanden sein. Sobald aber der Irrtum Eingang findet – seien es „Fabeln und Geschlechtsregister“, sei es die Zurückführung unter das Gesetz – verliert man den ungeheuchelten Glauben und also auch das reine Herz und das gute Gewissen.

Von dieser Liebe aus reinem Herzen sind einige abgewichen – so fährt Paulus fort – und „haben sich zu eitlem Geschwätz gewandt, die Gesetzlehrer sein wollen und nicht verstehen, weder was sie sagen, noch was sie fest behaupten“ (Verse 6 u. 7).

Überall begegnen wir diesen Verderbern des Christentums, die den christlichen Glauben untergruben und den Weg des Apostels mit Dornen besäten; denn sie waren es hauptsächlich, die ihm soviel Leid zufügten und soviel Verfolgung erdulden ließen. Wie schon an anderer Stelle behandelt sie denn Paulus auch hier mit äußerster Strenge. Diese Gesetzlehrer, wie gewissenhaft sie auch sein mochten, waren von der Liebe aus reinem Herzen abgewichen; sie hatten sich zu eitlem Geschwätz gewandt; sie verstanden weder was sie sagten, noch was sie behaupteten. Sie, die besser als andere sein wollten; sie, die unter den Gläubigen aus den Nationen als Lehrer auftraten, waren also selber in voller Dunkelheit und Unkenntnis. Mögen  doch alle Gesetzesprediger sich diese Worte des Apostels merken!

Dennoch war das Gesetz von Gott gegeben, und selbstverständlich ist keine Gabe Gottes ohne Nutzen. Darum zeigt Paulus in den folgenden Versen die Nützlichkeit des Gesetzes und zugleich, auf welchem Standpunkt der Christ dem Gesetz gegenüber stehen soll. Wer sich zur Höhe der Wahrheit Gottes zu erheben weiß, ist imstande, alle Dinge an ihren richtigen Platz zu stellen und nach ihrem wirklichen Wert einzuschätzen. Die Einbildungskraft des Menschen vermochte unter Zuhilfenahme des Gesetzes allerlei Dinge hervorzubringen, die zu nichts dienten; doch das Gesetz, als ein Mittel von Gott gegeben, konnte Nutzen stiften, wenn nämlich jemand einen gesetzmäßigen, d. h. passenden Gebrauch davon machte. „Wir wissen aber, dass das Gesetz gut ist, wenn jemand es gesetzmäßig gebraucht“ (Vers 8). Und welches ist der gesetzmäßige Gebrauch des Gesetzes? Das Gesetz ist dazu bestimmt, um zu richten, das Böse zu strafen und das Gericht Gottes gegen alles, was im Widerspruch ist mit der gesunden Lehre, anzuzeigen. Sein Zweck ist also, das Gewissen zu treffen, den Menschen von der Sünde zu überzeugen; jedoch gereicht es keineswegs zur Erbauung, denn wer unter dem Gesetz ist, ist unter dem Fluch.

Bemerkenswert sind die Worte des Apostels: „Das Gesetz ist nicht bestimmt für einen Gerechten, sondern für Gesetzlose und Zügellose, für Gottlose und Sünder, für Heillose und ungöttliche, Vaterschläger und Mutterschläger, Menschenmörder, Hurer, Knabenschänder, Menschenräuber, Lügner, Meineidige und wenn etwas anderes der gesunden Lehre zuwider ist, nach dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes, welches mir anvertraut worden ist“ (Verse 9–11).

Das Gesetz ist also nicht bestimmt für einen Gerechten. Lasst uns ernsthaft darüber nachdenken! Wenn also ein Christ das Gesetz zur Regel seines Lebens nimmt, verlässt er dadurch seinen Platz in Christus und gibt die Gerechtigkeit Gottes, welche in Christus ihm zuteil geworden ist, preis. Auch wenn er dies nicht beabsichtigt, ist es dennoch durch seine Handlungsweise bedingt. Wer sich unter das Gesetz stellt, gibt – vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein – alle seine Vorrechte und Segnungen in Christus auf. Bei einem solchen finden wir nicht das geringste Verständnis für die Gnadenabsichten Gottes mit den Menschen. Das Gesetz ist ein Schwert, das das Gewissen des Sünders trifft; es verurteilt und verflucht alle Übeltäter. Aber keineswegs dürfen wir es als die Regel für das Betragen eines Menschen, der das „Evangelium von der Herrlichkeit des seligen Gottes“ verstanden und erfasst hat, betrachten. Das Gesetz hat es nur mit der Bosheit und Gottlosigkeit zu tun, die es mit unerbittlicher Strenge verurteilt, während das Evangelium uns die Herrlichkeit Gottes verkündigt. So verhält sich also das Evangelium dem Gesetz gegenüber; und deshalb ist eine Rückkehr zum Gesetz ein Verwerfen des Evangeliums und ein Preisgeben all unserer Vorrechte in Christus.

Aus diesen Worten des Apostels folgt also, dass das Gesetz bloß einen negativen Nutzen hat, d.h. dass es das Böse bestraft und richtet, aber keineswegs das Gute predigt. Deshalb kann das Gesetz niemals der vollkommene Ausdruck von Gottes Willen sein. Wir, die das „Evangelium von der Herrlichkeit des seligen Gottes“ angenommen haben, die also Gott selber in Seiner Herrlichkeit kennen gelernt haben, lassen nicht nur das Böse, sondern tun das Gute, und das in Übereinstimmung mit der Herrlichkeit Gottes, die in Christus offenbart worden ist, in Dem Gott die guten Werke, in denen wir wandeln sollten, vorbereitet hat!

Dieses „Evangelium von der Herrlichkeit des seligen Gottes“ war Paulus anvertraut worden, und darin hatte die souveräne Gnade Gottes sich auf die trefflichste und herrlichste Weise offenbart. Indem Paulus sich damit beschäftigte, war seine Seele mit Bewunderung und Freude, mit Dank und Anbetung erfüllt; und in beachtenswerten Worten gibt er den Gefühlen seines Herzens Ausdruck.

„Und ich danke Christus Jesus, unserem Herrn, der mir Kraft verliehen, dass Er mich treu erachtet hat, indem Er den in den Dienst stellte, der zuvor ein Lästerer und Verfolger und Gewalttäter war; aber mir ist Barmherzigkeit zuteil geworden, weil ich es unwissend im Unglauben tat. Über die Maßen aber ist die Gnade unseres Herrn überströmend geworden mit Glauben und Liebe, die in Christus Jesus sind. Das Wort ist gewiss und aller Annahme wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, Sünder zu erretten, von welchen ich der erste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit zuteil geworden, dass an mir, dem ersten, Jesus Christus die ganze Langmut erzeigte, zum Vorbild für die, welche an Ihn glauben werden zum ewigen Leben“ (Verse 12–16).

Eine unaussprechlich herrliche Offenbarung von Gottes souveräner Gnade! Es gab keinen größeren Lästerer des Namens Jesus von Nazareth, keinen größeren Verfolger und Unterdrücker der Heiligen als Saulus von Tarsus. Nicht nur machte er sich eins mit dem hartnäckigen Widerstand gegen den Heiligen Geist, den die Hohenpriester und Ältesten von Israel in der Steinigung des Stephanus bewiesen, sondern er glaubte nicht ruhen zu können, bis er alle Anhänger des gehassten Nazareners vom Erdboden vertilgt hätte. Drohung und Mord schnaubend gegen die Jünger des Herrn, gab er sich nicht zufrieden mit der Verfolgung der Heiligen in Jerusalem, sondern erbat sich vom Hohenpriester sogar Briefe an die Synagoge von Damaskus, um damit Gelegenheit zu finden, auch die dortigen Gläubigen zu binden und nach Jerusalem zu bringen, damit sie hier bestraft würden. „In allen Synagogen habe ich sie oft gestraft und gezwungen zu lästern“ – so erzählt er selber dem Agrippa – „und über die Maßen gegen sie rasend, verfolgte ich sie sogar bis in die ausländischen Städte“, so dass die Feindschaft der Juden in ihm personifiziert war.

Wohl hatte er dies unwissend getan, im Unglauben; denn er meinte wirklich, dass er gegen den Namen Jesus von Nazareth viel Feindliches tun müsse (Siehe Apg 26). Aus diesem Grund war ihm denn auch Barmherzigkeit widerfahren. Wenn er hingegen gewusst hätte, was er eigentlich tat, wenn er die Gnade des Evangeliums gekannt und sich dann auf solche Weise verhalten hätte, dann hätte sich Gott nicht über ihn erbarmen können. Er wäre, wie so viele der Schriftgelehrten und Pharisäer, unwillkürlich dem Gericht der Verhärtung preisgegeben worden. Dennoch verminderte dies keineswegs seine Schuld. Er war sich dieser voll bewusst und tief davon durchdrungen. Weil er ein Lästerer und Verfolger und Unterdrücker gewesen war, nennt er sich den „vornehmsten der Sünder“. Auf dem Weg nach Damaskus war ihm das deutlich geworden. In der Meinung, Gott einen Dienst zu erweisen, in der Überzeugung, dass er für den väterlichen Gottesdienst ein Eiferer war wie wenige, glaubte er, die beste Tat seines Lebens zu vollbringen, wenn er die Jünger Jesu auch in den ausländischen Städten verfolgte. Aber auf dem Weg nach Damaskus wurde er zu Boden geworfen und vernahm aus dem Mund des im Himmel verherrlichten Herrn, dass seine Wut gegen die Heiligen nichts anderes war als Feindschaft gegen Gott. Von Entsetzen ergriffen, rief er zitternd aus: „Herr, was willst Du, dass ich tun soll?“ Im Tiefsten seiner Seele erschrocken, überzeugt von seiner großen Schuld und schrecklichen Sünde, konnte er während drei Tagen weder essen noch trinken. Aber es wurde hernach, durch die unendliche Barmherzigkeit Gottes, aus dem größten Feind der entschiedenste Jünger; aus dem heftigen Verfolger der Gemeinde der feurigste Verfechter des Glaubens an Jesus und aus dem vornehmsten der Sünder der treueste und eifrigste Prediger des Heils in Christus Jesus.

Saulus, der vornehmste der Sünder! Ja, das war er; nicht vergleichsweise, sondern im vollen Sinn. Jeder von uns kann in gewissem Sinn von sich selber sagen, dass er der vornehmste der Sünder ist. Denn niemand als ich selber weiß, was ich getan und gesprochen habe, was in meinem Herzen vorgegangen ist; und bei diesem Wissen, indem ich mich mit andern vergleiche, von denen ich nur das Äußere kenne, werde ich mich selber für einen größeren Sünder als alle andern halten. Doch in diesem Sinn wird es hier von Paulus nicht gemeint. Er war wirklich der vornehmste der Sünder. Auf dem ganzen Erdboden ist kein größerer Sünder gewesen als er. Und dieser vornehmste der Sünder ist durch Gottes Barmherzigkeit gerettet. Indem Er ihn so lange in seiner Wut und Feindschaft ertrug, hat Gott Seine Langmut bewiesen, und indem Er sich über ihn erbarmte und ihn rettete, hat der Herr Seine Gnade verherrlicht. Und dadurch hat Jesus Christus ihn zu einem Vorbild für die gemacht, die an Ihn glauben würden zum ewigen Leben.

Welch eine Gnade von Gott! Welch ein Trost für ein bekümmertes Gemüt! Welch eine Ermutigung, bei Jesus Christus Zuflucht zu suchen und an Ihn zu glauben! Der vornehmste der Sünder ist gerettet. Der größte Feind Gottes ist bekehrt und erlöst. Dem Lästerer von Jesus, dem Verfolger und Unterdrücker der Heiligen ist Barmherzigkeit widerfahren. So sehen wir an ihm, was Gottes Gnade tun kann. Niemand kann also sagen: Meine Sünde ist zu groß, um vergeben zu werden, meine Schuld ist zu schwer, um weggenommen zu werden, meine Feindschaft zu hartnäckig, als dass ich versöhnt werden könnte. Der Herr Jesus hat nicht nur gesagt: „Kommt her zu Mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und Ich werde euch Ruhe geben“, sondern Er hat darüber hinaus in Paulus ein Beispiel davon gegeben, was Seine Gnade vermag, so dass jeder bekümmerte und unter seiner Schuld und Sünde seufzende Sünder im Blick auf die Gnade, die Paulus widerfahren ist, freimütig zu Gottes Barmherzigkeit seine Zuflucht nehmen und an Christus Jesus glauben kann.

Nehmen wir uns das ernstlich zu Herzen, sowohl für uns selber wie auch für andere! Gottes Barmherzigkeit ist unendlich; Gottes Gnade ist souverän; von dieser Gnade können wir nicht zuviel erwarten. „Das Wort ist gewiss und aller Annahme wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, Sünder zu erretten, von welchen ich der erste bin“ (Vers 15). Dieses Evangelium ist der Trost und die Hoffnung unserer Seele. Wir predigen es verlorenen Sündern und verteidigen es gegen die Selbstgerechtigkeit und Gesetzlichkeit so vieler, die den Namen des Christus bekennen.

Gottes souveräne Gnade wird uns hier in all ihrer Schönheit vor Augen geführt. Diese Gnade ist größer als die Sünde; sich offenbarend in Gottes unerschöpflicher Geduld, ist sie stärker als die Feindschaft des menschlichen Herzens. Diese findet in der Ohnmacht des Menschen ihre Grenzen; jene kennt diese Grenzen im eigenen und souveränen Willen Gottes. Wie schuldig der Mensch auch sein mag; seine Sünde kann nie die völlig unabhängige Wirksamkeit von Gottes Natur verhindern, noch Gottes Pläne ändern. Welcher Hass gegen Jesus von Nazareth die Juden auch erfüllte, die Bekehrung des Saulus ist ein von Gott gegebenes Vorbild Seiner Gnade, die sich einmal über Sein armes und verhärtetes Volk erbarmen wird. Und diese Bekehrung dient zugleich als Vorbild für alle Menschen, die Feinde Gottes und Kinder des Zorns sind. Der vornehmste, der eifrigste, der hartnäckigste Feind ist der beste, der feurigste und der mächtigste Zeuge der wunderbaren Wahrheit geworden, dass Gottes Gnade die Sünde übertrifft, dass das Werk Jesu die Sünde zunichte macht.

Kein Wunder, dass Paulus nach der Beschreibung dieser Gnade, die er erfahren hatte, seine Knie beugt und voll Anbetung ausruft: „Dem König der Zeitalter aber, dem unverweslichen, unsichtbaren, alleinigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen“ (Vers 17).

Das sind bemerkenswerte Worte. Nirgendwo sonst wird im Neuen Testament auf diese Weise von Gott gesprochen. Nur hier und in Kapitel 6, 15 wird Gott König genannt, überall sonst ist Christus der König; und ausschließlich hier wird von Gott gesagt, dass Er „der König der Zeitalter“ ist. Das will heißen, dass Er wie ein König die Zügel der Regierung seines Landes in Händen hat und die Entwicklung aller Zeitalter entsprechend Seinen ewigen Ratschlüssen bestimmt.

Gott ist

  • der „Unveränderliche“, weil Er allein Unsterblichkeit besitzt,
  • der „Unsichtbare“, weil Er in einem unzugänglichen Licht wohnt (siehe Kapitel 6, 16) und
  • der „Alleinige“, weil außer Ihm kein anderer ist und alle Götter Abgötter sind.

Nach dieser Auseinandersetzung über Gottes souveräne Gnade nimmt der Apostel den in Vers 12 abgebrochenen Faden wieder auf und wendet sich an Timotheus, um ihm im Einzelnen mitzuteilen, wie er seinen Dienst unter den Ephesern zu erfüllen habe. „Dieses Gebot vertraue ich dir an, mein Kind – Timotheus“, nämlich das Gebot oder den Auftrag, in Ephesus zu bleiben und dort die Gläubigen in der gesunden Lehre zu befestigen und vor den Irrlehrern zu warnen. Diesen Auftrag hatte ihm Paulus mit apostolischer Macht gegeben, jedoch nicht aus eigenem Beweggrund, sondern „nach den vorangegangenen Weissagungen“ über Timotheus, wodurch er zu diesem Werk des Dienstes bestimmt worden war. Diese Weissagungen waren aber nicht bloß der Grund für den Auftrag des Paulus an Timotheus, sondern zugleich das Mittel, um Timotheus in dem Kampf, der auf seinem Posten seiner wartete, zu stärken; „dass du durch dieselben den guten Kampf kämpfest“ (Vers 18). In dem Kampf, der ihm bevorstand, konnte er sich an den Ruf erinnern, mit dem er auf besondere, übernatürliche Weise berufen worden war, und dadurch in seinem schwierigen Wirkungskreis ausharren; „indem du den Glauben bewahrst und ein gutes Gewissen, welches etliche von sich gestoßen und so, was den Glauben betrifft, Schiffbruch gelitten haben“ (Vers 19).

Das waren die Mittel, durch die er den Sieg davontragen konnte. Timotheus sollte in Ephesus die Wahrheit, die christliche Heilslehre aufrechterhalten und verteidigen. Dazu musste er natürlich selber den Glauben, das ist hier die Lehre des Christentums, bewahren. Wich er selber davon ab, und war es in noch so geringem Maß, dann konnte er sie natürlich bei den andern nicht verteidigen. Man beachte hierbei wohl, dass es nicht genügt, diese Glaubenslehre, diese Lehre des Christentums bloß mit dem Verstand aufzunehmen, sondern unsere Seele muss sie angenommen haben als die Wahrheit von Gott, wodurch über alle Dinge Licht verbreitet wird, und wodurch wir selber als Kinder des Lichts mit Gott, der Licht ist, in Gemeinschaft gebracht werden, weil das die Wahrheit ist, die freimacht.   

Doch, um mit Gott in Gemeinschaft leben zu können, muss das Gewissen gut und rein sein; darum sagt Paulus: „Indem du den Glauben bewahrst und ein gutes Gewissen“. Ohne ein gutes Gewissen ist keine Gemeinschaft mit Gott denkbar, keine Kraft, um den Glauben zu bewahren. Ein beflecktes Gewissen öffnet Satan Tür und Tor, weil es uns der Gemeinschaft mit Gott beraubt. Das eigene Ich kommt dann auf den Thron. Hochmut, Eigendünkel und Besserwisserei sind die notwendige Folge davon. Der menschliche Geist kommt unter den Einfluss des Teufels und wird allmählich auf Abwege gebracht. Leere Betrachtungen und falsche Behauptungen treten an die Stelle der Wahrheit, die aus Gott ist; und zum Schluss verfällt man der Ketzerei, dem öffentlichen Widerstand gegen Gottes Wort. Kleine Dinge haben manchmal große Folgen. Wenn wir die Ursache der Abirrungen von Gläubigen kennten, dann würden wir sie sicher in der einen oder andern sittlichen Abweichung von Gottes Geboten erkennen; denn nie wird der Herr zulassen, dass jemand, der mit Ihm wandelt, dem Irrtum verfällt. Es ist keineswegs nötig, den Irrtum zu kennen, um davor bewahrt zu bleiben. Wenn wir nur die Wahrheit kennen und vor allem Ihn, der selber die Wahrheit ist, dann sind wir vor dem Irrtum gewappnet. Ist unser Auge einfältig, dann ist unser ganzer Leib Licht. Eine einfältige Seele, die mit dem Herrn wandelt, wird die Wahrheit besser verstehen als der größte Gelehrte; und jemand, der in Gemeinschaft mit Gott lebt, wird, wenn er auch in mancher Hinsicht unkundig sein mag, doch vor Irrtum bewahrt werden; während ein in der Wahrheit gut unterrichteter Christ dem größten Irrtum verfallen kann, wenn sein Gewissen befleckt wird und er die Gemeinschaft mit dem Herrn vernachlässigt.

Es waren damals schon einzelne Glieder der Gemeinde in diesen Strick Satans hineingeraten. Indem sie das gute Gewissen von sich stießen, hatten einige, was den Glauben betrifft, Schiffbruch erlitten; „unter welchen Hymenäus ist und Alexander, die ich dem Satan überliefert habe, dass sie durch Zucht unterwiesen würden, nicht zu lästern“ (Vers 20). Wir haben hier einen bemerkenswerten Fall von apostolischer Zucht. Paulus entfernte, nach der Macht, die ihm gegeben war, diese Irrlehrer aus der Versammlung. Durch apostolische Macht tat er hier dasselbe, wozu er die korinthische Versammlung bezüglich des Mannes ermahnte, der mit der Frau seines Vaters lebte. Sie sollten einen solchen „dem Satan übergeben zum Verderben des Fleisches, dass der Geist errettet werde am Tag des Herrn Jesus“; und diese Irrlehrer wurden von Paulus dem Satan überliefert, damit sie lernen sollten, nicht zu lästern. Die Ausübung und das Ziel der Zucht waren also in beiden Fällen dieselben; der Unterschied liegt einzig darin, dass in dem einen Fall die Versammlung und im andern Fall Paulus durch apostolische Macht die Zucht ausübte.

Die Gemeinde des Christus ist das Haus Gottes auf der Erde, worin der Heilige Geist wohnt. Draußen ist die Welt, die unter der Herrschaft Satans steht. Wer also von der Versammlung ausgeschlossen wird, ist wieder auf das Gebiet Satans zurückgeworfen und deshalb dem Satan übergeben. Hymenäus und Alexander hatten auf den Teufel gehört und waren seine Werkzeuge geworden. Von Gott abgewichen, hatten sie die Wahrheit verworfen und den Irrtum gepredigt. Sie sollten deshalb fühlen, wem sie ihr Ohr geliehen hatten. Paulus übergab sie dem Teufel, damit sie lernen sollten, nicht mehr zu lästern. Der Teufel, der sie zuerst verleitet hatte, plagte sie nun mit Ängsten der Seele oder mit Qualen des Leibes (es kann auch beides gewesen sein), und Gott gebrauchte diese Bosheit Satans zu ihrem Heil, damit ihr Eigenwille gebrochen würde und damit sie zu Ihm zurückkehrten. Das ist immer der Zweck der Zucht. Sie ist die Ausübung von Gottes Gerechtigkeit; aber sie kommt aus dem liebevollen Herzen Gottes, der die Seele aus der Macht Satans befreien und zu Ihm zurückbringen will.

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