Du aber ...
Eine Auslegung des ersten und zweiten Timotheusbriefes

Kapitel 1: Die Leiden eines Dieners

Du aber ...

Vers 1: Paulus, Apostel Christi Jesu durch Gottes Willen, nach Verheißung (des) Lebens, das in Christus Jesus ist.

Die beiden ersten Verse dieses Briefes enthalten den einleitenden Gruß des Apostels. Er stellt sich nicht als Knecht oder Sklave vor wie in den Briefen an die Römer, Philipper oder Titus, sondern als Apostel (d. h. Gesandter) Christi Jesu. Die anderen Apostel, die vor ihm berufen worden waren, hatten ihren Auftrag von dem Herrn auf Erden empfangen, wenn Er ihn auch als der Auferstandene wiederholte (Lk 6,13; Mt 28,16–20; Mk 16,14–18). Paulus war jedoch von dem verherrlichten Herrn im Himmel berufen worden. Von Anfang an standen sein Apostelamt und sein ganzer Dienst unter dem Zeichen dieser Herrlichkeit. Ihm wurde das „Evangelium der Herrlichkeit“ (1. Tim 1,11) anvertraut, dessen Inhalt bis dahin ein Geheimnis war. Gott offenbarte Paulus, dass der verherrlichte Christus das Haupt der Versammlung, Seines Leibes, ist, die sich aus erretteten Menschen aus Juden und Heiden zusammensetzt (vgl. Eph 1,13.20–23; 3,4–9; Kol 1,18). Dieses Geheimnis zu verkündigen, war die spezielle Aufgabe des Apostels Paulus, nicht der anderen Apostel. So war er in ganz besonderer Weise „Apostel Christi Jesu“, des von Gott erhöhten und verherrlichten, zum Herrn und „Christus“ gemachten Sohn des Menschen, der einst in Niedrigkeit gekommen war (vgl. Apg 2,36).

Grundlage seines Apostelamtes war, dass er durch Gottes Willen (vgl. 1. und 2. Kor 1,1; Eph 1,1; Kol 1,1) von dem Herrn Jesus Christus berufen worden war. Dies Bewusstsein konnte seinem Innern Gewissheit, Kraft und Hingabe im Dienst für seinen Herrn geben. Aber der Wille Gottes verlieh auch eine Autorität, die nicht durch Widerstand und Untreue anderer außer Kraft gesetzt werden konnte.

Ein Apostel des Herrn musste Ihn gekannt und gesehen haben (vgl. Joh 15,27; Apg 1,21–26; 1. Kor 9,1), damit er ein treuer Zeuge sein konnte. Die Apostel waren es, die den Grund des Hauses Gottes auf Erden legten und die Wahrheit Gottes weitertrugen (1. Kor 3,10; Eph 2,20; 3,5). In ihrem Dienst verbanden sich Amt und Gabe in besonderer Weise miteinander. Deshalb werden die Apostel immer an erster Stelle genannt (vgl. 1. Kor 12,28; Eph 4,11). Aus diesen neutestamentlichen Tatsachen lässt sich weder eine apostolische Nachfolge noch eine Neubelebung dieses Amtes ableiten. Daher kann heute niemand mehr die Autorität eines Apostels beanspruchen. Nur einmal wurde der Grund der Kirche Gottes auf Erden durch die Apostel gelegt, die von dem Herrn Jesus selbst durch Gottes Willen berufen waren.

Paulus war ein Apostel Christi Jesu, und zwar durch Gottes Willen. Nun folgt als drittes Kennzeichen der Charakter dieses Amtes: „nach Verheißung (des) Lebens, das in Christo Jesu ist.“ Paulus sah dem Tod bereits ins Auge (Kap 4,6), und Timotheus befand sich ziemlich allein inmitten von mehr und mehr verweltlichten Christen. Welch ein Trost und welche Ermunterung war es da für ihn, an dieses „Leben, das in Christo Jesu ist“, erinnert zu werden, das unvergänglich ist! Keinem wahren Kind Gottes kann dies Teil je verloren gehen, wie weit der allgemeine Verfall auch fortgeschritten sein mag. Von diesem letzten Brief des Apostels Paulus können wir eine Verbindung ziehen zu dem ersten Brief des Apostels Johannes, der ähnlich schreibt: „Und dies ist das Zeugnis: dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn ... Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben“ (1. Joh 5,11.20). Im Evangelium nach Johannes wird die Offenbarung des ewigen Lebens in dem Sohn Gottes als Mensch auf Erden beschrieben, und im ersten Johannesbrief in den Kindern Gottes. Es ist das Leben des ewigen Gottes, das denen zuteil wird, die Ihn kennen, weil Er ihr Vater ist (Joh 3,16; 17,3). Paulus sieht es meistens als etwas, das in vollem Umfang erst in der Zukunft offenbart wird (siehe Röm 6,22; Gal 6,8).

Vor ewigen Zeiten hat Gott das ewige Leben verheißen (Tit 1,2), um es denen zu geben, die durch den Sohn an Ihn glauben würden. Er hat es dem Sohn verheißen, bevor die Welt und die Menschen erschaffen waren. Diese Verheißung reicht also unendlich weiter zurück als die Verheißungen, die Abraham gegeben wurden. Letztere stehen mit der Erde in Verbindung, erstere mit dem Himmel (Joh 3,12).

Mit der Verheißung dieses Lebens war das Apostelamt des Paulus in Übereinstimmung. Er war nicht nur ein Diener des Evangeliums und der Versammlung als Leib Christi (Kol 1,23–24), sondern durch Gottes Willen auch Apostel „nach Verheißung des Lebens, das in Christus Jesus ist“. Jedes Kind Gottes besitzt dieses Leben jetzt schon in Ihm. In ganzer Fülle wird es genossen, wenn Er kommen wird, um die Seinigen ins Vaterhaus zu bringen, dorthin, wo sie Ihn sehen werden, wie Er ist, von dem Johannes sagt: „Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben“ (1. Joh 3,2; 5,20). Jetzt ist die Zeit des Glaubens, nicht des Schauens, deshalb wird noch von Hoffnung gesprochen. Aber das christliche Hoffen ist kein unsicheres Gefühl, sondern ein überzeugtes Warten (Heb 11,1; Röm 5,5).

Es mag noch bemerkt werden, dass uns in diesem Brief siebenmal (sieben ist in der Heiligen Schrift die Zahl göttlicher Vollkommenheit) die Worte „in Christus Jesus“ begegnen. In Vers 1 ist Er Quelle und Sitz des ewigen Lebens, in Vers 9 der Mittler der Gnade Gottes zur Errettung, in Vers 13 das Fundament des Glaubens und der Liebe, in Kapitel 2,1 reicht Er Gnade zum Dienst dar, in Vers 10 ist Er der Bürge der Seligkeit; in Kapitel 3,12 sehen wir, dass ein Leben zur Ehre Gottes nur in Ihm seine Grundlage finden kann, und in Vers 15 gilt dasselbe vom Glaubensleben.

Vers 2: Timotheus, (meinem) geliebten Kind: Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, (dem) Vater und Christus Jesus, unserem Herrn.

Am Anfang des ersten Briefes nennt Paulus Timotheus sein echtes Kind im Glauben, hier sein geliebtes Kind. Das Wort „Kind“ weist meistens auf die Abstammung hin, auch in geistlicher Hinsicht (griech. teknon). Zwischen Paulus, dem „Alten“ (vgl. Phlm 9), und dem jungen Timotheus bestand eine innige Verbindung. Das kommt auch in anderen Briefen immer wieder zum Ausdruck, z. B. in 1. Korinther 4,17: „mein geliebtes und treues Kind in dem Herrn“, oder in Philipper 2,22, wo wir lesen, dass er wie ein Kind dem Vater mit Paulus an dem Evangelium gedient hatte. Auch im folgenden Kapitel nennt Paulus ihn noch einmal „mein Kind“ (Vers 1). Diese Worte des Apostels an Timotheus waren keine formelle oder bedeutungslose Phrase, sondern der Ausdruck echter, inniger Zuneigung. Timotheus war ein etwas ängstlicher Charakter und brauchte deshalb diesen Zuspruch, vor allem aber auch, um die ernsten und wichtigen Ermahnungen des Apostels anzunehmen und zu befolgen. Denn seit dem ersten Brief war die Lage kritischer und ernster geworden, und Paulus sah sein Ende bereits herannahen.

Gnade ist die Erweisung der Liebe Gottes an verlorene Menschen, die Gottes ewiges, gerechtes Gericht wegen ihrer Sünden verdient haben und deswegen verdammt sind. Gnade und Wahrheit sind durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes offenbart worden (Joh 1,17). Aber nur aufgrund des vollkommenen Sühnungswerkes Christi am Kreuz von Golgatha kann Gott jetzt Gnade erweisen. Wer nun durch die Gnade (Ursprung, Röm 3,24), aus Glauben (Weg, Röm 5,1) und durch Christi Blut (Mittel, Röm 5,9) gerechtfertigt ist, steht in der Gnade oder Gunst Gottes, zu der er durch den Glauben Zugang hat (Röm 5,2). Sie begleitet ihn gleichsam auf seinem ganzen weiteren Weg, denn sie wird von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus reichlich dargereicht. Deshalb begegnet uns dieses Wort so häufig im NT. Im letzten Vers der Bibel heißt es noch: „Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit allen Heiligen!“

Der Friede mit Gott ist das Teil aller, die das volle Evangelium geglaubt haben. Der Herr Jesus hat Frieden gemacht durch das Blut Seines Kreuzes (Kol 1,20), so dass jetzt Menschen, die einst Gottes Feinde waren (Röm 5,10), mit Ihm versöhnt werden können. Durch das Evangelium hat Er diesen Frieden verkündet, damit jeder, der an Ihn glaubt, Frieden mit Gott empfängt (Eph 2,17; Röm 5,1). Diesen Frieden wollte der Herr Seinen Jüngern „lassen“, als Er im Begriff stand, zum Vater zurückzukehren (Joh 14,27), und sie bekamen ihn, als der Herr nach Seiner Auferstehung mit den Worten „Friede euch“ zu ihnen kam und ihnen Seine durchbohrten Hände und Seine durchstochene Seite als Zeichen des vollbrachten Erlösungswerkes zeigte (Lk 24,36; Joh 20,19).

Aber der Friede, den Paulus hier meint, geht noch weiter. Ihn meinte der Herr, wenn Er in Johannes 14,27 fortfuhr: „Meinen Frieden gebe ich euch“, und den Er am Abend Seines Auferstehungstages den Jüngern gab, als Er zum zweiten Mal sagte: „Friede euch“ (Joh 20,21). Dieser Friede, der auch der Friede des Christus und der Friede Gottes genannt wird (Kol 3,15; Phil 4,7), soll die Kinder Gottes auf ihrem ganzen Weg begleiten und erfüllen, damit sie frei von Angst und Sorgen leben, wandeln und von Ihm zeugen können.

Es ist schon öfter bemerkt worden, dass Paulus in seinen Briefen an die Versammlungen Gnade und Friede an den Anfang stellt, während er in den Briefen an Timotheus „Barmherzigkeit“ hinzufügt (1. Tim 1,2; 2. Tim 1,2). Während die Versammlung auf der vollkommenen und unerschütterlichen Grundlage der Erlösung gesehen wird, benötigt der Einzelne Barmherzigkeit wegen seiner Schwachheit auf dem Glaubenspfad (vgl. Heb 4,14–16). Auch der Apostel Johannes wünscht gegen Ende des ersten Jahrhunderts einer auserwählten Frau und ihren Kindern „Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und von dem Herrn Jesus Christus, dem Sohn des Vaters, in Wahrheit und Liebe“ (2. Joh 3). Judas, der den kommenden Abfall der Christenheit beschreibt, ermahnt die Gläubigen, die Barmherzigkeit des Herrn Jesus Christus zum ewigen Leben – d. h. Seine Wiederkunft – zu erwarten, und er beginnt seinen kurzen Brief ebenfalls mit den Worten: „Barmherzigkeit und Friede und Liebe sei euch vermehrt“ (Jud 2 und 21).

In Notzeiten brauchen wir die Barmherzigkeit Gottes ganz besonders. Als Mose in einer schwierigen Situation war, weil Israel sich von Gott abgewandt hatte, nannte Gott sich zum erstenmal: „Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und groß an Güte und Wahrheit“ (2. Mo 34,6). Noch manches Mal finden wir danach diese Eigenschaft Gottes in der Heiligen Schrift. Barmherzigkeit entspringt einer inneren Bewegung des Gemüts. Sie mildert das Leiden, wie wir es besonders auch in der Geschichte von dem barmherzigen Samariter in Lukas 10 sehen. Das arme Opfer des Überfalls ist zwar ein Bild des verlorenen Menschen, aber auch das Kind Gottes braucht Barmherzigkeit, so lange es auf Erden ist, besonders aber in Zeiten der Not und der Probleme, wie Timotheus sie vor sich sah. Welch ein herrlicher Gedanke ist es dann, dass unser Gott ein barmherziger und gnädiger Gott ist!

Verse 3–4: Ich danke Gott, dem ich von (meinen) Voreltern her mit reinem Gewissen diene, wie unablässig ich deiner gedenke in meinen Gebeten Nacht und Tag, voll Verlangen, dich zu sehen, indem ich eingedenk bin deiner Tränen, damit ich mit Freude erfüllt sein möge.

Es ist keine leere Floskel, wenn Paulus seine Briefe mit Dank (Röm 1,8; 1. Kor 1,4; Phil 1,3; Kol 1,3;1. Thes 1,2; 2. Thes 1,3; Phlm 4) oder Preis (2. Kor 1,3; Eph 1,3) beginnt. Nur in drei Briefen fehlt dieser Ausdruck der Freude, weil Paulus aus bestimmten Gründen dort sofort zur Sache kommen musste (Galater-, 1. Timotheus- und Titusbrief). Der Grund für seine Dankbarkeit hier ist die nicht so selbstverständliche Tatsache, dass er unablässig in seinen Gebeten (eigentlich „Bitten“) an seinen jungen Mitarbeiter denken konnte, und zwar Tag und Nacht. War sein Leben vor seiner Gefangennahme von rastloser Tätigkeit auf Reisen und im Dienst des Wortes gekennzeichnet, die „Nacht und Tag“ andauerte, so war er in der Gefangenschaft keineswegs lahmgelegt. Jetzt betete und rang er in derselben Weise für alle Heiligen. Er war voll Verlangen, Timotheus wieder zu sehen1; noch zweimal erinnert er ihn in diesem Brief daran, so bald wie möglich zu ihm nach Rom zu kommen (Kap 4,9.21). Dabei dachte er an die von Timotheus vergossenen Tränen. Wo und wann hatte dieser sie geweint? Aus dem Zusammenhang wird deutlich, dass es beim Abschied von seinem geliebten Lehrer war; denn die Freude, die Paulus erwähnt, bezieht sich ja auf das erhoffte Wiedersehen.

Zwischendurch macht Paulus nun die auf den ersten Blick erstaunliche Feststellung, dass er Gott von seinen Voreltern her mit reinem Gewissen diene. Es wäre verständlich, wenn er nur von seinem Leben nach seiner Bekehrung spräche, aber er bezieht hier sogar ausdrücklich seine Voreltern mit ein. Wir müssen hierbei beachten, dass dies nicht die göttliche Beurteilung seines Herzenszustandes oder desjenigen seiner Vorfahren ist, sondern sein eigenes Urteil, vom Standpunkt des Gewissens (vgl. Apg 23,1). Nach ihrer Kenntnis des Wortes Gottes hatten sie in Aufrichtigkeit gelebt. Paulus' Lebenswandel von Jugend auf war allen Juden bekannt (Apg 26,4). Er war als Pharisäer und Sohn von Pharisäern, der strengsten Sekte der jüdischen Religion, zu den Füßen Gamaliels nach der Strenge des väterlichen Gesetzes auferzogen und unterwiesen worden (Apg 22,3; 26,5). Er glaubte für Gott zu eifern, wenn er die Versammlung Gottes verfolgte. Aber vor Damaskus fiel das göttliche Licht, das ihn plötzlich umstrahlte, auch in sein Gewissen und zeigte ihm das Törichte und Böse seines bisherigen Weges. Das Gewissen ist also kein absoluter Maßstab! Es ist einer Waage vergleichbar, die geeicht werden muss durch die persönliche Kenntnis des Wortes Gottes und die Gemeinschaft mit Gott. Das so geübte Gewissen bewahrt uns in Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit vor Gott. Paulus konnte auch von seinem Leben nach der Bekehrung sagen: „Darum übe ich mich auch, allezeit ein Gewissen ohne Anstoß zu haben vor Gott und den Menschen“ (Apg 24,16).

Warum erwähnt Paulus nun in Vers 3 diese Tatsache, dass er, was sein Gewissen anbetraf, Gott von seinen Voreltern her aufrichtig gedient hatte? Er will damit auf eine Ähnlichkeit mit Timotheus hinweisen, auf die er in Vers 5 näher eingeht.

Vers 5: Indem ich mich erinnere des ungeheuchelten Glaubens in dir, der zuerst wohnte in deiner Großmutter Lois und deiner Mutter Eunike, ich bin aber überzeugt, auch in dir.

Es war für Paulus eine große Freude, wenn er an seinen jungen Bruder und Mitarbeiter Timotheus dachte. Aber wenn er sich an seine Zuneigung zu ihm erinnerte, wurden seine Gedanken auch auf die gläubigen Frauen gelenkt, die Timotheus erzogen hatten. Der ungeheuchelte Glaube, den er hier gefunden hatte, steht weit höher als das reine Gewissen in seiner eigenen Familie. Die Auswirkungen dieses Glaubens bei dem jungen Timotheus waren ihm schon bei seiner ersten Begegnung aufgefallen, und durch die Haltung der Mutter und der Großmutter war dieser Glaube gewiss gefördert worden. Es ist Gottes Wille, dass der Glaube nicht auf Einzelne beschränkt bleibt, sondern sich in der Familie ausbreitet, besonders wenn es sich um die Kinder handelt. Zwar muss jeder persönlich den Heiland finden, aber durch den Glauben der Eltern wird ein geistliches „Klima“ in der Familie geschaffen, das die Kinder vor vielem Bösen bewahrt und den Weg zu Gott zubereitet (vgl. Apg 16,31: „du und dein Haus“; 1. Kor 7,14). Dabei ist der Einfluss des regelmäßigen gemeinsamen Lesens des Wortes Gottes außerordentlich wichtig (vgl. Kap 3,15).

Dass es hier nicht wie bei Paulus (V. 3) um das Judentum geht, sieht man schon daran, dass der Vater des Timotheus, der hier nicht erwähnt wird, ein Grieche war. Die Gesetze der Juden waren also in dieser Familie missachtet worden. Timotheus war daher vom jüdischen Standpunkt aus gesehen unrein wie seine Mutter (vgl. Es 9,2; 10,3; Neh 13,23–31) und von den jüdischen Vorrechten ausgeschlossen. Er war darum als Kind auch nicht beschnitten worden. Dass Paulus ihn beschnitt, war ebenfalls nicht nach dem Gesetz, es sei denn, Timotheus hätte ein Proselyt werden wollen; aber wie wir wissen, war der Grund ein anderer, denn Paulus hatte längst erkannt, dass das Zeitalter des Gesetzes vorbei war.

Somit gingen die Gedanken des Paulus hier nicht weiter zurück als bis zu dem Augenblick, da diese Familie zum Glauben kam. Mit besonderem Nachdruck fügt er jedoch hinzu: „Ich bin aber überzeugt, auch in dir.“ Angesichts des geistlichen Rückgangs so vieler Gläubiger (siehe Vers 15) tritt der Glaube des Timotheus besonders hervor. Dieser Beweis wahren göttlichen Lebens lässt die persönlichen Gefühle des Apostels nicht kalt. Das ist nichts Verwerfliches, im Gegenteil, es ist die Grundlage des persönlichen Vertrauens, das Paulus zu Timotheus hatte. Gleichzeitig gründet sich auch die Ermahnung des nächsten Verses auf dieses innige, wahrhaft christliche Verhältnis, das zwischen diesen beiden Männern bestand.

Vers 6: Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, die Gnadengabe Gottes anzufachen, die in dir ist durch das Auflegen meiner Hände.

Die einleitenden Worte „um welcher Ursache willen“ geben uns die Erklärung, warum Paulus Timotheus an seinen ungeheuchelten Glauben und sein eigenes Vertrauen zu diesem erinnert hatte. Er wollte ihm eine ernste und für die Erfüllung seiner Aufgaben wichtige Ermahnung geben, die er durch das recht milde klingende Wort „erinnern“ zum Ausdruck bringt. Aus dem ersten Brief an Timotheus wissen wir, dass bereits vor längerer Zeit Weissagungen über ihn ausgesprochen worden waren. „Dieses Gebot vertraue ich dir an, mein Kind Timotheus, gemäß den vorher über dich ergangenen Weissagungen, damit du durch diese den guten Kampf kämpfst“ (1. Tim 1,18). Wenn die Brüder in Lystra und Ikonium, von denen Timotheus ja ein gutes Zeugnis besaß, über ihn gesprochen hatten, dann mochte sicherlich der eine oder andere, durch den Heiligen Geist geleitet, gesagt haben: Timotheus wird einmal ein guter und treuer Diener Christi werden! – So wurde auch den Propheten und Lehrern in Antiochien durch den Geist deutlich gemacht, dass Er Paulus und Barnabas zu einer neuen, besonderen Aufgabe berufen hatte, die über ihren bisherigen Wirkungskreis hinausging (Apg 13).

In 1. Timotheus 4,14 lesen wir weiter: „Vernachlässige nicht die Gnadengabe in dir, die dir gegeben worden ist durch Weissagung mit Auflegen der Hände der Ältestenschaft.“ Zu der Voraussage durch Weissagung kam also noch das Auflegen der Hände seitens der Ältesten. Das Wörtchen „mit“ zeigt, dass dies Händeauflegen eine zusätzliche begleitende Handlung war. Dadurch brachten die Ältesten ihre Gemeinschaft mit diesem noch jungen Diener des Herrn zum Ausdruck. Nicht durch diese Handauflegung erhielt Timotheus also die Gnadengabe, denn es war eine „Gnadengabe Gottes“. Aber sie wurde dadurch anerkannt. Ebenso legten die bereits erwähnten drei Brüder Barnabas und Saulus die Hände auf, um sie der Gnade Gottes anzubefehlen. Timotheus selbst wird davor gewarnt, jemand die Hände vorschnell aufzulegen und dadurch womöglich an fremden Sünden teilzuhaben (1. Tim 5,22).

Jetzt erfahren wir, dass auch Paulus ihm die Hände aufgelegt hatte. Er war in diesem Fall – dem einzigen, der uns im NT beschrieben wird – das Instrument (vgl. hier das Wort „durch“), das von dem Herrn dazu bestimmt wurde, Timotheus eine Gnadengabe mitzuteilen.

Jede Gnadengabe, die zur Ausbreitung und Aufrechterhaltung des christlichen Zeugnisses dient, ist göttlichen Ursprungs und wird von dem verherrlichten Herrn gegeben. „Hinaufgestiegen in die Höhe, hat er die Gefangenschaft gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben ... Und er hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten, und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer, zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes Christi ...“ (Eph 4,8.11–12). Der Heilige Geist ist die Kraft, in der jede Gnadengabe zur Verherrlichung Christi und Gottes ausgeübt werden soll. „Es sind aber Verschiedenheiten von Gnadengaben, aber derselbe Geist ... Alles dies aber wirkt ein und derselbe Geist, einem jeden insbesondere austeilend, wie er will“ (1. Kor 12,4.11). Solange die Versammlung Gottes auf Erden ist, wird so der Dienst durch die vom Herrn gegebenen Gaben unter der Leitung des Heiligen Geistes ausgeübt werden können, „bis wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes“ (Eph 4,13).

Bedingt durch mangelndes Verständnis der Gedanken Gottes und menschlichen Eigenwillen hat der größte Teil der Christenheit seit langem die Autorität Gottes und die Leitung des Geistes durch Organisation in Form von Berufung und Bestallung der „Geistlichen“ ersetzt. Dafür gibt jedoch weder dieser Vers noch irgendein anderer im NT die geringste Handhabe. Es gibt zwar auch eine neutestamentliche Wahl oder Ernennung, aber sie gilt nur für Aufseher und Diener (Diakone), deren Aufgaben ganz andere waren als die der Gnadengaben. Im Gegensatz zu diesen war ihr Wirkungskreis örtlich begrenzt, und sie wurden von den Aposteln oder deren Beauftragten gewählt. Diese Autorität ist heute jedoch nicht mehr vorhanden. Paulus sagt bei seinem Abschied zu den Aufsehern von Ephesus: „Und nun befehle ich euch Gott und dem Wort Seiner Gnade“ (Apg 20,32), und erwähnt mit keinem Wort irgendeine Nachfolgeregelung für Aufseher (Älteste) oder Diener.

Von keiner Person im NT haben wir so viele bemerkenswerte Beweise ihres Dienstes wie von Timotheus. Offensichtlich war es notwendig, dass Paulus ihn immer wieder darauf ansprach. Auch hier wollte er ihn durch die Erinnerung an die Kraft und Realität seiner Gabe dazu ermuntern, diese anzufachen. Das griechische Wort anazopyreo bedeutet eigentlich „ein Feuer wieder anfachen, entflammen“. Timotheus sollte seine Gabe, die wohl die eines Evangelisten war (vgl. Kap 4,5), nicht dadurch vernachlässigen, dass er sie nicht ausübte (vgl. 1. Tim 4,14), sondern sie im Gegenteil durch ständigen Gebrauch aktivieren.

Wenn alles gut geht, wenn der Sieg des Evangeliums sogar von der Welt gesehen wird, wenn Seelen errettet werden, dann fällt die Arbeit leicht, auch wenn es hier und da Schwierigkeiten gibt. Aber wenn sich sogar die Christen von dem Diener des Wortes abwenden, wenn es Satan gelingt, das Zeugnis zu schwächen, dann ist es nicht so einfach, den Mut zu behalten und mit Kraft und Energie die Arbeit für den Herrn fortzusetzen.

Für Timotheus lag zudem eine besondere Gefahr in seiner natürlichen Furchtsamkeit, die dazu führte, dass er sich zu sehr zurückhielt. Ein Diener, der sich der Tatsache bewusst ist, dass seine Gabe von Christus kommt und nicht sein eigenes Verdienst ist, wird wirkliche Demut an den Tag legen. Aber die Demut des Timotheus führte zur Vernachlässigung seiner Gabe, und das entsprach nicht den Gedanken Gottes. Er musste daher lernen, Kraft und Mut nicht von den Gesichtern seiner Zuhörer oder aus ihren Reaktionen zu schöpfen, sondern aus der stetigen verborgenen Gemeinschaft mit dem Herrn.

Vers 7: Denn Gott hat uns nicht einen Geist (der) Furchtsamkeit gegeben, sondern (der) Kraft und (der) Liebe und (der) Besonnenheit.

Paulus unterstreicht nun seine Ermahnung, die Gnadengabe Gottes anzufachen, durch die Erinnerung an drei wichtige Dinge. Timotheus neigte dazu, einen Geist der Furchtsamkeit zu offenbaren (griech. deilia: Furchtsamkeit, Feigheit); das konnte dazu führen, dass er ängstlich zurückschreckte und zögerte, wo es galt, Entschiedenheit, Mut und Ausharren zu zeigen. Wenn es um die Verteidigung der Wahrheit des Evangeliums geht, muss der Diener Christi stark und mutig sein und für die Ehre seines Herrn einstehen. Deshalb musste es Timotheus gesagt werden, dass Gott uns – das gilt für jedes Kind Gottes, nicht nur für Paulus – nicht einen Geist der Furchtsamkeit gegeben hat, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Damit ist nicht der Heilige Geist gemeint, sondern die Geisteshaltung des Gläubigen, die durch die Gegenwart des Heiligen Geistes bewirkt wird. Ähnlich ist der Geist der Sohnschaft (Röm 8,15), der den Gläubigen kennzeichnende Zustand, während der „Geist seines Sohnes“ (Gal 4,6) der Heilige Geist ist.

Das erste Kennzeichen ist Kraft. Wenn Gott eine Gnadengabe verleiht, dann gibt Er gleichzeitig auch die Kraft, sie auszuüben. Die Gabe bleibt, auch wenn der Diener gleichgültig oder untreu geworden ist. Aber kann er sie in einem solchen Zustand mit Kraft und Autorität ausüben? Das ist nur möglich, wenn er in enger Gemeinschaft mit Gott wandelt und sich der Tatsache bewusst ist, dass in seiner eigenen Person keine Kraft liegt. „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“

Aber durch Kraft allein wird keine Seele zu Christus gezogen; die Liebe zieht sie! Allein die Liebe bringt auch den Diener dazu, sich in Selbstverleugnung zum Segen für andere zu verwenden. Im ersten Brief an die Korinther verwendet der Heilige Geist ein ganzes Kapitel darauf, um auf die Unerlässlichkeit und Wichtigkeit der Liebe im Dienst hinzuweisen. In Kapitel 12 spricht Er von geistlichen Offenbarungen, Wunderkräften, Gnadengaben der Heilungen, Arten von Sprachen usw., das heißt von Beweisen der Macht und Kraft Gottes in den Gläubigen. Aber in Kapitel 13 spricht Er von der Liebe, ohne die der Diener ein tönendes Erz und eine schallende Zimbel ist – Gottes Wort sagt sogar, dass er nichts ist!

Schließlich sollte Timotheus sich daran erinnern, dass der Heilige Geist in uns auch Besonnenheit bewirkt. Damit ist die Selbstbeherrschung, der gesunde Sinn, gemeint. Auch die Besonnenheit finden wir im ersten Korintherbrief, und zwar in Kapitel 14. Sie bewirkt, dass wir „erwachsen am Verstand“ werden (V. 20), sie verhindert, dass die Kinder Gottes von der Welt als „von Sinnen“ bezeichnet werden (V. 23), sie lässt die Geister der Propheten den Propheten untertan sein (V. 32), und schließlich wird dadurch der Dienst von Frauen in den Zusammenkünften verhindert (V. 35). Im Titusbrief ist die Besonnenheit eines der drei Dinge, wozu die Gnade Gottes uns unterweist (Tit 2,12). Wenn der Diener sich von Gottes Geist leiten lässt, wird diese gottgewirkte Besonnenheit sich in seinem Handeln offenbaren.

Vers 8: (So) schäme dich nun nicht des Zeugnisses unseres Herrn, noch meiner, seines Gefangenen, sondern leide Trübsal mit dem Evangelium, nach (der) Kraft Gottes.

In diesem Brief werden verschiedene wichtige Themen dargestellt:

  1. das Böse im Haus Gottes in der letzten Zeit,
  2. die Hilfsmittel für die Treuen,
  3. die persönlichen Erfahrungen des Apostels,
  4. die Ermahnungen, wie Timotheus sich zu verhalten habe.

Dieser Vers steht mit dem letzten Punkt in Verbindung. Wer nicht verstehen kann, warum Timotheus in Gefahr stand, sich zu schämen, besitzt wenig oder keine Selbsterkenntnis. In einer Zeit reichen Segens neigt das Kind Gottes weniger dazu, sich zu schämen. Anders ist es jedoch, wenn wenig Frucht sichtbar ist und die Liebe der Vielen erkaltet. Dann steigt die Gefahr, sich des Zeugnisses unseres Herrn zu schämen. Nur der Glaube, der sich auf Ihn stützt, kann dann das Herz brennend erhalten. Dann wird auch Seine Schmach für uns etwas Herrliches, denn sie verbindet uns mit dem auf Erden verworfenen, aber zur Rechten Gottes erhöhten und verherrlichten Herrn Jesus.

Dies Zeugnis ist die dem Menschen anvertraute Botschaft des Heils in Christus. „Gott ist einer, und einer Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gab zum Lösegeld für alle, wovon das Zeugnis zu Seiner Zeit verkündigt werden sollte, wozu ich bestellt worden bin als Herold und Apostel (ich sage die Wahrheit, ich lüge nicht), ein Lehrer der Nationen, in Glauben und Wahrheit“ (1. Tim 2,5–7). Paulus war dieses Zeugnis also in erster Linie anvertraut worden. Er identifiziert sich daher auch völlig mit diesem Zeugnis: „noch meiner, seines Gefangenen“. Manche bekennen, die Wahrheit festzuhalten und zu lieben, obwohl sie sich von solchen, die dieses Zeugnis freimütig verkündigen, fernhalten. Wie wir hier sehen, entspricht das aber nicht den Gedanken Gottes. Wenn Timotheus sich des gefangenen Paulus geschämt hätte, so wäre das in Gottes Augen ebenso abscheulich gewesen, als hätte er sich des Zeugnisses geschämt. Um es noch eindeutiger auszudrücken: Wer sich des Paulus schämte, der ja um des Evangeliums willen ins Gefängnis gekommen war, schämte sich des Zeugnisses unseres Herrn! Im Römerbrief sagt Paulus: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist Gottes Kraft, zum Heil jedem Glaubenden“ (Röm 1,16). Auch in diesem Brief stellt er sich Timotheus als Beispiel hin: „Aber ich schäme mich nicht, denn ich weiß, wem ich geglaubt habe“ (V. 12). In Vers 16 erwähnt er Onesiphorus, der ihn im Gefängnis besucht und sich seiner Kette nicht geschämt hatte, und noch einmal ermahnt er Timotheus in Kapitel 2,15, seine Arbeit so zu tun, dass er sich nicht zu schämen brauchte.

Nach der Warnung vor Furchtsamkeit (V. 7) und Scham folgt nun noch eine Aufforderung, Trübsal mit dem Evangelium zu leiden, d.h. sich auch den damit verbundenen Konsequenzen nicht zu entziehen. Diese Ermahnung wird in ähnlicher Form insgesamt dreimal in diesem Brief ausgesprochen (vgl. Kap 2,3; 4,5). An dieser Stelle wird dabei auf die schon erwähnte Kraft Gottes als eine mächtige Stütze hingewiesen. Diese Kraft sollte ihn in allen Leiden stärken und aufrechterhalten. Die gleichbleibende, immer verfügbare göttliche Kraft kann im Kampf des Evangeliums nicht durch menschliche Energie und Durchhalteparolen ersetzt werden.

Leider neigen auch Kinder Gottes dazu, nach dem äußeren Erfolg zu urteilen. Aber die Kraft Gottes erweist sich nicht immer in äußerlich sichtbaren Erfolgen. Wo war der Erfolg eines Paulus, der in Rom im Gefängnis lag, während diejenigen, die er einst zum Herrn geführt hatte, sich von ihm abgewandt hatten? Waren seine Belehrungen erfolgreich, wenn das Haus Gottes äußerlich schon damals in Trümmern lag? Hier zeigte sich die Kraft Gottes nicht in menschlichen Erfolgen. Sie erweist sich jedoch in der Treue im Blick auf das, was Er uns anvertraut hat, und in Geduld und Ausharren. Einmal wird der Tag kommen, an dem wir sehen werden, dass jedes Werk Gottes erfolgreich war!

Verse 9–10: Der uns errettet hat und berufen mit heiligem Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach (seinem) eigenen Vorsatz und (der) Gnade, die uns in Christus Jesus vor ewigen Zeiten gegeben, jetzt aber offenbart worden ist durch die Erscheinung unseres Heilandes Jesus Christus, der den Tod zunichte gemacht, aber Leben und Unverweslichkeit ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

Timotheus selbst hatte keine Kraft, daher der Hinweis des Apostels auf die Kraft Gottes in Vers 8. Die überschwängliche Größe der Kraft Gottes kommt im Evangelium zum Ausdruck, von dem Paulus an die Römer schrieb: „Es ist Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden.“ Dieses Evangelium wird nun in den nächsten beiden Versen beschrieben, die als eine Art Einschaltung den Mittel- und Höhepunkt dieses Kapitels bilden (ähnliche „Höhepunkte“ finden wir in Kap 2,19–22; 3,16–17; 4,7–8).

Das große Thema des Evangeliums ist die Errettung verlorener Menschen. Deshalb stehen am Anfang die Worte: „Der uns errettet hat.“ Der Mensch steht nicht nur fern von Gott, sondern er befindet sich auch in der Gewalt der Finsternis (Kol 1,13), und inmitten einer Gott feindlich gegenüberstehenden Welt, die Paulus ein verdrehtes und verkehrtes Geschlecht nennt (Phil 2,15).

Aber Gott ist ein Heiland-Gott, der will, dass alle Menschen errettet werden. Triebfeder und Maßstab Seines Handelns war Seine Gnade (Eph 2,5.8) und Seine Barmherzigkeit (Tit 3,5). Der Glaube an den Herrn Jesus ist der einzige Weg, auf dem ein Sünder errettet werden kann (Eph 2,8; Apg 16,31). Diese Errettung (oder: Heil, Seligkeit; im Griechischen steht für die drei Worte immer dasselbe Wort soteria), das Resultat des Werkes Christi auf Golgatha, zeigt uns, dass wir nicht nur Vergebung der Sünden und Befreiung von ewiger Strafe empfangen haben, sondern dass sich auch unsere Lage und Stellung schon hier auf der Erde völlig verändert hat. Sehr schön kommt dies in den Worten des Zacharias zum Ausdruck (obwohl er natürlich das Ausmaß der Errettung durch das Werk Christi noch nicht kennen konnte): „... dass wir, gerettet aus der Hand unserer Feinde, ohne Furcht ihm dienen sollen in Frömmigkeit und Gerechtigkeit vor ihm alle unsere Tage“ (Lk 1,74).

Diese Errettung wird uns im NT in dreierlei Hinsicht vorgestellt:

  1. die Errettung der Seele, die der Gläubige jetzt schon besitzt (vgl. Eph 2,5; 1. Pet 1,9);
  2. die tägliche Errettung vor den Gefahren auf dem Weg durch die Welt (Röm 5,10; Heb 7,25);
  3. die Errettung am Ende des Glaubensweges, wenn der Herr als Heiland (griech. soter) kommt und der Gläubige nach Leib, Seele und Geist an dieser Errettung teilhaben wird (Röm 13,11; Phil 3,21; 1. Pet 1,5).

Wenn also die Errettung als ein gegenwärtiger Besitz betrachtet wird, dann ist damit immer die Errettung der Seele gemeint. So auch hier.

Gott hat uns auch „berufen mit heiligem Ruf“. Das Wort für „Ruf“ (griech. klesis) wird sonst meistens mit „Berufung“ übersetzt. Es ist die „Berufung Gottes nach oben“ (Phil 3,14), die „himmlische Berufung“ (Heb 3,1). Hier liegt der Nachdruck auf dem Wort „heilig“. So schreibt Petrus in seinem ersten Brief: „Wie der, der euch berufen hat, heilig ist, seid auch ihr heilig in allem Wandel“ (Kap 1,15). „Heilig“ und „heiligen“ bedeutet überall in Gottes Wort, dass Er eine Sache oder Person für sich beiseite setzt, damit sie nur für Ihn da ist. Schon das erste Vorkommen des Wortes „heiligen“ in 1. Mose 2,3 macht diese Absonderung für Gott ganz deutlich: „Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn; denn an demselben ruhte er von all seinem Werk, das Gott geschaffen hatte, indem er es machte.“ Nun sah die Praxis vieler, die sich Christen nannten, nicht gut aus. Deshalb verbindet der Apostel die Errettung mit Gottes heiligem Ruf, denn Seine Gedanken und Anforderungen können sich nicht einem niedrigen geistlichen Niveau anpassen. Er wird sie im Gegenteil gerade dann besonders herausstellen.

Errettung und Berufung gründen sich nicht auf etwas, das im Menschen zu finden ist, sie erfolgen daher „nicht nach unseren Werken“. In Römer 3,20 heißt es, dass auf der Grundlage von Gesetzeswerken niemand vor Gott gerechtfertigt wird (vgl. Gal 2,16). In Epheser 2,9 lesen wir, dass wir nicht aus Werken errettet sind, damit niemand sich rühme, und schließlich in Titus 3,5 ein Zeugnis, das unserem Vers ähnelt: „... nicht aus Werken, die in Gerechtigkeit vollbracht, wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit.“ Gottes Wort bezeugt somit überdeutlich, dass die Errettung niemals eine Belohnung für menschliche Werke sein kann, seien es nun Werke, die aus Gehorsam gegenüber dem Gesetz vom Sinai („Die zehn Gebote“) getan wurden, oder sonstige gute Werke. Der nicht wiedergeborene Mensch kann vor Gott überhaupt kein gutes Werk hervorbringen, denn „alles Gebilde der Gedanken seines Herzens (ist) nur böse den ganzen Tag“ (1. Mo 6,5; vgl. Röm 1–3). Er fragt nicht nach dem Willen und der Autorität Gottes, daher ist sein Tun Gesetzlosigkeit und somit Sünde (1. Joh 3,4). Die erste gute Tat, die der Sünder tun kann, ist, anzuerkennen, dass sein ganzes bisheriges Tun und Lassen sündig war, und wie der Zöllner zu sagen: „O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!“ Jetzt kann und wird Gott, der ja will, dass alle Menschen errettet werden, antworten: Für solche Menschen hat mein Sohn das Erlösungswerk am Kreuz auf Golgatha vollbracht! – Die gute Botschaft für solch einen verlorenen Menschen lautet: „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden.“ Außer Buße und Glauben kann der Mensch nichts zu seiner Errettung beitragen.

Wer nun im Glauben zu dem Werk Christi Zuflucht genommen hat, sieht nicht nur, dass er vollkommen errettet ist, sondern auch, dass hinter dieser Errettung der Vorsatz Gottes steht. Diesen Vorsatz fasste Gott jedoch nicht erst, als die Sünde auftrat, sondern weit eher. Israel, das irdische Volk Gottes, wurde von Ihm in der Zeit berufen, aber in Bezug auf die Christen hat Gott Seinen Vorsatz bereits in der Ewigkeit vor aller Zeit gefasst. Der Vorsatz Gottes geht Seinem Ratschluss, d.h. dem eigentlichen Plan, voraus und ist verbunden mit Seiner unendlichen, unergründlichen Liebe. Lässt der Vorsatz uns die Absicht Gottes erkennen, so zeigt die Gnade uns die Triebfeder Seines Tuns. Diese Gnade nun ist uns in Christus Jesus vor ewigen Zeiten gegeben worden.

Der Ausdruck „ewige Zeiten“ kommt auch in Römer 16,25 und Titus 1,2 vor. Er scheint auf den ersten Blick einen Widerspruch zu enthalten, da das Substantiv „Zeit“ (griech. chronos) eine Endlichkeit, das Adjektiv „ewig“ (griech. aionios) hingegen normalerweise eine Unendlichkeit ausdrückt, wie z.B. „ewiges Leben“, „ewiges Verderben“. Das Wort für „ewig“ ist eine Ableitung von aion, das im NT mit „Ewigkeit“ (z. B. Joh 4,14), „Zeitalter“ (z.B. Mt 12,32), aber auch mit „Zeitlauf, Welt“ (z.B. Gal 1,4; 2. Kor 4,4) übersetzt wird. Ewigkeit ist eine unbestimmte, weil unendliche Dauer; Zeitalter eine unbestimmte, aber endliche Dauer; bei dem Wort Zeitlauf denken wir jedoch an die sittlichen oder geistlichen Kennzeichen einer Epoche, die Anfang und Ende hat. Ein Vergleich mit den beiden anderen Stellen zeigt, dass hier die verschiedenen Zeitalter oder Haushaltungen gemeint sind, in denen Gott die Menschen prüfte, aber nur, damit sich erwiese, dass sie wegen ihrer Sünden die Herrlichkeit Gottes nicht erreichen konnten. Die Gnade, die dann durch die Erscheinung unseres Heilandes Jesus Christus offenbart wurde, war jedoch nicht durch den Eintritt der Sünde in die Schöpfung veranlasst, sondern bereits vor ewigen Zeiten den Glaubenden in Christus Jesus gegeben worden (nicht tatsächlich, denn die Schöpfung existierte ja noch nicht, sondern als göttlicher Beschluss). So fand auch die Auserwählung vor Grundlegung der Welt statt (Eph 1,4), so wurde das Lamm ohne Fehl und ohne Flecken zuvorerkannt vor Grundlegung der Welt (1. Pet 1,20), und so wurde auch das ewige Leben vor ewigen Zeiten verheißen (Tit 1,2). Wir haben hier eine der wenigen Stellen im NT, wo wir durch den Vorhang der Zeit hindurch einen Blick in die ferne Ewigkeit tun dürfen, in der der ewige Gott sich bereits mit uns beschäftigte!

Normalerweise ist mit „Erscheinung“ das zweite Kommen unseres Herrn auf die Erde gemeint, wenn Er mit den Gläubigen, die zuvor in Wolken Ihm entgegengekommen und in das Vaterhaus entrückt worden sind, mit Macht und großer Herrlichkeit wiederkommen wird, um die Herrschaft im tausendjährigen Friedensreich anzutreten (vgl. 2. Thes 2,8; 1. Tim 6,14; 2. Tim 4,1.8; Tit 2,13). Hier ist die „Erscheinung unseres Heilandes Jesus Christus“ jedoch Sein erstes Kommen vor nahezu 2000 Jahren. Obwohl zur Zeit der Abfassung des Briefes bereits mehr als ein halbes Jahrhundert seit dieser Erscheinung vergangen ist, schreibt Paulus „jetzt aber“, weil er dabei an die unendlichen Fernen der Ewigkeit denkt, in denen Gott Seinen Vorsatz gefasst hat.

Tod und Verweslichkeit waren die Beweise der Sünde und des Gerichtes Gottes. Er hatte zu Adam gesagt: „Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen; aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon isst, wirst du gewisslich sterben“ (1. Mo 2,17). Der Mensch übertrat jedoch das einzige Gebot, das Gott ihm auferlegt hatte, und von diesem Augenblick an war der Tod, der Lohn der Sünde, das Los aller Menschen (Röm 5,12; 6,23). Schreckliche Tatsache, dass Gottes Geschöpfe, die in Seinem Bild und nach Seinem Gleichnis geschaffen sind, durch die Sünde dem Tod und dem Gericht unterliegen! Das Gesetz konnte die Menschen davon nicht befreien. Zwar war es zum Leben gegeben, aber es erwies nur ihre Unfähigkeit, diesen göttlichen Forderungen zu entsprechen, und führte deshalb zur Verdammnis und zum Tod (3. Mo 18,5; Röm 7,10–13; 2. Kor 3,7).

Aber dann erschien unser Heiland (oder: Erretter, griech. soter) Jesus Christus. „In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ (Joh 1,4). Als Gottes Sohn von Ewigkeit war er selbstverständlich erhaben über den Tod, aber da Er der einzige vollkommen sündlose Mensch war (2. Kor 5,21; 1. Pet 2,22; 1. Joh 3,5), galt für Ihn das Gesetz nicht: „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm 6,23). Und nun ging gerade Er freiwillig in den Tod! Er nahm den Lohn der Sünde auf sich, um den zu vernichten, der durch den Tod seine Herrschaft über die Menschen ausübte und sie ihr ganzes Leben lang zittern ließ in der Erwartung des schrecklichen Augenblicks der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes und der Unfähigkeit des Menschen, den Folgen der Sünde zu entfliehen. So starb der Herr Jesus am Kreuz, „damit er durch den Tod den zunichte machte (es ist dasselbe Wort wie in 2. Tim 1,10), der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren“ (Heb 2,14–15). Als Christus aus den Toten auferstand, war erwiesen, dass Er den Sieg über den Tod davongetragen hatte. „Hinaufgestiegen in die Höhe, hat er die Gefangenschaft gefangen geführt“ (Eph 4,8). Aber Er bleibt nicht allein! Er hatte ja selbst gesagt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh 12,24). Adam wurde durch den Sündenfall der Anführer einer sündigen und todgeweihten Menschheit, aber Christus wurde durch Seine Erlösungstat das Haupt einer neuen Gemeinschaft von Menschen, die durch den Glauben an Ihn ewiges Leben empfangen. „Wie die Sünde geherrscht hat im Tode, so auch die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn“ (vgl. Röm 5,12–21; 1. Kor 15,21–22; 45–50).

Der Tod wurde noch nicht abgeschafft, sondern zunichte, d.h. für den Gläubigen unwirksam gemacht. Erst wenn der neue Himmel und die neue Erde kommen, wird auch der Tod nicht mehr sein (Off 21,4). Auch die Verweslichkeit des Leibes, die Folge des Todes, ist hierin eingeschlossen. „Denn dieses Verwesliche muss Unverweslichkeit anziehen, und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen. Wenn aber dieses Verwesliche Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird, dann wird das Wort erfüllt werden, das geschrieben steht: Wo ist, o Tod, dein Sieg? Wo ist, o Tod, dein Stachel? Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft der Sünde aber das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!“ (1. Kor 15,53–57).

Dies alles wurde durch das Evangelium ans Licht gebracht. Es ist wirklich eine „gute Botschaft“, die weit mehr umfasst als Sündenvergebung.

„Dieser Ratschluss Gottes wurde in Christus gefasst und gebildet, ehe die Welt existierte. Er hat seinen Platz in den Wegen Gottes außerhalb der Welt, in Verbindung mit der Person Seines Sohnes, und sein Ziel ist die Offenbarung eines mit Ihm in Herrlichkeit verbundenen Volkes. Es ist somit eine Gnade, die uns in Ihm gegeben wurde, ehe die Welt war. Dieser Vorsatz war zunächst in den Ratschlüssen Gottes verborgen und wurde offenbart durch die Erscheinung Dessen, in dem er seine Erfüllung fand. Dabei handelt es sich nicht bloß um Segnungen und Handlungen Gottes zugunsten der Menschen, nein, es war Leben, ewiges Leben für die Seele und Unverweslichkeit für den Leib. So war Paulus Apostel nach Verheißung des Lebens (V. 1). Dieser Vorsatz wurde in Bezug auf uns jedoch nicht erfüllt, als Christus auf Erden lebte, obwohl in Ihm Leben war. Die göttliche Kraft dieses Lebens musste sich erweisen, und zwar in der Zerstörung der Macht des Todes, der durch die Sünde eingetreten war, und wodurch Satan über die Sünder herrschte. Daher hat Christus durch Seine Auferstehung den Tod zunichte gemacht und durch das Evangelium Leben und Unverweslichkeit ans Licht gebracht, d.h. das ewige Leben, das Seele und Leib aus dem Bereich des Todes und seiner Macht entrückt. Die frohe Botschaft über dieses Werk, die Paulus verkündigte, richtet sich an alle Menschen. Sie gründet sich auf die ewigen Ratschlüsse Gottes, ist verankert in der Person Christi, der das dazu erforderliche Werk vollbrachte, und besitzt einen Charakter, der nichts mit dem Judentum und der Regierung Gottes über die Erde zu tun hat. Diese Botschaft ist die Offenbarung der ewigen Ratschlüsse und der Macht Gottes und hat mit Menschen zu tun, die unter der Macht des Todes liegen, aber auch mit der Erringung eines Sieges, der die Menschen außerhalb dieses Machtbereiches in einen völlig neuen Zustand versetzt, der auf Gottes Macht und Ratschlüssen beruht. Deshalb richtet sie sich an alle Menschen, ohne Unterschied, ob Juden oder Heiden“ (J. N. Darby, Synopsis).

Vers 11: Zu dem ich bestellt worden bin als Herold und Apostel und Lehrer der Nationen.

Paulus war der Herold oder Verkündiger dieser guten Botschaft. Das Wort, das er auch in 1. Timotheus 2,7 verwendet (griech. keryx; sonst nur noch in 2. Pet 2,5), bezeichnete damals den kaiserlichen Herold, den öffentlichen Diener der obersten Gewalt im Krieg. Der Herold war der Ausrufer von Staatsbotschaften, Kriegserklärungen usw. Im NT ist es derjenige, der von Gott im Dienst der Heilsverkündigung verwendet wird. Die Vollmacht des Herolds liegt in seiner Botschaft, die des Apostels in der Autorität des Herrn, der ihn sendet. Als Lehrer hatte Paulus eine Gnadengabe empfangen (vgl. Apg 13,1). Die Verkündigungs- und Lehrtätigkeit des Paulus war von Anfang an nicht wie die der Zwölf auf Israel beschränkt. Schon zu Ananias sagte der Herr, dass Paulus Ihm ein auserwähltes Gefäß war, das Seinen Namen auch zu den Nationen tragen sollte (Apg 9,15; 26,7). So war Paulus zugleich Apostel und Lehrer der Nationen (vgl. Röm 11,13; Gal 2,7–8). Daran änderte auch seine jetzige Gefangenschaft nichts. Er erfüllte seine Aufgaben bis zum Schluss, bis er sagen konnte: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben bewahrt“ (Kap 4,7).

In einigen Handschriften fehlt das Wort „Nationen“. Möglicherweise ist es aus der ähnlich lautenden Stelle in 1. Timotheus 2,7 übernommen worden, denn es gibt keinen plausiblen Grund für die Fortlassung dieses Wortes, wenn es ursprünglich dagestanden haben sollte.

Vers 12: Aus diesem Grund leide ich dies auch; aber ich schäme mich nicht, denn ich weiß, wem ich geglaubt habe, und bin überzeugt, dass er mächtig ist, das (ihm) von mir anvertraute (Gut) auf jenen Tag zu bewahren.

Im Gefängnis litt Paulus für den Namen seines Herrn (s. V. 8). Im Voraus hatte der Herr schon von ihm gesagt, dass Er ihm zeigen würde, „wie viel er für meinen Namen leiden muss“(Apg 9,16).

Schon während und wegen seines Dienstes hatte Paulus viel gelitten (vgl. 2. Kor 11,23–33). Aber jetzt musste er, wie er in Kapitel 2,9 sagt, wegen des Evangeliums wie ein Verbrecher leiden. Weil er als ein treuer Diener Christi Ihm allein dienen und gegen allen Widerstand an Seinem Wort festhalten wollte, stellte sich der Widersacher ihm mit aller Kraft in den Weg. Hinzu kam, dass sich in dieser Lage viele – ja, „alle, die in Asien sind“ – von ihm abwandten, und ihn in seinen Leiden noch mehr betrübten. Äußerlich betrachtet war seine Lage wirklich traurig.

Aber schämte Paulus sich nun? Kamen Zweifel in ihm auf? Von einer solchen Haltung war er weit entfernt. Andererseits war er jedoch auch kein Mann voller Selbstbewusstsein, mit eiserner Konstitution und stählernen Nerven! Er sagt von sich selbst an anderer Stelle: „Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und in vielem Zittern“ (1. Kor 2,3). „Ihr wisst aber, dass ich euch in Schwachheit des Fleisches ehedem das Evangelium verkündigt habe; und die Versuchung für euch, die in meinem Fleisch war, habt ihr nicht verachtet noch verabscheut“ (Gal 4,13–14). Seine Schwachheit hatte ihn nie gehindert, jahrelang Nacht und Tag arbeitend, seine Aufgaben als Diener des Evangeliums und der Versammlung zu erfüllen. Damals wie jetzt fand er seine Kraft jedoch nicht darin, sich in fleischlicher Weise über diese Schwierigkeiten hinwegzusetzen, sondern er fand sie in Christus allein. Auch jetzt im Gefängnis schämte er sich nicht, sondern konnte mit erhobenem Haupt sagen: „Ich weiß, wem ich geglaubt habe.“ Es ist auffällig, wie wichtig es ihm ist, dass in dieser schwierigen Lage niemand von Furcht oder Scham beschlichen werde. Deshalb ruft er Timotheus zu: „So schäme dich nun nicht ...“ (V. 8), und erwähnt lobend den Onesiphorus, der sich seiner Kette nicht geschämt und ihn im Gefängnis aufgesucht hatte (V. 16).

Es ist auch bemerkenswert, dass Paulus hier nicht sagt: Ich weiß, was ich geglaubt habe, – auch nicht: an wen ich geglaubt habe, sondern: „wem ich geglaubt habe“. Er spricht hier also nicht von einer Lehre oder dem ganzen Glaubensgut, der Wahrheit. Ebenso wenig sieht er die Person Christi als Gegenstand des Glaubens, sondern wir sehen hier sein tiefes, beständiges Vertrauen zu seinem Herrn, den er bei Damaskus in jener denkwürdigen Stunde kennen gelernt und auf den er sich während seines ganzen Lebens danach gestützt und verlassen hatte, ohne auch nur ein einziges Mal beschämt worden zu sein. Die Kenntnis dieses Herrn selbst, nicht nur das Wissen um Seine Macht und Gnade, erhebt uns über die Schwierigkeiten unseres Weges.

Wenn Paulus sich allein auf seinen Auftrag und den anvertrauten Dienst hätte stützen wollen, dann wäre gerade jetzt, da er den einsetzenden Verfall sah, Enttäuschung und Niedergeschlagenheit nahe liegend gewesen. Es wäre sogar Veranlassung vorhanden gewesen, sich zu schämen. Aber da er sein Vertrauen auf den Herrn gesetzt und wusste, wem er geglaubt hatte, brauchte er sich nicht zu schämen.

„Wissen“ ist etwas anderes als „Kennen“. Gewöhnlich ist Wissen die innere Überzeugung, Kennen die durch Erfahrung erworbene Kenntnis. Paulus sagt: „Ich weiß, wem ich geglaubt habe.“ Damit will er nicht nur sagen, dass er einmal bei seiner Bekehrung zum Glauben an den Herrn Jesus gekommen ist, sondern die Zeitform des Wortes „glauben“ (Perfekt) besagt, dass etwas, das in der Vergangenheit einmal zustande kam, in der Gegenwart noch fortdauert und Gültigkeit besitzt. „In seiner vollen Bedeutung besagt dieser Satz: Ich habe geglaubt, und das Ergebnis davon ist, dass mein Glaube völlig gefestigt ist. Es ist, wie wenn man einen Nagel durch ein Brett schlägt und ihn auf der anderen Seite umbiegt. Dann bleibt er fest sitzen“ (K. Wuest, Word Studies, Bd. 2).

Paulus war außerdem überzeugt, dass der Herr (dessen Name nicht erwähnt wird; es heißt nur „Wem“ und „Er“) mächtig war, das von ihm anvertraute Gut auf jenen Tag zu bewahren (vgl. 1. Pet 1,4). Was ist mit diesem anvertrauten Gut gemeint? Das Wort (griech. paratheke) kommt nur dreimal im NT vor, und zwar ausschließlich in den Briefen an Timotheus. Das erste Mal steht es in 1. Timotheus 6,20: „O Timotheus, bewahre das anvertraute Gut, indem du dich von den ungöttlichen, leeren Geschwätzen und Widersprüchen der fälschlich so genannten Kenntnis wegwendest“, das zweite Mal hier, und das dritte Mal in Vers 14: „Bewahre das schöne anvertraute Gut durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt.“ Aus dem Zusammenhang geht hervor, dass das Wort hier eine andere Bedeutung haben muss als in den beiden übrigen Stellen. Dort ist es etwas, das Menschen, hier etwas, das dem Herrn anvertraut ist. Das griechische Wort bedeutet „Niedergelegtes“, und wörtlich steht hier: „mein Niedergelegtes“. „Unter diesem anvertrauten Gut ist alles zu verstehen, was ich als Gläubiger der Obhut Gottes anvertraue, nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Segnung von Seele und Leib, von Wandel und Werk, einschließlich jeder Frage, die in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufkommen kann“ (W. Kelly, Exposition of Timothy, S. 197). „Er hatte sein Glück Christus anvertraut. In Ihm war das Leben, an dem der Apostel teilhatte; in Ihm war auch die Kraft, die dieses Leben aufrechterhielt und im Himmel das Erbe der Herrlichkeit bewahrte, das dort sein Teil war, wo dieses Leben zur Entfaltung kam“ (J. N. Darby, Synopsis).

„Jener Tag“ (vgl. V. 18 und Kap 4,8; Mt 24,36; 26,29; Mk 14,25; 2. Thes 1,10) ist nicht das Kommen des Herrn in Gnade zur Aufnahme der Braut in den Himmel, sondern immer der allen Gläubigen wohl bekannte Tag, an dem der Herr mit Macht und Autorität zum Gericht und zur Herrschaft bekleidet ist. Jener Tag beginnt, wenn die Seinigen vor Seinem Richterstuhl offenbar werden, wo jeder treue Knecht seine Belohnung empfängt (das ist hier gemeint), er umfasst Seine Erscheinung in Herrlichkeit auf der Erde und Seine darauf folgende tausendjährige Herrschaft über die Welt.

Dreimal finden wir in dem vorliegenden Abschnitt, in dem so viel von Schwachheit und Verfall die Rede ist, den tröstenden und stärkenden Hinweis auf die göttliche Kraft. In Vers 7 sahen wir die Kraft des Geistes, die die Furcht vertreibt, in Vers 8 die Kraft Gottes, die uns befähigt, an den Leiden des Evangeliums teilzuhaben, und hier sehen wir die Kraft des Sohnes Gottes, der das anvertraute Gut auf jenen Tag bewahrt.

Vers 13: Halte fest das Bild gesunder Worte, die du von mir gehört hast, in Glauben und Liebe, die in Christus Jesus sind.

Eine weitere Ermunterung ist der Hinweis auf die Worte, die Timotheus von dem Apostel gehört und nun zu bewahren hatte. Wörtlich heißt es hier: „Habe ein Bild (oder: Umriss, Muster) gesunder Worte.“ Die „gesunden Worte“ waren dasselbe wie das „Zeugnis unseres Herrn“ (V. 8), das Paulus verkündigt hatte. Wohl kaum ein anderer hatte eine so genaue Kenntnis dessen, was Paulus in den vergangenen Jahren gepredigt hatte, wie Timotheus (vgl. Kap 3,10). Wir besitzen heute die „gesunden Worte“ in der Heiligen Schrift, besonders im Neuen Testament. In Kapitel 3,14–17 geht Paulus auf dieses wichtige Thema nochmals ausführlicher ein.

Durch den Dienst des Apostels Paulus wurde das Wort Gottes, was den Umfang der göttlichen Offenbarungen betrifft, vollendet (Kol 1,25). Die späteren Schreiber haben dem nichts Neues mehr hinzugefügt. An Timotheus – und an uns – liegt es nun, diese Worte anzunehmen und zu bewahren. Der Ausdruck „Bild gesunder Worte“ will uns nun die Notwendigkeit zeigen, die göttlichen Lehren in der Form zu bewahren, in der sie zu uns gekommen sind, nämlich inspiriert durch den Heiligen Geist (1. Kor 2,13; 2. Tim 3,16). Schon nach relativ kurzer Zeit gingen die Christen dazu über, die Grundwahrheiten des christlichen Glaubens in Glaubensbekenntnissen zusammenzufassen. So wahr und richtig viele ihrer Aussagen sein mögen, enthalten sie doch eine große Gefahr. So lange sie der Ausdruck wahren persönlichen Glaubens sind, mag es noch angehen, aber wie schnell wurden und werden sie zu einer bloßen Formel, ohne Wert und Wirkung für den, der sie im Mund führt und sich damit als „rechtgläubiger“ Christ ausweist! Ein Glaubensbekenntnis kann keine Autorität über die Seele und das Gewissen beanspruchen. Das lebendige Wort Gottes ist und bleibt jedoch die Autorität für jedes wahre Kind Gottes, und deshalb wird es, wenn es gehorsam ist, die gesunden Worte in der Form festhalten, in der sie von Gott gegeben sind.

Aber der Ausdruck besagt noch mehr. Die Bibel, das Buch der Offenbarung Gottes, besteht aus vielen Büchern, in denen die verschiedensten Dinge behandelt werden. Je mehr der Gläubige sich damit beschäftigt, desto mehr sieht er, dass alles ein harmonisch zusammengefügtes, vollkommenes Ganzes bildet. Kein Teil steht im Widerspruch zum anderen; alles ergänzt sich in wunderbarer Weise. Nur wer das Ganze im Auge behält, kann das Bild gesunder Worte haben. Wer sich daher nur mit bestimmten, ihm wichtig erscheinenden „Hauptwahrheiten“ beschäftigt, macht sich vielleicht ein eigenes Bild, aber es ist nicht das Bild gesunder Worte. Wer dieses Bild gesunder Worte nicht hat und festhält, kann auch das Wort der Wahrheit nicht recht teilen (Kap 2,15).

Dies ist jedoch nicht nur eine Frage eines klaren Verstandes und eines guten Gedächtnisses. Auch die bloße Kenntnis der christlichen Lehren reicht dazu nicht aus. Deshalb fügt Paulus hinzu: „... in Glauben und Liebe, die in Christus Jesus sind.“ Wenn die göttliche Wahrheit nicht zunächst mit gehorsamem und willigem Herzen aufgenommen wird und wenn dabei nicht die Liebe Gottes tätig wird, dann kann es kaum Frucht für Gott geben. Der Glaube, der in Christus seine Grundlage findet, und die Liebe, die aus der Gemeinschaft mit Ihm hervorgeht, geben den Worten Kraft und Wert. „Sie sind gewissermaßen die Angelpunkte für Stärke und Treue in allen Zeiten, ganz besonders aber für den Menschen Gottes (1. Tim 6,11; 2. Tim 3,17), wenn die Versammlung als Ganzes untreu geworden ist“ (J. N. Darby, Synopsis).

Vers 14: Bewahre das schöne anvertraute (Gut) durch (den) Heiligen Geist, der in uns wohnt.

In Vers 12 hatte der Apostel gesagt, er sei überzeugt, dass derjenige, dem er geglaubt hatte, mächtig sei, das Ihm anvertraute Gut auf jenen Tag zu bewahren. Diese Erwartung wird Er nicht enttäuschen. Hier ist nun jedoch von einem dem Timotheus zur Bewahrung anvertrauten Gut die Rede. Dieses wird, wie wir bei der Betrachtung von Vers 12 sahen, bereits in 1. Timotheus 6,20 erwähnt. Die Errettung und das ewige Leben ist das dem Herrn anvertraute Gut, das Er sicher bewahren wird. Dagegen ist das schöne anvertraute Gut, das Timotheus bewahren sollte, etwas, das offenbar verloren gehen kann! Es ist wohl dasselbe wie das „Zeugnis unseres Herrn“, für das Timotheus eintreten, und das Evangelium (V. 8), mit dem er Trübsal leiden sollte. Es ist das Bild gesunder Worte (V. 13), das hier zusammenfassend noch einmal das „schöne anvertraute Gut“ genannt wird. In Kapitel 2 wird derselbe Wortstamm verwendet, wenn er aufgefordert wird, dasjenige, was er in Gegenwart vieler Zeugen von dem Apostel gehört hatte, treuen Männern anzuvertrauen, die selbst tüchtig sein sollten, auch andere zu lehren. Sicherlich war auch die Gnadengabe des Timotheus ein anvertrautes Gut, und es bestand die Möglichkeit, dass er sie vernachlässigte, aber er konnte sie doch kaum verlieren. Die Bewahrung und Erhaltung der kostbaren Heilswahrheiten, des einmal den Heiligen überlieferten Glaubens (Jud 3), ist in diesem letzten Brief des Apostels Paulus jedoch ein Thema von vorrangiger Bedeutung (vgl. Kap 2, 15; 3,10.14–17; 2.3).

Paulus nennt es im Unterschied zu 1. Timotheus 6,20 das „schöne“ anvertraute Gut und unterstreicht dadurch den Wert dieses kostbaren Schatzes. Die Kraft, mit der Timotheus der gestellten wichtigen Aufgabe nachkommen konnte, war der Heilige Geist. Es ist der Geist, der in uns, d.h. allen Gläubigen wohnt. Seit dem Pfingsttag (Apg 2), als der Heilige Geist nach der Verheißung des Herrn Jesus (Joh 14–16) auf die Erde herabkam, wohnt Er in jedem, der durch den Glauben an das Evangelium der Gnade errettet ist (Eph 1,13–14). Er ist das Siegel Gottes auf denen, die Sein Eigentum sind (2. Kor 1,22; Eph 1,13), Er ist das Unterpfand des Erbes der Heiligen (2. Kor 1,22; Eph 1,14) und schließlich die Salbung, die zu geistlicher Erkenntnis befähigt (2. Kor–1,21; Joh 2,20.27). Der Herr Jesus hatte von diesem Geist gesagt, dass Er von Ihm zeugen und Ihn verherrlichen würde (Joh 15,26; 16,14), denn Er würde die Jünger an alles erinnern, was Er ihnen gesagt hatte (Joh 14,26), Er würde reden, was Er hörte und ihnen das Kommende verkündigen (Joh 16,13). So konnte Timotheus in Seiner Kraft das anvertraute Gut bewahren, denn Er wohnte auch in ihm. Wir finden im NT, dass der Heilige Geist in dem Leib jedes Einzelnen als einem Tempel wohnt (Röm 8,11; 1. Kor 6,19), aber auch, dass Er inmitten der Gläubigen, in dem Tempel Gottes Wohnung genommen hat (1. Kor 3,16; Eph 2,22).

Vers 15: Du weißt dies, dass alle, die in Asien sind, sich von mir abgewandt haben, unter welchen Phygelus ist und Hermogenes.

Mit diesem Vers beginnt der letzte Abschnitt des ersten Kapitels, in dem uns drei Personen vorgestellt werden.

Asien bezeichnet im NT meistens die im Jahr 133 v. Chr. gebildete römische Provinz Asia Proconsularis, die im Westen Kleinasiens, also der heutigen Türkei, lag. Sie umfasste die Landstriche Mysien, Lydien, Phrygien und Karien, und ihre Hauptstadt war Ephesus. Dieses Gebiet hatte Paulus auf seiner zweiten und dritten Reise besucht (Apg 16 und 18–20). In Ephesus hatte er drei Jahre gewirkt. Zwei seiner Briefe sind an Versammlungen in diesem Gebiet gerichtet, und zwar der Epheser- und der Kolosserbrief. In Apostelgeschichte 19,10 heißt es, dass „alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als Griechen, das Wort des Herrn hörten“. Der Apostel war also mit dieser Gegend gut bekannt und mit den dort wohnenden Christen auf das Engste verbunden. Und nun diese Worte: „Du weißt dies, dass alle, die in Asien sind, sich von mir abgewandt haben!“ Welch ein Schmerz musste es für den gefangenen Apostel sein, zu sehen, dass auch die Versammlungen, die sich noch vor nicht allzu langer Zeit in einem solch guten Zustand befunden hatten, dass er ihnen ausführlich über das große Geheimnis der Verbindung des Leibes, der Versammlung, mit dem verherrlichten Herrn als Haupt hatte schreiben können (vgl. Eph 1,22–23; 3,4–8; Kol 1,18.25–28), sich nun von ihm abwandten! Auch Timotheus wusste um diese betrübende Tatsache, denn er hatte sich ja noch zur Zeit der Abfassung des ersten an ihn gerichteten Briefes in Ephesus befunden (1. Tim 1,3).

Die Abwendung von Paulus bedeutet wohl nicht, dass diese Menschen den Glauben an Christus, ihr christliches Bekenntnis aufgegeben hätten. Wahrscheinlicher ist, dass sie Paulus als extremen Fanatiker und engherzigen Mann betrachteten, und sie wandten sich von ihm ab, um einen Weg zu beschreiten, der dem Fleisch angenehmer war und nicht so viele Entsagungen und womöglich Gefahren mit sich brachte. Sicher waren das Erkalten der ersten Liebe, falsche Lehrer, Gleichgültigkeit und weltliche Gesinnung die Ursachen dieses Rückgangs. Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die sieben Sendschreiben in Offenbarung 2 und 3, die alle an Versammlungen in dem gleichen Landstrich gerichtet sind, wenn auch ungefähr 35 Jahre später. Sie zeigen, dass die Versammlungen nicht aufgehört hatten, zu bestehen, aber gleichzeitig lassen sie uns erkennen, wohin die Abwendung von dem Apostel Paulus innerhalb weniger Jahrzehnte führte. Sicherlich mochte auch die Tatsache eine Rolle spielen, dass Paulus wieder gefangen genommen worden war und man sich dieses Mannes schämte, der den Behörden und der Regierung ein Dorn im Auge war. In der Hauptsache ging es jedoch darum, dass sein Dienst und seine Lehre nicht mehr angenommen und schon bald aufgegeben wurden. Dabei gingen die herrlichen und kostbaren Wahrheiten von der himmlischen Stellung der Versammlung und ihrer Verbindung zu Christus, ihrem Haupt, als Erste verloren. Schon die so genannten „apostolischen Väter“ wie Polykarp von Smyrna, Ignatius und Klemens, die geistigen und geistlichen Führer der nachapostolischen Generation, wussten nichts mehr von dem einen Leib, der damit verbundenen Berufung, der Entrückung der Braut, ja, kaum dass sie noch die Rechtfertigung aus Glauben kannten! An die Stelle der Leitung durch den Heiligen Geist traten aus dem Judentum entlehnte Ordnungen oder verstandesmäßige menschliche Vorschriften, alles Dinge, die der Apostel schon im Brief an die Kolosser (Kap 2,18.22) einen eigenwilligen Gottesdienst nennt.

In Seiner Gnade hat Gott diese wichtigen Wahrheiten im vergangenen Jahrhundert wieder ans Licht gebracht. Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen, und es besteht erneut die Gefahr, dass wir uns von dem Apostel Paulus abwenden! Der Herr möge uns davor bewahren. Seien wir uns aber auch klar darüber, dass wir in dieser Hinsicht von Kirchen und auch von Seiten der Gemeinschaftskreise keinerlei Hilfe erwarten können.

Unter denen, die sich abgewandt hatten, befanden sich zwei dem Timotheus bekannte Männer: Hermogenes und Phygelus. Dass ihre Namen erwähnt werden, zeigt, dass sie dabei eine wichtige Rolle spielten. Mancher hätte sie vielleicht für standfester gehalten, aber sie waren mit dabei, als das öffentliche Zeugnis Christi in Asien sich von dem Apostel trennte, um einen anderen Weg zu gehen. Aber mochten diese Männer auch einen guten Namen und großes Vertrauen unter den Christen in Asien besitzen, sie befanden sich doch auf dem Weg des Niedergangs, was Paulus mit traurigem Herzen erwähnt.

Verse 16–18: Der Herr gebe dem Haus (des) Onesiphorus Barmherzigkeit, denn er hat mich oft erquickt und sich meiner Kette nicht geschämt, sondern als er in Rom war, suchte er mich fleißig auf und fand mich. Der Herr gebe ihm, dass er von Seiten (des) Herrn Barmherzigkeit finde an jenem Tag! Und wie viel er in Ephesus diente, weißt du am besten.

Eine rühmliche Ausnahme in dem allgemeinen Niedergang ist die dritte in diesem Abschnitt erwähnte Person. Onesiphorus hatte in Ephesus viel gedient (griech. diakoneo: dienen im allgemeinen Sinn, vgl. Joh 12,2; 1. Pet 4,11); auch das wusste Timotheus. Onesiphorus hatte den Apostel oft erquickt, was ein schönes Kennzeichen eines wahren Dieners Christi ist (vgl. 1. Kor 16,18; Phlm 7). Besonders freute Paulus sich jedoch darüber, dass er sich seiner auch als Gefangener nicht geschämt hatte. Timotheus war schon ermahnt worden, sich weder des Evangeliums des Herrn noch des gefangenen Apostels zu schämen (V. 8), und für die Christen in Asien war die Gefangenschaft des Paulus sicherlich eine anstößige Tatsache, derer sie sich schämten. Aber hier war einer, der sich der Kette dieses Gefangenen nicht schämte, sondern ihn bei einem Aufenthalt in Rom fleißig suchte und auch fand! Wie leicht hätte Onesiphorus sich damit entschuldigen können, dass es nahezu unmöglich sei, in der Riesenstadt Rom einen ausländischen Gefangenen ausfindig zu machen. Er suchte jedoch so lange, bis er ihn fand. Das war wahre Bruderliebe.

Deshalb wünscht und erbittet Paulus auch einen zweifachen Segen für sein Haus und ihn selbst. Er wünscht seiner ganzen Familie und allen, die zu seinem Haushalt gehören (die er ja am Schluss des Briefes auch noch besonders grüßen lässt, Kap 4,19), die gegenwärtige Barmherzigkeit des Herrn. So hatte er auch Timotheus selbst am Anfang außer Gnade und Frieden auch Barmherzigkeit von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserem Herrn, gewünscht (V. 2; vgl. 1. Tim 1,2; Jud 2).

Aber für Onesiphorus selbst erbittet er, dass „er von Seiten des Herrn Barmherzigkeit finde an jenem Tag“. Es ist der Tag, an dem alles ans Licht kommt (vgl. V. 12 und Kap 4,8). Es mag uns vielleicht erstaunen, in Verbindung mit dem Offenbarwerden vor dem Richterstuhl und mit der Erscheinung des Herrn von Barmherzigkeit zu lesen. Wir sehen hier, dass die göttliche Barmherzigkeit nicht nur dem Sünder (Eph 2,4; 1. Tim 1,16) und dem Gläubigen auf Erden (V. 16; Heb 4,16; 2. Joh 3) zuteil wird, sondern sich bis hin zum Richterstuhl erstreckt. Dann werden wir erkennen, dass auch im Blick auf unsere Verantwortung alles Gnade und Barmherzigkeit von Seiten des Herrn ist. Diese Barmherzigkeit hat also nichts mit der ewigen Seligkeit des Onesiphorus zu tun, sondern mit seinem Dienst für den Herrn hier auf Erden. Auch dann, wenn einem jeden sein Lob werden wird von Gott (1. Kor 4,5), wird die Barmherzigkeit triumphieren.

Fußnoten

  • 1 W. Kelly verbindet in seiner Übersetzung die Worte „Tag und Nacht“ mit „voll Verlangen“, was ebenso möglich ist (An Exposition of the Two Epistles to Timothy, London, S. 185).
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