Du aber ...
Eine Auslegung des ersten und zweiten Timotheusbriefes

Kapitel 5: Witwen und Älteste

Du aber ...

Verse 1–2: Einen älteren Mann fahre nicht hart an, sondern ermahne (ihn) als einen Vater, jüngere als Brüder; ältere Frauen als Mütter, jüngere als Schwestern, in aller Keuschheit.

Immer wieder ermahnt Paulus in diesem Brief den jungen Timotheus zum rechten Verhalten (Kap 4,6.11.15.16; 5,21; 6,2.11). Immer ist dabei der Zweck: „damit du weißt, wie man sich verhalten soll im Haus Gottes“. Das Wort „älterer“ (griech. presbyteros) ist dasselbe wie dasjenige, das in Vers 17 das Amt des Ältesten bezeichnet. Ein Blick auf Vers 2 zeigt jedoch, dass hier nicht nur die Ältesten der Versammlung, sondern alle älteren Männer gemeint sind.

Als junger Mann, der die Aufgabe bekommen hatte, in der Versammlung zu lehren und zu ermahnen, musste Timotheus im Blick auf ältere Personen, ob Brüder oder Schwestern, besonderes Zartgefühl walten lassen. Er sollte sie, wenn es einmal nötig werden sollte, als Väter und Mütter ermahnen, anstatt sie hart anzufahren. Das konnte er nur dann in der rechten Weise tun, wenn er selbst fest mit der Demut umhüllt war (vgl. 1. Pet 5,5), die durch die Gnade von Seiten Gottes und durch den Respekt vor den Älteren bewirkt wird. Wie leicht kann es auch heute geschehen, dass ein jüngerer Bruder, dem der Herr eine geistliche Gabe und Verantwortung anvertraut hat, einen älteren Bruder so empfindlich trifft, dass dieser eine berechtigte Ermahnung nicht annimmt. Dieser Hinweis ist vielleicht besonders in unserem Zeitalter der Jugend wichtig. Erinnern wir uns dabei an die Worte Gottes aus dem AT: „Vor grauem Haar sollst du aufstehen und die Person eines Greises ehren, und du sollst dich fürchten vor deinem Gott“ (3. Mo 19,32).

Auch das Verhalten des Timotheus zu den jüngeren Männern sollte durch die Liebe gekennzeichnet werden, denn er sollte sie als Brüder ermahnen.

Im Blick auf die jungen Frauen folgt jedoch noch ein wichtiger Zusatz: „in aller Keuschheit“. Wie leicht konnte sich bei der Beschäftigung mit ihnen fleischliche Gedanken einmischen! Nur ein Leben in Heiligkeit und Reinheit vor dem Herrn kann da das ausreichende Bewahrungsmittel vor fleischlichem Begehren sein. Wie wichtig gerade diese Ermahnung für jüngere Brüder ist, die sich von dem Herrn gebrauchen lassen möchten, zeigen leider manche negativen Erfahrungen aus der Praxis.

Verse 3–4: Ehre (die) Witwen, die wirklich Witwen sind. Wenn aber eine Witwe Kinder oder Enkel hat, (so) mögen sie zuerst lernen, dem eigenen Haus gegenüber fromm zu sein und den Eltern Gleiches zu vergelten; denn dieses ist angenehm vor Gott.

Die jetzt folgenden Verse 3–16 haben die Sorge für die Witwen in der Versammlung zum Thema. Mancher fragt sich vielleicht, warum einem solchen Gegenstand so viel Platz eingeräumt wird. Aber unser Gott ist der allein weise Gott (Röm 16,27)! Er weiß, wie einsam und vergessen – auch heute noch! – das Leben einer wahren Witwe sein kann. Er weiß auch, wie leicht diese sogar inmitten von Gläubigen, die verheiratet sind und Familien haben, übersehen werden.

Daher sind die Witwen, ebenso wie ihre Kinder, Gegenstände der besonderen Fürsorge unseres Gottes und Vaters. Schon im Psalm 68,5 heißt es: „Ein Vater der Waisen und ein Richter der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung“ (vgl. Ps 146,9). Zahlreiche Vorschriften im AT unterstreichen dies. Wer den Witwen und Waisen besondere Fürsorge erwies, durfte auf den Segen des Herrn rechnen (5. Mo 14,29; 24,19), weil er in einem Gott wohlgefälligen Geist handelte. Auch heute, in der Zeit der Gnade, ist es nicht anders. In der Versammlung Gottes sollen die Witwen nicht ihrem Los überlassen bleiben. Schon in der ersten Zeit trat das Problem auf, dass die Witwen bei der täglichen Bedienung übersehen wurden, obwohl alle alles gemeinsam hatten (Apg 6,1). Damals wurden in Jerusalem die ersten Diakonen ernannt, die dafür Sorge zu tragen hatten, dass den Witwen der griechischen Juden das Nötige gegeben wurde. Dabei fällt uns auf, dass diese Männer ein gutes Zeugnis haben und voll heiligen Geistes und Weisheit sein mussten (Apg 6,3).

Besonders wichtig erscheinen in diesem Zusammenhang noch die Worte des Jakobus: „Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater ist dieser: Waisen und Witwen in ihrer Drangsal zu besuchen, sich selbst von der Welt unbefleckt zu erhalten“ (Jak 1,27).

Zunächst heißt es nun allgemein: „Ehre die Witwen, die wirklich Witwen sind.“ Vielleicht benötigten nicht alle von ihnen materielle Hilfe. Aber dennoch sollten sie die geziemende Ehre und den notwendigen Beistand empfangen. In den modernen Industrieländern verhindert heute das „soziale Netz“ durch Renten und Versicherungen in den meisten Fällen eine tiefe materielle Not, die früher oft das Los der Witwen war. Daher ist die Unterstützung von bedürftigen Witwen seitens der Versammlungen eine Seltenheit geworden. Der Sinn des Wortes „ehren“ geht jedoch viel weiter und hat auch heute noch seine Bedeutung.

Der Heilige Geist teilt in den folgenden Versen die Witwen in drei Gruppen ein:

  1. jüngere Witwen (s. Vers 11–14), die am ehesten in Gefahren kommen und denen daher geboten wird, sich wieder zu verheiraten.
  2. Witwen, die Kinder oder Enkel haben (s. Vers 4 und 16) und von diesen unterstützt werden sollen.
  3. Wirkliche Witwen (s. Vers 3.5 und 16), die vereinsamt sind und keine Verwandten haben, die sie unterstützen können. Zu diesen gehören wohl auch die Witwen, die verzeichnet werden sollen, damit ihnen von den Heiligen Unterstützung zuteil werde (Verse 9.10).

Diese Einteilung erscheint auf den ersten Blick recht mechanisch. Aber Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens (1. Kor 14,33). Die Ordnung im Haus Gottes gilt auch in diesen Dingen! Der geordnete Dienst der Diakonen ist besser als gutgemeinte, aber ungeordnete und unüberlegte Liebesdienste (vgl. Kap 3,8–13; Apg 6,l ff.).

Nachdem in Vers 3 zunächst die wirklichen Witwen erwähnt wurden, kommt der Apostel in Vers 4 auf die Witwen zu sprechen, die Kinder oder Enkel hatten. Diese sollten zuerst lernen, gegen das eigene Haus fromm zu sein. Ihnen oblag die Sorge für ihre Mutter oder Großmutter. Wenn sie diese Kindespflicht noch nicht kannten, mussten sie sie lernen. Ähnlich wie in Vers 16 wird hier den Kindern und Enkeln vorgestellt, der Mutter oder Großmutter, die verwitwet ist, durch liebevolle und fromme Ehrerbietung Gleiches zu vergelten, das heißt, etwas von dem zurückzuerstatten, was sie selbst in jungen Jahren an Liebe und Fürsorge erfahren haben. Ein besonders schönes Beispiel dieser Fürsorge sehen wir bei unserem Herrn am Kreuz. In den letzten Augenblicken vor Seinem Tode dachte Er noch in liebender Sorge an Seine Mutter, als Er sie Seinem Jünger Johannes mit den Worten empfahl: „Siehe, deine Mutter.“

Dies ist angenehm vor Gott. In Kapitel 2,3 haben wir gelesen, dass auch das Gebet für alle Menschen und alle, die in Hoheit sind, „gut und angenehm vor unserem Heiland-Gott ist“. Die Frömmigkeit oder Gottseligkeit umgreift das ganze Leben des Gläubigen und erweist sich zuallererst im Kreis der Familie.

Vers 5: Die aber, die wirklich Witwe und vereinsamt ist, hofft auf Gott und verharrt in dem Flehen und den Gebeten Nacht und Tag.

Der Apostel wendet sich nun wieder den bereits in Vers 3 erwähnten einsamen Schwestern zu, die wirklich Witwen sind. Er nennt sie „vereinsamt“. Wie wenig wird das oft auch unter Gläubigen bedacht! Eine solche Witwe hat keine irdische Hilfsquelle, keine menschliche Unterstützung. Aber unser Gott und Vater hat gerade solchen Seine Hilfe zugesagt. Er ist der Richter der Witwen. Ein Beispiel einer solchen gottesfürchtigen Witwe sehen wir in der Prophetin Anna. Von ihr heißt es: „Diese war in ihren Tagen weit vorgerückt und hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt von ihrer Jungfrauschaft an; und sie war eine Witwe von vierundachtzig Jahren, die nicht vom Tempel wich, indem sie Nacht und Tag mit Fasten und Flehen diente“ (Lk 2,36.37).

In Vers 5 wird durch das Wort „aber“ ein Gegensatz, wenigstens aber ein Unterschied zu Vers 4 herausgestellt. Hier wird lobend die geistliche Haltung solcher Witwen hervorgehoben; stillschweigend geht daraus hervor, dass eine Witwe, die so lebt, die Fürsorge der Versammlung am ehesten verdient. Jemand hat gesagt: „Eine oder zwei solcher Witwen in unserer Mitte wären eine große Quelle der Kraft. Jede Hilfe, die die Gläubigen ihnen in materieller Hinsicht leisten könnten, wäre wie nichts im Vergleich zu der Hilfe, die sie für die Heiligen bedeuten. Sie verharren Nacht und Tag im Flehen.“

Vers 6: Die aber, die in Üppigkeit lebt, ist lebendig tot.

Ein völlig anderes Bild sehen wir in diesem Vers. Die hier beschriebene Witwe verfügt über genügend Mittel, um sich ein bequemes, ja luxuriöses Leben zu ermöglichen. Das Böse daran ist, dass sie diese Mittel einzig und allein zu diesem Zweck verwendet. Das für „in Üppigkeit leben“ gebrauchte Wort (griech. spatalao) findet sich auch in Jakobus 5,5, wo zu den Reichen, die sich als falsche christliche Bekenner offenbaren, gesagt wird: „Wohlan nun, ihr Reichen, weint und heult über euer Elend, das über euch kommt ... Ihr habt in Üppigkeit gelebt auf der Erde und geschwelgt.“ Was hat ein solches Leben in Fleischeslust, Vergnügen und Befriedigung der Leidenschaften mit dem wahren Leben für Gott gemeinsam? Wer dem Grundsatz nach so lebt, ist geistlich tot, auch wenn er ein christliches Bekenntnis abgelegt hat. Geistlicher Tod bedeutet im NT immer: ohne Leben aus Gott (vgl. Lk 9,60; Eph 2,1; 5,14; Off 3,1). Eine wiedergeborene Seele, in deren Leben keine Frucht für Gott erkennbar ist, wird dagegen nie „tot“ genannt, sondern „schlafend“. Ein Schlafender kann einem Toten täuschend ähnlich sein (vgl. Eph 5,14; 1. Thes 5,6).

Vers 7: Und dies gebiete, damit sie unsträflich seien.

Immer wieder wird uns in diesem Brief, der von der Ordnung im Haus Gottes handelt, das rechte Verhalten in diesem Haus eingeschärft. „Einschärfen“ ist die besondere Bedeutung des Wortes „gebieten“, das auch in Kapitel 1,3 und 4,11 vorkommt. Dieser Vers verbindet das Vorherige mit dem Folgenden und unterstreicht, dass sowohl die Witwen als auch ihre Nachkommenschaft untadelig leben sollen.

Vers 8: Wenn aber jemand für die Seinen und besonders für (die) Hausgenossen nicht sorgt, (so) hat er den Glauben verleugnet und ist schlechter als ein Ungläubiger.

Hier spricht der Apostel zum zweiten Mal die Kinder beziehungsweise die Angehörigen von Witwen an. Das erste Mal hatte er es bereits in Vers 4 getan, und in Vers 16 wendet er sich ein drittes Mal an sie. An diesem dreimaligen Appell erkennen wir, wie gottgemäß und wichtig es ist, dass Kinder sich nicht der Verantwortung entziehen, für die Eltern, besonders aber für eine alleinstehende Mutter zu sorgen.

Aber während in Vers 4 die positive Seite dieser Frömmigkeit oder Gottseligkeit, die vor Gott angenehm ist, gesehen wird, gebraucht der Apostel hier die schärfsten Ausdrücke für den Fall, dass jemand die Fürsorgepflichten gegenüber seinen nächsten Verwandten und Hausgenossen vernachlässigt. Der Glaube (hier mit dem Artikel) ist nicht die innere Glaubenskraft, sondern das Glaubensgut, die christliche Wahrheit. Die Pflicht zur Fürsorge für die Angehörigen wird sowohl im AT wie im NT gelehrt (vgl. Mt 15,3–6; Eph 6,2–3). Jemand, der für die Seinen und besonders für die Hausgenossen nicht sorgt, ist schlechter als ein Ungläubiger. Jeder normal denkende und fühlende Mensch anerkennt und achtet die Familienbeziehung zwischen Eltern und Kindern. Diese natürliche Liebe hat der Schöpfer in das Menschenherz hineingelegt. Ein Ungläubiger, der seine Eltern achtet und liebt, ist für einen Christen, der dies nicht tut, ein sehr beschämendes Beispiel. Dabei besitzt der Gläubige doch einen unendlich höheren Maßstab für seine Liebe: „Wandelt in Liebe, wie auch der Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat“ (Eph 5,1.2). Welch ein beschämendes Zeugnis gibt ein Kind Gottes vor der Welt ab, wenn es versäumt, die einfachsten Regeln christlicher Liebe und Barmherzigkeit zu praktizieren!

Verse 9–10: Eine Witwe werde verzeichnet, wenn sie nicht weniger als sechzig Jahre alt ist, (die) Frau eines Mannes (war), ein Zeugnis hat in guten Werken, wenn sie Kinder auferzogen, wenn sie Fremde beherbergt, wenn sie (der) Heiligen Füße gewaschen, wenn sie Bedrängten Hilfe geleistet hat, wenn sie jedem guten Werk nachgegangen ist.

Seit den frühesten Zeiten haben verschiedene Ausleger in den hier genannten Witwen einen besonderen Stand von ordinierten, als „Diakonissen“ dienenden Witwen sehen wollen, obwohl hierüber im ganzen Neuen Testament weiter nichts geschrieben steht. W. Kelly schreibt in seiner Auslegung zu dieser Stelle: „Hier ist mehr die Rede von Witwen in einer bevorrechtigten oder auch offiziellen Stellung. Aber nichts deutet darauf hin, dass es sich bei diesen Witwen um eine Klasse von Diakonissen handelt, denn ihr Alter spricht geradezu gegen irgendwelche größere Aktivität dieser Art. Auch handelt es sich hier nicht um Ältestentätigkeit, obwohl das Mindestalter von sechzig Jahren dafür als Argument angeführt werden könnte.

Aus dem Zusammenhang kann man jedoch nicht die geringste Unterstützung für solche Aufgaben entnehmen, wenn auch manche Gelehrte aufgrund von Äußerungen griechischer und lateinischer Kirchenväter den Gedanken an weibliche Aufseher in diese Stelle hineinlegen wollen. Der Apostel spricht hier offenbar nur über solche Witwen, die die Versammlung zwecks Fürsorge und Versorgung in ein Verzeichnis aufnehmen sollte. Die erwähnten Kennzeichen beziehen sich daher auf ihr vergangenes Leben, nicht auf zukünftige größere oder kleinere Pflichten. In der Beschreibung der Witwen ist eine gewisse Steigerung zu erkennen: erstens: Witwen im Allgemeinen, zweitens: wirkliche Witwen und drittens: Witwen, die von der Versammlung speziell als solche anerkannt und verzeichnet wurden. Daraus kann man jedoch keine Andeutung einer organisierten oder gar ordinierten Witwenklasse entnehmen, obwohl bekannt ist, dass es so etwas später gegeben hat“ (Exposition of the First Epistle to Timothy).

Der Apostel teilt Timotheus also mit, welche Witwen verzeichnet, das heißt in die Liste der Personen aufgenommen werden sollten, die von der Versammlung unterhalten wurden. Es konnte sich dabei nur um solche Witwen handeln, die keine Mittel oder Einkünfte, aber auch keine näheren Familienangehörigen besaßen. Sie mussten wenigstens sechzig Jahre alt sein. In diesem für damalige Verhältnisse hohen Alter konnten sie nicht mehr leicht für ihren eigenen Unterhalt sorgen. Deshalb musste die Versammlung einspringen. Daraus allerdings den Schluss zu ziehen, dass die Versammlung jüngere Witwen, zum Beispiel bei Krankheiten oder sonstigen Notfällen, nicht zu unterstützen brauchte, wäre falsch. Die über sechzig Jahre alten Witwen sollten jedoch verzeichnet werden, damit sie eine regelmäßige Unterstützung empfingen. Diese wirklichen Witwen hatten den Geschwistern viel gedient und sollten jetzt, da sie es nicht mehr in dem früheren Maß zu tun vermochten, von der Versammlung nicht vernachlässigt werden.

Als erste Bedingung für die Unterstützung wird die Tatsache genannt, dass sie die Frau eines Mannes gewesen war. Diese Bemerkung gleicht derjenigen hinsichtlich der Aufseher in Kapitel 3,2 (vgl. Lk 2,36.37). Gemeint ist hier wohl in erster Linie, dass die Witwe ihrem Mann die eheliche Treue gehalten hatte.

Außerdem musste eine Witwe, die verzeichnet wurde, ein Zeugnis in guten (griech. kalos) Werken haben, das sind Werke, durch die der Herr verherrlicht wird. Als nächste Voraussetzung wird die Erziehung von Kindern genannt. Die Tatsache, dass hier nicht von ihren (eigenen) Kindern gesprochen wird, könnte darauf hindeuten, dass sie sich auch anderer, bedürftiger Kinder angenommen und sie in der Zucht und Ermahnung des Herrn auferzogen hat. Fremden gegenüber musste sie gastfrei gewesen sein. Diese Tugend wird mehrfach im NT erwähnt und setzt Hingabe und Freigebigkeit voraus (Röm 12,13; Heb 13,2). Es ist die besondere Aufgabe der Hausfrau, wahre Gastfreundschaft zu üben und dadurch die Herzen der Heiligen zu erquicken. Damit in Verbindung steht auch die nächste Bedingung, „wenn sie der Heiligen Füße gewaschen ... hat“. In den damaligen Zeiten und Umständen war dies eigentlich eine Sklavenarbeit, die man dem müden Wanderer, der ins Haus einkehrte, zuteil werden ließ als Zeichen besonderer Fürsorge und Gastfreundschaft. Welch eine Erquickung war es für den Reisenden in heißen Gegenden, der nur mit Sandalen beschuht war, nach einem mühevollen Fußmarsch über staubige Straßen und Wege, wenn er diesen einfachen, aber wichtigen Dienst empfing. Wer ihn ausübte, folgte damit in Demut auch dem Beispiel des Herrn Jesus, der die Füße Seiner Jünger wusch (Joh 13). Wenn heute in unseren Breiten ein solcher Dienst auch nicht erforderlich ist, gibt es doch sicherlich manche vergleichbaren Aufgaben, die eine Dienerin des Herrn an den Heiligen erfüllen kann, besonders an den Brüdern, die am Werk des Herrn arbeiten.

Auch sollte die Witwe Bedrängten Hilfe geleistet haben, wodurch sie Mitgefühl und Barmherzigkeit unter Beweis stellen konnte. In den Zeiten der Verfolgungen gab es viele Bedrängnisse. Manche Gläubige hatten alle ihre Habe verloren (vgl. Heb 10,34) und benötigten in ihrer Bedrängnis Hilfe. Auch heute gibt es trotz veränderter Lebensbedingungen noch Fälle äußerer und innerer Bedrängnis, in denen Hilfeleistung sehr angebracht ist. Unter den in 1. Korinther 12,28 aufgezählten Gnadengaben werden auch Hilfeleistungen ausdrücklich erwähnt.

Zum Schluss fasst der Apostel alles mit den Worten zusammen: „Wenn sie jedem guten (griech. agathos) Werk nachgegangen ist.“ Er hatte nur einige dieser Werke aufgezählt, aber es gab sicherlich noch weitere, die ein Herz voll Hingabe für den Herrn und die Seinigen erkennen und tun konnte. Dieser Satz ist keine bloße Wiederholung der Worte am Anfang dieser Aufzählung: „Wenn sie ... ein Zeugnis hat in guten Werken.“ Das dort verwendete Wort (griech. kalos) bedeutet „an und für sich gut, edel“. Solche guten Werke sind gut in den Augen Gottes, müssen aber nicht unbedingt im Blick auf andere Menschen geschehen. Die zuletzt genannten guten Werke (griech. agathos) sind solche, die auch mit „wohltätig“ umschrieben werden können, das heißt, dass in ihnen der Wunsch zum Ausdruck kommt, anderen Gutes zu tun.

Eine Witwe, deren Leben so erfüllt war durch den Dienst für den Herrn und die Seinigen, war, obwohl äußerlich arm, doch innerlich reich. Wenn für sie besondere Sorge getragen werden sollte, würde das sicher nicht dazu führen, dass sie für andere nicht mehr nach Vermögen sorgte. Deshalb die Anweisung, diese wirklichen Witwen besonders zu ehren.

Verse 11–12: Jüngere Witwen aber weise ab; denn wenn sie üppig geworden sind gegen Christus, so wollen sie heiraten und fallen (dem) Urteil anheim, weil sie den ersten Glauben verworfen haben.

Bei jüngeren Witwen konnten Gefahren lauern, auf die der Apostel hier hinweist. Der Ernst und die Einfachheit des Lebens einer wirklichen, ganz dem Dienst für ihren Herrn geweihten Witwe konnte ihnen eine zu schwere Last sein. Der Eigenwille konnte wach werden und sie auf Abwege führen. Dabei wurde ihre wahre Beziehung zu dem Herrn offenbar. Wenn Gott einen Ehegatten durch den Tod hinwegnimmt, ist das für den zurückbleibenden Teil immer eine ernste Sprache Gottes. Von einer gläubigen Witwe könnte also erwartet werden, dass sie aus diesem Reden Gottes und ihrem Schmerz die Lehre zieht, dass die Zeit gedrängt ist und dass die Gestalt dieser Welt vergeht (vgl. 1. Kor 7,29–31). Aber wenn solche den Herrn aus dem Auge verlieren und Sein Handeln mit ihnen nicht verstehen, suchen sie nicht mehr Ihm zu dienen, sondern werden üppig gegen Ihn und rasten und ruhen nicht eher, als bis sie sich wieder in dem Zustand befinden, den Er doch in Seinen Wegen mit ihnen gerade erst beendet hatte. So fallen sie dem Urteil anheim (wörtlich: haben – [das] Urteil), weil (oder: dass) sie ihren ersten Glauben verworfen haben.

Die Worte „fallen dem Urteil anheim“ sind in der englischen und französischen Bibelübersetzung von J. N. Darby sowie in der niederländischen Voorhoeve-Übersetzung durch „sind schuldig“ wiedergegeben. W. Kelly übersetzt: „sie haben als Anklage, dass sie den ersten Glauben verworfen haben“. Sie machen sich durch ihr Tun schuldig und klagen dadurch sich selbst an. Mit „Glaube“ ist hier wohl das praktische Vertrauen auf Gott gemeint. Ein Abfall vom christlichen Glauben ist in einem solchen Verhalten doch nicht zu sehen, obwohl es dazu kommen könnte. Anstatt wie früher auf Gott und Seine Führung zu warten, verwarfen sie diese Glaubensfrische und handelten unabhängig von Gott, indem sie selbst ihren Lebensweg bestimmen wollten.

Vers 13: Zugleich aber lernen sie auch, müßig (zu sein), indem sie in den Häusern umherlaufen; nicht allein aber müßig, sondern auch geschwätzig und vorwitzig, indem sie reden, was sich nicht geziemt.

Wenn man dem Eigenwillen freien Lauf lässt und den Dienst für den Herrn nicht mehr im Herzen hat, dann sind die Folgen immer schlimm. Das Leben wird geistlich leer und müßig. Aber da der Geist des Menschen immer irgendeine Beschäftigung sucht, gehen solche in den Häusern umher, um so die Zeit totzuschlagen. Der Apostel sagt von ihnen, dass sie nicht nur müßig sind, sondern auch geschwätzig und vorwitzig. Das Wort „vorwitzig“ (griech. periergos) kommt nur noch in Apostelgeschichte 19,19 vor, wo es für die Zaubereien der ephesischen Wahrsager gebraucht wird. Hier bedeutet es, sich mit unnützen, überflüssigen Dingen zu beschäftigen. Wenn das Herz eines Kindes Gottes nicht mit Christus beschäftigt ist, wird über alles Mögliche geredet, man steckt seine Nase in alles, und Streit und Zerrüttung sind die Folgen. Müßigkeit, Neugier und Klatschsucht offenbaren sich schließlich in ungeziemenden Reden, bei denen man sich vergisst und jedes Gefühl für Wohlverhalten verliert. – Diese Dinge sollten für jeden Christen ein ernster Prüfstein seines Verhaltens sein, wenn auch hier eine besondere Veranlassung durch die jüngeren Witwen gegeben ist.

Verse 14–15: Ich will nun, dass jüngere (Witwen) heiraten, Kinder gebären, Haushaltung führen, dem Widersacher keinen Anlass geben (der) Schmähung wegen; denn schon haben sich einige abgewandt, dem Satan nach.

Ebenso wenig wie alle jüngeren Witwen unter das in den Versen 11–13 ausgesprochene Urteil fallen, meint der Apostel hier alle jüngeren Witwen ohne Ausnahme. Das geht schon daraus hervor, dass in beiden Fällen der Artikel fehlt, wodurch ausgedrückt wird, dass es sich nicht um die bestimmte ganze Gruppe handelt, sondern um solche, die diese Kennzeichen trugen. Daher besteht auch kein Widerspruch zwischen dem Willen des Apostels Paulus in Vers 14 und dem Eigenwillen der jüngeren Witwen in Vers 11. In 1. Korinther 7,1–11 und 25–40 wird das Thema der Heirat und Ehe ausführlich behandelt. Inspiriert vom Heiligen Geist gibt der Apostel dort zuerst das klare Gebot des Herrn wieder (Vers 10), aber auch wie hier seine Gedanken als ein vom Herrn Begnadigter (Verse 6.8.12.25.35.40). Dies waren keine Offenbarungen von Seiten Gottes, sondern die Gedanken eines auserwählten Gefäßes, deren Richtigkeit Gott dadurch bestätigte, dass Er sie durch die Leitung des Geistes in Sein unfehlbares Wort aufnahm. So sagt Paulus hier, dass er will, dass jüngere Witwen heiraten, weil es den meisten Menschen nicht gegeben ist, allein zu sein wie Paulus selbst. Wenn eine jüngere Witwe ihre Gedanken und Wünsche dem Herrn vorlegt, auf Seine Führung und Zeit wartet, so ist das durchaus in Übereinstimmung mit Seinem Willen, wenn alles unter dem Leitgedanken steht: „Wenn aber der Mann entschlafen ist, so ist sie frei, sich zu verheiraten, an wen sie will, nur im Herrn“ (1. Kor 7,40). Heiraten, Kinder gebären, Haushalt führen, dem Widersacher keinen Anlass geben – alle diese Dinge stehen als Kennzeichen einer gläubigen Frau im Gegensatz zu dem in den Versen 11–13 Gesagten. Alles soll „anständig und in Ordnung“ geschehen (vgl. 1. Kor 14,40). Es ist sehr beachtenswert, dass Gott im Blick auf die Ordnung in Seinem Haus solche Einzelheiten erwähnen lässt. Ob es sich nun um die Ältesten (Kap 3,4–7), die Diener (Kap 3,10–13) oder die Witwen handelt, immer soll das Bewusstsein der Zugehörigkeit zum Haus Gottes im Herzen lebendig sein. In Seinem Haus darf nichts zugelassen sein, was dem Widersacher Anlass zur Schmähung gibt. Der Widersacher ist nicht Satan selbst, sondern es sind damit Menschen gemeint, die sich zu seinen Werkzeugen machen lassen (vgl. 1. Kor 16,9; Phil 1,28; 2. Thes 2,4: „welcher widersteht“).

Weil sie diese Belehrungen nicht beachtet hatten, hatten sich etliche dieser Witwen (siehe Vers 12) abgewandt, dem Satan nach. Sie hatten damit nicht den christlichen Glauben aufgegeben, wohl aber den Wandel des Glaubens, zumal im Blick auf Keuschheit und Sittsamkeit. So waren sie in die Schlinge des Teufels geraten.

Vers 16: Wenn ein Gläubiger oder eine Gläubige Witwen hat, (so) leiste er ihnen Hilfe, und die Versammlung werde nicht belastet, damit sie denen Hilfe leiste, die wirklich Witwen sind.

Viele deutsche Bibelübersetzungen (z. B. Zürcher, Menge, Schlatter, Weizsäcker) lassen die Worte „Ein Gläubiger oder“ aus, ebenso die Herausgeber des Greek New Testament (herausgegeben von United Bible Societies und im Text identisch mit Nestle-Aland, 27. Aufl.). Letztere bemerken dazu, dass beträchtliche Zweifel darüber bestehen, ob es korrekt ist, „eine Gläubige“ zu lesen oder „ein Gläubiger oder eine Gläubige“. Die längere Lesart findet sich in den meisten späteren Handschriften und dadurch auch im Textus Receptus, während unter anderem in mehreren guten alten Handschriften nur „eine Gläubige“ steht. Der bekannte Schriftforscher W. Kelly führt hierzu aus: „Das Gewicht des Zeugnisses für die kürzere Lesart piste (A C F G P usw. sowie einige alte Übersetzungen und Kirchenväter) ist so groß, dass die bedeutendsten modernen Herausgeber diesem gefolgt sind. Die Stelle ergibt dadurch jedoch einen eigenartigen und unbefriedigenden Sinn. Warum sollte die Unterstützung oder Hilfe für eine jüngere Witwe ausgerechnet einer gläubigen Frau zufallen? Entspräche dies der Nüchternheit, der Großzügigkeit und Weisheit der Heiligen Schrift? Viel verständlicher ist es, wenn in einer solchen Notlage gläubige Männer oder Frauen angesprochen würden. Diesen Text bieten die Handschriften D K L, die meisten Minuskeln, einige alte Übersetzungen und Kirchenväter“ (Exposition of the First Epistle to Timothy). Einige Kirchenväter und alte Übersetzungen erwähnen nur die männliche Form „ein Gläubiger“. Wenn wir die angeführten Feststellungen abwägen, spricht doch alles für die Beibehaltung der längeren Lesart „ein Gläubiger oder eine Gläubige“.

In Vers 4 waren die Kinder und Enkel der Witwen auf ihre vor Gott angenehme Pflicht des Unterhaltes ihrer Eltern und Großeltern hingewiesen worden, und in Vers 8 war die Vernachlässigung dieser Pflicht ernst gerügt worden. Hier in Vers 16 geht der Apostel noch weiter. Er legt den gläubigen Männern oder Frauen, die Witwen in ihren Häusern hatten, (ohne Rücksicht auf den Verwandtschaftsgrad) ans Herz, diesen Witwen Hilfe zu leisten, damit die Versammlung nicht belastet oder gehindert würde, denen zu helfen, die wirklich Witwen sind (vgl. Vers 3.5.9–10). Das menschliche Herz neigt dazu, Verantwortung auf andere – besonders auf die Allgemeinheit – abzuwälzen. Aber die Versammlung ist kein „Unterstützungsverein“. Der Glaube enthebt den Menschen nicht der persönlichen Verantwortung. Gott hat die Ehe und die Familie in der Schöpfung eingesetzt. Die Bindung der Familienmitglieder untereinander soll sich auch in der gegenseitigen Fürsorge in Notfällen offenbaren. Solange eine Witwe noch Familienangehörige hat, die sie unterstützen können, ist sie nicht im hier genannten Sinn „wirklich Witwe“, die der Fürsorge der Versammlung anbefohlen wird.

Verse 17–18: Die Ältesten, die wohl vorstehen, lass doppelter Ehre für würdig erachtet werden, besonders die, die da arbeiten in Wort und Lehre. Denn die Schrift sagt: „Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden“, und: „Der Arbeiter ist seines Lohnes wert“.

Wie wir bereits bei der Betrachtung von Kapitel 3,1 sahen, bezeichnet das Wort „Älteste“ im NT im Allgemeinen dieselbe Gruppe von Dienern der Versammlung wie „Aufseher“. Das griech. Wort ist nichts anderes als der Komparativ (Steigerungsform) von „alt“ (griech. presbys) und bedeutet normalerweise „älter“ (griech. presbyteros). In diesem Sinn wird es in Lukas 15,25 für den Bruder des verlorenen Sohnes verwendet. In 1. Timotheus 5,1 und 1. Petrus 5,5 bedeutet es „älterer Mann“, wobei der Gegensatz zu den jüngeren deutlich hervortritt.

Bereits im Volk Israel gab es jedoch seit alter Zeit die Gewohnheit, dass ältere, verständige Männer als Führer anerkannt wurden und insgesamt die Bezeichnung „Älteste“ trugen (vgl. 2. Mo 24,9; 1. Sam 16,4). Auch in der neutestamentlichen Versammlung in Jerusalem gab es solche Ältesten und Führer, ohne dass wir etwas von ihrer Einsetzung in ein Amt lesen. In den neu entstandenen Versammlungen außerhalb Judäas wurden jedoch vielfach Älteste von den Aposteln oder von ihren Beauftragten angestellt (Apg 14,23; Titus 1,5; vgl. Apg 20,17 und Phil 1,1).

Der Zusatz in Vers 17: „welche wohl vorstehen“ macht klar, dass es sich hier nicht einfach um ältere Brüder handelt, sondern um solche, die den Dienst von Ältesten oder Aufsehern empfangen hatten. Ihre Aufgabe bestand darin, die Herde Gottes, die bei ihnen war, zu hüten (vgl. Apg 20,28; 1. Pet 5,2). Die Versammlungen werden aufgefordert, den Dienern des Herrn bei ihrem oft schwierigen Dienst die gebührende Ehre zu erweisen (1. Kor 16,16; 1. Thes 5,13; Heb 13,17). Wenn sie ihren Dienst nun mit besonderer Hingabe taten und der Versammlung, in der sie dienten, wohl vorstanden, dann sollte Timotheus darauf achten, dass sie doppelter Ehre würdig erachtet wurden. In ganz besonderer Weise galt dies für diejenigen, die in Wort und Lehre arbeiteten. Obwohl die Ältesten oder Aufseher lehrfähig sein mussten (Kap 3,2; Tit 1,9), war es offenbar nicht die Aufgabe aller Ältesten, in Wort und Lehre zu dienen, sondern in erster Linie die Ordnung im Haus Gottes aufrechtzuerhalten. Aber schon damals scheint es an der Achtung ihrer Autorität und der damit verbundenen Ehrerbietung gefehlt zu haben, sonst hätte Paulus dem Timotheus nicht ans Herz zu legen brauchen, die Ältesten, die wohl vorstanden, doppelter Ehre würdig achten zu lassen. Was ist mit doppelter Ehre gemeint? Sicherlich nicht nur ein erhöhtes Maß an Achtung. Der folgende Vers gibt mit seinem einleitenden, begründenden Bindewort einen deutlichen Hinweis darauf, dass außer der liebevollen Achtung auch eine materielle Unterstützung gefordert wird. Auf diese Seite des Dienstes geht Paulus in 1. Korinther 9 ausführlich ein. Es ist demnach die Pflicht der Kinder Gottes, denjenigen, die unter ihnen arbeiten, in materieller Hinsicht behilflich zu sein. Inwieweit die Diener darauf angewiesen sind oder davon Gebrauch machen, ist eine andere Frage. Paulus selbst wollte lieber mit eigenen Händen arbeiten und seinen Lebensunterhalt bestreiten, um so das Evangelium kostenfrei zu machen, als sich dem Vorwurf aussetzen, die Freigebigkeit der Gläubigen auszunutzen (vgl. Apg 20,33–35; 1. Kor 9,15; 2. Thes 3,7–10). Auch darin wollte der große Apostel ein Vorbild für andere sein.

Dennoch bleibt der Grundsatz bestehen: „Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden“ (vgl. Gal 6,6). Diesen Vers aus 5. Mose 25,4 hatte Paulus schon einmal in 1. Korinther 9,9 angeführt und hinzugefügt: „Ist Gott etwa um die Ochsen besorgt? oder spricht er nicht durchaus unsertwegen? Denn es ist um unsertwillen geschrieben, dass der Pflügende auf Hoffnung pflügen soll, und der Dreschende auf Hoffnung dreschen, um dessen teilhaftig zu werden.“ Der Israelit, der sich zur Erntezeit an dieses Gebot Gottes hielt, war sich seiner tiefen geistlichen Bedeutung sicherlich nicht bewusst. Es ist für uns jedoch eine Bestätigung für die Erhabenheit und Einheit des ganzen Wortes Gottes sowie für die Wahrheit von 1. Korinther 10,11: „Alle diese Dinge aber widerfuhren jenen als Vorbilder und sind geschrieben worden zu unserer Ermahnung, auf die das Ende der Zeitalter gekommen ist“ (vgl. Röm 15,4). Das folgende Zitat: „Der Arbeiter ist seines Lohnes wert“ stammt aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 10,7 (nicht aus Mt 10,10, wo es „Nahrung“ statt „Lohn“ heißt). Dieses Zitat ist aus zwei Gründen sehr bemerkenswert und wichtig. Erstens zeigt es, dass das Evangelium nach Lukas bereits bei der Abfassung des ersten Briefes an Timotheus vorlag. Zweitens beweist es, dass dieses sogleich von den Gläubigen als ein zur Heiligen Schrift gehörendes, kanonisches Buch anerkannt wurde. Die einleitenden Worte: „denn die Schrift sagt ...“ stellen die Zitate aus 5. Mose 24,4 und Lukas 10,7 auf eine Ebene, den Boden des göttlich inspirierten Wortes. Das Wort „Schrift“ (griech. graphe) kommt im NT über fünfzigmal vor und bezeichnet immer das geschriebene Wort Gottes. Im Plural meint es die Gesamtheit der alttestamentlichen Schriften (z. B. Mt 21,42; Joh 5,39), teilweise jedoch auch die im Entstehen begriffenen Schriften des NT (vgl. Röm 16,26; 2. Pet 3,16). Im Singular wird graphe meistens für einzelne Schriftstellen gebraucht (z. B. Mk 12,10; Lk 4,21). Die Tatsache, dass hier eine Stelle aus dem Lukasevangelium als zur Schrift gehörend betrachtet wird, zeigt uns, dass der Heilige Geist mit der gleichen Sorgfalt die Zusammenstellung der einzelnen Schriften zur Bibel leitete, wie Er die Schreiber bei der Abfassung ihrer Bücher inspirierte. Der vorliegende Vers ist jedoch nicht der einzige Beweis für die göttlich bewirkte Gleichstellung der neutestamentlichen Schriften mit denen des AT. Auch der Apostel Petrus anerkennt die göttliche Autorität der Briefe seines geliebten Bruders Paulus, wenn er sie mit den „übrigen Schriften“ des AT auf eine Stufe stellt (2. Pet 3,16).

Vers 19: Gegen einen Ältesten nimm keine Klage an, außer bei zwei oder drei Zeugen.

Auch ein Ältester konnte in seinem Dienst oder in seinem Wandel fallen. Der Feind der Seelen hat es besonders auf die Diener des Herrn abgesehen. Wenn er sie zu Fall bringen kann, ist der Schaden größer als bei anderen. Anklagen gegen einen Ältesten mussten daher mit besonderer Sorgfalt behandelt werden. Deshalb durfte Timotheus gegen einen Ältesten keine Klage annehmen, außer bei zwei oder drei Zeugen. Dieser Grundsatz mehrerer Zeugen galt bereits im mosaischen Gesetz: „Ein einzelner Zeuge soll nicht gegen jemanden auftreten wegen irgendeiner Ungerechtigkeit und wegen irgendeiner Sünde, bei irgendeiner Sünde, die er begeht; auf zweier Zeugen Aussage oder auf dreier Zeugen Aussage soll eine Sache bestätigt werden“ (5. Mo 19,15; vgl. Kap 17,6). Wie leicht kann aus persönlichen, fleischlichen Motiven eine Anklage von einem Einzelnen ausgesprochen werden! Aber auch bei aufrichtiger Beurteilung ist kein Mensch in der Lage, als Einzelner ein wirklich objektives Urteil zu finden. Deshalb werden wir vom Herrn selbst aufgefordert, nicht nur in diesen, sondern in allen Fällen, wo Schwierigkeiten zwischen Brüdern aufgetreten sind, die im persönlichen Zwiegespräch nicht gottgemäß geordnet werden können, einen oder zwei Brüder hinzuzuziehen, „damit aus zweier oder dreier Zeugen Mund jede Sache bestätigt werde“ (Mt 18,16; vgl. 2. Kor 13,1).

Vers 20: Die da sündigen, überführe vor allen, damit auch die Übrigen Furcht haben.

Die Verse 19–21 haben Bezug auf Älteste, die der Sünde beschuldigt wurden. Sie hatten damals durch ihre offizielle Ernennung eine besondere Stellung in der Versammlung. Deshalb durfte eine Anklage gegen sie nicht leichtfertig erhoben oder angenommen werden. Wenn nun eine von zwei oder drei Zeugen bestätigte Anklage gegen einen Ältesten begründet war und tatsächlich Sünde vorlag, so sollte dieser Bruder vor allen überführt oder bestraft werden. Das griech. Wort elencho hat die folgenden Bedeutungen: überführen (z.B. Mt 18,15; Joh 16,8; 1. Kor 14,24; Tit 1,9), bloßstellen (Eph 5,13), strafen (Lk 3,19; Eph 5,11; 2. Tim 4,2) und zurechtweisen (Tit 1,13).

Nicht leicht zu beantworten ist in diesem Vers einmal die Frage, ob es sich bei denen, die da sündigen, tatsächlich um die ab Vers 17 erwähnten und in Vers 19 angeklagten Ältesten oder allgemeiner um Glieder der örtlichen Versammlung handelt. Daraus ergibt sich sogleich eine zweite Frage: Wenn es sich bei denen, die sündigen, um Älteste handelt, bedeutet dann ihre Überführung „vor allen“ vor der gesamten Versammlung oder nur vor allen übrigen Ältesten? W. Kelly möchte diesen Vers nicht auf Älteste beschränken, sondern auf alle Glieder einer Versammlung anwenden. J. N. Darby gibt in seiner Synopsis hierzu keinen Kommentar, macht aber zweimal in seinen Schriften Bemerkungen im Sinn einer allgemeinen Anwendung. Andere Ausleger wie F. W. Grant, H. Rossier (sowie die kirchlichen Ausleger) beziehen diesen Vers nur auf die Ältesten. Mehrere Argumente sprechen für die letzte Erklärung. Der Gegenstand der Verse 17–21 ist doch die Stellung der Ältesten. Es wäre ungewöhnlich, wenn in Vers 20 plötzlich eine allgemeine Anweisung gegeben würde. So sind in Kapitel 3,11 auch nicht alle Frauen, sondern nur die der Diener (Diakone) gemeint. In den Versen 17–18 werden die Ältesten, die wohl vorstehen, genannt, in Vers 19 geht es um Anklagen gegen einen Ältesten, und folgerichtig wird in Vers 20 die Handlungsweise bei begründeten Anklagen beschrieben. Außerdem würde dieser Vers bei einer ganz allgemeinen Anwendung im Widerspruch zu anderen Schriftstellen stehen. Wenn ein Bruder oder eine Schwester in Sünde fällt, ohne dass dabei ein böser Zustand offenbar wird, ist der erste Schritt immer die persönliche Zurechtbringung (Mt 18,15; Gal 6,1; Jak 5,19.20). Schließlich haben Personen, die eine führende und damit vorbildliche Stellung einnehmen, nach Gottes Wort eine besondere Verantwortung. Wenn ein Priester oder ein Fürst Israels gesündigt hatte, musste er ein größeres Opfer bringen, als jemand aus dem Volk (vgl. 3. Mo 4,3.22.27).

Eine solche öffentliche Überführung kann sich daher nur auf die Ältesten beziehen. Bei ihnen war diese ernste Art der Zurechtweisung angebracht. Ein Beispiel dafür sehen wir in Galater 2,11ff, als Paulus Petrus öffentlich zurechtwies. Petrus nennt sich selbst in 1. Petrus 5,1 der „Mitälteste“, aber er war mehr, nämlich ein Apostel. Wenn er nicht „vor allen“ bestraft worden wäre, um sein öffentliches Ansehen nicht zu schädigen, so wäre eine gefährliche Gleichgültigkeit der Gläubigen hinsichtlich der Sünde zu befürchten gewesen. Gerade weil es sich um eine angesehene Person handelte, trug das Böse einen ernsteren Charakter, der eine öffentliche Bestrafung erforderlich machte. Das schlechte Beispiel eines solchen Führers konnte andere zum Bösen verleiten. So war es in Antiochien bereits geschehen. „Und mit ihm heuchelten auch die übrigen Juden, so dass selbst Barnabas durch ihre Heuchelei mit fortgerissen wurde. Aber als ich sah, dass sie nicht den geraden Weg nach der Wahrheit des Evangeliums wandelten, sprach ich zu Kephas vor allen ...“ (Gal 2,13–14). So gebietet Paulus es nun auch dem Timotheus.

Eine weitere Schwierigkeit in diesem Vers ist, ob die Worte „vor allen“ vor allen Ältesten oder vor allen Gläubigen bedeuten. Diejenigen Ausleger, die in denen, „die da sündigen“, nur die Ältesten sehen, neigen dazu, in „allen“ auch nur die übrigen Ältesten zu sehen, so dass dieser Vers bedeuten würde: die Ältesten, die da sündigen, überführe vor allen übrigen Ältesten, damit auch sie Furcht haben. Wie leicht könnte aber durch eine Zurechtweisung in einem kleinen Kreis der Anschein der Heimlichtuerei entstehen, wodurch Anlass zu übler Nachrede gegeben wäre! Wenn aber die Darlegung der Angelegenheit und die Zurechtweisung in ernster und ruhiger Weise vor der ganzen Versammlung erfolgte, dann musste die Auswirkung bei allen eine tiefe Furcht vor der Sünde sein.

Nach dieser etwas eingehenderen Betrachtung des Verses 20 im Licht der ganzen Heiligen Schrift gibt die folgende Umschreibung den Sinn am besten wieder: die Ältesten, die da sündigen, überführe vor allen Gläubigen, damit auch die Übrigen Furcht haben. – Obwohl es heute keine rechtmäßig angestellten Ältesten oder Aufseher mehr geben kann (vergleiche das zu Kapitel 3,1–7 Gesagte), gilt dieser Grundsatz doch noch im Blick auf solche Brüder, die der Herr in besonderer Weise in der Mitte der Gläubigen benutzt und die deshalb eine besondere Verantwortung haben, und in einzelnen Fällen auch darüber hinaus.

Vers 21: Ich bezeuge ernstlich vor Gott und Christus Jesus und den auserwählten Engeln, dass du diese (Dinge) ohne Vorurteil beobachtest, indem du nichts nach Gunst tust.

Dieser Vers bekräftigt in ernster Weise die Wichtigkeit der vorhergehenden Ermahnungen. Wenn diese auch buchstäblich auf die damals angestellten Ältesten Anwendung finden, bleibt ihre grundsätzliche Bedeutung und ihre sittliche Kraft doch auch für uns bestehen. Paulus beruft sich dabei auf drei Zeugen: auf Gott, der über allem steht, auf Christus Jesus, den verherrlichten Menschen zur Rechten Gottes, der das Haupt der Versammlung ist, und auf die auserwählten Engel (vgl. Kap 6,13; 2. Tim 4,1). Engel sind zwar Geschöpfe, aber sie zeichnen sich aus durch Heiligkeit und Herrlichkeit. Zwar gibt es auch Engel, die ihren ersten Zustand nicht bewahrt und gesündigt haben (vgl. 1. Mo 6,2.4; 2. Pet 2,4; Jud 6) und deshalb schon jetzt Strafe leiden, während Satan und seine Engel (Mt 25,41) noch eine gewisse Freiheit haben (vgl. Hiob 1,6ff; Eph 2,2; 6,11–12; Off 12,7–10). Im Gegensatz dazu werden hier die auserwählten Engel erwähnt, die an anderer Stelle auch heilige Engel genannt werden (Mk 8,38; Lk 9,26). Die Engel sind Zeugen der großen Macht- und Liebestaten Gottes (vgl. Hiob 38,4–7; Lk 2,9–14; 22,43; 24,4; Joh 20,12; Apg 1,10; Eph 3,10; 1. Pet 1,12). Angesichts aller dieser Zeugen ermahnt Paulus den Timotheus, diese Dinge zu beobachten. Alles im Haus Gottes geschieht nicht nur vor den Augen der Gläubigen, sondern vor Gott, Christus Jesus und den auserwählten Engeln. Das wird manchmal vergessen. Timotheus durfte sich deshalb weder durch Vorurteile gegen jemand, noch durch Gunst für irgendeine Partei leiten lassen, sondern durch Vorsicht, Weisheit und ein geistliches Urteil, wie es sich für einen guten Diener Christi geziemt.

Vers 22: (Die) Hände lege niemand schnell auf und habe nicht teil an fremden Sünden. Bewahre dich selbst keusch.

Ab Vers 22 folgen allgemeinere Anweisungen an Timotheus, die jedoch in einem gewissen Zusammenhang mit dem Vorigen stehen. Die sinngemäß zusammenhängenden Ermahnungen werden durch eine persönliche Aufforderung an Timotheus in Vers 23 ergänzt.

Über die Bedeutung des Handauflegens im NT besteht viel Meinungsverschiedenheit. Im Judentum spielte die Handauflegung eine wichtige Rolle. Denken wir nur an die Handauflegung bei der Darbringung verschiedener Opfer (3. Mo 1,4; 3,8; 4,4; vgl. 3. Mo 16,21). Der Verfasser des Hebräerbriefes schreibt daher von einer Lehre des Handauflegens (Heb 6,2). Im NT finden wir drei verschiedene Arten von Handauflegung:

  1. Der Herr Jesus hat mehrfach Kindern segnend und Kranken heilend die Hände aufgelegt (Mt 19,15; Mk 6,5; 8,23; Lk 4,40; 13,13). Neben anderen Zeichen hat Er diese Kraft den Aposteln verheißen. Alle diese Zeichen der Macht Gottes sind in der apostolischen Zeit in Erfüllung gegangen (Mk 16,18; Apg 9,12.17; vgl. Heb 2,4). Bei dieser Art der Handauflegung besaßen oder empfingen die Werkzeuge göttliche Autorität und offenbarten so Seine Gnade.
  2. Zweimal empfingen Neubekehrte durch das Auflegen der Hände der Apostel den Heiligen Geist (Apg 8,17; 19,6), und einmal wurde dadurch einem Gläubigen eine Gabe verliehen (2. Tim 1,6). Dies waren jedoch Ausnahmen, bei denen Gott mit bestimmter Absicht Seine Apostel ehrte und als Segenskanäle benutzte. Normalerweise und in anderen Fällen geschah dies nicht so. Heute gibt es keine Apostel mit besonderen Aufgaben und Befugnissen wie im Anfang.
  3. Den von der Versammlung in Jerusalem gewählten Dienern legten die Apostel die Hände auf (Apg 6,6). Ähnliches geschah bei Paulus und Barnabas in Apostelgeschichte 13,3. Auch Timotheus waren von den Ältesten die Hände aufgelegt worden (s. bei Kap 4,14). Diese Art des Handauflegens war der Ausdruck der Gemeinschaft oder Einsmachung.

Aus keiner Stelle des NT können wir entnehmen, dass die beiden ersten Arten der Handauflegung heute noch vorhanden sind. Andererseits war die dritte Art der Handauflegung allgemein der Ausdruck der Gemeinschaft, wie auch das Reichen der Hand (Gal 2,9). Nirgendwo steht jedoch, dass darin eine offizielle Bestätigung oder Ordinierung zum Ausdruck kam. Obwohl die Handauflegung bei der Erwählung der Diener in Apostelgeschichte 6 erwähnt wird, fehlt sie bei der Ernennung von Ältesten. Das Auflegen der Hände, bei dem Timotheus zur Wachsamkeit ermahnt wurde, war also keine offizielle Handlung und steht in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit den vorigen Versen. Wenn Timotheus auf diese Weise seine innige Gemeinschaft mit einem Gläubigen zum Ausdruck bringen wollte, dann sollte er dies nicht übereilt tun. Wenn er den sittlichen Charakter und den Wandel des betreffenden Gläubigen nicht kannte, konnte es geschehen, dass er sich dadurch mit dessen Sünden einsmachte. Diese Worte sind ein wichtiger Hinweis auf die so leicht übersehene Tatsache, dass in Gottes Augen auch die Verbindung mit Bösem verunreinigt. Durch die Gemeinschaft mit Sündern oder den Umgang mit Gläubigen, die in Sünde leben, macht sich jeder Erlöste vor Gott und den Seinigen schuldig (1. Kor 5,11; 2. Kor 6,14–18; 2. Joh 10.11).

Die folgenden Worte: „Bewahre dich selbst rein“, sollen einerseits die Wichtigkeit des vorigen Gedankens unterstreichen. Aber andererseits sind sie eine erneute Aufforderung an Timotheus, auf sich selbst Acht zu geben (vgl. Kap 4,16), damit er nicht nur vor Tatsünden, sondern auch vor jeder Art von geistlicher und sittlicher Verunreinigung bewahrt blieb. Keuschheit ist nur ein Teil dieser inneren Reinheit, die jedes Kind Gottes, besonders aber den Diener Christi zieren soll (vgl. Kap 4,12; 2. Kor 7,1).

Vers 23: Trinke nicht länger nur Wasser, sondern gebrauche ein wenig Wein, um deines Magens und deines häufigen Unwohlseins willen.

Dieser Vers schließt sich an die vorherigen Worte an: „Bewahre dich selbst rein.“ Offenbar hatte Timotheus es sich zur Gewohnheit gemacht, überhaupt keinen Wein mehr zu trinken. Der Wein war damals in den Mittelmeerländern ein Hauptnahrungs- und Genussmittel, vor dessen Missbrauch Gottes Wort allerdings häufig warnt. Paulus kannte wohl das Anliegen seines jungen Mitstreiters, sich selbst rein zu erhalten und alles zu meiden, was ihn irgendwie erregen oder gar das Fleisch befriedigen konnte. Durch diesen Verzicht vermied Timotheus auch, dass andere Anstoß an seinem Verhalten nahmen. Vielleicht neigte er aber auch von Natur oder aus anderen Gründen ein wenig zur Askese. Paulus sah diese ein wenig zum Extremen neigende Haltung seines jungen Mitarbeiters. Durch seine Worte in Vers 23 wollte er verhindern, dass Timotheus seiner Gesundheit dadurch weiteren Schaden zufügte, dass er sich dessen enthielt, was zu ihrer Erhaltung oder Förderung dienlich war. Der Christ hat die Freiheit, alles zu genießen, was Gott ihm darreicht, wenn seine Motive dabei aufrichtig sind (Kap 6,17b; 1. Kor 10,23.31).

Der Ausdruck „Wasser trinken“ ist im Griechischen ein einziges Wort (hydropoteo). Timotheus wird hier nicht aufgefordert, überhaupt kein Wasser mehr zu trinken, sondern nicht länger ein „Wassertrinker“ zu sein, der sich des Weines völlig enthält. Aus den Worten des Nachsatzes: „sondern gebrauche ein wenig Wein“, ist jedoch zu entnehmen, dass der Apostel ihn nicht zum unbeschränkten Weingenuss aufforderte, sondern ihm den Gebrauch von ein wenig Wein als heilsam für seinen schwachen Magen und wegen seines häufigen Unwohlseins empfahl.

Am Rand sei bemerkt, dass Paulus seinen Mitarbeiter nicht von seiner körperlichen Schwäche heilte, obwohl er die Gnadengaben der Heilungen in 1. Korinther 12 mehrfach erwähnte und auch persönlich besaß (vgl. Apg 28,8–9). Aber diese Gnadengabe war nicht dazu bestimmt, bei Gläubigen angewandt zu werden, sondern bei Ungläubigen. Auch andere kranke Mitarbeiter oder Freunde hat Paulus nicht geheilt.

Verse 24–25: Von einigen Menschen sind die Sünden vorher offenbar und gehen voraus zum Gericht, einigen aber folgen sie auch nach. Ebenso sind auch die guten Werke vorher offenbar, und die, die anders sind, können nicht verborgen bleiben.

Nach der Einschaltung in Vers 23, die von der Fürsorge des Apostels für Timotheus zeugt, wird in den Versen 24–25 der in Vers 22 begonnene Gedanke fortgeführt.

Die Sünden gewisser Menschen geschehen vor aller Augen. Man kann sie sofort beurteilen, und sie zeugen schon von dem Gericht, das auf sie folgt. Bei anderen jedoch sind die Sünden verborgen und werden von einem Mantel des Anstands oder der Frömmigkeit bedeckt. Sie werden erst später offenbar, in jedem Fall jedoch vor dem Thron Gottes. Timotheus sollte nicht durch voreilige Handauflegung an solchen verborgenen Sünden teilhaben, die auf den ersten Blick nicht erkennbar waren, und sich selbst rein erhalten.

Wie bei den Sünden, so ist es auch bei den guten Werken (griech. erga kala); (s. bei Kap 2,10). Es gibt gute Werke, die allen sichtbar werden. Selbstverständlich sind damit nicht die heuchlerischen „guten Werke“ gemeint, vor denen der Herr Jesus in Matthäus 6,1–18 so eindringlich warnt, sondern die von Gott gewirkte Frucht des neuen Lebens (vgl. Eph 2,10; Jak 2,14). An anderer Stelle sagte der Herr zu Seinen Jüngern: „Also lasst euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke (griech. erga kala) sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen“ (Mt 5,16). Durch solche Werke wird nicht derjenige, der sie tut, verherrlicht, sondern Gott. Während die Werke offenbar werden, tritt der Mensch zurück.

Aber es gibt auch Werke, die im Verborgenen getan werden und den Augen der Menschen im Allgemeinen unsichtbar bleiben. Aber Gott, unser Vater, sieht auch diese verborgenen Werke. Er nimmt jetzt Kenntnis davon und wird sie eines Tages, wenn auch nicht auf der Erde, so doch vor dem Richterstuhl Christi offenbar machen (2. Kor 5,10). Welch eine Ermunterung und auch welch ein Trost für manche, vielleicht sogar von Mitchristen verkannte Seele, die demütig und im Verborgenen für ihren Herrn gelebt und manches gute Werk getan hat!

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