Einführender Vortrag zum 1. Timotheusbrief

Kapitel 3

Einführender Vortrag zum 1. Timotheusbrief

Danach beschäftigt sich Paulus in Kapitel 3 nicht so sehr mit der geziemenden Ordnung nach außen hin, wie die Beziehung zwischen Mann und Frau, sondern mit der normalen Führerschaft unter den Erlösten und den Hilfsmitteln für letztere. Zunächst befaßt er sich mit dem bedeutungsvolleren Amt, welches auch mehr mit geistlichen Dingen in Verbindung steht, nämlich dem des Ältesten (oder Bischofs), danach mit dem des Dieners (oder Diakons). Das führt ihn natürlicherweise zum Haus Gottes. „Das Wort ist gewiß: Wenn jemand nach einem Aufseherdienst trachtet, so begehrt er ein schönes Werk. Der Aufseher nun muß untadelig sein,  eines Weibes Mann, nüchtern, besonnen, sittsam, gastfrei, lehrfähig; nicht dem Wein ergeben, kein Schläger, sondern gelinde, nicht streitsüchtig, nicht geldliebend, der dem eigenen Hause wohl vorsteht, der seine Kinder in Unterwürfigkeit hält mit allem würdigen Ernst.“ (V. 1-4). Es ist klar: Hier geht es keinesfalls um eine geistliche Gabe. Jemand mag mit einer großen Gabe ausgerüstet sein und doch keinen gut verwalteten Haushalt haben. Vielleicht verhält sich seine Ehefrau nicht angemessen; oder die Kinder sind aufsässig. Es spielt keine Rolle, was für eine Gabe er besitzt - wenn die Ehefrau oder die Familie zur Unehre sind, kann er kein Aufseher (denn das ist die einfache und wahre Bedeutung des Amtes eines „Bischofs“) sein.

In den frühen Tagen wurden Menschen zum Bekenntnis Christi geführt, welche Heiden waren und die Gewohnheiten des Heidentums pflegten. Manche von ihnen hatten mehr als eine Ehefrau. Solche mochten wahre und begabte Christen sein. Doch jeder, der sich in einer solchen unseligen Stellung befand, war davon ausgeschlossen, in offizieller Weise Aufsicht auszuüben. Das Übel der Polygamie (Vielweiberei) konnte zur damaligen Zeit nicht durch strenge Maßnahmen behoben werden. (Heutzutage wird es in der Christenheit als Kriminalfall behandelt.). Ein Entlassen von Ehefrauen war nämlich auch nicht richtig. Durch Seine Anweisung führte der Heilige Geist einen Grundsatz ein, welcher geeignet war, Polygamie in jeder Form abzustellen, (wie es dann auch tatsächlich geschah). Schon die Tatsache, daß ein Mann mit zwei oder mehr Ehefrauen nicht in ein Amt als Ältester oder Diener eingesetzt werden konnte, zeigt offensichtlich Mißbilligung. Andererseits, wenn ein Mann in solchen traurigen häuslichen Umständen lebte, war er keineswegs von einem Bekenntnis zu Christus ausgeschlossen; auch wurde ihm nicht verboten, das Evangelium zu verkündigen. Falls der Herr ihn durch Seine Gnade berufen oder ihn als eine Gabe der Kirche (Versammlung) gegeben hatte, beugte letztere sich darunter.

Aber ein Ältester oder Bischof konnte nur jemand sein, der nicht nur eine geeignete Gabe für sein Werk besaß, sondern auch in seiner Familie oder seinen Lebensumständen frei von jedem Schein eines Anstoßes für den Namen des Herrn lebte. Er mußte einen guten Leumund haben und sittlich tadellos hinsichtlich seiner selbst und seines Haushalts dastehen. Es mochte Prüfungen und Sorgen geben - wenige Familien sind frei davon. Hier wird jedoch von dem gesprochen, was dem öffentlichen Ruf der Versammlung schadete. Gerade aus diesem Grund war für eine örtliche Aufsicht sittliches Gewicht bedeutungsvoll. Der Aufseher sollte nicht nur fähig sein zu belehren, zu beraten und zurechtzuweisen, ihn mußte auch, um diesen Dienst wirkungsvoll ausführen zu können, ein gewisser Gott-gemäßer Einfluß zuhause und außerhalb kennzeichnen. In den praktischen Schwierigkeiten, bei denen ein Ältester oder Aufseher in der Versammlung ständig verpflichtet ist einzugreifen, sollten solche, deren Verhalten dieses Eingreifen fordert, keineswegs auf Mängel im Haushalt oder öffentlichen Leben und Geist des Aufsehers hinweisen können. So verlangt der Heilige Geist weise und heilig, daß er ein Mann von gutem Ruf zu sein hat. Weder Handlungen der Vergangenheit, noch gegenwärtige Gewohnheiten dürfen im geringsten sein Amt mit Schande belegen. Neben einem fleckenlosen Leumund benötigt er außerdem eine gewisse geistliche Erfahrung in seiner Familie. „Der dem eigenen Hause wohl vorsteht, der seine Kinder in Unterwürfigkeit hält mit allem würdigen Ernst ... nicht ein Neuling, auf daß er nicht, aufgebläht, ins Gericht des Teufels verfalle.“ Diese Bedingungen gelten nicht für den Dienst eines Mannes im Wort. Ein Christ darf fast unmittelbar nachdem er dem Wort der Wahrheit, dem Evangelium des Heils, glaubt, mit dem Predigen beginnen. Falls es hingegen um die öffentliche und verantwortungsvolle Stellung eines Ältesten in einer Versammlung geht, sieht die Angelegenheit anders aus.

Grundsätzlich setzte der Apostel niemals Älteste unmittelbar nach deren Bekehrung ein. Eine bestimmte Zeit war nötig für den Geist Gottes, um in den Seelen zu wirken und sie inmitten ihrer Geschwister zu erziehen. In dieser Zeit und auf diesem Weg sollten sie gewisse Fähigkeiten und moralische Eigenschaften zeigen sowie sittliches Gewicht gewinnen, sodaß sie respektiert und geschätzt wurden. Dabei konnten sie dann auch Erfahrung in einer Gott-gemäßen Sorge für das Wohlbefinden der Heiligen Gottes sammeln. Diese Voraussetzungen, nämlich angemessene Umstände sowie persönliche und familiäre Schicklichkeit, kennzeichneten eine Person, die für jenes Amt geeignet war.

Außerdem, davon wird hier allerdings nicht gesprochen, muß ein Aufseher durch eine bevollmächtigte Autorität eingesetzt werden, und die einzige, welche die Heilige Schrift anerkennt, ist die eines Apostels oder apostolischen Gesandten. So sind jene Christen, denen ein oberflächlicher Beobachter gegenwärtiger Tage eine Mißachtung der göttlichen Ordnung in dieser Hinsicht vorwirft, in Wahrheit diejenigen, welche an dieser Ordnung wirklich festhalten. Denn offensichtlich ist jedes Einsetzen eines Mannes in ein solches Aufsichtsamt ohne eine bevollmächtigte Autorität in Wirklichkeit eine Verfälschung desselben in allen seinen Quellen. Folglich sind jene Gläubigen, die sich weigern, eine solche Vollmacht anzuerkennen, im Recht und nicht jene, welche die Apostel ohne Berechtigung von seiten des Herrn nachahmen. Ich bin mir daher völlig sicher, daß die Geschwister, welche sich jetzt zum Namen des Herrn versammeln, barmherzig und verläßlich von Gott angeleitet sind, wenn sie sich nicht anmaßen, Älteste oder Aufseher (Bischöfe) einzusetzen. Sie besitzen genauso wenig die benötigte Autorität wie alle anderen. Darum gehen sie nicht weiter und gebrauchen das, was sie besitzen, und preisen Gott dafür. Eine Einsetzung muß immer die Frage erheben, wer diejenigen sind, die einsetzen; und es ist unmöglich für einen aufrichtigen Menschen mit Verständnis, eine schriftgemäße Antwort zu finden, welche denen beipflichtet, die in der Christenheit behaupten, einsetzen zu dürfen. Dasselbe gilt auch für solche, die für sich das Recht beanspruchen, ordnungsgemäß eingesetzt zu sein. In den Anfangstagen gab es da keine Schwierigkeit. Hier berührt der Apostel den Gesichtspunkt der Einsetzung nicht (wenn wir nicht eine strittige Anspielung an anderer Stelle als Ausnahme zulassen 1). Im Titusbrief ist das anders. Paulus stellt Timotheus einfach die Eigenschaften vor, welche für die beiden Ämter erforderlich sind.

Nach den Aufsehern wendet Paulus sich den Dienern (Diakonen) zu. „Die Diener desgleichen, würdig, nicht doppelzüngig, nicht vielem Wein ergeben, nicht schändlichem Gewinn nachgehend, die das Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen bewahren. Laß diese aber zuerst erprobt werden.“ (V. 8-10) 2. In alter Zeit durfte kein unerprobter Mann die Stellung eines „Dieners“ einnehmen. Auch wenn der Dienst der Diakonen sich auf äußere Dinge bezog, mußten sie doch erst erprobt werden. „Dann laß sie dienen, wenn sie untadelig sind. Die Weiber desgleichen, würdig ...“ Es ist offensichtlich, daß auf diese Eigenschaften bei den Dienern mehr bestanden wird als bei den Ältesten. Der Grund liegt darin, daß die Diener vor allem mit äußeren Dingen zu tun hatten. Darum bestand größere Gefahr, daß die Ehefrauen Unheil und Unzufriedenheit erregten, indem sie sich in den Dienst einmischten, was, wie wir wissen, schnell zu einem Geschlechterkampf führt und einen düsteren Schatten auf die Kirche von Pfingsten in den frühen Tagen geworfen hätte. Diese Art Versuchung gab es nicht für die Ehefrauen der Ältesten oder Aufseher. So steht also hier geschrieben: „Die Weiber desgleichen, würdig, nicht verleumderisch, nüchtern, treu in allem. Die Diener seien  eines Weibes Mann.“  Dasselbe wurde auch von den Ältesten gesagt. Beide müssen ihren Kindern und ihrem Haus gut vorstehen. „Denn die, welche wohl gedient haben, erwerben sich eine schöne Stufe und viel Freimütigkeit im Glauben, der in Christo Jesu ist.“ (V. 13).

Danach faßt der Apostel diese Anweisungen zusammen und sagt: „Dieses schreibe ich dir in der Hoffnung, bald zu dir zu kommen; wenn ich aber zögere, auf daß du wissest, wie man sich verhalten soll im Hause Gottes [Mögen auch wir, geliebte Geschwister, von Paulus‘ Worten Nutzen haben!], welches die Versammlung des lebendigen Gottes ist, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit.“ (V. 14-15). Die Kirche (Versammlung) ist die Wächterin der Wahrheit - ihr einziges verantwortliches Zeugnis auf der Erde. Die Kirche verdankt in der Gnade unseres Herrn Jesus alles der Wahrheit. Sie ist nicht kompetent, um die Wahrheit zu definieren. Das haben inspirierte Männer getan. Aber sie ist verpflichtet, das Wort Gottes als die Wahrheit festzuhalten und nichts zuzulassen, was mit ihr in der Lehre oder den Wegen der Versammlung nicht übereinstimmt; denn wir sind berufen, eine Entfaltung der Wahrheit vor der Welt zu sein. Das geht sogar über dasjenige hinaus, von dem die Kirche sozusagen die Verkörperung darstellt. Die ausgeführten Handlungen sollten stets ein Ausdruck der Wahrheit sein. Das ist demnach eine sehr wichtige Pflicht, welche ständige Wachsamkeit erfordert. Gott allein kann diese darreichen und lebendig erhalten.

Sicherlich, es erheben sich oft Schwierigkeiten in der Kirche (Versammlung) Gottes; und die Klugheit mag viele Pläne vorschlagen, ihnen zu begegnen. Aber es geht um das Haus Gottes und nicht einfach um das Haus des Klugen oder des Guten. Die Kirche ist eine göttliche Einrichtung. Sie hat nichts mit gutmeinenden Menschen zu tun, welche ihr Bestes geben. Mögen die Probleme noch so einfach sein - sei es eine Frage der Zucht oder der Ordnung: Die Wahrheit Gottes sollte auf den vorliegenden Fall angewandt werden. Das zeigt uns den außerordentlichen Ernst sowohl beim Anraten als auch Ablehnen jeder Handlungsweise, bei welcher der Wille Gottes in irgendeiner Weise betroffen ist. Vortreffliche Absichten, Eifer und Ehrenhaftigkeit genügen zu diesem Zweck nicht. Gott kann das schwächste Glied der Versammlung gebrauchen. Doch gewöhnlich erwartet man bessere Führer. Gott berücksichtigt niemanden, der sich etwas auf seine Gabe oder Erfahrung einbildet; denn in dem Augenblick, in welchem du bei dir selbst oder anderen etwas voraussetzst, besteht Gefahr. Andererseits dürfen wir nichtsdestoweniger erwarten, daß Gott sicherlich durch geeignete Mittel das herausstellt, was heilsam, wahrhaftig und gottgemäß ist - kurz gesagt: Was Seine Ansicht über irgendeinen vorliegenden Sachverhalt ausdrückt.

Das sind einige der Gründe, warum der Apostel hier auf diese Wahrheit besteht. Wir sehen die Versammlung in ihrer äußeren, wohlgefälligen Ordnung in dieser Welt. Der Grundsatz, diese aufrechtzuerhalten - und nichts weniger! -, bleibt immer gültig. Kein erneuerter Zustand liefert irgendeinen Grund, diese Wahrheit aufzugeben. Niemals dürfen Details die Grundlage überdecken. Es gibt immer einen Weg für die, welche sich ihrer Schwachheit bewußt sind und sich selbst mißtrauen; und dieser Weg beinhaltet Abwarten und Unterlassung jeglicher Tätigkeit, bevor Gott Seinen Weg gezeigt hat. Der Glaube wartet, bis er ein ausdrückliches Wort von Gott empfangen hat. Zweifellos ist es hart, mit seiner Weisheit am Ende zu sein; aber es ist gut für die Seele - so auch hier: Paulus bittet Timotheus, auf diese Dinge zu achten für den Fall, daß er selbst aufgehalten würde.

Und welche Wahrheit kennzeichnet in besonderer Weise die Kirche? Die Antwort ist ein weiteres Beispiel vom Charakter dieses Briefes. „Anerkannt groß ist das Geheimnis der Gottseligkeit.“ (V. 16). Beachten wir den Ausdruck „Geheimnis der Gottseligkeit“  oder „Frömmigkeit“! Es handelt sich nicht einfach um das Geheimnis von Christus in der Kirche, sondern das „Geheimnis der Gottseligkeit.“ „Gott 3 ist geoffenbart worden im Fleische, gerechtfertigt im Geiste, gesehen von den Engeln, gepredigt unter den Nationen, geglaubt in der Welt, aufgenommen in Herrlichkeit.“ Der Vers spricht nicht davon, daß Gott über ein Volk auf der Erde regiert. Das war kein Geheimnis, sondern die normale Erwartung des ganzen Israel - sogar der Erlösten vor Israel. Sie erwarteten den Messias, den kommenden Erlöser, den Mann, der die Verheißungen Gottes erfüllt. Aber jetzt: „Gott ist geoffenbart worden im Fleische, gerechtfertigt im Geiste.“ Die Kraft des Heiligen Geistes hat sich in Seinem ganzen Leben gezeigt, wurde in Seinem Tod bis zum Äußersten erprobt und zeichnet Ihn jetzt als Sohn Gottes aus durch die Auferstehung. Er wurde „gesehen von den Engeln“ und nicht nur von den Menschen. Er wurde „gepredigt unter den Nationen“, anstatt auf einem Thron unter den Juden gefunden zu werden. Er wurde „geglaubt in der Welt“, anstatt offen über sie in Macht zu herrschen. Gegenwärtig besteht ein anderer Zustand der Dinge, nämlich das Christentum. Doch es ist das Christentum, wie es sich in der Person Christi selbst zeigt in den großartigen Zügen Seiner Person und Seines Werkes. Hier wird nicht von Seiner Bildung eines himmlischen Leibes gesprochen. Nicht einmal die besonderen Vorrechte der Behausung Gottes durch den Geist werden hier ausgeführt. Statt dessen werden die Grundlagen für das Haus Gottes als der Schauplatz und die Stütze Seiner Wahrheit und sittlichen Ordnung vor der Welt niedergelegt. Das ganze Thema wird abgeschlossen mit Jesus, der nicht nur „geglaubt in der Welt“, sondern auch „aufgenommen in Herrlichkeit“ wurde.

Fußnoten

  • 1 Möglicherweise Kap. 5, 22. (Übs.).
  • 2 Der moderne Diakon in den größeren und nationalen Körperschaften hat hiermit nichts zu tun; tatsächlich ist seine Amtsbezeichnung nur eine nichtssagende Form. Sie ist einfach eine Art Noviziat (Probezeit) für die sogenannten Presbyter, welche die Körperschaft des Klerus (Geistlichkeit) bilden. (W. K.). Anm. d. Übs.: Diese Aussage Kellys ist nicht allgemeingültig. Vergl. gute Lexika!
  • 3 Der Codex Sinaiticus (א) stimmt mit den großen Autoritäten überein, welche hier ὅς, „der“, (oder andere ὅ, „welcher“) anstelle von θεός, „Gott“ geben. (W. K.). (Anm. d. Übers.: Eine gute Erklärung für dieses Problem gibt: Ulrich Victor: Textkritik – eine Einführung, in: Ulrich Victor, Carsten Peter Thiede & Urs Stingelin: Antike Kultur und Neues Testament (2003), Brunnen-Verlag, Basel und Gießen, S. 196. Nach Victor wurde aus dem „nomen sacrum“ „ϴς“ für „Gott“ (= „θεός“) durch einfache Verwechslung eines Buchstabens beim Abschreiben der alten Manuskripte „Oς“ bzw. „oς“.).
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