Betrachtung über 1.Timotheus (Synopsis)

Kapitel 3

Betrachtung über 1.Timotheus (Synopsis)

Der Apostel bezeichnet ferner dem Timotheus die erforderlichen Eigenschaften für einen Aufseher sowie für die Diener (Diakonen) und deren Frauen. Er setzt voraus, dass in Ephesus etliche den Dienst eines Aufsehers zu übernehmen wünschten. Es war ein schönes Werk. Für die Seelen Sorge zu tragen und ein wachsames Auge auf den Wandel der Gläubigen zu haben, über die Glieder Christi zu wachen, damit sie seiner Liebe entsprächen und kein christliches Vorrecht einbüßten, und dies zu tun unter Aufrechthaltung jener glücklichen Ordnung und kostbaren Einheit, die in jener Zeit in der Versammlung verwirklicht wurde, ferner die Herde des Herrn gegen die verwüstenden Wölfe zu schützen, die in sie einzubrechen suchten – das war in der Tat ein schätzbares Werk. Und wem der Herr die Seelen seines Volkes also aufs Herz gelegt hatte, der mochte wohl wünschen, sich diesem Werk zu widmen. Der Apostel fühlte, dass es ein wahres und zuverlässiges Wort war, wenn er dieses Werk ein schönes Werk nannte. Aber gewisse Eigenschaften waren erforderlich, um für diesen Dienst geschickt zu sein. Gaben finden wir unter den hier aufgeführten Eigenschaften nicht erwähnt, es sei denn, dass man den Ausdruck „lehrfähig“ so betrachten will; aber selbst diese Fähigkeit ist hier als eine Eigenschaft und nicht als eine Gabe dargestellt: der Aufseher musste die Fähigkeit zum Lehren 1 haben. Es soll durchaus nicht damit gesagt sein, dass ein Aufseher öffentlich in der Versammlung lehrte; allein es war sehr nützlich, wenn er in der Erfüllung seines Dienstes die Fähigkeit besaß, sich anderen gegenüber der Wahrheit zu bedienen. Die wichtige Sache war, das zu besitzen, was ihm ein sittliches Gewicht verlieh.

Paulus hatte den Timotheus nicht zu dem Zweck in Ephesus zurückgelassen, um dort Älteste anzustellen, aber er macht ihn mit den für einen Aufseher erforderlichen Eigenschaften bekannt und ermahnt ihn dann, darüber zu wachen, dass die Ältesten diese Eigenschaften besäßen. Es ist nicht nötig, im Einzelnen auf diese Eigenschaften einzugehen, denn sie sind, wie auch die für einen Diener erforderlichen, ziemlich einfach. Wir sehen hier auch, was „dem Gericht des Teufels“ zugrunde lag: er erhob sich selbst bei dem Gedanken an seine eigene Wichtigkeit (vgl. Hes 28). Der „Fallstrick des Teufels“ ist eine andere Sache: wenn jemand keinen guten Ruf hat, so wird er nach irgendeiner Seite hin dem Feind nachgeben, weil er nicht den Mut hat, ihm kühn zu widerstehen.

Man wird bemerken, dass der Apostel von den Frauen der Diener (Diakonen) und nicht von denen der Aufseher spricht (ausgenommen, dass er betreffs der letzteren sagt, sie sollten nur Mann einer Frau sein). Die Aufseher hatten einen Dienst, in dem sie mit den Seelen beschäftigt waren und Autorität in der Versammlung ausübten; damit hatten die Frauen nichts zu schaffen. Die Diener dagegen beschäftigten sich notwendigerweise mit Familien-Einzelheiten und -Umständen, und an einer solchen Arbeit konnten deren Frauen sich wohl beteiligen und sich oft sehr nützlich machen; aber sie hatten nichts mit den geistlichen Obliegenheiten eines Ältesten zu tun. Es war erforderlich, dass die Frauen der Diakonen Eigenschaften besaßen, durch die das Ansehen ihrer Männer erhöht wurde und sie selbst zu gleicher Zeit vor Schwätzerei und Ohrenbläserei bewahrt blieben. Treue eines Dieners in der Ausübung seines Dienstes, der in der Tat nicht ohne Schwierigkeit war und viel christliche Liebe und Geduld erforderte, war ein Mittel, um für das Werk Gottes Kraft zu erlangen; davon liefern uns die beiden Diakonen Stephanus und Philippus treffende Beispiele: durch ihre geistliche Kraft wurden sie bald über die Grenzen ihres gewöhnlichen Dienstes hinausgeführt.

Was war die Versammlung in jenen glücklichen Tagen? – Sie war das, was sie sicherlich in den Augen Gottes immer ist, was aber damals, als die Liebe sich in einer durch die Kraft des Heiligen Geistes aufrecht gehaltenen Ordnung entfaltete, und die Einheit des ganzen Leibes sich in der Tätigkeit all seiner Glieder entwickelte, tatsächlich verwirklicht wurde, nämlich das Haus Gottes. Das ist sie, Gott sei Dank! immer. Doch welch ein Unterschied zwischen damals und jetzt in ihrem praktischen Zustand! – Aber lasst uns den Charakter prüfen, den der Apostel hier der Versammlung auf der Erde beilegt. Er schrieb dem Timotheus in der Hoffnung, bald zu ihm zu kommen; wenn er aber zögerte, damit er wisse, wie er sich in dem Haus Gottes zu verhalten habe. Und dann teilt er uns mit, was die Versammlung ist.

Erstens ist sie „das Haus Gottes“; Gott wohnt darin auf der Erde (vgl. Eph 2,22). Man wird verstehen, dass es sich hier um die Versammlung auf der Erde handelt, weil der Apostel von dem Verhalten in ihr spricht. Doch das ist eine wichtige Wahrheit, denn sie verleiht der Versammlung einen Charakter, der bezüglich unserer Verantwortlichkeit von der höchsten Wichtigkeit für uns ist. Die Versammlung ist nicht eine unbestimmte Sache, die aus Toten und Lebenden zusammengesetzt ist – eine Sache, die man irgend zu finden weiß, weil ein Teil derselben auf der Erde lebt, und der andere Teil aus Seelen im Himmel besteht. Nein, sie ist das Haus Gottes auf der Erde, in dem wir uns, welche Stellung wir auch sonst einnehmen mögen, in einer dem Haus Gottes geziemenden Weise zu verhalten haben. Wir können uns nicht ernstlich genug an die Tatsache erinnern, dass Gott in der Versammlung auf der Erde wohnt. Was irgend die Darstellung der Wahrheit verwirren könnte durch den Gedanken, infolge des Gestorbenseins mancher Gläubigen sei die ganze Versammlung nicht mehr hienieden, ist vom Feind und widerspricht dem Wort. Die Versammlung, als auf Erden bestehend betrachtet, ist das Haus Gottes.

Zweitens ist sie „die Versammlung des lebendigen Gottes“. Ja, in Gott ist, im Gegensatz zu den Menschen und den toten Götzen, die Macht des Lebens, und Er hat eine Versammlung, die nicht von dieser Welt ist, und die Er für Sich selbst abgesondert hat. Sie ist nicht ein Volk wie Israel. Dieses Volk war die Versammlung Gottes in der Wüste, während die Gläubigen jetzt die Versammlung des lebendigen Gottes bilden.

Drittens ist sie „der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit“. Christus auf Erden war die Wahrheit. (Das ist Er zwar immer, aber Er war es auf der Erde.) Jetzt ist Er in Gott verborgen. Die Versammlung ist nicht die Wahrheit; das Wort Gottes ist die Wahrheit. „Dein Wort ist Wahrheit.“ Die Wahrheit war vorhanden, bevor die Versammlung bestand; der Glaube an die Wahrheit sammelt die Versammlung; aber sie ist es, wodurch die Wahrheit auf der Erde aufrecht gehalten wird 2. Nach ihrem Weggang oder ihrer Aufnahme werden die Menschen einem kräftigen Irrtum preisgegeben werden.

Es mag sein, dass jetzt nur ein kleiner Überrest derer, die sich Christen nennen, das Wort der Wahrheit aufrecht hält; aber es ist deshalb nicht weniger wahr, dass die Versammlung, solange sie hienieden bleibt, die einzige Zeugin der Wahrheit auf der Erde ist. Sie ist die Zeugin Gottes, um die Wahrheit vor den Menschen darzustellen. Am Ende wird das, was Gott als eine solche Versammlung anerkennt, die schwache Herde von Philadelphia sein, und dann wird das, was sich in der Stellung der Verantwortlichkeit der Versammlung befindet (Laodicäa), ausgespieen werden aus dem Mund Christi, der Sich selbst mit dem Charakter des Amen, des treuen und wahrhaftigen Zeugen, bekleidet (Off 3,7–22). Aber die Versammlung, als durch Gott auf der Erde gepflanzt, ist der „Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit“. Es handelt sich hier nicht um Autorität, sondern um die Aufrechthaltung und Darstellung der Wahrheit; das, was nicht die Wahrheit aufrecht hält und darstellt, ist nicht die Versammlung, wie Gott sie versteht.

Die charakteristischen Kennzeichen des Hauses Gottes sind also die Gegenwart des lebendigen Gottes und das Bekenntnis der Wahrheit. Wo irgend die Versammlung des lebendigen Gottes ist, wo irgend die Wahrheit ist, da ist sein Haus 3.

Das Geheimnis der Gottseligkeit, das den eigentlichen Mittelpunkt dessen bildet, was die Versammlung vor der Welt aufrecht hält, ist groß und bezieht sich wesentlich auf die Person Christi. Der Apostel entwickelt hier natürlich nicht all die verschiedenen Teile der Wahrheit, sondern redet von dem lebendigen Mittelpunkt des Ganzen, von dem, was für die Beziehungen zwischen Gott und Menschen wesentlich ist.

Es ist in der Tat eine wunderbare Wahrheit: „Gott ist offenbart worden im Fleisch.“ Er ist da offenbart worden, wo alles Verwirrung und Sünde ist, offenbart in der Natur dessen, durch den einst all diese Verwirrung und Sünde eingeführt wurde, offenbart als der Mittelpunkt aller Segnung – Er, der das Licht selbst ist, der als das Licht in sittlicher Beziehung alles an seinen Platz stellt; und der durch die Tatsache seiner Gegenwart zeigt, dass die Liebe über allem steht. Gott, der Liebe ist, ist offenbart worden im Fleisch. Die Liebe hat dort, wo die Sünde war, dieselbe überströmt; und der Mensch, der Sklave der Sünde, sieht hier in seiner eigenen Natur die Quelle und die Macht alles Guten. Gott selbst ist in der menschlichen Natur, dem Mittelpunkt des Bösen und der Schwachheit, offenbart worden. Gab es denn Böses in Dem, der also offenbart war? War Er dem gemeinsamen Los des Menschen, der Knechtschaft der Sünde, unterworfen? Keineswegs. Er erwies sich, wiewohl Er tatsächlich in denselben Umständen und in derselben Natur war, dennoch über allem Bösen erhaben, vollkommen in jeder Beziehung. Die Abwesenheit jeglicher Sünde in Ihm wurde während seines ganzen Lebens durch die Kraft des Heiligen Geistes klar erwiesen (wenn der Mensch fähig gewesen wäre, sie zu unterscheiden, und tatsächlich wurde sie dem Gewissen jedes Menschen offenbart, denn Er war das reine Licht, das auf alle schien), und sie wurde schließlich in Kraft erwiesen durch die Auferstehung (vgl. Röm 1,4).

So ist Gott den Engeln sichtbar geworden, so ist Er unter den Nationen gepredigt worden (denn Er ist nicht bloß der Gott der Juden), so wurde Er der Gegenstand des Glaubens in der Welt (denn Er war nicht in der Offenbarung einer sichtbaren Macht erschienen, um seine Rechte und seine Herrlichkeit in Besitz zu nehmen), und so nahm Er endlich einen Platz droben in der Herrlichkeit ein, aus der Er herabgestiegen war. So wird Gott der Wahrheit gemäß in der Versammlung gekannt; und ohne das Aufrechthalten dieser Offenbarung der Person Christi gibt es keine Wahrheit.

Es ist bemerkenswert, dass der Apostel weder in diesem noch in dem zweiten Brief an Timotheus von den Beziehungen spricht, welche die Christen zu Gott als seine Kinder haben, von den Vorrechten der Kinder oder von dem, was „drinnen“ in der Vertraulichkeit der Familie gekannt ist. Er spricht von den Wahrheiten, die wesentlich sind für das Zeugnis vor der Welt, von dem, was die Versammlung äußerlich ist als ein Zeugnis Gottes gegenüber den Menschen: das Haus Gottes, die Versammlung des lebendigen Gottes, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit. Er spricht von dem, was sie ist als verantwortlich in der Welt, und damit alle durch sie lernen sollten, was Gott ist. Das Geheimnis der Gottseligkeit, von dem die Versammlung das Gefäß des Zeugnisses ist, entspricht dieser Aufgabe. Dieses Geheimnis ist die große, wesentliche Wahrheit, auf die jede Beziehung zwischen Gott und Menschen gegründet ist, mittels welcher Gott mit den Menschen zu tun hat. Eben deshalb sagt auch der Apostel weiter oben: „Denn Gott ist, einer, und einer Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus.“

Es ist hier also nicht die Rede von den Vorrechten der Kinder noch von der himmlischen Braut Christi, sondern von der Grundlage der Beziehungen Gottes zu allen Menschen. Deshalb wird auch der Vater nicht genannt noch selbst der Geist, ausgenommen in der Stelle, mit der wir uns soeben beschäftigt haben, in Verbindung mit der Person des Herrn, als die Rechtfertigung seines Zeugnisses. Es handelt sich um Gott, den Mittler, um den Menschen und um die Versammlung als das Gefäß und die Bewahrerin dieser Wahrheit des Zeugnisses Gottes, oder andererseits um böse Geister, welche die Menschen vom Glauben abwendig zu machen suchen. Dies verdient alle Beachtung.

Wie wir schon gesehen haben, hält das Zeugnis von der Gnade des Evangeliums die großen, ewigen Grundsätze der Natur und Herrlichkeit Gottes und seiner mit jener Herrlichkeit übereinstimmenden Beziehungen zu den Menschen aufrecht. Doch spricht der Apostel in allen seinen Bemühungen, für die Versammlung zu sorgen und sie während seiner Abwesenheit gegen die Angriffe des Feindes und gegen Unordnungen und Ungehörigkeiten in ihrer Mitte sicherzustellen, nicht von ihren inneren Vorrechten. Gott wird uns vorgestellt und der Herr Jesus Christus – Gott in der Majestät seiner unwandelbaren Wahrheit, in den Beziehungen, in denen Er als solcher zu den Menschen steht, und in der Offenbarung seiner selbst im Fleisch: „Gott war in Christus, die Welt mit sich selbst versöhnend.“ Es ist Gott, als in der Versammlung wohnend, damit diese die Wahrheit vor der Welt darstelle und aufrecht halte – die Wahrheit, wie wir gesehen haben, in Bezug auf Christus, die Wahrheit von der Offenbarung Gottes in Ihm. Gott wünscht mit dem Menschen in Verbindung zu stehen, und indem Er sich also in Christus offenbart, erfüllt Er diesen Wunsch. Die Versammlung hält auf der Erde die Rechte Gottes als Schöpfer und Heiland aufrecht. Die Versammlung selbst muss in sittlicher Ordnung erhalten werden, damit sie fähig sei, dem Feind, der in der Welt ist, zu begegnen und das Zeugnis, das ihr anvertraut ist, zu bewahren.

Fußnoten

  • 1 Einige übersetzen das Wort durch „zu lernen bereit“.
  • 2 Die Versammlung lehrt freilich nicht. Lehrer belehren die Versammlung; aber durch ihre Treue im Festhalten der gelehrten Wahrheit hält sie diese in der Welt aufrecht.
  • 3 Will man also beurteilen, was die Versammlung ist, so muss man die Wahrheit und den lebendigen Gott kennen und zu unterscheiden wissen. So sagt auch der Apostel im Blick auf den einzelnen: „Der Geist ist die Wahrheit.“ Die Wahrheit und der Geist sind die Hauptpunkte, wenn es sich um Unglauben und Glauben handelt; und das Wort Gottes ist die Wahrheit.
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht