Ein Vermächtnis wird zum Appell

Letzte Tage und schwere Zeiten

Ein Vermächtnis wird zum Appell

Der große Gegenstand von Kapitel 2 ist der Zustand des christlichen Bekenntnisses, so wie er sich bereits in den Tagen von Paulus andeutete. Dieses Bekenntnis wird mit einem großen Haus verglichen, in dem es unterschiedliche Gefäße gibt, echte und unechte, Gefäße zur Ehre und zur Unehre. Kapitel 3 geht einen Schritt weiter. Paulus zeigt in den ersten 9 Versen den erschreckenden Zustand des christlichen Bekenntnisses in den letzten Tagen, d. h. am Ende der Zeit der Gnade. Es ist die erschütternde Beschreibung der Christenheit in einer äußeren und toten Form. Paulus wird deshalb im Ton noch deutlicher als in Kapitel 2. Dabei bleibt er allerdings nicht stehen, sondern zeigt, welche Bedeutung und welchen Wert das Wort Gottes bis zum Ende haben wird. Die Anweisungen an Timotheus sind eindeutig und klar. Sie sprechen auch zu uns, die wir gerade in diesen letzten Tagen leben.

Das Kapitel kann man wie folgt strukturieren:

  1. Verse 1–9: Der Zustand des christlichen Bekenntnisses in den letzten Tagen
    Es wird deutlich, dass der innere Zustand der Christenheit durch Bosheit gekennzeichnet ist. Der äußere Zustand ist dabei nicht mehr als eine bloße Zurschaustellung. Die Menschen haben eine Form der Gottseligkeit, aber kein Leben aus Gott.
  2. Verse 10–15: Die persönliche Verantwortung des Einzelnen
    Jeder Einzelne ist aufgefordert, seiner persönlichen Verantwortung zu entsprechen. Gott hat uns sein Wort gegeben, an dem wir unbedingt festhalten müssen. Dieses Wort ist eine gewaltige Hilfsquelle, die uns zur Verfügung steht.
  3. Verse 16–17: Das Wort Gottes und seine Wirkungen
    Paulus gibt Timotheus wichtige Hinweise in Bezug auf die Einzigartigkeit des Wortes Gottes, das von Gott selbst gegeben ist. Dieses Wort hat alle Autorität und wird bis zum Ende bestehen bleiben.
    Die Entwicklung, die das christliche Bekenntnis genommen hat, muss uns im Übrigen nicht sehr überraschen. Der Herr Jesus selbst hat das in seinen Gleichnissen vom Reich der Himmel schon angedeutet. Darüber hinaus geben die Briefe des Neuen Testaments davon deutlich Zeugnis. An mehreren Stellen werden wir vor dem Bösen innerhalb des christlichen Bekenntnisses gewarnt:
  • Johannes spricht davon, dass in der letzten Stunde viele Antichristen geworden sind (1. Joh 2,18).
  • Petrus erwähnt die Spötter, die in den letzten Tagen mit ihrer Spötterei kommen und nach ihren eigenen Begierden leben (2. Pet 3,3).
  • Judas nennt Menschen, die sich nebeneingeschlichen haben (Jud 4). Er erinnert ebenfalls an Spötter, die nach ihren eigenen Begierden der Gottlosigkeit wandeln (Jud 18).
  • Paulus spricht in unserem Kapitel von einer toten Form ohne Leben.

    Gottes Urteil über die Entwicklung des christlichen Bekenntnisses ist sehr klar und unmissverständlich. Leider gibt es sogar wahre Gläubige, die falsche Vorstellungen von der Entwicklung des Christentums haben. Wenn der Herr Jesus das Reich der Himmel in Matthäus 13,31.32 mit einem kleinen Senfkorn vergleicht, das schließlich zu einem großen Baum wird, deutet Er damit durchaus nichts Gutes an. Die Vögel des Himmels, die sich dort niederlassen und nisten, sprechen gerade von dem, was in diesem Kapitel vor uns kommt. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, das Christentum würde schließlich allen Menschen Segen bringen. Es ist wahr, dass die Botschaft von Jesus Christus allein Rettung und Segen bringen kann. Aber das Christentum an sich hat sich völlig verderbt. Es ist zu einem System geworden, dass sich äußerlich „groß“ darstellt, jedoch am Ende vom Herrn gerichtet wird.

Letzte Tage – schwere Zeiten

Vers 1: Dies aber wisse, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten eintreten werden;

Paulus weist Timotheus zu Beginn des Kapitels auf einen ganz besonderen Sachverhalt hin. Er sollte wissen, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten eintreten würden. In 1. Timotheus 4,1 hatte Paulus von späteren Zeiten gesprochen, in denen einige von dem Glauben abfallen würden. Hier geht er etwas weiter. Es sind hier nicht einfach „spätere Zeiten“, sondern es geht tatsächlich um die letzten Tage. Davon spricht ebenfalls der Apostel Petrus in 2. Petrus 3,3. Gemeint sind die letzten Tage des christlichen Bekenntnisses auf dieser Erde vor dem Kommen des Herrn für die Seinen bzw. zum Gericht. Wir haben es hier mit einer – aus Sicht von Paulus – prophetischen Aussage zu tun. Paulus hatte erlebt, dass das Christentum zu einem großen Haus geworden war. Aber der Abwärtstrend würde weitergehen. Am Ende der Zeit der Gnade würden schwere Zeiten eintreten. Das sollte Timotheus wissen.

Es ist fatal, wenn wir über den aktuellen Zustand der Christenheit in Unkenntnis sind. Wir dürfen die Augen davor nicht verschließen. Natürlich müssen wir nicht jeden Irrtum kennen. Allerdings sollten wir wissen, welchen Weg das christliche Bekenntnis nimmt. Was Paulus in den folgenden Versen beschreibt (darauf bezieht sich der Ausdruck „dies“), ist kein vorübergehendes Problem. Es ist ein dauerhafter Zustand, der sich nicht verbessern wird.

Es geht Paulus an dieser Stelle nicht darum, eine Zeitperiode in ihrer Länge zu beschreiben. Er zeigt vielmehr, welchen Charakter diese Zeit trägt. Die letzten Tage sind dadurch gekennzeichnet, dass es schwere oder gefahrvolle (problematische) Tage sind. Gemeint ist, dass sie schwer zu ertragen sind. Es ist schwierig, damit umzugehen. Es ist unschwer zu erkennen, dass wir heute in dieser Zeit leben. Ob politisch, moralisch, oder kulturell – der Niedergang ist deutlich zu beobachten. Gleiches gilt für den religiösen Bereich.

Menschen

Verse 2–4: Denn die Menschen werden selbstsüchtig sein, geldliebend, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, unheilig, ohne natürliche Liebe, unversöhnlich, Verleumder, unenthaltsam, grausam, das Gute nicht liebend, Verräter, verwegen, aufgeblasen, mehr das Vergnügen liebend als Gott.

Paulus spricht von „Menschen“. Es sind keine Heiligen oder Gläubigen, sondern einfach „Menschen“. Der Ausdruck „Mensch“ ohne weiteren Zusatz wird im Allgemeinen im Neuen Testament nicht für Kinder Gottes gebraucht, sondern beschreibt Ungläubige. Es sind Menschen, die ein christliches Bekenntnis haben, aber kein neues Leben besitzen. Es sind keine Heiden. Sie nennen sich Christen. Trotzdem haben sie Christus nicht. Sie täuschen etwas vor, was sie in Wirklichkeit nicht besitzen. Aus diesem Grund ist in Vers 6 von einer „Form“ der Gottseligkeit die Rede. Es sind Menschen, die um uns herum leben. Die Gefahr besteht, dass wir – die Gläubigen – von ihnen angesteckt werden.

Ein Vergleich der nun folgenden Merkmale mit Römer 1,29–31 zeigt eine auffallende Ähnlichkeit. Im Römerbrief werden die gottlosen Heiden (Nationen) beschrieben. Im zweiten Timotheusbrief werden Personen beschrieben, die sich Christen nennen. 2000 Jahre Christentum haben die Menschen nicht wirklich verändert. Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch. Nur zeigt sich das Fleisch (die alte Natur) hier unter einem christlichen Deckmantel. Jemand hat einmal trefflich geschrieben, dass es hier um eine Art „Neuheidentum“ geht, das sich als „Christentum“ getarnt hat. Es ist eine „verheidnischte Form des Christentums“ oder eine „verchristlichte Form des Heidentums“.

Es folgen nun insgesamt 19 Punkte. Es ist schwierig, diese Punkte zu strukturieren oder zu ordnen. Es gibt kein wirklich erkennbares „Muster“. Auffallend ist aber, dass sich sehr vieles um die eigene Person dreht. Es beginnt mit der Selbstsucht. Darüber hinaus kommt das Wort „Liebe“ (gemeint ist die Selbstliebe) mehrfach vor.

  1. Selbstsüchtig: Die Menschen werden egoistisch und eingebildet sein. Es dreht sich alles um das eigene Ego und die Befriedigung des „Ich“. Das ist der erste Punkt, aus dem im Grunde alles andere hervorgeht. Dieses Merkmal steht in krassem Gegensatz dazu, dass Gotteskinder nicht mehr sich selbst leben sollen, sondern dem, der für sie gestorben ist (2. Kor 5,15). Kinder Gottes lieben nicht sich selbst, sondern den Nächsten. Wahre Liebe sucht nicht das Ihre.
  2. Geldliebend: Die Geldliebe beweist, dass die Menschen habgierig und materialistisch eingestellt sind. Wer sich selbst liebt, liebt auch das Geld. Das Geld wird dazu benutzt, sich selbst zu befriedigen. Paulus macht klar, dass die Geldliebe eine Wurzel alles Bösen ist (1. Tim 6,10). In allen Gesellschaftskreisen und -formen findet man dieses große Übel. Kinder Gottes werden aufgefordert, das Geld nicht zu lieben (Heb 13,5). Die Gefahr ist offensichtlich vorhanden. Wenn Gott uns Vermögen schenkt, ist das eine Gelegenheit, es für Ihn zu benutzen.
  3. Prahlerisch: Eine Folge des Reichtums ist oft, dass Menschen angeben und großspurig sind. Sie vertrauen auf ihr Vermögen und rühmen sich der Größe ihres Reichtums. Schon im Alten Testament ist von solchen Menschen die Rede (Ps 49,7). Selbst wenn sie mit ihrem Geld Gutes tun, nutzen sie es noch, um dabei groß herauszukommen und zu prahlen. Im Gegensatz dazu fordert der Herr uns auf, die Linke nicht wissen zu lassen, was die Rechte tut (Mt 6,3). Bescheidenheit ist eine Tugend, die der Herr bei uns sucht.
  4. Hochmütig: Wer hochmütig ist, benimmt sich arrogant und hochnäsig. Prahlerei führt häufig zu Hochmut und Stolz. Der Grund dazu kann das Vermögen sein. Aber Menschen bilden sich genauso auf andere Dinge etwas ein, wie zum Beispiel auf ihre soziale Stellung, auf Schönheit, Begabung usw. Hochmut ist ein Kennzeichen der Menschen dieser Welt und ist nicht vom Vater (1. Joh 2,16). Als Christen werden wir aufgefordert, mit Demut fest umhüllt zu sein, weil Gott dem Hochmütigen widersteht und dem Demütigen Gnade gibt (1. Pet 5,5). Was wahre Demut ist, hat der Herr Jesus uns vorgelebt (Mt 11,29). Demütig zu sein bedeutet, nicht an sich selbst zu denken.
  5. Lästerer: Ein Lästerer ist jemand, der böse, verächtlich und beleidigend redet. Wer hochmütig ist, fängt leicht an zu lästern. Viele Menschen haben keine Hemmungen, über Dinge zu lästern, die sie nicht einmal kennen (2. Pet 2,10–12). Man redet gegen Gott und gegen andere Menschen. Man greift Christus und sein Werk an und scheut sich nicht, Gottes Wort zu verlästern. Menschen, die sich Christen nennen, halten den Schöpfungsbericht für ein Ammenmärchen oder lehnen den Sühnungstod des Herrn zur Vergebung von Sünden ab. Als Kinder Gottes werden wir aufgefordert, niemand zu lästern und nicht streitsüchtig zu sein. Im Gegenteil: Wir sollen milde sein und alle Sanftmut erweisen (Tit 3,2).
  6. Den Eltern ungehorsam: Ein ungehorsames Kind ist rebellisch, ungezogen und unzuverlässig. In einer Atmosphäre, in der Gott gelästert wird, hat man keinen Respekt vor den Eltern und anderen Autoritätspersonen. Das können wir in unserer Zeit ganz besonders beobachten. Selbst die Gesetzgebung in christlichen Ländern, deren Verfassung sich oft (noch) auf Gott beruft, ist von antiautoritärer Erziehung geprägt. Theologen predigen den zivilen Ungehorsam von den Kanzeln der Kirchen. Für gläubige Eltern hingegen gilt immer noch, die Kinder in der Zucht und Ermahnung des Herrn zu erziehen und dafür Sorge zu tragen, dass Kinder ihren Eltern gehorsam sind (Eph 6,1ff).
  7. Undankbar: Undankbar zu sein bedeutet, die Leistung anderer nicht anzuerkennen. Wenn die natürlichen Beziehungen (z. B. zwischen Eltern und Kindern) nicht mehr respektiert werden, ist keine Basis für Dankbarkeit gegeben. Von den Heiden wird gesagt, dass sie Gott zwar kannten, Ihn aber weder als Gott verherrlichten, noch Ihm Dank darbrachten (Röm 1,21). Christen kennen Gott anders, als die Heiden Ihn kannten. Dennoch sind sie in die gleiche Undankbarkeit gefallen. Wir sollten vielmehr daran denken, dass wir alle Gaben Gottes mit Dank annehmen (1. Tim 4,3). Das schließt ein, dass wir uns auch bei Menschen bedanken, die uns Gutes tun.
  8. Unheilig: Das Wort kommt außer an dieser Stelle noch in 1. Timotheus 1,9 vor. Unheilig (oder heillos) zu sein bedeutet, dass man keine Frömmigkeit an den Tag legt, sondern sich im Gegenteil respektlos und gotteslästerlich benimmt. Für diese Menschen gibt es nichts, das heilig zu halten wäre. Unheilig zu sein steht im Gegensatz zu der Heiligkeit Gottes und zu seinem Heil in Christus. Gotteskinder werden aufgefordert, heilig zu sein, weil Gott selbst heilig ist (1. Pet 1,16).
  9. Ohne natürliche Liebe: Die natürliche Liebe ist eine Gabe Gottes an uns Menschen. Dennoch gibt es Menschen, die diese Gabe Gottes ins Gegenteil verkehren. Sie sind hartherzig und gefühllos. Sie stehen den natürlichen Beziehungen, die Gott gegeben hat (z. B. in Ehe und Familie), gleichgültig gegenüber. Diese Gleichgültigkeit nimmt in unserer Zeit rapide zu. Als Folge davon beobachten wir einen rasanten Verfall menschlicher Beziehungen in Ehe, Familie und Gesellschaft. Kinder Gottes sind hingegen nicht nur durch die göttliche Liebe miteinander verbunden, sondern wir sollen desgleichen die natürliche Liebe praktizieren, die in dem anderen etwas Liebenswertes findet. Ein Beispiel dafür haben wir in Titus 2,4. Dort werden die jungen Frauen aufgefordert, ihre Kinder zu lieben. Wenn es heute Mütter gibt, die ihre Kinder „aussetzen“, so ist das ein Beispiel dafür, dass Menschen ihre natürliche Liebe verlassen.
  10. Unversöhnlich: Unversöhnlich zu sein meint so viel wie sich treulos und wortbrüchig zu verhalten. Man hält sich an keine Vereinbarung. Man lehnt jede Form der Verpflichtung ab. Man möchte frei sein und auf niemand Rücksicht nehmen. Unversöhnliche Menschen weigern sich, Frieden mit anderen zu schließen. Wo keine natürliche Liebe mehr da ist, ist man nicht zur Vergebung bereit. Im Gegensatz dazu werden Kinder Gottes aufgefordert, gegeneinander gütig und mitleidig zu sein und einander zu vergeben, wie Gott uns in Christus vergeben hat (Eph 4,32).
  11. Verleumder: Im Griechischen wird hier das gleiche Wort wie für Teufel (diabolos) gebraucht. Es ist ernst, dass Gott auf diese Weise Menschen beschreibt, die sich selbst Christen nennen. Ein Verleumder ist jemand, der böse Berichte weitergibt, die anderen nur schaden. Wer unversöhnlich ist, ist leicht dazu bereit, schlecht und bewusst falsch über andere zu reden. Christen hingegen werden aufgefordert, das zu erwägen, was würdig, gerecht, rein und lieblich ist und was wohllautet (Phil 4,8). Dass die Gefahr für uns durchaus besteht, zeigen Stellen wie 1. Timotheus 3,11 und Titus 2,3, wo speziell die Frauen davor gewarnt werden, verleumderisch zu sein.
  12. Unenthaltsam: Wer unenthaltsam ist, benimmt sich hemmungslos. Er hat jede Kontrolle aufgegeben und lebt ausschweifend und ohne Selbstdisziplin. Darin eingeschlossen ist die hemmungslose Genusssucht, die viele Menschen unserer Tage kennzeichnet. Enthaltsamkeit hingegen ist eine Frucht des Geistes (Gal 5,22), die Gott bei seinen Kindern sucht.
  13. Grausam: Das Wort kommt nur an dieser Stelle im Neuen Testament vor. Es beschreibt einen Menschen, der wild und ohne Prinzipien lebt. Immer wieder beobachtet man diese gnadenlose und unbarmherzige Natur des gefallenen Menschen. Als wiedergeborene Christen hingegen sollten wir gnädig und barmherzig sein, wie unser himmlischer Vater gnädig und barmherzig ist.
  14. Das Gute nicht lieben: Wer das Gute nicht liebt, zieht das Böse vor. Schon der Psalmdichter im Alten Testament sagt, dass Frevel und Trug die Worte des Mundes sind und dass der Mensch aufgegeben hat, verständig zu sein und Gutes zu tun (Ps 36,4). Gott warnt diejenigen, die das Böse gut heißen und das Gute böse (Jes 5,20). Der Gläubige wird ausdrücklich dazu aufgefordert, Gutes zu tun (1. Tim 6,18). Wir sollen das Gute wirken gegen alle, am meisten gegen die Hausgenossen des Glaubens (Gal 6,10).
  15. Verräter: Verräter sind Menschen, denen kein Versprechen und kein Bekenntnis heilig ist. Was Verrat wirklich bedeutet und wie weit er gehen kann, sehen wir bei Judas Iskariot, der seinen Herrn verraten hat (vgl. Lk 6,16). Von uns kann Gott erwarten, dass wir unserem Herrn treu sind und uns unserem Bekenntnis entsprechend auf seine Seite stellen. Die genannte Eigenschaft gilt ebenso für das geschwisterliche und menschliche Miteinander.
  16. Verwegen: Verwegen zu sein bedeutet, unbesonnen den eigenen Willen zu tun. Wer sich so verhält, handelt übereilt und rücksichtslos. In Apostelgeschichte 19,36 kommt das Wort noch einmal vor. Dort wird es mit „übereilt“ übersetzt. Dem so Handelnden ist es gleichgültig, welche Folgen sein Tun für andere hat. Das Neue Testament fordert uns an mehreren Stellen zur Besonnenheit auf. Wir sollen durchaus prüfen, welche Folgen unser Verhalten für andere hat – für Gläubige wie für Ungläubige.
  17. Aufgeblasen: Wir denken dabei an jemand, der nach außen hin etwas darstellt, ohne dass im Inneren die entsprechende Substanz vorhanden ist. Eine aufgeblasene (oder aufgeblähte) Person gleicht einer schillernden Seifenblase, die zwar schön anzusehen ist, aber bei Berührung und Druck von außen sofort platzt. Dass diese Gefahr auch für uns vorhanden ist, zeigt die Feststellung von Paulus, dass die Korinther aufgebläht waren und nicht Leid getragen hatten über das, was in ihrer Mitte geduldet wurde (1. Kor 5,2).
  18. Mehr das Vergnügen lieben als Gott: Damit wird die traurige Liste zunächst abgeschlossen. Die Menschen der letzten Tage geben sich dem Strudel der Vergnügungen hin, ohne dabei an Gott zu denken. Wohin das führt, sehen wir deutlich in der Geschichte des verlorenen Sohnes. Die Welt bietet heute zahllose Möglichkeiten, sich von einem Vergnügen ins andere zu stürzen. Es ist ein Leben, das nur eigene und egoistische Ziele verfolgt, während die Ansprüche Gottes an die Seite geschoben werden. Als Kinder Gottes stehen wir in akuter Gefahr, von diesem Trend mit weggerissen zu werden.

Eine äußere Form ohne Kraft

Vers 5: Die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen; und von diesen wende dich weg.

Ein neunzehnter Punkt schließt sich an bzw. fasst das Ganze zusammen. Die Menschen, denen Paulus dieses Fehlverhalten vorwirft, haben nur eine Form der Gottseligkeit: Die Gottseligkeit (Frömmigkeit, Gottesfurcht) dient als Tarnkappe. Nach außen geben sie sich als Christen. Sie haben ein christliches Bekenntnis. Trotzdem haben sie kein Leben aus Gott. Sie haben zwar eine Religion, aber ihnen fehlt Christus. Ihr Bekenntnis hält keiner Überprüfung stand.

Der Ausdruck „Form“ nimmt Bezug auf das Äußere. Es ist die Beschreibung einer äußeren Form oder eines Umrisses, wobei die innere Substanz fehlt. Wir können dabei an einen schönen Luftballon denken, der lediglich mit Luft gefüllt ist. In Römer 2,20 benutzt Paulus dieses Wort noch einmal. Dort wirft er den Juden vor, dass sie lediglich eine „Form der Erkenntnis und der Wahrheit im Gesetz“ hatten. Der gleiche Vorwurf wird hier denen gemacht, die sich Christen nennen.

Die aufgezählten Verhaltensweisen und Sünden unterscheiden sich wenig von den Sünden der Heiden. Was die Sache allerdings verschlimmert, ist die Tatsache, dass sie unter einem frommen Mantel geschehen. Die Heiden versuchten ihre Bosheit gar nicht zu verdecken. Die hier beschriebenen Namenschristen frönen den Sünden der Heiden – und sie tun es unter einer Form der Gottseligkeit. Sie sind in jeder Hinsicht dem Bösen ergeben und haben sogar Freude daran. Wir wundern uns nicht, dass der Herr dieses tote System schließlich aus seinem Mund ausspeien wird (Off 3,16).

Diese Menschen halten eine fromme Fassade aufrecht. Mehr oder weniger regelmäßiger Kirchgang, Taufe, Konfirmation, Teilnahme am Abendmahl, eine kirchliche Trauung und Beerdigung usw. genügen allerdings nicht. Gott sucht Wahrheit im Innern. Das Verhalten dieser Menschen leugnet die Echtheit ihres Bekenntnisses. Die Form ist da, die Kraft fehlt. Aber das nicht allein. Die Kraft fehlt nicht nur, sondern sie wird direkt verleugnet. Verleugnen bedeutet ein unmittelbares Ablehnen. Man will die Kraft gar nicht. In Hebräer 11,24 wird das Wort mit „sich weigern“ übersetzt. Titus 1,16 sagt uns, dass es Menschen gibt, die vorgeben, Gott zu kennen, Ihn aber in ihren Werken verleugnen. Es mag sein, dass der Gedanke der Kraft eine Anspielung auf den Heiligen Geist ist, der auf diese Weise verleugnet wird.

Ein Vergleich mit Israel drängt sich auf. Dort war ebenfalls vieles zu einer reinen Formsache geworden. Paulus sagt in Römer 2,24, dass der Name Gottes ihretwegen unter den Nationen gelästert worden war. Dann fährt er fort: „Denn nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist, noch ist die äußerliche Beschneidung im Fleisch Beschneidung; sondern der ist ein Jude, der es innerlich ist, und Beschneidung ist die des Herzens, im Geist, nicht im Buchstaben; dessen Lob nicht von Menschen, sondern von Gott ist“ (Röm 2,28.29). Was Gott sucht, ist Wahrheit im Innern (Ps 51,8). Schon im Alten Testament musste Gott seinem Volk vorwerfen, dass ihre Frömmigkeit wie eine Morgenwolke war, „wie ein Tau, der früh verschwindet“ (Hos 6,4). Er sagt ihnen: „Denn an Frömmigkeit habe ich Gefallen und nicht am Schlachtopfer, und an der Erkenntnis Gottes mehr als an Brandopfern“ (Hos 6,6).

Wahre Gottseligkeit bedingt, dass man Leben aus Gott hat und den Heiligen Geist als göttliche Person und Kraftquelle in sich wohnend besitzt. Nur so können wir Gott in Wahrheit dienen und Ihn ehren. Für einen wiedergeborenen Menschen trifft der in diesem Vers gemachte Vorwurf also in seiner direkten Bedeutung nicht zu. Paulus bezieht seine Aussage auf Menschen, die ein christliches Bekenntnis haben, ohne dabei Leben aus Gott zu haben. Dennoch ist die Gefahr gegeben, dass Gläubige sich von einem derartigen Verhalten infizieren lassen. Insofern gibt es durchaus eine praktische Anwendung auf uns. Eine rein äußere und zur Schau gestellte Frömmigkeit ist in Gottes Augen nichts wert.

Wegwenden

Was ist die Reaktion des wahren Gläubigen auf ein derartiges Verhalten? Timotheus wird persönlich angesprochen: „Von solchen wende dich weg.“ Auf uns heute bezogen bedeutet das:

  • Wir gehen nicht aus dem großen Haus hinaus. Das geht gar nicht, sonst müssten wir aufhören, Christen zu sein.
  • Wir bekämpfen weder das Böse noch die Menschen, die es praktizieren. An keiner Stelle im Neuen Testament werden wir dazu aufgefordert, diese Welt (einschließlich der religiösen Welt) zu bekämpfen.
  • Wir rufen nicht das Gericht auf diese Menschen herab. Das steht uns nicht zu. Das überlassen wir Gott.
  • Wir resignieren nicht. Diese Gefahr besteht durchaus. Doch der Herr möchte nicht, dass wir das tun. Gerade unser Brief zeigt, wie in der letzten Zeit engagierte Christen nötig sind.
  • Wir passen uns nicht an. Diese Gefahr besteht ebenso. Der ständige Umgang mit diesen Menschen färbt ab.

Die Aufforderung an Timotheus lautet einfach, dass er sich wegwenden soll. Das gilt bis heute. Paulus drückt mit dieser Formulierung etwas Dauerhaftes aus. Wir tun das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Es bedeutet, dass wir um diese Menschen beständig einen Bogen machen und uns nicht mit ihnen einlassen. Durch unser Verhalten und unsere Worte sind wir ihnen wohl ein Zeugnis, aber ansonsten können – und wollen – wir mit ihnen nichts zu tun haben. Das tun wir nicht in einer Haltung der Arroganz, sondern wir demütigen uns. Wir wissen, dass wir das Fleisch noch in uns haben und zu allen diesen bösen Taten selbst fähig sind.

Aus diesen

Vers 6: Denn aus diesen sind, die sich in die Häuser schleichen und Weiblein gefangen nehmen, die, mit Sünden beladen, von mancherlei Begierden getrieben werden.

Paulus spricht jetzt eine spezielle Gruppe von Menschen an. Er sagt: „aus diesen“. Unter denen, die eine Form der Gottseligkeit haben, gibt es einige, die besonders hervortreten. Es sind Menschen, die sich nicht nur passiv, sondern aktiv gegen die Wahrheit stellen. Es sind – auf unsere Zeit übertragen – religiöse Führer ohne Leben aus Gott. Es sind Leiter und Lehrer von Sekten.

Sie „schleichen“ sich in die Häuser der Menschen. Der Ausdruck „schleichen“ erinnert z. B. an die Bewegung einer Schlange. Das erste, was wir in der Bibel von der Schlange lesen, ist, dass sie listig war (1. Mo 3,1). In der Offenbarung wird der Teufel zweimal die „alte Schlange“ genannt (Off 12,9; 20,2). Diese Menschen sind Instrumente Satans, die seinen Willen tun. Sie sind sehr geschickt. Man erkennt ihre Absicht nicht sofort. Sie gleichen Menschen, die sich eine Verkleidung überziehen, so dass man sie nicht sofort identifizieren kann. Der Irrtum meidet das Licht. Er verbreitet sich zunächst im Verborgenen. Dann erst wird er offenkundig. Später in diesem Brief finden wir Satan als brüllenden Löwen (Kap 4,17), hier jedoch kommt er mit List und Tücke.

Judas erwähnt Menschen, die sich „nebeneingeschlichen“ haben (Jud 4). Paulus spricht in Galater 2,4 von „nebeneingeführten falschen Brüdern“, die die Gläubigen in Knechtschaft bringen wollten. Es sind Menschen, die frommes Vokabular benutzen. Sie sprechen von Gott und von Jesus. Sie zitieren die Bibel. Aber ihr Glaube ist nicht biblisch.

Diese Menschen schleichen sich in die Häuser. Sie wenden sich an die Schwächeren, weil die Aussicht auf Erfolg dort größer ist. Genauso hatte es Satan im Garten Eden bei Eva getan. Unter „Weiblein“ haben wir schwache Seelen (Männer und Frauen) zu verstehen. Es sind Personen, die mehr durch ihre Empfindungen und Begierden geleitet werden als durch ihren Verstand oder ihr Gewissen. Es fehlt ihnen an Festigkeit und an Abwehrkraft. Das liegt daran, dass sie sich in dem Bereich toter Formen befinden, wo die Kraft der Gottseligkeit geleugnet wird. Gefangen nehmen bedeutet so viel wie „für sich gewinnen“ oder „die Kontrolle über sie gewinnen“. Das ist das Ziel dieser Menschen. Dahinter steckt der Teufel.

Sie, d. h. die „Weiblein“, werden weiter dadurch beschrieben, dass sie mit Sünden beladen sind und von mancherlei Begierden getrieben werden. Mit Sünden beladen zu sein bedeutet, dass sie offensichtlich ein gewisses Schuldgefühl haben. Sie wissen (oder ahnen), dass ihnen etwas fehlt. Dennoch suchen sie die Lösung ihres Problems an der falschen Stelle. Sie werden von mancherlei Begierden getrieben. Begierden (Lüste) scheinen hier nicht so sehr moralische Verfehlungen des Fleisches zu sein, sondern vielmehr Begierden des Geistes, obwohl beides oft Hand in Hand geht. Solche Menschen werden nur zu leicht Opfer von Sektenpredigern, die sie geistig und geistlich verführen.

Lernen ohne Ergebnis

Vers 7: Die allezeit lernen und niemals zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können.

Hier folgt eine weitere Erläuterung. Es geht immer noch um die „Weiblein“ aus Vers 6. Die Tatsache, dass sie immerdar lernen und niemals zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, macht klar, dass es in Vers 6 vornehmlich um geistliche Begierden und um eine geistliche Verführung geht. Auf diese Weise kommen sie in der Tat nie zur Erkenntnis der Wahrheit. Irrlehre führt ihre Opfer immer ins Dunkel und in die Unsicherheit. Zur Erkenntnis der Wahrheit kommt man nur dann, wenn man den von Gott aufgezeigten Weg zur Rettung nimmt (1. Tim 2,4). Einen anderen Weg zur Erkenntnis der Wahrheit gibt es nicht. „Erkenntnis“ meint hier die volle Erkenntnis, d. h., der ganze Mensch (Geist, Seele und Leib) wird dazu gebracht, sich dieser Erkenntnis zu unterwerfen. „Wahrheit“ (ohne Artikel) ist hier nicht eine spezielle Heilstatsache. Es ist auch nicht so sehr der Gedanke an das offenbarte Wort Gottes insgesamt. Es geht vielmehr darum, die Dinge so zu sehen, wie Gott sie sieht. Diese Sichtweise lernen wir nur in der Bibel.

Dass sie immerdar lernen bedeutet nicht, dass sie die Bibel lesen, um dort die Wahrheit zu finden. Es bedeutet vielmehr, dass sie von einem Irrtum zum anderen laufen. Das ist ein Weg, der nie zum Ziel führt. Deshalb „können“ sie nicht zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Sie verhindern es durch ihr eigenes Verhalten. Was sie von Sektenlehrern und bibelkritischen Theologen zu hören bekommen, entspricht nicht der Wahrheit. Sie merken es aber nicht.

Jannes und Jambres

Vers 8: In der Weise aber, wie Jannes und Jambres Mose widerstanden, so widerstehen auch diese der Wahrheit, Menschen, verdorben in der Gesinnung, unbewährt hinsichtlich des Glaubens.

Es geht jetzt um einen Vergleich, mit dem die Vorgehensweise dieser falschen Lehrer weiter verdeutlicht wird. Paulus benutzt dazu ein Beispiel aus dem Alten Testament. Dort gab es Menschen, die ähnlich vorgingen. Die Taktik und List des Teufels ist durchaus nicht neu. Im Gegenteil: Sie ist uralt. Die Verpackung mag sich ändern, der Inhalt ist der gleiche.

Paulus spricht in diesem Brief von drei Menschenpaaren, die sich nicht vor der Wahrheit gebeugt haben. In der Erwähnung liegt eine Steigerung:

  • In Kapitel 1,15 sind es Phygelus und Hermogenes, die sich von Paulus abgewandt hatten. Der Zusammenhang legt den Gedanken nahe, dass sie sich der Wahrheit schämten.
  • In Kapitel 2,17 sind es Hymenäus und Philetus, die von der Wahrheit abirrten.
  • In Kapitel 3,8 sind es Jannes und Jambres, die der Wahrheit widerstanden.

Hier nun geht es um Jannes und Jambres. Ihre Namen scheinen Programm zu sein. Jannes bedeutet „Betrüger“ oder „Verführer“. Jambres bedeutet „Stolz“, „Eigensinn“ oder „der rebellisch macht“. Das waren sie und das taten sie.

Man nimmt allgemein an, dass Jannes und Jambres die ägyptischen Zauberer waren, die die Wunder von Mose und Aaron bis zu einem gewissen Grad nachahmten (2. Mo 7,11–22). Ihre Namen werden im Alten Testament nicht genannt. Paulus kannte die Namen aus der jüdischen Tradition oder durch göttliche Inspiration.

Widerstand meint tatsächlich, dass man einer Sache frontal entgegensteht und sich ihr widersetzt. Von Elymas, dem Zauberer, lesen wir, dass er Paulus und Barnabas widerstand (Apg 13,8). Das ist immer das Bestreben Satans. Er widersteht der Wahrheit. Manchmal tut er es in offener Konfrontation. Manchmal tut er es auf eine subtile Weise, indem er die Wahrheit zu imitieren versucht. Davon ist hier die Rede und das beobachten wir in unserer Zeit sehr deutlich. Satan ist ein Meister der Verstellung und Verdrehung. In 2. Thessalonicher 2 wird deutlich, wie weit das gehen wird, wenn die wahren Gläubigen einmal diese Erde verlassen haben und der Teufel aus dem Himmel auf die Erde geworfen werden wird.

Der Widerstand äußert sich hier durch das Nachahmen einer äußeren religiösen Form. Genau das taten Jannes und Jambres in Ägypten. Sie verwandelten Wasser in Blut und ließen – wie Mose – Frösche aus dem Nil kommen. Aber als es darum ging, aus dem Staub Stechmücken zu machen, mussten sie passen. Das konnten sie nicht. Nur Gott kann aus toter Materie Leben schaffen. So können diese falschen Lehrer lediglich bis zu einem bestimmten Punkt imitieren. Mehr nicht. Leben kann nur Gott hervorbringen.

In der Praxis bedeutet das, dass diese Menschen ihre „eigene“ Bibel haben. Sie haben ihren „eigenen“ Heilsweg. Sie haben ihre „eigene“ Lebenspraxis. Sie haben einen „Ersatz“ für viele Einzelheiten des Christentums. Oft sind ihre Lehren und ihre Praktiken mit Okkultismus verbunden. Gerade das macht sie so verderblich und gefährlich.

Verdorben und unbewährt

Es geht jedoch nicht nur um das, was diese Menschen lehren. Paulus geht weiter und zeigt, was für Menschen es sind. Sie sind durch zwei Dinge gekennzeichnet:

  1. Sie sind verdorben in der Gesinnung: Im Brief an Titus ist die Rede von Menschen, die in ihrer Gesinnung befleckt sind (Tit 1,15). Im ersten Brief an Timotheus erwähnt Paulus solche, die „an der Gesinnung verdorben sind und die Wahrheit verloren haben“ (1. Tim 6,5). Verdorben beschreibt hier nicht einfach eine Eigenschaft oder zeigt nicht nur einen momentanen Zustand, sondern es geht um das „Ergebnis der Auslieferung des Herzens an böse Mächte“ (V. E. Vine). Davor warnt Paulus an anderer Stelle, in 2. Korinther 11,13: „Denn solche sind falsche Apostel, betrügerische Arbeiter, die die Gestalt von Aposteln Christi annehmen.“ Diese Menschen sind also unrein und verdorben in ihrem ganzen Sinnen und Trachten. Das zeigt sich sowohl in ihrer Lehre als auch in ihrem Verhalten.
  2. Sie sind unbewährt hinsichtlich des Glaubens: Bewährung bedeutet, dass etwas nach eingehender Prüfung für gut befunden wird (so der bewährte Arbeiter in Kapitel 2,15). Das Gegenteil ist hier der Fall. Es geht um etwas, das nach eingehender Prüfung verworfen oder abgelehnt werden muss. Prüfkriterium ist der Glaube. Da vor „Glaube“ der Artikel steht, geht es wohl um das, was sie reden und lehren. Wenn ihre Lehre auf den Prüfstand gestellt und mit der biblischen Wahrheit (dem Glaubensgut) verglichen wird, stellt sich heraus, dass sie unbewährt sind. Der Glaube dieser Menschen ist nicht echt. Man kann das im Allgemeinen in der Praxis schnell feststellen, wenn man solche Menschen fragt, wer (für sie) Jesus Christus ist.

Zusammengefasst kann man sagen, dass es Personen sind, von denen Judas schreibt: „Denn gewisse Menschen haben sich nebeneingeschlichen, die schon längst zu diesem Gericht zuvor aufgezeichnet waren, Gottlose, die die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung verkehren und unseren alleinigen Gebieter und Herrn Jesus Christus verleugnen“ (Jud 4).

Gott legt die Grenze fest

Vers 9: Aber sie werden nicht weiter fortschreiten, denn ihr Unverstand wird allen offenbar werden, wie auch der von jenen es wurde.

Dieser Vers ist nicht ganz einfach zu verstehen. Wir müssen ihn im Kontext des gesamten Briefes und besonders dieses letzten Kapitels sehen. Klar ist, dass Gott einerseits die Entwicklung des Bösen zulässt, andererseits festlegt, wie weit es gehen kann. Das war bei Jannes und Jambres nicht anders. Satan ist – im Gegensatz zu Gott – eben nicht allmächtig. Er hat große Macht und ist sehr listig. Aber für satanische Macht und Bosheit gibt es eine Grenze. Diese Grenze legt Gott fest. Bei Jannes und Jambres war es so, dass sie wegen der Geschwüre nicht vor Mose stehen konnten (2. Mo 9,11).

Gott führt es bisweilen so, dass hier auf der Erde schon klar wird, wie unsinnig die Lehren dieser Irrlehrer sind. Häufig ist es so, dass ihr schlechter und unmoralischer Lebenswandel plötzlich offenbar wird und sie selbst Schande auf sich bringen. Viele dieser Sektenführer waren für eine kurze Zeit sehr populär und sind dann – in irgendeinen Skandal verwickelt – plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Häufig stehen diese Skandale mit sexuellen Verfehlungen in Verbindung und manchmal erhalten sie sogar die Aufmerksamkeit der Presse.

Grundsätzlich stellt sich jedoch die Frage, ob dieser Vers sagen will, dass jede Irrlehre bereits hier auf dieser Erde entlarvt wird, oder ob der Trend zu Sekten und Irrtümern einmal gebremst oder abgemildert wird. Manche nehmen das an. Der Kontext des ganzen Briefes und besonders die Aussage von Kapitel 3,13 scheinen etwas anderes anzudeuten. Wir können nicht davon ausgehen, dass die Intensität und Aktivität der hier beschriebenen Menschen nachlässt – im Gegenteil. Es ist also denkbar, dass Paulus hier einen Blick nach vorne tut und an die Erscheinung des Herrn Jesus denkt. Spätestens dann wird nämlich allen der Unverstand dieser Irrlehrer offenbar werden und ihrem Treiben ein Ende gesetzt worden sein.

Das Beispiel des Paulus

Vers 10: Du aber hast genau erkannt meine Lehre, mein Betragen, meinen Vorsatz, meinen Glauben, meine Langmut, meine Liebe, mein Ausharren.

Mit diesem Vers ändert sich die Blickrichtung des Kapitels. Paulus richtet jetzt mit den Worten „du aber“ eine persönliche Ansprache an Timotheus. In Kapitel 2,1 hatte er ihn mit den Worten „du nun“ ebenfalls persönlich angesprochen. In Kapitel 3,14 und 4,5 sagt er noch einmal „du aber“. Das kleine Wort „aber“ markiert einen Gegensatz zu dem vorher Gesagten. Paulus erinnert Timotheus daran, wie ganz anders er sich verhalten hatte. Gleichzeitig appelliert er erneut an Timotheus‘ Verantwortung als Diener.

„Erkennen“ oder „genau verfolgen“ bedeutet an dieser Stelle nicht die oberflächliche Kenntnis einer Sache. Es geht um tiefe Einsicht, die durch Beobachtung erworben worden ist. Wörtlich könnte man übersetzen: „zur Seite folgen“ oder „nebenhergehen“ (vgl. Lk 1,3). Timotheus hatte diese Erkenntnis im Lauf der Zeit gewinnen können. Kaum einer der Mitarbeiter von Paulus war so häufig mit ihm gereist und deshalb so vertraut mit ihm wie Timotheus. Er hatte manches gemeinsam mit Paulus erlebt und ihn dabei sehr gut beobachten können. Deshalb kann Paulus das hier so ausdrücken.

Paulus nennt in diesem Vers zunächst sieben Punkte, die allesamt ein Ergebnis des Wirkens Gottes in Paulus waren. In Vers 11 kommen dann zwei weitere Punkte hinzu, die von außen an Paulus herangetragen wurden und die er selbst nicht unmittelbar beeinflussen konnte:

  • Meine Lehre: Das ist das erste, was Paulus erwähnt. Die Lehre ist für jeden Diener wichtig. Der Diener muss wissen, was der guten und gesunden Lehre entspricht. Es ist nicht erforderlich, das Böse (den Irrtum) in allen Einzelheiten zu kennen. Die Kenntnis der gesunden Lehre macht uns schon klar, was böse ist. Wenn Paulus von seiner Lehre spricht, so bedeutet das nicht, dass er etwa der Ursprung der Lehre sei oder sie „entwickelt“ hätte. In Apostelgeschichte 2,42 wird die christliche Lehre als „Lehre der Apostel“ bezeichnet. Gemeint ist, dass Gott den Aposteln die Wahrheit offenbart hat und dass sie die Lehre verkündigt hatten. Paulus hatte dabei einen ganz besonderen Auftrag bekommen. In Kapitel 2,8 hatte er schon von „seinem Evangelium“ gesprochen (siehe auch Röm 2,16). Gemeint ist, dass er der Verwalter des Evangeliums war und es weitergegeben (verwaltet) hat. Paulus war ein Diener des Evangeliums (Kol 1,23). Er war zugleich ein Diener der Versammlung (Kol 1,25). Die Lehre über die Versammlung Gottes – ein Geheimnis, das im Alten Testament unbekannt war – war ganz speziell dem Apostel Paulus anvertraut. In diesem Sinn spricht er in Epheser 3,2 von der „Verwaltung der Gnade Gottes“. In „seiner“ Lehre wird ganz deutlich, was für eine Stellung – persönlich und gemeinsam – wir jetzt vor Gott haben. Das wusste Timotheus ganz genau. Die böse und verdorbene Lehre der christlichen Verführer stand – und steht – dieser Wahrheit völlig entgegen. Für uns heute gilt: Je besser wir die Lehre kennen, umso klarer werden wir das Böse erkennen und umso entschiedener werden wir uns davon wegwenden.
  • Mein Betragen: Die Lehre steht hier nicht umsonst an erster Stelle. Sie bildet das Fundament für ein gesundes praktisches Christenleben. Sie zeigt uns, wie Gott unser Leben sehen möchte. Darauf muss dann das entsprechende Verhalten folgen. Wenn die gesunde Lehre nicht zu einem gesunden Betragen führt, werden wir kopflastig und fallen hin. Bei Paulus stimmten Leben und Lehre überein. Es gab da kein Missverhältnis. Er schreibt den Philippern: „Was ihr gehört und an mir gesehen habt, dies tut“ (Phil 4,9). Vollkommen wird das natürlich im Leben des Herrn Jesus sichtbar. Wie kein Zweiter konnte Er sagen, dass Er das war, was Er redete (Joh 8,25). Bei den falschen Lehrern war das völlig anders. Bei ihnen gab es gerade diese Widersprüchlichkeit zwischen Worten und Taten. Paulus hingegen lehrte nicht nur die himmlische Berufung der Gläubigen, sondern er lebte tatsächlich als Fremdling auf dieser Erde. Er verkündigte einen verachteten und abgelehnten Jesus Christus. Er war bereit, dafür zu leiden. Er wollte nicht, nachdem er anderen gepredigt hatte, selbst verwerflich werden (1. Kor 9,27). In diesem Sinn schreibt er an anderer Stelle über sein Betragen: „Darum, da wir diesen Dienst haben, wie wir begnadigt worden sind, ermatten wir nicht; sondern wir haben den geheimen Dingen der Scham entsagt, wobei wir nicht in Arglist wandeln noch das Wort Gottes verfälschen, sondern durch die Offenbarung der Wahrheit uns selbst jedem Gewissen der Menschen empfehlen vor Gott“ (2. Kor 4,1.2). Davon können wir lernen. Es ist der Wille Gottes, dass wir die Wahrheit nicht nur kennen, sondern dass wir in ihr wandeln (d. h., uns unserer Stellung entsprechend verhalten).
  • Meinen Vorsatz: Das Wort wird an anderer Stelle für den Vorsatz oder Ratschluss Gottes gebraucht (Eph 1,11; 3,11). Es beschreibt eine Absicht, einen Entschluss und einen Willen, den jemand hat. Paulus hatte für sein Leben einen klaren Vorsatz gefasst. Er hatte ein eindeutig definiertes Ziel. Als er auf dem Weg nach Damaskus war, stellte er zwei Fragen. Die erste lautete: „Wer bist du, Herr?“ Die zweite Frage lautete: „Was soll ich tun, Herr?“ (Apg 22,8.10). Diese beiden Fragen hat er nie vergessen. Sie prägten sein ganzes Leben. Paulus wollte den Willen seines Herrn erfüllen. Er hatte den festen Vorsatz, sich sowohl von moralisch als auch lehrmäßig Bösem fernzuhalten. Wir denken an Daniel, der sich in seinem Herzen vorgenommen hatte, sich nicht mit der Tafelkost des Königs zu verunreinigen (Dan 1,8). In Philipper 3 spricht Paulus deutlich von diesem Vorsatz. Er wollte alles vergessen, was hinter ihm lag. Er wollte sich nach dem ausstrecken, was vorn war (Phil 3,13.14). Für uns bedeutet das, dass wir einen klaren Entschluss (das gleiche Wort wie „Vorsatz“) des Herzens fassen (vgl. Apg 11,23) und unser Leben zielorientiert in Gemeinschaft mit dem Herrn und im Dienst für Ihn führen.
  • Meinen Glauben: Hier ist nicht – wie an anderen Stellen – das Glaubensgut (die Glaubenswahrheit) gemeint. Es geht ebenfalls nicht um den rettenden Glauben. Gemeint ist das dauerhafte Vertrauen von Paulus in den täglichen Umständen seines Lebens. Davon hatte sich Timotheus in mancher kritischen Situation überzeugen können. Paulus war durchdrungen davon, dass die Hand Gottes über alles in seinem Leben wachte – die Angriffe Satans eingeschlossen. Paulus hatte es praktiziert, was es bedeutet, nicht durch Schauen, sondern durch Glauben zu leben (2. Kor 5,7). Der Glaube verbindet den Gläubigen mit der unsichtbaren Welt. Das galt für Paulus. Das galt für Timotheus. Das gilt für uns heute. Der Hebräerbrief fordert uns auf, den Ausgang des Wandels unserer Führer anzuschauen und so ihren Glauben nachzuahmen (Heb 13,7). Das Beispiel des Glaubensvertrauens von Paulus ist dabei zweifellos herausragend und beispielhaft.
  • Meine Langmut: Langmut ist ein Begleiter des Glaubens. Wer sein Leben im Vertrauen in die Hand Gottes legt, kann diese Tugend gegenüber seinen Mitmenschen zeigen – es seien Ungläubige oder Gläubige. Bei Paulus zeigte sich die Langmut besonders in seiner Haltung denen gegenüber, die ihn einerseits verfolgten und andererseits kritisierten. Paulus ließ sich nicht provozieren. Er übergab sich – wie sein Herr – demjenigen, der gerecht richtet (1. Pet 2,23). Langmut zeigt sich zum Beispiel in Selbstbeherrschung, wenn man gereizt wird. Timotheus hatte das beobachten können. Paulus war für ihn – wie für uns – ein Vorbild.
  • Meine Liebe: Paulus hatte die Liebe Gottes nicht nur selbst erfahren, er hatte sie nicht nur gepredigt – er hatte sie in seinem Leben gezeigt. Sie erwies sich als wirksam. In Römer 5,5 schreibt er, dass die Liebe Gottes in unsere Herzen ausgegossen ist. Jetzt möchte Gott, dass diese Liebe in uns Gegenliebe erweckt, indem wir Hingabe an den Herrn, an unsere Glaubensgeschwister und den Menschen gegenüber praktizieren. Es ist ein Merkmal der göttlichen Liebe, dass sie gibt, ohne etwas zu erwarten. Liebe ist opferbereit. Bei Paulus war das so. Timotheus hatte das vielfach erlebt. Bei Paulus ging diese Liebe so weit, dass er den Korinthern schreiben konnte: „Ich will aber sehr gern alles verwenden und völlig verwendet werden für eure Seelen, wenn ich auch, je überreichlicher ich euch liebe, umso weniger geliebt werde“ (2. Kor 12,15).
  • Mein Ausharren: Ausharren bedeutet wörtlich, dass jemand „unter einer Last bleibt“. Es geht um Druck und Belastung. Wer ausharrt, hält unter Druck aus und lässt nicht nach. Dazu ist sowohl Kraft als auch Geduld erforderlich. Ausharren hat – im Gegensatz zur Langmut – in den meisten Fällen mit den Umständen des Lebens (und nicht so sehr mit Personen) zu tun. Paulus konnte von seinem Ausharren sprechen, das Timotheus kannte. Es ist eine Tugend, die einen Diener des Herrn bis heute auszeichnet (vgl. 2. Kor 6,4).

Alle genannten Merkmale stehen in bemerkenswertem Gegensatz zu den moralischen Sünden der ersten Verse. Wie groß war der Unterschied zwischen dem Gottesmann Paulus und denen, die sich lediglich Christen nannten, aber kein Leben aus Gott hatten.

Verfolgungen und Leiden

Vers 11: Meine Verfolgungen, meine Leiden: was für Leiden mir widerfahren sind in Antiochien, in Ikonium, in Lystra; was für Verfolgungen ich ertrug, und aus allen hat der Herr mich gerettet.

Jetzt fügt Paulus zwei weitere Dinge hinzu: Verfolgungen und Leiden. Das Ausharren des Paulus bewies sich gerade darin. Beides hatte er reichlich erlebt.

„Verfolgung“ hat in der direkten Bedeutung des Wortes etwas mit „Nachjagen“ zu tun. Wenn jemand verfolgt wird, dann jagt man ihm nach. Verfolgung schließt direkte Angriffe von außen auf Geist, Seele und Leib mit ein. Das hat nicht nur Paulus erfahren, sondern ungezählte Christen nach ihm sind bis zum Tod verfolgt worden. Wenn Paulus dann weiter von Leiden spricht, so schließt das innere Anfechtungen des Gläubigen mit ein. Paulus hat nicht nur körperlich gelitten, sondern er hat – wie unser Herr – nach Geist, Seele und Leib gelitten. Als Saulus von Tarsus vor den Toren von Damaskus zum lebendigen Glauben kam, machte der Herr ihm klar, wie viel er für seinen Namen leiden würde (Apg 9,16). Insofern hatte Paulus nichts anderes zu erwarten gehabt. Aber er war bereit, diese Leiden auf sich zu nehmen.

Es gab viele Momente, in denen Paulus Verfolgungen und Leiden zu erdulden hatte. Darin kam besonders sein Ausharren zum Ausdruck. Das Neue Testament spricht an mehreren Stellen von dem, was Paulus erduldet hat. Ein Beispiel ist 2. Korinther 11,23–28, wo er selbst in ergreifenden Worten daran erinnert, was er erlebt hatte. Hier erinnert er Timotheus an Verfolgungen und Leiden, die dieser kannte.

In Antiochien (gemeint ist Antiochien in Pisidien) hatten die Juden die vornehmen Frauen und die Ersten der Stadt aufgewiegelt, so dass diese eine Verfolgung anzettelten und Paulus und Barnabas aus ihren Grenzen vertrieben (Apg 13,50). In Ikonium entstand durch die Predigt ein Streit in der Bevölkerung, der seinen Höhepunkt darin fand, dass „ein ungestümer Angriff geschah, sowohl von denen aus den Nationen als auch von den Juden samt ihren Obersten, um sie zu misshandeln und zu steinigen“ (Apg 14,5). Gott wachte über seine Diener und sie konnten fliehen. Noch schlimmer erging es Paulus in Lystra. Von Antiochien und Ikonium kamen Juden, die die Volksmengen überredeten, dass sie Paulus tatsächlich steinigten und zur Stadt hinausschleiften, weil sie meinten, er sei tot (Apg 14,19). Diese Erlebnisse waren Timotheus bestens bekannt. Aber er wusste auch, wie der Herr ihn gerettet hatte.

Die Rettung des Herrn

Paulus hatte in seinen Umständen die Rettung des Herrn erfahren. Er erlebte das, was vor ihm treue Gottesmänner erlebt hatten. David schreibt: „Ich suchte den HERRN, und er antwortete mir; und aus allen meinen Beängstigungen errettete er mich... Dieser Elende rief, und der HERR hörte, und aus allen seinen Bedrängnissen rettete er ihn“ (Ps 34,5.7). Beachten wir, dass der Herr ihn nicht vor oder von den Prüfungen bewahrt (d. h. verschont) hatte, sondern dass Er ihn aus allen Verfolgungen und Leiden gerettet hatte. Es ist dem Herrn ein Kleines, seinem Diener Erprobungen zu ersparen. Manchmal tut Er das, aber oft handelt Er anders. Was wir jedoch in jedem Fall erleben, ist seine Hilfe in der Not. Er begleitet uns in den Prüfungen und lässt uns nicht zur Beute des Feindes werden.

Das Wort „retten“ ist hier nicht das Wort, das wir sonst oft finden, wenn es um unsere Errettung geht. Es bedeutet wörtlich, „jemanden aus einer Gefahr an sich ziehen“, ihn „bewahren“ oder „schützen“. Paulus hatte also erfahren, wie der Herr ihn in den Problemen bewahrt und geschützt und mit göttlicher Kraft an sich gezogen hatte. Es ist der Herr, der rettet. Ihm ist alle Macht und Gewalt dazu gegeben. Der Herr mag Umstände oder Personen dazu nutzen, die Seinen zu retten, aber letztlich ist es immer seine göttliche Macht und Kraft, die zur Rettung führt. Das gleiche Wort „retten“ steht zum Beispiel in Römer 7,24, wo ein erweckter Mensch sagt: „Wer wird mich retten von diesem Leib des Todes?“ Auch in 2. Thessalonicher 3,2 benutzt Paulus dieses Wort, wenn er schreibt: „... und dass wir errettet werden von den schlechten und bösen Menschen.“ Im zweiten Timotheusbrief kommt das Wort noch zweimal vor, nämlich in Kapitel 4,17 und 18.

Gottselig leben und leiden

Vers 12: Alle aber auch, die gottselig leben wollen in Christus Jesus, werden verfolgt werden.

Ein gottseliges Leben ist ein Leben der praktischen Ausrichtung zu Gott. Gottseligkeit äußert sich darin, dass wir Gott zur Verfügung stehen und Ihn ehren. Insofern hat Gottseligkeit auch mit Gottesfurcht zu tun. Hier geht es um Christen, die so ein Leben führen wollen. Dazu ist einerseits ein Herzensentschluss nötig. Andererseits muss uns klar sein, dass wir aus eigener Kraft nicht gottselig leben können. Es ist nicht etwas, das wir der „äußeren Form wegen“ tun könnten. Es ist nur möglich „in Christus Jesus“, d. h. in Verbindung mit Ihm. Er ist ja das offenbarte „Geheimnis der Gottseligkeit“, das anerkannt groß ist (1. Tim 3,16). Nur wenn wir mit Ihm beschäftigt sind und wir in sein Bild verwandelt werden, kann echte Gottseligkeit das Ergebnis sein.

Paulus formuliert hier mitten in seiner Gedankenführung plötzlich einen Grundsatz, der jeden Leser auf den Prüfstand stellt. „Alle aber auch ...“. Es geht nicht länger um Paulus und Timotheus, sondern direkt um uns alle. Die Frage lautet: Wollen wir wirklich gottselig leben? Die Menschen, von denen Paulus in den ersten Versen gesprochen hatte, wollten das nicht. Sie besaßen nur eine äußere Form der Gottseligkeit. Sie verleugneten ihre Kraft. Wollen wir mehr als eine christliche Fassade haben? „Wollen“ ist an dieser Stelle nicht nur einfach ein unverbindlicher Wunsch. Der Ausdruck beschreibt vielmehr eine entschlossene und dauerhafte Willensübung.

Die Konsequenz eines solchen Lebens ist an dieser Stelle nicht Freude und Glück, sondern gerade das Gegenteil. Paulus spricht von Verfolgungen, d. h. von äußerem Druck. Das erinnert an das, was Paulus den Thessalonichern schreibt: „... indem ihr das Wort aufgenommen habt in vieler Drangsal mit Freude des Heiligen Geistes“ (1. Thes 1,6). Drangsal oder Verfolgung beschreibt die äußere Seite. Die Freude des Heiligen Geistes beschreibt die innere Seite. Diese Freude kann uns niemand nehmen.

Die Art der Verfolgung mag indessen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten unterschiedlich sein. Der Grundsatz aber gilt immer: Wer sich von dem Bösen in der Christenheit absondert, wer in Gottseligkeit und Hingabe an den Herrn leben und die Wahrheit aufrechterhalten will, muss mit Anfeindungen und Widerwärtigkeiten rechnen. Das hatte der Herr Jesus seinen Jüngern schon vorausgesagt (Joh 15,18–20). Es müssen – Gott sei Dank – nicht immer derartige Verfolgungen sein, wie viele Christen sie auf dieser Erde erduldet haben und immer noch erdulden, indem sie Haftstrafen, Internierungslager und sogar den Tod auf sich nehmen. Verfolgung kann sich häufig anders äußern. Dazu ein Beispiel aus der Bibel: In Galater 4,29 erinnert Paulus an eine Begebenheit aus dem Alten Testament. Er schreibt, dass Isaak durch seinen Halbbruder Ismael verfolgt wurde. Wenn wir den entsprechenden Text in 1. Mose 21,9 lesen, finden wir dort nichts von direkter Verfolgung. Wir lesen, dass Ismael Isaak verspottet hat. Spott ist also eine Art der Verfolgung, mit der wir rechnen müssen.

Hier ist einer der Gründe, warum wir in unseren demokratisch und – bisher – weitgehend von Toleranz geprägten (nach)christlichen Ländern in der Regel so wenig von dem Druck kennen, den Christen in anderen Erdteilen täglich erleben. Wir sind häufig nicht konsequent und gottesfürchtig genug. Wie anders lebten die ersten Christen! Von ihnen lesen wir: „Sie nun gingen vom Synedrium weg, voll Freude, dass sie gewürdigt worden waren, für den Namen Schmach zu leiden“ (Apg 5,41). Der Name ist der Name des Herrn Jesus. Ein gottseliges Leben macht ja gerade deutlich, wie böse die anderen leben. Sie werden durch ein konsequentes Christenleben bloßgestellt. Das kann ihnen nicht gefallen. Deshalb versuchen sie, denen zu schaden, die gottselig leben.

Petrus ermuntert die Gläubigen, an die er schreibt, mit den Worten: „Geliebte, lasst euch durch das Feuer der Verfolgung unter euch, das euch zur Prüfung geschieht, nicht befremden, als begegne euch etwas Fremdes; sondern insoweit ihr der Leiden des Christus teilhaftig seid, freut euch, damit ihr auch in der Offenbarung seiner Herrlichkeit mit Frohlocken euch freut. Wenn ihr im Namen Christi geschmäht werdet, glückselig seid ihr! Denn der Geist der Herrlichkeit und der Geist Gottes ruht auf euch“ (1. Pet 4,12–14).

Böse Menschen und Betrüger

Vers 13: Böse Menschen aber und Betrüger werden zu Schlimmerem fortschreiten, indem sie verführen und verführt werden.

Paulus kommt jetzt erneut auf die Verführer innerhalb des christlichen Bekenntnisses zurück. Sie sind nichts anderes als „böse Menschen“ und „Betrüger“. Dass sie böse sind, lernen wir in den Versen 2–5. Dass es Betrüger – wir könnten Scharlatane sagen – sind, zeigen uns die Verse 6–9. Es handelt sich jedenfalls um ungläubige Menschen. Sie haben einen bösen Charakter und wollen andere verführen, indem sie ihnen etwas vortäuschen, was nicht echt ist.

Das „Schlimmere“ scheint sich auf die Verse 1–9 zu beziehen, wo uns bereits ein erschreckender Zustand innerhalb des christlichen Bekenntnisses beschrieben wird. Aber es wird noch schlimmer kommen. Das Böse wird nicht zu einem Stillstand oder gar Rückschritt kommen. „Fortschreiten“ meint „zunehmen“. Die Geschichte hat bewiesen, dass es tatsächlich so ist. Etwas anderes haben wir nicht zu erwarten. Die Methoden dieser christlichen Verführer werden immer geschickter und tückischer. Der Prophet Jeremia beschreibt schon im Alten Testament Menschen, auf die Ähnliches zutrifft. „Sie spannen ihre Zunge, ihren Bogen, mit Lüge, und nicht nach Treue herrschen sie im Land; denn sie schreiten fort von Bosheit zu Bosheit, und mich kennen sie nicht, spricht der Herr“ (Jer 9,2). Dabei bezieht sich das Fortschreiten an dieser Stelle nicht unbedingt auf ihren Erfolg, sondern auf ihre persönliche Entwicklung zum Bösen hin. Es ist eine moralische und lehrmäßige Degeneration dieser Menschen, die nur eine äußere Form der Gottseligkeit haben.

Das Tragische dabei ist, dass die Verführer schließlich selbst zu Verführten werden. Hinter ihnen steht eine Macht, die sie nicht steuern können, sondern von der sie selbst gesteuert werden. Sie verstricken sich schließlich in das, womit sie anderen schaden wollten. Nach der Entrückung der wahren Gläubigen in den Himmel wird das voll ausreifen (siehe 2. Thes 2,9–12). Diese Menschen werden dann selbst der Lüge glauben. Sie können nicht anders.

Wir brauchen nicht darauf zu hoffen, dass sich der Zustand innerhalb des christlichen Bekenntnisses positiv entwickelt. Wer die aktuellen Trends in der Christenheit ein wenig beobachtet, wird das deutlich erkennen. Wir warten nicht darauf, dass das Christentum eines Tages die Welt doch verändert, oder dass alle Menschen sich bekehren. Gott hat etwas anderes vorausgesagt. Worauf wir unsere feste Hoffnung setzen, ist die Tatsache, dass der Herr Jesus zurückkommt, um uns zu sich zu nehmen, um dann wenig später mit uns in Macht und Herrlichkeit zu erscheinen. Dieser Tatbestand sollte uns aber nicht abhalten, unserem Herrn in Treue zu dienen und Ihn vor den Menschen zu bekennen. Im Gegenteil: Er sollte uns motivieren.

Du aber

Vers 14: Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du völlig überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast.

Mit diesem Vers wendet sich Paulus wieder unmittelbar an Timotheus. In seinen Worten liegt gleichzeitig eine direkte Ansprache für jeden, der dem Herrn dienen möchte. In Vers 10 ging es darum, etwas zu erkennen. Dieser Vers geht einen Schritt weiter. Timotheus sollte nicht nur erkennen, sondern auch in dem bleiben, was er gelernt hatte und wovon er völlig überzeugt war.

Es ist immer leichter, etwas zu erkennen, als das Erkannte ganz persönlich zu praktizieren. Wirkliche Erkenntnis wird aber stets von entsprechenden Ergebnissen begleitet, die in der Praxis des Lebens sichtbar werden. Der Herr Jesus hat selbst darauf hingewiesen, dass seine Jünger seine Worte nicht nur hören, sondern tun sollen (Lk 6,47). Sein Wort soll in uns bleiben, d. h., wir sollen es nicht nur hören, sondern es bewahren und tun.

Bleiben

Das Bleiben in dem, was Timotheus gelernt hatte, scheint einen gewissen Gegensatz zu dem Fortschreiten im Bösen darzustellen. Das Böse schreitet fort und verändert sich. Die Wahrheit hingegen bleibt unverändert. Das Wort „bleiben“ kann man auch mit „wohnen“ übersetzen. „Lernen“ ist etwas, das wir nicht (ausschließlich) mit dem Kopf, sondern vor allem mit dem Herzen tun. Es geht darum, dass das Gehörte und Gelernte einen bleibenden Platz in unseren Herzen hat. Lernen ist nicht etwas, das wir „so nebenbei“ erledigen können. Es bedingt, dass wir uns intensiv mit Gottes Wort auseinandersetzen und die Wahrheit wirklich erforschen. „Völlig überzeugt“ meint, dass wir uns der Sache ganz sicher sind. Als Diener Gottes brauchen wir eine fest verankerte Überzeugung. Wenn das der Fall ist, erkennen wir den Irrtum viel schneller und werden bewahrt. Wer nichts gelernt hat, oder wer von dem Gelernten nicht überzeugt ist, wird deutlich anfälliger für den Irrtum sein.

Was und von wem du gelernt hast

Das, was der Diener gelernt hat, ist für ihn eine weitere Hilfsquelle. Für Timotheus waren das zunächst die „heiligen Schriften“, d. h. das Alte Testament (V. 15). Aber nicht nur sie allein. Timotheus hatte direkt von Paulus (und anderen) gehört und gelernt. Darauf scheint Paulus jetzt Bezug zu nehmen. „Von wem (oder von welchen) du gelernt hast“ kann sich sprachlich entweder auf Paulus und/oder auf andere beziehen. Einige Ausleger schließen seine Mutter und Großmutter an dieser Stelle mit ein. Das ist aber wenig wahrscheinlich, da Paulus erst im nächsten Vers auf die Kindheit von Timotheus zu sprechen kommt.

Wir müssen diese Aussage also in ihrer direkten Bedeutung auf Paulus beziehen. Timotheus wusste, dass Paulus die Wahrheit direkt von Gott offenbart bekommen hatte. Er schrieb nicht nur seine Briefe mit apostolischer Autorität, sondern er sprach auch mit apostolischer Autorität. In 1. Korinther 2,12.13 schreibt er: „Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, um die Dinge zu kennen, die uns von Gott geschenkt sind; die wir auch verkündigen, nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den Geist, mitteilend geistliche Dinge durch geistliche Mittel.“ Das Verkündigen schließt hier eindeutig den mündlichen Dienst – das Reden – von Paulus ein. Paulus redete in Worten, gelehrt durch den Heiligen Geist. Das gab seinen Worten ein besonderes Gewicht. Timotheus hatte das immer wieder gehört und war dadurch geprägt worden. Die Quelle, aus der Timotheus die Wahrheit gelernt hatte, war direkt von Gott gespeist worden.

Niemand von uns hat Paulus predigen gehört. Dennoch können wir immer noch direkt von ihm lernen, wenn wir seine Briefe lesen, die er unter der Leitung des Heiligen Geistes geschrieben hat. Gleiches gilt für die übrigen Schreiber des Neuen Testaments. In diesem Sinn wissen auch wir, „von wem“ wir die christliche Wahrheit gelernt haben. Dieses Wort – und wir schließen das Alte Testament mit ein – ist eine gewaltige Hilfsquelle. Es bewahrt uns vor dem Irrtum. Auch wir wollen in dem bleiben, was wir gelernt haben. Das Böse nimmt zu. Der Irrtum zeigt sich in immer neuen und veränderten Varianten. Die Lehren von Menschen verändern sich. Dennoch gibt es etwas, das absolut bleibt. Das Wort Gottes ist unveränderlich. Es ist die Wahrheit, die einmal den Heiligen überliefert worden ist. Es gibt heute keine „neuen Offenbarungen“. Es gibt kein „neues Licht“ und keine „neue Erkenntnis“. Die Wahrheit, so wie Gott sie uns in seinem Wort gegeben hat, entwickelt sich nicht weiter. Unsere Erkenntnis, unsere Einsicht in die Wahrheit sollen wachsen. Wir bleiben Lernende, solange wir auf dieser Erde sind. Aber das „Lehrbuch“, aus dem wir lernen, verändert sich nicht. Von dieser Wahrheit müssen wir überzeugt sein. Diese Wahrheit müssen wir praktizieren. Für diese Wahrheit müssen wir einstehen. Aber wir sollen sie gleichzeitig an andere weitergeben, damit nachfolgende Generationen diese Wahrheit ebenfalls kennenlernen und eine feste Überzeugung bekommen.

Von Kind auf

Vers 15: Und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die imstande sind, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist.

Das Bindewort „und“ ist ein Hinweis darauf, dass Paulus in Vers 14 mehr von sich gesprochen hat. Jetzt kommt er indirekt auf die Vorfahren von Timotheus zu sprechen. Er war jedenfalls in einem gottesfürchtigen Haus aufgewachsen. Von dem Vater wissen wir nur, dass er ein Grieche war. Mutter und Großmutter hingegen bewiesen in ihrem Leben nicht nur einen lebendigen und ungeheuchelten (d. h. echten) Glauben (Kap. 1,5), sondern das Wort Gottes war ihnen wichtig. Beides hatten sie weitervermittelt.

Der Ausdruck „Kind“ nimmt tatsächlich Bezug auf ein kleines Kind. Von frühester Jugend an war Timotheus mit den heiligen Schriften vertraut gemacht worden. Das Beispiel zeigt uns, dass man nicht früh genug anfangen kann, Kinder mit Gottes Wort bekannt zu machen, sie in Gottes Wort zu unterweisen und ihnen den Herrn Jesus groß zu machen. Das ist eine wichtige Belehrung für Eltern und Großeltern. Darauf hatte Gott schon im Alten Testament großen Wert gelegt (vgl. 5. Mo 6,7; 11,19–21).

Die heiligen Schriften

Die „heiligen Schriften“ sind hier in der direkten Bedeutung das gesamte Alte Testament. Das war das, was der Mutter und Großmutter zur Verfügung stand, als Timotheus noch ein Kind war. In Verbindung mit Vers 16 ist es aber legitim, in der Anwendung auf uns an die ganze Bibel zu denken. Wenn wir vor dem Irrtum bewahrt bleiben wollen (das ist nichts anderes als ein Teilaspekt von „Errettung“), dann sind die Schriften ein weiteres und wichtiges Bewahrungsmittel, das uns zur Verfügung steht. Es geht nicht um die sich ständig ändernden Meinungen und Theorien der Menschen. Es geht um das unveränderliche und bleibende Gotteswort. Dieses Wort steht ewig fest in den Himmeln (Ps 119,89).

Es sind „heilige“ Schriften. Das in diesem Vers für „heilig“ gebrauchte Wort kommt im Neuen Testament nur zweimal vor, nämlich hier und in 1. Korinther 9,13, wo es für die „heiligen Dinge“ benutzt wird. Es beschreibt etwas, das „erhaben“ ist (eigentlich mit dem Heiligtum in Verbindung steht). In Römer 1,2 ist noch einmal von den „heiligen Schriften“ die Rede. Dort steht aber im Grundtext das Wort, das in der Bibel häufig für „heilig“ benutzt wird. Es beschreibt etwas, das Gott geweiht ist und Ihm gehört. Gottes Wort ist einzigartig und unvergleichbar. Es ist daher über jede andere von Menschen verfasste Schrift erhaben. Gott hat uns sein heiliges und erhabenes Wort gegeben. Wir sind dankbar für gute Bibelkommentare. Doch nichts reicht an die Erhabenheit der „heiligen Schriften“ heran. Nur sie können dem menschlichen Denken wirkliche göttliche Weisheit und Einsicht vermitteln (Ps 19,8–9).

Die Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist

Diese Schriften sind „imstande“, d. h., sie sind in der Lage, etwas zu bewegen. Hier ist es konkret die Errettung. Der Begriff „Errettung“ ist an dieser Stelle nicht ganz einfach zu verstehen. Das Wort hat im Neuen Testament eine umfassende Bedeutung (siehe die Erklärung zu Kapitel 2,10). Errettung meint generell, dass wir vor einer Gefahr bewahrt bleiben und keinen Schaden durch sie nehmen. Errettung hat erstens einen vergangenheitsbezogenen Aspekt. Wir sind errettet (vgl. Apg 16,31). Errettung hat zweitens einen gegenwartsbezogenen Aspekt. Wir werden vor den Gefahren auf dem Weg gerettet (vgl. Heb 7,25). Errettung hat drittens einen zukunftsbezogenen Aspekt. Unsere Errettung wird vollständig sein – d. h. auch unseren Körper einschließen –, wenn der Herr Jesus als Heiland erscheint (vgl. Phil 3,20.21). Es ist in allen drei Fällen das Wort Gottes, das uns die Sicherheit unserer Errettung vermittelt.

An dieser Stelle steht offensichtlich der gegenwartsbezogene Aspekt im Vordergrund. Paulus erinnert Timotheus nicht an den Augenblick, an dem er errettet wurde (Vergangenheit). Er spricht auch nicht von der noch vor ihm liegenden Errettung (Zukunft), sondern er spricht von der Gegenwart. Die Heiligen Schriften sind (in der Anwendung auf uns) das Wort Gottes und deshalb gegenwärtig imstande, den Diener weise zu machen, um vor dem Irrtum bewahrt zu bleiben. „Weise machen“ bedeutet an dieser Stelle „mit Weisheit begaben“, „unterweisen“ oder „belehren“. Jede geistliche „Begabung“ und „Fähigkeit“ kommt von Gott und aus Gottes Wort, nicht aus einer menschlichen Quelle.

Paulus fügt hinzu: „... durch den Glauben, der in Christus Jesus ist.“ Der Glaube ist das Mittel, durch das wir gerettet werden. Errettung geschieht immer durch den Glauben. Aber nicht durch Glauben an sich, sondern durch den Glauben „in Christus Jesus“. Der Glaube ist natürlich wichtig, aber er braucht sowohl den richtigen Gegenstand als auch die richtige Grundlage. Deshalb ist es nicht nur wichtig, dass man Glauben hat, sondern man braucht vor allen Dingen den richtigen Glauben. Der richtige Glaube bringt uns immer mit Christus in Verbindung. Dabei wollen wir auf die unterschiedlichen Präpositionen achten. Wer an Christus glaubt, hat den richtigen Gegenstand für seinen Glauben. Wer Christus glaubt, vertraut seinem Wort. Wer jedoch Glauben in Christus Jesus hat, der hat das richtige Fundament für seinen Glauben. Er bewegt sich sozusagen in der Atmosphäre des Glaubens. Davon schreibt Paulus zum Beispiel in 1. Timotheus 3,13: „Denn die, die wohl gedient haben, erwerben sich eine schöne Stufe und viel Freimütigkeit im Glauben, der in Christus Jesus ist.“ Das macht klar, dass es hier nicht um die Errettung der Seele geht, sondern um die Errettung vor Gefahren auf dem Weg des Dienstes.

Alle Schrift von Gott eingegeben

Vers 16: Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit.

Hatte Paulus in Vers 15 noch von den heiligen Schriften gesprochen und damit in der direkten Bedeutung das Alte Testament gemeint, so sagt er jetzt: „alle Schrift“. Damit sind ohne Zweifel das Alte und das Neue Testament gemeint. Es geht um das gesamte Wort Gottes. Die Schreiber des Neuen Testaments waren sich durchaus bewusst, dass sie im Auftrag Gottes seine inspirierten Worte aufschrieben. Petrus erinnert in seinem zweiten Brief an das, was Paulus geschrieben hatte und zählt seine Briefe wie selbstverständlich zu den „Schriften“ (2. Pet 3,16). Paulus zitiert in 1. Timotheus 5,18 ein Wort aus dem Alten und eins aus dem Neuen Testament. Beide Belegstellen leitet er mit den Worten ein: „Denn die Schrift sagt.“

Die Aussage von Paulus an dieser Stelle ist sehr weitgehend. Es ist eine der wesentlichen Bibelstellen, die uns etwas zum Thema der Inspiration (Eingebung) der Bibel sagt. Gott ist die Quelle (der Ursprung), aus der alles kommt. Jedes Wort in der Bibel ist von Gott inspiriert. „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“ Das gilt nicht nur für die Gedanken oder den Inhalt der Bibel. Gott hat den Schreibern nicht nur seine Gedanken offenbart oder gegeben, sondern Er hat ihnen jedes einzelne Wort gegeben, das sie aufschreiben sollten. Die Schreiber haben die Wahrheit nicht mit ihren eigenen Worten aufgeschrieben. Sie taten es mit den Worten, die Gott ihnen gab. Paulus schreibt den Korinthern von den Dingen, die den Aposteln von Gott geschenkt worden waren, und sagt dann: „...die wir auch verkündigen, nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den Geist, mitteilend geistliche Dinge durch geistliche Mittel“ (1. Kor 2,13). Es ist eindeutig zu wenig, wenn behauptet wird, dass die Bibel Gottes Wort enthält. Das ist eine Verführung des Teufels. Die Bibel enthält nicht einfach das Wort Gottes, die Bibel ist das Wort Gottes. Das ist ein beachtenswerter Unterschied.

„Von Gott eingegeben“ bedeutet wörtlich: „Gott gehaucht“. Der Ausdruck kommt im Neuen Testament nur an dieser Stelle vor. Das bedeutet nicht nur, dass Gott in die Schreiber „hineingeatmet“ hätte. Es ist mehr. Jedes Wort wurde sozusagen von Gott ausgeatmet. Jedes einzelne Wort ist von Gott gegeben. So hat Er die „Schrift“ durch seinen Hauch ins Leben gerufen. Wort für Wort ist von Gott inspiriert. Deshalb sprechen wir völlig zu Recht von der wörtlichen Eingebung – oder Verbalinspiration – der Heiligen Schrift. Daran müssen wir unbedingt festhalten. Der Apostel Petrus bestätigt das auch. Er schreibt: „Denn die Weissagung wurde niemals durch den Willen des Menschen hervorgebracht, sondern heilige Menschen Gottes redeten, getrieben vom Heiligen Geist“ (2. Pet 1,21).

„Alle“ Schrift meint „jede“ Schrift. Gemeint sind nicht einzelne Abschnitte oder Passagen, sondern jedes einzelne Wort der ganzen Schrift. Das Neue Testament ist darin unbedingt eingeschlossen. Der individuelle Schreibstil und die Eigenheiten der einzelnen Autoren sind dabei erhalten geblieben. Gott hat die Schreiber seines Wortes nicht einfach „blind“ benutzt, sondern hat dafür Sorge getragen, dass die verschiedenen Charaktere der Schreiber erhalten geblieben sind und in den Texten erkennbar werden. Paulus schreibt anders als Petrus und Petrus schreibt anders als Johannes. Das hat Gott so gewollt.

„Inspiration“ ist allerdings nicht mit „Offenbarung“ zu verwechseln. Jedes Wort in der Bibel ist von Gott inspiriert, d. h., die Schreiber bekamen den Auftrag, es so zu schreiben. Aber nicht alles ist eine von Gott offenbarte Wahrheit. Wenn Lukas in der Apostelgeschichte einen Reisebericht gibt, dann brauchte ihm dieser nicht offenbart zu werden. Er war ja selbst dabei und hatte es miterlebt. Aber er bekam den Auftrag, den Bericht unter der Leitung des Heiligen Geistes niederzuschreiben. Wenn Petrus im Blick auf das Leiden und Sterben des Herrn zu Ihm sagte: „Dies wird dir nicht widerfahren“ (Mt 16,22), war ihm das ganz sicher nicht von Gott offenbart. Aber Matthäus bekam doch den Auftrag, genau diese Worte aufzuschreiben.

Die Tatsache, dass alle Schrift von Gott eingegeben wurde, hat Konsequenzen. Erstens ist die Bibel unfehlbar und zweitens hat sie Autorität. Was in der Bibel steht, ist die absolute Wahrheit. Es gibt in der Bibel keine Fehler. Natürlich ist die Bibel kein naturwissenschaftliches Buch – weder ein Geschichtsbuch noch ein Biologiebuch. Aber wenn die Bibel Aussagen zu Themen macht, mit der sich die Wissenschaften heute beschäftigen, sind diese immer wahr. Wenn sie etwas über die Geschichte schreibt, ist es wahr. Wenn sie Aussagen über biologische Vorgänge macht, sind sie ebenfalls wahr. Es ist eine verführerische Taktik des Teufels, mit vermeintlich wissenschaftlichen Argumenten Zweifel an der Unfehlbarkeit der Bibel zu säen. Leider ist es ihm in weiten Teilen des christlichen Bekenntnisses gelungen.

Alle Schrift ist nützlich

Die Schrift – das Wort Gottes – ist aber nicht nur unfehlbar, sie hat auch absolute Autorität. Wer nicht akzeptiert, dass die Bibel unfehlbar ist, der wird ihre Autorität nicht anerkennen. Tatsache ist aber, dass die Schrift inspiriert und deshalb nützlich ist – nützlich für jeden Menschen und besonders den Menschen Gottes. Gottes Wort zeigt immer eine Wirkung. Der Schreiber des Hebräerbriefes sagt: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Beurteiler der Gedanken und Überlegungen des Herzens“ (Heb 4,12).

Paulus nennt vier Punkte. Die Reihenfolge ist dabei sicher nicht ohne Bedeutung:

  • Nützlich zur Lehre: „Lehre“ bedeutet hier „Belehrung“. Grundlage jeder Belehrung muss das Wort Gottes sein. Dabei geht es nicht nur um den Inhalt der Belehrung, sondern ebenfalls um die Handlung des Belehrens. Wie in Vers 10 steht die Lehre an erster Stelle. Sie ist die Basis für das praktische Leben des Dieners Gottes. Sie zeigt, wie Gott über die Dinge denkt. Wir lernen die Sichtweise Gottes kennen. Wenn wir als Kinder Gottes und Diener des Herrn in der Wahrheit wandeln möchten, dann müssen wir sie kennen. Wer den Willen Gottes tun möchte, muss ihn vorher kennenlernen. Das Wort Gottes vermittelt uns diese Kenntnis. Die Lehre der Bibel können wir nur kennenlernen, wenn wir uns von der Bibel auch belehren lassen.
  • Nützlich zur Überführung: Das Wort, das hier steht, bedeutet einerseits „Korrektur“, andererseits „Beweis“ oder „Überzeugung“. Das Wort Gottes bringt den Leser also zur Einsicht. Das gilt für den Sünder und genauso gilt es für Menschen, die dem Herrn angehören. Ein Beispiel finden wir im Leben Davids. Die Worte des Propheten Nathan – im Auftrag Gottes gesprochen – überführen ihn von seiner Sünde, die er begangen hatte (2. Sam 12,7). Das Wort überführt oder überzeugt uns davon, dass die Lehre die Wahrheit ist. Der Diener Gottes muss zu jeder Zeit wissen, auf welchem festen Fundament er steht. Wer diese feste Überzeugung nicht hat, wird schnell ein Opfer falscher Lehren und Praktiken.
  • Nützlich zur Zurechtweisung: Das bedeutet, dass die Schrift uns auf Fehler aufmerksam macht und korrigiert. Sie ist ein wichtiges Korrektiv, das jeder von uns braucht. Jeder macht Fehler. Wir sind nicht vollkommen. Wenn wir diese Korrektur nicht haben, werden wir schnell in die Irre gehen. Dabei zeigt uns das Wort Gottes nicht nur, was wir falsch machen können (oder falsch gemacht haben), sondern es zeigt uns immer den richtigen Weg.
  • Nützlich zur Unterweisung in der Gerechtigkeit: Gerechtigkeit ist hier nicht die Gerechtigkeit aus Gott (oder unsere Stellung). Es geht vielmehr um die praktische Gerechtigkeit im täglichen Leben. Praktische Gerechtigkeit im Leben des Menschen Gottes ist ein Leben in Übereinstimmung mit Gott und mit seinem offenbarten Willen. Das gilt im Blick auf Gott, auf unsere Glaubensgeschwister und auf die ungläubige Umgebung. Dann geben wir jedem, was ihm zusteht. Gottes Wort unterweist uns in dieser praktischen Gerechtigkeit. Mit „Unterweisung“ verbindet sich der Gedanke an ein „Training“. Gerechtigkeit ist – wie die Gottseligkeit – eine Tugend, in der wir uns ständig üben müssen (1. Tim 4,7).

Startpunkt oder Grundlage ist die Lehre. Sie vermittelt uns eine feste Überzeugung. Dann werden wir durch Gottes Wort korrigiert und können so ein Leben in praktischer Gerechtigkeit führen.

Der Mensch Gottes

Vers 17: Damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt.

Mit diesen Worten beschreibt Paulus das eigentliche Ziel. Gott möchte, dass seine Menschen auf dieser Erde erstens vollkommen und zweitens zu jedem guten Werk völlig geschickt sind.

Der Ausdruck „Mensch Gottes“ kommt in dieser Form im Neuen Testament nur zweimal vor, hier und in 1. Timotheus 6,11, wo Timotheus selbst so genannt wird. 2. Petrus 1,21 spricht von „Menschen Gottes“ und nimmt Bezug auf Propheten im Alten Testament (wo verschiedene Menschen, wie beispielsweise Mose, David, Elia, Elisa und andere, diesen Ehrentitel tragen). Der Ausdruck selbst ist geschlechtsneutral, d. h., Männer und Frauen sind gleichermaßen angesprochen. Der Mensch Gottes kommt aus der Gegenwart Gottes und wird von Gott in die Welt gesandt. Er hat eine Botschaft im Auftrag Gottes. Dementsprechend soll er sich verhalten. Wer sich als Diener von Gott gebrauchen lässt, kann – und soll – ein Mensch Gottes sein. Es ist ein Ehrentitel, der ausdrückt, wem wir gehören und für wessen Interessen wir einstehen. Im Alten Testament steht der Ausdruck oft mit einer konkreten Aufgabe und einem Dienst in Verbindung, den Gott gibt. Das galt für Timotheus. Das gilt für uns.

Vollkommen

Vollkommen zu sein bedeutet im Neuen Testament an einigen Stellen, zum vollen Wuchs gekommen oder erwachsen geworden zu sein. Manchmal erinnert der Ausdruck auch an die Stellung, die wir besitzen. An dieser Stelle scheint die Bedeutung zu sein, dass jemand „von rechter Beschaffenheit“ ist. Das steht eng mit der praktischen Gerechtigkeit in Vers 16 in Verbindung. Der Maßstab ist hoch und niemand würde von sich behaupten, dieses Ziel je erreicht zu haben. Aber weniger kann Gott von uns nicht erwarten. Vollkommen zu sein kann ebenso bedeuten, dass wir durch das Wort Gottes völlig ausgerüstet sind für jeden Dienst und jede Aufgabe, die Gott uns gibt. Durch das Wort Gottes sind wir fähig, jedes gute Werk zu tun, das wir tun sollen.

Zu jedem guten Werk völlig geschickt

Dieser Vers erteilt dem modernen Ansatz, durch akademische Studien theologisch zubereitet oder „zugerüstet“ zu werden, eine klare Absage. Es geht nicht um eine wie auch immer geartete theologische Ausbildung, sondern es geht darum, dass der Mensch Gottes durch Gottes Wort gebildet und geprägt wird.

Zu jedem guten Werk völlig geschickt zu sein verbindet sich mit der Aussage in Kapitel 2,21, wo wir lesen, dass wir zu jedem guten Werk bereitet sein sollen. Es bedeutet so viel wie „ausgerüstet sein“. Gott möchte, dass wir bereit sind, gute Werke zu tun. Er möchte, dass die erforderlichen Voraussetzungen dazu gegeben sind. Dabei ist klar, dass wir keine guten Werke tun, um etwas zu bekommen, sondern wir tun sie deshalb, weil wir etwas bekommen haben. Gott ist sozusagen „in Vorleistung“ gegangen. Durch sein Wort wirkt Er jetzt in uns, gute Werke zu tun.

Beispielhaft für uns sind die guten Werke von Maria aus Bethanien und von Dorkas aus Joppe. Von Maria heißt es ausdrücklich, dass sie ein gutes Werk an dem Herrn Jesus tat (Mk 14,6). Von Dorkas lesen wir, dass sie reich an guten Werken war (Apg 9,36). Es gibt gute Werke, die wir direkt für den Herrn tun. Es gibt gute Werke, die wir an anderen Menschen tun, aber die dennoch Werke sind, die wir letztlich für unseren Herrn tun.

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