Botschafter des Heils in Christo 1869

Die Fürbitte des Christus

Es scheint, dass die Lehre bezüglich der Fürbitte Christi im Geist vieler Christen in eine gewisse Dunkelheit gehüllt ist, die zu zerstreuen von großem Nutzen sein würde. Der größte Teil derselben weist dieser Lehre den unrechten Platz an, indem man aus ihr das Mittel zur Erlangung der Gerechtigkeit und des Friedens machen will, wodurch natürlich der von ihnen nicht erkannte wahre Charakter der Erlösung geschwächt wird. Andere hingegen, welche verstanden haben, dass die Erlösung vollkommen und vollendet ist, lassen die Fürbitte bei Seite, weil sie dieselbe mit der Vollkommenheit der Erlösung, welche sie dadurch geschwächt und verleugnet zu sehen glauben, für unvereinbar halten. Dass aber alle diese Christen im Irrtum sind und den wahren Charakter der Fürbitte Christi verkennen, ist einleuchtend. In der Tat ist dieselbe nicht ein Mittel zur Erlangung der Gerechtigkeit und des Friedens. Sie zu diesem Zweck benutzen zu wollen ist von großem Schaden und verhindert uns, an der Wahrheit festzuhalten, dass wir Gerechtigkeit Gottes in Christus sind. Aber ebenso schädlich ist es, die Fürbitte Christi aus dem Auge zu verlieren, nachdem wir Christus als unsere vollkommene Gerechtigkeit erkannt haben. Denn auf diese Weise macht man aus dieser Gerechtigkeit eine kalte Sicherheit, an welcher das Herz keinen Anteil hat Man zerstört in der Seele das tiefe und süße Gefühl der beständigen Liebe Christi zu uns, sowie unsere Abhängigkeit von der täglichen Ausübung dieser Liebe.

Weil, wie schon bemerkt, die Mehrzahl der Christen der vollkommenen Liebe Gottes in Gerechtigkeit nicht versichert ist; so gehen sie zu Christus, um von Ihm zu erlangen, dass Er sich mit ihrer Sache befasse und für sie, um alles in Ordnung zu bringen, vor Gott Fürbitte einlege. Ohne sich davon Rechenschaft zu geben und ohne es eingestehen zu wollen, erblicken sie tatsächlich in Christus die Liebe, in Gott das Gericht; und sie erwarten von Christus, dass Er Gott zum Mitleid, zum Erbarmen und zur Vergebung bewege im Blick auf die allgemeinen Belehrungen in unseren Tagen ist es in der Tat kein Wunder, dass sich viele in einem solchen Seelen zustande befinden; aber dieser Zustand verrät nicht unsere wahrhaft christliche Stellung. Die Liebe Gottes ist die Quelle aller unserer Vorrechte und der Hoffnungen unseres Heils; und kraft des Werkes Christi, in welchem Gott verherrlicht worden ist, betätigt sich diese Liebe vollkommen in Gerechtigkeit. „Die Gnade herrscht durch die Gerechtigkeit“ (Röm 5,21). Wir sind Gottes Gerechtigkeit in Christus; (2. Kor 5,21) wir haben nicht nötig, sie zu suchen. Christus ist unsere Gerechtigkeit immer und beständig. Diese Gerechtigkeit ist ebenso vollkommen, als sie beständig und fortdauernd ist, und ebenso beständig und fortdauernd, als sie vollkommen ist. Gott ist in dieser Beziehung vollkommen verherrlicht worden; und seine Liebe ergießt sich völlig und nach der Gerechtigkeit auf den Christen, wie auf Christus selbst. Die Stellung ist eine sichere und vor Gott festgestellte – eine Stellung und eine Verbindung, die sich nimmer verändern. Die Fürbitte Christi ist auf sie gegründet. Wenn ich hernach von dem Brief an die Hebräer spreche, so werden wir sehen, inwiefern jene Handlung, die das Fundament unseres Platzes vor Gott vervollständigte, eine Handlung des Priesters war. Andrerseits aber ist es ebenso wahr, dass wir auf Erden arme, schwache Kreaturen sind, welche öfters fehlen (Jak 3,2).

Unser Platz vor Gott ist im Licht, wie Gott im Licht ist; und dort sind wir in der Gerechtigkeit, wovon wir eben gesprochen haben, angenommen; aber wir wandeln durch eine versuchungsreiche Wüste und zwar in einem noch nicht erlösten Leib. Wir sind schwache und abhängige Geschöpfe, die oft fehlen, indem wir in einer Welt leben, wo wir der Gnade – „der Barmherzigkeit und der Gnade zur rechtzeitigen Hilfe“ – bedürfen. Die besseren Neigungen werden durch unsere täglichen Bedürfnisse, durch das tägliche Vertrauen und durch das tägliche Erfahren der Treue des Herrn, nicht aber durch das Gefühl unserer Sicherheit erweckt und in Tätigkeit gesetzt, wiewohl Letzteres das Fundament des Ersteren und durchaus notwendig ist und schon an und für sich Dank und Lob hervorbringt. Aber es ist einleuchtend, dass die Abhängigkeit und alles, was damit zusammenhängt, weder hervorgerufen noch unterhalten wird durch die Tatsache, dass wir vollkommen und auf immer vollendet sind. Wenn ich das Gefühl verliere, dass ich also auf immer vollkommen vor Gott bin, so wird meine Furcht eine knechtische sein: und wenn ich in Gott einen gerechten Richter erblicke, so werde ich wegen meiner Sicherheit auf Christus sehen. Wenn ich das Gefühl meiner Abhängigkeit in der Schwachheit verliere, so genügt es mir, mich in Sicherheit zu wissen; mein Bestreben geht nicht höher; und die besten Neigungen und die köstlichsten Gnadengaben werden nicht wachgerufen.

Betrachten wir jetzt, worin denn eigentlich die Fürbitte besteht und welches der Platz ist, der ihr im Christentum gebührt.

Die Fürbitte unseres Herrn hat zwei verschiedene Charaktere: Christus ist Priester vor Gott und Sachwalter bei dem Vater. Unter diesen beiden Charakteren erscheint Er vor Gott und vor dem Vater für uns, damit wir die Segnung empfangen, die wir bedürfen. Der erste dieser Charaktere ist aber allgemeiner, als der zweite. Als Priester ist Christus vor Gott, so dass wir zu Gott kommen und Ihm nahen dürfen; er bittet aber auch Zugleich für unsere Bedürfnisse. Als Sachwalter bei dem Vater ist Er mehr betreffs der Wiederherstellung der Gemeinschaft tätig.

Hier stoßen mir auf einige Schwierigkeiten. Es gibt Personen, welche leugnen, dass das Wort Fürbitte die tatsächliche Fürbitte oder die Dazwischenkunft zu unseren Gunsten bezeichne. Sie behaupten, der griechische Ausdruck: „???“ bezeichne nur die persönliche Gegenwart oder das Erscheinen des Herrn vor Gott und unserem Vater für uns. Doch das ist ein Irrtum. Wenn wir in Hebräer 7,25 lesen, dass „Er immerdar lebt, um für uns zu bitten“, so lebt Er doch nicht immerdar, um unsertwegen nur vor Gott zu erscheinen. Auch in Römer 8,34 lesen wir: „Der auch zur Rechten Gottes ist, der auch für uns bittet.“ Und wenn wir in demselben Kapitel (V 26–27) in Bezug auf den Heiligen Geist die Worte lesen: „Er selbst bittet für uns in nicht auszusprechenden Seufzern“, – so ist es klar, dass der Ausdruck, um den es sich hier handelt, in dem einfachen und gewöhnlichen Sinne einer tatsächlichen Fürbitte zu unseren Gunsten angewendet ist. Denn in keiner Weise erscheint der Heilige Geist in der Gegenwart Gottes für uns, sondern spricht für uns; Er bittet in uns mit nicht auszusprechenden Seufzern. Der Gebrauch des Wortes „???“ ist also unzweideutig.

Andere Personen haben, wie seltsam dieses auch erscheinen mag, sich nicht zu sagen gescheut, dass der Brief an die Hebräer nicht an Christen, sondern an den jüdischen Überrest gerichtet sei. Allerdings gibt es in dieser Brief Aussprüche, die wie die Äste eines fruchtbaren Baumes über die Mauer hinausragen und also bis zu jenen Gläubigen zu ihrem Nutzen und Segen hingelangen; nichtsdestoweniger aber ist der Brief an Christen gerichtet. An wen ward (und in der Tat ist, da der Brief ein Brief und nicht eine Prophezeiung ist, dieses ein genügender Beweis) der Brief gerichtet – an Christen oder an Nichtchristen? Ohne Zweifel an Christen. Es bestand damals kein anderer jüdischer Überrest, als Christen, an welche dieselbe hätte gerichtet werden können. Der Irrtum, in welchen man in dieser Beziehung gefallen ist, scheint daher gekommen zu sein, dass der Brief sich nicht auf den eigentlich kirchlichen Boden stellt, d. h. an den Boden der Vereinigung der Heiligen mit Christus. Sie sieht vielmehr die Heiligen auf der Erde und Christus für sie im Himmel, abgesondert, von ihnen getrennt, für sie persönlich in der Gegenwart Gottes; sie betrachtet die Heiligen nicht als in die himmlischen Örter versetzt, (vgl. Eph 1,3–6.22; 2,5.7) sondern als in der Trübsal, in der Wüste geübt und geprüft. Der Brief richtet sich an die heiligen Brüder der damaligen Zeit, welche Genossen der himmlischen Berufung waren und Christus zum Apostel und Hohepriester ihres Bekenntnisses hatten (Heb 3,1). Sie richtete sich also damals nur an Christen; denn nur sie genossen diese Stellung; und nimmer richtet sie sich direkt an sonst jemanden. „Gott brachte viele Söhne zur Herrlichkeit“, und „Christus ist der Anführer und Anfänger ihres Heils“; (Heb 2,10–11) vom Anfang bis zum Ende der Brief finden wir dieselbe Wahrheit. Sie nimmt Bezug auf die, welche damals „des Heiligen Geistes teilhaftig geworden, waren und die himmlische Gabe geschmeckt hatten“ (Heb 6,4–5). Damals hatten sie den Heiligen gedient; damals hatten sie mit Freuden den Raub ihrer Güter aufgenommen, da sie wussten, dass für sie selbst eine bessere und bleibende Habe in den Himmeln lag (Heb 6,10; 10,32.34). Es scheint mir nicht wahrscheinlich, dass jemand daran zweifeln könnte, dass die, von denen man damals diese Dinge sagen durfte, Christen waren, oder dass sich, mit anderen Worten, diese Brief an Christen und nur an solche richtet. Ihre Hoffnung war innerhalb des Vorhangs, wo Jesus eingegangen ist als Vorläufer des Schreibers und derer, an welche er schrieb (Heb 6,18–20). War der Schreiber nicht ein Christ? Sie nahten zu Gott damals, ich denke, als Gläubige, d. h. als Christen; und es geziemte ihnen ein Hohepriester, höher als der Himmel geworden, weil sie im Geist dort eingingen (Heb 7,26; 8,2). das ganze neunte Kapitel setzt eine damals ewige Erlösung, ein ewiges Erbe, die himmlischen Dinge und das Erscheinen Christi selbst im Himmel zurzeit der Abfassung der Brief für die voraus, an welche sie gerichtet wurde. Ihre Gewissen waren gereinigt, (Heb 9,11–14) während diejenigen des Überrestes es erst dann sein werden, wenn sie Christus kommen sehen. Christus sitzt für immer zur Rechten Gottes; (Heb 10,12) und der Eintritt ins Heiligtum war für sie aus einem neuen und lebendigen Wege geöffnet (Heb 10,19–22). Sie sollten den Anfang ihres Bekenntnisses standhaft festhalten (Heb 3,6–14; 4,14; 6,11; 10,23). Sie waren Gläubige, d. h. Solche, die Eintritt hatten in das Allerheiligste. Der ganze Brief setzt voraus, dass die, an welche sie sich richtet, damals Gläubige waren, dass sie ein ihnen bekanntes Teil im Himmel hatten, und dass dieses ihre Berufung war. Sie spricht nicht nur von Einzelnen, welche, nachdem sie getötet worden seien, einen Platz im Himmel haben würden; (vgl. Off 6,9–11; 20,4) der Himmel ist die Berufung aller derer, an welche der Brief gerichtet ist. Es waren also Christen, wenn auch Christen aus dem Judentum. Der Brief richtet sich nur an solche, welche dieses sind, obwohl sie in ihrer Ausdrucksweise auch derer gedenkt, welche späterhin auf der Erde geschont werden; denn für diese ist noch eine Ruhe geblieben.

Es ist in der Tat ganz unglaublich, dass man der Brief an die Hebräer lesen und nicht erkennen kann, dass sie zu Christen redet und nur an Christen gerichtet ist, d. h. an solche, welche damals für den Himmel berufen waren und deren Bekenntnis ein solches war. Ich gebe gern zu, dass der Brief nicht an die Kirche als solche gerichtet ist. Sie würde, wie auch die Kirche, ihre wahre Bedeutung verlieren, weil die Kirche mit Christus im Himmel vereinigt ist und hier die Christen nicht van diesem Standpunkt aus ins Auge gefasst werden. Der Brief wäre nicht an ihrem wahren Platze, weil sie lehrt, dass Christus für uns im Himmel ist, während wir noch auf der Erde wandeln und kämpfen und unsere irdische Stellung zur Anbetung der himmlischen Gnade Veranlassung gibt. Aber die Gnade von oben, welche uns in einer irdischen Lage findet, während wir für den Himmel berufen sind, führt uns ein in die Erkenntnis der Liebe, der Zärtlichkeit, der Teilnahme und der Treue, welche in Jesu sind, sowie des Interesses, welches Er an unserer Lage und den Verhältnissen nimmt, in denen wir uns hienieden befinden. Dieses kann nicht der Fall sein, wenn von unserer Vollkommenheit in Ihm die Rede ist. Die Gnade bildet uns also zur Abhängigkeit und zum Vertrauen auf Ihn; sie lehrt uns auf seine Treue rechnen, macht, dass wir das Interesse, welches Er beständig für uns hat, ergreifen und lässt uns auf den Zeitpunkt hinschauen, wo mir Ihn sehen werden, wie Er ist. Dieses kann nicht der Fall sein, wenn von unserer Anwesenheit in Ihm im Himmel die Rede ist.

Was nun die Stellen in 1. Johannes 2,2 und Römer 8,34 betrifft, so beziehen sich dieselben unwiderleglich auf Christen. Die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn ist unstreitig das Teil der Christen. Das achte Kapitel des Römerbriefes bedarf in dieser Hinsicht gar keiner Erklärung. Wenn man die Stelle in 1. Johannes 2,2 auf Nichtchristen beziehen wollte, wie wäre dieses dann mit der Fürbitte in Einklang zu bringen. Die Dazwischenkunft des Herrn als Sachwalter ist also auf die Tatsache gegründet, dass Jesus Christus, der Gerechte, der Sachwalter und die Versöhnung für unsere Sünden ist. Die göttliche und vollkommene Gerechtigkeit und die vollkommene Versöhnung haben uns ins Licht gestellt, wie Gott im Licht ist, auf dass wir in demselben wandeln sollen; und weil wir fehlen – „wenn jemand gesündigt hat“ – so ist und kann keinerlei, Zurechnung möglich sein, weil diese Gerechtigkeit und diese Versöhnung immerdar vor Gott sind. Es ist dieses unmöglich, weil die Sünden hinweggenommen sind und die Gerechtigkeit fortbesteht. Jedoch kann Gott die Sünde in denen, welche Er liebt, nicht dulden; und sowohl kraft seines Werkes, als auch kraft dessen, dass Er unsere Gerechtigkeit vor Gott ist, bittet Christus für uns; und die Seele wird hergestellt. Diese Grundlage der Tätigkeit Christi als Sachwalter führt auch dahin, von der ähnlichen oder wirklich gleichen Grundlage des Priestertums zu sprechen. Auf Erden konnte Christus nicht Priester sein; aber es gab ein Werk, welches der Hohepriester außerhalb der im Heiligtum stattfindenden Ausübung des Priestertums zu vollziehen hatte – ein Werk, welches zu dieser Ausübung den Grund legte, ein Werk, in welchem Er der Stellvertreter des Volkes war und welches den Grund legte zu dem, was eigentlich sein priesterlicher Dienst im Lauf des Jahres war; – ich meine das Opfer des großen Versöhnungstages, an welchem das Blut auf den Gnadenstuhl gebracht und die Sünden auf den Kopf des Bockes Hasael bekannt wurden (3. Mo 16). Auf diese Weise wurde die Versöhnung des Volkes gemacht; und auf dieser Basis beruhte die ganze Ausübung des Priestertums. Der Brief an die Hebräer nun hat Bezug auf diese Ausübung, sowie auf dieses Priestertum selbst. Sein irdisches Leben befähigte Christus, Mitgefühl zu haben, obwohl Er jetzt im Himmel ist; und das auf Erden vollbrachte Opfer indem (es für immer, was die Schuld betrifft, die Sünden hinwegnahm) bildete die Grundlage der Fürbitte wegen der täglichen Segnung und des täglichen Zutritts zu Gott durch Ihn. Darum erklärt der Brief an die Hebräer nachdrücklich, dass, wenn Christus auf Erden wäre, Er nicht Priester sein könnte; (Kap 8,4) und sie sagt zu gleicher Zeit: „Deswegen sollte er in allem den Brüdern gleich werden, auf dass er in den Sachen mit Gott ein barmherziger und treuer Hohepriester werden möchte, um die Sünden des Volkes zu versöhnen“ (Kap 2,17). Auf dieser Grundlage beruhen sein erbarmungsvolles und fortdauerndes Priestertum und seine Fürbitte. Wegen des Opfers Christi ist es unmöglich geworden, dass die Sünde uns zugerechnet würde; und sein Leben des Leidens und der Versuchung setzt Christus, weil Er weiß, was es ist zu leiden und versucht zu werden, in den Stand, Denen zu helfen, die versucht werden (Heb 2,17–18; 4,15). Darum werden wir Christen in Kapitel 4 ermahnt, unser Bekenntnis festzuhalten; 1 „denn wir haben nicht einen Hohepriester, der nicht Mitleiden haben kann mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem gleich wie wir versucht worden ist, ausgenommen die Sünde.“ Wir haben also einen Priester bei Gott und einen Sachwalter bei dem Vater. Christus ist dort in diesem doppelten Charakter kraft eines Opfers, durch welches Er ein für alle Mal unsere Sünden getragen hat; und nachdem Er durch das Opfer seiner selbst die Sünde hinweg genommen, befindet Er sich dort in vollkommener Annahme, an der auch wir Teil haben. Er allein – Jesus Christus, der Gerechte, die Versöhnung für unsere Sünden – war fähig, völlig wörtlich (bis zur Vollendung) Die zu erretten, welche durch Ihn zu Gott kommen, weil Er immerdar lebt, um für sie zu bitten, weil Er, nachdem Er die Reinigung unserer Sünden gemacht, als großer Hohepriester sitzt zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln (Heb 8,1–2; 9,11.14.24–28; 10,5.22; 1. Joh 2,1–2).

Dieses führt uns zu einem anderen Punkte. Wir nahen uns nicht dem Hohepriester, sondern wir kommen zu Gott durch Ihn zu einem Gnadenthron. Ich zweifle nicht, dass die herablassende Gnade Gottes hat Geduld haben können mit dem, welcher in Aufrichtigkeit des Herzens sich Christus, als dem Hohepriester nahte; aber dieses ist nicht die Belehrung des Wortes Gottes.

Christus erscheint in der Gegenwart Gottes für uns; wir nahen uns zu Gott durch Ihn. Es gibt in dieser Hinsicht weder Ungewissheit noch Ausnahme in der Schrift. Die Fürbitte Christi ist weder die Folge unserer Rückkehr zu Gott, noch die Folge unserer Reue, sondern Er bittet wegen unserer Schwachheiten, unserer Bedürfnisse und unserer Mängel. Seine Gnade, ist in Tätigkeit, weil seine Wirksamkeit diese Gnade zur Quelle und sein Werk, seine Stellung vor Gott in Gerechtigkeit, zur Grundlage hat, wie wir es gesehen haben.

Wenn wir uns Christus in der soeben erwähnten Weise nahen, so haben wir noch nie weder die Liebe Gottes, noch unseren Platz und unsere Verbindung mit Gott – um mit Johannes zu reden – im Licht, wie Er im Licht ist, erkannt; und ebenso wenig die volle Freiheit zum Eintritt in das Heiligtum durch den zerrissenen Vorhang (Heb 10,20). Wir haben dann noch nicht gelernt, dass es weder Verdammnis noch Trennung gibt für die, welche in Christus Jesus sind (Röm 8). das Priestertum Christi, sowie seine Dazwischenkunft oder sein Werk als Sachwalter setzen voraus, dass wir unseren Platz im Himmel haben. Fehlt dieses Bewusstsein, so sind wir in Gefahr, betreffs unseres Wandels mit diesem Vorrecht nicht in Übereinstimmung zu sein. Einerseits kann Gott kein Böses dulden an denen, welche in Verbindung mit Ihm sind, wie sehr sie auch sonst vor Ihm begnadigt sein mögen; sie müssen mit reinen Füßen und reinen Herzen vor Ihm sein, weil sie rein sind. Andrerseits prüft Er sie hienieden; und Christus geht in besonderer Weise in alle ihre beiden und Schwachheiten ein; Er fördert ihr Wachstum, trifft Vorsorge in ihren Schwachheiten und reicht Barmherzigkeit, Reinigung und Wiederherstellung dar. Diese ganze Dazwischenkunft Christi hat nichts mit unserer Annahme vor Gott zu tun; sie hat aber zum Zweck, uns zu bewahren oder uns zum wirklichen Genuss der Gemeinschaft mit Gott und in die Verbindung zurückzuführen, in welcher wir uns Ihm gegenüber befinden. Die Sicherheit ist nicht das Ende, sondern der Anfang des Christentums. Das Christentum stellt uns in Verbindung und Gemeinschaft mit Gott, wie Er ist, sowie mit unserem Vater und seinem Sohn Jesu Christi. Das Priestertum und das Werk des Sachwalters halten uns darin aufrecht, helfen dazu und führen uns dahin zurück; und dieses geschieht jetzt, da unsere Verbindung der göttlichen Gerechtigkeit gemäß bereits besteht, wir uns aber auf einem Schauplatz der Versuchungen und Prüfungen befinden, dessen ganzes Streben dahin gerichtet ist, diese Gemeinschaft zu unterbrechen wegen unserer Schwachheit und den Seelenprüfungen, durch welche wir inniger zu dieser Gemeinschaft gebildet werden sollen. Wir aber sind es nicht, die es bewirken, dass unser großer Hohepriester sich für uns in den Riss stellt; Er tut es in seiner Gnade und nach seinem Willen. So sehen wir in einem Beispiel, wo Er die Grundsätze seines Priestertums schon zum Voraus offenbarte, dass Er für Petrus betete, noch ehe dieser die Sünde begangen hatte; und dass er gerade um das flehte, dessen Petrus bedurfte, und zwar nicht, damit der Jünger nicht gesichtet werde, sondern dass sein Glaube nicht aufhöre und er nicht der Verzweiflung anheimfalle. Im rechten Augenblick wird das Herz des Petrus durch die Gnade und die Tätigkeit Christi getroffen; und bitterlich weint er über seinen Fehltritt. Diese Rückkehr des Jüngers ist nicht die Ursache, sondern die Wirkung der Tätigkeit Christi. Später stellt der Heiland die Seele desselben wieder ganz her. Gleicherweise wenn es sich um die Tätigkeit des Sachwalters handelt, lesen wir in 1. Johannes 2,1: „Wenn jemand gesündigt hat“, (nicht aber: „Wenn jemand bereut“) „so haben wir einen Sachwalter bei dem Vater.“

Derselbe Grundsatz findet in Johannes 13 seine Anwendung. Christus, anerkannt als Sohn Gottes, als Sohn Davids, als Sohn des Menschen, nimmt jetzt seinen Platz droben im Himmel ein und zeigt, dass Er noch unser Diener ist, indem Er uns reinigt, damit wir, weil Er nicht hienieden bei uns bleiben konnte, ein Teil dort, wo Er ist, mit Ihm haben. Es handelt sich um die Tätigkeit Christi, nicht um etwas, welches von den Jüngern gesucht worden wäre. Diese, weil durch das Wort gewaschen, als rein betrachtet, sind der Gegenstand des Dienstes Christi. Er, durch seine eigene Gnade dazu bewogen, wäscht ihre Füße von dem Kot, der sich in ihrem Wandel an sie gehängt hat.

Bemerken wir ferner, dass die Fürbitte Christi zu Gunsten Derer stattfindet, welche in Verbindung mit Ihm sind. „Nicht bitte ich für die Welt, sondern für sie, die du mir gegeben hast“, sagt Er und fügt hinzu: „Ich bitte nicht nur für sie, sondern auch für die durch ihr Wort an mich Glaubenden.“ – In der Brief an die Hebräer ist es ebenso klar, dass Christus Priester ist für die, welche in Verbindung mit Gott sind; nur bezieht es sich hier mehr auf das Bekenntnis und das Volk, als dieses im Römerbrief und in den Schriften Johannes der Fall ist. Nichtsdestoweniger aber redet der Hebräerbrief von uns. Wenn darin von der Tätigkeit Christi für uns die Rede ist, so wird hier unserer Fehler weniger gedacht, als bei Johannes. Der Brief hat sich die Darstellung der besonderen Natur und des besonderen Charakters des Priestertums im Gegensatz zu dem, was zum Gesetz gehörte, zum Hauptgegenstand gewählt, nämlich die Abschaffung des irdischen, und die Aufrichtung des himmlischen Priestertums. Jedoch handelt es sich keineswegs um den Gedanken, dass es der Priester sei, an den man sich wenden müsse. Wir gehen zu Gott durch Ihn. Wir nahen mit völliger Zuversicht dem Gnadenthron, weil Jesus vor diesem Thron ist; aber nirgends zeigt der Gedanke eine Spur, dass mir zu Ihm gehen, wohl aber, dass wir uns mit Zuversicht Gott selbst nahen. In dem ganzen Brief ist in keiner Weise der Gedanke ausgesprochen, dass wir die Gerechtigkeit mittelst des Priestertums erlangen: sie lässt in dieser Hinsicht keinerlei Ungewissheit. „Er hat durch ein Opfer immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden;“ und: „Sie sind geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi“ (Heb 10,14.10). Er hat sich ein für alle Mal geopfert (Heb 7,27; 9,25–26). sein Priestertum ist für die, welche versucht werden. Er vermag ihnen zu helfen, weil Er immerdar lebt, um für sie zu bitten (Heb 7,23–25). Er ist durch das Bewusstsein unserer Schwachheiten zum Mitleiden bewogen, indem Er versucht war, gleich wie wir, ausgenommen die Sünde (Heb 2,17–18; 4,15–16). Er hilft denen, welche geheiligt und durch das ein für alle Mal geschehene Opfer Christi vollkommen gemacht sind, während sie durch diese Wüste gehen; Er ist der, durch welchen sie sich zu Gott nahen.

Das Priestertum Christi wird also ausgeübt, damit wir vor dem Gnadenthron Barmherzigkeit und Hilfe finden. Das Bedürfnis der Barmherzigkeit, welches jeder Einzelne von uns hat, geht in bemerkenswerter Weise aus der wohl bekannten Tatsache hervor, dass die an einzelne Personen gerichtete Brief die Barmherzigkeit erwähnen, während in den an die Versammlungen gerichteten Briefen davon durchaus nicht die Rede ist (Röm 1,7; 16,24; 1. Kor 1,3; 2. Kor 1,2; Gal 1,2; Eph 1,2; Kol 1,2; 1. Tim 1,2; 2. Tim 1–2; Tit 1,4 usw.). Aus diesem allen ergebt sich, dass der Charakter der Fürbitte Christi, seines Priestertums und seiner Dazwischenkunft als Sachwalter sehr einfach für uns ist. Diese Tätigkeiten werden ausgeübt zu Gunsten derer, welche bereits mit Gott in Verbindung sind, und dienen mithin nicht dazu, Diese zu Ihm hinzuführen. Sie stehen im Dienst derer, welche schon Gerechtigkeit Gottes in Christus sind und in Ihm ihren Platz in den himmlischen Örtern haben. Christus tritt als Sachwalter zu Gunsten derer ein, welche im Licht wandeln, wie Gott im Licht ist. Seine Fürbitte ist für die, welche Gott für sich haben, und welche durch niemanden angeschuldigt werden können; sie ist in Tätigkeit wegen der Vergehungen und Schwachheiten derselben auf dem Weg hienieden, nicht aber um für sie einen Platz in den himmlischen Örtern zu erwerben. Sie ist da, damit sie für uns, die wir droben sind, einstehe bei allen Abweichungen in unserem Wandel durch die Wüste, um uns in unseren Schwachheiten zu helfen, um uns armen, strauchelnden Geschöpfen, sowie wir hienieden noch sind, zu befähigen, mit Freimütigkeit dem Thron der Gnade nahen zu können, „damit mir Barmherzigkeit und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe“ (Heb 4,16).

Auf diese Weise erhält die Fürbitte in uns das Gefühl unserer Abhängigkeit, sowie Zugleich auch das Gefühl eines völligen Vertrauens lebendig. Wenn Christus nicht vor dem Thron wäre, so könnten wir uns demselben nicht mit Zuversicht nahen. Würde es sich noch darum handeln, Gerechtigkeit erlangen zu müssen, so wäre zwar von Schuld und Annahme, nicht aber von Hilfe die Rede. Wenn unser Weg zu Christus als dem Priester führte, so würde das nur beweisen, das, wir nicht zu Gott nahen dürfen; und das wäre gerade das Gegengenteil von dem, was das Christentum uns lehrt. Aber von all diesem ist keine Rede. Wir nahen freimütig zu Gott, weil Christus vor Ihm ist als unser Hohepriester. Wir denken nicht daran, dass uns irgendetwas zugerechnet werden könnte; aber die Tatsache, dass wir Gerechtigkeit Gottes in Ihm sind, hat nicht zur Folge, dass wir es in irgendeiner Weise mit unseren Mängeln und Gebrechen auf dem Weg leichtfertig nehmen. Christus nimmt Notiz davon; und Er ist unser Sachwalter, weil Er der Gerechte und die Versöhnung für uns ist. Das persönliche Gefühl der Schuld wird auf diese Weise aufrechterhalten und keineswegs durch das Gefühl der Gnade geschwächt; und dennoch wird unsere Annahme bei Gott nimmer in Frage gestellt, oder die Gerechtigkeit Gottes in Zweifel gezogen, oder das Bewusstsein unserer Verbindung mit Gott beseitigt. Alles ist auf diese Dinge gegründet. Zugleich aber ist die Heiligkeit Gottes betreffs unseres Wandels völlig aufrechterhalten; und wir werden, wenn wir fehlen sollten, in einem wahren Geist des Bekenntnisses bewahrt. Unser eigenes Urteil über das Gute und Böse wird lebendig erhalten und wächst ohne die mindeste Spur einer knechtischen Furcht; eine beseligende Zuversicht wird in dieser Beziehung in der Seele wachgehalten.

Ich habe bereits aufmerksam gemacht auf den Unterschied zwischen der Dazwischenkunft Christi als Sachwalter, um uns in die Gemeinschaft mit dem Vater zurück zu führen oder uns in derselben zu erhalten, und dem Priestertum, welches mit Rücksicht auf das Vorrecht, Gott nahen zu dürfen, und mit Rücksicht auf die Hilfe, derer wir als Menschen bedürfen, ausgeübt wird. Aber bezüglich ihrer Grundlage und Natur sind diese beiden Ämter – das Werk des Sachwalters und das Priestertum – dieselben; sie haben die positive Beziehung, in der wir zu Gott stehen, zur Grundlage und werden auf unseren Wandel hienieden in der Schwachheit angewandt, wenn wir uns in dieser Lage befinden. Wie Johannes uns, wenn wir gesündigt haben, den Sachwalter bei dem Vater zeigt, so stellt uns der Hebräerbrief den Hohepriester dar, welcher mit unseren Schwachheiten Mitleid haben kann, und der, obwohl Er jetzt alle Macht im Himmel und auf Erden besitzt, Mitgefühl haben kann, weil Er die Schwachheiten kennt; Er ist beständig mit uns in unserem Zustand beschäftigt, und dadurch wird das heilige Selbstgericht in unseren Seelen aufrechterhalten, während Zugleich das Bewusstsein der Gnade, sowie die Zuversicht in die unveränderliche Liebe dessen unangefochten bleibt, der „in allem den Brüdern gleich geworden ist, auf dass Er in den Sachen mit Gott ein barmherziger und treuer Hohepriester werden möchte“. Das Gefühl der Abhängigkeit und des Vertrauens ist auf diese Weise erhalten und vermehrt, und zwar nicht, als ob wir in einer Schwierigkeit zum Priester unsere Zuversicht nähmen, um seine Hilfe anzusprechen, sondern in dem Bewusstsein der freien und beseligenden Tätigkeit und der treuen, fürsorglichen Ausübung seiner eigenen Liebe. Diese Liebe wird, wenn wir im richtigen Gefühl der Demütigung zu Ihm zurückkehren, nimmer müde; denn wenn dieses Gefühl richtig ist, so ist es die Frucht der köstlichen Wirksamkeit seiner Gnade.

Ich füge nichts weiter hinzu. Mein Zweck war nicht, bei dieser Gnade und ihren Früchten, die sie in uns hervorbringt, zu verweilen. Mich leitete nur der Wunsch, den Platz, welchen das Priestertum Christi und sein Werk als Sachwalter in der Schrift haben, klar hervorzuheben. Ich wollte nur zeigen, dass beide Tätigkeiten auf die Aufrichtung der göttlichen Gerechtigkeit und der vollbrachten Versöhnung, sowie auf den Platz, den diese Versöhnung uns zuwege gebracht, gegründet sind. Weder das eine noch das andere dieser beiden Ämter verdunkelt die Gerechtigkeit und Versöhnung, sondern vielmehr bilden Letztere die Grundlage dieser Ämter, welche den Zweck haben, unsere Schwachheiten und Mängel hienieden, mit jenem glorreichen Platz in Übereinstimmung zu bringen, so dass einerseits in Bezug auf die Gnade keinerlei Ungewissheit herrschen kann, andererseits aber nichts geduldet wird, was, obwohl nichts zugerechnet wird, mit derselben nicht im Einklänge steht. Statt eurer kalten, gefühllosen Sicherheit in Betreff des Heils, vereinigen sich im Herzen die Gefühle der Abhängigkeit, des Vertrauens und der Liebe mit der Sicherheit in Ihm, welcher der Gegenstand des Herzens ist, bis wir dahin gelangen, wo es der Ausübung dieser beiden Ämter nicht mehr bedarf. J. N. D.

Fußnoten

  • 1 Beachten wir es, dass, wie der Brief darauf hinweist, dieses im Gegensatz steht zur Rückkehr ins Judentum. Wie fern liegt daher der Gedanke, dass der Brief nur auf den jüdischen Überrest anwendbar sei.
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