Die ersten Jahrzehnte des Christentums
Kommentar zur Apostelgeschichte

Kapitel 8

Die ersten Jahrzehnte des Christentums

Verse 1-2

Es entstand aber an jenem Tage eine große Verfolgung gegen die Versammlung, die in Jerusalem war; und alle wurden in die Landschaften von Judäa und Samaria zerstreut, ausgenommen die Apostel“. Der Plan des Feindes, das Werk Gottes zu zerstören, diente nur zur Erfüllung der göttlichen Ratschlüsse. Die durch die Verfolgung zerstreuten Gläubigen trugen das Evangelium aus Jerusalem hinaus und verkündigten es später sogar den Heiden (Kapitel 11,19-26). Wären die Apostel sich selbst überlassen gewesen, so hätten sie das Werk nicht so schnell nach außen hin verbreitet, obwohl ihnen der Herr gesagt hatte, dass sie „sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde“ seine Zeugen sein sollten (Kap. 1,8).

Aber wir erkennen aus dieser Stelle die freie und unumschränkte Wirksamkeit des Heiligen Geistes. Er benutzt zur Ausführung des Werkes Gottes wen irgend Er will. Da bedient Er sich der Zerstreuten, um das Evangelium außerhalb Jerusalems zu verkündigen. Dort sendet er Philippus, einen griechischen Juden, mit einem besonderen Auftrag auf eine einsame Straße, wie Er sich auch in Jerusalem des Stephanus, eines Hellenisten, bedient hatte. Durch solche Instrumente wurde hier also das Werk getan und nicht durch die Zwölf.

So wurde, wie Paulus in Kolosser 1,23 erwähnt, das Evangelium „in der ganzen Schöpfung, die unter dem Himmel ist“, verkündigt.

Die Zwölf blieben in Jerusalem zurück. Im Brief an die Hebräer wurde den Gläubigen später gezeigt, dass sie diese Stadt verlassen und aus dem „Lager“ hinausgehen sollten, und zwar mit der Begründung: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Heb 13,14). In der Weltgeschichte wird beschrieben, wie die Christen bei der Belagerung Jerusalems durch die römische Armee dank einer göttlichen Fügung aus der Stadt entweichen konnten.

In Vers 2 wird durch den Heiligen Geist festgehalten, dass gottesfürchtige Männer Stephanus bestatteten und eine große Klage über ihn anstellten. Gott ehrt die sterbliche Hülle seiner Vielgeliebten. Dieses Begräbnis erinnert an das Wort, das über den Herrn gesagt wurde: „Man hat sein Grab bei Gottlosen bestimmt, aber bei einem Reichen ist er gewesen in seinem Tod.“ Gott ehrt die, die Ihn fürchten (Ps 15,4). Das kann man immer wieder feststellen, wenn der Körper eines Kindes Gottes zu Grabe getragen wird.

Vers 3

Saulus verwüstete die Versammlung mit schrecklicher Wut. Im folgenden Kapitel wird uns berichtet, wie er die zerstreuten Gläubigen bis nach Damaskus verfolgte, „übermäßig gegen sie rasend“ (Apg 26,11). Aber das Werk des Feindes dient nur dazu, das Werk Gottes hervortreten zu lassen, denn Satan ist ein überwundener Feind. Die gewalttätige Energie und der Hass von Saulus gaben seiner Bekehrung und seinem Werke nur umso mehr Aufsehen.

Verse 4-8

Inzwischen breitete sich, wie wir gesehen haben, das Werk immer mehr aus. „Die Zerstreuten nun gingen umher, und verkündigten das Wort“. Es war das Wort des Lebens, das sie selber in ihren Herzen aufgenommen hatten. Das Werk Gottes kann von dem Augenblick an in einer Seele beginnen, wo sie mit dem Wort Gottes durch die Kraft des Heiligen Geistes in Berührung kommt.

Diese Jünger waren von Christus erfüllt. Statt durch die Verfolgung, durch den Verlust ihrer Güter und die Leiden, die sich daraus ergaben, niedergeschlagen zu sein, wünschten sie, andere an ihrem Glück teilnehmen zu lassen. Welche Lektion für uns, die wir uns so leicht durch widerwärtige Umstände entmutigen und aufhalten lassen! Diese glücklichen Gläubigen erhoben sich durch den Glauben über die Umstände. Sie machten offenbar, dass die Freude des Christen ihre Quelle im Herrn hat und nicht in dem, was dem Fleisch angenehm sind.

Philippus war einer der sieben Diener oder Diakone in der Versammlung (Kap. 6). Er hatte wie Stephanus wohl gedient und sich so eine schöne Stufe und viel Freimütigkeit im Glauben erworben (1. Tim 3,13). Er ging in eine Stadt Samarias hinab und predigte dort den Menschen den Christus. In Kapitel 11,20 wird erwähnt, dass einige zu den Griechen redeten, die nichts von Christus wussten, und dass sie ihnen den Herrn Jesus verkündigten. Den Samaritern aber, die - wie aus den Worten der Samariterin in Johannes 4,25 hervorgeht - den Christus erwarteten, wurde der Christus gepredigt. Philippus konnte ihnen sagen, wer dieser Christus ist und was Er für sie getan hat. Er „predigte ihnen den Christus“, seine Person und nicht nur seine Lehren, „und die Volksmenge achtete einmütig auf das, was von Philippus geredet wurde.“ Die Kraft des Heiligen Geistes begleitete das Wort mit Zeichen, die auf die „Wunder des zukünftigen Zeitalters“ hindeuteten: Die Dämonen waren gezwungen, sich der Kraft des Heiligen Geistes zu ergeben und fuhren aus. Viele Kranke wurden geheilt. „Es entstand aber große Freude in jener Stadt.“

Verse 9-13

Ein gewisser Mann aber, mit Namen Simon, befand sich vorher in der Stadt, der Zauberei trieb und das Volk von Samaria außer sich brachte, indem er von sich selbst sagte, dass er etwas Großes sei, dem alle, vom Kleinen bis zum Großen, anhingen und sagten: Dieser ist die Kraft Gottes, die man die Große nennt.“ Inmitten dieses Volkes, das von Simon getäuscht und betrogen wurde, verkündigte Philippus „das Evangelium von dem Reich Gottes und dem Namen Jesu Christi“. Das Reich Gottes ist die Sphäre, in der die Rechte und die Autorität Gottes anerkannt werden. Der Name Jesu Christi ist der Ausdruck seiner Person als Gegenstand des Glaubens während seiner Abwesenheit. Die Samariter glaubten nicht der Wunder wegen, sondern weil sie die gute Botschaft von der neuen Ordnung der Dinge Gottes und von der Person Christi gehört hatten. Als sie aber glaubten, wurden sie getauft, „sowohl Männer als Frauen“.

Aber auch Simon glaubte, und nachdem er getauft worden war, hielt er sich zu Philippus. Er, der die Menschen lange Zeit durch seine Zaubereien außer sich gebracht hatte, geriet nun selber in Erstaunen über die Zeichen und großen Wunder, die geschahen. Bei ihm ging das Werk Gottes nicht tief, da war nur eine fleischliche Reaktion auf die Offenbarungen der Kraft Gottes. Er hatte geglaubt wie jene, denen sich der Herr nicht anvertraut hatte (Joh 2,23–25).

Verse 14-17

Als aber die Apostel, die in Jerusalem waren, gehört hatten, dass Samaria das Wort Gottes angenommen habe, sandten sie Petrus und Johannes zu ihnen. Diese konnten das durch den Heiligen Geist gewirkte Werk nur bestätigen. Die Gläubigen dort hatten wohl Leben empfangen, besaßen aber noch nicht den Heiligen Geist, durch den sie erst in den vollen Genuss ihrer Segnungen und ihrer Beziehung zu Gott als ihrem Vater eintreten konnten. Die beiden Apostel kamen in völliger Abhängigkeit von Gott und beteten für die Gläubigen, damit sie den Heiligen Geist empfangen möchten. „Denn er war noch auf keinen von ihnen gefallen“, wie es am Tag der Pfingsten geschehen war. Dann legten sie ihnen die Hände auf, und sie empfingen den Heiligen Geist.

Die Apostelgeschichte berichtet uns von vier verschiedenen Weisen, in denen der Heilige Geist auf die Gläubigen kam. Im ersten Fall (Kapitel 2) kam Er gemäß der Verheißung des Herrn vom Himmel hernieder. Er fiel auf die versammelten Gläubigen und erfüllte sie mit Kraft. Gott, der Heilige Geist, nahm damit Besitz von seinem Haus. Dieses Ereignis wird nicht wiederholt.

Hier in diesem zweiten Fall kam der Heilige Geist auf die Samariter, mit denen die Juden keine Beziehungen hatten. Nachdem sie das durch Philippus verkündigte Evangelium geglaubt hatten, wurden sie getauft. Dieses Werk wurde von den Aposteln in Jerusalem anerkannt. Petrus und Johannes beteten, damit auch sie - wie die Gläubigen aus den Juden - den Geist empfangen möchten. Sie hatten ihnen dabei die Hände aufgelegt, um damit ihrer völligen Gemeinschaft Ausdruck zu geben. Wenn die Juden einerseits erkennen mussten, dass die Gläubigen in Samaria auf demselben Boden der Gnade standen, sollten die Samariter anderseits anerkennen, dass - wie der Herr der Frau am Jakobsbrunnen sagte - das Heil aus den Juden kommt.

Den dritten Fall finden wir im 10. Kapitel. Dort handelte es sich um Heiden. Fern von Jerusalem zeigte Gott Petrus und denen, die bei ihm waren, dass in dem Augenblick, in dem die Heiden an den Herrn Jesus glaubten, Gott sie mit seinem Geist versiegelte, und zwar auf derselben Grundlage, auf der Er auch die gläubigen Juden versiegelte. Und dies geschah sogar schon bevor diese Heiden getauft worden waren. Petrus musste weder für sie beten, noch - wie den Samaritern - die Hände auflegen. Durch dieses göttliche Wirken musste bei Petrus und den andern Juden jedes noch vorhandene Zögern schwinden.

Der vierte Fall wird uns im 19. Kapitel gezeigt. Dort handelte es sich um gewisse Jünger, die nur mit der Taufe des Johannes getauft worden waren. Sie hatten nicht einmal gehört, dass der Heilige Geist da war. Hier legte ihnen der Apostel der Nationen die Hände auf, nachdem sie getauft worden waren. Dann kam der Heilige Geist auf sie. Das war vor allem ein Zeugnis für die Apostelschaft des Paulus. Er konnte sagen: „Ich meine, dass ich in nichts den ausgezeichneten Aposteln nachstehe“ (2. Kor 11,5.23; 12,11–12). So wie der Heilige Geist den Samaritern durch das Auflegen der Hände der Apostel gegeben wurde (V. 18), so geschah es dort auch durch den Apostel Paulus.

Beachten wir wohl, dass der Heilige Geist in den drei letzteren Fällen nicht, wie im 2. Kapitel beschrieben, vom Himmel herabkam. Er war schon auf der Erde, war aber bis dahin aus den genannten Gründen noch nicht auf die betreffenden Personen gekommen. Der Heilige Geist ist seit dem Tag der Pfingsten auf der Erde. Die, die heute noch um den Heiligen Geist beten, befinden sich im Irrtum, umso mehr als sie dabei eine Wunderkraft zu erhalten hoffen, die der Herr seiner Versammlung in ihrer gegenwärtigen Verwirrung und ihrem Verfall nicht geben kann.

Verse 18-24

Nun war es Simon nicht mehr möglich, das Volk durch seine Betrügereien in Erstaunen zu setzen und sich als „etwas Großes“ aufzuspielen. Als Ersatz dafür wünschte er jetzt wie die Apostel die Gewalt zu besitzen, durch das Auflegen seiner Hände den Heiligen Geist zu vermitteln. Er wollte den Aposteln sogar Geld dafür anbieten. Petrus antwortete ihm: „Dein Geld fahre samt dir ins Verderben, weil du gemeint hast, dass die Gabe Gottes durch Geld zu erwerben sei. Du hast weder Teil noch Anrecht an dieser Sache, denn dein Herz ist nicht aufrichtig vor Gott.“ Die ersten Resultate der Wirkung des Heiligen Geistes sind Aufrichtigkeit, Furcht Gottes, Unterwürfigkeit unter sein Wort und Selbstgericht. Das ist der Ausgangspunkt der völligen Befreiung, die der Mensch durch wahren Glauben empfängt. Nichts von  alledem war bei Simon zu finden. Durch die Wunder des zukünftigen Zeitalters in Erstaunen gesetzt, hatte er nur mit dem Verstand geglaubt. Petrus rief ihn daher zur Buße auf und hieß ihn, den Herrn zu bitten, ob Er ihm etwa den Anschlag seines Herzens vergeben werde. Der Apostel vermochte ihm nicht zu sagen, wie ihm Gott in seinen Regierungswegen begegnen würde; denn Simon war „in Galle der Bitterkeit und in Fesseln der Ungerechtigkeit“. Simon bat den Apostel, dass er sich für ihn verwenden möge, damit ihm aus seiner Verfehlung keine schlimmen Folgen erwüchsen. Sein Wunsch ging nicht weiter, denn sein Herz war nicht berührt.

Wir sehen in diesem Menschen den Anfang eines christlichen Bekenntnisses ohne Leben, in das er durch die Taufe eingeführt worden war. Ach, was damals von einem Einzelnen gesagt werden musste, ist nun leider eine allgemeine Erscheinung! 

Vers 25

Nachdem Petrus und Johannes „das Wort des Herrn bezeugt und geredet hatten, kehrten sie nach Jerusalem zurück und verkündigten das Evangelium vielen Dörfern der Samariter“. Die göttliche Weisheit hatte alles so geleitet, dass das durch Philippus begonnene Werk, der eine von den Aposteln unabhängige Gabe besaß, in völliger Gemeinschaft mit den Zwölfen geschah, die vom Herrn jenen besonderen Auftrag nach Matthäus 28,19.20 empfangen hatten. Es war wichtig, dass die Eintracht, die dieses Werk kennzeichnete, erhalten blieb. Es wäre nicht gut gewesen, wenn sich bei den Menschen, die in Samaria das Wort aufgenommen hatten, die Meinung gebildet hätte, sie seien unabhängig von Jerusalem und dem Werk, das der Herr durch die Apostel dort gewirkt hatte. Wenn das Werk ein Werk des Geistes ist, besteht immer Eintracht. Zweifellos zeigen sich darin Verschiedenheiten, aber das stört die Einheit nicht. Zudem hatte der Herr die Schlüssel des Reiches der Himmel Petrus anvertraut. Er war es, der den Juden die Tür des Reiches aufgetan hatte (Kap. 2,37-41). Hier öffnete er sie den Samaritern und später auch den Heiden (Kap. 10). Auf der Rückkehr nach Jerusalem setzten Petrus und Johannes das durch Philippus begonnene Werk der Evangelisation in den Dörfern der Samariter fort.

Vers 26

Der Herr benutzt einen Engel, um Philippus zu sagen, wohin er gehen soll. Und Philippus gehorcht. Vom menschlichen Gesichtspunkt aus und im Interesse des Werkes hätte Philippus denken können, es sei besser, auf seinem jetzigen, so reich gesegneten Arbeitsfeld zu bleiben, als auf eine öde Straße hinauszugehen. Ein wahrer Diener darf sich aber nicht von seinen eigenen Gedanken über das Werk leiten lassen, sondern nur vom Gehorsam gegenüber dem Herrn. Er muss von Ihm abhängig bleiben, um seinen Willen zu erkennen, und gehorchen, wenn er ihn kennt. Auf einem solchen Weg wird ihm, wie Philippus, alles zuteilwerden, was der Herr zur Erfüllung seiner Aufgabe für ihn zubereitet hat. Nachdem der erste Schritt getan ist, zeigt der Herr den zweiten, und auf diese Weise schreitet der Diener in den guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, voran. Auf einem anderen Weg wäre sein Dienst unfruchtbar oder gar schädlich.

Der Engel des Herrn wurde zu Philippus gesandt und nicht zum Kämmerer. Man könnte vielleicht meinen, ein Engel, der vom Himmel herabkommt, eigne sich besser, um mit einem Menschen vom Herrn Jesus zu reden. Aber die Menschen sind es, denen der Herr Gaben gegeben hat. Als die Gegenstände der Gnade sind sie geeignet, von ihr zu reden. Was die Sünder erfahren haben, ist den Engeln unbekannt. Daher sind diese himmlischen Wesen außerstande, zu evangelisieren. Sie sind göttliche Boten, die der Herr zum Nutzen seiner Diener gebrauchen kann. Am Anfang seines Werkes, das uns in diesen Kapiteln beschrieben wird, sehen wir sie des Öfteren in dieser Tätigkeit.

Verse 27-35

„Und er stand auf und ging hin.“ Da ist kein Zögern, kein Abwägen. Auf dem öden Weg fuhr der Wagen eines Äthiopiers, eines Gewaltigen am Hof der Kandaze, der über ihren ganzen Schatz gesetzt war. Er war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten, und kehrte nun wieder in sein Land zurück. Er saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. Für den Dienst des Philippus war alles vorbereitet. Der Geist sprach zu ihm: „Tritt hinzu und schließe dich diesem Wagen an.“ Der Äthiopier hatte sich auf den Boden der Segnung gestellt, den der König Salomo einst für den Fremden erfleht hatte, der in fernem Land vom großen Namen des Herrn hören und seinetwegen nach Jerusalem kommen würde (1. Kön 8,41–43). „Kommt er“, sagte Salomo, „und betet zu diesem Haus hin, so höre du im Himmel, der Stätte deiner Wohnung, und tu nach allem, um was der Fremde zu dir rufen wird.“ Dieses Gebet hatte schon einmal zu Gunsten der Königin von Scheba Erhörung gefunden. Aber inzwischen hatte sich für Israel und für die Nationen alles verändert. Das Haus des Herrn in Jerusalem war nun öde gelassen, und Gott offenbarte sich jetzt allen Menschen gegenüber in Gnade auf Grund des Werkes seines Sohnes, den die Juden verworfen hatten. Das war es, was Gott diesem Menschen, der eine so lange Reise unternommen hatte um Ihn anzubeten, mitteilen wollte. Für die Menschen, die zu den „Nationen“ gehörten, gab es fortan mehr als nur „die Brotkrumen, die von dem Tisch ihrer Herren fallen“. Das Fest war jetzt für alle bereitet.

Der Geist Gottes führte Philippus in dem Augenblick zum Kämmerer, als dieser einen Abschnitt aus dem Propheten Jesaja las. Diese Stelle spricht vom Werk Christi, das erfüllt werden sollte, um jedem Menschen freien Zugang zu geben, nicht zur Stadt Jerusalem, sondern zu allen Segnungen des Christentums. Der Äthiopier hatte in Jerusalem nicht gefunden, was er gesucht hatte. Diese Stadt war nicht mehr der Ort, wo man anbeten musste. Der Ort der Anbetung war nun dort, wo man Jesus kennt und wo sein Name die Heiligen versammelt. Der Kämmerer hatte nicht mehr nötig, eine so lange Reise zu unternehmen, um anbeten zu können. Auch nahm er nicht, wie einst Naaman, einen Wagen voll Erde aus dem Land Kanaan mit. Was er heim trug, war weit mehr als das: Es war die Erkenntnis Jesu, von dem schon Jesaja gesprochen hatte.

Auf die Frage des Philippus: „Verstehst du auch, was du liest?“ antwortete der Kämmerer: „Wie könnte ich denn, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.“

Drei Grundwahrheiten wurden in dieser bekannten Stelle aus dem Propheten Jesaja (Jes 53,7–8) vor den Kämmerer hingestellt:

  1. Die Erniedrigung des Herrn und sein Gehorsam bis zum Tod: „Er wurde wie ein Schaf zur Schlachtung geführt, und wie ein Lamm stumm ist vor seinem Scherer, so tut er seinen Mund nicht auf.“ Jesus ließ sich all seiner Herrlichkeiten entkleiden, um sein Werk der Liebe erfüllen zu können.
  2. „In seiner Erniedrigung wurde sein Gericht weggenommen.“ Er befindet sich nicht mehr im Leiden. Er wurde davon befreit und ist auferstanden. Nun ist Er in der Herrlichkeit. Das ist der deutliche Beweis von der Befriedigung, die Gott in seinem vollbrachten Werk gefunden hat.
  3. „Wer aber wird sein Geschlecht beschreiben? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.“ Das Wort „Geschlecht“ erweckt den Gedanken an eine Nachkommenschaft. Wie der erste Adam sich durch seinen Ungehorsam eine Familie geschaffen hat, die ihm gleicht, so hat sich auch der letzte Adam durch seinen Gehorsam eine Familie erworben, die alle, die zur Frucht seines Werkes am Kreuz gehören, umfasst. „Von der Mühsal seiner Seele wird er Frucht sehen und sich sättigen.“ In Verbindung mit Israel werden die Resultate seines Werkes im folgenden Kapitel genannt: „Denn die Kinder der Vereinsamten sind zahlreicher als die Kinder der Vermählten.“

Der Kämmerer sagte zu Philippus: „Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet dieses, von sich selbst oder von einem anderen?“ Darauf musste der zu ihm gesandte Diener des Herrn nur noch seinen Mund öffnen: „Anfangend von dieser Schrift, verkündigte er ihm das Evangelium von Jesus.“ Diese Szene belehrt uns, wie auf dem Weg eines abhängigen und gehorsamen Dieners alles einfach ist. Er wird dahin versetzt, wo der Herr wirken will, und er braucht nur den Mund zu öffnen. Sein Meister gibt ihm den Gegenstand und die Worte, die er darüber sagen soll. Und dieser Gegenstand ist Jesus. Nicht mehr die Vorbilder, denn in seiner Person war jetzt die Wirklichkeit da. Er ist gekommen, um uns Gott zu offenbaren und alles zu erfüllen, was für verlorene Sünder erforderlich war, damit sie Ihn von jetzt an und bis in Ewigkeit genießen konnten.

Verse 36-40

Der Geist Gottes brachte sein Werk im Herzen dieses Menschen zur Vollendung. Innerhalb weniger Augenblicke wurde ihm alles klar. Er empfing die Wahrheit, die Jesus als gestorben und auferweckt vor ihn hinstellte, und trat in die neue Stellung ein, die ihm dieses Werk durch den Tod und die Auferstehung Christi erworben hat. Er erkannte die Bedeutung dieser Stellung. Von jetzt an war er ein Zeuge. Er sagte zu Philippus: „Siehe, da ist Wasser; was hindert mich getauft zu werden?“ - „Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus; und der Kämmerer sah ihn nicht mehr, denn er zog seinen Weg mit Freuden.“ Das Verschwinden von Philippus betrübte ihn nicht, denn der Gegenstand, der jetzt sein Herz erfüllte, befriedigte ihn vollauf. Der wahre Dienst verbindet das Herz mit Christus und nicht mit dem Menschen.

Es ist wichtig zu bemerken, dass nicht Philippus es war, der dem Kämmerer vorschlug, sich taufen zu lassen. Dieser Neubekehrte verstand, dass es sich bei diesem Akt um ein Vorrecht und nicht um einen Befehl handelt. Er besaß das Leben, das ihm Christus durch seinen Tod erworben hatte und befand sich jetzt auf der anderen Seite des Todes, auf dem Boden der Auferstehung. Die Sünde und die Welt hinter sich lassend, bekannte er sich durch die Taufe öffentlich zu dieser neuen Stellung. Fortan war er als Jünger Christi bekannt, eingereiht unter das Banner seines Herrn und Heilandes, dessen Autorität er anerkannte. Er war nun ein Christ. 

Noch eine Bemerkung: Die verschiedenen Ausdrücke, die im Wort Gottes für die Taufe verwendet werden, widersprechen sich nicht. Sie stehen alle in Beziehung zu den Herrlichkeiten der Person Christi, auf den man getauft wird. Nach dem Auftrag, den der Herr seinen Jüngern gab (Mt 28,19), sollten sie „auf den Namen des Vaters, und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ taufen. Denn die neue Ordnung der Dinge, in die die Täuflinge eingeführt sind, ist durch die Offenbarung Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes gekennzeichnet. In Apostelgeschichte 2,38 finden wir die Taufe „auf den Namen Jesu Christi“, denn Gott proklamiert in diesem Kapitel die Herrlichkeit dieses Namens im Gegensatz zu der Verachtung, mit der Ihm dieses Volk begegnet ist (Vers 36). In Kapitel 8,16 und 19,5 wird der Ausdruck gebraucht: „auf den Namen des Herrn Jesus“, in Kapitel 10,48 „auf den Namen des Herrn“, und in Galater 3,27 „auf Christus“, im Gegensatz zum Gesetz.

Es ist auffallend, dass die vom Herrn in Matthäus 28 ausgesprochene Formulierung in der Apostelgeschichte nie gebraucht wird. Wie wir schon bemerkt haben, ist der Bericht der Apostelgeschichte nicht ein Bericht des Auftrages, den der Herr den Zwölfen anvertraut hat. Der Apostel Paulus evangelisierte im Hinblick auf die Bildung der Versammlung. Er hatte nur Krispus und Gajus, sowie auch das Haus des Stephanas getauft (1. Kor 1,14–16).

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