Die ersten Jahrzehnte des Christentums
Kommentar zur Apostelgeschichte

Kapitel 11

Die ersten Jahrzehnte des Christentums

Verse 1-18

Die Kunde, dass Menschen aus den Nationen das Wort Gottes angenommen hatten und Petrus bei Heiden eingekehrt war und mit ihnen gegessen hatte, brachte bei den Brüdern in Judäa große Beunruhigung hervor. Das Gesicht, das Petrus gehabt hatte, musste nun auch dazu dienen, diese gläubigen Juden vom Gedanken Gottes hinsichtlich der Nationen zu überzeugen. Petrus verantwortete sich und setzte ihnen die Dinge der Reihe nach auseinander, in der unbedingten Gewissheit, dem Gedanken Gottes gemäß gehandelt zu haben und seine Zustimmung zu besitzen. Auf diese Weise wurde die Wahrheit denen gezeigt, die sich ihr aus bloßer Unkenntnis widersetzt hatten. Petrus führte alles ins Feld: das Gesicht mit den unreinen Tieren; die Ankunft der Boten des Kornelius; seine Hinreise mit ihnen auf Weisung des Heiligen Geistes; der Bericht des Kornelius und die Tatsache, dass der Heilige Geist auf die Versammelten gefallen war, wie im Anfang auf die jüdischen Jünger. Petrus hatte dabei an das Wort des Herrn gedacht: „Johannes taufte zwar mit Wasser, ihr aber werdet mit Heiligem Geist getauft werden.“ Gott hatte diesen Gläubigen aus den Nationen dieselben Vorrechte gegeben wie den Gläubigen aus den Juden. Konnte sein Diener anders als nach Gottes Gedanken handeln, der sich so deutlich kundgetan hatte?

„Als sie aber dies gehört hatten, beruhigten sie sich und verherrlichten Gott und sagten: Also hat Gott auch den Nationen die Buße gegeben zum Leben.“ Sie hatten jetzt begriffen, dass sich die Nationen vor Gott auf dem gleichen Boden befanden wie sie, zu denen Petrus gesagt hatte (Kap. 2,38): „Tut Buße, und jeder von euch werde getauft auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.“

Im 17. Vers unseres Kapitels hatte Petrus darauf hingewiesen, dass die Juden den Heiligen Geist nicht empfangen hatten, weil sie Juden waren, sondern weil sie „an den Herrn Jesus geglaubt“ hatten. Auch Kornelius und die Seinen waren jetzt zum Glauben an den Herrn Jesus gekommen und befanden sich somit auf dem gleichen Boden vor Gott.

Nun besaßen diese Gläubigen aus den Nationen das Heil, entsprechend den Worten des Engels an Kornelius: „Sende nach Joppe und lass Simon holen, der auch Petrus genannt wird; der wird Worte zu dir reden, durch die du errettet werden wirst, du und dein ganzes Haus“ (Verse 13 und 14). Bis dahin hatte Kornelius wie die Heiligen des Alten Testamentes geglaubt und besaß wie sie das Leben Gottes. Wäre er vor der Ankunft des Petrus gestorben, so wäre er doch errettet gewesen. Nicht dieses Heil hatte ihm gefehlt. Er brauchte das Heil, das durch die Erkenntnis des Herrn Jesus und seines Werkes am Kreuz mitgeteilt wird. Dieses Heil ist die Gewissheit einer völligen Befreiung von einem Gericht, das der Herr am Kreuz anstelle des Schuldigen erduldet hat, indem Er dabei alle Forderungen der Gerechtigkeit Gottes befriedigte. Dieses Heil setzt die Seele in den Besitz des ewigen Lebens, eines Lebens das in dem auferstandenen Christus über den Tod triumphiert hat. Es macht aus dem Gläubigen einen himmlischen Menschen und befreit ihn von der Welt und von der Macht ihres am Kreuz besiegten Fürsten.

Der Gläubige hat somit - dem Bild nach - dieselbe Erfahrung gemacht wie Israel, als dieses Volk durch das Rote Meer hindurchzog und dadurch von Ägypten und der Macht Pharaos befreit wurde. Er weiß, dass er erkauft ist, und erwartet fortan den Herrn Jesus als Heiland zur Errettung seines Körpers, also zur völligen Befreiung von allem, was noch mit der ersten Schöpfung verbunden ist. Bis dahin ist er aber schon im Besitz eines vollkommenen Heils und erfreut sich der großen Errettung „die den Anfang ihrer Verkündigung durch den Herrn empfangen hat und uns von denen bestätigt worden ist, die es gehört haben“ (Heb 2,3). Im Genuss eines solchen Heils konnten Kornelius und die Seinen Gott von nun an verherrlichen.

Verse 19-21

Die Gläubigen, die nach dem Tod des Stephanus verfolgt und zerstreut wurden, fuhren fort, das Wort Gottes zu verkündigen (vgl. Kapitel 8,4). Sie zogen hindurch bis nach Phönizien, Zypern und Antiochien. Unter ihnen befanden sich Männer von Zypern und Kyrene, die - durch ihre nachbarlichen Beziehungen - mit den Griechen vertraut waren und ihnen das Evangelium verkündigten.

Einfache Gläubige waren es also, die das Wort Gottes über die Grenzen des jüdischen Volkes hinaustrugen und in der Verbreitung des Evangeliums unter den Griechen den Anfang machten. Um in unserer Umgebung vom Herrn reden zu können, müssen wir nicht die Gabe eines Evangelisten besitzen. Jeder Gläubige, dessen Herz vom Herrn erfüllt ist, kann es tun. Jene Gläubigen waren von Ihm erfüllt. Statt bei den Umständen ihrer Verfolgung stehen zu bleiben, hatten sie das Bedürfnis, jedem Menschen von dem Glück, das sie genossen, zu erzählen. Die Erkenntnis Jesu hob sie über alles hinweg und befähigte sie, für Ihn ein machtvolles Zeugnis abzulegen. Sie verkündigten das Evangelium von dem Herrn Jesus. Jesus ist der Name, den der Engel nannte, als er Maria die Geburt des Herrn ankündigte. Der göttliche Mensch, verworfen und verachtet, aber doch Herr und Heiland, war Gegenstand der Predigt dieser Jünger.

Aber dieser Jesus ist zum Herrn und Christus gemacht worden. Als solcher wirkte Er in großer Macht und unterstützte seine Jünger in ihrem Dienst. „Und die Hand des Herrn war mit ihnen“, wird hier gesagt, „und eine große Zahl glaubte und bekehrte sich zu dem Herrn.“ Nach dem Sieg über den Feind entfaltete der Herr seine Macht, die zur Erfüllung der Ratschlüsse Gottes erforderlich ist. Er bedient sich wessen Er will, um sich selbst bekannt zu machen.

Die Jünger predigten keine Dogmen, sondern eine Person. Wer zum Heiland geführt wurde, erkannte von vornherein dessen Herrschaftsansprüche an ihn an und unterwarf sich Ihm als dem Herrn.

In der heutigen Verkündigung unterlässt man es oft, Jesus als Herrn darzustellen. Man redet von vielen Dingen und sucht die Gefühle in Bewegung zu bringen. Stattdessen sollten einfach die Person Jesu und seine Rechte als Herr über die an Ihn Glaubenden dargelegt werden, damit sie im Genuss seiner Liebe den Ihm gebührenden Gehorsam leisten. Zahlreiche Gläubige gehen einen selbst gewählten Weg. Würden sie dagegen dem Herrn anhangen, um Ihn immer besser kennenzulernen und in Unterwürfigkeit seinen Willen zu tun, um wie viel gesegneter wäre ihr Weg!

Verse 22-26

„Die Kunde über sie kam aber zu den Ohren der Versammlung, die in Jerusalem war.“ Die Versammlung von Jerusalem war durch die Rede des Petrus darauf vorbereitet, das Gerücht über die Vorgänge in Antiochien günstig aufzunehmen. Barnabas wurde ausgesandt, um Erkundigungen einzuholen und den Christen in Antiochien nützlich zu sein. Als er „die Gnade Gottes sah“, freute er sich.

Wen der Herr auch als Werkzeug gebrauchen mag, nichts kann einem Knecht Gottes solche Freude bereiten, wie das Erlebnis der Wirkungen der Gnade Gottes im Werk des Herrn. Barnabas ermahnte deshalb alle, „mit Herzensentschluss bei dem Herrn zu verharren“.

Der Christ besitzt ein Leben, das von Dem, der dieses Lebens Quelle ist, abhängt. Folglich dürfen die Zuneigungen durch nichts von Ihm abgelenkt werden. Das ganze Herz soll Ihm gehören. In Christus ist die Kraftquelle für das Zeugnis und für die Fähigkeit, die Wesenszüge Christi im Leben darzustellen. Barnabas ermahnte sie, „mit Herzensentschluss bei dem Herrn zu verharren. Denn er war ein guter Mann und voll Heiligen Geistes und Glaubens“, also dafür geeignet, inmitten jener Neubekehrten einen Dienst zu tun.

Man sieht, mit welcher Weisheit die Versammlung von Jerusalem diesen Diener ausgewählt hat. Er war Zypriot von Geburt und konnte in seiner großen Frömmigkeit in Antiochien besonders nützlich sein. Er ist einer der drei Männer, von denen die Schrift sagt, dass sie mit Heiligem Geist erfüllt gewesen seien. Auch von Stephanus und Saulus wird dies gesagt (Apg 6,5; 13,9).

Ein guter Mann ist, wer das Gute sucht und sich darüber freut, wann und wo er es findet. Er sucht die Ehre des Herrn und das Wohl der Seelen. Barnabas empfand das Bedürfnis, Saulus von Tarsus zu holen, damit dieser ergänze, was an seiner Unterweisung gegenüber diesen jungen Christen fehlen mochte. Was ihn fähig machte, das Werk Gottes in Antiochien zu betreiben, war seine große Frömmigkeit und sein aktives Leben in der Kraft des ihn erfüllenden Heiligen Geistes.

Die Apostel hatten ihn Barnabas genannt. Das bedeutet: Sohn des Trostes. Unter der Wirkung des Trösters (wie der Heilige Geist in Johannes 15,26 [siehe Fußnote] auch genannt wird), hatte er einen schönen Dienst. Es ist nicht nötig, eine große Gabe zu besitzen, um vom Heiligen Geist erfüllt zu sein. Dieses Erfülltsein ist vielmehr der normale Zustand eines Christen. Wie wenig verwirklichen wir ihn!

Durch die gesegnete Tätigkeit dieses guten Mannes wurde dem Herrn eine zahlreiche Menge hinzugetan. In Kapitel 2,47 steht: „Der Herr aber tat täglich (zu der Versammlung) hinzu.“ Er ist es, der sie baut. Er ist auch der Mittelpunkt der Versammlung. Wenn es sich um die Arbeit der Knechte des Herrn handelt, werden die Gläubigen dem Herrn hinzugetan. Wahre Diener verbinden die Herzen mit Christus und nicht mit sich selbst.

Barnabas ging also hin und holte Saulus in Tarsus. Dorthin hatten die Brüder von Jerusalem Saulus einst gesandt (Kap. 9,30). Barnabas war es auch gewesen, der ihn damals den Aposteln in Jerusalem vorgestellt hatte. Indem er nun Saulus aufsuchte, handelte er nach den Gedanken des Herrn, der den großen Apostel der Nationen jetzt in sein eigentliches Arbeitsfeld einführen wollte.

„Es geschah ihnen aber, dass sie auch ein ganzes Jahr in der Versammlung zusammenkamen und eine zahlreiche Menge lehrten.“ Die Neubekehrten empfingen während dieser Zeit die Unterweisung, durch die sie praktisch zu wahren Jüngern Christi wurden. Denn in Antiochien wurden die Jünger zuerst Christen genannt. Sie waren so treu in der Darstellung der Wesenszüge ihres Meisters, dass man sie mit keinem anderen Wort besser bezeichnen konnte. Möchten wir doch alle als solche erkannt werden!

Aus dem 26. Vers erkennt man, wie nach der Verkündigung des Evangeliums in der Versammlung auch der Belehrung ein wichtiger Platz eingeräumt werden muss.

Bis dahin haben wir die Tätigkeit von einfachen Gläubigen beobachtet, die dem Dienst des Apostels Paulus vorausging, der nun in Antiochien und nicht in Jerusalem auf den Schauplatz trat.

Verse 27-30

„In diesen Tagen kamen Propheten von Jerusalem nach Antiochien herab. Einer aber von ihnen, mit Namen Agabus, stand auf und zeigte durch den Geist eine große Hungersnot an, die über den ganzen Erdkreis kommen sollte.“ Das gab den Gläubigen von Antiochien Gelegenheit, den Brüdern in Judäa ihre Liebe zu bezeugen. Sie dachten nicht daran, dass auch sie von der Hungersnot heimgesucht werden sollten, und warteten auch nicht, bis sie wirklich da war, um dann erst ihren Brüdern zu helfen. Sie beschlossen sofort, ihnen entsprechend den vorhandenen Mitteln Gaben zu senden. Denn für die Brüder in Judäa musste eine solche Hungersnot großen Mangel bringen, hatten sie doch ihre Güter verkauft und waren auch ihrer Habe beraubt worden (Heb 10,34). Diese Neubekehrten aus den Nationen verwirklichten die Tatsache, dass alle Erlösten, sowohl „Juden“ als „Griechen“, eine Familie bilden, vom gleichen Leben beseelt sind, alle unter der Macht des einen Geistes stehen und zusammen die Glieder desselben Leibes bilden.

Im Anfang des Christentums kam die Gabe der Weissagung in verschiedener Weise zum Ausdruck. Die Propheten konnten neue Wahrheiten bringen oder entsprechend den vorhandenen Bedürfnissen schon bekannte Wahrheiten zur Auferbauung, Ermahnung und Ermunterung der Hörer anwenden. Sie konnten aber auch wie Agabus - hier und im 21. Kapitel - kommende Ereignisse ankündigen. Heute tritt die Gabe der Weissagung in der Versammlung Gottes in der Weise in Tätigkeit, wie sie in 1. Korinther 14,3 umschrieben ist. Das Wort Gottes ist abgeschlossen. Wir haben weder die Ankündigung neuer Ereignisse, noch neue Offenbarungen zu erwarten.

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