Die ersten Jahrzehnte des Christentums
Kommentar zur Apostelgeschichte

Kapitel 6

Die ersten Jahrzehnte des Christentums

Verse 1-4

„In diesen Tagen aber, als die Jünger sich vermehrten, entstand ein Murren der Hellenisten gegen die Hebräer, weil ihre Witwen bei der täglichen Bedienung übersehen wurden.“ Unter diesen „Jüngern“ verstand man die Gläubigen, die in der Lehre der Apostel verharrten. Die „Hellenisten“ in ihrer Mitte waren gläubige Juden, die sonst unter den Griechen wohnten und deren Sprache redeten.

Im 5. Kapitel sahen wir, wie die Kraft des Heiligen Geistes und die Hilfsquellen der Vorsehung Gottes sich dem Bösen in der Versammlung entgegenstellten und sich den Feinden des Herrn Jesus widersetzten. Hier bedient sich der Geist Gottes anderer Mittel. Als die Zahl der Jünger wuchs, wurde die Liebe schwächer und damit auch das Vertrauen. Aber die Milde, die Langmut, die Sanftmut der Apostel und der Menge der Jünger stellten zum Wohl der Versammlung den Frieden wieder her. So wurde die Gefahr der Zwietracht unter den Gläubigen gebannt. Zudem wurde aufgrund dieser auftauchenden Schwierigkeiten der „Dienst des Wortes“ von der „Aufgabe der Bedienung der Tische“ getrennt. Bis dahin waren beide Dienste durch die Apostel ausgeübt worden (Kap. 4, 35). Aber bei der großen Menge der Jünger konnten sie dieser Aufgabe nicht mehr genügen. Die Zwölf riefen daher alle Jünger zusammen und sprachen: „Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen, um die Tische zu bedienen. Seht euch nun um, Brüder, nach sieben Männern von euch, von gutem Zeugnis, voll Heiligen Geistes und Weisheit, die wir über diese Aufgabe bestellen wollen; wir aber werden im Gebet und im Dienst des Wortes verharren.“ So wurde das Böse, das in Form von Unzufriedenheit die Versammlung bedrohte, durch die Weisheit der Apostel und durch den Geist der Sanftmut und des Friedens der handelnden Brüder abgewendet.

Beachten wir Vers 4. Die Apostel setzten das Gebet vor den Dienst des Wortes. In der Gegenwart des Feindes müssen wir vor der Ausübung jeglicher Tätigkeit zu der Quelle der Kraft und der göttlichen Weisheit Zuflucht nehmen. Besonders im Lukasevangelium wird uns der Herr in dieser Hinsicht als das große Vorbild gezeigt.

Verse 5-6

Die Rede gefiel der ganzen Menge, und sie erwählten sieben Männer, unter denen sich auch Stephanus befand, ein Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes. Diese Sieben wurden vor die Apostel gestellt, die, als sie gebetet hatten, ihnen die Hände auflegten. Die durch den Heiligen Geist geleitete Versammlung hatte die Auswahl unter den Hellenisten getroffen, wie man aus den Namen der Männer ableiten kann. Die Jünger aus Judäa - zu ihrem Lob sei es gesagt - hatten also zur Beruhigung der Unzufriedenen beigetragen. Es war Einmütigkeit im Handeln der Zwölf und der Menge. Ein schönes Beispiel, das die Versammlung bei jeder Entscheidung nachahmen sollte.

Durch das Auflegen der Hände machten sich die Apostel mit den Sieben in diesem wichtigen Dienst eins, der in voller Übereinstimmung mit allen ausgeübt werden sollte. Der Dienst an den Bedürftigen unter den Geschwistern setzt besondere Eigenschaften voraus, die heutzutage nicht oft anzutreffen sind. Die dafür ausgewählten Männer müssen ein gutes Zeugnis haben und sollen voll Heiligen Geistes und Weisheit sein, denn diese Aufgabe ist schwierig und erfordert Einsicht. Sie setzt wahre Frömmigkeit und Gottesfurcht voraus, eine Güte, die nichts zu tun hat mit Schwachheit oder Parteilichkeit. Der Apostel Paulus ist uns darin ein Vorbild, als er von den Versammlungen der Nationen beauftragt wurde, ihre Gaben für die Bedürftigen unter den Juden nach Jerusalem hinaufzubringen. Bei der Erwähnung seines Begleiters, „dessen Lob im Evangelium durch alle Versammlungen verbreitet ist“, schrieb er über diese Angelegenheit: „Aber nicht allein das, sondern er ist auch von den Versammlungen zu unserem Reisegefährten gewählt worden mit dieser Gnade, die von uns bedient wird …; denn wir sind auf das bedacht, was ehrbar ist, nicht allein vor dem Herrn, sondern auch vor den Menschen“ (2. Kor 8,18-22). Es ist für uns heute von größter Wichtigkeit, an diese Grundsätze erinnert zu werden, denn die Opfer der Heiligen zu Gunsten der Leviten, des Fremdlings, der Waise und der Witwe werden Gott dargebracht (5. Mo 26,13-14, siehe auch Heb 13,15-16). Deshalb liegt auf der Verwaltung dieser Gaben ein so großer Ernst.

Stephanus und Philippus hatten sich zuerst in diesem Dienst als treu erwiesen und dabei „eine schöne Stufe erworben und viel Freimütigkeit im Glauben“ (1. Tim 3,13). Dann aber wurde ihnen ein noch wichtigerer Dienst anvertraut, wie wir es am Ende dieses Kapitels und im Folgenden bei Stephanus sehen.

Vers 7

„Und das Wort Gottes wuchs, und die Zahl der Jünger in Jerusalem mehrte sich sehr; und eine große Menge der Priester wurde dem Glauben gehorsam.“ Das Wort Gottes wuchs! Ein bemerkenswerter Ausdruck! Das Wort wird hier mit den Früchten, die es bringt, identifiziert. Die Menschen, in denen es wirkte, waren eins mit dem Wort. Sie machten sich aber auch dadurch eins damit, dass sie es anderen brachten.

Verse 8-15

Bei Stephanus dauerte es nicht lange, bis er die Grenzen des Dienstes eines Diakons überschritt. Voll Gnade und Kraft tat er Wunder und große Zeichen unter dem Volk. Ein solch kraftvolles Zeugnis in der freien Wirksamkeit des Geistes erregte die Wut des Feindes, und er suchte diese Stimme zum Schweigen zu bringen. Er bediente sich dabei einiger Menschen, die verschiedenen Synagogen angehörten. Da sie aber der Weisheit und dem Geist, durch den Stephanus redete, nicht zu widerstehen vermochten, schoben sie in Falschheit Männer vor, die sagten: „Wir haben ihn Lästerworte reden hören gegen Mose und Gott.“ Darauf erregten sie das Volk, die Ältesten und die Schriftgelehrten, rissen ihn mit sich fort und führten ihn vor das Synedrium. Dort stellten sie falsche Zeugen auf, die sagten: „Dieser Mensch hört nicht auf, Worte zu reden gegen diese heilige Stätte und das Gesetz; denn wir haben ihn sagen hören: Dieser Jesus, der Nazaräer, wird diese Stätte zerstören und die Gebräuche verändern, die uns Mose überliefert hat.“ In der Tat, diese Stätte wurde einige Jahre später zerstört. Aber das Wort, das diese Menschen zum Schweigen bringen wollten, führte das Werk der Gnade weiter, das in jenen Tagen trotz des Widerstands des Feindes in großer Kraft begonnen hatte.

„Und alle, die in dem Synedrium saßen, schauten unverwandt auf ihn und sahen sein Angesicht wie das Angesicht eines Engels.“ Stephanus stand im Begriff, dem König die Botschaft zu überbringen, dass sein Volk sich endgültig weigerte, Ihn aufzunehmen (Lk 19,14). Er befand sich schon in den Strahlen der himmlischen Herrlichkeit. Aber nichts vermochte diese Männer zu rühren und ihren Hass zum Erlöschen zu bringen. Je mehr sie sich in die Gegenwart der Wahrheit gestellt sahen, desto mehr verhärteten sie sich und zwar dermaßen, dass sie sich nicht scheuten, ihn als ersten christlichen Märtyrer zu töten. Sie taten es, obwohl ihnen die Römer das Recht dazu weggenommen hatten. Vor diesem Verbrechen sollten sie aber noch die im 7. Kapitel aufgezeichnete und gegen sie gerichtete göttliche Anklage zu hören bekommen, die für das Volk Israel als Ganzes endgültigen Charakter hatte.

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