Die ersten Jahrzehnte des Christentums
Kommentar zur Apostelgeschichte

Kapitel 4

Die ersten Jahrzehnte des Christentums

Verse 1-2

Im 3. Kapitel wurde uns die Rede des Petrus mitgeteilt, die er an die Volksmenge gerichtet hatte, die wegen der Heilung des Gelähmten bei der Pforte des Tempels zusammengekommen war. Hier treten nun die Priester, der Hauptmann des Tempels und die Sadduzäer auf, die es verdross, dass die Apostel das Volk lehrten und in Jesus die Auferstehung aus den Toten verkündigten. Wie zur Zeit des Herrn fürchteten diese Führer, ihr Einfluss und ihre Autorität könnten untergraben werden, wenn die Belehrungen der Apostel aufgenommen würden. Und zudem, wenn Gott Jesus wirklich auferweckt hatte, so war das ein spürbarer Stachel in ihrem Gewissen! In den Evangelien sehen wir, dass der Herr es mehr mit dem Widerstand der Pharisäer zu tun hatte. Jetzt aber traten besonders die Sadduzäer in die Opposition, weil sich die Verkündigung der Apostel auf die Auferstehung Christi gründete. Denn diese Sekte leugnete sowohl die Auferstehung als auch die zukünftige Welt. Und Gott ließ diesem Widerstand freien Lauf, damit die Auferstehung des Herrn dadurch umso mehr ans Licht gerückt wurde. Aber auch die Priester, die Obersten und Schriftgelehrten mit gegensätzlichen Ideen gehörten zu dieser gegnerischen Gruppe. Denn wenn es sich um Feindschaft gegen den Herrn handelte, waren sich alle einig. Sogar Pilatus und Herodes waren ja dadurch Freunde geworden.

Was den Widerstand dieser religiösen Führer erregte, war aber nicht nur der Umstand, dass die Auferstehung Jesu verkündigt wurde. Sie ärgerten sich auch dass die Apostel in Jesus die Auferstehung aus den Toten lehrten. Die Auferstehung aus den Toten ist eine wunderbare Tatsache. Die Gläubigen werden durch die Macht des Herrn aufgrund seiner eigenen Auferstehung daran teilhaben. Als der geliebte Sohn in seinem Leben und in seinem Sterben Gott verherrlicht hatte und ins Grab gelegt worden war, da ruhte das Wohlgefallen Gottes auf Ihm. Gott führte Ihn aus dem Tod heraus, setzte Ihn zu seiner Rechten und bezeugte dadurch, dass der Tod besiegt ist. Der Gläubige, der in der ganzen Vollkommenheit des Werkes von Christus vor Gott stellt, wird aufgrund derselben Gunst aus der Mitte der übrigen Toten herausgerufen. Das ist die Folge dieser großen Wahrheit, die den Widerspruch der Führer des Volkes und der Sadduzäer so stark herausforderte. Sie ist eine der grundlegenden Wahrheiten des Christentums. Gott hatte schon durch das Zerreißen des Vorhangs im Tempel dem Wert des Werkes seines Sohnes Zeugnis gegeben. Er zeigte dadurch an, dass der Mensch aufgrund des soeben vollbrachten Werkes in seine Gegenwart eintreten kann. Aber durch die Auferstehung hatte Gott dem Werk und der Person seines Sohnes öffentlich Zeugnis gegeben.

Verse 3-4

Die Obersten setzten die Jünger bis zum Morgen in Gewahrsam, denn es war schon spät. Sie hatten das Volk seit der neunten Stunde belehren können. „Viele aber von denen, die das Wort gehört hatten, glaubten; und die Zahl der Männer wurde etwa fünftausend.“ Der Geist Gottes stellt hier den unversöhnlichen Hass der Führer dem Werk Gottes gegenüber, das trotz des Widerstandes Satans und der Menschen vor den Augen der Feinde seines Sohnes geschah. Das „aber“ in  Vers 4 macht uns auf diesen Umstand aufmerksam.

Verse 5-7

Am folgenden Tag wuchs die Gruppe der Gegner zu einer großen Versammlung an. Nun waren die Obersten, die Ältesten und Schriftgelehrten, der Hohepriester und alle, die vom hohenpriesterlichen Geschlecht waren, beisammen. Alle, die zu den religiösen Würdenträgern gehörten und eine imposante menschliche Macht darstellten, hatten sich gegen die Macht des Geistes Gottes verbunden, um einer - wie sie meinten - so ernsten Gefahr zu begegnen. Wenn der Mensch die Wahrheit, also Gott selbst, aufgibt, stützt er sich auf das Sichtbare, um eine Autorität aufrecht zu halten, die er nicht mehr besitzt.

Die Jünger erscheinen vor diesem eindrucksvollen Synedrium. Man legt ihnen die Frage vor: „In welcher Kraft oder in welchem Namen habt ihr dies getan?“ Die Feinde geben zu, dass zur Herbeiführung dieses Wunders eine Kraft wirksam war. Sie wussten wohl, dass Gott mächtige Taten tun konnte. Aber durch welche Kraft und in welchem Namen hatten diese armen Galiläer gewirkt? Das war eine aufwühlende Frage; denn wenn es wirklich durch den Namen Jesus geschah, was sollte dann aus denen werden, die Ihn getötet hatten?

Verse 8-12

Die Kraft des Heiligen Geistes kennzeichnet die in diesem Buch beschriebene Tätigkeit. Petrus ist „mit Heiligem Geist erfüllt“, um diesen Männern zu antworten. Dieser Ausdruck: „erfüllt mit Heiligem Geist“ findet sich der Apostelgeschichte zehnmal: Kap. 2,4; 4,8 und 31; 6,3 und 5; 7,55; 9,17; 11,24; 13,9 und 52.

Petrus wendet sich in Kraft und Klarheit an die Obersten und Ältesten des Volkes. Er erfährt das, was der Herr in Lukas 21,15 vorausgesagt hat: „Ich werde euch Mund und Weisheit geben, der alle eure Widersacher nicht werden widerstehen oder widersprechen können“. Petrus sagt: „Oberste des Volkes und Älteste [von Israel]! Wenn wir heute wegen einer Wohltat an einem kranken Menschen verhört und gefragt werden, durch wen dieser geheilt  worden ist, so sei euch allen und dem ganzen Volk Israel kund, dass in dem Namen Jesu Christi, des Nazaräers, den ihr gekreuzigt habt, den Gott auferweckt hat aus den Toten, dass durch ihn  dieser gesund vor euch steht.“

Petrus stellt ihnen von neuem den Wert des Namens Jesu Christi, des Nazaräers, vor. Er legt aber den Nachdruck auf die Tatsache, dass Gott den, den sie gekreuzigt hatten, aus den Toten auferweckt hat. Es ist das erste Mal, dass er sich an die Obersten wendet und er macht sie daher jetzt auf die ungeheure Last ihrer Verantwortung aufmerksam.

Er fügt hinzu: „Dieser ist der Stein, der von euch, den Bauleuten, verachtet, der zum Eckstein geworden ist. Und es ist in keinem anderen das Heil, denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel, der unter den Menschen gegeben ist, in dem wir errettet werden müssen.“ Der Apostel nimmt dabei Bezug auf Psalm 118,22, legt aber besonderen Nachdruck auf die Verachtung, mit der sie den Herrn behandelt hatten. Er gebraucht den Ausdruck: „verachtet“, während im Psalm 118 das Wort „verworfen“ steht. Petrus führt diese Stelle auch in seinem ersten Brief an, um zu zeigen, dass dieser Stein einerseits zum Fundament des Hauses Gottes geworden ist, an dem die Gläubigen lebendige Steine sind, und andererseits zum Stein des Anstoßes und zum Fels des Ärgernisses für die Ungehorsamen. Auch der Herr selbst nimmt nach Matthäus 21,42-45 auf diese Stelle Bezug, wenn Er sagt: „Wer auf diesen Stein fällt, wird zerschmettert werden“: Das war das Teil derer, die Ihn damals so hartnäckig verworfen haben. „Auf wen irgend er aber fällt, den wird er zermalmen“: Das ist das Gericht bei seiner Erscheinung in Herrlichkeit. Es wird über alle Juden hereinbrechen, die Ihn dann ablehnen werden.

Aber in diesem Stein ist das Heil der Nation wie auch das Heil jedes einzelnen Menschen. Weder in Israel noch unter den Nationen gibt es einen anderen Namen, von dem dies gesagt werden könnte. Das Volk war in einem schrecklichen Zustand der Auflehnung gegen Gott, obwohl es Ihm zu dienen meinte, und ging daher dem Gericht entgegen. Kajaphas wollte dies verhindern, indem er Christus sterben ließ. Petrus bestätigt ihnen nun, dass nur in diesem Eckstein, den sie verworfen haben, das Heil ist.

Verse 13-14

Der Vers 13 ist das schönste Zeugnis, das die Obersten den Jüngern geben konnten: „Als sie aber die Freimütigkeit des Petrus und Johannes sahen und merkten, dass es ungelehrte und ungebildete Leute waren, verwunderten sie sich; und sie erkannten sie, dass sie mit Jesus gewesen waren. Und da sie den Menschen, der geheilt  worden war, bei ihnen stehen sahen, hatten sie nichts dagegen zu sagen.“ Sie befanden sich einer doppelten Offenbarung des Geistes gegenüber: seiner Wirksamkeit in den Seelen, um sie zum Glauben zu führen und den Zeichen der Kraft, die die Verkündigung des Wortes begleiteten. Zwei Tatsachen verschlossen in diesem Augenblick ihren Mund: die Kraft, in der Petrus und Johannes die Wahrheit vor sie hinstellten, und der im Namen Jesu durch die Wirksamkeit des Geistes geheilte Mensch.

Die Haltung des Johannes musste, obwohl er selber das Wort nicht ergriff, erstaunlich gewesen sein. Er hatte nahe bei dem Herrn gelebt und strahlte daher etwas von Ihm wider, als er sich mit Petrus und allem, was dieser sagte, eins machte. Für die religiösen Führer waren die Apostel ungelehrte und gewöhnliche Leute, die nicht die Bildung von Rabbinern besaßen. Sie waren also Gegenstände der Verachtung für diese hochmütigen und anmaßenden Führer, die schon bei einer früheren Gelegenheit von dem gewöhnlichen Volk sagten: „Diese Volksmenge aber, die das Gesetz nicht kennt, sie ist verflucht!“ (Joh 7,49). Aber nun hatten sie vom Geist erfüllte Männer vor sich, zu denen sich Gott bekannte, während Er von ihnen fern war. Die Kraft, in der die Jünger Zeugnis ablegten, beeindruckte die Gegner aufs Höchste. Sie zeigten dasselbe Erstaunen wie früher, als sie den Herrn hörten: „Wie besitzt dieser Gelehrsamkeit, da er doch nicht gelernt hat?“ (Joh 7,15). „Er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten“ (Mt 7,29). Auch heute, wo derselbe Geist in geringen Werkzeugen wirkt, kann dieselbe Tatsache, wenn auch in schwachem Maß, in Erscheinung treten: Ungebildete Leute vermögen das Wort Gottes auf eine erstaunliche Weise zu gebrauchen, so dass in den Seelen der Zuhörer göttliche, gesegnete Wirkungen hervorgebracht werden. Petrus und Johannes werden als solche erkannt, die mit Jesus gewesen waren. Johannes war wohl dem Hohenpriester bekannt, aber mehr noch als das musste dem Synedrium die moralische Ähnlichkeit der Jünger mit dem Herrn aufgefallen sein. Die Zuhörer waren ja immer durch die Kraft der Worte Jesu getroffen worden, und nun begleitete diese Kraft auch die Worte derer, die mit Ihm gewesen waren. Dass doch die Verkündiger des Wortes immer als solche erkannt würden, die mit Jesus gewesen waren und in inniger Vertrautheit mit Ihm gelebt haben, bevor sie in der Öffentlichkeit erscheinen!

Das Synedrium hatte nichts dagegen zu sagen. Sie fühlten ihre Ohnmacht angesichts der Kraft Gottes, die sich hier offenbarte, die sie selbst aber nicht besaßen.

Verse 15-17

Jetzt blieb diesen Menschen kein anderes Mittel mehr übrig, als sich durch Gewalt gegen Gott aufzulehnen. Die Obersten befahlen den Aposteln, aus dem Synedrium zu gehen. Dann besprachen sie sich untereinander und sagten: „Was sollen wir mit diesen Menschen tun? Denn dass wirklich ein offenkundiges Zeichen durch sie geschehen ist, ist allen offenbar, die in Jerusalem wohnen, und wir können es nicht leugnen.“ Aber wenn sie diese Tatsache auch nicht zu leugnen vermochten, so wollten sie doch wenigstens dagegen einschreiten, damit nicht weiter davon gesprochen wurde.

Armselige Entscheidung! Konnten sie dadurch der Kraft des Geistes Gottes entgegentreten und die Wirksamkeit dieser unsichtbar anwesenden Person der Gottheit aufhalten? Machten sie damit das Werk der Gnade unmöglich, das nun in der Welt geschehen sollte, nachdem durch den gestorbenen und auferstandenen Herrn Jesus ein so vollkommener Sieg über den Tod und die Welt errungen worden war? Wie ist doch der Mensch in seinen Gedanken und in seinen Mitteln, mit denen er gegen Gott streiten will, so klein und erbärmlich!

Das Synedrium beschloss, den Jüngern unter Drohungen zu verbieten, weiterhin zu irgendeinem Menschen in dem Namen Jesu zu reden. Wie zu den Tagen des Herrn waren sich die religiösen Führer bewusst, dass sie ihr Ansehen einbüßten, wenn das Volk weiter auf die Apostel hörten. Denn diese Obersten hatten nur Macht über ein unwissendes Volk, das sich von ihnen irreleiten ließ.

Verse 18-20

Als sie die Jünger gerufen hatten, geboten sie ihnen daher, „sich durchaus nicht in dem Namen Jesu zu äußern noch zu lehren“. Das waren vergebliche Verteidigungsmaßnahmen. Sie lassen nur erkennen, dass ihre Stellung unter dem Volk Gottes, unter dem sie bisher einen Platz der Autorität eingenommen hatten, ins Wanken gekommen war.

Petrus und Johannes antworteten ihnen: „Ob es vor Gott recht ist, auf euch mehr zu hören als auf Gott, urteilt ihr; denn es ist uns unmöglich, von dem, was wir gesehen und gehört haben, nicht zu reden.“ Gott war nicht mit diesen religiösen Führern, da sie die ihnen bestimmte Funktion nicht mehr erfüllten. Ihr Wort war nichtig und sie hatten alle ihre Vorrechte und alle Autorität verloren. Sie waren nichts als nur „Menschen“ (Kap. 5,29). Die ganze Autorität und Macht ist in Gottes Hand, und Er übt sie aus durch Werkzeuge, die Er sich erwählt und die an den gestorbenen, auferstandenen und verherrlichten Jesus glauben. Neben ihnen sind alle anderen nur Menschen, an die sich seine Gnade richtet. Aber diese Menschen können leider Instrumente für Satan werden, die er gebraucht, um - wenn auch vergeblich - dem Werk des Herrn zu widerstehen.

Verse 21-22

Die Obersten bedrohten die Jünger noch mehr und entließen sie dann, „indem sie nicht fanden, auf welche Weise sie sie strafen sollten, wegen des Volkes; denn alle verherrlichten Gott über das, was geschehen war.“ Gott ließ es zu, dass die Apostel aus der Furcht der Führer, sich dem Volk zu entfremden, Nutzen ziehen konnten. Die Obersten spürten, dass die Ehre, die Gott gibt, von ihnen gewichen war, und wollten wenigstens ihre eigene Ehre retten. Das hinderte sie für den Augenblick daran, die Sache zu überstürzen.

Gott hatte sich in seiner Weisheit einen von Geburt an gelähmten Menschen zum Zeugen ausersehen. Dessen Heilung war ein schlagender Beweis von der Macht Gottes. Dieser Mensch hatte seine Krankheit nicht vorgetäuscht. Allen war sein Elend bekannt, das nun schon vierzig Jahre gedauert hatte. Angesichts eines solchen Zeugnisses konnten die Feinde nichts tun. Aber sie verhärteten ihre Herzen und ließen auf ihre Drohungen Tätlichkeiten folgen, und kurz darauf die Steinigung des Stephanus. Das war die Gesandtschaft, die sie hinter dem Herrn her sandten, um Ihm zu sagen: „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche“ (Lk 19,14).

Unser vorliegendes Kapitel schildert uns den ersten Zusammenstoß der Apostel mit den religiösen Führern der Juden. Petrus richtete seine erste öffentliche Rede (Kapitel 2) an das Volk, das am Pfingsttag in Jerusalem versammelt war. Seine zweite Predigt (Kapitel 3) richtete sich an das Volk, das sich vor dem Tempel angesammelt hatte. Hier sprach er vor dem Synedrium.

In der Apostelgeschichte finden wir sieben Reden des Petrus: Kapitel 1, 15-22; 2, 14-36; 3, 12-26; 4, 8-22; 5, 29-32; 10, 34-43 und 15, 6-12.

Vers 23

Als Petrus und Johannes entlassen waren, „kamen  sie zu den Ihren und berichteten alles, was die Hohenpriester und die Ältesten zu ihnen gesagt hatten“. Die „Ihren“ waren abgesondert von der Masse des Volkes, versammelt durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in ihrer Mitte war und durch sie wirkte. Da konnten sie die Gemeinschaft mit Gott und auch untereinander genießen. Die Welt, mit der Gott keine Gemeinschaft hatte, war draußen.

Verse 24-26

Nach dem Anhören dieser Berichterstattung erhoben alle einmütig ihre Stimme, um mit besonderer Eindringlichkeit ihre Lage und die Lage des Werkes des Herrn vor Gott zu bringen. Angesichts des Widerstands der Menschen wandten sie sich an den über alles erhabenen Gott und Herrn, der den Himmel und die Erde gemacht hat. Sie nahmen dabei Bezug auf das, was Er schon durch den Mund Davids, seines Knechtes, über diesen Komplott der Nationen mit dem Volk Israel zur Empörung gegen den Herrn vorausgesagt hatte. Diese Prophezeiung wurde am Kreuz teilweise erfüllt, wird aber unter der Herrschaft des Antichristen ihre volle Erfüllung finden. Darum führten die versammelten Gläubigen nur die ersten beiden Verse von Psalm 2 an.

Verse 27-28

Dieser Komplott der Nationen, vertreten durch Pontius Pilatus und Herodes, hat mit dem Volk Israel tatsächlich stattgefunden. Aber dadurch sind nur die Ratschlüsse Gottes zustande gekommen. Dieser Tatsache gaben die Jünger hier Ausdruck, wie es auch Petrus in Kapitel 2,23-24 getan hatte. Und wenn diese Völker die Verwirklichung der Ratschlüsse Gottes nicht verhindern konnten, so werden sie auch das Werk Gottes in dieser Welt, die Ausführung seiner Gedanken der Gnade, nicht aufhalten können.

Verse 29-30

Die Jünger flehten in ihrem Gebet weder um Erleichterung ihrer Umstände noch um die Vernichtung ihrer Feinde. Sie wünschten, dass sich durch den Namen Jesu die Macht Gottes in Zeichen und Wundern entfaltete. Dass der Herr verherrlicht, das Evangelium mit aller Freimütigkeit verkündigt und das Werk des Herrn ausgeführt wurde, das war ihr Ziel. Sie hatten sich dem Dienst des Herrn völlig hingegeben und wünschten diesen Dienst um jeden Preis zu erfüllen. Sie zählten auf die Mitwirkung Gottes durch Zeichen oder Wunder, die ihre Verkündigung als Beweis der Anerkennung Gottes begleiten sollten. Durch solche Wunder hatte Gott bereits das Wort des Herrn bestätigt (Heb 2,4; Apg 2,22). Das Wort des Antichristen wird mit Zeichen und Wundern der Lüge begleitet sein, gegenüber denen, die der Wahrheit widerstanden haben (2. Thes 2,9-10; Off 13,11-15).

Es ist auffallend, dass die Jünger in diesem Augenblick, bei all ihrer tiefen Frömmigkeit, noch nicht ihre himmlische Stellung und ihre Einheit mit dem himmlischen Haupt verwirklichten. Sie konnten es erst später tun, als das Geheimnis der Versammlung dem Apostel Paulus kundgetan worden war. Daher nennen sie den Herrn „deinen heiligen Knecht Jesus“.

Wenn sie von David reden (Vers 25) sagen sie: „dein Knecht David“, den Herrn aber nennen sie: „deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast“ (Vers 27). Diese unterschiedliche Beschreibung lässt die ganze Vortrefflichkeit, die Gott in diesem vollkommenen Diener gefunden hat, hervortreten - eine Vortrefflichkeit, die dadurch belohnt wurde, dass der, der bei den Menschen ein Gegenstand der Verachtung war, durch Gott aus den Toten auferweckt und verherrlicht worden ist. In der Offenbarung wird Er „der treue Zeuge“ genannt (Kap. 1,5; 3,14). Er war treu in allem, was Gott Ihm anvertraut hatte. Er war der einzige Diener, der einzige Mensch, den Gott ohne Blutbesprengung mit dem Heiligen Geist salbte. Der Heilige Geist ist auf Ihn herabgestiegen, um von der Vortrefflichkeit seiner Menschheit Zeugnis zu geben. Welch große Schuld hat das Volk durch die Verwerfung des „heiligen Knechtes Jesus“ auf sich geladen!

Vers 31

Auf das Flehen der Jünger „erbebte die Stätte, wo sie versammelt waren; und sie wurden alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimütigkeit“. Wunderbare Antwort! Im zweiten Kapitel wird erzählt, wie sie den Heiligen Geist empfangen hatten. Hier aber stellt sie Gott unter dessen mächtige Wirksamkeit, die sie für ihren Dienst benötigten. Gott zeigte ihnen dadurch, dass der, der in ihnen und mit ihnen war, „größer ist als der, der in der Welt ist“ (1. Joh 4,4). Der Geist befähigte sie alle Schwierigkeiten, die ihnen begegnen würden, zu überwinden. Auch heute ist seine Kraft immer noch dieselbe, wenn sie sich auch vor der Welt nicht durch Zeichen offenbart. Sie gibt uns alles, was wir zur Erfüllung des Werkes des Herrn brauchen. Es genügt, im Gehorsam zu Wort Gottes voranzugehen, um diese Erfahrung zu machen.

Wir finden in diesem Kapitel verschiedene Auswirkungen der Kraft des Heiligen Geistes: In Vers 8 sehen wir sie in Petrus. Obwohl er ungebildet ist, richtet er sich doch in seinen Worten mit Kraft an die religiösen Führer des Volkes. Im Vers 31 wird die Kraft des Heiligen Geistes im Bewusstsein der Jünger so recht lebendig. Und in den Versen 34 bis 37 sehen wir die durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes in den Gläubigen hervorgebrachten Früchte. In Vers 4 finden wir noch die Resultate des Werkes des Heiligen Geistes, die sich trotz des Widerstands der Führer des Volkes ergeben haben: „Viele ... wurden gläubig; und es wurde die Zahl der Männer bei fünftausend.“ Diese ganze Tätigkeit des Geistes, der infolge der Verherrlichung Christi zu uns herabgekommen ist, wird in den Schellen von Gold und den Granatäpfeln, die an dem Saum des hohenpriesterlichen Kleides befestigt waren, vorgebildet (vgl. 2. Mo 28,33-34). Da war ringsum „eine Schelle aus Gold und ein Granatapfel, eine Schelle aus Gold und ein Granatapfel“. Gott zeigte dadurch an, dass das durch die Gläubigen abgelegte Zeugnis (=Schellen) die in diesen Zeugen hervorgebrachte Frucht (=Granatäpfel) nicht überschreiten sollte. Das eine wie das andere wird durch die Wirksamkeit des Geistes hervorgebracht. Am Anfang der christlichen Zeit fand man bei den Gläubigen diese beiden Dinge in völliger Harmonie beisammen, wie es uns die ersten Kapitel der Apostelgeschichte beweisen.

Vers 32

„Die Menge derer aber, die gläubig geworden waren, war ein Herz und eine Seele; und auch nicht einer sagte, dass etwas von seiner Habe sein Eigen wäre, sondern sie hatten alles gemeinsam.“ Die Selbstsucht des natürlichen Herzens war durch die Kraft des Lebens und unter der Wirksamkeit des Heiligen Geistes ausgeschlossen, und die Liebe konnte sich ohne Hindernis entfalten. Und weil sie ein Herz und eine Seele waren, hatten sie alles gemeinsam. Sie verwirklichten die ungestörte Einheit des Geistes. Ein Herz, der Sitz der Zuneigungen, und eine Seele, der Sitz der Gedanken, kennzeichnete die Gesamtheit der Gläubigen unter der freien Wirksamkeit des Heiligen Geistes.

Vers 33

„Und mit großer Kraft legten die Apostel das Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus ab; und große Gnade war auf ihnen allen.“ Das gesamte Christentum gründet sich auf die Auferstehung des Herrn. Sie war das mächtige Zeugnis, das dem Volk und seinen Führern die große Schuld der Verwerfung Christi vor Augen führte. Sie hatten Ihn getötet. Gott aber hatte Ihn auferweckt und dadurch seinem Wohlgefallen an seinem geliebten Sohne und seiner Befriedigung über das durch Ihn vollbrachte Werk Ausdruck gegeben.

Verse 34-37

Das göttliche und himmlische Leben offenbarte sich in einer solchen Wirklichkeit, dass die Güter dieser Erde, die die Segnungen des irdischen Volkes ausmachten, nur noch für den Dienst der Liebe Wert besaßen. Sie dienten nun dazu, sich geistliche Segnungen zu erwerben, die das Christentum kennzeichnen. Daher war unter den Gläubigen auch niemand bedürftig.

Wenn auch in einer anderen Form, so können sich diese Früchte auch heute noch in der Mitte der Gläubigen zeigen, als Zeugnis dafür, dass sie dieselbe Natur haben (siehe 1. Tim 6,17-19). Denn da, wo das göttliche Leben sich offenbaren kann, zeigt es die gleichen Eigenschaften wie im Anfang. Damals wurde der Erlös des Verkauften zu den Füßen der Apostel niedergelegt, damit sie das Geld nach der ihnen gegebenen Weisheit verteilten. Wir haben diese Autorität nicht mehr. Aber das Wort belehrt uns, wie wir als Einzelne oder als Versammlung auch heute Freigebigkeit ausüben können. Es gefiel dem Heiligen Geist, in der Schrift festzuhalten, dass auch Barnabas seinem Namen entsprechend handelte. Er verkaufte einen Acker und übergab das Geld den Aposteln.

Wie glücklich sind wir, dass ähnliche Früchte des göttlichen Lebens sich auch heute noch offenbaren können. Möge Gott schenken, dass solche Auswirkungen seiner Natur nicht durch Weltförmigkeit gehindert werden!

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