Der Brief an die Römer

Kapitel 1

Der Brief an die Römer

Der Apostel stellt in keinem der übrigen Briefe sein apostolisches Amt auf solchen festen Boden, wie in dem vorliegenden, und das wohl deshalb, weil er infolge seines Wirkens kein Anrecht auf die Christen in Rom hatte; denn obwohl er dort verschiedene Gläubige persönlich kannte, war er doch nie selbst in Rom gewesen. Dennoch war er ihr Apostel, weil er der Apostel der Nationen war. Er war Schuldner der Nationen. Er schrieb ihnen, weil er vom Herrn eine Mission an alle Nationen empfangen hatte.

Die Christen in Rom gehörten also auch in sein Arbeitsfeld. Ihm war es anvertraut, sie als ein Opfer wohlangenehm darzustellen, geheiligt durch den Heiligen Geist (Kap 15,16). Gott wirkte kräftig in Petrus unter den Juden; aber Paulus wurde zu den Nationen gesandt und als solcher durch die zwölf übrigen Apostel anerkannt (Gal 2,7–9). Er war deshalb vollkommen berechtigt, der Versammlung in Rom einen Brief zu schreiben, nicht nur weil er ein Diener Christi war – das waren viele außer ihm auch, sondern weil er ein berufener Apostel war, abgesondert zum Evangelium Gottes (Vers 1).

Seine Berufung geschah auf dem Weg nach Damaskus durch den verherrlichten Christus selbst (Apg 9), seine Absonderung zu diesem Dienst in Antiochien durch die Autorität des Heiligen Geistes (Apg 13,2). Der Gegenstand seines Dienstes, zu dem er berufen war, war „das Evangelium Gottes über seinen Sohn“ (Vers 3). Es ist das Evangelium Gottes, weil es von Gott selbst ausgegangen ist, weil Gottes eigene Gedanken darin offenbart werden. Gott selbst ist die Quelle dieses Evangeliums. Es war zuvor durch seine Propheten in heiligen Schriften verheißen (Vers 2), und das zeigt uns die Verbindung des Alten Testaments mit dem Evangelium. Es ist hierbei wohl zu bemerken, dass dieses Evangelium noch nicht gekommen und durch die heiligen Schriften ans Licht gebracht, sondern nur als eine kommende Sache vorher angekündigt worden war. Im Blick auf die Versammlung aber war selbst das nicht einmal der Fall.

Der kostbare Gegenstand dieses Evangeliums ist der Sohn Gottes, „das Evangelium Gottes über seinen Sohn“. Jesus, der das Werk der Erlösung vollbracht hat, ist selbst der wahre Gegenstand dieses Evangeliums. In den Versen 2 und 3 wird Er uns in doppelter Beziehung vorgestellt. Zuerst ist Er der Gegenstand der Verheißungen, der sie auch erfüllt, „das Geschlecht Davids dem Fleisch nach“, und dann ist Er der Sohn Gottes in Kraft dem Geist der Heiligkeit nach: „...der aus dem Geschlecht Davids gekommen ist dem Fleisch nach und erwiesen ist als Sohn Gottes in Kraft dem Geist der Heiligkeit nach durch Toten-Auferstehung“ (Verse 3 und 4).

Beachten wir zunächst die beiden einander gegenüberstehenden Worte: geworden und erwiesen. Er war der Sohn Gottes, und das ist vollkommen erwiesen in Toten-Auferstehung. Er kam aber in das Fleisch, wie geschrieben steht: „Das Wort wurde Fleisch“ (Joh 1,14). Das will einfach sagen: Er wurde wahrer Mensch – der zweite Adam. Er kam nicht in unser durch die Sünde verdorbenes Fleisch, wie eine viel verbreitete Irrlehre behauptet, wodurch unsere Erlösung ganz und gar infrage gestellt würde, sondern: Er wurde Fleisch. Die Kraft des Allerhöchsten hatte Maria überschattet, und was aus ihr geboren wurde, war das Heilige, der Sohn Gottes (Lk 1,35). Als Mensch war Jesus der zweite Adam – das Haupt der neuen Schöpfung. Er war der Herr vom Himmel und kam, um als aus dem Geschlecht Davids stammend, die Verheißungen Gottes zu erfüllen.

Die Toten-Auferstehung ist der große und öffentliche Beweis, dass Christus der Sohn Gottes ist. Die geistliche Kraft, die sich während seines ganzen Lebens durch seine vollkommene Heiligkeit in Ihm offenbarte, wurde in der Auferstehung in vollkommener Weise offenbart. In der Auferstehung also handelt es sich nicht um Verheißungen, sondern um Kraft. Es handelt sich hier um den, der sich in einen Kampf mit dem Tod begab, in dem der Mensch gefangen lag. Jesus hat den Tod vollkommen überwunden, und zwar in Verbindung mit der Heiligkeit, die während seines ganzen Lebens von der Kraft des Geistes, durch den Er wandelte, Zeugnis gab. Zuerst ist es durch seine eigene und dann durch die Toten-Auferstehung im Allgemeinen erwiesen, dass Er der Sohn Gottes ist.

Das Evangelium war das Evangelium Gottes; aber durch Jesus Christus, den Herrn, hatte Paulus 'Gnade und Apostelamt' empfangen (Vers 5). Christus war das Haupt, und Er sandte die Arbeiter in seine Ernte, um in der Welt zu wirken. Gnade bezieht sich hier weniger auf die persönliche Errettung des Paulus als vielmehr auf seinen Dienst, der ihm anvertraut war. Sie bezeichnet den wahren Charakter des Dienstes und der Ausübung desselben. Paulus war durch Gnade der Träger dieser Botschaft der Gnade, die ihre ganze Kraft an verlorenen Sündern ausübt und den Glaubenden die unermesslichen Reichtümer Gottes umsonst gibt. Der Gegenstand und die Tragweite der Mission des Apostels waren der Glaubensgehorsam unter allen Nationen, nicht der Gesetzesgehorsam, der die Verantwortlichkeit Israels war.

Wir haben hier also die Art und Weise des Gehorsams und nicht den Gegenstand selbst. Es war für den Namen Jesus, um die Autorität und den Wert dieses Namens zu bestätigen, der vollkommen herrschen und anerkannt werden soll.

Unter diesen Nationen waren auch die Gläubigen in Rom – Berufene Jesu Christi (Vers 6). Der Apostel richtet seinen Brief an alle Gläubigen in dieser großen Stadt. Sie sind Geliebte Gottes und berufene Heilige. Das ist ihr Charakter. Sie sind Heilige, nicht durch Geburt noch durch zeremonielle Einsetzungen, sondern durch göttliche Berufung. Die Juden waren im Gegensatz zu den Nationen als eine heilige Nation geboren; die Christen aber sind Heilige durch die Berufung Christi und sind Geliebte Gottes (Vers 7).

Der Apostel wünscht ihnen Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus (Vers 7). Von dort geht seine gesegnete Botschaft aus, und von dort aus wendet er sich an sie. In seinem Evangelium und in seinem Herzen brachte er die vollkommene Gnade Gottes durch Christus und den vollkommenen Frieden des Menschen mit Gott, sowie auch den Frieden Gottes selbst. Das ist der Grund, auf den das Christentum den Menschen stellt; das sind die wahren und gesegneten Beziehungen Gottes zu dem Menschen und des Menschen zu Gott, die durch das Evangelium offenbart und mitgeteilt werden.

Wenn der Apostel an Einzelne schreibt, so fügt er seinem Gruß noch das Wort Barmherzigkeit hinzu. Es wird dabei die persönliche Schwachheit und Gebrechlichkeit in Betracht gezogen (vgl. Timotheus, Titus etc.). Sobald aber die Gläubigen als ein Ganzes, als Versammlung betrachtet werden, sind sie ein Gegenstand, über den schon alle Barmherzigkeit ausgeschüttet ist. Sie sind – mit den Augen Gottes betrachtet – stets unter dem Einfluss und der Energie der Liebe und Gnade, die sie gesegnet hat.

Der Glaube der Römer wurde in der ganzen damaligen bekannten Welt verkündigt (Vers 8). Die Ursache, dass ihr Glaube so allgemein bekannt war, lag wohl hauptsächlich in der Verfolgung, die unter dem Kaiser Klaudius ausbrach (Apg 18), und wodurch viele Christen aus Rom vertrieben wurden. Es hatte sich also ihr Glaube bewährt, und das erweckte in dem Herzen des Apostels innigen Dank gegen Gott. Paulus ist nicht nur durch seinen Dienst, sondern auch mit seinem ganzen Herzen mit diesem Werk der Gnade verbunden. Erfüllt von der Liebe Gottes, erfreut er sich der Wirksamkeit und Ausbreitung dieser Gnade und dankt Gott, der die alleinige Quelle derselben ist. Er diente in seinem Geist in dem Evangelium seines Sohnes (Vers 9). Sein Dienen geschah in Gemeinschaft mit der Quelle, worin der Dienst selbst seinen Ursprung hatte. Sein unablässiges Gebet beweist, wie innig und ununterbrochen seine Gemeinschaft mit dieser Quelle war. Und es kann auch unser Dienst tatsächlich nicht anders gesegnet und mit Kraft begleitet sein, als wenn er aus der Gemeinschaft mit Gott fließt.

In den folgenden Versen drückt der Apostel sein inniges Verlangen aus, die Gläubigen in Rom zu sehen. Dieses Verlangen war nicht neu, sondern war fortwährend in seinen Gebeten vor Gott erwähnt worden (Vers 10). Gleichzeitig offenbart er hier seine apostolische Autorität ihnen gegenüber, und zwar mit einem Zartgefühl, das nur die Gnade und Liebe kennt. Er sehnt sich nach ihnen mit herzlicher und brüderlicher Liebe, um ihnen etwas geistliche Gnadengabe mitzuteilen, wozu ihn sein Apostelamt befähigte (Vers 11); und das wollte er deshalb tun, damit er selbst und auch sie den gemeinschaftlichen Glauben – durch die Mitteilung dieser Gnadengabe gekräftigt – genießen und zusammen getröstet werden möchten (Vers 12).

Ja, welches Zartgefühl und welche Liebe legt er in diesen wenigen Worten an den Tag! Er ist ein berufener Apostel unter allen Nationen, wenn er sie auch noch nicht gesehen hat; aber in seinem Herzen ist er ihr Knecht. Er hat sich oft vorgesetzt, zu ihnen zu kommen, damit er auch in diesem, von Gott ihm zugewiesenen Arbeitsfeld, einige Früchte haben möchte (Vers 13). Er erklärt, dass er ein Schuldner aller Nationen sei, und dass er, soviel an ihm liegt, völlig bereitwillig sei, auch denen in Rom das Evangelium zu predigen (Vers 14 und 15). Diese Bereitwilligkeit hatte ihren Grund sowohl in der völligen Hingabe des Apostels als auch besonders in dem Bewusstsein des kostbaren Wertes des Evangeliums, dessen Träger er war. Doch wie wunderbar war der Weg, auf dem das Gebet und dieses Verlangen des Apostels, nach Rom zu kommen, erfüllt wurden. Er kam erst am Ende seiner Laufbahn dorthin, und zwar als ein Gefangener. Gewiss, wunderbar sind die Wege Gottes!

Es wurde schon bemerkt, dass die Bereitwilligkeit des Apostels, auch denen in Rom das Evangelium zu verkündigen, besonders in dem kostbaren Wert desselben seinen Grund hatte.

Das wird auch namentlich in diesen Worten ausgedrückt: Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden (Vers 16). Paulus erkannte das Evangelium als die Kraft Gottes, und deshalb schämte er sich desselben nicht – selbst nicht, um es in der großen Weltstadt Rom zu verkündigen.

Das Evangelium ist Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden. Wer also glaubt, der empfängt im Evangelium die Kraft Gottes zur Errettung. Alle sind verloren, und deshalb muss das Evangelium sowohl dem Juden verkündigt werden als auch dem Griechen.

Das Gesetz würde, wenn der Mensch zu dessen Erfüllung fähig gewesen wäre, die Kraft des Menschen gewesen sein. Jetzt aber gebührt aller Ruhm Gott. Es ist das Evangelium Gottes und ist auch die Kraft Gottes zur Errettung. Der Mensch hat kein Verdienst und keinen Ruhm. Das Evangelium bringt eine Errettung, deren Quelle und Macht allein Gott ist. Der Mensch hat nichts dazu getan und kann auch nichts dazu tun. Gott ist in seiner Macht und Liebe hineingekommen, um den Sünder nach der Kraft, die in Ihm ist, zu erretten, und darum ist und bleibt es auch allein das Werk Gottes. Der Sünder kommt durch Glauben in den Besitz dieser Errettung, weil jede Offenbarung Gottes nur durch den Glauben erlangt werden kann. Es gibt aber, wie wir nun weiter sehen werden, eine besondere Ursache, warum das Evangelium die Kraft Gottes zur Errettung ist.

Im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart – die Gerechtigkeit, die in Christus schon befriedigt ist, und die rechtfertigt, anstatt zu verdammen. Der Mensch hatte keine Gerechtigkeit; er hatte nur Sünde, und wenn er als Sünder vor Gott erscheinen muss, so wird ihn das Gericht treffen. Gott offenbart nun im Evangelium eine positive Gerechtigkeit – eine Gerechtigkeit, die Christus an unsrer statt getroffen hat, und die uns durch seinen Tod und seine Auferstehung geschenkt werden kann. Es ist die Gerechtigkeit Gottes, vollkommen wie Er selbst – nach seinem eigenen Herzen. Und diese Gerechtigkeit wird offenbart aus Glauben, d.h. auf dem Grundsatz des Glaubens (Vers 17).

Im Alten Testament offenbarte Gott seine Gerechtigkeit im Gesetz, oder auf dem Grundsatz der Werke; aber alle, die unter dem Gesetz waren und diese Gerechtigkeit durch Gesetzeswerke zu erlangen suchten, kamen unter Fluch und Tod. Die Gerechtigkeit im Gesetz fand im Menschen keine Erfüllung, und darum verurteilte und tötete sie ihn. Die Gerechtigkeit Gottes aber, offenbart auf dem Grundsatz des Glaubens, hat in Christus eine vollkommene Erfüllung gefunden; sie ist in Ihm, dem zweiten Adam, völlig befriedigt und verherrlicht worden.

Deshalb verurteilt und tötet diese Gerechtigkeit den Glaubenden nicht, sondern sie bewahrt ihn und ist sein Teil. Er hat nicht nötig, danach zu trachten und sie zu erringen, sondern er empfängt sie ganz umsonst.

Wäre die Gerechtigkeit auf dem Grundsatz der Werke offenbart, so würde nur der Gerechte daran teilhaben; jetzt aber, da es auf dem Grundsatz des Glaubens ist, gehört sie jedem Glaubenden: „...offenbart aus Glauben zu Glauben“. Der Glaube ist der Anfang und das Ende dieser Gerechtigkeit. Sie ist ohne das geringste Zutun des Menschen von Anfang bis zum Ende das Werk Gottes und ist dem Glauben offenbart, wo dieser sich nur irgendwie befinden mag. Der Jude ist nicht mehr als der Heide – beide stehen auf ein und demselben Boden, und nur mittels des Glaubens ist beiden der Zutritt zu dieser Gerechtigkeit, die auf dem Grundsatz des Glaubens ist, geöffnet; nur der Glaube ist für beide der einzige Weg, um zu dieser Segnung, die völlig von Gott ist, zu gelangen. Das bekräftigt und bestätigt auch selbst der jüdische Prophet: „...der Gerechte aber wird aus Glauben leben“ (Hab 2,4), d.h., der Gerechte besitzt das Leben auf dem Grundsatz des Glaubens. Das Gesetz sagt: „Tue das, und du wirst leben“; das Evangelium aber sagt: „Wer glaubt, der hat das ewige Leben“.

Am Ende dieser Einleitung ist der Apostel nun an dem rechten Punkt angekommen, um sich nun eingehend mit den großen Heilswahrheiten beschäftigen zu können. In Vers 17 hat er eine Grundwahrheit niedergelegt, die die ganze Lehre des Heils in kurzen Worten zusammenfasst und die er jetzt zu beweisen sucht. Es musste aber seiner Erörterung der Rechtfertigung aus Glauben durchaus der Beweis ihrer Notwendigkeit und der Strafwürdigkeit der Menschen vor Gott vorangehen, und hiermit beginnt er in Vers 18.

Schon in diesem Vers, der sozusagen die Überschrift zu dem Folgenden bildet, ist der Zustand beider – sowohl der Heiden als der Juden – kurz ausgedrückt. Gottlosigkeit charakterisiert die Heiden aller Nationen, die die Gegenwart Gottes nicht achten; und die Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Unglauben besitzen, charakterisiert die Juden. Diese bekannten die Wahrheit, indem sie die Erkenntnis Gottes gemäß dem Gesetz hatten, aber sie verunehrten Gott durch ihre Werke. Dasselbe aber gilt genauso von allen Bekennern des Christentums, wenn sie bei ihrem Bekenntnis in Dingen leben, die Gott hasst.

Über alle diese Dinge wird der Zorn Gottes vom Himmel her offenbart (Vers 18); und deshalb haben alle, die darin leben, nichts anderes als diesen Zorn zu erwarten. Obwohl dieser Zorn noch nicht in der Vollziehung des göttlichen Gerichts gesehen wird, obwohl er sich nicht im Evangelium selbst offenbart – denn das ist die Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes zur Errettung derer, die sich in diesem Zustand befinden – so wird dennoch dieser Zorn vom Himmel offenbart gegen alle Gottlosigkeit, gegen alles, was die Gegenwart Gottes nicht ehrt, und gegen alle Ungerechtigkeit derer, die die Wahrheit besitzen, und dennoch Gott verunehren. Weil Gott heilig ist, kann Er der Sünde gegenüber nur seinen Zorn offenbaren.

Von Vers 19 an beschreibt der Apostel nun zunächst den traurigen Zustand der Heiden – ihre Geringschätzung und Verachtung des Zeugnisses Gottes und die daraus hervorgehende Versunkenheit, die ihre ernste Verantwortlichkeit erkennen lässt. Dass der Mensch gesündigt hat, erkennt wohl jeder, dass er aber schuldig ist, wird nur von wenigen zugegeben. Der Apostel aber beweist dieses in den Versen 19 und 20. Zuerst hatte Gott durch die Werke der Schöpfung von seiner eigenen Kraft und Gottheit Zeugnis abgelegt und vor ihre Augen gestellt. Das schon würde sie ohne Entschuldigung gelassen haben; aber außerdem hatten sie Gott im Anfang erkannt. Die Nachkommen Noahs waren ohne Zweifel nicht ohne Erkenntnis Gottes; denn nachdem Gott die alte Welt durch ein schreckliches Gericht zerstört hatte, fing Er die gegenwärtige Welt durch eine Familie an, die Er zur Bewahrerin der Erkenntnis seiner selbst stellte. Doch die Menschen bewahrten diese Erkenntnis nicht und sanken in tiefe Finsternis.

Wir finden hier drei Stufen der Versunkenheit: Torheit, Finsternis und Finsternis für das Licht haltend (Verse 21 und 22). In ihrem Unverstand würdigten sie die Herrlichkeit des unverweslichen Gottes herab zu dem Bild eines verweslichen Menschen und der Tiere, verwandelten die Wahrheit in Lüge und verließen den Schöpfer, dem alle Ehre allein gebührt, um das Geschöpf anzubeten (Verse 23–25). Deshalb hat Gott sie auch dahingegeben und in gerechter Vergeltung ihr eigenes Verderben gegen sie selbst gewandt. Weil sie die Herrlichkeit des unverweslichen Gottes sogar bis zu einem Bild der unreinen Tiere erniedrigten, hat Gott sie selbst in den Begierden ihrer Herzen der Unreinheit anheimfallen lassen (Verse 23 und 24). Weil sie Gott, ihrem Schöpfer, keinen Dienst leisteten, hat Er sie dem Dienst ihrer Leidenschaften übergeben (Verse 25–27), und weil sie es nicht für gut hielten, Gott in Erkenntnis zu haben, hat Er sie zu einem verworfenen Sinn dahingegeben, um alle Ungerechtigkeit zu tun. Derselbe Sinn, der die Erkenntnis Gottes hätte festhalten sollen, hält jetzt alle Ungerechtigkeit fest (Verse 28–30). Sie waren völlig sich selbst überlassen. Jeder moralischen Entscheidungskraft beraubt, lebten sie in den abscheulichsten Begierden; die innigsten Bande und Verhältnisse offenbarten am meisten ihre Verworfenheit (Verse 26 und 27). Sie erniedrigten sich sogar unter das Tier und empfingen so an sich selbst den gebührenden Lohn ihres Irrtums und ihrer Verwerfung Gottes. Indem sie also die Ehre Gottes dahingaben, entehrten sie sich selbst.

Ihr natürliches Gewissen war überzeugt, dass Gott solche Dinge richtet und dass die Täter derselben, nach der gerechten Forderung seiner Natur, des Todes würdig sind; aber dessen ungeachtet taten sie diese Dinge nicht allein, sondern hatten auch Wohlgefallen an denen, die sie ausübten; sie offenbarten auf diese Weise ihre Sympathie für die Schlechtigkeiten anderer (Vers 31).

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