Der Brief an die Römer

Kapitel 15

Der Brief an die Römer

Die ersten sieben Verse dieses Kapitels sind eigentlich noch eine Fortsetzung des vorherigen, weil der Apostel von derselben Sache redet und dann mit Vers 8 einen ganz anderen Gegenstand beginnt.

Der Apostel fährt hier also mit seinen Ermahnungen hinsichtlich der angemessenen Anwendung der christlichen Freiheit fort. Die Starken sind schuldig, die Schwachheiten der Schwachen zu tragen und diese nicht gering zu schätzen (Vers 1). Wer in Wirklichkeit stark ist, gehört zu der Zahl derer, die stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke sind (Eph 6,10). Hat die Gnade Gottes uns wirklich sowohl von allen jüdischen als auch menschlichen Satzungen frei gemacht und uns durch den Glauben befähigt, als Befreite zu leben, so sind wir imstande, die Schwachheiten anderer Brüder behutsam zu behandeln und zu tragen, weil wir dann verstehen, dass es allein die Gnade Gottes ist, die uns von diesem allen befreien kann. Nur in dieser Weise legen wir die Gesinnung Christi an den Tag, der in Demut lebte und sich zum Diener anderer machte; und auch nur dann sind wir anderen zum Guten und zur Erbauung behilflich (Vers 2).

Christus hat alles getragen, alles gelitten und war in allem stets geduldig und vollkommen abhängig von dem Willen seines Vaters. Er suchte nicht sich selbst zu gefallen, sondern Er ertrug Schmähungen, wie geschrieben steht: „Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen“ (Vers 3). Gleichzeitig zeigt uns dieser Ausdruck, in welche wunderbare und bevorzugte Stellung der Christ auf der Erde gesetzt ist. Er stellt Gott dar, so dass, wenn jemand Gott schmäht, er diese Schmähung empfängt. Auch der Apostel ist in dieser Beziehung ein nachahmungswertes Vorbild für uns. So erhaben auch sein Dienst war, er stellte sich doch mit den Niedrigsten auf gleichen Boden. Wenn aber unsere Freiheit nicht die Liebe zur Quelle hat, so haben wir Gefallen an uns selbst und richten andere.

Jene Anführung aus Psalm 69,10 in Bezug auf den Herrn gibt dem Apostel Anlass, den Gläubigen in Rom und allen Gläubigen den wahren Wert des Alten Testaments zu zeigen. Es könnte bei einigen der Gedanke aufkommen, dass durch die vollkommene Offenbarung der Wahrheit und der Gedanken Gottes durch den Herrn und seine Apostel im Neuen Testament, das Alte für uns überflüssig und wertlos geworden sei. Doch ist gerade das Gegenteil der Fall. Ohne das Alte Testament wäre das Neue für uns unverständlich und ebenso in mancher Beziehung das Alte ohne das Neue. Der Apostel sagt uns hier ganz bestimmt, „alles, was zuvor geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben“ (Vers 4). Es gehört uns also das ganze Wort Gottes; es ist ganz unser Eigentum. Es ist auch vom Anfang bis zum Ende durch den Heiligen Geist geschrieben, und darum ist sowohl das Alte als auch das Neue Testament für uns nützlich und dient zu unserer Belehrung. Wären wir nicht im Besitz des Alten Testaments, dann würden uns sowohl die Wege Gottes mit dem Menschen als auch der Zustand desselben unbekannt geblieben sein. Wir würden von den wunderbaren Wegen, die Gott für den gefallenen Menschen erwählt und denen die Ankunft des eingeborenen Sohnes die Krone aufgesetzt hat, nichts wissen. Es ist aber notwendig, dass wir uns beim Forschen in den Schriften durch den Geist leiten lassen. Geschieht das nicht, so werden wir bald in die größte Verwirrung kommen und die unterschiedlichen Wege Gottes mit dem Menschen aus dem Auge verlieren. Alles ist zu unserer Belehrung zuvor geschrieben; aber das will nicht sagen, dass wir uns mit jenen Personen, von denen wir zu lernen haben, in demselben Zustand und in derselben Stellung befinden. Der Zug der Kinder Israel durch die Wüste zum Beispiel ist ein Bild unserer Reise durch die Wüste dieser Welt; aber wir befinden uns darum keineswegs in demselben Zustand der Kinder Israel. Israel war unter dem Gesetz – wir sind unter der Gnade. Behalten wir diesen Grundsatz im Auge, dann wird das Alte Testament uns zum großen Segen sein.

Die Schriften werden hier als ein Mittel zum Ausharren, zur Ermunterung und zur Hoffnung vorgestellt. Sie sind das Wort Gottes selbst; und Gott ist der Gott des Ausharrens und der Ermunterung (Vers 5). Er ist die Quelle der Segnungen, die uns durch die Schriften geöffnet sind. Er hat sich in seinem Wort vollkommen offenbart, wie Er ist – in seiner ganzen Liebe und Gnade, seiner Langmut und Treue, seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit; und darum ist es durchaus notwendig, dass wir sein Wort als die Quelle aller Gnade fleißig untersuchen und es durch das Licht des Heiligen Geistes immer mehr verstehen lernen. Weil Gott der Gott des Ausharrens und der Ermunterung ist, so fließt aus Ihm die Kraft, um eine gleiche Gesinnung – eine Gesinnung, die Christus Jesus gemäß ist – untereinander an den Tag zu legen (Vers 5), damit wir „einmütig mit einem Mund den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus verherrlichen“ (Vers 6). Es ist ja allein der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, zu dem alle, sowohl die Christen aus den Nationen als auch aus den Juden, durch Ihn gleichen Zugang hatten. Auch ist es nicht unsere Würde, worauf Christus unsere Annahme gründet, sondern seine Gnade allein, und darum ist es zu Gottes Herrlichkeit. Und unsere gegenseitige Annahme soll denselben Charakter tragen, damit auch diese zur Verherrlichung Gottes gereicht (Vers 7).

In Verbindung mit dem Vorhergehenden bringt nun der Apostel in den folgenden Versen die großen Grundsätze dieses Briefes noch einmal kurz in Erinnerung. In den Versen 8 und 9 haben wir die beiden Seiten der Sendung Christi: die Wege Gottes den Juden als auch den Nationen gegenüber. Das erklärt uns auch das Verhalten des Herrn in den Evangelien. Er wurde „ein Diener der Beschneidung um der Wahrheit Gottes willen, um die Verheißungen der Väter zu bestätigen; damit die Nationen aber Gott verherrlichen mögen um der Begnadigung willen“.

Bei den Nationen handelte es sich nicht um die Wahrheit, sondern um die Gnade. Die freie und unumschränkte Kraft Gottes überflutete sie in Christus Jesus; das Kreuz des Christus öffnete ihnen die Tür zu unermesslichen Segnungen. Um zu beweisen, dass diese Gnade gegen die Nationen in dem Herzen Gottes war, führt der Apostel das Gesetz, die Psalmen und die Propheten an (Verse 9–12). Diese Begnadigung der Nationen schmälerte aber nicht im Geringsten die Verheißungen Gottes; im Gegenteil bestätigten sie deren Erfüllung. Der Herr Jesus war gleichzeitig das Gefäß der tieferen Ratschlüsse der Gnade, für die selbst das Gesetz Raum ließ, wenn es sie auch nicht offenbarte.

In Vers 13 wendet sich der Apostel an die Gläubigen in Rom und drückt seine Wünsche und Gebete für sie aus. Gott hat sich in Christus als ein Gott der Hoffnung offenbart, der Freude und Friede denen bereiten wird, die auf Ihn hoffen. Darum wünscht auch der Apostel, dass die Gläubigen in Rom jetzt schon im Glauben in den Genuss dieser Segnung gelangen und durch die Kraft des Heiligen Geistes in der Hoffnung überreich sein möchten. Dann fährt er im folgenden Vers fort; sein Vertrauen gegen sie auszudrücken. Er ist überzeugt, dass sie voll Gütigkeit und Erkenntnis sind, und diese beiden Stücke sind es, die die Gläubigen befähigen, sich untereinander zu ermahnen (Vers 14).

In den Versen 15 und 16 spricht der Apostel mit Autorität, die er aufgrund seines Apostelamtes und seiner besonderen Mission als Apostel der Nationen besaß. Er erinnerte sie an die ihm von Gott verliehene Gnade, die ihm zum Teil Veranlassung gab, etwas freimütiger an sie zu schreiben. Er hatte in Bezug auf sie einen öffentlichen Dienst zu erfüllen. Er war in einem besonderen Sinn ein Diener Christi Jesu für die Nationen, „priesterlich dienend an dem Evangelium Gottes, damit das Opfer der Nationen wohlangenehm werde, geheiligt durch den Heiligen Geist“ (Vers 16).

Er spricht hier aber von seinem Dienst als Apostel der Nationen im Allgemeinen; denn er konnte nicht von seinem speziellen Dienst in Rom reden, weil er dort noch nicht gewesen war. Er brachte durch seinen Dienst die Gläubigen aus den Nationen Gott als ein angenehmes Opfer dar, weshalb er auch sagt, dass er priesterlich diente an dem Evangelium Gottes. Es war auch jetzt nicht mehr die äußerliche Heiligkeit durch die Geburt, wie es bei Israel der Fall war, sondern die wirkliche Absonderung für Gott in der Kraft des Heiligen Geistes.

Paulus hatte Grund, sich in den Dingen, die Gott angehen, in Christus Jesus zu rühmen (Vers 17). Gott hat sich zu seinem Wirken bekannt und seinen Dienst bestätigt (Verse 18 und 19). Von Jerusalem und Umgebung bis Illyrien hatte er das Evangelium des Christus verbreitet, die gute Botschaft bekannt gemacht und sich besonders bemüht, das Evangelium da zu predigen, wo der Name Christus nicht bekannt war, d.h. unter den Nationen. Als Apostel der Nationen reiste er nicht im Arbeitsfeld der übrigen Apostel umher, d.h. in Israel, weil dieser Bereich ihm nicht zur Bearbeitung anvertraut war (Verse 20 und 21). Da er nun in den Gegenden, in denen er wirkte, keinen Raum mehr hatte, indem es dort nach der Kraft des Heiligen Geistes nichts mehr für ihn zu tun gab, so dachte er, Rom zu besuchen – ein Vorhaben, wonach er sich schon seit Jahren gesehnt hatte – und von da nach Spanien zu reisen. Für den Augenblick führte sein Weg nach Jerusalem, um die in Mazedonien für die dortigen Heiligen gesammelte Kollekte zu überbringen. Gleichzeitig sieht man hier, sowohl in der Bemühung für diese Kollekte, als auch in der Art und Weise, in der er darüber redet, wie das Herz des Apostels immer mit den Juden beschäftigt war. Mag es auch in Frage gestellt werden, ob Paulus in der Ausübung dieses Dienstes auf der Höhe seiner apostolischen Berufung als Apostel der Nationen geblieben sei, so haben wir doch hier wieder neu einen schlagenden Beweis seiner großen Liebe zu seinem Volk. Gleichzeitig aber waren auch, wie er in Vers 27 sagt, die Nationen Schuldner der Juden. Die geistlichen Güter waren zuerst das Vorrecht der Juden, und aus ihrer Mitte kam auch der Apostel. Die Christen aus den Nationen waren deshalb schuldig, denen aus den Juden mit ihren irdischen Gütern zu dienen.

Paulus trug, wie wir aus Vers 30 deutlich schließen können, das Gefühl in sich, dass seine Reise nach Jerusalem nicht glücklich enden würde; und darum fordert er die Gläubigen in Rom zur Fürbitte auf, damit er sie mit Freude sehen und aus den Händen der Ungläubigen in Judäa gerettet werden möchte. Wir wissen, was ihm auf dieser Reise widerfahren ist. Er ist aus der Hand der Juden gerettet worden; er hat die Römer gesehen – aber als ein Gefangener. Ob er in Spanien gewesen ist, wissen wir nicht. Obwohl er als ein Gefangener in Rom war, war er doch in der Fülle des Segens Christi dort. Die Wege Gottes sind nach seinen ewigen Ratschlüssen, nach seiner Gnade und nach seiner vollkommenen Weisheit.

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