Der Brief an die Römer

Kapitel 16

Der Brief an die Römer

Paulus war also bisher noch nicht in Rom gewesen und kannte folglich die dortige Versammlung nicht persönlich; doch war er auf seinen vielen Reisen mit einzelnen Gliedern derselben in Berührung gekommen; und an diese richtet er jetzt herzliche Grüße. Die persönliche Zuneigung bildet das Band zwischen ihm und der dortigen Versammlung. Diese Grüße geben uns ein schönes Zeugnis von der Verwandtschaft und von dem innigen Band, mit dem die Gläubigen untereinander verbunden sind.

Was schon bei der Betrachtung des vorigen Kapitels angedeutet wurde, wird uns hier in einer sehr schönen Weise gezeigt, dass nämlich der Apostel, so erhaben auch seine Stellung und die Geheimnisse, in die Gott ihn eingeweiht hatte, waren, sich zu den Geringsten herabließ und sich mit ihnen auf den gleichen Boden stellte. Er erinnert sich an alles, was diese geringsten Christen, diese Frauen, für ihn und für den Herrn getan hatten. Und es ist sehr erfreulich und ermunternd für jeden Christen, diese schönen Zeugnisse zu hören – Zeugnisse, die jeden Gläubigen mit Ehre bekleiden und gleichzeitig zur Nachahmung dienen – Zeugnisse, die uns zeigen, wie der Heilige Geist sich selbst mit dem geringsten Dienst beschäftigt und ihn in dem Buch Gottes aufzeichnet. In allen Versammlungen Christi sind die Namen und der Dienst dieser treuen Diener des Herrn aufbewahrt geblieben; und das lässt uns sehen, welchen Wert der Herr nicht auf die Größe und Wichtigkeit des Werkes, sondern auf die Treue und Liebe, womit es verrichtet wird, legt. Auf dieselbe Weise wird auch unser Dienst belohnt werden; und darum gebe der Herr uns einen unermüdlichen Eifer für seine Ehre und Verherrlichung und eine hingebungsvolle Liebe, um Ihm in allem, was die Hand zu tun findet, mit Treue zu dienen.

Wir fügen jetzt noch etliche kurze Bemerkungen über einige dieser Grüße hinzu:

Priska und Aquila (Verse 3 und 4), früher aus Rom vertrieben und in Korinth mit dem Apostel bekannt geworden, befanden sich jetzt wieder in Rom. Paulus nennt sie seine Mitarbeiter in Christus Jesus. Das Bemerkenswerte hier ist, dass er ihnen in Verbindung mit allen Versammlungen unter den Nationen dankt, weil sie ihren eigenen Hals für sein Leben preisgegeben hatten. Hieraus sehen wir, wie sehr sich der Apostel mit allen diesen Versammlungen als ein Leib fühlte, und wie sehr er zu gleicher Zeit das Bewusstsein hatte, dass er für das Werk des Herrn notwendig und vom Herrn zum Apostel der Nationen berufen war.

In Vers 5 finden wir den Ausdruck die Versammlung in ihrem Haus. Das Wort Versammlung hat im Neuen Testament drei verschiedene Bedeutungen. Erstens bezeichnet es den Leib Christi, die Vereinigung der lebendigen Steine, die das Haus Gottes im Geist bilden. Zweitens werden örtliche Zusammenkünfte von Gläubigen, die die Einheit des Leibes anerkennen und nur durch den Raum voneinander getrennt sind, Versammlungen genannt. Nirgendwo aber findet man verschiedene Versammlungen an ein und demselben Ort. Drittens wird der Name Versammlung einer Familie beigelegt, deren Glieder, zusammen in einem Hause wohnend, sämtlich dem Herrn dienen.

Die Hinzufügung meinem Geliebten (Vers 5), bei dem Gruß an Epänetus zeigt uns die besondere Beziehung, die zwischen ihm und dem Apostel bestand. Es war hier nicht allein brüderliche Liebe, die alle Heiligen umfasst, sondern eine besondere Zuneigung; denn Epänetus war das erste Glied in der langen Kette derer, mit denen der Apostel in Asien als ein Vater in Christus und durch eine zärtliche Zuneigung verbunden war.

Alle Heiligen in Christus sind Auserwählte im Herrn, und deshalb ist es klar, dass der Apostel etwas Besonderes im Auge haben musste, wenn er Rufus bei seinem Gruß einen Auserwählten im Herrn nennt (Vers 13). Wahrscheinlich hatte dieser bezüglich seiner Auserwählung persönlich einige Zweifel, bewirkt durch den Feind der Seele, der immer beschäftigt ist, das Herz mit Ungewissheit zu erfüllen. Die Versicherung des Apostels nun war gewiss sehr geeignet, sein Herz zu ermuntern und seinen Glauben zu stärken.

Die Ermahnung und Aufforderung des Apostels, einander mit heiligem Kuss zu grüßen, finden wir auch in 1. Korinther 16,20; 2. Korinther 13,12 und 1. Thessalonicher 5,26; und das beweist ganz deutlich, dass diese Art der Begrüßung unter den Christen gebräuchlich war. Wiewohl wir weit davon entfernt sind, zu meinen, dass der Apostel hier einen Befehl gegeben habe, sich gerade in solcher Weise zu begrüßen, so glauben wir doch, dass dieses Wort auch für uns von Bedeutung ist. Der Heilige Geist hat dieser Sache seine Zustimmung gegeben und dafür gesorgt, dass sie auch für uns aufbewahrt bleibt. Es würde deshalb nicht gut sein, wenn wir mit Gleichgültigkeit darüber hinweggingen. Es ist nicht zu leugnen, dass sich in dieser Art von Begrüßung ein größeres Maß von Herzlichkeit zeigt, die den Gliedern einer Versammlung angemessen ist. Der Nachdruck liegt natürlich besonders auf dem Worte heilig; aber das nimmt nicht weg, dass der Heilige Geist diese Art der Begrüßung selbst erwähnt und ihr dadurch, dass er sie empfiehlt, seine Zustimmung gibt. In allem aber, und so auch hierin, ist es nötig, in dem Ernst der Heiligkeit, die sich für den Christen gehört, zu handeln.

Von Vers 17–20 gibt Paulus noch einige allgemeine Ermahnungen. Zunächst ermahnt er die Gläubigen in Rom, auf die achten, die gegen die Lehre des Apostels auftraten; ja, sich ganz von ihnen abzuwenden, weil sie dem Herrn Christus nicht dienten und die Herzen der Arglosen durch schöne Worte zu verführen suchten. Ernste Ermahnungen auch für unsere Zeit! Der Christ ist berufen, selbst in der Lehre des Heils festzustehen und sich von allen, die diese Lehre verwerfen, abzuwenden. In Vers 19 wird uns eine sehr schöne und vollkommene Regel für den Wandel des Christen gegeben, nämlich weise zum Guten und einfältig zum Bösen zu sein. Nur das Christentum kann solche Regel geben; denn es zeigt den vollkommen guten Wandel und gibt die nötige Weisheit, ihn zu verwirklichen. Wir können einfältig zum Bösen sein, weil wir das Gute kennen; aber der Mensch dieser Welt muss das Böse kennen, um demselben zu entgehen. In dieser Welt voll Betrug und List muss er mit dem Bösen beschäftigt sein, er muss darüber nachdenken, um nicht von demselben überlistet zu werden. Es wird auch für den Christen bald eine vollkommene Erlösung kommen. In Kurzem, sagt der Apostel, wird der Gott des Friedens den Satan unter eure Füße zertreten (Vers 20).

Die 3 letzten Verse des Briefes bilden einen Anhang; der jedoch von großer Wichtigkeit ist. Sie enthalten die Offenbarung einer Wahrheit, deren Mitteilung den ganzen Dienst des Apostels charakterisiert. Paulus entwickelt hier diese Wahrheit nicht, weil der Brief einen anderen Zweck hat. Er versetzt aber die Seele in die unmittelbare Nähe Gottes, der diese offenbart. Diese Wahrheit steht in unmittelbarer Verbindung mit der Stellung des Leibes des Christus und mit der Lehre bezüglich dieses Leibes. Der Apostel lehrt uns hier bestimmt, dass das Geheimnis – nämlich die Versammlung und die Vereinigung aller Dinge in einer Person, Christus – ganz und gar in den verflossenen Jahrhunderten unbekannt geblieben sei. Gott hatte während aller Perioden über diesen Gegenstand geschwiegen. Die Versammlung macht auch keinen Teil aus von dem Lauf der Ereignisse, noch den irdischen Wegen Gottes, die sich während der verschiedenen Perioden entwickeln. Jetzt aber war das Geheimnis offenbart und den Nationen nicht durch die Schriften der Propheten, sondern durch prophetische Schriften mitgeteilt. Unter diesen prophetischen Schriften versteht der Apostel die an die Nationen gerichteten Briefe, und das offenbart uns einen neuen Charakter des Neuen Testaments.

Hier sind wir nun zum Ende dieses schönen und gesegneten Briefes gekommen; seine großen und herrlichen Heilswahrheiten des Christentums sind vor unsere Seelen gestellt worden – wie ich hoffe, nicht ohne reichen und bleibenden Segen. Sicher wird keiner der Leser auf den so vielfältigen und gnadenreichen Inhalt desselben zurückblicken können, ohne in die anbetenden Schlussworte des Apostels einzustimmen: „Dem allein weisen Gott durch Jesus Christus, ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen“. Gleichzeitig wollen wir an den allein weisen Gott bitten, dass Er uns durch seinen Geist erleuchten und in seiner Herz und Wandel heiligenden Wahrheit leiten möge, damit jetzt und ewig auch durch uns sein heiliger Name verherrlicht und gepriesen werde!

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