Der Brief an die Römer

Kapitel 7

Der Brief an die Römer

Der Apostel hat also in den beiden vorhergehenden Kapiteln die Wirkung des Todes und der Auferstehung Christi in Bezug auf die Rechtfertigung (Kap 5) und in Bezug auf das praktische Leben (Kap 6) gezeigt. Wir sind in Kap 5 von der Schuld der Sünde und in Kap 6 von der Macht derselben befreit. Jetzt war noch eine andere Frage zu beantworten übrig, nämlich: Wo ist das Resultat dieser Lehre im Blick auf die Forderungen des Gesetzes? Welchen Platz nimmt das Gesetz dem Christentum gegenüber ein, da Christus auferstanden ist?

Zunächst bemerke ich, dass wir in diesem Kapitel oft das Wort Gesetz finden; aber wir werden sehen, nicht immer in Verbindung mit ein und derselben Sache. Im Allgemeinen ist Gesetz ein herrschender Grundsatz, der Unterwürfigkeit fordert. Steht der Mensch unter einem Gesetz, so steht er unter einer Autorität, die ihm Verpflichtungen auferlegt oder Forderungen an ihn stellt. Ob er dieselben erfüllt oder nicht, ob er die nötige Kraft aufbringt oder nicht, ob er will oder nicht – das Gesetz fordert und wird nur durch Erfüllung befriedigt. An solche nun, die überhaupt die wahre Bedeutung eines Gesetzes kennen, wendet sich der Apostel im vorliegenden Kapitel zunächst.

„Ich rede zu denen, die das Gesetz kennen“ (Vers 1). Hier ist also der Ausdruck Gesetz ganz allgemein. „Wisst ihr nicht, Brüder, dass das Gesetz über den Menschen herrscht, solange er lebt“? Solange ein Gesetz besteht oder in Kraft ist, solange ist auch der ihm Unterworfene an dessen Forderungen gebunden; nur der Tod kann diese Verbindung aufheben. Das beweist der Apostel in den Versen 2 und 3 durch das Ehegesetz und macht dann in Vers 4 die Anwendung auf die Gläubigen. Doch beachten wir wohl, dass wir in dieser Stelle und auch in den nachfolgenden unter dem Ausdruck Gesetz nicht nur die zehn Gebote zu verstehen haben, sondern auch jegliche Anforderung der etwa 248 Gebote und 346 Verbote, die an das Volk Israel gestellt und wodurch ihr Verhältnis zu Gott bedingt war – ja, wir können es selbst auf alles anwenden, was die Gerechtigkeit Gottes von jedem Menschen als solchem zu fordern berechtigt ist.

Unter diesem Gesetz nun kann der Mensch nicht anders als verloren sein. Deshalb ist es auch für alle eine ernste und wichtige Frage: Wie werde ich vom Gesetz frei? Wir können uns, das ist wahr, nicht auf einem unrechtmäßigen Weg der Herrschaft des von Gott gegebenen Gesetzes entledigen; Gott würde das nie erlauben können, weil alle Forderungen des Gesetzes an den Menschen vollkommen gerecht sind. Nun aber hat Gott selbst in Christus für uns einen rechtmäßigen Weg zur völligen Befreiung vom Gesetz bereitet – einen Weg, der uns ganz und gar und für immer außerhalb des Bereiches des Gesetzes stellt; und dieser Weg ist – der Tod. „Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet worden durch den Leib des Christus“ (Vers 4). Der Tod ist auch hier, wie beim Ehegesetz, das einzige Mittel zur Befreiung. Wir sind, wie wir hier ganz deutlich lesen, durch den Leib des Christus dem Gesetz getötet worden, und deshalb kann uns das Gesetz nicht mehr erreichen. – Verringert das aber nicht die Autorität desselben? Nicht im Geringsten; denn wir bekennen, dass Christus gestorben ist und wir mit Ihm, und das Gesetz kann doch auf einen Gestorbenen nicht mehr angewandt werden. Seine Autorität aber ist auch völlig gehandhabt worden, weil die Sünde mit dem Tod bestraft ist. In dem Tod Christi ist die Autorität des Gesetzes völlig ausgeübt und befriedigt worden. Alle nun, die unter dem Gesetz gewesen und an Jesus gläubig geworden sind, sind unter Vollziehung des Urteils dieses Gesetzes gestorben; denn in Christus ist dieses Urteil an ihnen vollzogen worden. Auch steht ein Gesetz allein mit lebenden und nicht mit toten Personen in Verbindung. Eine Frau wird eine Ehebrecherin, wenn sie zu Lebzeiten ihres Mannes eine Beziehung zu einem anderen Mann eingeht; sie ist aber frei, sobald der Mann gestorben ist. Ebenso ist es mit dem Christen. Er kann nicht zwei „Männern“ gleichzeitig angehören; das Gesetz und der auferstandene Christus vereinigen sich nicht in ihrer Autorität über die Seele. Die Anwendung des angeführten Beispiels ist wohl für uns, was die Form betrifft, etwas anders, aber der Grundsatz bleibt derselbe. Das Gesetz ist nicht gestorben und verliert auch deshalb sein Recht nicht, sondern wir sind gestorben; und weil wir gestorben sind, so kann das Gesetz keine Macht mehr über uns ausüben. Wir sind mitgestorben und danach mitauferweckt und sind deshalb durch den Tod vom Gesetz getrennt. Unser gegenwärtiger Mann ist der auferstandene Christus. Wir stehen in keinerlei Weise unter dem Gesetz – weder hinsichtlich der gerechten Ansprüche des Gesetzes, noch seiner gerechten Urteile. Es ist sozusagen für uns nicht mehr da, oder besser, wir sind für das Gesetz nicht mehr da, weil wir durch den Leib des Christus – das ist sein Tod – (Kol 1,22) demselben gestorben sind.

Sind wir aber zu dem Zweck vom Gesetz losgemacht worden, um gesetzlos zu sein, um ohne alle Verantwortlichkeit unseren eigenen Willen zu tun? Oder haben die im Gesetz offenbarten Grundsätze der Gerechtigkeit Gottes ihre Geltung verloren? Keines von beiden; denn wir lesen in der zweiten Hälfte von Vers 4, dass wir eines anderen geworden sind, „des aus den Toten Auferweckten, damit wir Gott Frucht brächten“. Es ist gerade in Verbindung mit dem Gesetz, worin Gott zwar Frucht fordert, dass wir nur dem Tod Frucht bringen (Vers 5); aber völlig frei vom Gesetz und in Verbindung mit Christus, dem wahren Ehemann, sind wir fähig, Gott Frucht zu bringen. Das ist für den Gläubigen das gesegnete Resultat der Befreiung vom Gesetz. Auferweckt mit Christus ist er im Besitz eines neuen Lebens, das seine Früchte trägt – ein Leben, für das das System des Gesetzes nicht mehr vorhanden ist.

Wir lesen in Vers 5: „Denn als wir im Fleisch waren...“; also nicht sind, sondern waren. Ebenso lesen wir in Kap 8,9: „Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist“. Der Ausdruck Fleisch bezeichnet hier natürlich nur das moralische Fleisch – das ganze Wesen oder die ganze Stellung des natürlichen Menschen vor Gott. Der mit Christus auferweckte und darum erneuerte Mensch ist nicht mehr in dieser Stellung vor Gott. Das Fleisch ist zwar noch in ihm vorhanden; aber er steht weder unter dessen Herrschaft, noch stellt dasselbe wie früher seine Stellung vor Gott dar. „Als wir im Fleisch waren, wirkten die Leidenschaften der Sünden, die durch das Gesetz sind, in unseren Gliedern, um dem Tod Frucht zu bringen“. Die Leidenschaften, die zur Sünde antrieben, wirkten im Fleisch, und durch das Entgegentreten der Forderungen des Gesetzes wurde der Wille, die Sünde, die das Fleisch liebte und das Gesetz verbot, umso mehr aufgeweckt „Jetzt aber sind wir von dem Gesetz losgemacht, da wir dem gestorben sind, in dem wir festgehalten wurden, so dass wir in dem Neuen des Geistes dienen und nicht in dem Alten des Buchstabens“ (Vers 6).

In Galater 2,19 haben wir dieselbe Sache, nur etwas anders ausgedrückt: „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben“. Das Gesetz ist der Dienst des Todes. Alle, die sich unter demselben befinden, sind zum Tod verurteilt, weil sie Sünder sind. Für uns, die Gläubigen nun ist dieses Urteil in dem Tod Christi vollzogen. Jetzt kann ich sagen, dass das Gesetz mich getötet hat; aber ich kann auch hinzufügen, dass ich durch diesen Tod auch für das Gesetz tot oder nicht mehr da bin. Das Gesetz ist nicht getötet; aber ich bin getötet, und zwar durch dessen Gerechtigkeit. In dem Tod Christi finde ich durch Glauben das Ende meiner Stellung im Fleisch und unter dem Gesetz vor Gott. Bin ich aber in der Gleichheit seines Todes einsgemacht worden, so werde ich es auch in der seiner Auferstehung sein. Als auferweckt mit Christus bin ich ebenso wenig unter dem Gesetz, wie auch Christus selbst, der zur Rechten Gottes sitzt. Ebenso ist auch jetzt, wie wir in Vers 6 sehen, unser Dienst von ganz anderem Charakter. Er besteht nicht mehr in der Erfüllung einer buchstäblichen Forderung, sondern im Dienst des Geistes. Als Teilhaber der Natur und des Lebens Christi leben wir in der Kraft des Geistes Gottes in den Dingen, die Gott wohlgefällig sind. Da ist nicht ein Gesetz, das uns wegen der Übertretung seiner Vorschriften dem Fluch übergibt, sondern wir sind Teilhaber der Gerechtigkeit, in der Jesus selbst vor Gott ist.

Wenn es nun unter dem Gesetz unmöglich war, Gott zu dienen und daher nur dem Tod Frucht gebracht wurde, und wenn man sogar vom Gesetz völlig getrennt und frei sein muss, um in Christus Jesus wirklich Gott zu dienen und Ihm Frucht zu bringen, wie leicht könnte da der Gedanke Raum gewinnen, dass das Gesetz selbst Sünde und von böser Wirkung sei. Diesem Gedanken sucht nun der Apostel in den folgenden Versen zu begegnen. Er rechtfertigt das Gesetz gegen jede Anklage und stellt dessen wahren Charakter, sowie auch die ganze Abscheulichkeit der Sünde völlig ans Licht.  Zuerst aber ist es gut, zu bemerken, dass hier der Apostel, um seine Belehrung über diesen Punkt recht einfach und klar vorzustellen, die Ich-Form benutzt. Das hat aber viele sich noch unter das Gesetz stellende Gläubige verleitet, zu glauben, dass der Apostel hier von sich selbst redet, von seinem eigenen Zustand und somit von dem Zustand eines jeden wahren Gläubigen. Das würde aber nicht nur mit der ersten Hälfte dieses Kapitels, sondern auch mit den Kapiteln 6 und 8 in völligem Widerspruch stehen. Man vergleiche nur Vers 14 mit den Versen 4 bis 6 und Kap 6,14und 18; weiter Vers 19 mit dem ganzen Kapitel 6 und mit Kapitel 8,4. Es beweist aber auch der vorliegende Abschnitt selbst, dass der Apostel hier nicht von sich reden konnte; denn zunächst frage ich: Zu welcher Zeit lebte Paulus, wie er in Vers 9 sagt, ohne Gesetz? Vor seiner Bekehrung? Gewiss nicht, denn er selbst sagt von sich: „Beschnitten am achten Tag, vom Geschlecht Israel, vom Stamm Benjamin, Hebräer von Hebräern; was das Gesetz betrifft, ein Pharisäer“ (Phil 3,5).

Von sich konnte er also nicht sagen, dass er früher ohne Gesetz gelebt hatte, weil er von Jugend auf unter demselben war. Er spricht hier vielmehr von dem Zustand des Menschen im Allgemeinen. Überhaupt stellt er in der letzten Hälfte dieses Kapitels, besonders ab Vers 14, die Erfahrung eines Menschen unter Gesetz vor – dessen Zustand, dessen Kämpfe und dessen Ende. Selbst der natürliche Mensch kann derartige Erfahrungen machen, ja wir finden sogar in den Schriften heidnischer Philosophen ähnliche Äußerungen, wie sie in diesem Abschnitt besprochen sind; nie aber wird ein rein natürliches Herz sagen können, dass es Wohlgefallen am Gesetz Gottes habe nach dem inneren Menschen (vgl. Vers 22). Das kann nur die Sprache eines Erweckten sein, dessen Gewissen und Willen erneuert ist. Übrigens wird auch jeder Christ, wenn er sich aus Unwissenheit oder aus Mangel an Befreiung unter Gesetz stellt, dieselben Erfahrungen machen und dieselben Kämpfe haben. Der Apostel hat hier aber auch nicht im Mindesten die Absicht, das Maß des geistlichen Zustandes einer Seele oder gar die Erfahrungen eines befreiten Christen vorzustellen, sondern er will einfach zeigen, was die Erfahrungen und Kämpfe einer Seele sind oder was deren Urteil über sich selbst ist, wenn sie sich unter Gesetz befindet.

Dann ist aber auch zu bemerken, dass in diesem Teil des Kapitels weder von der Gnade noch von Christus oder von dem Heiligen Geist die Rede ist, sondern nur vom Gesetz, von der Kraft der Sünde, von der Ohnmacht und Verdorbenheit des Fleisches und von den vergeblichen Anstrengungen in dieser Stellung. Christus wird erst in Vers 25 eingeführt, und zwar als der einzige Zufluchts- und Rettungsort des unter dem Gesetz der Sünde und des Todes Gefangenen, als die völlig genügende Antwort auf die Frage: „Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leib des Todes“?

Ehe wir nun den fraglichen Teil dieses Kapitels einer näheren Betrachtung unterziehen, möchte ich noch jedem christlichen Gewissen folgende Fragen zur ruhigen Erwägung vorlegen: musste der Apostel selbst oder muss irgendein befreiter Geist noch seufzend ausrufen: „Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leib des Todes“? Lag Paulus noch gefangen unter dem Gesetz der Sünde und brachte durch seinen ganzen Wandel nur Frucht für den Tod? Stand seine Errettung und Befreiung durch Christus noch in Frage, oder hatte er den Wert und die Tragweite des Werkes Christi so mangelhaft erkannt? Verstand sein Glaube so wenig, was die Gnade und Liebe Gottes ihm in Christus Jesus geschenkt hatte? Ging er noch ohne die Innewohnung des Heiligen Geistes dahin? Gewiss, eine ruhige Erwägung dieser Fragen wird keinen Zweifel mehr übrig lassen, dass der Apostel hier weder von seinem eigenen, noch von dem Zustand irgendeines anderen befreiten Christen redet.

Doch kehren wir zu Vers 7 zurück, wo der Apostel, wie gesagt, damit beginnt, das Gesetz gegen jede Anschuldigung zu rechtfertigen und den wahren Charakter der Sünde ans Licht zu stellen. In diesem Vers bezeugt er zunächst, dass durch das Gesetz die Erkenntnis der Sünde kommt: „Die Sünde hätte ich nicht erkannt als nur durch Gesetz. Denn auch von der Begierde hätte ich nichts gewusst, wenn nicht das Gesetz gesagt hätte: 'Du sollst nicht begehren'“. Also, die Sünde und die Lust werden durch das Gesetz in ihrem wahren Wesen erkannt; es wird offenbar, was beides vor Gott ist. Die Sünde ist der im Fleisch wohnende und wirkende böse Grundsatz, eine dem Gesetz Gottes entgegenstrebende, feindliche Macht. Sie wirkt gerade das, was das Gesetz verbietet, und weil dasselbe es verbietet. Die Lust aber ist die im Fleisch aufsteigende Neigung oder Begierde. Wenn das Gesetz sagt: „Du sollst nicht begehren“, so gibt es uns dadurch zu erkennen, dass diese Begierden und Neigungen des Fleisches böse sind. Was tut nun die Sünde? Sie nimmt durch das Gebot, nicht begehren zu sollen, gerade Anlass, um diese Begierde aufzuwecken und wirkt zur gleichen Zeit auf den Willen, damit jeder Widerstand aufhört. Das offenbart den wahren Charakter der Sünde, ihren Hass und ihre Feindschaft gegen alles Gute. „Die Sünde aber durch das Gebot 1 Anlass nehmend, bewirkte jede Begierde in mir“ (Vers 8). Man könnte nun fragen: Wird denn nicht gerade durch das Gesetz die Sünde geweckt? O nein; diese war schon vorhanden, ehe das Gesetz kam; „denn bis zu dem Gesetz war Sünde in der Welt“ (Kap 5,13), aber „ohne Gesetz ist die Sünde tot“ (Vers 8). Das Gesetz schafft nicht die Sünde, sondern stellt nur ihren wahren Charakter ans Licht. Sie ist immer vorhanden; aber wo kein Gesetz ist, da ist ihre wahre Natur verborgen. Sobald aber das Gebot kommt, dann lebt sie auf und zeigt, was sie in Wirklichkeit ist – Feindschaft gegen das Gesetz Gottes. „Ich aber lebte einst ohne Gesetz; als aber das Gebot kam, lebte die Sünde auf“ (Vers 9). Der Apostel sagt hier also einfach, dass es das Gebot ist, wodurch die Sünde zum Aufleben gebracht wird, was deren wahren Charakter in ihrem Gegensatz klar ans Licht stellt. Wir sehen ja schon bei einem Kind, dass gerade dann, wenn ihm irgend eine Sache, die es bis dahin arglos und ohne besondere Neigung getan hat, verboten wird, die Begierde stark hervortritt, genau diese Sache zu tun. Durch das Verbot lebt die Sünde, die sich bis dahin in dieser Sache als tot erwies, in dem Kind auf und reizt dasselbe, gegen dieses Gebot zu handeln. Ohne Gesetz wäre es der Sünde nicht möglich, solchen Kampf in der Seele hervorzurufen und uns für die Sünde verantwortlich zu machen, weil wir ohne Gesetz die Sünde nicht kennen würden. Sobald aber das Gesetz sagt, was Sünde ist, sind wir nicht mehr unwissend und fühlen uns wegen der Übertretung des Gesetzes im Gewissen beschuldigt. Lebt jemand ohne Gesetz, so ist die Sünde zwar da, aber sie ist tot; sobald aber das Gebot eintritt, lebt sie auf; und was ist die Folge? Sie verursacht den Tod. „Ich aber starb. Und das Gebot, das zum Leben gegeben war, dieses erwies sich für mich zum Tod“ (Vers 10).

Das Gesetz sagt: „Tue dies und du wirst leben“; und eben diese Erklärung hat sich für mich zum Tod erwiesen, weil sie die Forderungen Gottes an eine sündige Natur stellt – an eine Natur, die durch ihren Willen die Erfüllung dieser Forderung verweigert – und an ein Gewissen, das die Gerechtigkeit der Verdammnis nicht leugnen kann. Ohne Gesetz lebt man in einer ruhigen Gleichgültigkeit, tut seinen eigenen Willen und zwar ohne Erkenntnis Gottes und darum auch ohne Schuldbewusstsein. Das Gesetz aber kommt hinein, verbietet alles, was man begehrt, und man stirbt unter seinem gerechten Urteil. Der Apostel stellt hier die Sünde als einen überfallenden Feind vor. Sie machte, als das Gesetz kam und indem sie wusste, dass der eigene Wille demselben widerstehen und das Gewissen die Verurteilung aussprechen würde, von dieser Gelegenheit Gebrauch und brachte den Menschen in einen Zustand der Empörung gegen das Gesetz und tötete ihn durch dasselbe. Der Tod war das Urteil von Seiten Gottes und war für den Menschen das Resultat der Anwendung dieses Gesetzes, das das Leben verhieß. „Denn die Sünde, durch das Gebot Anlass nehmend, betrog mich und tötete mich durch dasselbe“ (Vers 11). Nicht das Gebot hat also diesen Tod herbeigeführt, sondern die Sünde. Das Gesetz hat der Sünde wegen dieses Urteil des Todes ausgesprochen; denn es konnte nicht anders, weil das Gesetz heilig und das Gebot heilig und gerecht und gut ist (Vers 12).

„Gereichte nun das Gute mir zum Tod? Das sei ferne! Sondern die Sünde, damit sie als Sünde erschiene, indem sie mir durch das Gute den Tod bewirkte, damit die Sünde überaus sündig würde durch das Gebot“ (Vers 13). Hier also stellt der Apostel ihren wahren Charakter ans Licht. Sie ist gerade durch das heilige und gute Gesetz veranlasst worden, mich unter dessen gerechtes Urteil zu bringen und hat also durch das Gute mir den Tod gewirkt.

Nachdem nun der Apostel das Gesetz als heilig und gut gerechtfertigt und bewiesen hat, dass nicht das Gesetz, sondern die Sünde an diesem Urteil des Todes schuld ist, beschreibt er den Zustand eines Menschen, der sich mit Erkenntnis der in ihm wohnenden und wirkenden Sünde und der gerechten Forderungen des Gesetzes unter Gesetz befindet: „...ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“ (Vers 14). Das ist das traurige Urteil, das ein solcher Mensch aussprechen muss. Man beachte in diesem Vers 14 die verschiedenen Ausdrucksweisen: Zuerst heißt es: Wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist“ – das wissen alle Christen; aber dann fährt er nicht fort, zu sagen: „Wir aber sind fleischlich etc.“, sondern: Ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“. Der Apostel teilt uns hier nicht die Erfahrungen eines befreiten Christen mit, sondern die Erfahrungen eines Menschen unter dem Gesetz. „Ich bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“, so muss der Mensch unter dem Gesetz ausrufen. Ich bin fleischlich, und das Gesetz ist geistlich; ich bin ein Sklave der Sünde, und das Gesetz fordert mich auf, ein Sklave der Gerechtigkeit zu sein. Welche Gegensätze! Und was den Menschen zu diesem Bekenntnis bringt, sind die Erfahrungen, die er auf seinem Weg macht, den er in den Versen 15 bis 23 näher beschreibt. „Denn was ich vollbringe, erkenne ich nicht; denn nicht das, was ich will, tue ich, sondern was ich hasse, das übe ich aus“ (Vers 15). Ist auch das Gewissen erneuert und erkennt das Gute an, stimmt es auch dem Gesetz bei, dass es gut sei (Vers 16); was nützt mir diese Zustimmung und Anerkennung des Guten, wenn ich das Gegenteil tue? Ist auch der Wille erneuert und völlig bereit, das Gute zu tun; was kann es helfen, wenn das Vollbringen dessen, was recht ist, nicht bei mir gefunden wird (Vers 18)? Ich weiß, dass das Gesetz nur fordert, was gut ist und weiß auch, dass es recht ist, das von mir zu fordern, noch wünsche ich, dass diese Forderungen eingeschränkt werden möchten; aber ich habe keine Kraft, ihnen zu entsprechen. Wohl ist es wahr, dass, wenn ich das Gute anerkenne und auch bereit bin, dasselbe zu tun, nicht mehr ich das Böse wirke, sondern die in mir wohnende Sünde (Vers 17). Doch welcher Trost liegt für mich darin? Dieses Bekenntnis beweist gerade die Größe der Sklaverei, worin ich mich befinde. Ich bin ein solcher Sklave, dass, wenn ich auch das Böse selbst nicht mehr ausübe, sondern die in mir wohnende Sünde es tut, so muss ich mich doch gegen meinen Willen von derselben gebrauchen lassen. Ich erkenne die Abscheulichkeit der Sünde und bin ihr doch völlig unterworfen; ich erkenne das Gute, und übe es doch nicht aus; ich hasse das Böse und tue es dennoch. Wenn ich auch Gott noch so gern dienen will und meine ganze Kraft gebrauche, um einmal diesen Zweck zu erreichen, so scheitern doch alle meine Vorsätze an dieser unwiderstehlichen Macht der Sünde, die mich in ihren Ketten gefangen hält. Ja, alle noch so ernsten Anstrengungen sind vergeblich und vermehren nur meinen trostlosen Zustand. Sie stellen nur immer greller ans Licht, wie hässlich die Sünde ist und wie völlig ich unter derselben verkauft bin; sie überzeugen mich immer mehr, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt (Vers 18). „Denn nicht das Gute, das ich will, übe ich aus, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (Vers 19). Da ist keine Kraft, keine Erfüllung des Guten und deshalb auch kein wahrer Friede des Herzens.

In den Versen 21–23 ist in mehrfacher Beziehung vom Gesetz, von einem bestimmten Grundsatz, die Rede, wodurch der Zustand einer gefangenen Seele noch klarer ans Licht gestellt wird. In Vers 22 haben wir das Gesetz Gottes. Der inwendige Mensch – das erneuerte Gewissen und der erneuerte Wille – hat sein Wohlgefallen an diesem Gesetz, und dieses Wohlgefallen wird in Vers 23 das Gesetz meines Sinnes genannt. Weiter heißt es in diesem Vers: „Ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern“. Dieses Gesetz ist schon in Vers 21 erwähnt: das Gesetz; dass das Böse bei mir ist. Dieses Gesetz in meinen Gliedern ist dem Gesetz meines Sinnes entgegen und streitet gegen dasselbe; das bei mir wohnende Böse steht in völligem Gegensatz zu dem Wohlgefallen des inneren Menschen. Doch gibt es, wie wir in Vers 23 sehen, noch ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, nämlich das Gesetz der Sünde – der in meinem Fleisch wirkende, feindliche Grundsatz, unter dessen Herrschaft mich das in mir wohnende Böse, das gegen das Gesetz meines Sinnes streitet, bringt. So ist mein ganzes Tun und Lassen, ja, meine ganze Person vollkommen der Sünde unterworfen. Ich kann seufzen, trachten, streben, kämpfen – alles hilft nichts; ich muss mich unterwerfen; ich muss einer Macht gehorchen, deren Abscheulichkeit mir klar vor Augen steht, deren Hässlichkeit vor Gott mir völlig bekannt ist. Ich kann tun, was ich will, alles ist ohne Frucht – ich bin als Sklave unter die Sünde verkauft. Es kann mich auch kein Mensch befreien; denn sie sind alle Sklaven, wie auch ich; es ist mehr als menschliche, es ist göttliche Kraft nötig, um die eisernen Ketten und Bande zu zerbrechen, um die Donner und Blitzstrahlen Sinais abzuwenden. Meine Hoffnung auf Errettung ist verschwunden; ich bin vollkommen verloren, verdorben, vollkommen gottlos „Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leib des Todes“ (Vers24)?

Das ist das Ende des Kampfes gegen die Sünde. Der Mensch ist überwunden, die Sünde bleibt Überwinder – der Mensch ist Sklave, die Sünde behält die Herrschaft. Wer wird mich erlösen? ist der Ausruf der tief gefühlten Ohnmacht, die man während des Kampfes immer mehr erfährt und endlich unter völliger Ratlosigkeit bekennt. Die eigene Gerechtigkeit ist zu Boden geworfen, und der früher so eifrig kämpfende Mensch hat seine Waffen gestreckt, weil er die Unmöglichkeit, eine Heiligkeit im Fleisch, eine Gerechtigkeit durch Werke zu erwerben, eingesehen hat. Der Hochmut ist gebeugt, die eigene Kraft ist vernichtet, der Eigenwille gebrochen, und Gott, der alle diese Anstrengungen der eigenen Gerechtigkeit benutzte, um die Seele von ihrer Ohnmacht zu überzeugen, hört zuletzt die für sein Ohr so wohlklingenden Worte ausrufen: „Ich elender Mensch! wer wird mich retten von diesem Leib des Todes“? Und kaum hat er diesen Ausruf vernommen, so lässt Er in das unter dem Joch der Sünde seufzende Herz den ganzen Trost seines Evangeliums ausströmen. Er enthüllt vor den Blicken des trost- und hoffnungslosen Sklaven die herrlichen und nie geschauten Segnungen einer ewigen Freiheit, erworben durch den Tod und die Auferstehung Christi und durch Ihn selbst mit dem Unterpfand seines Geistes besiegelt. Die Ketten und Bande sind gesprengt; Urteil und Verdammnis sind für immer vorüber und der soeben noch tief seufzende und beinahe verzweifelnde Sünder hebt fröhlich sein Haupt zum Himmel und jubelt im Bewusstsein einer ewigen Freiheit: „Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn“! (Vers 25) Er hat mich erlöst, Er hat mich freigemacht – frei von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Er hat für immer überwunden, und in Ihm bin ich mehr als Überwinder.

Wir haben also in der einfachen und klaren Belehrung dieses Kapitels dreierlei gefunden:

  1. die Befreiung vom Gesetz durch den Tod (Verse 1 bis 6);
  2. die Erkenntnis der Sünde durch das Gesetz (Verse 7 bis 13),
  3. den Zustand einer, wenn auch nach dem Gewissen und dem Willen erneuerten Seele, unter der Macht der Sünde und des Gesetzes (Verse 14 bis24).

Ehe wir nun zur Betrachtung des 8. Kapitels übergehen, wollen wir noch über die letzte Hälfte von Vers 25 eine kurze Bemerkung machen. Dieser Teil des Verses hat schon manchen Leser in Verlegenheit gebracht, sowohl hinsichtlich seines Inhaltes, als auch des Platzes, den der Heilige Geist ihm hier angewiesen hat, indem er sozusagen den Strom der Gedanken plötzlich durchschneidet. Dieser erste Schrei der Befreiung: „Ich danke Gott durch Jesus Christus“, ist nämlich, bevor der Apostel fortfährt, diese Befreiung näher zu begründen und in ihrer Tragweite zu erklären, durch die Worte unterbrochen: „Also nun diene ich selbst mit dem Sinn dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde“. Will nun der Apostel mit diesen Worten den Zustand der gefangenen oder der befreiten Seele ausdrücken? Oder will er den Übergang von dem einen Zustand zum anderen ausdrücken? Weder das eine noch das andere. Vielmehr stellen diese Worte den einfachen Grundsatz dar, um sowohl den wahren Charakter des Sinnes, als auch den des Fleisches klar ans Licht zu stellen. In der letzten Hälfte dieses Kapitels nun hat der Apostel diesen Grundsatz in Verbindung mit einem unbefreiten Zustand, einem Zustand unter dem Gesetz entwickelt, und das Resultat war hoffnungslose Gefangenschaft. Wenn nun derselbe Grundsatz hier in der letzten Hälfte von Vers 25 wiederholt wird, so geschieht es, um in Kapitel 8 in Verbindung mit dem Zustand einer befreiten Seele, die durch das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus vom Gesetz der Sünde und des Todes freigemacht ist, das entgegengesetzte Resultat ans Licht zu stellen. Die Natur oder der Charakter des Sinnes, sowie des Fleisches sind durch die Befreiung in Christus in nichts verändert worden, und dennoch, wie wir ganz deutlich sehen werden, ist das Resultat hinsichtlich des Dienstes oder des Wandels ganz und gar verschieden. Unter dem Gesetz konnte ich nicht meinem Sinn folgen und Gott dienen, sondern musste dem Fleisch gehorchen und ein Sklave der Sünde sein; in Christus Jesus aber vom Gesetz der Sünde und des Todes freigemacht, bin ich fähig, Gott zu dienen und das Fleisch, dessen Natur zwar unverändert bleibt, in Unterwürfigkeit zu halten.

Fußnoten

  • 1 Gesetz und Gebot sind eigentlich dasselbe, obwohl ersteres das ganze Gesetz und letzteres mehr ein einzelnes Gebot aus demselben bezeichnet.
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