Der Brief an die Römer

Kapitel 1

Der Brief an die Römer

Es ist deshalb sehr passend, wenn dieser Brief uns gleich zu Beginn eine bündige Inhaltsangabe des Evangeliums gibt. Jesus Christus, der Sohn Gottes und unser Herr, ist sein großes Thema. Es nimmt besonders Bezug auf ihn als den, der von den Toten auferstanden ist. Er kam wahrhaftig in diese Welt als ein wirklicher Mensch, so daß Er nach dieser Seite Davids Same war; doch Er war nicht nur das, es gab eine andere Seite, nicht die „dem Fleische nach“, sondern die „dem Geiste der Heiligkeit nach“. Er war der Sohn Gottes in Kraft, was die Auferstehung von den Toten bewies, ob es sich nun um Seine eigene Auferstehung handelte oder um Seine Macht, Tote aufzuerwecken, während Er noch auf der Erde war.

Von eben diesem mächtigen Sohn Gottes leitete Paulus sein Apostelamt her und die Gnade, es auszuüben, denn er war beiseite gesetzt, um die frohe Botschaft zu verkündigen. Dabei war der Bereich der Ausbreitung nicht begrenzt, wie es beim Gesetz der Fall gewesen war. Es galt allen Nationen, und solche, die die Botschaft empfingen und ihr gehorchten, wurden offenbar als Berufene Jesu Christi. Und solche waren die Römer, an die er schrieb.

Offensichtlich kannte der Apostel viele von den Gläubigen, die in Rom lebten. Zweifellos waren sie aus weiter östlich liegenden Ländern dorthin ausgewandert, doch er persönlich hatte bis jetzt die große Metropole nicht besucht. Er äußert sich hierzu in den Versen 8-15. Diese Gläubigen standen in gutem Ruf, und Paulus sehnte sich danach und betete dafür, daß er sie einmal sehen möchte, doch bis zu diesem Zeitpunkt war er verhindert worden. Es war sein Wunsch, sie im Glauben tiefer zu befestigen, indem er ihnen geistliche Gnadengabe mitteilte. Was er damit meint, umschreibt er in Vers 12; diese Gabe war von der Art, daß sie der gegenseitigen Auferbauung im Glauben diente. Sie bestand nicht in der Verleihung auffallender Befähigungen, wunderbarer Kräfte und dergleichen. Es ist besser, gottesfürchtig zu sein als begabt zu sein.

Vers 15 läßt darauf schließen, daß nicht alle Gläubigen in Rom bisher das Evangelium in seiner Fülle kannten, wie Paulus sie darzulegen beauftragt war. So fühlte er sich in ihrer Schuld, nachdem der Herr ihm das Evangelium für die Nationen anvertraut hatte. Er war bereit, dieser Verpflichtung nachzukommen, und da er verhindert war, persönlich unter ihnen zu weilen, wollte er das durch den Brief tun.

Das Evangelium nun erfuhr Widerspruch und Schmähungen. Das war schon immer so gewesen von den frühesten Tagen an, doch der Apostel schämte sich seiner nicht, weil es die Kraft Gottes offenbarte. Ein Mensch soll es nur glauben, ganz gleich, ob er Jude oder Heide ist, und es erweist sich als Gottes mächtige Kraft oder Wirksamkeit zu seinem Heil. Es ist auch heute noch genau dasselbe. Menschen mögen es lächerlich machen, aber nur ein vorsätzlich Blinder vermag seine Kraft zu leugnen, die sich besonders deutlich kundtut, wenn solche, die ihm glauben, in Tiefen des Verderbens gelebt haben.

Und beachte, es ist die Kraft Gottes, weil darin die Gerechtigkeit Gottes offenbart wird. Hier stehen wir Auge in Auge einer Wahrheit von höchstem Rang gegenüber - es gibt kein Heil ohne Gerechtigkeit; noch möchte irgendein rechtschaffener Mensch jemals wünschen, daß es anders wäre.

Doch wir wollen uns fragen, ob wir Vers 17 gut verstehen. „Die von Gott offenbarte Gerechtigkeit“ steht im Gegensatz zum Gesetz, dessen kennzeichnendes Merkmal eine vom Menschen geforderte Gerechtigkeit war. Die Gerechtigkeit des Evangeliums ist „aus Glauben“. Das Verhältniswort aus ist etwas unglücklich. Es müßte eher durch lauten. Die Gerechtigkeit, die das Gesetz vom Menschen forderte, sollte durch (oder: auf dem Grundsatz der) Werke sein. Die Gerechtigkeit Gottes, die das Evangelium offenbart, ist durch Glauben zu erlangen. Und wiederum offenbart das Evangelium Gottes Gerechtigkeit zu Glauben, wohingegen alles, was das Gesetz brachte, dem Schauen offenbart wurde. Wo das Wort Glaube zum erstenmal vorkommt, steht es im Gegensatz zu Werken, beim zweitenmal im Gegensatz zu Schauen oder zum Sichtbaren. Das Buch Habakuk enthält eine Prophezeiung, die im Evangelium erfüllt ist: „Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben“ (Hab 2,4). Also nicht aus Werken, sondern aus Glauben.

Das Evangelium offenbart also die Gerechtigkeit Gottes und erweist sich selbst als die Kraft Gottes zur Errettung. Dahinter aber steht, gleichsam als ein dunkler Hintergrund, der Zorn Gottes, wovon Vers 18 spricht. Gerechtigkeit und Kraft vereinigen sich in dieser Zeit zur Errettung des Gläubigen. An dem künftigen Tag werden sie auch verbunden sein, indem sie dem Zorn Gottes den Schrecken hinzufügen. Der Zorn wird jetzt noch zurückgehalten, aber er wird offenbart vom Himmel her, ohne zu unterscheiden, über alle Bosheit des Menschen, ob es sich nun um Böses handelt, das in aller Öffentlichkeit geschieht, oder um seine feinere Form, „die Wahrheit in Ungerechtigkeit zu besitzen“, wie das zum Beispiel bei den Juden der Fall war.

Von diesem Ansatz aus geht der Apostel weiter und zeigt, daß alle Menschen hoffnungslos verloren und dem Gericht und dem Zorn Gottes unterworfen sind. Als erstes - von Vers 19 an bis zum Ende des Kapitels - befaßt er sich mit den Barbaren, die er schon in Vers 14 erwähnt hatte. Sie hatten zum mindesten das Zeugnis der Schöpfung, das die ewige Kraft und Göttlichkeit des Schöpfers bezeugte und sie ohne Entschuldigung ließ.

Hier haben wir die Stelle, die auf die vieldiskutierte Frage bezüglich der Verantwortlichkeit der Heiden eingeht. Was ist mit den Heiden? Wie oft ist diese Frage schon gestellt worden! Einige Tatsachen treten sehr deutlich hervor:

  1. Jene Völker, die jetzt Heiden sind, kannten einst Gott. Die Entwicklung der Menschheit hat nicht von der Vielgötterei zu dem Glauben an einen Gott geführt, wie einige Träumer uns glauben machen wollen, sondern genau umgekehrt. Sie sind aus dem Licht in die Finsternis versunken. Einst „kannten sie Gott“ (V. 21), doch es ist eine Tatsache, daß „sie es nicht für gut fanden, Gott in Erkenntnis zu haben“ (V. 28).
  2. Der ursächliche Grund dieses Abfallens lag darin, daß sie Gott nicht die Ehre geben wollten, die Ihm gebührte. Vielmehr wünschten sie, sich selbst als Weise auszugeben, wie wir in den Versen 21 und 22 sehen. Kurz, Stolz war die Wurzel, und Gott hat es zugelassen, daß sie zu Narren geworden sind.
  3. Ihr Abstieg erfolgte stufenweise. Zuerst törichte Überlegungen, dann Verfinsterung des Verstandes, grober Götzendienst, abscheuliche Sünden, durch die sie unter die Stufe des Tieres sanken. Jede Generation übertraf die Torheiten der vorhergehenden und hieß damit das frühere Abweichen gut.
  4. In diesen Zustand sind sie unter der Regierung Gottes geraten. Dreimal hintereinander finden wir den Ausdruck: „Gott hat sie dahingegeben ...“ Wenn die Menschen nicht mehr an Gott denken wollen und Ihm den Rücken kehren, dann haben sie auch keinen Grund zur Klage, wenn Er sie dahingibt. Wenn sie Gott aufgeben und damit auch das Gute, dann finden sie sich natürlicherweise allem überlassen, was böse und entwürdigend ist. Es gibt eine Ironie der Gerechtigkeit bezüglich der Regierung Gottes.
  5. Der letzte Punkt in dieser schrecklichen Tragödie ist, daß sie wohl wissen, daß ihre Praktiken schuldhaft und todeswürdig sind, und doch fahren sie nicht nur fort damit, sondern lassen sich von ihnen völlig in den Bann zu ziehen. Sie ergötzen sich so sehr daran, daß sie an anderen Gefallen haben, die ebenso wie sie in diesen Sünden leben.

Wenn wir wirklich bereit sind, dieses furchtbare Bild menschlicher Verdorbenheit unserem Denken tief einzuprägen, fällt es uns nicht mehr schwer, das göttliche Urteil anzuerkennen, daß alle solche ohne Entschuldigung sind (V. 20).

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