Der Brief an die Römer

Kapitel 4

Der Brief an die Römer

Das vierte Kapitel ist eigentlich eine Einschaltung. Bei Vers 28 von Kapitel 3 kamen wir zu dem Schluß, daß ein Mensch aus Glauben gerechtfertigt wird ohne Gesetzeswerke. Zu genau diesem Punkt bringt uns Vers 1 von Kapitel 5 zurück, und dann erst - nicht früher - führt der Apostel uns weiter in die Segnungen des Evangeliums ein.

Als der Apostel in Kapitel 3 darauf abzielte, den Juden von seiner Sündigkeit zu überführen und zu zeigen, daß er gleicherweise wie der Heide dem Gericht Gottes unterworfen wäre, verstärkte er seine Beweise durch Zitate aus dem Gesetz. Jetzt geht es darum, zu beweisen, daß die Rechtfertigung aus Glauben geschieht, wobei Werke des Gesetzes ausgeschlossen sind, und wieder greift er zurück auf das Alte Testament. Der Glaube des Evangeliums war in lange zurückliegenden Zeiten vorweggenommen worden, ob nun in der Zeit vor dem Gesetz, wie im Fall Abrahams, oder auch in der Zeit danach, wie im Fall Davids.

Die erste Frage lautet: Was ist mit Abraham? Von ihm wird in Vers 12 gesagt, daß er „der Vater der Beschneidung“ ist, und in dem Sinn waren die Juden nicht wenig stolz auf ihn. Er war aber auch der „Vater aller, die ... glauben“, wie Vers 11 sagt. Wäre er nun durch Werke gerechtfertigt worden, dann hätte er etwas zum Rühmen, doch nicht vor Gott. Beachte die Worte „vor Gott“, denn sie umschreiben den wichtigen Punkt dieser Stelle: Was gilt vor Gott? Nicht: Was gilt vor den Menschen? Es ergibt sich hier ein wesentlicher Unterschied zwischen diesem Kapitel und Jakobus 2, wo Vers 18 das Stichwort gibt: „Zeige mir deinen Glauben!“ Wir wollen darauf hinweisen, daß Paulus aufzeigt, daß die Werke des Gesetzes ausgeschlossen werden müssen, während Jakobus darauf besteht, daß die Werke des Glaubens gesehen werden müssen.

Der scheinbare Gegensatz läßt sich in aller Kürze so beschreiben: Vor Gott wird ein Mensch durch Glauben gerechtfertigt ohne Gesetzeswerke; hingegen können wir vor Menschen nur als gerechtfertigt erscheinen, wenn der Glaube, den wir bekennen, seine lebenskräftige Echtheit in Werken des Glauben beweist.

Abraham und David bestätigen uns diese Einsicht. Im ersten Fall brauchen wir uns nur 1. Mose 15 zuzuwenden und im zweiten Psalm 32, um zu sehen, daß sie auf dem Weg des Glaubens Rechtfertigung erlangten und Werke ausgeschlossen waren. Das Wunder des Evangeliums liegt darin, daß es uns Gott vorstellt als den, der „den Gottlosen rechtfertigt“. Das Gesetz konnte nichts anderes ins Auge fassen, als daß die Richter „den Gerechten gerecht und den Schuldigen schuldig sprechen sollten“ (5. Mo 25,1). Daß der Gottlose gerechtfertigt werden könnte, kam nicht in Betracht. Aber eben das tut Gott im Evangelium auf der Grundlage des Werkes Christi, da „Christus für Gottlose gestorben ist“. Das öffnet die Tür zum Segen für Sünder, wie auch wir solche sind.

In Vers 9 begegnet uns der Ausdruck „diese Glückseligkeit“. Er bezieht sich auf den Glauben, der „zur Gerechtigkeit gerechnet“ wird. Dieser und ähnliche Ausdrücke kehren mehrmals wieder in diesem Kapitel. Was bedeuten sie? Ob sie sich auf Abraham beziehen oder auf David oder auf uns selbst, die wir heute glauben, sie bedeuten, daß Gott uns als gerecht betrachtet in der Beziehung zu Ihm selbst, und zwar im Hinblick auf unseren Glaubens. Wir dürfen nicht denken, daß alle Kraft unserem Glauben innewohnt. Das tut sie nicht. Aber der Glaube begründet den Kontakt mit dem Werk Christi, in dem alle Kraft vorhanden ist. In dem Sinn rechtfertigt der Glaube. Wenn jene Verbindung einmal geknüpft ist und wir vor Gott stehen in all der rechtfertigenden Kraft des Werkes Christi, dann sind wir notwendigerweise gerechtfertigt. Es kann gerechterweise nicht anders sein. Gott betrachtet uns im Blick auf unseren Glauben als gerechtfertigt.

In Vers 9 wird die Frage gestellt: Ist die Glückseligkeit allein für den Juden, oder ist sie auch für den Heiden, der glaubt? Der Apostel wußte sehr wohl um die Entschlossenheit des blindgläubigen Juden, den Heiden unter jegliche Verdammnis zu stellen, während er sich selbst allen Segen vorbehielt. Die Antwort darauf ist das Beispiel Abrahams, auf den sie sich bei ihrem Rühmen beriefen, der aber den Beweis gibt: die Glückseligkeit ist für ALLE. Abraham wurde gerechtfertigt, ehe er beschnitten wurde. Wäre die Reihenfolge umgekehrt worden, dann hätte der Jude durchaus einen Grund für solch eine Behauptung gehabt. Wie die Dinge jedoch lagen, hatte er keinen. Die Beschneidung war lediglich ein Zeichen, ein Siegel des Glaubens, der Abraham rechtfertigte.

Damit stand Abraham in seiner Rechtfertigung völlig außerhalb des Gesetzes. In der Tat bewirkte das Gesetz nur Zorn, wie Vers 15 sagt. Es geschah viel Sünde, bevor das Gesetz kam, aber es gab keine Übertretung. Übertreten bedeutet, eine klar bestimmte und verbotene Grenze zu überschreiten. Erst mit dem Gesetz wurde die Grenzlinie klar gezogen, dadurch wurde die Sünde zur Übertretung. „Sünde aber wird nicht zugerechnet, wenn kein Gesetz ist“ (5,13). Solange daher das Böse nicht ausdrücklich von Gott verboten worden war, forderte Gott vom Menschen noch keine Rechenschaft, was Er sehr wohl tut, wenn das Verbot erlassen ist. Und das war durch das Gesetz geschehen. Doch lange bevor das Gesetz gegeben wurde, war Abraham durch Glauben gerechtfertigt worden. Zeigt das nicht, wie sehr Gott an Barmherzigkeit Gefallen hat? Auf die Rechtfertigung wurde deutlich hingewiesen, und zwar vierhundert Jahre bevor ihre Notwendigkeit durch das erlassene Gesetz offenbart wurde.

„Darum ist es aus Glauben, auf daß es nach Gnade sei.“ Wenn es von den Werken abhinge, dann müßte der Lohn nach Schuldigkeit zugerechnet werden, nicht nach Gnade, wie Vers 4 uns sagt. Auf dem Grundsatz des Glaubens und der Gnade ist die Verheißung „dem ganzen Samen fest“, das heißt, dem ganzen geistlichen Samen Abrahams oder, mit anderen Worten, den wahren Gläubigen. Denn Abraham ist „unser aller Vater“. „UNSER aller“, beachten wir es wohl, ALLER wahren Gläubigen.

Nachdem diese Tatsache nun festgestellt ist, dienen die letzten neun Verse von Kapitel 4 dazu, den Grundsatz der Rechtfertigung Abrahams auf den Gläubigen heute anzuwenden.

Der Glaube Abrahams hatte seine Besonderheit darin, daß er auf Gott gerichtet war als den, der die Toten lebendig macht. Wenn wir uns 1. Mose 15 zuwenden, entdecken wir, daß er Gott glaubte, als ihm die Verheißung der Geburt Isaaks gegeben wurde. Er glaubte, daß Gott ein lebendiges Kind aus Eltern erwecken würde, deren Fortpflanzungsfähigkeit erstorben war. Er glaubte auf Hoffnung, als es gegen alle natürliche Hoffnung war, daß so etwas geschehen könnte.

Wenn Abraham schwach im Glauben gewesen wäre, dann hätte er auf die Umstände gesehen, die dagegen sprachen. Er würde die Verheißung als zu groß empfunden haben und ins Schwanken gekommen sein. Er tat beides nicht. Er nahm Gott bei Seinem Wort in der Einfalt eines kleinen Kindes. Und das, nehmen wir es zur Kenntnis, wird hier starker Glaube genannt. Starker Glaube ist also nicht so sehr ein Glaube, der Wunder vollbringt, sondern jener Glaube, der blind Gott zutraut, daß Er tun wird, was Er gesagt hat, auch wenn äußerer Anschein und Vernunft und ähnliche frühere Fälle sich dagegenstellen sollten.

Diese Dinge nun sind nicht allein Abrahams wegen geschrieben, sondern auch unsertwegen. Dieselben Grundsätze gelten unentwegt. Doch es gibt einen wichtigen Unterschied. Abraham glaubte, daß Gott Leben aus dem Tod erwecken würde. Von uns wird nicht verlangt, zu glauben, daß Gott das tun wird, sondern daß Er das getan hat, indem Er Jesus, unseren Herrn, aus den Toten auferweckte. Wieviel einfacher läßt sich glauben, daß Er das getan hat, wenn ein solches Werk bereits geschehen ist, als zu glauben, daß Er es vollbringen wird, solange Er dergleichen nicht gewirkt hat. Achten wir auf diesen Unterschied, und wir sehen leicht, daß wir in dieser Hinsicht an den Glauben Abrahams nicht heranreichen.

Was jedoch das Beispiel Abrahams bei weitem überragt, sind die herrlichen Tatsachen, auf die unser Glaube blicken darf, das wunderbare Licht, in dem Gott sich selbst kundgegeben hat. Jetzt nicht mehr als der Gott, der Isaak auferwecken wird, sondern als der Gott, der Jesus, unseren Herrn, aus den Toten auferweckt hat. Christus, der unserer Sünden wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt wurde, Er ist der Inbegriff unseres Glaubens. Und durch Ihn glauben wir an Gott.

Es ist natürlich möglich, an den zu glauben, der den Herrn Jesus aus den Toten auferweckte, ohne all das wahrzunehmen, was diese wunderbare Tatsache in sich schließt. Der letzte Vers unseres Kapitels umschreibt den für uns wesentlichen Gehalt. Mögen wir uns für diesen Vers große Aufmerksamkeit erbitten und Gewißheit darüber erlangen. Zweimal kommt in diesem Vers das Wort „unserer“ vor. Das Wort bezeichnet Gläubige, und zwar nur Gläubige.

Jesus, unser Herr, ist gestorben. Aber er starb nicht für sich selbst, sondern für uns, im Blick auf unsere Übertretungen. Er war der Stellvertreter, übernahm alle Verschuldungen, für die wir hafteten, und wurde deswegen dem Gericht und dem Tod übergeben.

Er ist durch Gottes Macht wieder auferweckt worden. Aber ebenso wahr ist es, daß Seine Auferstehung Ihn nicht einfach nur persönlich betrifft, nicht nur um Seinetwillen geschah. Wir sehen Ihn zugleich an unserer Stelle stehend, als unseren Repräsentanten. Er wurde beispielhaft für uns auferweckt. Gott hatte, als Er Ihn auferweckte, unsere Rechtfertigung im Blick. Ganz sicherlich war Seine Auferstehung Seine eigene persönliche Rechtfertigung angesichts der feindseligen Verurteilung von seiten der Welt. Doch ebenso gewiß war es unsere Rechtfertigung hinsichtlich aller unserer Übertretungen, die doch vorlagen und die uns ohne Seinen Tod angerechnet worden wären.

Sein Tod war die vollständige Bezahlung unserer gesamtem schrecklichen Schuld. Seine Auferstehung ist die Quittung dafür, daß alles bezahlt ist, Gottes Erklärung und Beweis, daß wir von jeder Verpflichtung freigesprochen sind. Genau das bedeutet Rechtfertigung - eine vollständige Befreiung von allem, was gegen uns vorlag. Und da wir aus Glauben gerechtfertigt sind, haben wir Frieden mit Gott. Am Ende von Kapitel 4 sollten wir ohne jede Unterbrechung in Kapitel 5 weiterlesen.

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