Der Brief an die Römer

Kapitel 5

Der Brief an die Römer

Wir können den Ausdruck „gerechtfertigt aus Glauben“ in doppeltem Sinn verstehen. Durch einfachen Glauben an Christus und an Gott, der Ihn aus den Toten auferweckt hat, sind wir gerechtfertigt, und zwar besteht diese Tatsache, ob wir darüber nun die glückliche Gewißheit in unseren Herzen haben, oder nicht. Dann aber, an zweiter Stelle, wissen wir eben durch Glauben, daß wir gerechtfertigt sind. Wir wissen es nicht aus Gefühlen noch durch Gesichte oder andere subjektive Eindrücke, sondern durch Glauben an Gott und an Sein Wort.

Als eine Folge unserer Rechtfertigung haben wir Frieden mit Gott. Laßt uns den Unterschied beachten zwischen dieser Stelle und Kolosser 1,20. Christus hat Frieden gemacht durch das Blut Seines Kreuzes. Dadurch entfernte Er jedes störende Element. Dies tat Er ein für allemal, und weil dieses Werk vollbracht ist, erlangt jeder diesen Frieden, der aus Glauben gerechtfertigt ist. Wir bekommen jeder für sich Anteil daran. Als Paulus durch Glauben wußte, daß er gerechtfertigt war, war Friede sein Teil. Als ich wußte, daß ich gerechtfertigt war, war Friede auch mein Teil. Wenn du es weißt, ist Friede auch dein Teil. Und bis wir es wußten, hatten wir keinen Frieden. Anstelle des Friedens mit Gott hatten wir Zweifel und Furcht, und wahrscheinlich nicht wenig davon.

Friede steht zuerst unter den Segnungen des Evangeliums. Er führt die Liste an, aber erschöpft sie nicht. Glaube führt uns nicht nur zum Frieden, sondern gibt uns auch den Zugang zu der Gnade oder Gunst Gottes. Wir stehen in der Gunst Gottes. Wir wissen es und treten durch Glauben in ihren Genuß ein. Es wird hier nicht gesagt, welcher Art diese Gunst ist. Aus Epheser 1,6 wissen wir, daß es die Gunst des Geliebten ist. Keine Gunst könnte höher und inniger sein.

Diese Gunst ist eine gegenwärtige Wirklichkeit. Sie wird künftig nicht größer sein als jetzt, obwohl wir sie weit mehr genießen werden, wenn unsere Hoffnung in Erfüllung geht. Unsere Hoffnung ist nicht nur die Herrlichkeit, sondern die Herrlichkeit Gottes. Wer wollte sich bei solch einer Hoffnung nicht freuen!

Bezüglich aller Schuld unserer Vergangenheit sind wir gerechtfertigt und haben Frieden mit Gott. Was die Gegenwart betrifft, so stehen wir in göttlicher Gunst. Und was die Zukunft betrifft, so rühmen wir uns in der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes. Aber was ist mit den Schwierigkeiten und Trübsalen, die uns auf unserem Weg zur Herrlichkeit begegnen?

Auch ihrer rühmen wir uns. Es ist wunderbar, das zu sagen. Doch Paulus stellt uns immer noch die eigentlichen und normalen Wirkungen des Evangeliums auf die Herzen derer vor, die es empfangen. Das Geheimnis unserer Befähigung, uns in Dingen zu rühmen, die uns natürlicherweise so widerwärtig sind, liegt darin, daß wir wissen, was sie zu bewirken bestimmt sind.

Trübsale sind an sich nicht angenehm, sondern schmerzlich, doch sie helfen, eine ganze Reihe von vortrefflichen und gesegneten Dingen zu bewirken: Geduld, Erfahrung, Hoffnung, die Liebe Gottes, die durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen ist. Trübsale bedeuten für den Gläubigen geistliche Übungen, die ihn in der Entwicklung seiner geistlichen Reife hervorragend fördern. Statt daß sie gegen uns sind, sind sie uns nützlich. Was ist das für ein Triumph der Gnade Gottes!

Bist du jemals einem teuren, alten Christen begegnet, der sogleich einen tiefen Eindruck auf dich machte: seine Ruhe und Geduld, seine reiche Erfahrung, ein Herz voller Hoffnung auf Gott, strahlend von einer Liebe göttlicher Art? Dann würdest du ziemlich sicher herausfinden, daß ein solcher mit Gott durch manche Trübsal hindurchgegangen ist. Paulus erkannte das, und daher rühmte er sich der Trübsale. Wenn wir die Dinge in diesem Licht sehen - und es ist das wahre Licht - dann werden auch wir uns ihrer rühmen.

Wir werden bemerken, daß in dieser Darstellung des Evangeliums hier zum erstenmal der Heilige Geist erwähnt wird. Der Apostel hält nicht inne, um genau zu sagen, wie er empfangen wird. Er bezieht sich nur auf die Tatsache, daß er den Gläubigen gegeben ist und daß sein hervorragendes Werk das Ausgießen der Liebe Gottes in unsere Herzen ist. Epheser 1,13 zeigt uns deutlich, daß er gegeben wird, wenn wir dem Evangelium unseres Heils geglaubt haben; und das ist natürlich genau der Punkt, zu dem wir zu Beginn von Römer 5 geführt worden sind. Es ist daher sehr passend, den Geist hier erstmals zu erwähnen.

In der Tat würde es dunkel in unseren Herzen sein, wenn nicht die leuchtenden Strahlen der Liebe Gottes durch den Heiligen Geist in sie ausgegossen worden wären. Doch das Licht, das in sie scheint, hat seine Quelle außerhalb. Wenn wir anfangen, unsere eigenen Herzen nach Liebe zu erforschen, machen wir einen großen Fehler. Genausogut könnten wir die Oberfläche des Mondes erforschen, um die Sonne zu finden. Wohl ist es wahr, daß Mondlicht reflektiertes Sonnenlicht ist, gleichsam Sonnenlicht aus zweiter Hand. Doch die Sonne ist nicht dort. Ebenso verhält es sich mit dem Licht der Liebe Gottes, das in das Herz eines Gläubigen scheint, es kommt von der großen Sonne außerhalb seiner selbst. Und diese Sonne ist der Tod Christi.

Deshalb wird in den Versen 6-8 Sein Tod erneut vor uns gestellt; und diesmal als der endgültige und nie zu wiederholende Ausdruck der Liebe Gottes - einer Liebe, die bei weitem alles übersteigt, wozu ein Mensch fähig ist. Gott liebte uns, als an uns nichts Liebenswertes war, als wir ohne Kraft waren, Gottlose und Sünder, sogar Feinde. Daran erinnert uns Vers 10.

Dieser Tod hat uns nicht nur Rechtfertigung, sondern auch Versöhnung gebracht. Die Schuld unserer Sünden ist weggetan worden, und ebenso die Entfremdung, die zwischen uns und Gott bestand. Somit ist uns eine zweifache Errettung zuteil geworden.

Ein Tag des Zorns kommt. Das wurde schon früher zweimal angedeutet (1,18; 2,5). Wir werden durch Christus vor ihm gerettet werden. Aus anderen Schriftstellen wissen wir, daß Er uns davon rettet, indem Er uns vom Schauplatz des Zorns wegnimmt, bevor er ausbricht.

Und wiederum werden wir, da wir versöhnt sind, durch sein Leben gerettet werden. Das ist eine Errettung, deren wir beständig bedürfen, und zwar solange, wie wir in der Welt sind. Er lebt droben für uns, Sein Volk. Als Moses auf den Gipfel des Hügels stieg und für Israel betete, da wurden sie gerettet von ihren Feinden (2. Mose 17). So werden auch wir durch unseren Herrn gerettet, der in Gottes Gegenwart für uns lebt.

Gleich am Anfang des Briefes stand es vor uns, daß das Evangelium die Kraft Gottes ist zum Heil jedem Glaubenden. Jetzt entdecken wir, daß, wenn wir von „gerettet werden“ sprechen, wir einen Ausdruck von sehr weitgefaßter Bedeutung verwenden. Es ist nicht nur wahr, daß wir durch den Glauben an das Evangelium gerettet worden sind, sondern wir werden auch aus den geistlichen Gefahren und Kämpfen des gegenwärtigen Zeitalters und vor dem kommenden Zorn errettet.

In den Versen 9-11 finden wir nicht nur die Errettung, sondern auch die Rechtfertigung und die Versöhnung. Diese letzteren Begriffe sind klarer bestimmt und begrenzter in ihrer Bedeutung. Ihr Inhalt bezieht sich nicht auf die Zukunft. Sie bezeichnen für den Gläubigen uneingeschränkt gegenwärtige Wirklichkeiten. „Jetzt gerechtfertigt durch sein Blut“ (V. 9). „Durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben“ (V. 11) Wir werden niemals völliger gerechtfertigt sein als heute. Wir werden niemals völliger versöhnt sein als heute, obwohl wir in Kürze die erwirkte Versöhnung tiefer genießen mögen. Aber unsere Errettung wird einmal vollständiger sein als heute, wenn wir in dem künftigen Zeitalter in verherrlichten Leibern Christus gleich sein werden.

Indem wir dem Evangelium glauben, empfangen wir heute die Versöhnung und sind folglich befähigt, in Gott unsere Freude zu finden. Einst fürchteten wir Ihn und schreckten vor Seiner Gegenwart zurück, wie es Adam tat, als er sich hinter den Bäumen des Gartens verbarg. Nun rühmen wir uns Seiner und frohlocken. Das alles ist Gottes Wirken durch unseren Herrn Jesus Christus. Welch ein Triumph Seiner Gnade!

Bis hierher ist uns nun das Evangelium in Beziehung zu unseren Sünden vorgestellt worden. Unsere tatsächlichen Übertretungen wurden gesehen, und wir entdeckten, auf welchem Weg Gott uns gerechtfertigt und in Seine Gunst gestellt hat. Doch es ging um mehr als um unseren gefallenen Zustand. Es gab da noch eine Frage, die das ganze Geschlecht anging.

Das Haupt unseres Geschlechts ist Adam, und zwar in seinem gefallenen Zustand. Denn erst nach seinem Fall zeugte er Söhne und Töchter. Sein Fall trat ein durch eine sündige Tat, aber diese Tat führte einen Zustand der Sünde herbei, der sein ganzes Sein durchdrang. Dadurch wurde seine geistliche Veranlagung so fundamental verändert, daß sie sich auf alle seine Nachkommen auswirkte. Er konnte Kinder nur „in seinem Gleichnis, nach seinem Bild“ zeugen (1. Mo 5,3) - dem Gleichnis und Bild eines gefallenen Menschen. Eine Erblichkeit dieser Art ist eine entsetzliche Tatsache, von der die Schrift Zeugnis gegeben hat. Beabsichtigt Gott mit dem Evangelium ein Heilmittel gegen den Gifthauch, der sich über das Menschengeschlecht ausgebreitet hat? Kann Er die Natur noch behandeln, der die sündigen Taten entspringen? Was ist mit der Wurzel zu tun, die diese abscheulichen Früchte hervorbringt, was mit den Früchten selbst?

Er kann es. Er hat es wirklich getan. Ab Kapitel 5,12 werden die Auswirkungen des göttlichen Handelns entfaltet. Was Er getan hat, wird hier nicht mit vielen Worten beschrieben, obwohl klar darauf zu schließen ist. Zugegeben, die Stelle ist etwas schwierig, und die knappen Worte tragen zu der Schwierigkeit bei. Sie wird noch erhöht dadurch, daß einige Verse nicht leicht zu übersetzen sind. Eine dritte Erschwernis ergibt sich daraus, daß diese Seite des Sachverhalts allzu oft übersehen wird, und wo das der Fall ist, da sinken wir in Wasser ein, die uns nicht vertraut sind, und verlieren den Boden unter den Füßen.

Erstens wollen wir beachten, daß die Verse 13-17 eine Einschaltung sind. Damit das leichter zu erkennen ist, sind sie in Klammern gesetzt. Um den Sinn zu erfassen, lesen wir von Vers 12 bis Vers 18. Wir sehen dann, daß der wesentliche Gehalt der Stelle in dem Gegensatz liegt zwischen einem Menschen, der gesündigt hat und andere in die Folgen seiner Übertretung hineinzog, und einem anderen, der Gerechtigkeit erfüllte und andere unter deren gesegnete Wirkungen brachte. Die ganze Schriftstelle betont einen krassen Gegensatz zwischen Adam auf der einen und Christus auf der anderen Seite. Wenn Adam als Haupt einem gefallenen Geschlecht vorsteht, das dem Tod und der Verdammnis unterworfen ist, sehen wir in Christus das Haupt eines neuen Geschlechts, dem Leben und Gerechtigkeit erwirkt sind.

Was Gott getan hat, können wir daher so umschreiben: Er hat in dem Herrn Jesus Christus ein neues Haupt für Menschen erweckt. Bevor Er formell den Platz als Haupt einnahm, erfüllte Er eine vollkommene Gerechtigkeit durch Gehorsam bis zum Tod. Kraft Seines Todes und Seiner Auferstehung stehen Gläubige nicht länger in Verbindung mit Adam, sondern mit Christus. Sie sind sozusagen Christus eingepfropft worden. Sie sind nicht länger in Adam, sondern „in Christus“. Das ist die aus unserem Schriftabschnitt zu folgernde Tatsache, deren herrliche Folgen sorgfältig ausgearbeitet werden.

Blicken wir noch einmal auf die Verse 12, 18 und 19, besonders auf Vers 18. Der Gegensatz besteht zwischen der einen Übertretung Adams, deren Tragweite zur Verdammnis für alle Menschen gereichte, und der einen Gerechtigkeit Christi, die Er in Seinem Tod vollendete und deren Tragweite zur Rechtfertigung des Lebens für alle Menschen gereichte.

Wenn wir noch einige Augenblick in Ruhe darüber nachdenken, werden wir wahrscheinlich selbst bemerken, daß, obwohl alle Menschen unter die Verdammnis gekommen sind, durchaus nicht alle zur Rechtfertigung gelangen. Vers 18 stellt lediglich die allgemeine Bedeutung der jeweiligen Handlungen fest, und es ist wahr, daß nach Gottes Absicht der Tod Christi für alle ist. Der nächste Vers beschreibt die tatsächlichen Auswirkungen des Ungehorsams Adams wie des Gehorsams Christi, und nur noch viele - genauer „die vielen“ - sind im Blickfeld.

Unter den „vielen“ verstehen wir solche, und nur solche, die ihrem jeweiligen Haupt zugehören. Im Fall Adams umfassen „die vielen“ natürlich alle Menschen, denn von Natur gehören wir alle zu seinem Geschlecht. Handelt es sich aber um Christus, dann gehören nicht alle Menschen zu Seinem Geschlecht, sondern allein alle Gläubigen. Durch den Ungehorsam Adams sind alle Menschen Sünder geworden. Alle Gläubigen aber sind durch den Gehorsam Christi, der bis in den Tod führte, Gerechte geworden.

In den drei Versen, die wir betrachten, haben wir diese Reihenfolge. Auf der einen Seite: den einen Menschen Adam, eine Übertretung, alle Menschen unausweichlich Sünder; alle sündigen, folglich sind sie alle unter dem Tod und der Verdammnis. Auf der anderen Seite: den einen Menschen Christus, eine Gerechtigkeit im Gehorsam bis in den Tod; solche, deren Haupt Er ist, sind gerechtfertigt durch die Rechtfertigung des Lebens.

Beachten wir nun die fünf eingeschalteten Verse. Die ersten beiden begegnen einer Schwierigkeit, die bei denen aufkommen konnte, die mit dem Gesetz sehr vertraut waren. Adam sündigte gegen ein ausdrückliches Gebot. Darum war seine Sünde eine Übertretung. Danach vergingen etwa 2500 Jahre, bis das Gesetz Moses gegeben wurde; nun wurde es wieder möglich zu übertreten. Zwischen diesen beiden Zeitpunkten gab es keine Übertretung, denn es gab kein Gesetz, das man hätte übertreten können. Dennoch war Sünde überall anzutreffen, und das zeigte sich dadurch, daß der Tod überall herrschte. Der eigentliche Unterschied lag darin, daß Sünde nicht „zugerechnet“ wird, wenn kein Gesetz ist: das heißt, sie wird uns nicht in derselben Weise angerechnet. Nur solche, die das Gesetz gekannt haben, werden nach dem Gesetz gerichtet werden, wie wir in Kapitel 2 gesehen haben.

Wenn wir das auch anerkennen, so bleibt trotzdem wahr, daß Sünde und Tod weltumfassend geherrscht haben. Die gesamte Nachkommenschaft Adams ist in seinen Sündenfall einbezogen. Weil dies so ist, wird in den Versen 15-17 der Gegensatz zwischen Adam und Christus herausgearbeitet. Jeder Vers enthält eine besondere Einzelheit, doch der hauptsächliche Gedanke kommt in Vers 15 gleich am Anfang zum Ausdruck, daß nämlich die freie Gnadengabe in Christus keinesfalls hinter der Übertretung Adams zurückbleibt, sondern in der Tat noch darüber hinausgeht.

In Vers 15 heißt es zweimal „die vielen“, ebenso wie wir es in Vers 19 fanden. Gemeint sind auch hier die Menschen, die jeweils unter ihrem Haupt gesehen werden, sei es Adam oder Christus. Ersterer brachte den Tod über alle, deren Haupt er ist, und das bedeutet ohne Ausnahme allen Menschen. Jesus Christus führte die Gnade Gottes ein und die freie Gabe der Gnade für die Vielen, die Ihm nachfolgen, das sind alle Gläubigen.

Vers 16 stellt den Gegensatz zwischen Verdammnis und Rechtfertigung heraus. In dieser Verbindung übersteigt die Gabe die Sünde. Die Verdammnis kam durch eine Sünde. Die Rechtfertigung wurde triumphierend durch die Gnade erwirkt trotz vieler Übertretungen.

Einem weiteren Gegensatz begegnen wir in Vers 17. Verdammnis und Rechtfertigung im vorhergehenden Vers könnten wir die unmittelbaren Folgen nennen. Jeder, der unter die Herrschaft Adams kommt, steht auch sofort unter Verdammnis. Jeder, der unter die Herrschaft Christi kommt, empfängt unmittelbar die Rechtfertigung. Was aber sind die späteren Folgen? Die schließliche Auswirkung der Sünde Adams war die umfassende Herrschaft des Todes über seine Nachkommen. Dagegen bringt das Werk der Gerechtigkeit, das Christus vollbrachte, all den Seinen überströmende Gnade und als freie Gabe Gerechtigkeit, so daß sie im Leben zu herrschen vermögen. Nicht nur wird Leben herrschen, sondern wir werden im Leben herrschen. Welch eine überaus erstaunliche Tatsache! Da wundert es nicht, daß diese unentgeltliche Gabe als die Übertretungen übersteigend dargestellt wird.

Die Vers 20 und 21 wiederholen und fassen zusammen, was wir soeben gesehen haben. Das Gesetz kam daneben ein, um die Sünde des Menschen völlig offenbar zu machen. Die Sünde war zu aller Zeit da, aber erst mit dem Gesetz wurde sie als wirkliche Übertretung sichtbar, und die Übertretung, die als solche ausdrücklich dem Menschen zur Last gelegt wurde, wurde sogar überströmend. Dem Gesetz folgte nach einer angemessenen Zeit die Gnade, die uns in Christus erreichte. Wir können daher drei Stufen unterscheiden. Als erste das Zeitalter vor dem Gesetz, wo es Sünde gab, obwohl keine Übertretung. Zweitens die Zeit des Gesetzes, wo die Sünde überströmte, ja, gleichsam den Gipfel des Himalaja erreichte. Drittens die Einführung der Gnade durch Christus - einer Gnade, die zu einer mächtigen Flut anschwoll, die Berge der menschlichen Sünde überragend.

Im Evangelium ist die Gnade nicht nur überströmend, sie herrscht. Wir, die wir geglaubt haben, sind unter die wohltuende Macht der Gnade gekommen. Diese Gnade herrscht durch Gerechtigkeit, insofern das Kreuz vorrangig ein Werk der Gerechtigkeit war. Und der herrliche Zweck und die Vollendung all dieser Dinge ist das ewige Leben. Hier beginnt sich vor uns der grenzenlose Ausblick in die Ewigkeit zu öffnen. Wir erblicken den Strom der Gnade. Wir sehen das Flußbett der Gerechtigkeit, ausgehauen durch das Werk am Kreuz, in dem sie fließt. Und schließlich sehen wir den grenzenlosen Ozean des ewigen Lebens, in den sie einmündet.

Und alles ist „durch Jesus Christus, unseren Herrn“. Alles ist durch ihn gewirkt worden. Er ist das Haupt, dem wir als Gläubige unterstehen, und folglich der Urquell, aus dem alle diese Segnungen für uns strömen. Daß sie uns zufallen, hat seinen Grund darin, daß wir in Seinem Leben sind. Unsere Rechtfertigung ist eine Rechtfertigung des Lebens, denn in Christus haben wir ein Leben, das jede Möglichkeit der Verdammnis ausschließt - ein Leben, in dem wir nicht nur von allen unseren Übertretungen gereinigt sind, sondern auch von dem sündigen Zustand, in dem wir uns früher, als mit Adam verbunden, befanden.

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