Betrachtung über den Brief an die Römer

Kapitel 1+2

Paulus beginnt den Brief mit einem Hinweis auf sein Amt. Er war Knecht Jesu Christi, berufener Apostel, abgesondert zum Evangelium Gottes. Das ist, sozusagen, sein Titel. Er diente dem Herrn, war dazu berufen und abgesondert, und zwar in ganz besonderer Weise. Er hatte nicht zu den Begleitern des Herrn auf der Erde gehört; er kannte Ihn nicht. Im Gegenteil war er der heftigste Feind des Namens Jesu auf der Erde gewesen. Er wollte diese neue Lehre (den Glauben an Jesum) aus der Mitte Israels ausrotten und alle ihre Anhänger strafen. Dazu wurde ihm aber vom Herrn, der sich ihm in Herrlichkeit offenbarte, der Weg versperrt, und nun wurde diese Herrlichkeit selbst der Ausgangspunkt seiner Tätigkeit. Sie war der glänzendste Beweis, daß das Werk der Versöhnung vollbracht war, da Der, Der für die Sünden gelitten hatte, Sich jetzt in der Herrlichkeit befand; und nicht allein das, sondern die verfolgten Christen wurden von dem Herrn anerkannt, nicht als Jünger, sondern als vereinigt mit Ihm, dem verherrlichten Menschen, dem Sohn Gottes im Himmel. So wurde Paulus in ganz besonderer Weise berufen. Aber er war auch in besonderer Weise abgesondert. Die Offenbarung des Herrn in Herrlichkeit sonderte ihn zunächst von dem Judentum ab; doch nicht, um jetzt zum Heidentum überzugehen, sondern er wurde, indem er den Christus in der göttlichen Herrlichkeit als Herrn anerkannte (Apg 26, 17), „herausgenommen aus dem Volke und den Nationen“, und er wurde von dem verherrlichten Menschen, dem Herrn der Herrlichkeit, in die Welt gesandt, um die vollbrachte Erlösung zu verkündigen und alle, die an Ihn glauben, von der Sünde zu befreien und die Juden vom Joch des Gesetzes. Daher kannte er von nun an niemanden mehr nach dem Fleische, selbst den Herrn Jesum nicht - d. h. nicht wie die fleischlichen Juden Ihn hier in der Welt haben wollten: als Sohn Davids - obgleich er völlig anerkannte, daß Er als solcher gekommen war und daß Er ein vollkommenes Anrecht auf diesen Titel hatte. Aber der Herr ist als Sohn Davids verworfen worden, und jetzt sollte alles lauter Gnade werden, sowohl für die Juden als auch für die Heiden, da die Juden jedes Anrecht an die Verheißungen verloren hatten durch die Verwerfung Dessen, in Dem sie ihre Erfüllung finden sollten. Sicher wird Gott Seine Verheißungen wahr machen, doch jetzt ist alles aus lauter Gnade, und zwar durch den Auferstandenen, den Paulus in Herrlichkeit gesehen hatte. Diesen Punkt finden wir in den späteren Kapiteln des Briefes klar auseinandergelegt.

Zum besseren Verständnis des Briefes mag es gut sein zu bemerken, daß Paulus, obgleich die Verherrlichung des Herrn Jesus der Ausgangspunkt und die Grundlage seines Dienstes war, doch in der Lehre dieses Briefes nicht weiter geht als bis zur Auferstehung des Herrn. Wohl ist die Stellung des Herrn in der Herrlichkeit vorausgesetzt, und in den wenigen Versen, in denen die Reihenfolge des Ratschlusses Gottes vorgestellt wird, fehlt auch die Herrlichkeit der Kinder Gottes nicht; es ist ein Teil dieses Ratschlusses, daß die Auserwählten dem Bilde Seines Sohnes gleichförmig sein sollen. Wenn der Apostel aber von der Grundlage des Heils spricht, wie man gerechtfertigt und errettet wird, so geht er nicht weiter als bis zur Auferstehung des Herrn. Denn das, was Christus für uns erworben hat, ist etwas anderes als die Antwort auf die Frage: wie kann ein Sünder von Gott angenommen werden, und wie tritt er ein in den Zustand eines Erben Gottes? Im Römerbrief haben wir eben diesen Zustand des Erben, als in Christo fähig gemacht, vor Gott zu stehen und mit Christo als Mensch zu erben, der Gerechtigkeit nach, als neuer, lebendiger, von Gott angenommener Mensch. Die Herrlichkeit und die Erbschaft selbst aber werden bloß kurz erwähnt. Sobald Christus als gestorbener Mensch auferstand, war der Mensch in einen ganz neuen Zustand gebracht: lebendig gemacht nach der Kraft des Geistes und der Auferstehung. Das Werk, durch das die Sünde beseitigt wurde, war vollbracht, unsere Sünden waren getragen und getilgt durch den Tod, Gott war da verherrlicht, wo die Sünde war; die Kraft dessen, der die Macht des Todes hatte, war, wie der Tod selbst, zunichte gemacht. Ein neuer, unsterblicher Mensch war vorhanden. Ich spreche hier nicht von der Person Christi, von dem, was Er Seiner Natur nach war, sondern von der neuen Stellung der Menschen, in welche sie durch die Auferstehung des Menschen Jesus Christus gebracht sind: von dem Menschen in seinem neuen Zustande nach den Ratschlüssen Gottes. Wir sehen darin den Beweis, daß das vollbrachte Werk Christi angenommen ist nach der Gerechtigkeit Gottes, sowie das Muster, wenn auch noch nicht der Herrlichkeit, so doch des Grundzustandes aller Gläubigen in Christo. Sie befinden sich, sozusagen, jenseits des Todes, der Kraft Satans, der Sünde, des Gerichts Gottes, weil Gott in Christo völlig verherrlicht worden ist; sie stehen in der Gunst Gottes nach der Gerechtigkeit. Das ist die Tragweite der Auferstehung Christi, als Grundlehre dieses Briefes, indem Sein Tod als Grundlage Seiner Auferstehung und dessen Wertes dargestellt wird: „Christus, der gestorben, ja noch mehr, der auch auferweckt ist“.

So wurde Paulus berufen und abgesondert von allen Menschen, um die frohe Botschaft Gottes, die Botschaft von diesem Werke Seiner Liebe zu verkündigen. Dieses Evangelium war schon in den Weissagungen der Propheten in den Heiligen Schriften verheißen worden. Jetzt aber war die Verkündigung keine Verheißung mehr. Wohl besitzen wir köstliche Verheißungen für den Weg, den wir durch diese Welt zu gehen haben; das Evangelium selbst aber ist keine Verheißung. Vielmehr ist es die Erfüllung der Verheißungen Gottes, soweit sie sich auf die Menschwerdung des Herrn, die Vollbringung Seines Werkes, Seine Auferstehung (1. Pet 1,11.12) und (obgleich dieser Gegenstand nicht im Römerbrief betrachtet wird) auf Seine Verherrlichung beziehen. Es ist hier zu beachten, daß die „Heiligen Schriften“ die Verheißungen Gottes sind, und die Propheten, durch die sie gegeben wurden, die Propheten Gottes.

Worin besteht nun diese frohe Botschaft? Sie bezieht sich auf den Sohn Gottes, auf Jesum Christum, unseren Herrn. Die Person Christi ist der Hauptgegenstand des Evangeliums; es verkündigt, daß Er in die Welt gekommen ist. Doch haben wir hier zweierlei. Erstens, die Verheißungen sind erfüllt, indem Er Sohn Davids ist dem Fleische nach; zweitens, Er wurde als Sohn Gottes in Kraft erwiesen dem Geiste der Heiligkeit nach durch Toten-Auferstehung. Das sind die zwei großen vollendeten Tatsachen, die für den Menschen den Wert des Kommens des Herrn in diese Welt ausmachen. Die Verheißungen sind erfüllt worden: der Sohn Davids war da. Die Juden wollten Ihn nicht annehmen und haben dadurch den Erfolg der Verheißungen verloren; die Verheißungen selbst aber sind erfüllt worden, insofern der Herr gekommen ist. Dann aber ist die Kraft Gottes geoffenbart worden, indem der Herr, nachdem Er Sich dem Tode unterworfen hatte, durch Auferstehung als Sohn Gottes erwiesen worden ist. Obwohl in Seiner Auferstehung der stärkste Beweis von der Kraft Gottes gegeben worden ist, sehen wir doch schon in der Auferstehung des Lazarus einen Beweis dieser göttlichen Kraft, sowie auch später in der Auferstehung aller Heiligen. „Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern um der Herrlichkeit Gottes willen, auf daß der Sohn Gottes durch sie verherrlicht werde“ (Joh 12,4). Er war und ist die Auferstehung und das Leben. Die Auferstehungskraft ist der Beweis, daß Er Sohn Gottes ist. Dies ist nicht eine Erfüllung der Verheißungen, sondern die Kraft Gottes, da, wo der Tod als Folge der Sünde eingetreten war.

Hinsichtlich des Ausdrucks „dem Geiste der Heiligkeit nach“ bemerke ich, daß der Heilige Geist sozusagen die wirkende Kraft ist in der Auferstehung, wie in allem, was von Gott erschaffen oder getan ist. So sagt Petrus in Bezug auf die Auferstehung des Herrn: „getötet nach dem Fleische, aber lebendig gemacht nach dem Geiste“ (1. Petr 3, 18); und von den Gläubigen wird gesagt: „Wenn aber der Geist dessen, der Jesum aus den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christum aus den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen wegen seines in euch wohnenden Geistes“ (Röm 8, 11). Warum aber heißt es: „dem Geiste der Heiligkeit nach“? Weil der Heilige Geist gleichsam die wirkende Kraft Gottes ist, um alles Ihm Wohlgefällige in der Menschheit hervorzubringen. Diese Kraft ist natürlich immer in Gott; durch sie hat Er die Welt erschaffen, durch sie hat er in den Werkzeugen des Alten Testaments und in den Propheten gewirkt. Jetzt aber war Er in der Menschheit (dem Leben) Christi und in der Hervorbringung der neuen Gestalt der Menschheit wirksam gewesen nach dieser göttlichen Kraft. Die Propheten redeten, was ihnen gegeben war, und damit war die göttliche Eingebung zu Ende; auch war das, was sie redeten, nicht für sie. Johannes der Täufer war erfüllt mit dem Heiligen Geiste von Mutterleibe an. Aber Christus war, Seiner Menschheit nach, vom Heiligen Geiste geboren; Sein Leben, obgleich in allen Stücken menschlich, war der Ausdruck der Kraft des Heiligen Geistes. Er trieb die Dämonen aus durch den Heiligen Geist, Seine Worte waren Geist und Leben. Die Fülle der Gottheit wohnte in Ihm leibhaftig. Seine Menschheit aber war der Ausdruck des Göttlichen durch den Heiligen Geist, in Liebe, in Kraft und besonders in Heiligkeit. Er war der Heilige Gottes. Durch den ewigen Geist hat Er Sich ohne Flecken Gott geopfert. In allem diente Er Seinem Vater; Sein Dienst aber war die vollkommene Darstellung des Göttlichen, des Vaters Selbst, inmitten der Menschen, und zwar indem Er, Seiner Menschheit nach, in jedem Augenblick, durch den Geist, der Gottheit entsprach und ihr Abglanz und Ausdruck war, ohne Fehler und ohne Makel. Alle Opfer im Alten Testament sind Vorbilder von Christo; aber in dieser Beziehung ist das Speisopfer das entsprechende, treffende Vorbild: ungesäuertes Semmelmehl, mit Öl vermengt, mit Öl gesalbt, in Stücke zerteilt und Öl darauf gegossen. Welch ein treffendes Vorbild von der Menschheit Christi, die ihrer Beschaffenheit nach vom Geiste und mit dem Geiste gesalbt war, von der jedes Stück charakterisiert war durch den ausgegossenen Geist und in welcher der ganze Weihrauch Seiner Gnaden Gott geopfert war, als ein duftender Wohlgeruch! So sollte Er durch das Feuer geprüft werden, im Tode, um zu beweisen, daß alles lieblicher Geruch war und nichts anderes. Endlich erwies sich die größte und vollendete Kraft des Heiligen Geistes in der Auferstehung des Herrn. Getötet nach dem Fleische, ist Er durch den Geist auferweckt worden. Der Geist, der in göttlicher Kraft in Seiner Geburt und in Seinem ganzen Leben wirksam war, durch den Er Sich am Ende Selbst Gott opferte, hat Seine ganze Kraft erwiesen im Lebendigmachen des gestorbenen Jesus. Wohl ist es wahr, daß Er auferstanden ist aus den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters; auch, daß Er Seinen Leib, den Tempel Gottes, Selbst aufgerichtet hat (Joh 2, 19); der Heilige Geist aber ist es, der unmittelbar wirksam gewesen ist in Seiner Auferstehung (1. Petr 3, 18). Auch der Leib des Auferstandenen ist ein geistiger Leib.

So war der Mensch durch die Auferstehung, in der Person Christi, in einen ganz neuen Zustand gebracht: jenseits des Todes, der Sünde, des Gerichts und der Kraft Satans, und so war Christus als Sohn Gottes erwiesen dem Geiste der Heiligkeit nach durch Auferstehung. Dieser Geist war die Kraft der Heiligkeit Sein Leben lang (denn „durch den ewigen Geist hat er sich selbst ohne Flecken Gott geopfert“), und diesem Geiste nach ist Er als Sohn Gottes erwiesen und durch Ihn Selbst auf Erden gerechtfertigt worden. Als alles vollbracht war für die Herrlichkeit Gottes durch einen Menschen, der Gottes Sohn war, und dieser als Mensch Seinen vollkommenen Gehorsam und Seine Liebe zu Seinem Vater an den Tag gelegt hatte, ist der Mensch nach dem Wert dieses vollbrachten Werkes und nach der lebendig machenden Kraft des Heiligen Geistes in eine ganz neue Stellung eingetreten, in der Person des Sohnes Gottes, so daß wir durch den Glauben angenommen und Söhne sind. Christus, der als Sohn Davids die Erfüllung der alten Verheißungen war, aber auf Erden verworfen wurde, trat, nachdem Er das Ihm vom Vater anvertraute Werk vollendet hatte, jenseits des Todes, den Er als die Frucht der Sünde erduldete, als Auferstandener in die Stellung des zweiten Menschen, des letzten Adam ein.

So finden wir hier in der Person Christi die zwei Hauptpunkte der Wege Gottes dargestellt: die Erfüllung der Verheißung (obgleich die Juden durch Seine Verwerfung jedes Anrecht daran verloren haben) und die Offenbarung des Sohnes Gottes, als solcher erwiesen nach der lebendig machenden Kraft des Heiligen Geistes in einem auferstandenen Menschen. Die Kraft Gottes ist also erwiesen, nicht in der Erfüllung einer Verheißung, sondern in dem gegenwärtigen Leben und der Stellung des zweiten Menschen, in Verbindung mit einer vollbrachten Erlösung. Hier aber ist die göttliche Macht des Lebens und die durch die Auferstehung hervorgebrachte neue Stellung besonders in Verbindung gebracht mit dem Verhältnis des in diese Stellung versetzten Menschen zu Gott, jedoch in der Person des Herrn Selbst, in Macht.

Wie köstlich ist der Gedanke, daß der ewige Sohn Gottes, Mensch geworden, diese neue Stellung, von der wir gesprochen haben, eingenommen hat, und zwar als Muster und Erstgeborener unter vielen Brüdern, die Ihm völlig gleich sein werden, nach der Lebenskraft des Heiligen Geistes und in der Herrlichkeit selbst! „Denn sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von einem; um welcher Ursache willen er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen“ (Hebr 2, 11). Von der Herrlichkeit ist hier wohl nicht die Rede, aber der Herr konnte nach Seiner Auferstehung, als alles vollbracht war, (vorher nicht) sagen: „Gehe aber hin zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20, 17).

Der Gegenstand des Evangeliums, wozu Paulus abgesondert war, ist also Jesus Christus, unser Herr, als Sohn Davids zur Erfüllung der Verheißungen, und als Sohn Gottes in Kraft erwiesen dem Geiste der Heiligkeit nach durch Totenauferstehung. Wohl redet der Apostel in diesem Brief von der Gerechtigkeit und setzt alles klar und völlig auseinander; der hauptsächliche Gegenstand aber, den er vor seinen Augen hat, ist die Person Christi Selbst und was Er ist, als Erfüllung der Verheißungen und als Gottes Sohn in Kraft und in Auferstehung, das, was der Heilige Geist darstellt als den Gegenstand Gottes selbst im Evangelium. Von Ihm, als dem schon Verherrlichten, hatte Paulus Gnade und Apostelamt empfangen, um einen jeden unter allen Nationen zum Glaubensgehorsam zu bringen in Seinem Namen. Unter diesen befanden sich auch die Römer. Er schreibt ihnen nicht als Versammlung, wie er es gewöhnlich tat, wenn er an eine von ihm gegründete Versammlung schrieb, sondern er richtet seinen Brief an alle Geliebten Gottes, berufenen Heiligen, die in Rom sind. Als Apostel der Nationen kann er allen schreiben mit der Autorität Christi.

Er wünscht in seinen Briefen immer Gnade und Friede von dem Vater und von dem Herrn Jesu Christo. Wir beachten diese Namen oft zu wenig. In dem einen finden wir Gott Selbst als Vater, gekannt als solcher in Gnade; in dem anderen den verherrlichten Menschen, den Sohn Gottes, Der eingesetzt ist (und zwar amtlich) in den Vorsitz des Hauses und Volkes Gottes. Mit dem einen stehen die Kinder in Verbindung, mit dem anderen die Diener.

Der Apostel hätte die Christen in Rom gern früher gesehen, war daran aber von Satan verhindert worden; denn das Werk des Herrn wird immer betrieben in Gegenwart des Feindes, der seinen Fortschritt zu hemmen sucht, sei es durch Verfolgungen, oder dadurch, daß er in den Versammlungen Übel erweckt, mit denen der Arbeiter sich beschäftigen muß, sei es durch Ketzereien, die die Zeit des Arbeiters in Anspruch nehmen, oder sei es durch allerlei andere Listen. Es ist wichtig für den Arbeiter, dies zu beachten; er lernt dadurch seine Abhängigkeit kennen und verstehen, daß die Kraft und Wirksamkeit des Herrn durchaus notwendig sind. Deshalb flehte Paulus allezeit in seinen Gebeten, indem er Gott dankte für den Glauben der Römer, von dem in der ganzen Welt gesprochen wurde, daß Gott ihm einen Weg zu ihnen öffnen möchte. Er verlangte, zu ihnen zu kommen, um ihnen zu ihrer Befestigung etwas geistliche Gabe mitzuteilen, zugleich aber nimmt er in Liebe seinen Platz unter ihnen, indem er sagt: „das ist aber, mit euch getröstet zu werden in eurer Mitte, ein jeder durch den Glauben, der in dem anderen ist, sowohl euren als meinen“. Er war Apostel und sollte in Liebe handeln; so ließ er sich denn als Apostel herab zu den Schwächsten, um sie zu dem göttlichen Vertrauen emporzuheben. Oft hatte er vorgehabt, zu ihnen zu kommen, um auch unter ihnen einige Frucht zu haben. Er war schuldig, die Gnade Gottes allen Nationen zu bringen; ebenso war er bereitwillig, so weit es von ihm abhing, auch denen, die in Rom waren, das Evangelium zu predigen. Wie oft ist er besorgt, sich passend auszudrücken! Griechen konnte er sie nicht nennen, Barbaren auch nicht wohl, denn das würde für die Bewohner des kaiserlichen Rom eine Beleidigung gewesen sein. So denkt er an alles, um allen nützlich zu sein.

Dies führt den Apostel zu der Lehre des Briefes. Er war bereit, denen in Rom zu predigen, weil er sich des Evangeliums nicht schämte, „denn“, sagt er, „es ist Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden“. Kraft der Menschen ist es nicht, dies erklärt er nachher noch deutlicher und ausführlicher, selbst nicht zur Erwerbung der menschlichen Gerechtigkeit. Es ist ein dem Menschen gebrocktes Heil, ein heiliges, ein gerechtes Heil, aber ein Heil von Gott, durch Gottes Kraft, und zwar deshalb, weil die Gerechtigkeit Gottes darin geoffenbart ist, im Gegensatz zu der menschlichen Gerechtigkeit. Es ist die Gerechtigkeit Gottes Selbst, deren wir teilhaftig werden durch den Glauben: Seine Gerechtigkeit auf dem Grundsatz des Glaubens. Alles ist da schon vollkommen, ehe wir noch daran glauben; wir bekommen durch den Glauben Teil daran. Diese Gerechtigkeit ist nicht durch Menschenwerke, nicht durch das Gesetz, denn sonst wäre sie nur für die Juden, weil diese allein das Gesetz hatten. Sie ist vielmehr gültig für alle Menschen, weil sie durch den Glauben ist, und so haben auch die Nationen, wenn sie glauben, Teil daran.

Es wird vielleicht von Nutzen sein, einige Worte über die Bedeutung des Ausdrucks: „Gerechtigkeit Gottes“ zu sagen. Obwohl er ganz einfach ist, herrscht doch über ihn viel Missverständnis. In der lutherischen Übersetzung ist stattdessen gesagt: „Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“. Nun ist aber die menschliche Gerechtigkeit nach dem Gesetz gültig vor Gott. Er findet eine solche zwar nirgends, aber sie „gilt“ vor Gott. Sie ist jedoch nicht die Gerechtigkeit Gottes, wenn sie auch noch so vollkommen wäre. In Joh 16,10 sehen wir, worin die Gerechtigkeit Gottes sich erwiesen hat, nämlich darin, daß Gott Christum zu Seiner Rechten gesetzt hat, in Seine eigene Herrlichkeit, weil Christus Ihn vollkommen verherrlicht hat. Darin besteht die Gerechtigkeit, daß der Vater den Menschen Christus in Seine eigene Herrlichkeit erhoben hat, in die Herrlichkeit, die Er bei Ihm hatte, ehe die Welt war. Und Gott, als gerechter Gott, hat Ihn verherrlicht, weil Er in Christo auf dem Kreuze verherrlicht worden ist (Joh 17, 5; 13, 31. 32 ). In der oben angeführten Stelle (Joh 16, 10) sagt der Herr: Der Geist wird „die Welt überführen von Gerechtigkeit, weil ich zu meinem Vater gehe und ihr mich nicht mehr sehet“. Die Welt hat Ihn, als gekommen in Gnade, für immer verloren, indem sie Ihn verworfen hat; aber Gott hat Ihn aufgenommen und verherrlicht. Wenn der Herr in Joh 17,25 von der Welt redet, so sagt Er: „Gerechter Vater“, in seiner Fürbitte für die Seinen (V. 11) dagegen: „Heiliger Vater“. So liegt also der Beweis von der Gerechtigkeit Gottes darin, daß Er Christum verherrlicht hat. Als Gott in Christo in der Welt war, musste die Welt Ihn annehmen oder verwerfen. Sie hat Ihn verworfen und ist dadurch gerichtet; sie wird Ihn auch nicht mehr sehen, bis Er kommt in Gericht. Christus aber hat als Mensch Gott vollkommen verherrlicht in allem, was Er ist, und Gott hat Ihn nach Seiner Gerechtigkeit verherrlicht. Das Evangelium nun verkündigt diese Gerechtigkeit Gottes, nämlich daß Christus in dem, was Er für uns getan hat, Gott verherrlicht hat und daher als Mensch verherrlicht ist und, mit göttlicher Herrlichkeit bekleidet, zur Rechten Gottes sitzt, und ferner, daß unsere Stellung vor Gott die Folge ist von dem, was Christus getan hat. Unsere Rechtfertigung und Verherrlichung ist ein Teil der Gerechtigkeit Gottes, weil das, was Christus getan hat, um Gott zu verherrlichen, für uns getan worden ist. Wir sind die Gerechtigkeit Gottes in Ihm (2. Kor 5, 21). Christus würde die Frucht Seines Werkes verlieren, wenn wir nicht bei Ihm in der Herrlichkeit sein würden, als die Frucht der Mühsal Seiner Seele, nachdem Er alles, was in Gott ist, verherrlicht hat, obwohl wir in uns selbst durchaus unwürdig sind.

Der Apostel erklärt dann, warum eine solche Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit Gottes Selbst, nötig war, wenn ein Mensch errettet werden sollte. Menschliche Gerechtigkeit war auf der Erde nicht zu finden, und doch war Gerechtigkeit nötig. Da es nun aber Gottes Gerechtigkeit ist, und zwar nicht durch unsere Werke, so muß sie uns durch den Glauben zugerechnet werden, auf dem Grundsatz des Glaubens; denn wenn die Werke des Menschen etwas dazu beitrügen, so wäre es nicht Gottes Gerechtigkeit. Wenn aber der Mensch durch den Glauben dieser Gerechtigkeit teilhaftig wird, so hatten die Gläubigen aus den Nationen ebenfalls Anteil daran, wie auch die Juden.

So sehen wir denn als zweiten Hauptgegenstand des Briefes, nachdem der erste, die Person Christi, in den Vordergrund gestellt ist, die Gerechtigkeit Gottes, dargestellt auf dem Grundsatz des Glaubens, so daß sie für alle ist und durch den Glauben angenommen und also der Seele zugeeignet wird. Was diese Gerechtigkeit nötig machte, ist die allgemeine Sündhaftigkeit des Menschen, indem der Zorn Gottes geoffenbart worden ist über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit in Ungerechtigkeit besitzen. Hinsichtlich der Heiden gibt der Apostel zwei Beweggründe des Zornes an: 1) das Zeugnis der Schöpfung (V. 19. 20) und 2) daß sie Gott nicht in Erkenntnis festhalten wollten, als sie Ihn kannten, sondern die Abgötterei vorzogen (V. 21-24). Die unsichtbaren Dinge von Ihm werden geschaut, nämlich Seine ewige Kraft und Göttlichkeit, von der Schöpfung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen, so daß das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist - also daß sie keine Entschuldigung haben. Das will nicht sagen, daß sie Gott Seiner Natur nach kennen, sondern daß sie Ihn als Schöpfer hätten kennen sollen. Wenn man nicht blind ist, sieht man einen Schöpfer in der Schöpfung.

Aber Gott hatte sich nicht allein als Schöpfer geoffenbart. Noah kannte Ihn nicht nur als solchen, sondern auch als einen Gott, mit Dem der Mensch als ein verantwortliches Wesen es zu tun hatte, als einen Gott, der die Welt für ihre Bosheit gerichtet hatte, der Acht gab auf das Tun der Menschen, und der die Ungerechtigkeit und Gewalttat nicht wollte. Beim Turmbau zu Babel hatten sie Ihn als einen Gott kennen gelernt, Der sie zerstreut hatte, weil sie in ihrer eigenen Weisheit unabhängig und in ihrer eigenen Kraft mächtig werden wollten. Als einen solchen Gott aber wollten die Heiden Ihn nicht in Erkenntnis haben oder Ihn anerkennen; sie machten sich selbst Götter, so wie der Mensch sie machen konnte: Götter, die ihre Leidenschaften begünstigten. Und statt den wahrhaftigen Gott zu verherrlichen oder Ihm dankbar zu sein, verfielen sie in die Finsternis ihrer eigenen Herzen; „indem sie sich für Weise ausgaben, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unverweslichen Gottes verwandelt in das Gleichnis eines Bildes von einem verweslichen Menschen und von Vögeln und vierfüßigen und kriechenden Tieren“. Und weil sie die Herrlichkeit Gottes nicht aufrechterhalten wollten, sondern sie nach ihren Gelüsten aufgaben, hat Gott sie diesen Gelüsten preisgegeben; Er hat sie dahingegeben zu schändlichen Leidenschaften, worin sie das, was der Ehrbarkeit der Menschheit geziemte, verlassen haben. Und nicht nur haben sie, erfüllt mit aller Gottlosigkeit und geleitet durch ihre Leidenschaften, selbst solches getan, sondern haben auch in kalter Bosheit ihr Wohlgefallen an denen gefunden, die es taten. Wohl gab es einige, die diese schändlichen Wege richteten (Kap. 2,1); sie taten aber dasselbe und deshalb verurteilten sie sich selbst und fielen dem gerechten Gericht Gottes anheim, indem sie auch den Reichtum Seiner Güte und Geduld verachteten und nicht wahrnahmen, daß diese Güte sie zur Buße leitete. Anstatt dieser Leitung zu folgen, häuften sie sich selbst mit störrigem und unbußfertigem Herzen Zorn auf am Tage des Zorns.

Der Apostel kommt jetzt zu einem wichtigen Grundsatz, der zwar einfach ist, aber ein helles Licht über die ganze Sache verbreitet: nachdem Gott jetzt geoffenbart ist, handelt Er nach dem Tun der Menschen. Am Tage des Gerichts wird Er jedem nach seinen Werken vergelten, sei er Jude oder Grieche; denn es ist kein Ansehen der Person bei Gott. Wohl hat Er, zur Prüfung des Menschen und zur Erhaltung der Wahrheit, daß nur ein Gott ist, sich ein Volk auserwählt und nahe an Sich gebracht; aber im Grunde gab es keinen Unterschied unter den Menschen. Alle waren ihrer Natur nach Sünder, und alle hatten gesündigt. Wir sehen auch, daß Gott Seinem Volke gegenüber, obgleich Er ihm ein Gesetz gegeben hatte, immer hinter dem Vorhang blieb, ohne Sich zu offenbaren. Jetzt aber ist der Vorhang zerrissen, und der Mensch, zuerst der Jude und dann der Grieche, muß vor Ihm offenbar werden, ein jeder nach dem, was er in seinem Wandel und was er in Wirklichkeit seinem moralischen Zustand gemäß ist; und hierbei kommt es nicht in Betracht, ob er seiner Stellung nach Jude oder Grieche ist. Gott berücksichtigt, Seiner Gerechtigkeit nach, nur das Licht, das einer besitzt. Wenn der Apostel von denen spricht, die Herrlichkeit und Ehre und Unverweslichkeit suchen, so setzt er dabei das Christentum voraus; denn die Kenntnis jener Dinge hängt von einer Offenbarung ab. Die also dies mit Ausharren in guten Werken suchen, denen wird Gott ewiges Leben vergelten, ohne einen Unterschied zwischen Juden und Griechen zu machen. Gott will die Wirklichkeit des göttlichen Lebens, nicht die Form einer Einrichtung. Die, welche der Wahrheit ungehorsam, der Ungerechtigkeit aber gehorsam sind, haben Grimm und Zorn zu erwarten. „Drangsal und Angst über jede Seele eines Menschen, der das Böse vollbringt, sowohl des Juden zuerst als auch des Griechen; Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden jedem, der das Gute wirkt, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen“. Alle werden gerichtet werden, ein jeder nach seinen Werken, ohne Ansehen der Person, jeder aber nach dem Licht, das er besessen hat. „So viele ohne Gesetz gesündigt haben, werden auch ohne Gesetz verloren gehen; und so viele unter Gesetz gesündigt haben, werden durch Gesetz gerichtet werden ... an dem Tage, da Gott das Verborgene der Menschen richten wird ... durch Jesum Christum“. Denn nicht die Hörer des Gesetzes, sondern die Täter des Gesetzes werden gerechtfertigt. Wenn einer aus den Nationen das tut, was das Gesetz fordert, so wird er angenommen und hat den Vorzug vor dem, der das Gesetz besitzt und es nicht beobachtet. Es handelt sich, wie gesagt, nachdem Gott geoffenbart ist, nicht mehr um äußere Verhältnisse, nach welchen die einen „nahe“, die anderen „ferne“ sind, sondern um das, was gerecht ist in den Augen Gottes. In Wirklichkeit tat einer aus den Nationen, der nach dem Geist wandelte in der Liebe, das was das Gesetz forderte; während der Jude, der das Gesetz hatte und in der Sünde wandelte, nicht von Gott angenommen werden konnte. Es handelt sich jetzt nicht mehr um äußere Verhältnisse zu Gott, um Seine Verwaltung der Welt und die Regierung Gottes auf der Erde, sondern um den Zustand der Seele vor Gott und um den Tag des Gerichts, wo das Verborgene des Herzens ans Licht gebracht und der Mensch nach seinen Werken gerichtet werden wird.

Nachdem der Apostel diese großen und wichtigen Grundsätze klar hingestellt hat, geht er dazu über, den wirklichen Zustand der Juden zu beschreiben, wie er dies im ersten Kapitel in Bezug auf die Nationen getan hat. Die Juden rühmten sich des Gesetzes und der Vorrechte, die sie besaßen; sie kannten den Willen Gottes und waren fähig, die Unwissenden zu belehren, ja sie rühmten sich sogar Gottes. Aber belehrten sie sich auch selbst? Im Gegenteil, sie taten alles, was sie andere mit Weisheit lehrten, nicht zu tun. Sie entehrten Gott, weil sie Seinen Namen trugen. Durch sie wurde der eine wahre Gott unter den Heiden gelästert, wie geschrieben stand. Sie besaßen Vorrechte; wenn aber das Gesetz, mit dem diese Vorrechte verbunden waren, gebrochen wurde, dann wurde ihre Beschneidung zur Vorhaut. Und die Nationen, wenn sie das Gesetz beobachteten, verurteilten die, welche, Buchstaben und Beschneidung besitzend, das Gesetz übertraten. Denn nicht der war ein wahrhaftiger Jude, der es äußerlich war, sondern der, dessen Herz beschnitten, der ein Jude war im Herzen und im Geiste, nicht im Buchstaben, dessen Lob nicht von Menschen, sondern von Gott ist.

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