Betrachtung über den Brief an die Römer

Einleitung

Im Brief an die Römer werden die Christen als auf der Erde wandelnde und lebende Menschen betrachtet, die jedoch das Leben Christi und den Heiligen Geist besitzen, so daß sie in Christo sind. Ihre Sünden sind vergeben; sie sind gerecht­fertigt durch das Werk Christi. Ihre Pflicht ist: ihre Leiber als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer dar­zustellen, indem sie verwandelt worden sind durch die Erneue­rung ihres Sinnes, daß sie prüfen mögen, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist (Röm. 12, 1. 2).

Der Brief beginnt mit der Verantwortlichkeit des Menschen, er beweist, daß alle schuldig sind durch das, was sie getan haben, und stellt dann den Erfolg des Todes Christi vor in der Ver­gebung der Sünden und der Rechtfertigung des Gläubigen. Hierauf betrachtet er den Zustand des Menschen, in dem er sich durch die Sünde Adams befindet, und zeigt, wie er von der Kraft der Sünde befreit wird.

Von dem Ratschluß Gottes ist in diesem Brief nicht die Rede, es sei denn in 3 oder 4 Versen (im achten Kapitel) und hier nur, um zu beweisen, daß das Werk Seiner Gnade unverän­derlich und, wenn es einmal zugeeignet ist durch die Berufung der Gnade, es fest und sicher ist, und daß es fortgesetzt wird bis zur Herrlichkeit. Das Werk Christi ist vollbracht, und die, welche an Ihn glauben, werden Seinem Bilde gleichförmig sein. So steht alles sicher. Wenn wir das Leben Christi haben, so daß wir mit Ihm leiden, dann werden wir auch mit verherr­licht werden. Weiter ist in diesem Brief nichts über den Rat­schluß Gottes enthalten. Wollen wir diesen kennen lernen, dann müssen wir uns zu dem Brief an die Epheser wenden, während uns der Brief an die Kolosser über das Leben eines im Glauben auferstandenen Menschen Aufschluss gibt. Im Brief an die Römer aber finden wir das Werk Gottes in Gnade zur Rechtfertigung der Gottlosen durch den Tod und die Auf­erstehung Christi, und ihre Annahme in Christo, indem die Gläubigen als in Ihm betrachtet werden.

Wie schon oben angedeutet ist, zerfällt die Lehre des Rö­merbriefes in zwei Teile. Der erste Teil bezieht sich auf die Sünden. Das Wegtun der Sünden und die Gnade Gottes, die sich darin entfaltet hat, bilden den Gegenstand der Betrach­tung bis zum Ende des elften Verses des fünften Kapitels. Von da ab bis zum Ende des achten Kapitels wird der zweite Teil behandelt, nämlich die Sünde im Fleisch, unser Zustand, in dem wir uns durch die Sünde Adams befinden, sowie unsere Befreiung von diesem Zustand, und der neue Zustand in Chri­sto. Als Anhang folgen dann drei Kapitel, um zu erklären, wie die Lehre von dem allgemeinen, sündhaften Zustand des Men­schen und von der allgemeinen Versöhnung mit Gott durch den Glauben in Einklang gebracht werden kann mit den be­sonderen Verheißungen, die den Juden gegeben sind. Den Schluss bilden Ermahnungen und die Wiederholung von ge­wissen wichtigen Grundsätzen. Die Auseinandersetzung der Lehre von der Versöhnung des Menschen mit Gott durch den Glauben im ersten Teil des Briefes wird eingeleitet durch eine Vorrede, in der das Evangelium auf die Person Christi ge­gründet und als die Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes dar­gestellt wird.

So sehen wir denn in diesem Brief, wie Gott uns mit voll­kommener Gnade entgegengekommen ist, als wir nach unserer menschlichen Verantwortlichkeit und nach der Gerechtigkeit Gottes ganz verloren waren; wie Er aus lauter Gnade uns Er­rettung und ewiges Leben bereitet hat, als wir von Ihm ent­fernt waren durch die Sünde, ja, als wir dem Fleische nach in Feindschaft gegen Ihn waren.

Bevor wir indessen zur näheren Betrachtung der Lehre des Briefes, der Ordnung und des Inhalts der verschiedenen Teile übergehen, müssen wir noch einige Worte über die Person des Apostels sagen. Er war nie in Rom gewesen, war aber, mit göttlicher Autorität bekleidet, Apostel aller Nationen. Daher konnte er an die Römer schreiben, obgleich er nicht das Mittel zu ihrer Bekehrung gewesen war. Einige kannte er wohl, da sich in Rom, als dem Mittelpunkt der Welt, Personen aus allen Ländern zusammenfanden. Dies aber gibt dem Brief einen ganz besonderen Charakter, verschieden von dem Charakter der meisten anderen Briefe. Es ist mehr ein Traktat, als ein von dem Apostel an eine von ihm selbst gegründete Ver­sammlung gerichteter Brief. Die persönlichen Verhältnisse feh­len darin, um der bestimmten Lehre Platz zu lassen. Am Ende des Briefes grüßt Paulus wohl viele Bekannte, und im Brief­anfang sucht er mit den Christen in Rom eine Herzensverbin­dung zu schließen; indessen ist sein Apostelamt vor allem die Grundlage seiner Mitteilungen an die Gläubigen in Rom. Kein Apostel hat die Versammlung in Rom gegründet. Paulus war noch nicht dort gewesen, und wenn Petrus später hingekom­men ist, um sein Leben aufzuopfern als Zeuge für den Herrn, so hatte er doch bis dahin mit Rom nichts zu tun gehabt, er war der Apostel der Beschneidung.

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